Botschafter des Heils in Christo 1859

Speise in der Wüste für das Volk Gottes

Als der Herr sein Volk Israel besuchte und erlöste und sie in die Wüste führte, hatte Er gewiss nicht die Absicht, sie dort umkommen zu lassen. Es war sein gnadenreicher Zweck, sie auf ihrer ganzen Reise zu versorgen, und wir haben in dem 16. Kapitel des zweiten Buches Mose einen deutlichen Beweis seiner wunderbaren Fürsorge.

Da sprach der Herr zu Mose: „Siehe, ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen“ (2. Mo 16,4). Sie hatten soeben gesagt: „Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen saßen, als wir Brot aßen bis zur Sättigung!“ (2. Mo 16,3). Und jetzt heißt es: „Siehe, ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen.“ Gesegnete Antwort! Wie groß ist der Unterschied zwischen den Fleischtöpfen, den Zwiebeln und dem Knoblauch Ägyptens und diesem himmlischen Manna. Jene gehörten der Erde an, dieses aber dem Himmel.

Weiter aber finden wir, dass diese himmlische Speise ein Prüfstein für den moralischen Zustand Israels war, wie wir am Ende des vierten Verses lesen: „Damit ich es prüfe, ob es in meinem Gesetz wandeln wird oder nicht“ (2. Mo 16,4).

Es ist nötig, dass ein Herz von den Einflüssen Ägyptens völlig befreit ist, und dass es sich an dem „Brot vom Himmel“ sättigt und erfreut. In dem vorliegenden Fall war das Volk nicht zufrieden mit diesem Brot, sondern es verachtete dasselbe und erklärte es für „elende Speise“ (4. Mo 21,5) und gelüstete nach Fleisch (4. Mo 11,4). Auf diese Weise zeigten sie, wie wenig ihre Herzen von Ägypten befreit, und auch wie wenig sie in der Lage waren, in dem Gesetz Gottes zu leben. In ihren Herzen hatten sie sich wieder nach Ägypten zurück gewandt.

Es erfordert einen himmlischen Geschmack, um sich an dem Brot vom Himmel zu sättigen. Die Natur findet an solcher Nahrung keine Genüge. Diese wird stets nach den Dingen dieser Welt Verlangen haben und muss deshalb niedergehalten werden.

Bei der Betrachtung Israels, als „alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und in dem Meer“ und als „alle dieselbe geistliche Speise aßen und alle denselben geistlichen Trank tranken“, müssen wir uns daran erinnern, dass sie „unser Vorbild“ waren (1. Kor 10,2–4). Alle wahren Gläubigen sind auf den Tod des Christus getauft (vgl. Röm 6,3) und mit ihm auferweckt „durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes“ (Kol 2,12). Als solche werden sie ernährt vom Brot des Lebens, das vom Himmel hernieder kam (vgl. Joh 6,32–35). Ihre Speise in der Wüste ist Christus, der für sie getötet wurde. Sie werden bedient durch den Heiligen Geist, durch das geschriebene Wort, denn der Heilige Geist ist zu ihrer Erquickung hernieder gekommen.

Es ist aber ganz augenscheinlich, dass unsere Herzen, um sich an einer solchen Speise und an einem solchen Trank zu erfreuen, von allem, worin der natürliche Mensch sich vergnügt und ergötzt, entwöhnt sein müssen. Ein weltliches Herz wird weder Christus in dem Wort finden, noch sich in Ihm erfreuen.

Das Manna war von so reiner und zarter Natur, dass es keine Berührung mit der Erde ertragen konnte. Es fiel auf die Tautropfen (vgl. 4. Mo 11,9) und musste vor Sonnenaufgang gesammelt werden. Deshalb musste auch ein jeder früh aufstehen und seine tägliche Portion sammeln. Ebenso ist es mit dem Volk Gottes jetzt. Das himmlische Manna muss jeden Morgen frisch gesammelt werden. Das gestrige Manna reicht nicht für den heutigen und noch weniger für den morgigen Tag aus. Wir müssen jeden Tag von Christus mit frischer Energie des Geistes ernährt werden, sonst werden wir aufhören, zu wachsen.

Noch mehr: wir müssen Christus zu unserem ersten Gegenstand haben. Wir müssen Ihn früh suchen, ehe andere Dinge Zeit haben, in unseren Herzen Platz zu nehmen. Viele von uns fehlen hierin. Wir räumen Christus oft einen zweiten Platz ein, und die Folge davon ist, dass wir schwach und matt sind. Der Feind sucht seinen Vorteil in unserer geistlichen Nachlässigkeit und sucht uns der Segnung und der Kraft, die aus der gewöhnlichen Ernährung von Christus fließen, zu berauben. Es kann aber nur das neue Leben in dem Gläubigen von Christus ernährt werden. „Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe des Vaters wegen, so auch, wer mich isst, der wird auch leben meinetwegen“ (Joh 6,57).

Die Gnade des Herrn Jesus Christus, der zur Speise seines Volkes vom Himmel hernieder kam, ist für die erneuerte Seele unaussprechlich kostbar, aber um Ihn als solchen zu genießen, ist es nötig, dass wir unsere wahre Stellung in der Wüste verwirklichen – abgesondert für Gott, in der Kraft einer vollbrachten Erlösung. Wenn wir mit Gott durch die Wüste gehen, so sind wir mit der Speise, die Er uns verordnet, völlig zufrieden, und diese ist Christus, hernieder gekommen vom Himmel.

