Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Das Brandopfer (Kapitel 1 und 6)

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Christus opfert sich selbst Gott

In dem Brandopfer, mit dem unser Buch beginnt, haben wir ein Bild von Christus als dem, der „sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“ (Heb 9,14). Daher räumt der Heilige Geist ihm diesen bevorzugten Platz ein. Als der Herr Jesus Christus erschien, um das Werk der Erlösung zu vollbringen, war die Verherrlichung Gottes sein erhabenster Zweck. „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun“, war der große Wahlspruch, der in jeder Handlung und in allen Umständen seines Lebens zum Ausdruck kam, aber nirgends ausgeprägter als in dem Werk am Kreuz. Was der Wille Gottes auch sein mochte – Er kam, um ihn zu tun. Wir wissen, was uns durch die Erfüllung dieses Willens zuteilgeworden ist, denn durch ihn sind wir „geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Heb 10,7.10). Dennoch war die erste und vornehmste Richtung des Werkes Christi zu Gott hin. Es war für ihn eine unaussprechliche Wonne, den Willen Gottes auf dieser Erde zu erfüllen. Niemand hatte dies je zuvor getan. Wohl hatten einige durch die Gnade getan, „was recht war in den Augen Gottes“, aber niemals hatte jemand vollkommen, unveränderlich, von Anfang bis Ende, ohne Zögern und ohne Abweichen den Willen Gottes erfüllt. Das aber war es, was der Herr Jesus tat. „Er wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). „Er stellte sein Angesicht fest, nach Jerusalem zu gehen“ (Lk 9,51). Und als Er aus dem Garten Gethsemane zum Kreuz auf Golgatha ging, drückte sich die völlige Ergebenheit seines Herzens in den Worten aus: „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Joh 18,11).

Die Vorbilder im dritten Buch Mose

Wirklich, in all dieser selbstverleugnenden Hingabe an Gott gab es einen köstlichen Wohlgeruch. Ein vollkommener Mensch auf der Erde, der den Willen Gottes selbst im Tod erfüllte, war für den Himmel ein Gegenstand von größtem Interesse. Wer als nur Gott konnte die Tiefen jener Hingabe am Kreuz ergründen? In dieser, wie in jeder anderen Beziehung steht es fest, dass „niemand den Sohn erkennt als nur der Vater“ (Mt 11,27). Der Verstand des Menschen kann zu einem gewissen Grad irgendeinen Gegenstand des Wissens „unter der Sonne“ erfassen. Menschliche Wissenschaft kann von menschlichem Verstand erfasst werden, aber niemand erkennt den Sohn, als nur insoweit der Vater ihn durch die Kraft des Heiligen Geistes mittels des geschriebenen Wortes offenbart. Der Heilige Geist liebt es, den Sohn zu offenbaren – von den Dingen Jesu zu nehmen und sie uns zu verkünden. Diese Dinge besitzen wir in ihrer ganzen Fülle und Schönheit im Wort. Es kann keine neue Offenbarung stattfinden, weil der Heilige Geist „alles den Aposteln in Erinnerung“ brachte und sie in „alle Wahrheit“ leitete. Über „alle Wahrheit“ hinaus kann es nichts geben, und deshalb bedeutet jeder Anspruch auf eine neue Offenbarung und die Enthüllung einer neuen sogenannten Wahrheit, die in dem inspirierten Wort nicht enthalten ist, nur eine Anstrengung von menschlicher Seite, dem noch etwas beizufügen, was Gott „alle Wahrheit“ nennt. Ohne Zweifel kann der Heilige Geist eine im Wort enthaltene Wahrheit mit neuer Kraft entfalten und anwenden, aber das ist etwas ganz anderes, als außerhalb des Bereichs göttlicher Offenbarung Grundsätze, Gedanken oder Lehrsätze entdecken zu wollen, die das Gewissen beherrschen sollen. Das kann nur als eine gottlose Vermessenheit betrachtet werden.

In den Evangelien finden wir Christus in den verschiedenen Seiten seines Charakters, seiner Person und seines Werkes dargestellt. Zu diesen kostbaren Schriften hat sich das Volk Gottes zu allen Zeiten hingewandt, um sich zu erfreuen an den himmlischen Offenbarungen des Gegenstandes ihrer Liebe und ihres Vertrauens, dem sie alles für Zeit und Ewigkeit zu verdanken haben. Aber es sind nur verhältnismäßig wenige dahin geleitet worden, die Satzungen und Gebräuche der levitischen Haushaltung zu betrachten, die eine so reiche, bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Belehrung über dasselbe erhabene Thema bieten. So sind z. B. die Opfer des dritten Buches Mose meist nur als veraltete Urkunden jüdischer Gebräuche betrachtet worden, die für unsere Ohren eine unverständliche Sprache reden und unserem Verständnis kein geistliches Licht bringen können, während doch zugegeben werden muss, dass diese scheinbar dunklen Berichte ebenso gut ihren Platz unter den „Dingen, die zuvor geschrieben sind“, einnehmen wie die erhabenen Gesänge eines Jesaja und dass sie deshalb „zu unserer Belehrung“ (Röm 15,4) bestimmt sind. Freilich haben wir nötig, diese Urkunden, wie die ganze Heilige Schrift, mit einem demütigen Geist, frei von Anmaßung und Dünkel zu lesen, in ehrerbietiger Abhängigkeit von der Unterweisung dessen, der sie in seiner Gnade für uns hat aufzeichnen lassen, sowie unter aufmerksamer Beachtung des allgemeinen Zwecks, der Bedeutung und inneren Übereinstimmung der gesamten göttlichen Offenbarung; schließlich müssen wir die eigene Einbildungskraft zügeln, damit sie uns nicht in eine unheilige Schwärmerei führt. Wenn wir aber so durch die Gnade die Erforschung der Bilder des dritten Buches Mose beginnen, so finden wir in ihm eine Ader des reinsten Goldes.

