Botschafter des Heils in Christo 1859

Der Verfall der Kirche und der Ämter und die Anstrengungen zu ihrer Wiederherstellung

„Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad“ (Ps 119,105).

Wenn wir ermahnt sind, meine Brüder, alle Dinge zur Ehre Gottes und im Namen von Jesus Christus zu tun, so gilt dies vor allem in den Dingen Gottes. Und nichts gehört sich für einen Christen mehr, als das völlige Bewusstsein der Abhängigkeit von Gott, das treue Erforschen seines wohlgefälligen Willens und das demütige und kindliche Leben in seiner Gegenwart. Je mehr diese Gesinnung in seinem Herzen vorhanden ist, desto weniger wird er daran denken, nach eigenem Belieben voran zu gehen, am wenigsten, wenn es sich um die Dinge Gottes handelt, sondern wird in allem dem Wort Gottes völlig unterworfen sein, geleitet durch den Heiligen Geist.

Es ist gewiss zu jeder Zeit von großer Wichtigkeit, die Tage unserer Fremdlingsschaft auf dieser Erde in der Furcht Gottes und zur Verherrlichung seines Namens zu verbringen. Aber es würde noch weit trauriger erscheinen, wenn wir diese letzten Tage, wo die herrliche Ankunft unseres geliebten Herrn so nahe gerückt ist, mit nutzlosen Dingen vollenden würden.

Es ist nun zwar viel köstlicher und gesegneter, die reiche und überströmende Fülle in Christus Jesus zu betrachten, als sich mit dem vorliegenden Gegenstand zu beschäftigen, aber Umstände machen es oft nötig, auch von Dingen zu reden, die von einem geringeren Wert sind. Selbst das Wort Gottes, wie wir besonders in den Briefen an die Korinther sehen, beschäftigt sich damit, wenn der schwache Zustand der Christen es erfordert und damit auch dank seiner gnädigen Liebe und Gnade, durch welche wir auf diese Weise so unterschiedliche und gesegnete Belehrungen empfangen haben. Es ist aber nicht segensreich, wenn die Christen sich bei untergeordneten Dingen lange aufhalten, oder darüber streiten, und die wichtigeren vernachlässigen. Leider aber hat die Erfahrung oft gezeigt, dass die unwichtigsten Dinge den größten Streit und Zwiespalt in der Versammlung Gottes hervorgerufen haben, und es noch tun. Das einfachste und gesegnetste ist stets, jede fragliche Sache nach dem Wort Gottes im Licht des Heiligen Geistes zu untersuchen und danach zu urteilen und zu leben. Und wir werden auf diesem Weg umso eher und völliger zur Gewissheit und Klarheit in allem gelangen, je mehr wir bereit sind, jede Meinung, sei sie auch noch so alt, noch so allgemein und anerkannt, fahren zu lassen, wenn sie nicht im Wort selbst ihren Grund hat, wenn sie nicht aus dieser allein wahren Quelle geschöpft ist. Und nie wird Gott ein aufrichtiges und demütiges Herz, was seinen wohlgefälligen Willen zu erkennen sucht, in irgendeiner Sache in Ungewissheit und Unruhe lassen.

Indem ich nun zu der Betrachtung des oben erwähnten Gegenstandes selbst übergehe, bemerke ich noch, dass ich nicht daran denke, diesen nach allen Seiten hin gründlich erörtern zu können. Ich will nur versuchen, dasjenige hier nieder zu schreiben, was mich selbst zur Zeit, als der vorliegende Gegenstand allerlei Fragen in mir erweckte, völlig beruhigte, und jeder Leser möge diese Zeilen ruhig und ohne Vorurteil nach dem Wort Gottes prüfen. Der Geist Gottes aber wolle uns alle leiten, und ihn in jedem Wort und Wandel völlig sicher und gewiss machen.

Es handelt sich nun zunächst darum, dass wir gut verstehen, was die Kirche oder, was dasselbe sagen will, die Gemeinde oder Versammlung, ist. Wir finden sie in dem Wort Gottes unter einem doppelten Gesichtspunkt dargestellt: Die Kirche nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes, als den Leib Christi, und dann die Kirche auf der Erde unter Verantwortlichkeit und im Verfall.

Zunächst möchte ich einige Worte sagen über

I. Die Kirche nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes

Unter allen Briefen des Neuen Testaments ist es vorzugsweise der Brief an die Epheser, der uns so einfach und klar die Berufung, den Charakter, die Stellung und die Erwartung der Kirche oder Versammlung Gottes darstellt. Sie ist auserwählt vor Grundlegung der Welt, begnadigt in Christus Jesus, für immer sicher gestellt durch sein kostbares Blut, mit Ihm lebendig gemacht und mit auferweckt und in Ihm schon in die himmlischen Örter versetzt. Und so ist sie unzertrennlich eins mit Christus, ihrem verherrlichten Haupt im Himmel. Sie ist sein Leib, ein Teil von Ihm selbst. Dies Letztere tritt uns besonders in dem angeführten Brief in Epheser 5,22–33 entgegen. Wir sehen hier, welch einen gesegneten Platz die Kirche oder Versammlung in den Gedanken Gottes einnimmt, und welch ein unendlich kostbarer Gegenstand sie für die Liebe des Christus und für seine Sorgen ist. „Wie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph 5,25–27). Was für ein gesegnetes Vorrecht ist es, ihr anzugehören!

Weiter gebraucht der Apostel in diesem Abschnitt das Bild des Verhältnisses eines Mannes zu seiner geliebten Frau, um die ganze Innigkeit des Bandes zwischen Christus und seiner Versammlung auszudrücken. Wir sind Glieder seines Leibes, Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein. Für Ihn ist die Versammlung, was Eva für Adam war, der ein Vorbild des Zukünftigen ist (vgl. Röm 5,14). Sie genießt und besitzt mit Ihm alles, was Ihm vom Vater gegeben ist, und sie ist seine Fülle – „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,23). Sie ist nicht das Erbe, sondern die geliebte Miterbin Christi. Und wenn sie auch alle die anderen gesegneten Beziehungen in sich vereinigt, so können wir im Blick auf dieses Band mit Christus dennoch sagen: Sie ist mehr als Diener, mehr als Volk Gottes, ja selbst mehr als Kind, so teuer dies auch dem Herzen seines Vaters sein mag, denn es gibt nichts, was man inniger und fester mit sich verbunden denken könnte, als seine Frau und seinen Leib.

Christus hat sein Leben für die Versammlung hingegeben. Er hat sie mit seinem eigenen kostbaren Blut erkauft und jetzt nährt und pflegt Er sie und wird sie sich selbst verherrlicht darstellen, und zwar in derselben Herrlichkeit, wie Er selbst auferstanden und verherrlicht ist. Die Existenz der Versammlung ist auf die Tatsache gegründet, dass Christus sie geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat. Auf diesem unbeweglichen Grund ruhen ihre Erlösung, ihre Erhaltung und ihre Verherrlichung. Sie steht außerhalb der Gerichte, die die Ankunft des Herrn über diese Welt bringen wird und außerhalb der prophetischen Ereignisse, welche auf dieser Erde, die nicht ihr Wohnsitz ist, stattfinden werden. Der treue Überrest Israels wird nach vollendeten Gerichten seine Segnungen auf dieser Erde finden, aber die Stellung der Versammlung ist himmlisch. Sie ist mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus gesegnet (vgl. Eph 1,3). Sie erwartet den glückseligen Augenblick, wo der Herr sie abrufen wird, um sie zu sich in die himmlische Herrlichkeit aufzunehmen.

Dies ist die gesegnete Stellung der Versammlung, eine Stellung, die ihr allein angehört und die im Alten Testament nicht offenbart worden ist. Es waren wohl Gläubige dort, aber die Versammlung als solche bestand noch nicht. Christus selbst war der erste, der ihren Aufbau ankündigte: „Auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen“ (Mt 16,18). In Apostelgeschichte 2 sehen wir, dass diese Versammlung in Jerusalem gebildet wurde. Es wurden an einem Tag bei dreitausend Seelen hinzugetan, und der vom Himmel hernieder gekommene Heilige Geist vereinigte sie zu einem Leib. Sie waren an ein und demselben Ort, und bildeten eine Versammlung, zu welcher der Herr täglich hinzu tat, die gerettet werden sollten (Apg 2,47). Wenn sie auch in verschiedenen Häusern das Brot brachen, so waren sie in Wirklichkeit doch nur eine Versammlung, nur ein Leib, ein auf der Erde sichtbarer Leib, der von Gott anerkannt und von dem Heiligen Geist bewohnt wurde. Sie bestand zwar im Anfang nur aus Gläubigen aus den Juden, aber ihre Einheit wurde nicht unterbrochen, als auch Gläubige aus den Nationen hinzu getan wurden. Es entstanden zwar an verschiedenen Orten Versammlungen, aber diese waren innerlich und äußerlich vereinigt. An jedem Ort war auch nur eine Versammlung, die, in ihrer Vereinigung als Körper, die Einheit der ganzen Versammlung darstellte. Die Idee, dieser oder jener Kirche anzugehören, kannte man damals nicht und ist überhaupt Gottes Wort ganz und gar fremd. Jeder wahre Gläubige, der des Lebens in Christus teilhaftig geworden und mit dem Heiligen Geist versiegelt ist, gehörte zu dem Leib Christi, und nichts anderes ist die Versammlung nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes. Wer ein Glied dieses Leibes ist, ist auch an jedem Ort, wo dieser Leib dargestellt und vereinigt ist, ein Glied desselben. Jeder Christ gehörte ebenso völlig der Versammlung zu Korinth, als auch der zu Ephesus oder Thessalonich an. Die wiederholten Bezeichnungen der Personen, an welche die verschiedenen Briefe der Apostel gerichtet waren, beweisen schon deutlich deren Gleichheit an Charakter und Stellung. Es waren „die Geliebten Gottes“, „die berufenen Heiligen“, „die Geheiligten in Christus Jesus“, „die heiligen und treuen Brüder in Christus“. Die Vorrechte und Segnungen der einen waren die der anderen. Da war kein Unterschied. Es war nur ein Leib, der durch den einen Geist gebildet und in dieser Einheit auf der Erde dargestellt wurde. Der Geist Gottes wohnt sowohl in dem Einzelnen, als auch in allen wahren Gläubigen zusammen, als in seinem Tempel. Diese sind das Haus Gottes, „aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist“ (Eph 2,20). Statt des Tempels zu Jerusalem, in welchem der HERR wohnte, finden wir jetzt diese Vereinigung der Gläubigen in einem Leib, die Wohnung Gottes auf der Erde. Der Geist Gottes aber, obwohl Er einer ist, offenbart seine Gegenwart auf vielfache Weise, und zwar in dem einen Leib. Es sind die verschiedenen Gaben, die der eine Geist zum gemeinsamen Nutzen wirkt, und die Er einem jeden nach seinem Wohlgefallen austeilt. In der Ausübung dieser Gaben besteht die Tätigkeit eines jeden Gliedes des Leibes – tätig im Dienst des Herrn für den ganzen Leib. So nützlich und interessant dieser Gegenstand nun auch ist, so will ich doch hier nicht weiter darauf eingehen, weil es nur meine Absicht ist, einige Worte über die Versammlung nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes zu sagen, wonach sie ein Leib, der Leib Christi ist, eins mit ihrem verherrlichten Haupt im Himmel, gebildet und dargestellt auf der Erde durch den einen Geist, der in ihr wohnt und durch seine verschiedenen Gaben in ihr wirkt.

II. Die Kirche auf der Erde unter Verantwortlichkeit und im Verfall

Es ist durchaus nötig, die Kirche von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten, wenn man an ihre Wiederherstellung denkt. Und ach! Wir können, im Blick auf die Stellung der Kirche nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes, nichts Traurigeres sehen, als diese Kirche auf der Erde in ihrem Verfall. Unendlich weit ist sie von ihrem ersten Zustand abgewichen. Ihr himmlischer Charakter und ihre wahre Gestalt als Kirche sind beinahe völlig vernichtet und verloren. Sie hat nicht nur ihre erste Liebe verlassen, sondern sie ist auch auf eine schreckliche Weise untreu und abtrünnig geworden. Sie hat die Liebe dessen, der sein Leben für die Versammlung dahin gegeben, ganz und gar verachtet und von sich gestoßen. Sie hat ihren himmlischen Bräutigam verleugnet und verworfen, hat sich zur Welt gewandt und ist selbst zur Welt geworden. Vergebens suchen wir in dieser Kirche auf der Erde den einen Leib, welcher der Leib Christi und, sozusagen, sein zweites ich ist – die Versammlung nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes. Es ist wahr, wir finden Gläubige inmitten dieser verfallenen Kirche, die zu jeder Zeit zusammen den wahren Leib Christi auf der Erde ausmachen, aber leider sind auch diese größtenteils in Zertrennung und Verwirrung.

Je mehr wir den Abfall der Kirche in seiner wahren Größe erkennen, desto mehr werden wir auch das Gewicht der Frage in Bezug auf ihre Wiederherstellung fühlen. Es handelt sich dabei um nichts weniger, als um den traurigen Zustand der ganzen sogenannten Christenheit – um alles das, was den Namen Kirche trägt. Dies allein stellt die ganze Tragweite des Abfalls, wenn wir ihn zu übersehen vermochten, vor unsere Augen.

Die ganze Kirche auf der Erde besteht nur noch in einzelnen Parteien, die sich äußerlich durch besondere Benennungen voneinander unterscheiden. Wenn aber nun schon das Bestehen dieser Parteien an und für sich ein trauriger Beweis von dem Verfall der Kirche ist, wie viel mehr zeigt sich dieser in dem Zustand der meisten Parteien selbst?

