Botschafter des Heils in Christo 1859

Wir rühmen uns der Trübsale

„Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt“ (Röm 5,3).

Nichts bildet auf dieser Erde einen größeren Gegensatz als der gottlose Mensch und der Christ. Was jener sucht, das flieht dieser; worin jener sich ergötzt, darin ist dieser traurig; was jener fürchtet, dessen rühmt und erfreut sich dieser; was jener Leben nennt, ist für diesen nur Tod – kurz: alles ist sich völlig entgegengesetzt. Und warum ist es so? Der Christ ist in Christus eines neuen Lebens teilhaftig geworden, der himmlischen und göttlichen Natur. Christus selbst ist sein Leben und dieses Leben hat keine Gemeinschaft mit dem Leben dieser Welt, welches Tod ist. Die Absichten und Wünsche des neuen Lebens sind himmlisch und göttlich. Aber auf dieser Erde ist es fremd und ungekannt, und es kann auch durch nichts, was von dieser Welt ist, erfreut und erquickt werden. Jesus sagt von den Seinen: „Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16).

Gott will nun, dass dieses himmlische Leben sich stets in seinem wahren Charakter, in seiner wirklichen Natur bei den Seinen auf der Erde offenbart, dass ihr Wandel zu jeder Zeit bezeugt, dass dieses Leben göttlich und himmlisch ist. Doch leider ist hierin ein großer Mangel. Die meisten Christen begreifen sehr wenig den völligen Gegensatz des Lebens, dessen sie teilhaftig geworden sind, mit dem Leben oder dem Tod dieser Welt, und sind deshalb auch nicht eifrig bemüht, diese Gegensätze überall geltend zu machen und zu verwirklichen. Ihr Leben auf dieser Erde ist oft halb christlich und halb weltlich, und deshalb sind auch der Friede und die Freude des Herzens sehr geschwächt und getrübt. Dies ist der Zustand vieler Christen, aber es war nicht der Zustand des Christus, dessen Leben wir teilhaftig geworden und als dessen Nachfolger wir berufen sind. „(Denn) diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). Der ernste und aufrichtige Christ, der seinen Herrn wirklich liebt, wird sich nie mit dem traurigen Zustand anderer Christen begnügen und trösten können, sondern wird stets bemüht sein, in den Fußstapfen seines geliebten Herrn zu gehen. Ist dies nun auch unser Verlangen, meine Brüder, so lasst uns stets auf Christus, unser Leben, schauen, sein Leben auf dieser Erde eifrig betrachten und erforschen und seinen Fußstapfen nachfolgen. Wir werden dann immer besser verstehen lernen, wie Er in jeder Beziehung einen vollkommenen Gegensatz zu dieser Welt bildete und durch seine Gnade und Macht immer fähiger werden, in unserem ganzen Leben zu offenbaren, dass wir seines Lebens teilhaftig geworden sind, und werden es verwirklichen.

Richten wir nun zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die oben angeführten Worte: „Wir rühmen uns der Trübsale“. Es sind nur wenige Worte, aber es vergeht beinahe kein Tag auf dieser Erde, wo sie nicht bezüglich unseres Lebenswegs von der größten Wichtigkeit für uns sind. Ich möchte beim Betrachten dieser Worte besonders zwei Gedanken tief in unsere Herzen einprägen: Die Ursache, welche wir zu diesem Rühmen haben, und dann das Rühmen selbst.

Es gibt nichts, was die Kinder dieser Welt so sehr fürchten wie Trübsale. Wenn nun aber auch die Christen diese fürchten, wo bleibt dann der Gegensatz? Und leider finden wir so viele unter solchen, die sie in der Tat mehr fürchten, als sich ihrer rühmen. Und was ist die Ursache? Unkenntnis ihrer Stellung auf der Erde und ihres Verhältnisses zu Gott, Mangel an Abscheu gegenüber der Sünde und dem Fleisch, und Mangel an Liebe zu Gott und seiner Heiligkeit. Traurig genug, meine Brüder, aber so ist es. Möge deshalb der Herr in seiner Gnade unser Auge ganz einfältig und unser Herz nüchtern machen, um dies klar und deutlich zu erkennen!