Die Herrlichkeit und Würde Christi

Setzen wir jetzt die Untersuchung des Brandopfers fort. Wie bereits bemerkt, stellt es Christus als den dar, der „sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“ (Heb 9,14).

„Wenn seine Opfergabe ein Brandopfer vom Rindvieh ist, so soll er sie darbringen, ein Männliches ohne Fehl“ (V. 3). Die Herrlichkeit und Würde der Person Christi bilden die Grundlage des Christentums. Er teilt diese Herrlichkeit und Würde allem mit, was Er tut, jedem Amt, das Er bekleidet. Kein Amt könnte irgendwie die Herrlichkeit dessen erhöhen, der „Gott ist über alles, gepriesen in Ewigkeit“ (Röm 9,5), „Gott, offenbart im Fleisch“ (1. Tim 3,16), der „Emmanuel: Gott mit uns“ (Mt 1,23), das ewige Wort, der Schöpfer und Erhalter des Weltalls. Welches Amt könnte der Würde des über alles Erhabenen noch etwas hinzufügen? Tatsächlich wissen wir, dass alle seine Ämter mit der Tatsache in Verbindung stehen, dass Er Mensch wurde; Er kam hernieder aus jener Herrlichkeit, die Er beim Vater hatte, ehe die Welt war. So sehr erniedrigte Er sich, um Gott vollkommen zu verherrlichen, und zwar inmitten einer Szene, wo ihm alles feindselig gegenüberstand. Er kam, um „verzehrt“ zu werden von einem heiligen, unauslöschlichen Eifer für die Herrlichkeit Gottes und für die Ausführung seiner ewigen Ratschlüsse.

Der Wert des Kreuzes Christi für Gott

Das „Männliche ohne Fehl“ war ein Hinweis auf den Herrn Jesus, wie Er sich selbst opfert für die vollkommene Erfüllung des Willens Gottes. Nichts, was Schwachheit oder Unvollkommenheit ausdrückte, durfte vorhanden sein. „Ein Männliches ohne Fehl“ wurde geopfert. Bei der Betrachtung der anderen Opfer werden wir sehen, dass in einzelnen Fällen ein „weibliches Tier“ erlaubt war. Obwohl dies keineswegs einen Mangel in dem Opfer selbst andeutete, weil es in dem einen wie in dem anderen Fall „ohne Fehl“ sein musste, so diente es doch zum Ausdruck der Unvollkommenheit des Verständnisses des Anbeters. Hier aber sehen wir ein Opfer von der höchsten Ordnung. Es ist Christus, der sich selbst Gott als Opfer darbringt. Im Brandopfer war Christus ausschließlich für das Auge und das Herz Gottes bestimmt. Dieser Punkt muss gut erkannt und verstanden werden. Gott allein vermochte die Person und das Werk Christi wahrhaft zu schätzen. Er allein konnte das Kreuz in seiner ganzen Fülle würdigen, als den Ausdruck der völligen Hingabe Christi. Das Kreuz, wie es im Brandopfer bildlich dargestellt wird, enthielt ein Element, das nur der göttliche Geist erfassen konnte. Es hatte solch unendliche Tiefen, dass weder ein Sterblicher noch ein Engel sie zu ergründen vermochte. Es redete eine Sprache, die nur für das Ohr des Vaters bestimmt und berechnet war. Es bestanden Verbindungen zwischen dem Kreuz auf Golgatha und dem Thron Gottes, die das höchste Verständnis aller geschaffenen Wesen weit, weit übersteigen.

„Am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft soll er sie darbringen, zum Wohlgefallen für ihn vor dem HERRN“ (V. 3). Das Wort „Wohlgefallen“ bringt den erhabenen Gedanken in dem Brandopfer klar ans Licht. Es leitet uns dahin, das Kreuz von einem Gesichtspunkt aus zu betrachten, der selten genügend erfasst wird. Wir sind nur zu sehr geneigt, das Kreuz als die Stätte zu betrachten, wo zwischen der ewigen Gerechtigkeit und dem fleckenlosen Opfer die große Frage der Sünde behandelt und geordnet, wo unsere Schuld gesühnt und Satan siegreich überwunden wurde. Nun, das Kreuz war die Stätte, wo alle diese herrlichen Dinge zu Tatsachen wurden. Aber es war weit mehr als das. Es war auch die Stätte, wo die Liebe Christi zum Vater in einer Sprache Ausdruck fand, die nur der Vater hören und verstehen konnte. Und von dieser Seite wird das Kreuz im Brandopfer dargestellt und deshalb finden wir hier das Wort „Wohlgefallen“. Handelte es sich nur um die Frage der Sündenzurechnung und des Ertragens des Zorns Gottes der Sünde wegen, so würde ein solcher Ausdruck nicht am Platz sein. Der Herr Jesus konnte, als „zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21), genau genommen, auf kein „Wohlgefallen“ rechnen. Vielmehr war der Zorn und das Verbergen des Angesichtes Gottes sein Teil, und aus dieser einen Tatsache sehen wir deutlich, dass das Brandopfer Christus auf dem Kreuz nicht als den Träger der Sünden, sondern als den Erfüller des Willens Gottes darstellt. Dass Christus selbst das Kreuz von diesen beiden Gesichtspunkten aus betrachtet hat, geht klar aus seinen eigenen Worten hervor. Wenn Er auf das Kreuz als die Stätte des Sündentragens blickt und deshalb die damit verbundenen Schrecken im Voraus empfindet, so lautet sein Notschrei: „Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir weg …“ (Lk 22,42). Er bebte zurück vor dem, was für ihn als den Sündenträger sein Werk in sich schloss. Sein reiner und heiliger Sinn konnte nur mit Schaudern an die Berührung mit der Sünde denken, und sein Herz erzitterte bei dem Gedanken, auch nur für einen Augenblick das Licht des Angesichtes Gottes zu verlieren.

