Die Opfer des 3.Buches Mose und ihre vorbildliche Bedeutung

Das Brandopfer

Die erste Art Opfer, zugleich die vollständigste und meist charakteristische der „Feueropfer lieblichen Geruchs“, ist das Brandopfer. Der Anbeter musste sein Opfer an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft bringen und es vor dem HERRN schlachten, zum Wohlgefallen für ihn. 1

Was nun zunächst den Ort betrifft, wo der ganze Dienst vor sich ging, so war die Stiftshütte in drei Teile geteilt. Den ersten bildete das Allerheiligste, der innerste Teil des Zeltes, der durch einen Vorhang von dem übrigen getrennt war. Hier befanden sich die Bundeslade und die Cherubim der Herrlichkeit, die den Sühnungsdeckel oder Gnadenstuhl überschatteten, und nichts anderes. Hier war der Thron Gottes, sowie das Vorbild von Christus, in welchem Gott sich geoffenbart hat, von Christus, der wahren Bundeslade und dem wahren Gnadenstuhl.

Der Vorhang deutete an, wie der Apostel uns sagt, dass der Weg ins Allerheiligste nicht geoffenbart war, solange der alte Haushalt noch bestand. Außerhalb, unmittelbar vor dem Vorhang, stand der goldene Räucheraltar, von dem man bei gewissen Gelegenheiten Weihrauch in einem Räucherfass nahm, um ihn innerhalb des Vorhangs darzubringen. Seinem Zweck nach gehörte er also zum Allerheiligsten. Ferner stand außerhalb des Vorhangs (in einem Teil der Stiftshütte, der zur Unterscheidung von dem „Allerheiligsten“ „das Heilige“ genannt wurde), auf der einen Seite der Schaubrottisch und auf der anderen der siebenarmige goldene Leuchter – die Schaubrote ein Vorbild des fleischgewordenen Christus, des wahren Brotes, in Verbindung mit und als Haupt von den zwölf Stämmen; der Leuchter ein Bild der Vollkommenheit 2 des Geistes als Spender des Lichts. Die Kirche kennt Christus also, und der Heilige Geist wohnt in ihr. Was sie jedoch als Kirche charakterisiert, ist die Kenntnis eines himmlischen und verherrlichten Christus und die Gegenwart des Heiligen Geistes in Einheit in ihr. Hier ist es Christus in seinen irdischen Beziehungen, und der Heilige Geist in seinen mannigfaltigen Machtentfaltungen.

In das „Heilige“ ging nicht nur der Hohepriester hinein, sondern die Priester im allgemeinen hatten hier fortwährend Zutritt, aber auch nur sie allein. Wir wissen, wer jetzt dort eingehen darf, und wer allein. Es sind diejenigen, die zu Königen und Priestern gemacht sind, die wahren Heiligen Gottes. Nur, dürfen wir hinzufügen, ist jetzt der Vorhang, der das Allerheiligste verbarg und den Zugang dahin versperrte, von oben bis unten zerrissen und darf nie wieder erneuert werden. Wir haben durch das Blut Jesu Freimütigkeit ins Allerheiligste einzutreten. Der Vorhang, „das ist sein Fleisch“, ist zerrissen worden. Wir finden in Johannes 6 nicht nur das in dem fleischgewordenen Christus vom Himmel hernieder gekommene Brot, sondern auch Fleisch und Blut, d.i. den gestorbenen Christus. Einsgemacht mit Christus treten wir jetzt ein und setzen uns im Geist da nieder, wo er sich gesetzt hat. Unser Vorrecht ist, zu aller Zeit und als solche, die ein Recht dazu haben, ins Heiligtum einzugehen – das Heiligtum ein Bild des geschaffenen Himmels; das Allerheiligste ein Bild dessen, was in der Schrift „die Himmel der Himmel“ genannt wird. In gewissem Sinn, was geistliches Hinzunahen und geistlichen Verkehr betrifft, sind jetzt, nachdem der Vorhang zerrissen ist, Allerheiligstes und Heiliges zu einem geworden, obwohl Gott stets in einem für den Menschen unnahbaren Licht wohnt. Wir befinden uns schon jetzt, wiewohl nur im Geist, als Priester in den himmlischen Örtern.

