Alles in Christus
Botschafter des Heils in Christo 1859

Alles in Christus (4)

In Römer 5,20 sagt der Apostel: „Das Gesetz aber kam daneben ein, damit die Übertretung überströmend würde. Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überreichlicher geworden.“ Diese Worte könnten nun leicht zu der Frage Anlass geben: „Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme?“ (Röm 6,1). Wird nicht die Gnade sich umso reichlicher an uns verherrlichen können, je mehr wir in der Sünde weiterleben? Der Apostel erwidert: „Das sei ferne!“ (Röm 6,2) und zeigt dann ganz einfach und klar, dass ein solches Weiterleben in der Sünde für den Christen unmöglich ist, weil er nicht unter deren Herrschaft steht.

„Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir noch darin leben?“ (Röm 6,2). Es ist auch hier der Tod, der uns, wie in Römer 7 von dem Gesetz, völlig vom Dienst und dem Leben in der Sünde befreit hat.

In diesem Kapitel haben wir auch eine weitere Auseinandersetzung über die Art und Weise dieses Todes, und wir werden finden, dass dieses Gestorbensein mit Christus nicht nur eine Redensart ist, sondern eine Wahrheit, welche die wertvollsten Folgen hat, besonders auch für unser praktisches Glaubensleben. Es ist aber, wie wir ebenso klar sehen werden, nie von dem Tod Christi zu trennen. Sich außer seinem Tod dem Gesetz oder der Sünde für gestorben zu halten, wäre nur traurige Täuschung. Es gibt aber leider in Betreff dieser so gesegneten Wahrheit viel Verwirrung unter den Christen. Nur der befreite Christ ist fähig, dies Wort vom Gestorbensein mit Christus zu verstehen. Der Unbefreite aber trennt es von der Person Christi. Er urteilt stets nach dem, was er in sich wahrnimmt und erfährt. Er sieht, dass das Fleisch und die Sünde noch vorhanden ist, und wie kann er da anders, als die Anwendung dieser Worte: „Wir sind dem Gesetz und der Sünde gestorben“, für Täuschung und Hochmut und so für sehr bedenklich und gefährlich halten? Das Wort Gottes spricht es an mehreren Stellen sehr klar und bestimmt aus, dass wir in Christus mitgestorben sind, und deshalb muss es wahr sein (Röm 6,4–8; Kol 2,20; 3,3; 1. Pet 2,24; 4,1 usw.). Kann es auch der natürliche Verstand nicht fassen, so ist es darum nicht weniger eine Wahrheit Gottes und eine köstliche Wahrheit für den Glauben. Sie ist auch ebenso wenig, wie viele meinen, ein Vorrecht für etliche, sondern für alle Christen. Dies tritt uns besonders deutlich in dem Brief an die Kolosser entgegen. Die dortigen Christen standen in Gefahr, das Verständnis ihrer Einheit mit Christus und ihrer Vollendung in Ihm zu verlieren, und sich zu den dürftigen Satzungen zu wenden. Was tut nun der Apostel? Er sagt nicht: „Ich sehe jetzt, dass ihr noch nicht mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid; denn euer Wandel beweist es;“ sondern er ruft ihnen zu: „Wenn ihr mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerft ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt?“ (Kol 2,20). Ebenso in Kolosser 3,3: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott.“ In Kolosser 3,5 knüpft der Apostel an diese gesegnete Wahrheit die ernste Ermahnung: „Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind: Hurerei, Unreinheit, Leidenschaft […]“. Dies sollten sie aber nicht tun, um zu sterben, sondern weil sie gestorben und auferweckt waren. Dies ist vielmehr das gesegnete Resultat unserer Einsmachung in den Tod und die Auferstehung Christi.

Sehr oft hört man von Gläubigen die Worte des Paulus aussprechen: „Täglich sterbe ich“ (1. Kor 15,31) ohne einmal daran zu denken, dass diese Worte mit dem Gestorbensein in Römer 6 und den anderen Stellen in gar keinem Zusammenhang stehen, und ohne selbst zu wissen, was diese Worte eigentlich sagen wollen. Sobald wir diese Worte in Verbindung mit dem vorhergehenden und nachfolgende Versen (s. 1. Kor 15,30.32) lesen, so sehen wir gleich, dass hier nur von den äußeren Gefahren, von den Verfolgungen und sonstigen Mühsalen, die Paulus um des Evangeliums willen zu erdulden hatte, die Rede ist, und von nichts anderem. Diese Leiden und Gefahren aber waren einem täglichen Sterben gleich, wie er es mit anderen Worten in Römer 8,36, wo er ebenfalls von diesen äußeren Leiden um Christi willen redet, ausdrückt: „Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir gerechnet worden.“ In ähnlicher Weise sagt er in 2. Korinther 4,11: „Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod überliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde.“ Sicher würden viele Gläubige, die diese Worte: „Täglich sterbe ich“ oft im Mund führen, ein wenig Furcht haben, diese so leicht im Blick auf sich anzuwenden, wenn sie ihren wahren Sinn verstünden. Denkt aber jemand bei diesen Worten an ein fortwährendes Absterben der verdorbenen Natur oder der Sünde im Fleisch, so gibt er diesen Worten nicht nur eine falsche Auslegung, sondern er hofft auf etwas, was sich nie auf dieser Erde erfüllt, und wozu er nicht den geringsten Grund im Wort Gottes hat. Die Natur oder das Wesen des Fleisches wird sich nie verändern.