Doch das Kreuz hatte noch eine andere Seite. Es war der Platz, wo Er die tiefen Geheimnisse seiner Liebe zum Vater völlig zum Ausdruck bringen konnte – eine Stätte, wo Er freiwillig und zum „Wohlgefallen“ den Kelch, den der Vater ihm gab, nehmen und bis aufs Letzte leeren konnte. Natürlich war das ganze Leben Christi ein duftender Wohlgeruch, der allezeit zum Thron des Vaters emporstieg. Er tat immer, was dem Vater wohlgefiel, und vollbrachte stets den Willen Gottes. Aber nicht in seinem Leben, so kostbar über alle Begriffe hinaus auch jede Handlung seines Lebens war, stellt ihn das Brandopfer dar, sondern in seinem Tod, und zwar nicht als den, der „ein Fluch für uns geworden ist“ (Gal 3,13), sondern als den, der dem Herzen des Vaters zum unvergleichlichen Wohlgeruch war.

Diese Wahrheit verleiht dem Kreuz von Golgatha eine ganz besondere Anziehungskraft für das geistliche Verständnis. Sie gibt den Leiden unseres Herrn eine Bedeutung, wie sie tiefer nicht gedacht werden könnte. Ohne Zweifel findet der schuldbeladene Sünder in dem Kreuz die Antwort Gottes auf das Sehnen seines Herzens und Gewissens. Der wahre Gläubige entdeckt in dem Kreuz etwas, das jede Zuneigung seines Herzens gefangen nimmt und sein ganzes sittliches Sein fesselt. Für die Engel ist es ein Gegenstand endloser Bewunderung. Alles das ist wahr. Aber es gibt in dem Kreuz noch etwas, das die höchsten Begriffe der Heiligen oder Engel weit übersteigt, nämlich die tiefe Ergebenheit des Sohnes, dargebracht dem Herzen des Vaters und von ihm allein gewürdigt. Das ist die erhabenste Seite des Kreuzes, und sie wird so treffend im Brandopfer bildlich dargestellt.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Schönheit des Brandopfers gänzlich preisgegeben wird, wenn wir der Vorstellung Raum geben, als ob Christus während seines ganzen Lebens Sündenträger gewesen sei.

Ein freiwilliges Opfer

Das Wort „Wohlgefallen“ würde dann ohne Kraft, ohne Wert und Bedeutung sein. Wäre Christus während seines Lebens Sündenträger gewesen und so durch seine eigene Stellung gezwungen worden, sein Leben hinzugeben, so wäre sein Tod eine notwendige, nicht aber eine freiwillige Handlung gewesen. Es gibt in der Tat kein Opfer, dessen Schönheit durch die Behauptung, es habe der Herr Jesus während seines ganzen Lebens die Sünden getragen, nicht zerstört, und dessen Vollkommenheit nicht geschmälert werden würde. Vor allem ist dies bei dem Brandopfer der Fall, weil es sich hier durchaus nicht um das Sündentragen oder um das Ertragen des Zorns Gottes handelt, sondern allein um die freiwillige Hingabe, offenbart in dem Tod am Kreuz. Im Brandopfer erkennen wir ein Vorbild auf Christus, der durch den Heiligen Geist den Willen Gottes, des Vaters, erfüllte. Dies tat Er freiwillig zum Wohlgefallen. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme“ (Joh 10,17). Hier haben wir den Tod Christi in der Bedeutung des Brandopfers. Andererseits sagt der Prophet, wenn er ihn als das Sündopfer betrachtet: „Sein Leben wird von der Erde weggenommen“ (Apg 8,33). Wiederum sagt Christus: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst“ (Joh 10,18). War Er ein Sündenträger, als Er dies sagte? Beachten wir seine Worte! Er sagt: „Niemand“ – weder Mensch noch Engel noch Teufel noch sonst jemand. Es war seine eigene, freiwillige Handlung, sein Leben zu lassen, um es wiederzunehmen. „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust“ (Ps 40,9). Das war die Sprache des göttlichen Brandopfers, die Sprache dessen, der seine unaussprechliche Freude darin fand, sich selbst ohne Flecken Gott zu opfern (Heb 9,14).