Draußen vor dem Heiligtum befand sich der Vorhof, umgeben von Byssus-Behängen, die an Säulen befestigt waren. Beim Eintritt in diesen Hof begegnete man zunächst dem Brandopferaltar. Zwischen diesem und der Stiftshütte stand das eherne Waschbecken, in welchem die Priester sich wuschen, bevor sie zur Verrichtung ihres Dienstes in die Stiftshütte gingen.

Es liegt auf der Hand, dass wir Gott nicht nahen können, als nur auf Grund des Opfers Christi, und dass wir gewaschen sein müssen in dem Waschbecken der Wiedergeburt, ehe wir im Heiligtum dienen können. 3 Als Priester bedürfen wir auch der Fußwaschung seitens des Herrn, um unseren beständigen Dienst im Heiligtum ausüben zu können (s. Joh 13).

Auf diesem Weg hat Christus selbst sich genaht, allerdings nicht auf Grund des Opfers eines anderen, sondern indem Er sich selbst als ein vollkommenes Opfer Gott darbrachte. Es gibt nichts Rührenderes, nichts, was unserer eingehenden Betrachtung würdiger wäre, als die Art und Weise, wie Jesus sich freiwillig Gott darstellte, damit Gott in ihm vollkommen verherrlicht werde. Er litt schweigend, und dieses Schweigen war das Ergebnis eines vollkommenen und tiefen Entschlusses, sich im Gehorsam für die Verherrlichung Gottes aufzuopfern. Und diesen Dienst hat Er, gepriesen sei sein Name, voll und ganz erfüllt, so dass der Vater jetzt in seiner Liebe zu uns ruht.

Diese Hingebung an die Herrlichkeit des Vaters konnte sich auf zweierlei Art offenbaren: zunächst dadurch, dass Er alle Kräfte und Fähigkeiten des lebenden Menschen (dessen Vollkommenheit aber durch den Tod und das Feuer des Gerichts erprobt werden musste), Ihm widmete – das ist es, was uns im Speisopfer dargestellt wird; und zweitens dadurch, dass Er sich selbst, sein Leben, der göttlichen Herrlichkeit zum Opfer brachte – das ist es, was wir im Brandopfer vorgebildet finden. Beide Opfer sind grundsätzlich gleich, indem sie die gänzliche Widmung des menschlichen Daseins Gott gegenüber darstellen, das eine die Widmung des lebenden, handelnden Menschen, das andere die Hingabe des Lebens in den Tod.

Bei dem Brandopfer brachte der Opfernde das Opfertier ganz und gar Gott dar an dem Eingang des Zeltes der Zusammenkunft. So hat auch Christus sich dargebracht, um den Ratschluss Gottes zu erfüllen und ihn zu verherrlichen. In dem Vorbild waren das Opfer und der Opfernde notwendigerweise unterschieden, und der Opfernde legte seine Hände auf den Kopf des Opfertiers zum Zeichen, dass er sich mit ihm eins machte. Christus war beides: Er war das Opfer, und er opferte sich selbst. Führen wir einige Stellen an, die uns Christum in diesem Charakter vorstellen, wie er den Platz dieser Opfer einnimmt. Der Heilige Geist lässt den Herrn in Hebräer 10,7 sagen, indem er Psalm 40 anführt: „Da sprach ich: Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben. Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens.4

Christus also, der sich völlig hingibt, um den ganzen Willen Gottes zu tun, tritt an die Stelle der Opfer. Er ist das Gegenbild der „Schatten der zukünftigen Güter“. Wenn er an einer anderen Stelle von seinem Leben spricht, so sagt er: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt es zu lassen, und habe Gewalt es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10,18). Das war Gehorsam, aber ein Gehorsam, der sich in der Aufopferung seiner selbst kundgab. Deshalb sagt er auch im Hinblick auf seinen Tod: „Der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir; aber auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat“ (Joh 14,30. 31). So lesen wir auch in Lukas 9,51: „Es geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten, dass er sein Angesicht feststellte, nach Jerusalem zu gehen“. – wie schön und voller Gnade ist doch dieser Weg des Herrn! Er war ebenso fest entschlossen, sich Gott zu weihen, und sich zur Verherrlichung Gottes allen Folgen dieser Widmung zu unterwerfen, wie der Mensch leichtfertig gewesen war, sich von Gott zu entfernen und hartnäckig in dieser Entfernung zu beharren. Jesus machte sich selbst zu nichts und erniedrigte sich bis zum Tod, damit auf diesem Weg die Majestät und Liebe Gottes, seine Wahrheit und Gerechtigkeit vollkommen ans Licht gebracht werden könnten.5 So wurde der Mensch in der Person Christi mit Gott versöhnt. Gott ist ebenso vollkommen in dem Menschen verherrlicht worden, wie Er in ihm verunehrt worden war (Der Leser wolle beachten, dass ich nicht sage: in den Menschen, sondern in dem Menschen). Und das gesegnete Ergebnis war nicht nur Vergebung der Sünden, sondern Einführung in die Herrlichkeit Gottes.