Eine jede Partei, wenn sie auch nur aus wahren Gläubigen bestehen sollte, gibt schon durch ihre Existenz zu verstehen, dass sie den wahren Charakter der Versammlung wenig kennt, und auch, dass es ihr an der rechten Einsicht des Wortes, und oft sogar an der wirklichen Demut des Herzens fehlt. Alle eingeführten Ordnungen und Einrichtungen einer solchen Partei, um ihr das Gepräge der Kirche in ihrem Anfang aufzudrücken, zeigen deutlich, dass die persönliche Gegenwart und die Autorität des Heiligen Geistes in der Versammlung, so sehr auch beides noch zugestanden werden mag, doch tatsächlich keine wahre Würdigung finden.

In anderen Parteien, wo das wahre Leben oder die gesunde Lehre mehr oder weniger mangelt, – in Parteien, die sich äußerlich oft durch Ansehen, Macht und Größe auszeichnen, ist dieser Abfall noch viel offenbarer. Das Bild und der Charakter der wahren Kirche Christi sind in diesen fast ganz und gar verloren und die persönliche Gegenwart des Heiligen Geistes völlig bei Seite gesetzt. Man greift in dessen Rechte durch eigenmächtiges Verleihen von Ämtern, man teilt dieselben aus auf dem Weg menschlicher Einrichtungen und oft nach Gunst und äußerem Ansehen, ja, man hat selbst eine Menge Ämter gemacht, wovon in dem Wort Gottes nicht die geringste Spur zu finden ist. Noch mehr: es gibt kirchliche Parteien, wo Christus, wenn auch nicht immer in seiner Person, so doch in seinem Charakter als das alleinige Oberhaupt der Kirche, völlig verleugnet wird, indem man einem oder mehreren Menschen diesen Platz einräumt, – Parteien, wo Irrtum und Sünde, deren Größe und Vielfältigkeit nicht auszusprechen sind, jeden Damm durchbrochen und alles durchsäuert haben. Gewiss, es gibt nichts Traurigeres als den Verfall der Kirche, wenn wir ihn in seiner wahren Gestalt erkennen.

Schon zu der Zeit der Apostel war der Feind auf alle Weise beschäftigt, die Kirche von ihrem wahren und gesegneten Standpunkt zu entfernen. Paulus, der treue Diener und Apostel Jesu Christi schreibt an die Korinther: „Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen. Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus“ (2. Kor 11,2.3). In dieser Versammlung nahmen die Spaltungen oder Parteiungen schon ihren Anfang. Wir lesen in 1. Korinther 1,12: „Ich sage aber dies, dass jeder von euch sagt: Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber des Christus“. Und wenn wir die traurige Beschreibung der Apostel von dem zunehmenden Verderben in der Kirche in dem Brief des Judas, in 2. Petrus 2, in 1. Timotheus 4,1–3, in 2. Timotheus 3,1–7 usw. lesen, so sehen wir, zu welch einer schrecklichen Ausdehnung dieses Verderben in unseren Tagen schon gekommen ist.

Es könnte nun die Frage aufgeworfen werden, ob das Wort Gottes den Begriff Kirche soweit ausdehne, dass sie nicht nur die wahren Gläubigen, sondern auch die ganze sogenannte Christenheit umfasse. Ich antworte: Ja, wenn von der Kirche in ihrer Verantwortlichkeit auf der Erde, nicht aber, wenn von der Kirche, als dem wahren Leib Christi die Rede ist.

Die sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3 stellen die Kirche in ihrem Zustand dar, solange sie auf der Erde existiert. Wir sehen dort ihre Verantwortlichkeit, und Christus in ihrer Mitte – nicht als Haupt, sondern als Richter. Er erforscht, Er offenbart und Er richtet dort die Bösen und ihre Werke. Zugleich ist zu bemerken, dass die Gläubigen, obgleich sie zusammen immer die wahre Kirche, den Leib Christi ausmachen, doch nicht von der Kirche auf der Erde in ihrer Verantwortlichkeit – wenn auch verantwortlich unter der Gnade – ausgeschlossen sind. Wenn sie aber ausharren bis ans Ende, so ist für sie dieses Ende auf der Erde nicht das Gericht, wie für die Anderen, sondern die Entrückung vor diesem Gericht, wie wir klar und deutlich aus dem Sendschreiben an die Versammlung zu Philadelphia (Off 3,10) sehen. Der Name „Kirche oder Versammlung“ aber wird hier auf der Erde durch das Wort Gottes nicht allein den Gläubigen, als einen Körper betrachtet, beigelegt, sondern der ganzen Christenheit bis zum Gericht. So lesen wir z. B. in dem Sendschreiben an die Versammlung in Sardes: „Ich kenne deine Werke, dass du den Namen hast, dass du lebst, und du bist tot“ (Off 3,1). Hier kann doch unmöglich von der Kirche, als dem Leib Christi, die Rede sein, denn selbst das schwächste Glied an dem Leib Christi hat nicht nur den Namen, dass es lebt, sondern es besitzt das Leben wirklich. Weiter lesen wir in Vers 3: „Wenn du nun nicht wachst, so werde ich kommen wie ein Dieb“ (Off 3,3). In dem Brief an die Thessalonicher sehen wir aber ganz deutlich, dass diese Drohung nicht für die Versammlung, als Leib Christi betrachtet, sondern für die Welt ist: „Ihr aber, Brüder, ihr seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife; denn ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis“ (1. Thes 5,4.5). Diese werden mit der Ankunft des Herrn getröstet (vgl. 1. Thes 4,13–18), denn bei seinem Kommen werden sie Ihm entgegen rücken und für immer bei Ihm sein. Da ist keine Drohung, kein Grund zur Furcht, sondern nur Freude und Frohlocken. Jene aber, „Wenn sie sagen: Frieden und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie, wie die Geburtswehen über die Schwangere; und sie werden nicht entfliehen“ (1. Thes 5,3). Dies nun zeigt uns klar, in welchem Zustand die Versammlung in Sardes war, und was für eine Stellung sie auf der Erde eingenommen hatte.

Doch gehen wir weiter. In dem Sendschreiben an die Versammlung in Laodizea heißt es: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! So, weil du lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Mund“ (Off 3,15.16). Kann der Herr zu seiner Versammlung, welche sein Leib ist, sagen, dass Er sie aus seinem Mund ausspeien wolle? Kann Er sich selbst, seinen eigenen Leib, wegwerfen? – Wir lesen in diesem Sendschreiben weiter: „Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts – und du weißt nicht, dass du der Elende und Jämmerliche und arm und blind und nackt bist“ (Off 3,17). Kann Er von seiner Versammlung, die in Ihm alle Fülle Gottes besitzt, deren Licht und Leben Er selbst ist, und die Er mit der Gerechtigkeit Gottes bekleidet hat, sagen, dass sie arm, blind und bloß sei? Der Versammlung in Laodizea aber muss Er zurufen: „…, rate ich dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar wird; und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst“ (Off 3,18). – Es ist ganz augenscheinlich, dass hier nur von dem Zustand der Versammlung oder Kirche auf der Erde – von der sogenannten Christenheit – die Rede ist, die durch das Ausspeien aus seinem Mund ihre Existenz verliert, und nicht von der Kirche als dem Leib Christi, von den ausharrenden Gläubigen, deren Ende hier die glückselige Entrückung in die himmlische Herrlichkeit sein wird.

Noch aus einer anderen Stelle sehen wir ganz deutlich, dass die Heilige Schrift das Wort Kirche oder Versammlung, als auf der Erde betrachtet, so weit ausdehnt. Wenn wir die Briefe an Timotheus mit einiger Aufmerksamkeit lesen, so finden wir, dass schon zu jener Zeit das Böse in die Kirche sehr eingedrungen war und viele verunreinigt hatte. Und in dem zweiten Brief in 2. Timotheus 2,20 lesen wir: „In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre“. Es ist klar, dass der Apostel hier nicht von den Heiden spricht, die von Christus noch nichts gehört hatten, sondern von der Kirche in ihrer Stellung auf der Erde. Sie ist auf dieser Erde das große Haus mit den verschiedenen Gefäßen und sie behält, wie wir gesehen haben, ihren Namen bis zum Ende bei und wird auch im Gericht nicht nur als Welt, sondern nach einer viel höheren Verantwortlichkeit – nach ihrer Verantwortlichkeit als Kirche behandelt werden.

Jetzt wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf einige andere Fragen richten, und nach dem Wort Gottes untersuchen.

1. Lässt uns das Wort Gottes eine Wiederherstellung der Kirche in ihren ersten Zustand hoffen?

Diese Frage ist sehr wichtig. Aber, wenn sie auch bejahend beantwortet werden könnte, so würde sie doch nicht die Anmaßung des Menschen rechtfertigen, der durch seine eigenen Anstrengungen eine Wiederherstellung erwartet. Der Mensch kann einen gesegneten Zustand, wenn er darin verantwortlich ist, verlassen, aber nie aus eigener Kraft dahin zurückkehren. Er kann sündigen und untreu werden, aber nicht sich selbst heilen und sich selbst wiederherstellen. Wir lesen von traurigen Beispiele die Schrift sagt, von solche, sie das gute Gewissen von sich gestoßen, und, was den Glauben betrifft, Schiffbruch gelitten haben (vgl. 1. Tim 1,19). Die Menschen, von denen wir in 1. Timotheus 1,6; 4,1; 2. Timotheus 4,9; 2. Petrus 2,18–22 und an vielen anderen Stellen lesen, hatten ein christliches Bekenntnis. Wenn es eine Wiederherstellung der Kirche in ihren ersten Zustand geben würde, dann müssten alle abgewichenen Bekenner durch ein Werk Gottes zur Buße und Umkehr geführt werden. Aber das kann nicht das Werk von Menschen bewirken.

Lässt uns denn wirklich das Wort Gottes keine Wiederherstellung der Kirche in ihren ersten Zustand hoffen? Wir finden nicht eine einzige Stelle, die uns in dieser Beziehung irgendeine Hoffnung übrig ließe. Das Wort spricht zwar wiederholt von einem traurigen Verfall der Kirche, von einem Umsichgreifen des Verderbens, von einem zunehmenden Abfall bis zum Ende, aber nirgends von einer Wiederherstellung des ersten Zustands. In 2. Thessalonicher 2 belehrt uns der Apostel über den Fortschritt des Verderbens. Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit war schon wirksam, aber das Böse sollte zunehmen bis zum völligen Abfall und bis zum Offenbarwerden des Menschen der Sünde, des Sohnes des Verderbens. Was ist nun das Ende? Wir sehen es in demselben Kapitel, 2. Thessalonicher 2,8–12: keine Wiederherstellung, sondern das Gericht. Der Herr Jesus wird den Antichristen mit dem Hauch seines Mundes bei seiner Erscheinung verzehren, und alle, welche der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gefunden haben, werden gerichtet werden. Dasselbe finden wir in dem Brief des Judas, worin ebenfalls von dem schrecklichen Abfall die Rede ist, in Judas 14 und 15. Und ebenso sagt uns, wie schon bemerkt, der Herr in Offenbarung 3,14 und folgende ganz deutlich, dass die Kirche auf der Erde nach dem Aufleben von Philadelphia keine Wiederherstellung, sondern ein Ausspeien aus seinem Mund zu erwarten hat. Ihr Ende ist also das Gericht – dies und nichts anders offenbart uns in dieser Beziehung das Zeugnis der ganzen Heiligen Schrift.

Weiter finden wir, dass Gott nie einen Zustand, der verlassen ist, in derselben Weise wieder herstellt. Ich erinnere zunächst an den Zustand Adams im Paradies. Gott wird nie den Menschen in denselben zurückführen. Dieser findet als Sünder entweder das Gericht, oder, errettet und erneuert in Christus, einen weit köstlicheren und gesegneteren Zustand.

Ebenso Israel: durch die Sünde hat dieses Volk seinen ersten Zustand in dem auf dem Sinai errichteten Bund und unter dem Gesetz verlassen und ist in Folge dessen unter alle Nationen zerstreut worden. Gott aber wird seinen Verheißungen gemäß dieses Volk wiederherstellen, – doch nicht in dem Bund des Sinai, sondern in dem neuen Bund. In dem Bund, der auf bessere Verheißungen gegründet und dessen Mittler Jesus ist – auf dem Grund einer unumschränkten Gnade. Dieselbe Handlungsweise Gottes finden wir auch in dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (vgl. Mt 13,24–30.36–42) ausgedrückt, wo nach eingedrungenem Bösen von keiner Wiederherstellung, sondern nur vom Gericht die Rede ist. Ebenso in Römer 11, wo der Apostel den Nationen, die als ein wilder Ölbaum in den guten eingepfropft sind, sagt, dass sie, wenn sie nicht an der Güte Gottes blieben, abgehauen, nicht aber, dass sie wiederhergestellt würden.

Dieses alles zeigt uns ganz deutlich, dass für die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Kirche in ihren ersten Zustand in dem Wort Gottes kein Grund vorhanden ist. Würden aber auch die bisher gemachten traurigen Erfahrungen vor einem neuen Abfall bewahren, falls dieser Zustand wirklich wiederhergestellt wäre? Gewiss nicht, und deshalb hat Gott für die Seinen etwas Besseres aufbewahrt als die Erneuerung der Kirche auf der Erde: die Entrückung in die himmlische Herrlichkeit. Dort wird die wahre Kirche oder Versammlung für immer mit ihrem verherrlichten Haupt vereinigt sein und kein Abfall wird mehr stattfinden.