Es ist daher sehr wichtig, den vornehmsten Zweck des Herzens Christi in dem Werk der Erlösung klar zu erfassen. Es dient dies zur Befestigung des Friedens des Gläubigen. Die Erfüllung des Willens Gottes, die Bestätigung der Ratschlüsse und Entfaltung der Herrlichkeit Gottes nahmen den höchsten Platz in jenem ergebenen Herzen ein, das alles in Beziehung zu Gott betrachtete und schätzte. Nie beschäftigte sich der Herr Jesus mit der Frage, inwieweit irgendeine Handlung oder irgendein Umstand ihn selbst treffen würde. „Er erniedrigte sich selbst.“ – „Er machte sich selbst zu nichts“ (Phil 2,7.8). Er gab alles auf. Und darum konnte Er am Ende seines Weges auf alles zurückblicken und die Augen gen Himmel richten und sagen: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte“ (Joh 17,4). Es ist unmöglich, das Werk Christi von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten, ohne dass das Herz mit inniger Zuneigung zu seiner Person erfüllt wird. Die Erkenntnis, dass Er auch auf dem Kreuz Gott zu seinem vornehmsten Gegenstand machte, kann unser Bewusstsein von seiner Liebe zu uns nicht im Geringsten beeinträchtigen. Ganz im Gegenteil, denn seine Liebe zu uns und unsere Errettung in ihm konnten nur auf die durch ihn bestätigte Herrlichkeit Gottes gegründet werden. Diese Herrlichkeit muss die unerschütterliche Grundlage von allem bilden. „So wahr ich lebe, soll die ganze Erde von der Herrlichkeit des HERRN erfüllt werden“ (4. Mo 14,21). Aber wir wissen, dass die ewige Herrlichkeit Gottes und die ewige Segnung des Geschöpfes in den göttlichen Ratschlüssen untrennbar miteinander verbunden sind, so dass, wenn die Erstere gesichert ist, auch notwendigerweise die Letztere es sein muss.

Der Opfernde macht sich eins mit seinem Opfer

„Und er soll seine Hand auf den Kopf des Brandopfers legen, und es wird wohlgefällig für ihn sein, um Sühnung für ihn zu tun“ (V. 4). Die Handlung des Handauflegens war der Ausdruck eines völligen Sicheinsmachens. Diese Handlung machte den Opfernden und das Opfer zu einer Einheit und übertrug so auf den Opfernden die volle Annehmlichkeit seines Opfers. Die Anwendung hiervon auf Christus und den Gläubigen stellt eine kostbare Wahrheit dar, eine Wahrheit, die im Neuen Testament ausführlich entwickelt ist, nämlich das ewige Einssein des Gläubigen mit Christus und seine Annahme in Christus. „Wie er ist, sind auch wir in dieser Welt.“ – „Wir sind in dem Wahrhaftigen“ (1. Joh 4,17; 5,20). Etwas Geringeres als das würde uns nichts nützen. Der Mensch, der nicht in Christus ist, befindet sich noch in seinen Sünden. Einen Mittelweg gibt es hier nicht. Du bist entweder in Christus oder du bist nicht in ihm. Teilweise in ihm zu sein, ist unmöglich. Wenn nur eine Haarbreite zwischen dir und ihm ist, so stehst du noch unter dem Zorn und der Verdammnis. Aber andererseits, wenn du in ihm bist, so bist du „wie er ist“ vor Gott und wirst trotz Gottes unendlicher Heiligkeit von ihm so betrachtet. Das ist die einfache Belehrung des Wortes Gottes. „Ihr seid vollendet in ihm“, „begnadigt in dem Geliebten“, „Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen.“ – „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm“ (Kol 2,10 Eph 1,6; 5,30; 1. Kor 6,17). Es ist nicht möglich, dass das Haupt auf einer Stufe der Huld Gottes steht und die Glieder auf einer anderen. Nein, das Haupt und die Glieder sind eins. Gott betrachtet sie als eins, und darum sind sie eins. Diese Wahrheit bildet gleichzeitig die Grundlage des höchsten Vertrauens und der tiefsten Demut. Sie gibt die volle Gewissheit der „Freimütigkeit am Tag des Gerichts“ (1. Joh 4,17), weil es unmöglich ist, dass ihm, mit dem wir einsgemacht sind, irgendetwas zur Last gelegt werden könnte. Sie verleiht uns ein tiefes Gefühl von unserem eigenen Nichts, weil unsere Vereinigung mit Christus auf den Tod der Natur und auf die gänzliche Vernichtung aller ihrer Forderungen und Ansprüche gegründet ist.

Da nun also das Haupt und die Glieder in derselben Stellung unendlicher Gunst und Huld vor Gott betrachtet werden, so ist es vollkommen klar, dass sich alle Glieder in derselben Huld, in derselben Errettung, in demselben Leben und in derselben Gerechtigkeit befinden. Es gibt keine Grade oder Stufen in der Rechtfertigung. Das Kind in Christus steht in derselben Rechtfertigung wie der Gläubige, der auf eine fünfzigjährige Erfahrung zurückblicken kann. Der eine wie der andere befindet sich in Christus, und so wie dies der einzige Grund des Lebens ist, so ist es auch der einzige Grund der Rechtfertigung. Es gibt weder zwei Arten des Lebens noch zwei Arten der Rechtfertigung. Freilich gibt es verschiedene Grade im Genuss dieser Rechtfertigung, verschiedene Grade in der Erkenntnis ihrer Fülle und Tragweite und verschiedene Stufen in der Fähigkeit, ihre Kraft auf Herz und Leben anzuwenden. Diese Dinge werden oft mit der Rechtfertigung selbst verwechselt, die, da sie göttlich ist, notwendigerweise auch ewig, unumschränkt und unveränderlich sein muss und durch die Unbeständigkeit menschlicher Gefühle und Erfahrungen durchaus nicht erschüttert werden kann.