Der Mangel des Rühmens der Trübsale hat auch bei vielen seinen Grund darin, dass sie den reichen Segen, der in darin für sie liegt, nicht verstehen. Gott hat in seiner Liebe und Gnade so völlig und treu für uns gesorgt, dass uns alle Dinge zum Guten mitwirken müssen (vgl. Röm 8,28). Er will nicht erlauben, dass uns auf der Erde etwas trifft oder begegnet, worin nicht ein Segen für uns liegt. Dies ist nun auch völlig wahr in Bezug auf die Trübsale, die uns begegnen. Die Gnade Gottes bereitet sie für uns zu einem reichlichen Segen. „Wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt“. Und der Apostel Jakobus ermahnt: „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Prüfungen fallt, da ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt“ (Jak 1,2–3). Also bewirken die Trübsale oder die Versuchungen, die uns auf dem Weg begegnen, Ausharren. Das Ausharren aber ist für uns von der größten Wichtigkeit, weil damit die Erlangung der Verheißung zusammenhängt. „Denn ihr habt Ausharren nötig, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung davontragt“ (Heb 10,36). „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden“ (Mt 24,13). „Glückselig der Mann, der die Prüfung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die er denen verheißen hat, die ihn lieben“ (Jak 1,12).

Der natürliche Mensch muss es sicher höchst auffallend finden, dass Trübsale dieses Ausharren bewirken sollen. Er wird gerade das Gegenteil davon erwarten. Er wird sagen: „Auf einem Weg, wo keine Trübsale sind, kann ich wohl bis ans Ende vorangehen, aber wenn mir stets neue Schwierigkeiten begegnen, so werde ich bald ermatten.“ Und das weltlich gesinnte Herz eines Christen, wird ihm mehr oder weniger beipflichten. Gott aber sagt: „Trübsal bewirkt Ausharren“ – sein Urteil ist im vollsten Gegensatz zu dem des Menschen. Dieser kennt nur den Weg, auf dem das Fleisch geht. Der Christ aber befindet sich auf dem Weg Gottes, auf dem Weg, den Christus Jesus selbst ging, und worauf das Fleisch nicht voran gehen kann. Selbst wenn es keine Schwierigkeiten auf diesem Weg gäbe, so würde doch das Fleisch oder der natürliche Mensch nicht fähig sein, auf diesem zu gehen. Das Fleisch ist nur fähig, uns am Vorangehen oder am Ausharren auf dem Weg Gottes zu hindern.

Was tut nun Gott, der uns zum Ausharren und zur Erlangung der Verheißung berufen hat? Er weiß, dass das Fleisch in uns ist, Er kennt dessen Neigung und Kraft, und gerade deshalb erlaubt Er, dass uns Versuchungen und Trübsale auf dem Weg begegnen, um diese Neigung und Kraft des Fleisches zu brechen. Würde Er aber keine so treue Fürsorge gegen uns ausüben, würde Er uns keine Trübsale begegnen lassen, so würden wir bald, gereizt und überwunden durch das Fleisch, seinen Weg verlassen und die Verheißung nicht davontragen. Wie gesegnet sind deshalb die Trübsale, die uns stets aufs Neue begegnen! Und wie traurig ist es, sie zu fürchten und ihnen zu entgehen suchen!

Und weiter noch: Mancher Christ mag in seiner Unwissenheit meinen, es sei alles so zufällig, was ihn hier treffe. Die Verhältnisse und Umstände, worin er sich befinde, brächten es so mit sich. Es sei das Los aller Menschen und besonders auch das seine, durch mancherlei Schwierigkeiten und Hindernisse zu gehen und dergleichen mehr. Ich gebe zu, meine Brüder, dass die meisten Christen sich oft in denselben Umständen mit anderen Menschen und Schwierigkeiten befinden, und ich gebe völlig zu, dass sich viele – traurig genug! – ihrer Untreue wegen darin befinden. Aber ich bin auch eben so fest überzeugt, dass der Zweck dieser Umstände und Schwierigkeiten, worin sich ein Christ befindet, ein ganz anderer ist, als der bei den Kindern dieser Welt. Es mag sogar sein, dass sich ein Christ in vielen und anhaltenden Schwierigkeiten befindet, die nichts als ernste Züchtigungen für ihn sind, aber Gott, voll Gnade und Liebe, ist nur bemüht, ihn durch diese zu segnen. Er will die Kraft des Fleisches brechen, welches ihn in seinem täglichen Leben zu so viel Untreue verleitet hat. Er will ihn völlig absondern von aller Unreinigkeit und seiner Heiligkeit teilhaftig machen. Trotz aller Untreue der Christen, hat doch Gott nie Wohlgefallen daran, sie zu plagen. Sie sind teuer erkauft, und Er wird nie erlauben, dass ihnen mehr Versuchungen begegnen, als nötig sind, um die Kraft des Fleisches in ihnen zu brechen und das Ausharren zu bewirken.