Jetzt wollen wir noch ein wenig weiter in die Belehrung des vorliegenden Kapitels (Röm 6) eingehen.

Jeder natürliche Mensch ist in den Vergehungen und Sünden tot (vgl. Eph 2,1), der wahre Christ aber ist in Christus der Sünde tot oder gestorben. Jener ist, sozusagen, tot für Gott und in der Sünde lebend, dieser ist der Sünde tot und Gott lebend. Der Unterschied ist groß und sehr beachtenswert. Der Dienst oder das Leben in der Sünde ist nicht für den Gläubigen, weil er durch den Tod Christi davon getrennt worden ist. Wir finden dies in den folgenden Versen noch näher auseinandergesetzt.

„Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft worden sind, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, so wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln“ (Röm 6,3.4). Der Apostel sagt hier ganz einfach, dass wir, die Glaubenden, mit dem Tod Christi in Verbindung gebracht, dass wir durch die Taufe auf den Tod mit Ihm begraben worden sind. Dies ist aber wahr von allen, die Christus angehören. Jeder wahre Christ ist in Ihm mitgestorben und mitauferweckt worden. Wir sind also dem Zustand oder der Stellung nach, die wir als natürliche Menschen vor Gott einnahmen, wo wir völlig der Sünde unterworfen und dienstbar waren, ganz und gar beseitigt worden. Gott kennt niemand mehr, der in Christus Jesus ist, nach dieser ersten Stellung im Fleisch, sondern nach der neuen in dem auferstandenen Christus. Zugleich finden wir in diesen Versen auch den Zweck unserer Beseitigung in dem Tod Christi: „Damit, so wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln“. In dem ersten Zustand lebten wir in der Sünde und im Tod, aber jetzt, weil wir in Christus sind, in Neuheit des Lebens.

Unsere Einsmachung mit dem Tod und der Auferstehung Christi wird noch deutlicher in Römer 6,5 ausgedrückt: „Denn wenn wir mit ihm einsgemacht worden sind in der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein.“ Wir sind also als Sünder im Fleisch vor Gott beseitigt, weil wir mit Christus gestorben und mit Ihm begraben worden sind, und stehen jetzt als Mitauferweckte in dem auferstandenen Christus vor Gott. Denselben Gedanken finden wir auch in Kolosser 2,12 ausgedrückt: „mit ihm begraben in der Taufe, in dem ihr auch mitauferweckt worden seid durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus [den] Toten auferweckt hat.“ Ebenso wie wir in Kolosser 3,1–3 gesehen haben, finden wir auch in Epheser 2,6: „Und hat uns mitauferweckt.“ Zugleich zeigen uns alle diese Stellen ganz deutlich, dass das Gestorben– und Auferwecktsein mit Christus nicht das Vorrecht einzelner, sondern aller wahren Christen ist. Diese sind alle, ohne Ausnahme – ob schwach oder stark, ob jung oder alt – in dem Christus mitgestorben und mitauferweckt, sie sind in seinem Tod in ihrer alten natürlichen Stellung vor Gott beseitigt, und in seiner Auferstehung in einer neuen Stellung vor Ihm für immer dargestellt. Doch nur durch den Glauben sind wir fähig, diese gesegnete Wahrheit zu verstehen und sie in der Kraft des Geistes Gottes zu verwirklichen. Und nur dann, wenn wir sie wirklich erkennen, sind wir befreit und sind fähig, als Befreite zu leben. Es ist aber doch zu bemerken, dass hier nur von unserer Stellung, die wir aus Gnaden in dem auferstandenen Christus empfangen haben, und nicht von dem, was wir in unserem praktischen Glaubensleben sind, die Rede ist. Unserer Stellung in Christus nach sind wir vollkommen, nicht aber in unserem praktischen Leben. Jene wird auch immer nach dem gemessen, was wir in Christus, und nicht nach dem, was wir in unserem Wandel sind. Es bringt uns also nicht unser Wandel in unsere wahre Stellung vor Gott, sondern allein das Werk Christi. Niemand kann sagen: Ich muss gut leben, um in eine vollkommene Stellung vor Gott zu gelangen, sondern: ich muss eine vollkommene Stellung in Christus vor Gott haben, um gut wandeln zu können.