Es gibt ferner keinen Fortschritt in der Rechtfertigung. Der Gläubige ist heute nicht mehr gerechtfertigt, als er es gestern war, noch wird er es morgen mehr sein, als er es heute ist. Ja eine Seele, die „in Christus Jesus“ ist, ist so vollkommen gerechtfertigt, als wenn sie schon vor dem Thron Gottes stände. Sie ist „vollendet in Christus“. Sie ist „wie“ Christus. Sie ist nach Christi eigener Erklärung „ganz rein“ (Joh 13,10). Was könnte sie diesseits der Herrlichkeit mehr sein? Sie kann und wird, wenn sie im Geist wandelt, in dem Gefühl und in dem Genuss dieser herrlichen Wirklichkeiten Fortschritte machen. Aber was die Sache selbst betrifft, so geht der Gläubige in demselben Augenblick, da er durch die Kraft des Heiligen Geistes dem Evangelium glaubt, aus dem Zustand der Ungerechtigkeit und der Verdammnis in den Zustand der Gerechtigkeit und der Gunst Gottes über. Alles gründet sich auf die göttliche Vollkommenheit des Werkes Christi, genau wie beim Brandopfer der Anbeter durch und in seinem Opfer angenommen wurde und Gott wohlgefällig war. Es handelte sich nicht um das, was er war, sondern einfach um das, was sein Opfer war. „Es wird wohlgefällig für ihn sein, um Sühnung für ihn zu tun.“

Die Stellung des Priesters

„Und er soll das junge Rind schlachten vor dem HERRN; und die Söhne Aarons, die Priester, sollen das Blut herzubringen und das Blut ringsum an den Altar sprengen, der am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft ist“ (V. 5). Beim Betrachten der Lehre von dem Brandopfer müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass der wichtige Punkt, um den es sich handelt, nicht der ist, dem Bedürfnis des Sünders zu begegnen, sondern Gott das darzubringen, was ihm unendlich wohlgefällig war. Christus, wie Er in dem Brandopfer dargestellt wird, ist nicht für das Gewissen des Sünders, sondern für das Herz Gottes. Ferner ist das Kreuz im Brandopfer nicht die Darstellung der Hassenswürdigkeit der Sünde, sondern der unerschütterlichen und unwandelbaren Hingabe Christi an den Vater. Auch ist es nicht der Schauplatz des über Christus, den Sündenträger, ausgegossenen Zorns Gottes, sondern des unvermischten Wohlgefallens des Vaters an Christus als dem freiwilligen und herrlich duftenden Opfer. Schließlich ist die im Brandopfer dargestellte „Versöhnung“ nicht nur den Forderungen des menschlichen Gewissens angemessen, sondern auch dem Verlangen des Herzens Christi, den Willen Gottes zu erfüllen und die Ratschlüsse Gottes zu bestätigen – ein Verlangen, das ihn drängte, sein fleckenloses, kostbares Leben als ein „freiwilliges Opfer zum lieblichen Geruch“ hinzugeben.

Keine Macht der Erde oder der Hölle, der Menschen oder der Teufel vermochte ihn in der Ausführung dieses Verlangens zu erschüttern. Als Petrus in seiner Unwissenheit ihm durch die Worte falscher Zärtlichkeit: „Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren!“, abzuraten suchte, den Weg der Schande und der Erniedrigung bis ans Kreuz zu gehen, lautete die Antwort des Herrn „Geh hinter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis, denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist“ (Mt 16,22.23). Ebenso sagt Er bei einer anderen Gelegenheit zu seinen Jüngern: „Ich werde nicht mehr vieles mit euch reden, denn der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir; aber damit die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und so tue, wie mir der Vater geboten hat“ (Joh 14,30.31). Diese und viele andere verwandte Schriftstellen zeigen uns das Werk Christi von dem Gesichtspunkt des Brandopfers aus. Der erste Gedanke ist hier, dass Christus „sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“.

In völliger Übereinstimmung mit allem, was bezüglich dieser besonderen, im Brandopfer dargestellten Wahrheit angeführt worden ist, steht die Stellung, die den Söhnen Aarons angewiesen war, sowie die ihnen aufgetragenen Verrichtungen. Sie „sprengen das Blut“, sie „legen das Feuer auf den Altar“, sie „richten das Holz zu auf dem Feuer“, und sie „richten die Stücke, den Kopf und das Fett zu auf dem Holz über dem Feuer, das auf dem Altar ist“ (V. 5–8). Das sind bedeutsame Handlungen, und sie bilden einen beachtenswerten Zug des Brandopfers, im Gegensatz zum Sündopfer, bei dem die Söhne Aarons gar nicht erwähnt werden. „Die Söhne Aarons“ stellen die Versammlung dar, jedoch nicht als den „einen Leib“, sondern als ein priesterliches Haus. Das ist leicht zu verstehen. Wenn Aaron ein Bild von Christus war, so war das Haus Aarons ein Bild von dem Haus Christi. Wir lesen daher in Hebräer 3,6: „Christus aber als Sohn über sein Haus, dessen Haus wir sind …“ Und wiederum: „Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat“ (Heb 2,13). Es ist das Vorrecht der Versammlung, geleitet und belehrt durch den Heiligen Geist, diese Seite der Person Christi, die am Anfang des dritten Buches Mose bildlich dargestellt wird, zu betrachten und sich daran zu erfreuen. „Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater“ (1. Joh 1,3), der uns in seiner Huld einlädt, seine Gedanken über Christus zu teilen. Freilich können wir uns niemals zu der Höhe jener Gedanken erheben, aber durch die Kraft des in uns wohnenden Heiligen Geistes können wir mit Gott Gemeinschaft darin haben. Es handelt sich hier nicht um die Beruhigung des Gewissens durch das Blut Christi als des Sündenträgers, sondern um die Gemeinschaft mit Gott im Blick auf die vollkommene Hingabe Christi am Kreuz.