Es könnte uns zwar etwas befremden, wenn wir sehen, dass Gott vornehmlich am meisten da Versuchungen über uns zu kommen erlaubt, wo wir am schwächsten sind. Doch gerade da sind sie am nötigsten, denn wo der Christ am schwächsten ist, da ist das Fleisch in ihm am stärksten, und diesem begegnet Gott. Er ist ja auch allein weise und gut! Offenbart sich das Fleisch in Habsucht, in Eigenliebe, in Ehrgeiz, in unreiner Begierde, in Eitelkeit oder in jeder anderen Gestalt – Er weiß ihm immer in der rechten Weise zu begegnen. Gepriesen sei sein heiliger Name!

Wie steht es nun aber mit dem Rühmen der Trübsale unter uns, meine Brüder? Es ist gewiss eine traurige Erscheinung, das Herz eines Christen, eines Geliebten Gottes, in der Trübsal mit Sorge und Unruhe erfüllt zu sehen. Wo bleibt da der Gegensatz zu der Gesinnung der Kinder dieser Welt? Diese können nicht anders, als unruhig und besorgt sein, wenn Trübsal und Schwierigkeiten da sind, denn sie setzen ihre ganze Hoffnung auf das Leben auf dieser Erde, und sie erkennen die segnende Hand Gottes nicht. Und diese Gesinnung teilt der Christ, wenn er in den Trübsalen mit Sorge und Unruhe erfüllt ist. Er offenbart dadurch, dass er nicht völlig mit diesem Leben gebrochen hat, und dass sein Auge nicht einfältig genug ist, um die treue Fürsorge Gottes in seinen Wegen zu erkennen. Und es gibt (leider!) nicht Wenige unter den Christen, die mehr oder weniger bemüht sind, den verschiedenartigen Versuchungen zu entgehen, und die dauernd besorgt sind und sich bemühen, in bessere Verhältnisse zu kommen. Bei solchen Seelen werden freilich die vielfachen Versuchungen kein Ausharren bewirken, wohl aber Misstrauen gegen die Liebe und Gnade Gottes. Möchte es unter uns nicht so gefunden werden, geliebte Brüder! Wir berauben uns sonst eines großen Segens, und verherrlichen auch den Namen unseres Gottes nicht.

Das Rühmen der Trübsale geht sogar noch weiter, als das geduldige Ausharren in ihnen. Es ist sicher große Gnade damit verbunden, und die gesegnete Frucht wird nicht ausbleiben. Aber sich der Trübsale zu rühmen und die vielfachen Versuchungen für ganze Freude achten ist noch mehr, und setzt noch reichlichere Gnade in einer Seele voraus. Wir haben gesehen, dass wir alle Ursache hierzu haben, doch diese zu kennen und sich wirklich zu rühmen, sind zwei verschiedene Dinge. Es gibt viele Christen, die wohl verstehen, dass zu diesem Rühmen Grund genug vorhanden ist, und es dennoch nicht tun. Und weiter hört man oft die Worte: „Der Apostel sagt“ oder: „Es steht geschrieben: „ „Wir rühmen uns der Trübsale.“ Aber ich frage: Sagst auch du – steht auch in deinem Herzen geschrieben: „Ich rühme mich der Trübsale – ich halte die vielfachen Versuchungen für ganze Freude?“– Wenn das nicht ist, so kann es dir wenig nützen, was der Apostel sagt und was geschrieben steht!

Nach den Trübsalen werden wir oft erkennen, wie gesegnet sie für uns gewesen sind. Unser Gemüt ist dann freier, um mit Ruhe zurückblicken zu können. Es wird uns dann nicht schwer, uns ihrer zu rühmen und den Herrn für seine Weisheit, Gnade und Liebe zu preisen. Ja, wir werden dann auch erkennen, wie viel Ursache wir haben, uns zu schämen, wenn wir etwa mit Kleinmut und Unruhe in ihnen erfüllt waren. Doch soll uns dies nicht genug sein. Die gemachte Erfahrung soll uns Mut und Vertrauen geben, uns auch der augenblicklichen Trübsal zu rühmen. Es ist derselbe Gott der Liebe um uns bemüht, dieselbe segnende Hand für uns wirksam wie auch vorher, und wir werden später auf die momentanen Versuchungen sicher ebenso dankbar zurückblicken können, wie wir es jetzt auf die vergangenen tun. Deshalb, meine Brüder, lasst uns stets unseren Blick aufwärts richten zu dem, der uns nie versäumen kann, weil Er uns so völlig liebt, und nicht mit unruhigem Herzen bei den Trübsalen selbst verweilen.

O, der Herr gebe durch seinen Geist, dass sein Wort in uns immer mehr zur Kraft und Tat werde, denn „sein Wort ist Geist und Leben!“

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