Das Brandopfer musste „ohne Fehl“ sein. Die Anwendung dieser Eigenschaft auf Christus ist zu deutlich, um einer Erklärung zu bedürfen. Er war das Lamm „ohne Fehl und ohne Flecken“. Der Opfernde musste das Opfertier vor dem HERRN schlachten. Dieser Umstand macht die Ähnlichkeit mit Christo vollständig, denn obgleich er offenbar nicht sich selbst töten konnte, gab er doch sein Leben freiwillig hin. Niemand nahm es von ihm. Er ließ es freiwillig vor dem HERRN. Das war, in der Zeremonie des Opfers, das Teil dessen, der das Opfer darbrachte, und ebenso war es das Teil Christi als Mensch. Der Mensch sah im Tod Christi nur das Gericht des Menschen, die Macht des Kajaphas oder die Macht der Welt. In Wirklichkeit aber, als Opfer betrachtet, opferte Christus sich selbst vor dem HERRN.

Wir kommen jetzt zu dem Teil, das der Herr und der Priester an dem Brandopfer hatten. Das Opfer musste dem Feuer des Altars Gottes unterworfen werden. Es wurde in Stücke zerschnitten, gewaschen und so, entsprechend der Reinigung des Heiligtums, dem Gericht Gottes anheimgegeben, denn das Feuer, als Vorbild, bezeichnet stets das Gericht Gottes. Was die Waschung mit Wasser betrifft, so machte sie das Opfer vorbildlich zu dem, was Christus seinem Wesen nach war: rein. Bedeutungsvoll aber ist hier, dass die Reinigung des Opfers und die unsrige nach demselben Grundsatz und nach demselben Maßstab geschehen. Wir sind geheiligt durch den Geist zum Gehorsam. Jesus kam, um den Willen seines Vaters zu tun, und so hat er, vollkommen von Beginn seiner Laufbahn an, an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt. Allezeit vollkommen gehorsam, wurde sein Gehorsam doch auf immer schwerere Proben gestellt, so dass er stets an Tiefe und Vollendung zunahm: er lernte den Gehorsam. Derselbe war neu für ihn als eine göttliche Person (für uns ist er neu, weil wir von Natur Aufrührer sind gegen Gott), und er lernte ihn in seiner ganzen Ausdehnung.

Überdies geschieht diese Waschung mit Wasser in unserem Fall durch das Wort, und Christus bezeugt von sich selbst, dass der Mensch von jedem Wort lebe, das durch den Mund Gottes ausgehe. Selbstredend besteht notwendigerweise dieser Unterschied, dass Christus in sich selbst Leben hatte und das Leben war (s. Joh 1. u. 5), während wir dieses Leben von ihm empfangen. Und während er selbst dem geschriebenen Wort gehorsam war, bilden die Worte, die von seinen Lippen flossen, den Ausdruck seines Lebens und sind die Richtschnur für das unsrige.

Untersuchen wir diesen Gegenstand noch etwas näher. Das Wasser der Reinigung stellte auch die Macht des Heiligen Geistes dar, die durch das Wort und den Willen Gottes wirkt, sowie den Beginn dieses Lebens in uns: „Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, auf dass wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe“ seien (Jak 1,18). „Durch welchen Willen wir geheiligt sind“ (Heb 10,10). Dieses Werk des Geistes aber findet uns tot in Sünden und Vergehungen. Die Befreiung muss also durch den Tod und die Auferstehung Christi geschehen. Deshalb floss bei seinem Tod Wasser und Blut aus seiner Seite hervor, als Zeichen der reinigenden und sühnenden Kraft. Der Tod also, und der Tod allein, reinigt uns von der Sünde und sühnt sie. „Wer gestorben ist, ist freigesprochen von der Sünde“ (Röm 6,7), und das Wasser wurde auf diese Weise das Zeichen des Todes, denn dieser allein reinigt.