„Die Söhne Aarons, die Priester, sollen das Blut herzubringen und das Blut ringsum an den Altar sprengen, der am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft ist“ (V. 5). Hier haben wir ein Bild von der Versammlung, die ein vollbrachtes Opfer in Erinnerung bringt und es an der Stätte eines persönlichen Hinzunahens zu Gott darbringt. Doch müssen wir uns erinnern, dass es das Blut des Brandopfers und nicht das des Sündopfers ist. Es ist die Versammlung, die in der Kraft des Heiligen Geistes die erhabene vollkommene Hingabe Christi an Gott betrachtet, nicht ein überführter Sünder, der beginnt, den Wert des Blutes des Sündenträgers zu erkennen. „Die Söhne Aarons“ stellen nicht überführte Sünder, sondern anbetende Heilige dar. Als Priester haben sie es mit dem Brandopfer zu tun. Viele irren in diesem Punkt. Sie meinen dass, wenn man – eingeladen durch die Gnade Gottes und fähig gemacht durch das Blut Christi – den Platz eines Anbeters einnimmt, man sich dadurch weigere, sich als einen armen, unwürdigen Sünder zu erkennen. Das ist ein großer Irrtum. Der Gläubige ist in sich selbst gar nichts, aber in Christus ist er ein gereinigter Anbeter. Nicht als ein schuldiger Sünder, sondern als ein anbetender Priester steht er im Heiligtum, und zwar bekleidet mit „Kleidern zur Herrlichkeit und zum Schmuck“ (2. Mo 28,2). In Gottes Gegenwart mit meiner Schuld beschäftigt zu sein ist nicht Demut, sondern Unglaube im Blick auf das Opfer.

Sühnung

Der Gedanke des Sündentragens, der Zurechnung der Sünde und des Zorns Gottes kommt also in dem Brandopfer durchaus nicht zum Ausdruck. Zwar lesen wir: „Es wird wohlgefällig für ihn sein, um Sühnung für ihn zu tun“ (V. 4). In diesem Fall ist es nicht nur eine Sühnung im Blick auf die Tiefe und Größe der menschlichen Schuld, sondern gemäß der Vollkommenheit der Hingabe Christi an Gott und der Größe der Freude Gottes an Christus. Das ist der höchste Begriff der Versöhnung. Wenn ich Christus als das Sündopfer betrachte, so sehe ich eine Sühnung vollbracht gemäß den Ansprüchen der göttlichen Gerechtigkeit hinsichtlich der Sünde. Betrachte ich aber die Sühnung in dem Brandopfer, so entspricht sie dem Maß der Willigkeit und Fähigkeit Christi, den Willen Gottes zu erfüllen, sowie dem Maß des Wohlgefallens Gottes an Christus und seinem Werk. Wie vollkommen muss eine Versöhnung sein, die die Frucht der Hingabe Christi an Gott ist! Könnte es etwas Höheres geben? Sicher nicht. Gerade die Brandopferseite des Versöhnungswerkes ist es wohl, welche die priesterliche Familie in den Vorhöfen des Hauses Gottes für immer beschäftigen wird.

Die Zubereitung des Opfers

„Und er soll dem Brandopfer die Haut abziehen und es in seine Stücke zerlegen“ (V. 6). Die zeremonielle Handlung des „Hautabziehens“ ist besonders bezeichnend. Es war die Wegnahme der äußeren Hülle, um das Innere vollständig bloßzulegen. Es genügte nicht, dass das Äußere des Opfers „fehlerlos“ war, auch die „verborgenen Teile“ mussten enthüllt werden, damit jede Sehne und jedes Glied gesehen werden konnte. Nur bei dem Brandopfer wird diese Handlung besonders genannt. Es steht dies in Übereinstimmung mit seinem Charakter und dient dazu, die Tiefe der Hingabe Christi an den Vater darzustellen. Es war bei ihm kein oberflächliches Werk. Je mehr die Geheimnisse seines inneren Lebens entfaltet und die Tiefen seines Wesens erforscht wurden, umso klarer trat es ans Licht, dass reine Ergebung in den Willen des Vaters und ernstes Verlangen, ihn zu verherrlichen, die Quellen des Handelns in dem großen Gegenbild des Brandopfers waren. Er war in der Tat ein ganzes Brandopfer.

„Und er soll es in seine Stücke zerlegen.“ Diese Handlung stellt uns eine ähnliche Wahrheit vor Augen wie die, welche uns in dem „wohlriechenden, kleingestoßenen Räucherwerk“ gelehrt wird (3. Mo 16,12). Es ist die Freude des Heiligen Geistes, bei der Lieblichkeit und dem Wohlgeruch des Opfers nicht nur als Ganzes, sondern auch in seinen kleinsten Einzelheiten betrachtet, zu verweilen. Beschäftigen wir uns mit dem Brandopfer als einem Ganzen, so sehen wir es „ohne Fehl“, betrachten wir es in seinen einzelnen Teilen, so finden wir dasselbe. So war Christus, und so wird Er uns in diesem wichtigen Bild vor Augen geführt.