Weiter lesen wir nun in Vers 6: „Da wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen.“ – Wie gesegnet ist doch für alle, die in Christus Jesus sind, dieses Wörtchen „mit“: mitgekreuzigt, mitgestorben, mitbegraben, mitauferweckt, mit lebendig gemacht. Wir sind mit Christus völlig zu einer Pflanze geworden, sowohl in seinem Tod als auch in seiner Auferstehung. In Betreff des alten Menschen haben wir den Tod als Lohn der Sünde in seinem Tod gefunden, und sind in seiner Auferstehung zum Leben erneuert worden. Als auferweckt mit Christus haben wir jetzt unsere Stellung vor Gott. Wir sind nicht nur durch sein Blut versöhnt und gerechtfertigt, sondern auch in seinem Tod getötet und in seinem Leben lebendig gemacht. Unser Gericht ist in Christus am Kreuz vollendet worden. Dort sind wir in Ihm gerichtet und haben deshalb kein Gericht mehr zu befürchten. Durch sein Leben, was wir in Ihm besitzen, sind wir dem kommenden Zorn, der über alle Menschen hereinbrechen wird, für immer entronnen. Also lesen wir in Römer 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn gerettet werden vom Zorn.“ Das Gericht liegt nicht mehr vor uns, sondern hinter uns. Auf dem Kreuz hat uns in Christus dieses Gericht völlig getroffen, und in der Auferstehung des Christus sind wir durch sein Leben frei ausgegangen. Alles was zu fürchten war, liegt hinter uns. Wollen wir unsere wahre Stellung vor Gott erkennen, so finden wir sie allein in dem auferstandenen Christus. Alle, welche in Ihm sind, können jetzt ausrufen: „Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tag des Gerichts, dass, wie er ist, auch wir sind in dieser Welt“ (1. Joh 4,17). Und Er, nachdem Er auferstanden ist, kann sagen: Die Schrecken des Kreuzes liegen hinter mir, die Versöhnung ist vollbracht, die Sünden sind getilgt, die Gerechtigkeit ist befriedigt, der Zorn gestillt, und alles Gericht für immer beendet. Dies ist aber völlig wahr für alle, die in Christus Jesus sind, denn alles, was an Ihm geschehen ist, ist auch für sie geschehen, und sie sind jetzt in dem Auferstandenen. Deshalb ist auch für sie kein Fluch, kein Zorn, kein Gericht, keine Verdammnis mehr, alles ist für immer in dem Tod Christi für sie beseitigt. O wie tröstlich und beruhigend ist dies köstliche Bewusstsein, dass wir in dem Auferstandenen sind, dass wir uns nicht mehr diesseits, sondern jenseits des Kreuzes in Ihm befinden, dass alles, was zu fürchten ist, für immer hinter uns liegt. „Da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn“ (Röm 6,9). Wir haben jetzt für immer unseren gesegneten Platz in dem Auferstandenen gefunden, und wie ruhig und glücklich ist unser Herz, wenn wir diesen gesegneten Platz durch den Glauben erkannt und eingenommen haben! Ist dies aber nicht der Fall, fehlt uns das Verständnis über unsere vollkommene Stellung in dem auferstandenen Christus, kennen wir uns trotz seines Werkes noch immer nur als arme und verlorene Sünder, als ohnmächtig und verdorben, so werden wir auch trotz dieses vollgültigen Werkes unruhig und niedergedrückt sein. Viele Gläubige setzen in eine ferne Zukunft, was der Glaube jetzt schon völlig in Christus besitzt und genießt. Sie wollen durch eigene Anstrengungen erlangen, was wir in Ihm schon erlangt haben, und leider suchen sie oft sogar außer Ihm, was nur in Ihm allein gefunden werden kann. Wie viele Christen gibt es, die stets mit ihrem alten Menschen vor Gott beschäftigt sind und nach Rettung „von dem Leib des Todes“ seufzen. Sie hoffen auf eine Veränderung oder Erneuerung des Leibes des Todes, d. i. des Fleisches, obgleich sie selbst genügsam erfahren und oft bekennen, dass die Natur des Fleisches unverändert bleibt. Sie erwarten das, was nie geschieht, weil sie das, was in Christus Jesus geschehen ist, nicht erkennen, dass nämlich der alte Mensch an dem Kreuz und im Tod Christi völlig beseitigt ist, und so vor Gott nicht mehr existiert und in keiner Beziehung mehr zu Ihm steht. Dies lesen wir auch ganz deutlich in Galater 5,24: „Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden.“ Ebenso in Kolosser 2,11: „in dem [d. i. Christus] ihr auch beschnitten worden seid mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus.“ Weiter in 1. Petrus 4,1: „Da nun Christus [für uns] im Fleisch gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, ruht von der Sünde.“ Wir sehen aus 1. Petrus 3,18, dass der Ausdruck „gelitten hat“ hier nichts anders bedeutet als: „gestorben oder getötet sein.“