Diese Wahrheit von einer wirklichen, durch den Tod erfolgten Reinigung war denen, die unter dem Gesetz lebten, notwendigerweise verborgen. Sie besaßen nur die Vorbilder davon, denn das Gesetz wandte sich an den lebenden Menschen und forderte Gehorsam von ihm. Der Tod Christi aber stellte die Wahrheit ans Licht, dass wir tot waren, dass in unserm Fleisch nichts Gutes wohnte, und dass also eine Reinigung nur durch Tod und Auferstehung erfolgen konnte. Deshalb sagt die Schrift, indem sie auf den symbolischen Gebrauch des Wassers in der Taufe anspielt: „Wisset ihr nicht, dass wir, so viele auf Christum Jesum getauft worden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ Indes ist es klar, dass wir nicht bei dem Tod stehen bleiben dürfen, denn gerade die Mitteilung des Lebens Christi befähigt uns, den alten Menschen für tot zu halten und uns selbst als bereits gestorben in unsern Vergehungen und Sünden. „Wenn Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot der Sünde wegen, der Geist aber Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Röm 8,10). Auch wird uns gesagt: „Euch, als ihr tot wart in den Vergehungen und in der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm“; und: „So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, auf dass, gleichwie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, also auch wir in Neuheit des Lebens wandeln“ (Kol 2,13; Röm 6,4). Nur in der Macht eines neuen Lebens sind wir fähig, uns der Sünde für tot zu halten. Erst dann, wenn wir die Kraft des Todes und der Auferstehung Christi verstanden haben und wissen, dass wir in ihm sind durch den Heiligen Geist, können wir sagen: Ich bin mit Christo gekreuzigt; ich bin nicht mehr im Fleisch. Wir sehen also, dass diese Reinigung, die für den Juden nur in einer sittlichen Wirkung bestand, in uns wirksam ist durch die Mitteilung des Lebens Christi und das darstellt, was uns gemäß der Kraft seines Todes und seiner Aufehrstehung geheiligt hat. Die Sünde als Gesetz in unsern Gliedern ist gerichtet. Der erste Adam hat als eine lebendige Seele sich selbst verderbt. Der zweite Adam teilt als ein lebendig machender Geist uns ein neues Leben mit.

Wenn aber die Mitteilung des Lebens Christi durch die Versöhnung diese Wirkung in uns hervorbringt, so ist es offenbar, dass dieses Leben in ihm wesentlich rein war, während in uns das Fleisch wider den Geist gelüstet. Jesus war, selbst dem Fleisch nach, von Gott geboren. Nichtsdestoweniger musste er, obgleich vollkommen rein, sich der Taufe unterziehen, und zwar nicht nur der Wassertaufe, um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern auch zur Erprobung alles dessen, was in ihm war, der Feuertaufe. „Ich habe eine Taufe“, sagte er, „womit ich getauft werden muss, und wie bin ich beengt, bis sie vollbracht ist!“

Christus opferte sich also gänzlich Gott, um Gottes Herrlichkeit völlig zu offenbaren und sich seinem Gericht zu unterwerfen. Das Feuer erprobte, was er war. Er musste „mit Salz gesalzen werden“. Die vollkommene Heiligkeit Gottes, in der ganzen Gewalt seines Gerichts, erprobte bis aufs äußerste alles was in Jesu war. Der Schweiß, der wie große Blutstropfen zur Erde fiel, das ergreifende Flehen, das er im Garten Gethsemane „mit starkem Geschrei und Tränen“ empor sandte, die tiefe Seelenangst, die ihm am Kreuz, im Bewusstsein seiner Gerechtigkeit, den Schrei auspresste: „Warum hast du mich verlassen?“ – ein Schrei, der im Blick auf eine Erleichterung der Bedrängnis unbeantwortet bleib, – alles das zeigt uns den Sohn Gottes völlig auf die Probe gestellt. Tiefe rief der Tiefe. Alle Wogen und Wellen des Gerichts gingen über ihn hin (Ps 42,7). Aber so wie er sich ganz und gar freiwillig dieser Probe unterwarf, die bis auf den tiefsten Grund seiner Seele ging, ebenso hat dieses Feuer des Gerichts, das seine innersten Gedanken erprobte, nichts anderes hervorzubringen vermocht als einen lieblichen Geruch für Gott. Es ist bemerkenswert, dass das Wort, welches im Urtext angewandt wird, um die Handlung des Verbrennens des Brandopfers zu bezeichnen, dasselbe ist, wie dasjenige, dessen die Schrift sich bedient, wenn sie von dem Verbrennen des Weihrauchs redet. Handelt es sich dagegen um das Verbrennen des Sündopfers, so gebraucht sie ein anderes Wort.