„Und die Söhne Aarons, die Priester, sollen Feuer auf den Altar legen und Holz auf dem Feuer zurichten; und die Söhne Aarons, die Priester, sollen die Stücke, den Kopf und das Fett auf dem Holz zurichten über dem Feuer, das auf dem Altar ist“ (V. 7.8). Das war in der Tat eine hohe Stellung für die priesterliche Familie. Das Brandopfer wurde ganz und gar Gott geopfert. Alles wurde auf dem Altar verbrannt1. Der Mensch hatte keinen Anteil daran, aber die Söhne Aarons, des Priesters, die selbst auch Priester waren, sieht man hier um den Altar Gottes stehen, um die Flamme eines ihm wohlgefälligen Opfers als einen lieblichen Wohlgeruch zu ihm aufsteigen zu lassen. Das war eine hohe Stellung, eine hohe Art von Gemeinschaft, eine hohe Ordnung des priesterlichen Dienstes, ein treffendes Bild der Versammlung, wie sie Gemeinschaft hat mit Gott bezüglich der vollkommenen Erfüllung seines Willens im Tod Christi. Als überführte Sünder schauen wir auf das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus und erblicken darin das, was unserem Bedürfnis völlig entspricht, und von dieser Seite betrachtet, gibt das Kreuz dem Gewissen vollkommenen Frieden. Dann aber, als Priester, als gereinigte Anbeter, als Glieder der priesterlichen Familie, können wir das Kreuz in einem anderen Licht betrachten, nämlich als die Vollendung des Vorsatzes Christi, den Willen des Vaters selbst bis zum Tod zu erfüllen. Als überführte Sünder stehen wir an dem ehernen Altar und finden Frieden durch das Blut der Versöhnung, aber als Priester stehen wir an ihm, um die Vollkommenheit jenes Brandopfers, die vollkommene Hingabe und Darbringung des einen Fleckenlosen an Gott, zu betrachten und zu bewundern.

Wir würden ein sehr unvollkommenes Verständnis von dem Geheimnis des Kreuzes haben, wenn wir in ihm nur das sehen würden, was die Bedürfnisse des Menschen als Sünder befriedigen kann. Es waren Tiefen in diesem Geheimnis, die nur der Geist Gottes ergründen konnte. Wenn der Heilige Geist uns eine bildliche Darstellung von dem Kreuz gibt, so zeigt diese zuerst das Kreuz in seiner Bedeutung für Gott. Das allein schon wäre genügend, uns zu überzeugen, dass im Kreuz Höhen und Tiefen enthalten sind, die der Mensch nie erreichen kann. Er mag sich jener wunderbaren Quelle der Freude nahen und unaufhörlich trinken, er mag das höchste Sehnen seines Geistes stillen, er mag das Kreuz mit der ganzen Kraft der erneuerten Natur erforschen – und doch gibt es im Kreuz etwas, das nur Gott allein zu erkennen und zu würdigen vermag. Daher kommt es, dass das Brandopfer den ersten Platz einnimmt. Es stellt den Tod Christi dar, so wie er von Gott allein geschaut und geschätzt wird. Und sicher könnten wir ein solches Bild nicht entbehren, denn es gibt uns nicht nur die höchste Sicht von dem Tod Christi, sondern auch einen sehr schönen Gedanken bezüglich des besonderen Interesses Gottes an diesem Tod. Schon die Tatsache, dass Er ein Bild vom Tod Christi einsetzte, das ausschließlich die Bedeutung dieses Opfers für ihn zum Ausdruck bringt, könnte ein ganzes Buch voll Belehrung für ein geistlich gesinntes Herz füllen.

Doch obwohl weder Mensch noch Engel die Tiefen der Geheimnisse des Todes Christi völlig zu ergründen vermögen, so können wir doch wenigstens einige Züge darin erkennen, die ihn dem Herzen Gottes über alle Maßen kostbar machen mussten. Am Kreuz sammelte Gott die reichsten Früchte der Herrlichkeit ein. Auf keine andere Weise hätte Er so verherrlicht werden können wie durch den Tod Christi. In Christi freiwilliger Hingabe in den Tod strahlt die göttliche Herrlichkeit in ihrem vollen Glanz. Auch wurde hierdurch die unerschütterliche Grundlage zur Ausführung aller göttlichen Ratschlüsse gelegt. Wie trostreich ist diese Wahrheit! Die Schöpfung hätte niemals eine solche Grundlage bieten können. Überdies schuf das Kreuz einen Kanal, durch den die göttliche Liebe fließen kann, ohne dass der Gerechtigkeit Gottes Abbruch geschieht.

Endlich ist auch Satan durch das Kreuz auf ewig zuschanden gemacht, Fürstentümer und Gewalten sind öffentlich zur Schau gestellt worden (Kol 2,15). Das sind herrliche, durch das Kreuz hervorgebrachte Früchte, und wenn wir daran denken, so können wir auch verstehen, warum eine bildliche Darstellung des Kreuzes ausschließlich im Hinblick auf Gottes Ansprüche und Gottes Wohlgefallen gegeben worden ist und warum dieses Bild den vornehmsten Platz einnehmen musste.

Ein Feueropfer lieblichen Geruchs

„Und sein Eingeweide und seine Beine soll er mit Wasser waschen; und der Priester soll das Ganze auf dem Altar räuchern: Es ist ein Brandopfer, ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“ (V. 9). Diese Handlung machte das Opfer bildlich zu dem, was Christus in Wirklichkeit war: innerlich und äußerlich rein. Zwischen den inneren Beweggründen und dem äußeren Verhalten Christi herrschte vollkommene Übereinstimmung. Sein Verhalten war in jeder Hinsicht der Ausdruck seines Inneren. Alles zielte auf den einen Punkt hin: die Verherrlichung Gottes. Die Glieder seines Leibes führten in vollkommenem Gehorsam die Ratschläge seines ergebenen Herzens aus – eines Herzens, das in der Errettung des Menschen nur für Gott und für seine Verherrlichung schlug. Der Priester musste „das Ganze räuchern auf dem Altar“. Alles war rein und alles nur zur Speise für den Altar Gottes bestimmt. Von einzelnen Opfern aßen die Priester, von anderen der Opfernde, aber das Brandopfer wurde „ganz“ auf dem Altar verbrannt. Es war ausschließlich für Gott. Die Priester durften das Holz und das Feuer in Ordnung bringen und die Flamme aufsteigen sehen – und das war wirklich ein hohes, heiliges Vorrecht, aber sie aßen nicht von dem Opfer. In dem Tod Christi, als Brandopfer betrachtet, war Gott allein der Gegenstand Christi. Wir können diese Dinge nicht einfältig genug erfassen. Von dem Augenblick an, wo das „Männliche ohne Fehl“ am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft dargebracht wurde, bis es durch das Feuer zu Asche verbrannt war, entdecken wir in ihm Christus, wie Er „durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“ (Heb 9,14).