Wenn es nun aber nicht einmal in der Absicht Gottes liegt, die Kirche auf der Erde wiederherzustellen, ist es denn nicht eine umso größere Torheit und Anmaßung, wenn der Mensch daran denkt oder davon redet, und sogar Anstrengungen macht, um dieses zu tun? Die Predigt des Evangeliums soll sicher nicht, wie so viele meinen, zum Zweck haben, den ersten Zustand der Kirche wieder herzustellen, die Masse zu durchdringen, und ihr ein christliches Gepräge aufzudrücken – Ach! Solche Gedanken haben ihren Ursprung in dem menschlichen Herzen, aber nicht im Wort Gottes –, sondern durch die Predigt des Evangeliums sollen die Ungläubigen zum Glauben bewegt und so die wahre Kirche, der Leib Christi, deren Wohnstätte droben ist, gesammelt werden. Wenn Stellen der Heiligen Schrift, besonders aus dem Alten Testament auf eine Wiederherstellung der Kirche, auf einen zu erwartenden glücklichen Zustand derselben auf der Erde angewandt werden, so ist dies ein Beweis, dass der wahre Charakter der Kirche Christi und ihre Hoffnung, sowie auch der wahre Charakter des Volkes Israels und dessen Verheißungen nicht erkannt werden.

Doch kann ich hier nicht weiter auf diesen Gegenstand eingehen und wende mich deshalb zu einer anderen Frage.

2. Wie haben sich die wahren Gläubigen inmitten dieses Verfalls nach den wohlgefälligen Willen Gottes zu verhalten?

Ich denke bei dieser Frage weniger an das moralische Leben eines jeden Einzelnen, so wichtig dieser auch ist, sondern vielmehr an das gemeinschaftliche Verhalten als Glieder eines Leibes, inmitten des Verfalls der Kirche. Die treue Fürsorge Gottes aber hat uns auch hierüber nicht in Ungewissheit gelassen. Er belehrt uns in seinem Wort nicht nur über diesen traurigen Verfall, sondern auch über unser Verhalten in diesem. Seine Gnade und Liebe gegen die Seinen ist unwandelbar. Er kann diese nie vergessen, noch versäumen, wenn auch das Verderben auf der Erde noch so sehr um sich greift. Zu keiner Zeit stehen sie verwaist da, weil der Geist Gottes immer in und bei ihnen ist. Sind auch manche Segnungen auf der Erde durch den Verfall geschwächt und getrübt, so reicht Er doch den einzelnen Treuen immer Licht und Gnade genug dar, um gesegnet und in Frieden Ihm entgegen gehen zu können. Hat auch die Kirche auf der Erde ihre wahre Stellung verlassen und die Verheißung der geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern von sich gestoßen, so bleiben diese doch den einzelnen Gläubigen, den berufenen Heiligen und Geliebten Gottes unverkürzt. Dies tritt uns besonders deutlich in den schon erwähnten sieben Sendschreiben entgegen, wo uns, wie wir gesehen haben, die Versammlung nicht mehr als eins mit Christus, ihrem verherrlichten Haupt im Himmel, als sein Leib, vorgestellt wird, sondern als verantwortlich auf der Erde. Dessen ungeachtet bleiben dem, der überwindet, alle der wahren Versammlung, dem Leib Christi, verheißenen Segnungen ungeschwächt erhalten. Dieses finden wir am Ende eines jeden dieser Sendschreiben deutlich ausgedrückt. Lasst uns deshalb die Belehrungen, welche das Wort den Gläubigen über ihr Verhalten inmitten des Verfalls gibt, ein wenig näher ins Auge fassen.

Zuvor bemerke ich, dass es immer eine traurige Erscheinung ist, wenn Christen mit einer gewissen Bitterkeit oder Verachtung, oder einem richtenden Geist auf den Verfall – etwa auf die sogenannten Landeskirchen, oder auf andere Parteien – hinblicken. Dies verrät meist nur den traurigen Zustand des eigenen Herzens, und ist sicher nicht der Geist Christi. Der Herr vergoss Tränen über Jerusalem, weil es im Unglauben verharrte, und Daniel, der Prophet machte sich in seinen Gebeten (vgl. Dan 9) vor Gott eins mit den Sünden seines Volkes. Wir lesen auch in dieser Beziehung eine ernste und köstliche Ermahnung des Apostels in Titus 3,2–7. Für ein demütiges Herz wird die Erinnerung an den Verfall der Kirche stets etwas sein, wodurch es vor Gott betrübt und niedergebeugt wird. Der Geist Christi in uns wird auch in dieser Beziehung stets solche Gefühle in unseren Herzen erwecken, sodass wir uns im Bekenntnis vor Gott mit den Sünden der Kirche auf der Erde eins machen und uns demütigen wie Daniel. Eine solche Gesinnung bewahrt uns vor Überhebung, vor einem Zustand, in welchem Gott nicht mit uns sein und uns segnen kann.

Dann aber finden wir an vielen Stellen des Wortes Gottes die ernste Ermahnung, uns von dem Übel, von den unfruchtbaren Werken der Finsternis und von allen denen, die darin leben, zu trennen und fern zu halten. Wir lesen in Römer 16,17: „Ich ermahne euch aber, Brüder, auf die zu achten, die Zwiespalt und Ärgernis anrichten, entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und wendet euch von ihnen ab.“ Ferner in 1. Korinther 5,11: „Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen.“ Brüder aber wurden von ihnen alle diejenigen genannt, mit denen sie in kirchlicher Gemeinschaft waren.

Wir lesen weiter in 2. Korinther 6,14–15: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen?“ Wenn es sich bei dieser Ermahnung zur Absonderung auch zunächst nur um die Gläubigen inmitten der Heiden handelte, so bleiben doch die darin ausgesprochenen Grundsätze überall, wo Gläubige und Ungläubige, Gerechte und Ungerechte usw. sind, völlig gültig und anwendbar. Es war ja auch die dort in Vers 16 ausgesprochene Verheißung zunächst dem Volk Israel gegeben, aber der Apostel wendet sie hier auf die Kirche auf der Erde an.

Wir lesen ferner in 2. Thessalonicher 3,14: „Wenn aber jemand unserem Wort durch den Brief nicht gehorcht, den bezeichnet und habt keinen Umgang mit ihm, damit er beschämt werde.“

In 1. Timotheus 6,3–6 werden wir aufgefordert, uns von jedem zu trennen, dessen Lehre nicht nach der Gottseligkeit ist, und auch von allen, die aus der Gottseligkeit ein Mittel zum Gewinn machen. Ferner gehört hierher die schon erwähnte Stelle in 2. Timotheus 2,20–21: „In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn nun jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet.“ Wir sind also nur dann ein Gefäß zur Ehre, geheiligt und für den Hausherrn nützlich, wenn wir uns von den Gefäßen zur Unehre reinigen, d. h. trennen. In 2. Timotheus 3,1–5 redet der Apostel von dem Zustand der Menschen in den letzten Tagen und schließt mit folgenden Worten: „[…] Die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen; und von diesen wende dich weg.“ Und in dem Sendschreiben an die Versammlung in Sardes (Off 3,1–6) lobt der Herr die Einzelnen, welche ihre Kleider nicht besudelt hatten, und fügt hinzu, dass sie es wert seien, mit weißen Kleidern angetan zu werden (Off 3,4).

Diese und andere Stellen werden uns völlig überzeugen, dass eine Trennung von dem Bösen und von allen, die darin wandeln, ganz und gar nach dem wohlgefälligen Willen Gottes ist. Viele Gläubige aber, die den wahren Charakter der Heiligkeit Gottes und im Licht dieser Heiligkeit den wahren Charakter der Sünde wenig kennen, sind weder ganz entschieden für Gott, noch ganz entschieden gegen die Sünde. Sie trennen sich in mancher Beziehung von dem Bösen und bleiben mehr oder weniger in Gemeinschaft mit denen, die darin leben. Das Wort Gottes aber, wie wir aus den angeführten Stellen ersehen haben, macht einen solchen Unterschied nicht. Es fordert uns vielmehr entschieden auf, keine Gemeinschaft zu haben, weder mit dem Bösen, noch mit denen, die darin leben. Beides wird auch ganz deutlich in Epheser 5,6–11 ausgedrückt. Es ist selbstredend, dass diese Ermahnung „keine Gemeinschaft zu haben“, den notwendigen Verkehr in äußeren Dingen und Verhältnissen ausschließt. Es ist nun aber auch nicht zu leugnen, dass eine Trennung, wie sie uns das Wort Gottes vorschreibt, eine ernste Sache ist. Sie berührt oft die zartesten Familienbande, stellt bei manchem seine ganze Existenz in Frage, und vernichtet Ehre und Ansehen in dieser Welt. Und dennoch, wie gesegnet! Denn von da an nimmt der Christ seine wahre Stellung in dieser Welt ein. Er ist zwar auf dieser Erde ein Fremdling, aber er lebt im Glauben mit Gott als dessen Hausgenosse. Er wird aber dann auch verstehen, was Paulus im Gefängnis zu Rom mit vieler Freude bekannte: „Aber was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne“ (Phil 3,7.8). Und ebenso wird er die Wahrheit der trostreichen Verheißung, die der Herr in 2. Korinther 6,17.18 denen gibt, die sich von allem Bösen absondern, reichlich an sich bestätigt finden: „Und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige.“ – Doch wie unwürdig und undankbar ist das Verhalten eines Gläubigen, der aus Furcht vor dem Kreuz Christi, oder aus Mangel an Vertrauen zu Gott, oder aus Liebe zu der Ehre dieser Welt, oder aus Rücksicht gegen irgendeinen Menschen mit Dingen verbunden bleibt, welche das Wohlgefallen Gottes nicht haben und aus welchen das kostbare Blut Christi ihn erkauft hat, oder wenn er gar einen solchen Zustand aus dem Wort Gottes zu rechtfertigen sucht. Viele Gläubige denken und sprechen es, dem Befehl Gottes zuwider, offen aus, dass es weiser sei, mit irgendeiner in der Welt anerkannten Kirche verbunden zu bleiben, weil man dadurch einen freien Zugang zu diesen Christen behalte, die sich darin befänden. Sie sagen auch wohl zu ihrer Rechtfertigung, dass ja selbst Paulus allen alles geworden sei. Hierin aber liegt eine große Täuschung. Wenn ich selbst fleischlich bleibe, welch ein Segen kann ich für die sein, die fleischlich sind? Paulus hat nicht so getan. Seine Füße gingen nahe beim Herrn, getrennt von allem, was dem Herrn nicht wohlgefiel, aber sein Herz blieb weit an Liebe für alle, selbst für die Schwächsten. Wenn aber viele Christen in unseren Tagen ihr Bleiben in Systemen prüften, so würden sie bekennen müssen, dass es nicht die Liebe zu den Brüdern, sondern vielmehr Mangel an Liebe zu Gott und zu dem Kreuz Christi ist.

Welche weitere Unterweisung finden nun diejenigen in der Heiligen Schrift, die der von Gott gebotenen Trennung willig nachgekommen sind, um als solche dazustehen, die auf seinen Segen und Beistand sicher rechnen dürfen? – Es ist nicht zu leugnen, dass der Verfall der Kirche alles in Unordnung gebracht hat, aber die Gesinnung des Herrn gegen die Seinen, seine Liebe und seine Sorgen für sie, sind ungeschwächt geblieben, und sein Arm zum Segnen ist auch nie zu kurz. Und Er hat gesagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Diese köstliche Verheißung bleibt immer in Kraft, solange Gläubige auf der Erde sind. Und ist seine Gegenwart nicht genug, wenn wir versammelt sind? Wird sie uns nicht alles darreichen, was wir bedürfen? Kommen wir einfach als Gläubige in seinem Namen zusammen und vertrauen auf seine Gegenwart – gewiss, wir werden an keinem Segen Mangel haben. Eine Versammlung, die Ihn in ihrer Mitte hat, hat die Quelle aller Segnungen, die Fülle aller Freuden und aller Kraft. Wie gesegnet ist diese Verheißung für die Gläubigen aller Zeiten, und wie ausreichend, wenn der Abfall so viele andere Vorrechte hienieden getrübt und geschwächt hat! Doch auch wie betrübend, wenn Gläubige versammelt sind und auf andere Dinge ihr Vertrauen setzen und ihre Bewahrung, ihre Kraft und ihre Segnung von anderen Dingen abhängig machen! Auch der Apostel ermahnt in dieser Beziehung: „Indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist“ (Heb 10,25).

In Apostelgeschichte 2 ermahnt Petrus diejenigen, welchen seine Predigt ins Herz gedrungen war, unter anderem mit den Worten: „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“ (Apg 2,40). Was aber war nun das Verhalten derer, die sich von diesem Geschlecht, mit welchem sie bis dahin einen Körper bildeten, abgesondert hatten? Wir finden es gleich nachher: „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg 2,42). Diese vier Stücke bleiben stets das gesegnete Vorrecht der Gläubigen auf der Erde, bis der Herr kommt. Sie bedürfen zu jeder Zeit des Wortes zu ihrer Unterweisung, der Gemeinschaft zur gegenseitigen Bedienung, des Tisches des Herrn zu ihrer Ernährung und der Gebete zu ihrer Stärkung. Und diese Segnungen wird der Herr nie seiner geliebten Versammlung entziehen, und nie kann der Verfall der Kirche dieselben für die wahren Gläubigen aufheben, wohl aber können diese für sich selbst ihre gesegneten Vorrechte vernachlässigen oder gering schätzen, und deshalb in ihren Seelen ermatten oder gar verweltlichen.

Schließlich möchte ich noch an die ernste Ermahnung des Judas erinnern, welche dieser nach einer traurigen Schilderung des Abfalls mit so großem Ernst an die Gläubigen richtet: „Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, betend im Heiligen Geist, erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben“ (Jud 20.21).