Was ist nun das nächste Resultat unseres Gestorbenseins mit Christus und unserer Auferweckung mit Ihm? Es ist schon bemerkt worden, dass der nächste Zweck dieser Tatsache ist, um „in Neuheit des Lebens zu wandeln.“ Unser Dienst ist völlig verändert und darum auch die Frucht dieses Dienstes. Früher dienten wir der Sünde und brachten dem Tod Frucht. Jetzt dienen wir der Gerechtigkeit, um Gott Frucht zu bringen. Wir lesen in der zuletzt angeführten Stelle in 1. Petrus 4,1: „Denn wer im Fleisch gelitten hat, ruht von der Sünde“, und ebenso in Römer 6,6: „Damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“. Als natürliche Menschen haben wir, wie schon gesagt, unseren Dienst ganz und gar in der Sünde, wir sind völlig ihr unterworfener Sklave. Dieser Dienst aber hat für uns, die wir in dem auferstandenen Christus sind, sein Ende gefunden, weil dort der Leib der Sünde abgetan ist. Wir sind in dem Tod Christi davon befreit worden, und haben deshalb aufgehört, Sklaven der Sünde zu sein. Die Herrschaft der Sünde ist in seinem Tod für uns gebrochen und vernichtet. Unsere völlige Befreiung von dieser Herrschaft war der Zweck des Werkes Christi. Die Verwirklichung dieser Befreiung im praktischen Leben aber ist eine andere Sache. Wir verwirklichen dieses „Ruhen von der Sünde“ und dieses „Leben nach dem wohlgefälligen Willen Gottes“ nur durch den Glauben und in der Kraft des Heiligen Geistes. Wir besitzen das Leben des auferstandenen Christus, aber wir befinden uns in einem Leib, der dieser Schöpfung angehört, und der uns allen Versuchungen aussetzt. Deshalb ist unser Dienen und Wandeln auf dieser Erde ein Kampf des Glaubens. Wir müssen diesen Gedanken: „denn wer im Fleisch gelitten hat [d. i. mit Christus gestorben ist], ruht von der Sünde“ stets als eine Waffe gegen alle Versuchungen gebrauchen. Ähnliches finden wir in der ernsten Ermahnung in Römer 6,11 usw.: „So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde tot seid, Gott aber lebend in Christus Jesus.“ Dann aber auch bemerkt der Apostel in Vers 14: „Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade.“ Unter dem Gesetz sind wir im Fleisch und sind dessen Verderbtheit und Ohnmacht unterworfen, aber unter der Gnade sind wir in Christus und stehen in der Kraft des Geistes. Das Leben, was wir in dem auferstandenen Christus besitzen, ist der Sünde und ihrem Dienst nicht unterworfen, sondern der Gerechtigkeit, und deshalb lesen wir auch in 1. Petrus 2,24: „[…] Damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben.“ Ebenso in Römer 6,18: „Freigemacht aber von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit geworden.“ – Von Vers 20 dieses Kapitels an bis zum Ende wird uns die Frucht des Dienstes der Sünde und des Dienstes der Gerechtigkeit vorgestellt, und so traurig und schlecht die Frucht jenes Dienstes ist, so köstlich und gesegnet ist die Frucht dieses Dienstes. Das Ende der ersteren ist der „der Tod“, aber das Ende der letzteren „ewiges Leben.“

O, Dank der unaussprechlichen Gnade Gottes, die uns in Christus Jesus von jenem traurigen Dienst befreit, und in Ihm uns befähigt hat, Gott zu dienen und Frucht zu tragen!

Das bisher Gesagte, wird uns schon genügend überzeugen, wie gesegnet es ist, unsere Befreiung in Christus zu kennen, und die unermessliche Tragweite seines Werkes zu verstehen. Dies allein macht unsere Herzen völlig ruhig und sicher vor Gott. Wir sehen jeden Grund zur Furcht für immer beseitigt. Wir sind aber auch nicht eher fähig, über den glücklichen Dienst des Herrn nachzudenken und darin zu leben, bis wir unsere wahre Befreiung in Christus kennen gelernt haben, bis wir alles, was uns bisher hinderte, Gott wohlgefällig zu leben, völlig hinweggetan sehen, und bis wir erkennen, dass wir in Ihm das Leben und eine Fülle von Kraft besitzen. So lange dieses fehlt, sind wir stets mit uns selbst vor Gott beschäftigt, und deshalb mit Sorge und Unruhe erfüllt. Auch haben wir weder Zeit, noch sind wir fähig, an die Dinge Gottes zu denken. Der Befreite aber sieht und erkennt, dass Gott in Christus alles für ihn vollbracht hat, dass Er jede Furcht gestillt, jedes Hindernis beseitigt und jedes Bedürfnis völlig befriedigt hat. Nichts ist übrig geblieben, was ihn wirklich zu hindern vermöchte, wohlgefällig vor Ihm zu leben und in seinem Dienst voranzugehen, ja selbst alle gegenwärtigen Sorgen übernimmt Gott selbst, damit wir ungestört Ihm allein leben können. Es ist aber ein Leben im Glauben; denn nur der Glaube erkennt und verwirklicht durch die Kraft des Geistes alles das auf dieser Erde, was wir in Christus Jesus aus Gnaden besitzen.

Ehe wir diesen Teil unserer Betrachtung „die Befreiung in Christus Jesus“ schließen, wollen wir noch ein wenig bei der köstlichen Belehrung über diesen gesegneten Gegenstand, die wir in Römer 8 finden, stehen bleiben.

Schon in dem ersten Vers hören wir die tröstlichen Worte: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1). Weder die Sünden oder Übertretungen, noch die im Fleisch wohnende Sünde können denen, die in Ihm sind, noch irgendeine Verdammnis bereiten. Christus ist für sie gestorben und auferstanden, deshalb ist ihr Gericht völlig beendet, und ihre Rechtfertigung für immer gesichert. Wir lesen sogar in Hebräer 10,14: „Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ und in dem vorliegenden Kapitel in Römer 8,30: „[…] Welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ Alles ist schon in Ihm für die Seinen vollendet, sodass diese zu jeder Zeit und in allen Versuchungen sagen können: Keine Verdammnis mehr! Gott selbst ist jetzt für uns, wer mag gegen uns sein? Gott ist es, welcher rechtfertigt; wer ist, der verdamme? Nichts ist fähig, uns von der Liebe Gottes zu trennen (vgl. Röm 8,31–39). Unsere Stellung in dem auferstandenen Christus ist für immer gesichert und eine vollkommen gesegnete. Jede Frage über Sünde und Verdammnis ist in Ihm völlig beseitigt worden. Er kam für unsere Sünden unter die Gewalt des Todes hernieder. Er leistete den Anforderungen und dem Fluch des Gesetzes völlig Genüge, und ist dann ohne die Sünden in der Kraft eines neuen Lebens auferstanden und vor Gott in eine neue Stellung getreten. Und durch Vereinigung mit Ihm sind wir unseren Sünden entrissen und in diese neue Stellung, in das Auferstehungsleben mit Christus, versetzt. Er hat sich aber an unserer statt dem Gericht, das die Sünde erforderte, unterworfen, und ist dann von dem Tod auferstanden. In Ihm sind wir mitgestorben und mitauferweckt, und weil wir jetzt durch das Leben Christi leben, so kann keine Verdammnis mehr für uns sein. Es hat jetzt mit unserer ganzen Stellung, als im Fleisch vor Gott, und mit allem, was damit zusammenhängt, für immer ein Ende.