Wir erblicken also in dem Brandopfer Christum in der vollkommenen Aufopferung seiner selbst, sowie in der Erprobung des Innersten seiner Seele durch das Feuer des schrecklichen Gerichts Gottes. Sein Leben, das wie ein Brandopfer auf dem Kreuz verzehrt wurde, war „ein Opfer lieblichen Geruchs dem HERRN“, in jeder Beziehung unendlich angenehm für Gott. Da war nicht ein Gedanke, nicht ein Wille, oder er wurde dort auf die Probe gestellt und sein Leben darin verzehrt. Alles wurde, ohne dass er anscheinend irgend eine Antwort erhalten hätte, von ihm aufgeopfert. Alles war von Anfang bis zu Ende ein duftender Wohlgeruch für Gott.

Als Noah sein Brandopfer darbrachte, heißt es: „Der HERR roch den lieblichen Geruch, und der HERR sprach in seinem Herzen: Nicht mehr will ich hinfort den Erdboden verfluchen um des Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1. Mo 8,21). Es hatte Gott gereut, dass er den Menschen gemacht hatte, und ihn geschmerzt in sein Herz hinein (1. Mo 6,6). Als er nun aber den lieblichen Geruch roch, sprach er in seinem Herzen: „Ich will nicht mehr verfluchen“. So hat Gott auch ein vollkommenes und unendliches Wohlgefallen an der freiwilligen Opferung Christi gefunden. Bei dem Brandopfer handelt es sich durchaus nicht um die Anrechnung der Sünde, sondern um die Vollkommenheit, Reinheit und Ergebenheit des Opfers, die als ein lieblicher Geruch zu Gott emporstiegen. Wohl war der Tod notwendig, denn die Sünde war da, und es liegt auf der Hand, dass Gott ohne den Tod hinsichtlich des Zustandes des Menschen nicht hätte verherrlicht werden können. Aber es ist sehr wichtig, das Brandopfer von den Opfern für die Sünde zu unterscheiden. Bei den letzteren wurden die Sünden auf das Opfer gelegt, und es trug sie. Das war beim Brandopfer nicht der Fall. Christus opferte sich selbst, er, der keine Sünde kannte, durch den ewigen Geist, um Gott durch seinen vollkommenen Gehorsam und seine völlige Hingabe zu verherrlichen. Ich wiederhole also: es handelt sich hier nicht um die Übertragungen der Sünden auf das Opfer, sondern um die Vollkommenheit und Reinheit dieses Opfers im Tod, und wir sind in seiner ganzen Annehmlichkeit, in seinem lieblichen Geruch vor Gott dargestellt. Welch ein kostbarer Gedanke für uns! Wir sind annehmlich gemacht in dem Geliebten, nach der ganzen Wonne, die Gott an dem Wohlgeruch dieses Opfers findet. Ist Gott in Christo vollkommen, in allem was er ist, verherrlicht worden? In diesem Fall ist er auch verherrlicht, wenn er uns annimmt. Findet er seine Wonne an Christo und an jener vollkommensten Tat seiner Liebe? In diesem Fall findet er auch seine Wonne an uns. Steigt jener Wohlgeruch allezeit vor ihm auf als ein ewiges Gedächtnis dessen, was seinen Augen so überaus angenehm war? Nun, dann sind auch wir vor ihm dargestellt gemäß der Wirksamkeit dieses wohlgefälligen Opfers. Es handelt sich, wie bereits gesagt, nicht nur um die Auslöschung unserer Sünden durch den Sühnungsakt. Nein, die vollkommene Annehmlichkeit dessen, der jenen Akt vollzog, der süße Geruch seines sündlosen Opfers sind unser Wohlgeruch vor Gott. Die Annehmlichkeit des Opfers, ja, Christus selbst ist unser. Wir stehen vor Gott kraft dieses Opfers. Wir sind eins mit Christo.