Wir haben nun in diesen wenigen Stellen über zwei Dinge eine klare und bestimmte Unterweisung für die Gläubigen zu jeder Zeit bis zur Ankunft des Herrn. Zuerst sind wir ermahnt, uns von den Bösen und von ihren gottlosen Werken zu trennen, und dann uns im Namen des Herrn Jesus zu versammeln, und also verharren in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, in dem Brechen des Brotes und in den Gebeten. – O Dank der Gnade Gottes, die im Voraus an uns gedacht und inmitten des Abfalls so treu für uns gesorgt hat!

Es gibt aber auch viele unter den Gläubigen, welche sagen, dass die wahre Kirche eine unsichtbare sei – ein Ausdruck, welcher dem Wort Gottes ganz und gar fremd ist. Es ist aber höchst traurig, wenn sie diesen Titel „unsichtbare“ Kirche wirklich verdient. Gott hat sie nicht berufen, auf der Erde unsichtbar zu sein, sondern ihr Licht leuchten zu lassen und durch Wort und Wandel Zeugnis abzulegen von der Gnade und Liebe dessen, der sich selbst für sie hingegeben hat. Das Haupt war nicht unsichtbar auf der Erde, wie kann es denn der Leib sein, der dasselbe Leben in Ihm empfangen und worin derselbe Geist wohnt und wirkt? Es war aber auch die Kirche in ihrer ersten Liebe und Freude nicht unsichtbar auf der Erde, und ist sie es geworden, so hat sie ihren wahren Charakter verleugnet und sich verloren in der Welt, und das ist eine traurige Sache. Der Titel „unsichtbar“ ist also nichts weiter, als eine Bezeichnung für die Untreue der Kirche. Das entgegengesetzte Zeugnis aber gibt der Heilige Geist der Versammlung zu Rom (Röm 1,8) und der zu Thessalonich (1. Thes 1,7.8)

Andere Gläubige aber erkennen und beherzigen wohl, dass eine Trennung von dem Bösen und von allen denen, die darin leben, der ausdrückliche Befehl und wohlgefällige Wille Gottes sei, aber sie begnügen sich nicht damit, sich einfach als Christen im Namen des Herrn Jesus zu versammeln und von seiner Gegenwart allein alles zu erwarten. Ein solches Zusammenkommen erscheint ihnen zu einfach und zu locker. Sie wollen ein festeres Band, einen sichereren Boden, und glauben beides darin zu finden, dass sie Kirchen oder Gemeinden bilden, die sich unter einem besonderen Namen und Bekenntnis, und auf Grund gewisser Anordnungen versammeln und ihren gemeinschaftlichen Dienst ausüben. Wir aber haben auch in dieser Beziehung zu fragen:

3. Was sagt das Wort Gottes zu dem Errichten oder zu dem Bestehen von Kirchen oder Gemeinden, auf Grund eines besonderen Namens, Bekenntnisses und gewisser äußerer Anordnungen?

Es ist schon gesagt, dass die wahre Kirche, der Leib Christi, nur eine ist und sein kann. „Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in [uns] allen ist“ (Eph 4,4–6). „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden“ (1. Kor 12,13). Die Einheit der ganzen Kirche oder Versammlung aber wurde, wie ebenfalls schon bemerkt, durch die als Körper vereinigten Gläubigen eines Ortes verwirklicht. Es gab aber an jedem Ort, wo Gläubige waren, nur einen solcher Körper, nur eine Versammlung. Man war entweder „drinnen“ oder „draußen“ (1. Kor 5,12). Gehörte man nicht der Versammlung des Ortes an, in welchem man sich befand, so gehörte man überhaupt nicht der Versammlung d. i. dem Leib Christi an, denn überall ist ein und dieselbe Versammlung, und diese ist der Leib Christi. Lassen wir diese Einheit der Kirche außer Acht, so verlieren wir den wahren Charakter derselben. Wir erkennen sie nicht mehr nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes, als den Leib Christi, als die eine Versammlung, worin ein und derselbe Geist wohnt und wirkt! Wir haben dann die Kirche auf der Erde in ihrem Verfall.

Von diesem allein wahren Gesichtspunkt aus, dass nämlich die Kirche, der Leib Christi, nur eine ist und sein kann, werden alle Fragen, in Bezug auf die Kirche auf der Erde, und alle Bemühungen und Bestrebungen in derselben, eine richtige Beurteilung finden. Verlieren wir aber diesen Gesichtspunkt, so sind auch alle unsere Gedanken in dieser Beziehung auf einem unsicheren Boden, und leiten uns nach allen Seiten hin irre.

Es ist auch sehr beachtenswert, dass es der Feind war, der schon die Versammlung zu Korinth in Parteien aufzulösen suchte, dass ein jeglicher von ihnen sagte: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber des Christus.“ Und der Apostel fügt die ernste Frage hinzu: „Ist der Christus zerteilt?“ (1. Kor 1,12.13). – Sobald es dem Feind gelungen wäre, solche Parteien aufzurichten, sobald wäre auch die Einheit der Kirche, ihr wahrer Charakter, verloren und ihr Verfall vorhanden gewesen. Deshalb tadelt auch der Apostel jene Gläubigen auf das Entschiedenste, und nennt sie fleischlich. „Denn wenn einer sagt: Ich bin des Paulus; der andere aber: Ich des Apollos; seid ihr nicht menschlich?“ (1. Kor 3,4).

Ist es aber etwas anderes, wenn in unseren Tagen etliche Gläubige an einem Ort sich unter diesem oder jenem Namen oder Bekenntnis vereinigen, und sich auf diese Weise als eine besondere Gemeinde, zur Unterscheidung von den übrigen Gläubigen, hinstellen? Gewiss nicht. Sie tun, was die Korinther zu tun gedachten – sich durch Beilegung eines besonderen Namens von ihren Mitbrüdern abzusondern. Gott aber hat seine Gedanken in Betreff der Kirche nicht geändert, und der Heilige Geist kann jetzt nicht loben, was Er damals tadelte. Er kann hier nicht geistlich nennen, was er dort fleischlich nannte. Der Herr hatte, wie schon erwähnt, an jedem Ort nur eine Versammlung, zu welcher alle der dort befindlichen Gläubigen gehörten. Jetzt aber finden wir an einem Ort oft fünf bis zehn und noch mehr sogenannte Kirchen oder Gemeinden, worin die Gläubigen verteilt sind. Es genügt nicht mehr, ein einfacher Christ zu sein, dem Leib Christi anzugehören und aller Gnaden und Vorrechte in Christus Jesus teilhaftig geworden zu sein – nein, jede Parteikirche, klein oder groß, fordert noch etwas mehr, um in ihrer Mitte, falls sie Gläubige sind, die in Christus empfangenen Segnungen und Vorrechte zu genießen, und die Einheit des Leibs zu verwirklichen. Man muss einen besonderen Namen annehmen, einem besonderen Bekenntnis in allen Punkten beistimmen, und gewisse äußere Formen und Einrichtungen gutheißen und annehmen. Und sind wir in einer solchen Gemeinde, so sind wir kirchlich, d. h. gerade in dem, wodurch wir auf der Erde mit allen wahren Gliedern des Leibes Christi unsere Einheit ausdrücken und bekennen sollen, von vielen, ja von den meisten derselben getrennt. O, möchten doch die Gläubigen, welche vielleicht mit vielem Fleiß und Ernst bemüht sind, irgendeine solche Gemeinde oder Parteikirche – anders kann sie ja doch nicht genannt werden – aufzurichten, erkennen, dass ihre Anstrengungen das Wohlgefallen Gottes nicht haben, und deshalb auch mit seinem Segen nicht gekrönt werden können. Mag es auch im Anfang bei solchen Vereinigungen oft den Schein haben, als erkenne Gott das Werk an und fördere es, – es ist sicher nur Täuschung. Er kann nicht segnen, was Er fleischlich nennt. Er kann wohl die Unwissenheit seiner Kinder mit großer Langmut tragen, aber Er kann nicht fördern helfen, was Er tadelt. Er wird sicher die Seinen nie vergessen, selbst wenn sie sich in irgend einem System befinden, und sie werden sogar umso reichlicher von Ihm gesegnet sein, je mehr sie, wenn auch als eine Partei, von ihren Vorrechten als Gläubige Gebrauch machen, aber den Grund ihrer Vereinigung kann Er nicht anerkennen. Und gerade deshalb werden wir, wenn wir in Wahrheit Gott unterworfen sind, keinen Teil daran nehmen. Es wird jede Anstrengung, um eine besondere Kirche oder Gemeinde aufzurichten, für uns nichts anderes sein, als den Verfall zu fördern, und das Bleiben in einer solchen Kirche oder Gemeinde nichts anders, als den Verfall gut zu heißen.

Sind wir des Lebens Christi und des heiligen Geistes teilhaftig geworden, so sind wir ein Glied des Leibes Christi und haben an allen Gnaden und Vorrechten, die in Ihm sind, gleichen Anteil, und stehen zu jeder Segnung mit allen anderen Gliedern seines Leibes gleich nahe. Weder in Ephesus, noch in Philippi, noch zu Thessalonich, noch an irgend einem anderen Ort, bedurfte es etwas mehr, um mit den dort befindlichen Gläubigen alle Vorrechte und Segnungen in Christus Jesus gemeinschaftlich zu genießen, als einfach ein Glied Christi zu sein, nur der Böse musste entfernt werden (vgl. 1. Kor 5,13). Bin ich ein Glied am Leib Christi, so habe ich durch die Gnade einen freien Zugang zu der ganzen Fülle, zu jeder Segnung, die in Christus Jesus ist. Und finde ich eine Versammlung von Gläubigen, die mich auf diesem Grund, und auf diesem Grund allein nicht empfangen kann, um mit ihnen alle Vorrechte in Christus Jesus zu genießen, so sind sie eine Partei und sind fleischlich, und Gott will nicht, dass ich mich daran beteilige. Kommen z. B. an irgend einem Ort Christen zum Brotbrechen zusammen, und sie stellen an mich, der ich daran Teil zu nehmen wünsche, noch irgend eine andere Forderung als die, welche das Wort Gottes stellt, nämlich Christus anzugehören und als Christ zu leben, so ist der Tisch unter ihnen nicht der Tisch des Herrn, welcher das Vorrecht aller wahren Gläubigen ist, sondern der Tisch einer Partei, und Gott will nicht, dass ich einer Partei, sondern Christus allein, angehören soll.

Paulus schreibt an die Korinther: „Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein.“ – Warum? Etwa deshalb, weil es für sie besser und vor Gott wohlgefälliger war, in einzelnen Parteien Ihm zu dienen, wenn sie nicht mehr zusammen gehen konnten? Oder, wie man heutzutage sagt, damit durch die verschiedenen Parteien auch die verschiedenen Seiten der Wahrheit umso mehr ans Licht treten möchten? Gewiss nicht; der Apostel fügt hinzu: „Damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ (1. Kor 11,19). Und diese konnten doch nur dadurch als Bewährte offenbar werden, dass sie an diesen Parteiungen keinen Teil nahmen.

Der Herr gebe auch uns, meine Brüder, viel Gnade, damit wir in diesen letzten Tagen in jeder Beziehung, in Lauterkeit wandeln, und angesichts seiner nahen Ankunft, uns von allem trennen und fern halten, was vor Ihm nicht wohlgefällig ist. Auch lasst uns Vertrauen zu Ihm haben, und uns einfach als Gläubige in seinem Namen versammeln, so können wir seines Segens völlig gewiss sein, lasst uns gemeinschaftlich die von Ihm in Gnaden geschenkten Vorrechte mit Dank genießen und auf seine glückselige Ankunft harren.

Weiter bedürfen wir nichts, und durch ein solches Verhalten trennen wir uns von keinem Glied seines Leibes, was nichts anderes, als dieses sein will, und als solches sich mit allen Gliedern desselben Leibes im Namen Jesu zu versammeln und die von ihm geschenkten Vorrechte gemeinschaftlich zu genießen wünscht. Die Gläubigen haben nicht nötig, durch äußere Formen und Verbindungen eine Einheit unter sich zu schaffen, sondern nur die durch Christus erworbene und durch den Heiligen Geist vollendete Einheit anzuerkennen und auf dieser Erde zu verwirklichen. Diese allein wahre und gesegnete Einheit aber ist völlig verkannt und beiseite gesetzt, sobald wir sie in der Vereinigung unter einem besonderen Namen, Bekenntnis und gewissen Formen suchen.

Lasst uns jetzt unsere Aufmerksamkeit auf eine andere Frage richten:

4. Was finden wir im Wort Gottes über die Ämter in der Kirche und was soll unser Verhalten in dieser Beziehung sein?

Bei der Untersuchung dieser Frage ist es vor allen Dingen nötig, die Gegenwart und Autorität des Heiligen Geistes in der Kirche in Wahrheit anzuerkennen. Er, und Er allein, hat das Recht, jede Anordnung in derselben zu treffen, Diener oder Beamte darin anzustellen und jegliche Gabe nach seinem Wohlgefallen auszuteilen. Jeder Eingriff in dieses Recht von Seiten des Menschen ist Anmaßung, wenn es selbst von den begabtesten Christen geschehen würde. Nie können und dürfen wir nach eigener Meinung oder eigenem Gutdünken in der Kirche handeln, selbst nicht in den kleinsten Dingen. Uns geziemt nur völlige Unterwürfigkeit und Abhängigkeit in allem, und je mehr wahre Furcht Gottes in unseren Herzen ist, desto vorsichtiger werden wir auch in den Dingen Gottes handeln und sicher nicht zufrieden sein, wenn wir bei unserem Tun nur einen Schein von Rechtfertigung im Wort Gottes finden. Wir werden aber auch stets daran denken, dass wir Gott in allem verantwortlich sind, und werden das ganze Gewicht einer solchen Verantwortlichkeit fühlen. Diese Gesinnung möge uns nun auch bei Betrachtung der vorliegenden Frage leiten.