„Also ist jetzt keine Verdammnis.“ Diese Stelle sagt nicht nur, dass die, welche in Christus Jesus sind, nicht verdammt werden, sondern dass für sie keine Verdammnis mehr ist. Eine solche bestimmte und völlige Versicherung hat die Seele nötig, denn je näher bei Gott, desto wacher ist das Gewissen, und desto elender sind wir, wenn sich irgendetwas zwischen der Seele und Gott befindet. Es gibt aber eben so wenig für alle, die in Christus Jesus sind, irgendeine Verdammnis, als für Christus selbst. Er ist der Geliebte und Gesegnete Gottes, in welchem Gott seine Freude und sein Wohlgefallen hat. In Ihm ist aber unsere eigene Stellung vor Gott festgestellt, denn wie er ist, sind auch wir sind in dieser Welt (vgl. 1. Joh 4,17). „Furcht ist nicht in der Liebe.“ Wir sind in völliger Sicherheit und in vollkommenen Frieden in der Gegenwart Gottes, weil wir in Christus Jesus sind. Nichts kann uns beunruhigen, denn wir sind dort, wie Er ist. Hier ist keine Frage von Hoffnung mehr, sondern völlige Gewissheit. Ich hoffe nicht, dass meine Sünden getilgt, mein Gericht beendet und ich in eine neue und sichere Stellung vor Gott gebracht bin, sondern ich bin völlig sicher darüber, denn dies alles ist allein die Wirkung des Werkes Christi, und dieses Werk ist vollbracht. Wäre es auch nur in etwa von meinem Wandel abhängig gemacht, dann könnte ich sicher nicht von einer Gewissheit, ja nicht einmal von einer Hoffnung in dieser Beziehung reden. Der einfache Glaube aber gründet sich allein auf das vollbrachte und ewig gültige Werk Christi, und deshalb sind wir unserer Errettung völlig sicher und erfreuen uns unserer Stellung in Christus in der Gegenwart Gottes. Und in dieser gesegneten Gegenwart ist keine Verdammnis mehr, hier hat es ein Ende mit dem ganzen Zustand, auf welchen sie anwendbar war, denn sie hat ihre ganze Macht an Jesus ausgeübt.

In Römer 8 finden wir, was wir in der letzten Hälfte von Römer 7 nicht fanden – Christus und den Heiligen Geist. Wir lesen schon im Römer 8,2: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ In Römer 7 fanden wir Gefangenschaft, hier Freiheit. Dort ist der nach Gewissen und Willen erneuerte Mensch ein Gefangener der Sünde, hier aber haben wir die Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes. Wir sind durch den letzten Adam, der das Leben gibt, auferweckt. Wir haben an seiner Auferweckung teil und sind deshalb auch in Ihm jeglicher Verdammnis entgangen. Durch Christus versöhnt und befreit von der Sünde, sind wir in das Leben eingetreten.

Es ist nun wahr, dass wir erst dann in Wahrheit unsere Zuflucht zu Jesus genommen und Ihn im Glauben ergriffen haben, als wir im Gefühl unserer Verdammungswürdigkeit und unserer gänzlichen Hilflosigkeit dastanden, und Gott kann auch erst dann als ein Gott der Kraft mit uns handeln, wenn das Gewissen rein ist. Er wird uns nicht eher Kraft besitzen lassen, bis wir uns der Verdammnis unterworfen haben und uns in dem auferstandenen Christus befinden. In Ihm finden wir lebendige Kraft, die uns von dem Gesetz der Sünde und des Todes freimacht. In Verbindung mit Christus haben wir das Leben und besitzen die Kraft.

In dem 3. Vers des vorliegenden Kapitels sehen wir, dass das, was das Gesetz nicht tun konnte, Gott getan hat. „Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Röm 8,3). – Die Unmöglichkeit von Seiten des Gesetzes liegt in der Kraftlosigkeit des Fleisches, und nicht im Gesetz selbst. Es verspricht denen das Leben, die es halten, und weil es niemand hält, so gibt es auch nie das Leben. Christus allein gibt das Leben. Wenn das Gesetz an dem Fleisch wirkt, so wird es das Fleisch nur vernichten, aber nie bewirkt es die Gabe der Gerechtigkeit. In diesem Vers sehen wir ganz deutlich, was mit der Sünde im Fleisch, wodurch die unbefreite Seele stets beunruhigt wird, geschehen ist. Gott sandte seinen Sohn in Gleichheit des Fleisches der Sünde und als Opfer für die Sünde und verurteilte die Sünde im Fleisch. Auf diese Weise ist sie gerichtet und weggetan. Gott hat es in dem Opfer Christi für uns vollbracht. Das ganze Gericht ist an Christus vollzogen worden. Die Sünde im Fleisch, die uns nur mit Angst und Schrecken erfüllen konnte, ist außer uns in Christus ganz und gar beseitigt worden. Christus starb nicht nur für die Sünden, sondern auch für die Sünde. Wir haben in Ihm eine wirkliche und vollkommene Erlösung. Wenn Gott unsere Befreiung bewerkstelligt, so tut Er es vollkommen. Er befreit uns nicht von unseren Sünden und lässt uns unter der Sünde, damit unser Gewissen sich vergeblich darin zermürbt.