Vergessen wir jedoch nicht, dass das Opfer Christi, als Brandopfer betrachtet, wobei es sich also nicht um das Tragen der Sünden handelte, doch den Charakter des Todes trug, der aus der Tatsache hervorging, dass die Sünde vor Gott in Frage stand. Das machte die Prüfung und das Leiden um so schrecklicher. Der Gehorsam Christi wurde vor Gott erprobt an der Stätte der Sünde, und er war gehorsam bis zum Tod, nicht in dem Sinn des Tragens und Hinwegtuns der Sünde, obgleich das in demselben Akt geschah, sondern in der Vollkommenheit seiner Selbstaufopferung an Gott; und zwar sein Gehorsam von Gott geprüft, indem er als Sünde behandelt wurde und nur ein lieblicher Geruch für Gott war. Daher fehlt in dem Brandopfer das sühnende Element nicht, wie es denn auch in Vers 4 heißt: „und es wird wohlgefällig für ihn sein, um Sühnung für ihn zu tun“, und zwar ist diese Sühnung in einem Sinne, nämlich als die Erprobung des Gehorsams und die Verherrlichung Gottes darin, von tieferer Bedeutung als das Tragen der Sünden.

„Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (Eph 5,1. 2). Wer unter den Heiligen kennt nicht die Kraft dieser Liebe? Wenn das Werk unserer Erlösung einerseits auch in einem Menschen und durch einen Menschen geschehen ist, so ist es doch auch geschehen in der göttlichen Liebe, in der Liebe des Vaters selbst. Wie köstlich ist es, dass Jesus in einem Leib gekommen ist, der ihm bereitet worden war, und dass er, in unbedingtem Gehorsam handelnd, uns ein vollkommenes Muster der Gerechtigkeit hinterlassen hat, indem er sich selbst, als ein freiwilliges Opfer, in der Fülle der göttlichen Liebe dahingab!

Das erste, was der, welcher Gott naht, findet, ist also der Brandopferaltar. Dort begegnet der Sünder Gott im Gericht, aber er begegnet auch Jesus, der sich selbst aufopferte. Nicht im Heiligtum, noch im Allerheiligsten ist Gott ein vollkommenes Opfer dargebracht worden, sondern angesichts der Erde, obgleich erhöht von ihr, ein Opfer, in welchem Satan nichts finden konnte, in welchem Gott aber alles gefunden hat, was er fordern musste – ein Opfer, an dessen Vollbringung der Mensch kein Teil haben konnte. Es war ein Werk zwischen Gott und dem Sohn, und wenn auch die Gläubigen allein seinen Wert verstehen, so wurde es nichtsdestoweniger vollbracht vor der Welt und durch die Hände derer, die da waren. Jesus Christus wurde vor unseren Augen gekreuzigt, indem er der Welt ein Zeugnis gab, das sie ohne Entschuldigung lässt. Und wenn es keinen anderen Weg gibt, um zu Gott zu kommen, als diesen Jesus, der so dem Tod preisgegeben wurde, was tut dann der Unglaube, wenn er den verachtet und verwirft, der jetzt, im Himmel thronend, der Spender aller Segnungen ist für die, welche glauben!

Mein Leser! Du kannst tätig und besorgt sein um viele Dinge, aber es gibt nur eins, worauf Gott achtet. Ist diese Liebe Gottes in Jesu Christo, seinem Sohn, bis jetzt nur eine inhaltsleere Geschichte für dich gewesen, während du den Eitelkeiten, die sich dir hienieden darbieten, mit Eifer nachgetrachtet hast? Bleibt dein Herz kalt bei der Liebe Gottes, wie wenn die Stätte, wo einst das Kreuz aufgerichtet wurde, ein leerer Raum in der Welt wäre? Das natürliche Herz hasst die Rechte, die Gottes Liebe und Heiligkeit an uns haben. Das Kreuz aber ist das mächtige Mittel in der Hand Gottes, um das Herz von der Liebe zur Welt zu befreien.