Im Anfang finden wir zweierlei Ämter in der Versammlung: Aufseher oder Älteste und Diakonen oder Diener. Wir wollen zunächst bei den Ersten stehen bleiben. Der Apostel schreibt an Timotheus: „Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk“ (1. Tim 3,1). Viele sind der Meinung, der Apostel lobe hier das Trachten nach einem Aufseherdienst, was aber in diesen Worten durchaus nicht liegt. Dieses Trachten kann aus einem ehrgeizigen, eigenliebigen und herrschsüchtigen Herzen hervorgehen, was besonders in unseren Tagen, wo die wahre Schönheit und der eigentliche Charakter dieses Werkes kaum noch gekannt sind, nicht selten der Fall sein wird, und das ist sicher nicht zu loben. Dieses Werk selbst aber, was jemand begehrt, bleibt immer ein schönes, und nur dieses lobt der Apostel hier. – In Apostelgeschichte 20,28 finden wir die Verantwortlichkeit dieses Dienstes – eine Verantwortlichkeit, die, wenn sie in ihrer wahren Größe gefühlt würde, sicher einem Jeden, der nach einem solchen Dienst trachtet, schwer aufs Herz fallen würde: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines Eigenen.“

Die Ältesten waren also die Aufseher in der Versammlung Gottes. Sie besaßen jedoch, wie wir aus 1. Timotheus 5,17 sehen, nicht immer Gaben. Wenn aber solche bei ihnen vorhanden waren, so waren sie, wie alle andere Diener und Gläubige, für dieselben verantwortlich und hatten sie in Ausübung zu bringen.

Jetzt lasst uns sehen, auf welchem Weg die Ältesten oder Aufseher zu diesem Amt oder Dienst bestellt wurden. Wir haben schon in der vorhin angeführten Stelle in Apostelgeschichte 20 vernommen, dass es der Heilige Geist selbst war, der sie in diesen Dienst einführte. Er bediente sich dazu, wie wir aus anderen Stellen des Wortes sehen, der Apostel und einiger, von den Aposteln dazu besonders autorisierten Diener der Kirche. Wir lesen in Apostelgeschichte 14,23 von Paulus und Barnabas: „Als sie ihnen aber in jeder Versammlung Älteste erwählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn an, an den sie geglaubt hatten.“ – Dann finden wir in den Briefen an Timotheus und Titus, dass diese beiden Diener der Versammlung von dem Apostel bevollmächtigt waren, Älteste oder Aufseher in den Versammlungen einzusetzen. Timotheus wurde zwar nicht direkt zu diesem Dienst aufgefordert. Er war eigentlich von dem Apostel in Ephesus zurückgelassen, um über die Lehre zu wachen, aber er wurde doch durch denselben mit den nötigen Eigenschaften eines Aufsehers bekannt gemacht. Titus aber wurde gerade zu dem Zweck in Kreta zurückgelassen, „um in jeder Stadt Älteste anzustellen“ (Tit 1,5). – Weiter finden wir über die Einsetzung von Ältesten nichts im Wort.

Wir sehen also, wie schon bemerkt, ganz deutlich, dass es ausschließlich Sache der Apostel und der von ihnen bevollmächtigten Abgeordneten war, Älteste oder Aufseher anzustellen. Nirgends aber finden wir im Wort Gottes, dass die Apostel mit irgendeiner Versammlung über diesen Gegenstand verhandelt haben. Die erwähnten Briefe an Timotheus und Titus, waren nur für diese beiden Diener und nicht für irgendeine Versammlung. Sie enthalten zwar für jeden Gläubigen viele ernste Ermahnungen und sehr köstliche und gesegnete Belehrungen, aber die Aufträge darin, die sie auf den besonderen Dienst des Timotheus oder des Titus beziehen, sind nur für diese und nicht für irgendeine Versammlung. Die Versammlungen sollten bedient werden, aber nicht den Dienst vollziehen. Wie unnatürlich ist es deshalb, wenn jetzt eine Versammlung von Christen, sogar ohne irgendwelchen Auftrag, sich in die Stellung des Timotheus oder des Titus versetzt, ihre eigene Dienerin wird und sie die jenen näher bezeichneten, passenden Eigenschaften eines Aufsehers, als für sie gegeben betrachtet, und auf diesem Grund sich selbst Älteste anstellt! Nicht einmal kann irgendein anderer Diener der Kirche sagen: „Was dem Timotheus und dem Titus aufgetragen ist, ist auch mir aufgetragen.“ Würde nicht ein Herr zu seinem Diener sagen, dass er ein anmaßender Mensch sei, wenn dieser jeden Auftrag, womit er irgendeinen anderen seiner Diener beehrt hätte, auch für sich in Anspruch nehmen wollte? Das ist einleuchtend. Sollte es sich aber nicht ebenso mit den Dienern Gottes verhalten? Wir werden aber auch immer finden, dass der einzelne Gläubige, wenn er aufrichtig ist, die Frage, ob er von Gott beauftragt sei, Älteste anzustellen, nie bejahen wird. Er verrichtet aber demnach diese Handlung in Gemeinschaft mit anderen, die einzeln ebenfalls bekennen werden, dass sie keinen Auftrag dazu haben. Wir aber sind Gott für alles, was wir tun, verantwortlich. Wird aber diese Verantwortlichkeit für den Einzelnen in dieser Sache aufhören, wenn er sie in Gemeinschaft mit mehreren ausübt? Darf er in Gemeinschaft mit anderen etwas ausführen, wozu Gott weder ihn noch jene beauftragt hat? Kann er etwas zur Ehre Gottes und im Namen Jesu tun, was Gott ihm zu tun nicht geboten hat? – Es mögen zwar viele denken, dass gerade eine Versammlung, weil deren Glieder sich durch persönlichen Umgang genau kennen, am meisten geeignet sei, die würdigsten Männer herauszufinden und als Älteste anzustellen, der Heilige Geist aber hat nicht so gedacht. Er übertrug diese Austeilung besonderen Dienern der Kirche. Diese allein waren mit jenem Dienst beauftragt, und sie wussten sicher, dass dieser Auftrag von Gott war und sie seinen Namen ehrten, wenn sie ihn würdig ausführten.

Beherzigen wir aber auch noch dieses: Der Herr kannte im Voraus den traurigen Verfall der Kirche auf der Erde, und hat uns in seiner treuen Fürsorge mit demselben, selbst bis zu seinem Ende hin, auf das genaueste bekannt gemacht. Darüber hinaus aber sind wir auch sicher überzeugt, dass Er die Seinen zu jeder Zeit völlig liebt und sie nie versäumen noch vergessen kann. – Würde Er nun, wenn es sein wohlgefälliger Wille gewesen wäre, dass nach dem Heimgang der Apostel und ihrer Abgeordneten die Versammlungen oder die Gläubigen sich selbst Älteste ernennen und einsetzen sollten, dieses nicht durch irgendein Wort in der Heiligen Schrift an sie kund gemacht haben? Ganz gewiss. Er hat aber nichts darüber gesagt, und deshalb werden auch wir, wenn anders unsere Herzen demütig und dem Herrn unterworfen sind, nichts darin tun. Wir dürfen nicht weiter gehen, als Er uns zu gehen erlaubt und anweist, ansonsten hören wir auf, abhängig und unterwürfig zu sein. Selbst wenn wir meinen, dass auf der einen Seite ein großer Verlust und auf der anderen ein großer Vorteil für uns läge – uns geziemt nur demütige Ergebung und völlige Unterwürfigkeit. Eins aber ist vollkommen sicher, und wohl uns, dass es so ist: Gott ist, wenn Er uns segnen will, an nichts gebunden, an keine Anordnung, an keine Person, auch nicht an irgendein Amt in der Versammlung. Er ist in seiner Gnade und Liebe gegen die seinen zu jeder Zeit völlig ungehindert und unumschränkt.

Der Aufseherdienst oder das Ältestenamt als solches, ist also jetzt in der Versammlung nicht mehr vorhanden, weil niemand von Gott autorisiert ist, dieses Amt zu besetzen oder auch wiederherzustellen. Und wenn man nachzuweisen sucht, dass nach der apostolischen Zeit immer Älteste in der Kirche oder Gemeinde vorhanden gewesen sind, so kann noch viel klarer nachgewiesen werden, dass der Abfall schon zu Lebzeiten der Apostel vorhanden war und bald nachher sehr um sich griff, und dass in den Versammlungen noch viel traurigere Dinge geschahen, als ohne göttliche Autorisation Älteste einzusetzen. Übrigens ist aber auch nur das Wort Gottes unsere Richtschnur in allen Dingen, und nicht die Geschichte der Kirche – diese traurige Geschichte ihres Verfalls.

Wenn nun in einem Ort durch Namen, Bekenntnis und andere Dinge unterschiedene Kirchen oder Gemeinden sind, welche sich selbst Älteste erwählt oder ernannt haben, welche unter diesen sollen wir als durch den Heiligen Geist eingesetzt, anerkennen? Keine, weil Gott keine anerkennt! Und Gott kann sie deshalb nicht als solche anerkennen, weil Er, wie schon erwähnt, niemand zu ihrer Einsetzung autorisiert hat. Dann haben wir, was ebenso beachtenswert ist, vorhin aus dem Wort Gottes deutlich gesehen, dass Gott sich zu keiner Parteikirche oder Gemeinde bekennt, sondern alle, welche daran Teil nehmen, tadelt und als Fleischliche bezeichnet. Deshalb kann Er sich auch zu nichts bekennen, was auf diesen Grund gebaut wird. Ferner sehen wir in der Heiligen Schrift, dass die durch den Geist Gottes eingesetzten Aufseher oder Älteste nie diesen Dienst für etliche, sondern für alle Christen eines Ortes hatten. Und alle die dort befindlichen Gläubigen waren ernstlich ermahnt, jene als solche auf eine würdige Weise anzuerkennen, und sie in Ehren zu halten. Wenn also irgendeine Kirche oder Gemeinde von ihren Ältesten behauptet, dass sie durch den Heiligen Geist in ihrem Amt seien, so erklärt sie dadurch, dass alle Christen jenes Ortes verpflichtet seien, diesen Ältesten zu gehorchen. Behauptet sie aber, dass diese Ältesten nur für ihre Gemeinde seien, so sind sie nicht durch den Heiligen Geist in ihrem Amt, und folglich hat sie dann auch niemand anzuerkennen, und ihnen unterwürfig zu sein. – Was sollte man denn jetzt tun, falls die Gläubigen zur Einsetzung von Ältesten beauftragt wären, wenn an einem Ort mehrere und oft sogar sehr verschiedene Gemeinden mit ihren Ältesten sind? Würde nicht ein Jeder von diesen glauben, völlig berechtigt zu sein, uns aufzufordern, in seine Partei einzutreten? Gott aber will, dass wir in keiner sein sollen.

Ich möchte hier nun noch einen anderen Grund nennen, worauf so viele Christen das Recht, selbst Älteste anzustellen, gründen. Sie sagen: „Wir haben alle das Bedürfnis gefühlt, bestimmte Älteste zu haben, damit die Unordentlichen in unserer Mitte zurechtgewiesen und alle Dinge unter uns treu besorgt würden. Dann aber auch haben wir uns bei dieser Angelegenheit nicht auf uns selbst verlassen, sondern haben uns gemeinschaftlich im Gebet zu Gott gewandt, der ja auch in der ersten Zeit die Versammlungen mit Ältesten bestellte, und erst danach haben wir gläubige Männer, die wir – vielleicht einstimmig – für die würdigsten unter uns hielten, zu diesem Amt gewählt und eingesetzt, oder ihnen öffentlich unsere Anerkennung kund gegeben.“ Solche Äußerungen mögen viele, sogar aufrichtige Seelen völlig beruhigen, aber diese Beruhigung ist nicht von Gott. Das Bedürfnis Älteste zu haben, kommt oft aus einem verwerflichen Grund hervor. Man sucht so gern der persönlichen und gemeinschaftlichen Verantwortlichkeit für den Zustand der Versammlung zu entgehen und sie in die Hände anderer zu legen, Gott aber entlässt uns nicht. – Es ist sicher wahr, dass Gott in der ersten Zeit den Versammlungen Älteste gegeben hat, aber ist Er nun deshalb stets an diesen Weg gebunden, wenn Er uns segnen will? Sind nicht solche Gebete um Älteste oft nur ein Beweis des Mangels an Vertrauen zu Gott? Weiter haben wir aus der Heiligen Schrift deutlich gesehen, dass Gott eine Versammlung als Partei nicht anerkennen kann und sie fleischlich nennt. Sollte Er nun aus Rücksicht gegen die gegenwärtige Unwissenheit seiner Kinder seinen Charakter verleugnen und seinem Wort zuwider einer solchen Parteigemeinde Älteste geben und sie dadurch auf diesem Grund anerkennen? – Der Apostel Johannes sagt: „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten, er uns hört“ (1. Joh 5,14). Aber können wir auch seiner Erhörung sicher sein, wenn wir nicht nach seinem Willen bitten, wie es in Betreff der vorliegenden Sache geschieht? Sicherlich nicht, und dennoch geht man darin voran, als sei man erhört und beruhigt sich, weil man ja gebetet hat.