Die Stellung der Kinder Israel in der Wüste ist sehr bemerkenswert. Ägypten war hinter ihnen, Kanaan vor ihnen, und die Wüste rings um sie her. Sie waren aufgerufen, für alle ihre Bedürfnisse zum Himmel aufzuschauen. Die Wüste brachte nicht das Geringste für sie hervor. In Gott allein war ihr Teil. Welch ein liebliches und rührendes Vorbild auf das pilgernde Volkes Gottes in dieser öden Welt! Auch dieses hat hier nichts. Sein Leben, welches himmlisch ist, kann nur durch himmlische Dinge ernährt und erhalten werden. Obgleich in der Welt, so ist es doch nicht von der Welt, denn Christus hat es von derselben auserwählt. Als ein himmlisch–geborenes Volk ist es auf dem Weg zu seinem Geburtsort und wird durch Speise, vom Himmel gesandt, erhalten. Sein Lauf geht aufwärts und vorwärts. In dieser Weise nur leitet die Wolke der Herrlichkeit. Es ist aber vergeblich, sein Auge rückwärts zu dem Geist Ägyptens zu wenden. Kein Strahl der Herrlichkeit kann dort offenbart werden. „Da wandten sie sich zur Wüste; und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erschien in der Wolke“ (2. Mo 16,10). Die Gegenwart des Herrn war in der Wüste, und alle, die in ihrer Begleitung zu sein wünschten, mussten auch dort sein. Und wenn sie dort waren, so konnte nur das himmlische Manna ihre Speise sein. Wahrlich, es war eine wunderbare Erhaltung – eine Erhaltung, welche ein Ägypter weder verstehen, noch würdigen, noch genießen konnte. Aber jene, die auf Mose in der Wolke und in dem Meer getauft waren, konnten, wenn sie in glücklicher Übereinstimmung mit dieser Taufe lebten, sich dieser Speise erfreuen und durch dieselbe erhalten werden. So ist es jetzt in Bezug auf einen wahren Gläubigen. Der Ungläubige kann nicht verstehen, wie dieser lebt. Sowohl sein Leben, als auch das, wodurch es erhalten wird, liegt weit außerhalb seines Gesichtskreises. Christus ist sein Leben, und von Christus wird er ernährt. Seine Speise ist die unvergleichliche Gnade dessen, der „sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden“ wurde (Phil 2,7). Er sieht Ihn, der im Schoß des Vaters ist, am ewigen Wohnort des Lichts und der Liebe, hinab zum Kreuz gehen, dem Ort der Schmach und der Schande, und vom Kreuz hinauf zum Thron, dem Ort der Majestät, des Sieges und der Herrlichkeit, und erfährt Ihn auf jeder Stufe dieser wunderbaren Reise als die köstlichste Nahrung für seine Seele. Rund um sich her aber findet er nichts, woran sein erneuerter Geist sich laben kann. Alles, was er da findet, kann ihn nur schwächen und matt machen, aber nicht stärken und beleben.

Es ist höchst traurig, Christen zu finden, welche nach den Dingen dieser Welt trachten. Es zeigt sehr klar, dass sie an dem himmlischen Manna Ekel haben und es für „elende Speise“ erachten. Sie bedienen sich der Dinge, derer sie sich für tot halten sollen (vgl. Röm 6,11). Wenn das neue Leben in dem Gläubigen in Tätigkeit ist, so wird es auch stets beschäftigt sein zu verwirklichen, „den alten Menschen mit seinen Handlungen“ (Kol 3,9) ausgezogen zu haben. Und je mehr dies erfüllt wird, desto mehr werden wir Verlangen haben, von dem Brot zu essen, das das Herz des Menschen stärkt. So wie es im Natürlichen ist – je mehr wir arbeiten, desto größer der Appetit –, so ist es auch im Geistlichen. Je mehr die erneuerten Kräfte in Tätigkeit sind, desto mehr werden wir das Bedürfnis fühlen, uns täglich von Christus zu ernähren.

Es ist eine köstliche Sache, zu wissen, dass wir das Leben in Christus besitzen und völlige Vergebung und Annahme bei Gott gefunden haben, aber es ist eine ganz andere Sache, stete Gemeinschaft mit Ihm zu haben – von Ihm durch Glauben ernährt zu werden – Ihn zur ausschließlichen Nahrung unserer Seele zu haben – sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken (vgl. Joh 6,56). Sehr viele Christen haben in Jesus Frieden gefunden und suchen sich durch allerlei Dinge, welche nicht mit ihm in Verbindung stehen, zu nähren, und deshalb klagen sie auch fortwährend über Dürre und Mattigkeit in ihrer Seele. Wenn der Israelit nicht in früher Morgenstunde sein tägliches Teil von der von Gott verordneten Speise sammelte, so konnte er seine Reise nicht mit Kraft fortsetzen. Ebenso ist es mit dem Christen. Er muss Christus zum vornehmsten Gegenstand seines Trachtens machen, sonst wird seine geistliche Kraft sich unvermeidlich vermindern. Er kann nicht einmal durch die Gefühle und Erfahrungen, welche mit Christus in Verbindung stehen, ernährt werden, denn diese sind dem Wechsel unterworfen und können deshalb nicht die geistliche Nahrung der Seele ausmachen. Es war Christus gestern, und es muss Christus heute und für immer sein.

O, das wir alle in die Wahrheit und in die Kraft dieser Dinge völliger eintreten möchten! Möge der Heilige Geist in unseren Seelen größeres Verlangen nach der Person Christi erwecken, so würde auch unser Wandel durch dieses Leben entschiedener und glücklicher sein.

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