Das Gesetz des Brandopfers

Dies macht das Brandopfer für die Seele unsagbar schön. Es zeigt uns die erhabenste Seite des Werkes Christi. An diesem Werk hatte Gott seine eigene besondere Freude, eine Freude, die kein geschaffenes Wesen mit ihm zu teilen vermag. Dies dürfen wir nie aus den Augen verlieren. Es ist in dem Brandopfer entwickelt und wird durch das „Gesetz des Brandopfers“, das wir in Kapitel 6,1–6 haben, bestätigt.

In dieser Stelle wird uns mitgeteilt, wie das Feuer auf dem Altar das Brandopfer und die Fettstücke des Friedensopfers verzehrte. Es war der passende Ausdruck der göttlichen Heiligkeit, die in Christus und seinem vollkommenen Opfer eine geeignete Speise fand. Das Feuer durfte niemals erlöschen. Das, was die Wirkung der göttlichen Heiligkeit darstellte, musste fortwährend unterhalten werden. Während der dunklen, stillen Nachtwachen brannte das Feuer auf dem Altar des Herrn.

„Und der Priester soll sein leinenes Kleid anziehen usw.“ (Kap. 6,3 ff.). Hier nimmt der Priester im Bild den Platz Christi ein, dessen persönliche Gerechtigkeit durch das weiße leinene Kleid dargestellt wird. Nachdem Er sich zum Tod am Kreuz hingegeben hat, um den Willen Gottes zu erfüllen, ist Er in seiner eigenen ewigen Gerechtigkeit in den Himmel eingegangen, indem Er die Zeichen seines vollendeten Werkes mit sich nahm. Die Asche bezeugte die Vollendung des Opfers und seine Annahme seitens Gottes. Die neben den Altar geschüttete Asche deutete an, dass das Feuer das Opfer verzehrt hatte und dass es nicht nur ein vollendetes, sondern auch ein angenommenes Opfer war. Die Asche des Brandopfers verkündigte die Annahme des Opfers, während die Asche des Sündopfers das Gericht über die Sünde bezeugte. Bei der weiteren Betrachtung der Opfer werden viele der bereits berührten Punkte mit zunehmender Klarheit, Fülle und Kraft vor unser Auge treten. Jedes Opfer erscheint dadurch, dass es im Gegensatz zu den Übrigen betrachtet wird, in noch hellerem Licht. Alle Opfer zusammengenommen geben uns ein vollständiges Bild vom Opfer Christi. Sie sind sozusagen verschiedene Spiegel, die so angeordnet sind, dass sie das Bild des wahren und allein vollkommenen Opfers in vielfältiger Weise zurückwerfen. Kein einzelnes Bild konnte ihn völlig darstellen. Wir mussten ihn abgebildet haben in seinem Leben wie in seinem Tod, als Mensch und als Opfer in seinem Verhältnis zu Gott und zu uns, und so finden wir ihn in den Opfern des dritten Buches Mose. Gott ist in Gnade unserem Bedürfnis entgegengekommen. Möge Er uns die Fähigkeit geben, in das, was Er für uns vorgesehen hat, tiefer einzudringen und es mehr zu genießen!

Fußnoten

  • 1 Es mag bei dieser Gelegenheit gut sein, zu bemerken, dass das hebräische, hier durch „räuchern“ übersetzte Wort ein ganz anderes ist, als das beim Sündopfer gebrauchte. Da der Gegenstand von besonderem Interesse ist, möchte ich auf einige Stellen hinweisen, in denen jenes Wort vorkommt. Das beim Brandopfer gebrauchte Wort bezeichnet „Weihrauch“ oder „Weihrauchverbrennen“, „räuchern“, und kommt an vielen Stellen in der einen oder anderen Form vor. So z. B. 2. Mose 30,1: „Und du sollst einen Altar machen zum „Räuchern des Räucherwerks.“ Psalm 66,15: „samt Räucherwerk von Widdern.“ Jeremia 44,21: „Das Räuchern, womit ihr in den Städten Judas … geräuchert habt.“ Hohelied 3,6: „wie Rauchsäulen, durchduftet von Myrrhe und Weihrauch.“ Eine ganze Reihe ähnlicher Fälle könnte noch angeführt werden, aber diese werden genügen, um den Gebrauch des Wortes zu zeigen. Das Wort dagegen, das in Verbindung mit dem Sündopfer gebraucht und dort durch „verbrennen“ übersetzt ist, bezeichnet ein Verbrennen im Allgemeinen und kommt u. a. in folgenden Stellen vor: 1. Mose 11,3: „Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen.“ 3. Mose 10,16: „Und Mose suchte eifrig den Bock des Sündopfers, und siehe, er war verbrannt.“ 2. Chronika 16,14: „Und man veranstaltete für ihn einen sehr großen Brand.“ Das Sündopfer wurde also nicht nur an einem besonderen Platz verbrannt, sondern es ist auch durch den Heiligen Geist ein besonderes Wort gewählt worden, um sein Verbrennen auszudrücken.
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