Ich gebe nun zwar gern zu, dass manche dieser Gemeinden würdige Männer als Älteste unter sich angestellt haben, die für viele zum Segen sind, aber sie sind sicher nicht deshalb gesegnet, weil sie etwa von Gott in dieser Stellung, als vom heiligen Geist eingesetzt anerkannt werden, sondern Er segnet sie, weil sie treu sind und willig dienen, denn solche segnet Gott überall und zu jeder Zeit. Dieses Amt aber als solches ist vielmehr ein Hindernis für sie, weil gerade dadurch ihr Dienst auf eine gewisse Partei beschränkt ist, und weniger die übrigen Gläubigen erreichen kann.

Viele Christen sind auch der Meinung, es könne nur da eine feste Ordnung sein, wo man Älteste angestellt habe und wo diese fehlten, da würde sich bald alles in Unordnung auflösen. Es sind aber nur menschliche Gedanken, meine Brüder: der Herr ist gewiss nicht an ein Amt, oder irgendeinen Diener gebunden, um in seiner Versammlung die Ordnung aufrecht zu erhalten. Und gab es keine Unordnung, als der Heilige Geist Älteste angestellt hatte? Wir sehen es ja deutlich aus der Heiligen Schrift, dass selbst die Apostel, samt allen Ältesten und Dienern der Kirche, nicht fähig waren, die völlige Ordnung aufrecht zu erhalten. Das hochmütige und ungebrochene Herz unterwirft sich nicht, auch selbst nicht den von Gott verordneten und von allen Gläubigen anerkannten Dienern der Versammlung. Der demütige Christ aber unterwirft sich stets dem Wort der Ermahnung, woher es auch kommen möge.

Johannes sagt in seinem dritten Brief: „Ich schrieb etwas an die Versammlung, aber Diotrephes, der gern unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an“ (3. Joh 9). Er war ein Apostel Jesu Christi, aber bei diesem Diotrephes fand er dennoch keine Anerkennung und Aufnahme. In Korinth, wo der Apostel Paulus selbst ein Jahr und sechs Monate das Wort Gottes gelehrt hatte, finden wir bald nachher eine große Unordnung (vgl. 2. Kor 2,4). Beinahe in jedem Kapitel des ersten Briefes rügt der Apostel etwas anderes. Im ersten und dritten Kapitel redet er von den Spaltungen, im vierten von der Verleugnung ihrer Stellung als Fremdlinge in dieser Welt, im fünften von der schrecklichen Hurerei unter ihnen, im sechsten vom Rechten der Brüder, sogar vor ungläubigen Richtern, im achten und zehnten von der Teilnahme am Götzenopfer, im elften von der traurigen Unordnung beim Abendmahl und im vierzehnten von den verschiedenen Unordnungen beim Zusammenkommen zur Erbauung.

Dieser traurige Zustand der Versammlung hat etliche zu der Meinung gebracht, dass dort keine Ältesten gewesen seien, weil ja auch der Apostel sie mit keinem Wort erwähnte. Vorausgesetzt nun, dass diese Meinung gegründet sei, – warum stellt nun der Apostel, dem der Zustand jener Versammlung so sehr am Herzen lag, nicht sofort etliche Älteste an, wenn diese doch zur Herstellung der Ordnung von so großem Nutzen gewesen wären? Oder, wenn dort wirklich Älteste waren, – warum wendet sich der Apostel nicht vornehmlich an diese, wenn die Aufrechthaltung der Ordnung in ihren Händen lag? Sicher, viele Christen unserer Tage würden diese Unordnung entweder dem Mangel an Ältesten oder der Untreue derselben zugeschrieben haben. Der Apostel aber tut weder das Eine noch das Andere. Er wirkt durch das Wort auf das Gewissen eines jeden einzelnen, und sucht in allen das Gefühl der Verantwortlichkeit hervorzurufen. Wir aber schaden den Gläubigen nur, wenn wir unsere eigenen Gedanken von Ordnung unter den Christen aufrichten, indem wir dadurch jenes Gefühl der Verantwortlichkeit in ihnen schwächen. Es mögen uns vielleicht manche, wenn wir ihre Ordnungen nicht anerkennen und daran teilnehmen wollen, die Worte des Apostels zurufen: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung!“ aber sie würden sicher erschrecken, wenn sie erkennen würden, welch eine traurige Unordnung ihre vermeintliche Ordnung in den Augen Gottes ist.

Es sind nun weiter viele der Meinung, dass die Vollziehung der Taufe und die Bedienung beim Abendmahl oder Brotbrechen Sache der Ältesten sei. Im Wort Gottes aber finden wir nichts davon. Zunächst möchte ich hier in Betreff der Taufe bemerken, dass es in der Heiligen Schrift nicht den geringsten Grund hat, durch die Taufe in eine besondere Gemeinde oder Vereinigung von Christen aufgenommen zu werden, sondern die Taufe führt in die Kirche ein. Das Wort kennt keinen solchen Unterschied von Kirchen, wie ihn der Mensch macht. Es spricht nur, wie wir gesehen haben, von der Kirche nach den Gedanken und Ratschlüssen Gottes, und von der Kirche in ihrer Verantwortlichkeit auf der Erde, und macht nie solche besondere Abteilungen.

Dann finden wir, dass es zunächst die Apostel waren, welche im Auftrag des Herrn die Taufe vollzogen. Philippus aber, einer der sieben Männer, der nach Apostelgeschichte 6 zum äußeren Dienst der Kirche gewählt war, taufte auch (vgl. Apg 8). Weiter finden wir, dass Petrus einigen Brüdern, die mit ihm von Joppe nach Cäsarea gekommen waren, befahl, den Kornelius und sein Haus zu taufen (vgl. Apg 10,48). Nirgends aber lesen wir, dass die Ältesten mit dieser Verrichtung bevollmächtigt waren, oder dass es überhaupt einer Bevollmächtigung dazu bedurft hätte. Denn Paulus war, wie er selbst sagt, „nicht zu taufen gesandt, sondern das Evangelium zu verkündigen“, (1. Kor 1,17) und dennoch hatte er etliche getauft.

Ebenso ist es mit der Bedienung beim Abendmahl ober Brotbrechen. Wir lesen von den ersten Christen, dass sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen (Apg 2,46), aber es wird nichts von irgend einer Bedienung von Seiten der Apostel oder anderer beamteten Personen erwähnt, noch finden wir dieses in Apostelgeschichte 20,7, wo ebenfalls vom Brotbrechen die Rede ist. Viele machen sich auch eine sonderbare Idee vom Segnen beim Brotbrechen, und denken, dass dieses nur den anerkannten Dienern, – so genannten geweihten Personen – zustehe. Wir sehen aber aus 1. Korinther 14,16, dass dieses Segnen beim Brotbrechen nichts anders ist als Danksagung. Auch der Herr dankte, ehe Er das Brot brach (vgl. Mt 26,16). Würde beim Brotbrechen die Gegenwart der Ältesten zur Bedienung nötig sein, so müsste man auch behaupten, dass in den Städten, welche Titus mit Ältesten besetzen sollte, entweder keine Versammlungen waren, oder dass diese, falls sie vorhanden waren, solange den köstlichen Segen des Brotbrechens entbehren mussten, bis Älteste unter ihnen angestellt waren. Dann aber würde auch der Apostel, wenn die Bedienung und die damit verbundene Ordnung am Tisch des Herrn in den Händen der Ältesten lag, sich jedenfalls zunächst an diese gewandt haben, als er die Unordnung beim Abendmahl in Korinth so entschieden rügte. Es ist möglich, dass die Ältesten oder überhaupt die in der Versammlung anerkannten Personen beim Brotbrechen die Danksagung sprachen und das Brot darreichten, aber die Schrift gibt keine bestimmte Verordnung darüber.

Mancher könnte nun sagen: Wenn das Ältestenamt nicht mehr vorhanden ist, so steht für uns umsonst in der Schrift: „Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk“ (1. Tim 3,1). Keineswegs. Das Amt als solches ist freilich nicht mehr vorhanden und niemand ist von Gott autorisiert, es wieder herzustellen und mit diesem Titel Personen, wie im Anfang, öffentlich in dasselbe einzusetzen. Aber das Werk selbst, gerade das, was der Apostel lobt, kann in Betreff seiner gesegneten Vorrechte zu jeder Zeit von treuen Christen ohne amtliche Einsetzung gepflegt und ausgeübt werden. Und dies ist die Hauptsache. Gott wird nie den Dienst der freiwilligen Liebe für die Seinen gering schätzen oder verachten. Der Apostel schreibt den Hebräern: „Denn Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen und die Liebe, die ihr für seinen Namen bewiesen habt, da ihr den Heiligen gedient habt und dient“ (Heb 6,10). Der Heilige Geist lässt alle Gläubige durch die Apostel zu einem Dienst aufmuntern, womit sonst vornehmlich die Ältesten betraut waren. Wir lesen z. B. 1. Thessalonicher 5,14–15: „Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig zu allen. Seht zu, dass niemand Böses mit Bösem jemand vergelte, sondern strebt allezeit dem Guten nach, sowohl zueinander als auch zu allen.“ Ebenso Hebräer 10,24 und 25: „Und lasst uns aufeinander Acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das umso mehr, je mehr ihr den Tag näher kommen seht.“

Ähnliche Ermahnungen finden wir an vielen anderen Stellen des Wortes Gottes. Das Feld ist weit genug für alle, um zu arbeiten, und es fehlt nicht an Bedürfnissen unter den Heiligen, um seine Liebe an ihnen zu betätigen und mit den von Gott verliehenen Gaben zu dienen. Wir haben sicher nicht nötig, uns deshalb in den engen Raum einer Partei einzuschließen, wo das Herz so leicht verengt und kalt und gleichgültig gegen den Geliebten Gottes wird, die sich nicht in diesem Kreis befinden. Ach, meine Brüder! Lasst es uns wohl erkennen, dass es überhaupt einer großen und steten Gnade bedarf, um inmitten der Parteien aller Art in jeder Beziehung, nicht allein äußerlich, sondern auch innerlich, von allem Parteigeist bewahrt zu bleiben. Und wie so oft geschieht es, dass solche, die einer Partei angehören, in dem Wohlbehagen ihres selbsterbauten Häuschens die Mängel und Gebrechen des Hauses Gottes vergessen.

Mögen auch viele unseren Dienst in Liebe verachten und die uns von Gott verliehenen Gaben nicht anerkennen – es ist nur ein Schaden für sie, aber für uns handelt es sich nur um diese eine Frage, ob Gott uns anerkennt, ob wir in seinem Namen und zu seiner Ehre die von Ihm empfangenen Gaben treu anwenden. Unser Dienst gehört dem Herrn, und Ihm allein sind wir verantwortlich. Wie viele liebliche Zeugnisse finden wir aber auch im Wort Gottes von Heiligen, deren treue Dienste, ohne in ein öffentliches Amt gestellt zu sein, für die Versammlungen so gesegnet waren. Ich erinnere besonders an Römer 16, wo wir mit den Grüßen des Apostels an einzelne Personen so viele köstliche Zeugnisse für diese betreffend ihren Dienst verbunden finden. Ferner lesen wir in 1. Korinther 16,15–16: „Ich ermahne euch aber, Brüder: Ihr kennt das Haus des Stephanas, dass es der Erstling von Achaja ist und dass sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben – –dass auch ihr euch solchen unterordnet und jedem, der mitwirkt und arbeitet.“ Wer hatte diese zum Dienst für die Heiligen verordnet? Sie hatten es selbst getan. Wer erkannte sie an? Gott – und das war genug. Doch auch die Gläubigen werden durch den Apostel aufgefordert: „Solchem und jedem, der mitwirkt, und sich bemüht, untertan zu sein.“ Der treue Dienst im Namen Jesu ist unsere wahre Legitimation an alle Gläubige, und Gott belohnt unsere Treue und nicht unsere Anerkennung und Anstellung durch Menschen. Es sind aber verlorene Stunden, meine Brüder, und vergebliche Anstrengungen, die wir der Aufrichtung einer Partei widmen, weil das Wohlgefallen Gottes nicht damit verbunden ist, und wir deshalb sein Zeugnis nicht erlangen können. Und wie oft finden wir auch, dass das Herz eines Gläubigen, wenn es mit Parteizwecken erfüllt ist, mit Sorge und Unruhe einhergeht, wenn diese Zwecke vereitelt werden, oder gar über Brüder lieblos richtet, wenn diese aus Furcht Gottes kein Teil daran nehmen.

Jetzt möchte ich in Betreff der vorliegenden Frage über die Ältesten nur noch eine Bemerkung machen.

Unter den Christen aus den Heiden finden wir ganz deutlich, dass die Ältesten von den Aposteln oder ihren Bevollmächtigten erwählt und in den Versammlungen angestellt wurden. Diese waren also mit einem bestimmten Amt betraut. Man findet aber keine Spur von einer Anstellung der Ältesten auf diese bestimmte Weise unter den Christen aus den Juden. Wenn wir z. B. die Ermahnung in 1. Petrus 5,5 lesen: „Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Älteren1 unter“, so geht daraus deutlich hervor, dass die hier erwähnten Ältesten solche Personen in den Versammlungen waren, die sich etwa durch Alter, oder durch Erfahrung, oder Einsicht, oder ein ernstes und festes Verhalten auszeichneten. Wir wissen, dass alle Gläubige einer Versammlung ihren Ältesten untertan sein sollten, und diese alle wurden in der hier erwähnten Ermahnung, jenen gegenüber, denen sie untertan sein sollten, als die Jüngeren bezeichnet, wodurch also die Stellung jener charakterisiert wird. Durch den Namen „Älteste“ wird demnach hier weniger ein bestimmtes Amt ausgedrückt, sondern vielmehr der Gegensatz zu den Jüngeren, wie wir ja auch unter den Juden die Klasse oder den Stand der Ältesten oft erwähnt finden. In diesem Sinn waren auch Johannes und Petrus Älteste, welchen Namen sie sich selbst beilegten. Und in derselben Weise finden wir auch in dem Brief des Jakobus die Ältesten erwähnt: „Ist jemand krank unter euch? Er rufe die Ältesten der Versammlung zu sich […] Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen“ (Jak 5,14–15). Dieses Gebet des Glaubens zur Rettung aber ist sicher nicht an das Amt eines Ältesten gebunden.