Fußnoten

  • 1 Das ist der Sinn des hebräischen Wortes. Zugleich waren die Brandopfer freiwillige Opfer, was bei den Opfern für die Sünde nicht der Fall war.
  • 2 Die Zahl sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, zwölf ebenfalls, wie dies aus manchen Schriftstellen hervorgeht. Sieben deutet absolute Vollkommenheit im Guten oder Bösen an, zwölf Vollkommenheit in einer dem Menschen anvertrauten Verwaltung.
  • 3 Diese Ordnung ist auffallend. Wir würden das Waschbecken vor den Altar gesetzt haben. Aber für den, der herzunaht, kommt das Opfer Christi zu allererst. Der Altar ist für die Sünden, und das ist das erste, dessen wir bedürfen. In dem Waschbecken sehen wir unsern Tod vorgebildet: die Anwendung des Todes auf unsere Natur. Wir sind mit Christus gestorben. Das kommt nachher. Den Altar finden wir in Römer 3, 20 usw., das Waschbecken in Römer 6. Der eherne Altar im Vorhof ging nicht weiter als zur Genugtuung für die Sünden, entsprechend der Verantwortlichkeit des Menschen, während der Sühnungsdeckel im Allerheiligsten das andeutete, was für die Gegenwart Gottes notwendig war. In dem Werk Christi finden wir beides. Bei der Anwendung steht das Waschbecken zwischen den beiden.
  • 4 Bekanntlich war durch die Aufrichtung des goldenen Kalbes die Autorität Gottes verachtet und mit Füßen getreten worden. Israel hatte seinen freiwilligen Entschluss, alles zu tun, was der HERR gesagt hatte, auf diese Weise gebrochen. Es hatte ganz und gar gefehlt. Wie sollte nun der Mensch Gott nahen? Das Gesetz hatte das Böse, das im Menschen war, ans Licht gebracht. War es nun an Gott, mit denen zu handeln, die soeben erst gefallen waren, und sie in ihrer Bosheit anzuerkennen? Sollte Gott sich seines Charakters entkleiden? Wenn er das nicht tun konnte, nicht tun durfte, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als in Gnade vom Himmel zu reden. Es gab keine andere Möglichkeit mehr, mit den Menschen auf der Erde zu verkehren. Sie hatten den verachtet, der auf Erden zu ihnen redete. Die Frage war also: Wie kann der Mensch mit Gott im Himmel in Verbindung gebracht werden? Dazu bedurfte es eines Opfers. Aber wo ein Opfer finden, das imstande war, den Menschen von der Sünde rein zu waschen? Es gab keinen Menschen, der imstande oder geneigt gewesen wäre, so etwas zu tun. Das war kein Werk für einen Sünder. Da sprach der Sohn Gottes: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott zu tun. Dein Gesetz ist im Innern meines Herzens.“ – „Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet.“ Es war der Leib, in welchem der wohnen sollte, welcher der Gehorsam selbst war. „Ohren hast du mir bereitet.“ Und wir sehen Christum freiwillig diesen Leib annehmen, um den Willen Gottes zu tun. Auf diese Weise besitzen wir jemand, der fähig war, das Opfer zu werden, einen, der sich mit der Gestalt eines Knechts bekleidet hat und den Geboten des HERRN gehorsam geworden ist. Er hatte sowohl den Willen als auch die Fähigkeit, dies zu tun: „Dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“.
  • 5 In der Tat, um Sünder in die Gegenwart Gottes einzuführen, mußte Jesus nicht nur das Gesetz beobachten, sondern gehorsam werden bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz. Er hätte die Gerechtigkeit verkündigen können in der großen Versammlung (Ps 40, 10), aber die Menschen hassten die Gerechtigkeit. Er hätte jede Art von Werken der Barmherzigkeit und des Segens tun können, aber die einen beneideten, die anderen verspotteten ihn. Alle Kundgebungen der Gerechtigkeit in ihm waren an und für sich ohne Nutzen. Deshalb war es nötig, dass er ein Opfer wurde. Sein Blut musste vergossen werden, sollten wir anders Gott nahen können. Unter diesem Charakter stellt uns das Brandopfer Christus vor Augen.
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