Es handelt sich hier nicht um Vergebung, sondern um Befreiung, um in Freiheit vor Gott zu stehen. Der aufrichtige Gläubige bedarf Kraft über die Sünde, mit welcher er jeden Tag im Kampf steht. Ebenso braucht er ein wirklich befreites Gewissen in der Gegenwart Gottes, denn sonst, wenn auch die vergangenen Sünden hinweggetan sind, würde die Sünde in seinen Gliedern als ein Gesetz, wodurch er der Sünde Knecht ist, wirksam sein. Zwar weiß und fühlt er, dass die Wurzel der Sünde noch vorhanden ist, aber Wurzel und Zweig sind durch Gottes Sendung seines Sohnes gerichtet. Gott selbst hat daran gedacht – Er sandte seinen eignen Sohn. Was für eine Liebe! Er hat in Ihm nach seiner Gnade und seinem Vorsatz das Werk der Befreiung völlig für uns vollbracht.

In Vers 4 ist von unserem Wandel die Rede. „damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Röm 8,4). Das Recht des Gesetzes wird in uns erfüllt. Früher wandte sich das Gesetz an unser Fleisch, dessen Begierden die Erfüllung des Gesetzes verweigern und sich sogar gegen seine Autorität auflehnen. Jetzt aber ist ein neues Leben in Kraft vorhanden. Dieses unterscheidet die Begierden des Fleisches und bringt sie ans Licht; es bewirkt auch, dass ich nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist lebe. Das Fleisch ist unverändert vorhanden, und deshalb bin ich ermahnt, nicht nach dem Fleisch zu leben. Dieses Vorhandensein des Fleisches entschuldigt uns nicht, wenn wir nach diesem leben, weil der Geist Christi in uns ist. Das Fleisch muss durch den Geist gerichtet und niedergehalten werden. Bei jedem Christen ist das Fleisch noch unverändert da, und dennoch ist er nicht im Fleisch. Das Vorhandensein des Fleisches verunreinigt weder unser Gewissen, noch verhindert es unsere Gemeinschaft mit Gott. Wenn wir aber in irgendeiner Weise dem Fleisch zu handeln erlauben, dann wird das Gewissen verunreinigt und die Gemeinschaft mit Gott ist unterbrochen. Und ist dies geschehen, so ist es nötig, dass wir unsere Sünden bekennen, damit wir Vergebung finden und wieder gereinigt werden.

Die vier folgenden Verse stellen uns besonders den Zustand und die Stellung des natürlichen und des geistlichen Menschen oder des Christen dar. Der natürliche Mensch ist „nach dem Fleisch“ der geistliche „nach dem Geist.“ Jeder hat seinen Sinn auf Gegenstände gerichtet, die seinem besonderen Wesen oder seiner Natur entsprechend sind. Der Eine richtet seinen Sinn nach dem, was des Fleisches, und der Andere nach dem, was des Geistes ist. „Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod“ (Röm 8,6). Der fleischliche Sinn ist ohne alle wahre Frucht und liegt unter dem Tod des alten Adams. Der Tod tritt ein, um diesen Zustand zu versiegeln. „Die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden“ (Röm 8,6). Sie ist in völliger Übereinstimmung mit Gott, während die Gesinnung des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist und sich seinem Gesetz nicht unterwirft.

In Vers 9 wird von uns, d. i. von allen, die in Christus Jesus sind, ausdrücklich gesagt, dass wir unsere Stellung vor Gott nicht in dem Fleisch haben – nicht in dem ersten Adam, nicht in seiner Natur und seinem Willen. „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt“ (Röm 8,9). Wir werden vor Gott als lebend in dem Geist betrachtet, obgleich das Fleisch und dessen Begierden vorhanden sind. Die Macht des Lebens aus Gott hat den neuen Menschen in Christus bereitet und wirkt in Ihm. Wir besitzen das Leben des auferstandenen Christus, und in diesem Leben haben wir unsere Stellung vor Gott, obgleich das Fleisch suchen wird, uns zu leiten. Leben wir in der Kraft des Geistes, so werden wir die Begierden des Fleisches nicht vollbringen.

Wir sehen also, dass Gott nicht allein für uns wirkt, sondern auch in uns. Er bringt nicht nur eine neue Natur hervor, sondern Er wohnt und wirkt auch darin. Außer der neuen Natur haben wir auch Kraft nötig. Haben wir nur eine neue Natur, so wünschen wir, das Gute zu vollbringen, aber es fehlt uns die Kraft dazu, wie wir in Römer 7 gesehen haben. Wenn aber der Geist Gottes in uns wohnt, so haben wir nicht nur neue Wünsche und Neigungen, sondern auch die lebendige Kraft, um sie zu erfüllen. Deshalb heißt es auch nicht: „Ihr seid nicht in dem Fleisch, sondern in dem Geist“, wenn ihr aus dem Geist geboren seid, – obgleich dies wahr ist – sondern: „wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt“ (Röm 8,9). Gott selbst ist es, der in Kraft, als Geist Gottes, in uns wirkt.

In Römer 8,10 und 11 sehen wir, dass auch der Leib nicht vergessen ist. Er hat ebenfalls Teil an der völligen Auferstehungskraft. Der Leib ist jetzt zwar tot der Sünde wegen, aber er wird auferweckt, wegen des in uns wohnenden Geistes. Er wird den Leib nicht lassen, bis Er ihn dem verherrlichten Leib Christi gleichgestaltet hat. Am Ende haben wir einen Leib, der dem Leben, welches wir durch den Geist haben, gleichförmig ist.

Es ist bemerkenswert, dass das Wort Gottes von dem Heiligen Geist als unserem Leben spricht, und auch als getrennt von diesem Leben, und wirksam in diesem. Er ist beides: Natur und Kraft. Die neue Natur ist uns gegeben und der Heilige Geist wohnt in uns. Er ist stets in unseren Herzen wirksam, denn wir lesen in Vers 27: „Der Geist selbst verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern“ (Röm 8,26). Ich mag selbst mein Seufzen nicht verstehen, aber eins weiß ich, dass der Geist es ist, der es in mir tut. Ich mag keine Einsicht haben, um zu wissen, was die rechte Antwort darauf ist, aber Gott findet dies Wirken des Heiligen Geistes im Mitgefühl für das, was um mich her ist, Gott gemäß. „Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist“ (Röm 8,27). Der Heilige Geist wirkt in uns und zwar in Verbindung mit diesem Leben.

Der Heilige Geist ist nicht nur eine Quelle des Lebens in uns, sondern Er wirkt auf dieses Leben und wirkt in diesem. Er leitet und führt uns als Christen. Er leitet aber nicht das Fleisch, sondern den neuen Menschen.

Wir können gläubig sein, ohne den Geist zu haben, wie wir in Epheser 1,13 sehen: „In dem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung“ (Eph 1,13; vgl. Apg 8,15.16; 19,2.3). Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Heilige Geist uns wirklich gegeben ist, nachdem wir gläubig geworden sind, um in uns zu wohnen. „Weil ihr aber Söhne seid, so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater!“ (Gal 4,6). Die Innewohnung des Heiligen Geistes und seine belebende Kraft sind aber zwei verschiedene Dinge. Ersteres konnte nicht eher stattfinden, bis Christus verherrlicht war. Jetzt sind wir ein Tempel des Heiligen Geistes, welcher in uns ist, und welchen wir von Gott haben. Jesus ging hinweg und der neue Sachwalter kam hernieder. Er ist bleibend, und ist nicht allein mit uns, wie es Christus war, sondern auch in uns. Er vergegenwärtigt uns die Dinge Christi und gibt uns auch die Fähigkeit, sie zu erfassen. Ebenso sind wir durch Ihn fähig, diese Dinge zu genießen und in der Kraft derselben zu leben.

Es ist eine köstliche und gesegnete Wahrheit, dass wir den Heiligen Geist als eine innewohnende Kraft besitzen. Wir haben das Leben und den Heiligen Geist, der zugleich die Kraft dieses Lebens ist. Die Wirkung der persönlichen Gegenwart und Innewohnung des Heiligen Geistes finden wir selbst in den Aposteln, wenn wir sie vor und nach dem Pfingsttag beobachten, augenscheinlich offenbart. Betrachten wir z. B. Petrus. Er verleugnete vorher den Herrn auf die traurigste Weise und nachher bekannte er Ihn mit aller Freimütigkeit vor dem hohen Rat. Es war nicht die Freimütigkeit des Fleisches, sondern die Frucht der Gegenwart des Heiligen Geistes. Dieser war es, der in ihnen diese geistige Energie und Kraft wirkte, sodass das Gewissen in der vollkommen Freiheit vor Gott sein konnte und die Menschenfurcht verschwand.

Christus sandte den Heiligen Geist vom Vater, und Er ist in uns als Geist der Kindschaft, durch welchen wir „Abba, Vater!“ rufen. Durch Ihn sind wir gemäß der Stellung Christi in die Gegenwart des Vaters und in die direkte Gemeinschaft mit der Herrlichkeit gebracht (vgl. Röm 8,14–17). Dies verleiht unserem praktischen Leben seinen wahren Charakter.