Soweit über die Frage betreffs des Aufseherdienstes oder des Ältestenamtes.

Jetzt will ich noch einige Worte über das zweite öffentliche Amt oder Dienst in der Kirche hinzufügen: über die Diener oder Diakonen. Wir finden von diesen nicht viel in der Heiligen Schrift erwähnt. Die Diakonen bedienten die Versammlungen und hatten als angestellte Diener derselben, besonders deren äußere Bedürfnisse und Angelegenheiten zu besorgen.

Es gab auch Dienerinnen mit demselben Titel (vgl. Röm 16,1). Zuerst ist von diesem Dienst in Apostelgeschichte 6 die Rede. Hier wurden auf Befehl der Apostel, welche es nicht länger für gut fanden, selbst die Tische zu bedienen, von der Menge der Gläubigen sechs Männer erwählt, und von den Aposteln zu dieser Sache angestellt. Wenn diese hier auch nicht Diakone genannt werden, so verrichteten sie doch den Dienst derselben. Dann finden wir, dass der Apostel, wie er es vorher im Betreff der Ältesten getan, so auch hier den Timotheus über die nötigen Eigenschaften eines Diakonen oder Dieners unterrichtet, und ihm zugleich bemerkt, dass er einen solchen erst nach vorhergegangener Prüfung dienen lassen sollte. Hatten die Diakonen Gaben, so hatten sie dieselben zur Ehre des Herrn in Ausübung zu bringen, und das finden wir besonders bei Stephanus und Philippus verwirklicht, und wir sehen auch, wie sehr sich der Herr dazu bekannte (vgl. Apg 7,8). Der Apostel bezeugt auch, dass das Amt der Diakonen, falls es mit treuer Sorgfalt verwaltet wurde, mit vielem Segen gekrönt werde: „denn die, die wohl gedient haben, erwerben sich eine schöne Stufe und viel Freimütigkeit im Glauben, der in Christus Jesus ist“ (1. Tim 3,13).

Wir sehen nun aber, dass die Anstellung der Diakonen, ebenso wie die der Ältesten, durch die Apostel ober deren Abgeordneten geschah. Wenn auch nach Apostelgeschichte 6 einmal durch die Versammlung diese Diener erwählt wurden, so geschah es doch nur auf ausdrücklichen Befehl der Apostel, welche auch selbst jene Erwählten einsetzten. Jetzt aber sind weder die Apostel noch sonst von Gott bevollmächtigte Personen zur Bestellung dieses Dienstes vorhanden, und deshalb müssen wir bekennen, dass auch dieses Amt als solches in der Kirche aufgehört hat. Doch das Dienen in der Versammlung hat kein Ende, und je treuer und eifriger wir den Heiligen in Liebe dienen, desto gesegneter wird es für sie und uns sein.

Endlich wollen wir noch Einiges über die Frage hinzufügen:

5. Was sagt das Wort Gottes über die Gaben?

Dieser Gegenstand ist in einer anderen Schrift sehr einfach und klar dargestellt worden, und ich will deshalb hier nur einiges aus dieser wörtlich wiedergeben.

„Man kann die Gaben entweder als Gaben Christi oder als die Einwirkung des Heiligen Geistes, gegenwärtig auf der Erde, betrachten. Die Heilige Schrift tut beides. In Epheser 4 spricht sie von den Gaben Christi. In 1. Korinther 14 spricht sie von der Einheit des Leibes und von den Gaben als die Wirkung des Geistes in den verschiedenen Gliedern. Jedenfalls sind die Gaben in Verbindung mit der Einheit des Leibes, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man das 4. Kapitel des Epheserbriefes liest. Ehe wir weiter gehen, lasst uns bemerken, dass die Gaben zweierlei sind. Die Gaben, welche zur Erweckung der Seelen und zur Versammlung der Kirche dienen, und diejenigen, welche Zeichen vor der Welt sind, Zeichen der Gegenwart Gottes in der Person des Geistes in der Kirche. Der Epheserbrief spricht nur von den ersten, der Korintherbrief von beiden. Diesen Unterschied macht das Wort Gottes selbst, wo es uns sagt, dass die Sprachen Zeichen für die Ungläubigen, die Weissagung aber den Gläubigen sind (vgl. 1. Kor 14,22). Dieser Unterschied ist wichtig, indem es nicht möglich ist, dass etwas von dem fehle, was zur Bekehrung der Seelen und zur Erbauung der Kirche nötig ist, und indem es ganz begreiflich ist, dass Gott dasjenige, was eine Zierde der Kirche und ein Zeugnis ihrer Genehmigung ist, zurückzieht, wenn die Kirche untreu ist und Gott nicht verehrt, sondern den Geist betrübt. Zu gleicher Zeit blieb nach der Weisheit Gottes dieses äußerliche Zeugnis solange in der Kirche wie es nötig war, um die Verkündigung der christlichen Wahrheiten zu befestigen.

Alle Gaben kommen unmittelbar von Christus dem Haupt herab, und haben ihr Dasein in den Gläubigen durch die Einwirkung des heiligen Geistes. Diese zwei wichtigen Wahrheiten sind ganz klar und deutlich vorgestellt. Ihren Grund und ihre Entwicklung finden wir auseinandergesetzt in Epheser 4 und 1. Korinther 12. Epheser 4 spricht ausschließlich von den Gaben, welche zur Versammlung und Erbauung der Kirche dienen. Christus ist in die Höhe hinaufgestiegen und hat für die Menschen Gaben empfangen. Diese, durch das Erlösungswerk Christi, vollkommen von der Macht Satans, befreit und Gefäße der Gnade und der Kraft geworden, welche von Christus, dem Haupt, herausfließt, werden durch die Gaben, die ihnen mitgeteilt sind, die Werkzeuge eines abwesenden Christus. Durch die Apostel und Propheten hat der Herr die Fundamente gelegt. Sie sind, sagt der Apostel Paulus in Epheser 2,20, die Grundlage, indem Jesus Christus selbst der Eckstein ist. Es bleiben noch Evangelisten, Hirten und Lehrer, und solange wie Christus die Kirche liebt und die einzige Quelle der Gnade ist, solange Er die Glieder seines eigenen Leibes ernähren will, solange werden diese Gaben für die Erbauung der Kirche bleiben. Weil sie durch die Gegenwart und die Kraft des Heiligen Geistes wirksam, die Christen aber leider oft untreu sind und seine Ermahnungen vernachlässigen, so ist die Entwicklung der Gaben und ihre öffentliche Wirksamkeit unklar und ihre Tätigkeit gehemmt, welches auch überhaupt wahr ist, sowohl in Bezug auf das christliche Leben, als auch auf den praktischen Zustand der Kirche. Es ist aber nichts desto weniger wahr, dass Christus seinen Leib stets und unfehlbar versorgt. Darauf können wir immer rechnen, obgleich wir in Einzelheiten durch unsere eigene Untreue gedemütigt werden können. Auch hat der Herr uns gesagt, dass die Ernte groß ist und der Arbeiter wenige sind und dass wir den Herrn der Ernte um die Sendung der Arbeiter in seine Ernte bitten sollen.

Jeder, der eine Gabe empfangen hat, ist dadurch Diener dessen geworden, der sie ihm mitgeteilt hat. Jedenfalls sind wir Diener des Christus, des einzigen Herrn unserer Seelen. Aber insbesondere ist jeder Christ sein Diener bezüglich der Gabe, die Er ihm mitgeteilt hat. Und weil Er sie ihm mitgeteilt hat, ist er verantwortlich, sie zu gebrauchen und damit zu handeln, und gerade für den Zweck, wofür Christus sie ihm gegeben hat, damit zu handeln. Ohne Zweifel ist jeder Christ der allgemeinen Zucht der Kirche oder Versammlung unterworfen, sowohl in seinem ganzen Leben, als auch in seinem Dienst. Er dient aber Christus und nicht den Menschen. Er ist fruchtbar für die Versammlung, weil er Christus dient. Er leistet Dienst den Christen, weil er Diener Christi, des Herrn, ist. Auch ist er zu dienen verpflichtet, weil er Christi Diener ist, und dazu von dem Eigentum seines Herrn empfangen hat. Dieses ist die Lehre des Gleichnisses von den drei Knechten, deren Herr außer Landes ging und ihnen von seinen Talenten gab: dem einen mehr, dem anderen weniger. Warum? Damit sie faul und untätig blieben? Nein! Er hatte ihnen die Talente deshalb anvertraut, damit sie damit handelten. Man gibt den Menschen nicht Stoff und Werkzeuge, damit sie nichts tun. Das wäre nicht nur sinnlos, sondern, wenn die Liebe Christi und seine Liebe für die Seelen im Herzen tätig ist, so ist Faulheit und Nichtstun ganz unmöglich.

Die Gegenwart und Wirksamkeit dieser Liebe ist es auch gerade, die dadurch geprüft wird. Wenn die Liebe Christi in meinem Herzen wirksam ist und ich einer von Ihm geliebten Seel nützlich sein könnte, wäre es möglich, noch untätig zu bleiben? Gewiss nicht. Die Kraft, dieses zu tun, die nötige Weisheit, um es wohlgefällig zu tun, kommt stets und augenblicklich von Ihm, während es die Liebe Christi im Herzen ist, die das Herz tätig werden lässt. Um Mut zu haben, dies zu tun, muss ich Vertrauen zu Christus haben, sonst wird das Herz sagen: Vielleicht wird Er mein Werk nicht genehmigen; vielleicht wird Er nicht zufrieden mit mir sein; vielleicht wird es zu tollkühn, zu übereilt sein; vielleicht ist es Stolz, dies in Anspruch zu nehmen. Der faule Mensch sagt: Es ist ein Löwe auf dem Weg; aber die Liebe ist nicht untätig, sondern verständig, weil sie zu Christus Vertrauen hat. Die Liebe versteht das, was die Liebe will, und folgt dem Willen Christi und dem Beispiel Christi, ihres Führers, nach. Dies ist die Wirkung derselben Liebe, die in Christus ist, welche wahrhaftige, demütige Weisheit ausübt. Sie ist gehorsam und verständig und begreift ihre Pflicht durch die Gnade, indem sie durch die Liebe Christi auch Mut schöpft, sie zu erfüllen. Und wessen Handeln hat Christus genehmigt und anerkannt? Dessen, der durch dieses herzliche Vertrauen ohne weiteren Befehl gearbeitet hat, oder jenes, der es nicht wagte? Wir alle wissen es. Die Genehmigung Christi genügt dem Herzen des Christen und genügt zu seiner Rechtfertigung. Brüder, wenn wir seine offenbarte, ausgesprochene Genehmigung haben, so können wir alles andere außer Acht lassen. Das ist es gerade: Christus treu zu werden. Lasst uns Geduld haben, Er wird später alles richten. Doch müssen wir durch den Glauben leben. Sein Wort genügt uns. Zur rechten Zeit will Er uns rechtfertigen vor der Welt und sein Wort und den Glauben ehren.

So hat der Herr Jesus diese Gaben in seiner Menschheit empfangen, und sie den Menschen gegeben, um das Werk des Evangeliums und der Kirche Gottes zu vollbringen. Und diejenigen, welche diese Gaben empfangen, sind verpflichtet, Gott gemäß damit zu handeln, die Seelen zu gewinnen, die Christen zu erbauen, den Herrn und ihren himmlischen Meister zu ehren. In Epheser 4 haben wir die Erbauungsgaben als von Christus selbst, in die Höhe hinaufgestiegen, hier gegeben gesehen, indem sein Leib auf der Erde durch diese Gaben zusammengefügt ist. Und durch ihre gegenseitige Wirkung wird die Auferbauung des Leibes bewirkt und gleichzeitig vor jeglichem Wind der Lehre bewahrt, damit wir alle hingelangen zu dem Maß des vollen Wuchses des Christus.

In 1. Korinther 12 werden die Gaben mehr als die Wirkung des Heiligen Geistes auf der Erde betrachtet. Dieser teilt sie einem jeden aus, wie Er will. Auch haben wir hier nicht allein die Erbauungsgaben, sondern alle die, welche Kraft des Geistes und Zeichen seiner Gegenwart sind. Dies Kapitel betrachtet alles, was als geistliche Erscheinung angesehen werden kann und indem es von der Wirkung der dämonischen Kräfte spricht, zeigt es die Mittel an, diese von den göttlichen Gaben zu unterscheiden. Es stellt die Lehre des Leibes und der Glieder Christi am klarsten dar und lässt uns aufmerksam werden, dass es einen einzigen Herrn gibt, durch dessen Autorität diejenigen, welche die Gaben haben, arbeiten, sei es in der Welt, sei es in der Versammlung, um das Werk Gottes durch die Einwirkung des Heiligen Geistes zu vollbringen. Jedes Glied ist von der Wirkung eines anderen abhängig, indem alle durch ein und denselben Geist zu einem Leib getauft worden sind.