Der Geist Gottes ist es, der uns auf dem Weg leitet und unsere Herzen mit Christus beschäftigt. Er richtet unser Auge rückwärts und lehrt uns die Herrlichkeit des Kreuzes. Wir haben dessen errettende Kraft kennen gelernt und können es jetzt im vollen Frieden anschauen, weil wir uns auf demselben an der Seite Gottes wissen. Gott und die Sünde sind einander auf dem Kreuz in der Person Christi begegnet. Und welch eine Freude für uns zu wissen, dass hier in dem tiefsten Leiden für unsere Errettung beide, Gott und Christus, auf das Völligste verherrlicht sind! Christus erduldete im Gehorsam unter den Willen seines Vaters alle diese Qualen für meine Sünden, und es gab keinen Augenblick, wo nicht des Vaters Blick mit Wohlgefallen auf Ihm ruhen konnte. Sehe ich, was ich in Christus bin, und sehe ich, dass sowohl Christus als auch der Vater in Betreff meiner völlig befriedigt und verherrlicht sind, dann wird das Herz von dem Gefühl seiner Liebe durchdrungen und nieder gebeugt. Ich sehe, dass ich die Frucht der Arbeit der Seele Christi bin. Auf Ihm ruht der Strahl der Liebe Gottes, und ich bin in Ihm. „An jenem Tag [d. i. wenn ihr den Heiligen Geist empfangen habt] werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch“ (Joh 14,20). Wir sind schon völlig eins mit Ihm, und es fehlt uns nichts weiter, als völlig bei Ihm zu sein. Deshalb erinnert uns auch der Heilige Geist stets an diese Worte: „Also werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“ Der Heilige Geist führt uns zu Christus und ernährt uns auf dem ganzen Weg von Ihm. Das Kreuz ist der Anfang oder der Ausgangspunkt auf der Reise. Es trennt uns von der Welt und ihrem Wesen. Wir werden auf dem Weg zwar vielen Versuchungen ausgesetzt sein, aber wir werden glücklich hindurchgehen, wenn die Gefühle und Neigungen unserer Herzen allein auf Christus gerichtet sind.

Es ist aber traurig, wenn wir die Wüste zum Gegenstand unserer Herzen machen, wie Israel tat. Wir werden sicher in unseren Seelen ermatten, sobald wir nach dem Irdischen trachten. Dies tat der Apostel Paulus nicht, denn er sagte: „Eins aber tue ich: Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus“ (Phil 3,13.14).

Es ist überaus köstlich, durch den Geist die unermessliche Fülle, die wir in Christus besitzen, und den wahren Charakter unseres Verhältnisses zu Gott zu kennen. Er hat alle meine Sünden getilgt. Er hat mich geliebt und mich zu seinem Kind gemacht. Dies ist jetzt das Verhältnis, in welchem ich zu Ihm stehe. Hinfort kenne ich Ihn nur als meinen geliebten Vater, und mich als sein gesegnetes Kind. Ich bin aber auch ein Erbe, ein Erbe Gottes und Miterbe Christi. Dies ist meine Freude und meine Hoffnung durch den Geist. Ich gehe zwar durch eine Welt, wo viel Kummer ist und wo die Sünde wohnt und finde deshalb, wenn ich durch den Geist Gottes geleitet werde, Trübsal darin, weil auch Christus als ein Leidender hindurch ging, aber es ist der Pfad zu Jesus und seiner Herrlichkeit. Ich weiß aber auch das Eine, „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken“ (Röm 8,28). Gott ist nicht allein in uns wirkend durch den Heiligen Geist, sondern ist auch allezeit für uns. Er hat uns zuvor erkannt, zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, und hat uns berufen, gerechtfertigt und verherrlicht. Dies ist der Ratschluss Gottes, der schon in Christus für uns vollendet ist. Es fehlt nichts mehr, wir besitzen alles in Ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes. Niemand kann jetzt noch gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben, denn Gott ist für uns. Niemand kann uns verdammen, denn Gott rechtfertigt uns und niemand kann uns von seiner Liebe trennen, denn Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auch auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet (vgl. Röm 8,29–39).

Hiermit will ich die Betrachtung dieses Teiles „die Befreiung in Christus Jesus“ schließen. Ich bekenne gern, dass dieser gesegnete Gegenstand durch die vorliegende Betrachtung bei Weitem nicht erschöpft ist, doch ich hoffe, dass es schon genug sein wird, um uns erkennen zu lassen, wie sicher und erhaben unsere Stellung und wie unermesslich unsere Segnungen sind, die wir in Christus Jesus aus Gnaden empfangen haben. Ebenso sehr hoffe ich, dass jeder vom Geist Gottes geleitete Leser aus dem bisher Gesagten verstanden haben wird, worin die wahre Befreiung eines Christen besteht. Er wird überzeugt worden sein, dass wir in Christus mehr empfangen haben, als sagen zu können: „das Gute was ich will, tue ich nicht“. Er wird überzeugt sein, dass am Kreuz durch das Opfer seiner selbst nicht nur unsere Sünden getilgt, sondern dass auch der Leib der Sünde in seinem Tod weggetan ist, damit wir nicht mehr der Sünde dienen, sondern dass wir in einem neuen Leben, in dem Leben des auferstandenen Christus, für immer unsere gesegnete Stellung und unseren Dienst vor Gott haben. Wir sind versöhnt und sind auch befreit. Wir haben in Ihm das Leben und haben auch, wenn anders der Geist Gottes in uns ist, die Kraft, um nach der Natur dieses Lebens zu leben. Und endlich werden wir verstehen, dass Gott nur dadurch verherrlicht werden kann, dass wir der Stellung und dem Verhältnis, worin wir in Christus Jesus gebracht sind, auch allezeit entsprechen, wenn wir durch unser ganzes Betragen im Wort und Wandel seine Tugenden verkündigen. Hierzu sind wir auf dieser Erde berufen und in Christus Jesus zubereitet, und hierzu haben wir auch den Geist empfangen.

Der Gott aller Gnade aber gebe uns immer mehr erleuchtete Augen, um unsere wahre Befreiung in Christus Jesus völlig zu erkennen und durch die Kraft des Heiligen Geistes zu verwirklichen.

(Fortsetzung folgt.)

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