In Römer 12 und 1. Petrus 4,10 werden die Gaben in kurz erwähnt. In Römer 12 noch als Glieder des Leibes Christi2 und im Allgemeinen zu dem Zweck, die Besitzer der Gaben zu ermahnen, die empfangenen Gaben nicht zu überschreiten, sondern sich auf das Maß dessen, was ihnen gegeben worden ist, zu beschränken. In 1. Petrus 4 ermahnt der Heilige Geist die Christen, sich der mitgeteilten Gaben zu bedienen, als unmittelbare und treue Verwalter Gottes; zu reden, als Aussprüche Gottes, zu dienen, als durch eine von Gott dargereichte Fähigkeit. In dieser ganzen Lehre finden wir nichts von Ämtern, sondern es ist allein von den Gliedern des Leibes Christi die Rede, die alle ihr Teil an der Erbauung des Leibes nehmen, und zu erfüllen verpflichtet sind. Nicht alle reden, nicht alle predigen das Evangelium, nicht alle lehren, weil nicht alle diese Gaben haben; aber alle sind nach der Schrift das zu tun verpflichtet (gemäß der schriftlichen Ordnung des Hauses Gottes), was Gott ihnen zu tun anvertraut hat. Sobald man versteht, dass alle Christen Glieder Christi sind und dass jedes Glied seine eigene Arbeit, seine eigene Pflicht am Leib hat, ist alles einfach und klar. Alle haben eine Pflicht zu erfüllen und zwar durch die Kraft Gottes und die verborgenste ist vielleicht die köstlichste, welche vor Gott und nicht vor Menschen verrichtet wird. Alle aber haben etwas zu erfüllen. Zu sagen, dass alle Ämter haben, heißt alle Ämter verleugnen. Wenn wir die Geschichte und die Lehre der Schrift über diesen Punkt untersuchen, so ist dieser immer klar. Wir sehen, dass das, was entweder die Predigt des Evangeliums in der Welt oder die Erbauung der Christen in den Versammlungen anbetrifft, keine Frage von Ämtern ist, sondern alles von den Gaben abhängt.

Wir werden einige Stellen anführen, um dies zu beweisen.

Schon haben wir den Leser auf Matthäus 25 aufmerksam gemacht. In dem Gleichnis von den Talenten, die den drei Knechten anvertraut waren, stellt der Herr diesen Grundsatz dar, dass die zwei Knechte lobenswürdig sind, weil sie gehandelt hatten, ohne weiter bevollmächtigt worden zu sein, als durch die Tatsache, dass ihr Herr ihnen sein Geld anvertraut hatte, während der Dritte getadelt und gestraft wird, weil er eine Bevollmächtigung erwartet, weil er kein Vertrauen zu seinem Herrn gehabt und ohne weitere Versicherung nicht gewagt hatte, zu arbeiten. Das heißt: die Gaben selbst sind eine vollkommene Bevollmächtigung für den Arbeiter, damit zu arbeiten, wenn die Liebe Christi in seinem Herzen wirksam ist; wenn diese Liebe aber nicht vorhanden, so ist er schuldig, und der Beweis, dass sie nicht wirksam in ihm ist, ist der, dass er mit seiner Gabe nicht diente – er ist ein böser und fauler Knecht.

Christus gibt keine Gaben, damit wir sie nicht benutzen. Er gibt sie vielmehr, damit wir mit ihnen tätig seien. Und in der Tat finden wir, dass dieses unter den ersten Christen stattgefunden hat. Als die Verfolgung, welche auf den Tod des Stephanus folgte, die Christen zerstreut hatte, gingen sie überall umher und predigten das Evangelium. In Apostelgeschichte 8,4 und 11,21 lesen wir, dass die Hand des Herrn mit ihnen war. Es ist aber möglich, dass ich das Mittel, wodurch eine Seele selig werden kann, kenne, und dieses Mittel nicht verkündige, auch wenn Gott mich dazu fähig gemacht hat. Jeder kann etwas verborgener Weise tun, die Fähigkeit für die öffentliche Verkündigung aber ist gerade die Gabe Gottes.

Als Paulus sich im Gefängnis in Rom befand, wurden mehrere der Brüder im Herrn, indem sie durch seine Bande Vertrauen gewonnen hatten, viel kühner, das Wort ohne Furcht zu verkündigen (vgl. Phil 1,13–14).

Nachdem die falschen Lehrer ausgegangen sind, um die Christen zu verführen, hängt es gar nicht von Amt oder nicht Amt ab, ob man diese aufnehme oder nicht – selbst einer Frau wird dies gesagt (vgl. 2. Joh).

Der Apostel schreibt ihr einfach, jedermann nach seiner Lehre zu beurteilen. Es kommt ihm nicht einmal in den Sinn, der Frau zu raten, den als Prediger sich Darstellenden zu fragen, ob er ein Amt habe und ob er geweiht oder ordiniert sei. Im Gegenteil, er lobt den geliebten Gajus, weil er die Brüder, welche für den Namen Christi ausgegangen waren, aufgenommen hatte, und ermuntert ihn, sie auf eine gotteswürdige Weise weiter zu geleiten und auf diese Weise wurde er ein Mitarbeiter der Wahrheit (vgl. 3. Joh 1,8).

Was also die Predigt des Evangeliums betrifft, so bestätigt das Wort Gottes die Lehre, dass ein Jeder nach seiner Fähigkeit und den Gelegenheiten, welche Gott in seiner Gnade verschafft, dasselbe zu verkündigen verpflichtet ist.

In Bezug auf die Erbauung der Gläubigen ist die Heilige Schrift ebenso klar. Nicht allein stellen uns Epheser 4 und 1. Korinther 12 die allgemeine Wahrheit dar, dass Christus die Gaben gegeben hat und der Heilige Geist darin wirkt, damit man das Werk Gottes in allerlei Weise vollbringe, sondern sie spricht auch genau und klar gerade über die Pflicht derjenigen, welche diese Gaben besitzen. Der Heilige Geist sagt durch den Mund des Petrus: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1. Pet 4,10). In 1. Korinther 14 finden wir die Ordnung, wonach die Ausübung der Gaben stattfinden soll. „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen. […] Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden“ (1. Kor 14,29.31), und Jakobus zeigt uns ganz klar die Grenzen dieses Dienstes, ohne Rücksicht auf die Ämter. Er sagt nämlich, dass die Gläubigen nicht viele Lehrer werden sollten, weil also die Verantwortlichkeit desto größer sein würde, und sie (da wir alle oft straucheln) ein umso schwereres Urteil empfangen würden. Es ist also vollkommen gewiss, dass die Gaben und der durch die Gaben von den Gläubigen geleistete Dienst nach der Heiligen Schrift von den Ämtern vollkommen unabhängig sind, und dass diejenigen, denen Gott diese Gaben mitgeteilt hat, verpflichtet sind, sie für die Erbauung der Heiligen zu benutzen. Die Schrift gibt die Regel, wonach die Ausübung dieser Gaben stattfinden soll und bemerkt, dass die Geister der Propheten den Propheten unterworfen seien und dass alles zur Erbauung getan werde, sodass keine Verwirrung in der Versammlung stattfinde. Von den Ämtern aber spricht die Schrift in dieser Beziehung nicht ein einziges Wort. Und hier dürfen wir darauf aufmerksam machen, dass zwischen Gabe und Amt ein großer Unterschied vorhanden ist, der von der Natur beider abhängig ist. Die Gabe ist überall gültig. Wenn ich ein Evangelist bin, so predige ich das Evangelium überall, wo Gott mich hinruft. Bin ich Lehrer, so lehre ich die Gläubigen meiner Kraft gemäß, wo immer ich mich auch befinde. Apollos lehrte in Ephesus und war auch den Gläubigen in Korinth behilflich. Wenn jemand ein Amt empfangen hat, so erfüllt er die Pflicht, welche damit verbunden, an dem bestimmten Ort, wo er dazu ernannt ist. Ist er Ältester oder Diakon in Ephesus, so hat er seine Pflicht in Ephesus zu vollbringen, seine amtliche Autorität ist in Ephesus gültig. In Korinth hat er keine. Die Ämter sind nicht als Ämter Glieder des Leibes Christi, – die damit Betrauten sind seine unterworfenen Beamten. Die Gaben als Gaben sind die verschiedenen Glieder seines Leibes (siehe Fußnote 2), welche ihren Dienst nach dem Willen Gottes leisten sollen, wo immer sie sich auch befinden. Die Schrift sagt niemals, dass ein Evangelist der Evangelist einer Versammlung oder einer Gemeinde sei, noch ein Lehrer oder Pastor der einer Gemeinde, sondern Gott hat in der Kirche in dem „allgemeinen Leib Christi“ solche Gaben gesetzt. „Und er [Christus] hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus; damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre, die durch die Betrügerei der Menschen kommt, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum; sondern die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, [der] Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe“ (Eph 4,11–16).

Der Christ kann seine eigene Verantwortlichkeit nie beseitigen. Die Zucht der Versammlung begehrt einen dieser Verantwortlichkeit entsprechenden Wandel, wenn der Christ ihn vergessen hat. Also sind die Brüder, welche durch die Gnade des Herrn zu arbeiten berufen sind, wirksam, um den christlichen Wandel aufrecht zu erhalten, die Schwachen zu stärken, die Unwissenden zu unterweisen. Alle zu ermahnen und zu ermuntern, mit dem Wort zu ernähren, und sie durch diese göttliche Nahrung fähig zu machen, Gott und die Lehre des Heilands zu zieren, – kurz, auf allerlei Weise, im Blick auf die gemeinschaftliche Verantwortlichkeit, behilflich zu sein.

Alles gehört dem Christen: Die Wirksamkeit des Arbeiters Gottes, und seine Anstrengungen, jedes Übel auszurotten. „Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges: alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (1. Kor 3,22–23). Der Apostel sagt: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als Herrn, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2. Kor 4,5).

Christus ist seinem Leib unfehlbar treu, und der Heilige Geist ist immer in der Versammlung auf der Erde, deshalb bleiben die Gaben, welche für die Erbauung der Versammlung nötig sind, immer da. Die Schwachheit der Versammlung Gottes offenbart sich freilich in dieser wie in jeder anderen Beziehung, aber Christus bleibt immer treu und kann nicht anders, als seine Glieder ernähren.

Die Lehre der Schrift über die Gaben hat man beinahe vergessen, oder man widersetzt sich dieser sogar ganz, indem man das Recht, die Menschen zu erbauen, denen zuschreibt, welche durch Menschen in ihre Stellungen eingeführt sind, – Stellungen, welche man meistens für sich selbst erfunden hat. Selbst wenn man zugibt, dass Gott die Gaben darreicht, so erlaubt man doch nicht, dass man sie ohne die Bestätigung von Menschen ausübe.

Diese Verwirrung, die von der Vermischung der Gaben und der Ämter, welche die Menschen erfunden haben, herstammt, nennt man gewöhnlich die Geistlichkeit und selbst Gottesdienst. Ja, man behauptet, dass, wenn man diese nicht annehme und anerkenne, man den Gottesdienst verleugne. Der wahrhaftige Gottesdienst ist aber da, wo jedes Glied des Christus mit der Gabe, welche ihm Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes mitgeteilt hat, auch Gott dient, sowohl in der Welt, als auch zur Erbauung der Brüder, und also des ganzen Leibes Christi.

Wenn die öffentliche Wiederherstellung der Ämter, welche die Schrift anerkennt, in dem gegenwärtigen Zustand der Kirche nicht möglich ist, so hat Gott doch für diesen Zustand, so traurig er ist, alles, was nötig, alles, was gut ist, zuvor verordnet, wie Er auch alles, was nützlich ist, unfehlbar denen geben wird, die Ihn darum bitten.

Von der Auflegung der Hände, um die Ausübung der Gaben zu berechtigen oder in Ansehen zu setzen, weiß die Heilige Schrift gar nichts. Der einzige Fall, wo etwas Ähnliches geschehen ist, fand bei den Aposteln Paulus und Barnabas statt, die für das Werk, welches sie hernach vollbrachten, dem Segen des Herrn empfohlen waren. Diese beiden aber hatten schon lange Zeit ihre Gaben ausgeübt und dies war also nichts anderes, als eine Empfehlung an die Gnade des Herrn für ein besonderes Werk von Seiten der Propheten in Antiochien. Die zwölf Apostel legten die Hände auf die sieben, welche gewöhnlich Diakonen genannt werden, und, obgleich es nirgendwo gesagt ist, so ist es wahrscheinlich durch Analogie (Schlussfolge), dass der Apostel Paulus, oder seine Abgeordneten auf die Ältesten Hände gelegt haben. Von der Ausübung der Gaben aber ist überall erzählt, nicht nur ohne diese Zeremonie zu erwähnen, sondern auf eine solche Weise, dass, wenn dies nötig wäre, sich alle Christen die Hände auflegen lassen müssten. Es ist so klar wie das Licht der Sonne, dass, weil alle weissagen konnten (vgl. 1. Kor 14,31), alle in der Tat gepredigt haben und viele in fremden Sprachen redeten, die Auflegung der Hände für die Ausübung der Gaben ganz und gar unmöglich war.“

Ich füge nichts weiter hinzu, als den herzlichen Wunsch, dass diese Schrift durch die Gnade für viele zum Segen und zugleich zur Aufmunterung dienen möge, auch in den vorliegenden Dingen nach dem wohlgefälligen Willen Gottes mit völligem Vertrauen und wahrer Unterwürfigkeit des Herzens zu wandeln.

Fußnoten

  • 1 o. Ältesten; s. Fußnote der Elberfelder Übersetzung; Anm. der Überarb.
  • 2 Die Gabe ist hier mit dem Begabten als ein und dasselbe dargestellt, weil die Gabe als solche nur, als mit dem Leib Christi in Verbindung stehend, gedacht werden kann. A.d.H.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht