Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Das Speisopfer (Kapitel 2 und 6)

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Christus in seinem Leben

Wir kommen jetzt zur Betrachtung des Speisopfers, das den „Menschen Christus Jesus“ darstellt. So wie das Brandopfer Christus im Tod darstellt, so stellt das Speisopfer ihn im Leben dar. Weder bei dem einen noch bei dem anderen handelt es sich um die Frage des Sündentragens. Im Brandopfer sehen wir die Versöhnung, aber weder das Tragen der Sünde noch die Zurechnung der Sünde noch auch ein Ausschütten des Zorns der Sünde wegen. Woher können wir das wissen? Weil alles auf dem Altar verzehrt wurde. Hätte es sich beim Brandopfer in irgendeiner Weise um das Tragen der Sünde gehandelt, so würde es außerhalb des Lagers verbrannt worden sein (vgl. 3. Mo 4,11.12 mit Heb 13,11).

Im Speisopfer aber finden wir nicht einmal ein Blutvergießen. Es ist vielmehr ein herrliches Vorbild auf Christus, wie Er hier auf der Erde lebte und diente.

Das Menschsein Christi

Die Lehre von dem Menschsein Christi ist ungeheuer wichtig. Sie bildet die eigentliche Grundlage des Christentums, und eben darum hat Satan von jeher mit allem Eifer danach getrachtet, die Menschen nach dieser Seite hin irrezuleiten. Fast alle Irrlehren, die ihren Weg in die bekennende Christenheit gefunden haben, verraten die satanische Absicht, die Wahrheit bezüglich der Person Christi zu untergraben. Und selbst wenn ernste, gottesfürchtige Männer sich bemüht haben, jene Irrlehren zu bekämpfen, sind sie in vielen Fällen in entgegengesetzte Irrtümer verfallen. Wie nötig ist es daher, sich genau an die Worte zu halten, deren sich der Heilige Geist bei der Enthüllung dieses tiefen und heiligen Geheimnisses bedient hat! Unterwürfigkeit unter die Autorität der Heiligen Schrift sowie die Kraft des göttlichen Lebens in der Seele werden sich in jedem Fall als die wirksamsten Schutzmittel gegen jede Art von Irrtum erweisen. Es sind keine hohen theologischen Ehrentitel nötig, um eine Seele bezüglich der Lehre Christi vor Irrtümern zu bewahren. Wenn nur „das Wort des Christus reichlich in uns wohnt“ und der Geist Christi mit Macht in der Seele wirkt, dann bleibt für Satan mit seinen finsteren Verführungen kein Raum. Wenn das Herz sich des Christus erfreut, den die Schrift uns offenbart, so wird es sicher vor dem falschen Christus zurückschrecken, den Satan zu bringen trachtet. Wenn wir uns von der Wirklichkeit Gottes nähren, so werden wir die Nachbildung Satans ohne Weiteres zurückweisen. Das ist der sicherste Weg, um den Verstrickungen des Irrtums in jeder Form und jedem Charakter zu entgehen. „Die Schafe hören seine Stimme und ... folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen“ (Joh 10,3–5). Es ist gar nicht nötig, mit der Stimme eines Fremden bekannt zu sein. Alles, was wir nötig haben, ist, die Stimme des „guten Hirten“ zu kennen. Das wird uns sicherstellen vor dem verstrickenden Einfluss jeder fremden Stimme.

Sehr oft sind wir uns viel zu wenig bewusst, dass wir mit unserem Herrn Jesus als dem vollkommenen Menschen in einer lebendigen Gemeinschaft stehen sollten. Daher kommt es auch, dass wir so viel an innerer Dürre, Unruhe und Verirrungen leiden. Würden wir mit einem einfältigeren, kindlicheren Glauben uns die Wahrheit zu eigen machen, dass sich zur Rechten der Majestät in den Himmeln ein wirklicher Mensch befindet, ein Mensch, dessen Mitgefühl vollkommen, dessen Liebe unergründlich, dessen Macht allgewaltig, dessen Weisheit unendlich, dessen Mittel unerschöpflich, dessen Reichtümer unerforschlich sind, dessen Ohr für jeden Seufzer geöffnet und dessen Hand für alle unsere Bedürfnisse aufgetan ist – wie viel glücklicher würden wir sein, und wie viel unabhängiger von menschlichen Strömen, durch welchen Kanal diese auch fließen mögen! Es gibt kein Bedürfnis des Herzens, das in dem Herrn Jesus nicht Befriedigung fände. Sehnen wir uns nach wahrem Mitgefühl? Wo anders könnten wir das finden, als bei ihm, der mit den trauernden Schwestern von Bethanien Tränen vergoss? Sehnen wir uns nach dem Genuss einer aufrichtigen Zuneigung? Nur in seinem Herzen können wir sie finden, das seine Liebe durch sein eigenes Blut besiegelte. Suchen wir den Schutz einer wirklichen Macht? Wir brauchen nur emporzublicken zu ihm, der die Welten gemacht hat. Fühlen wir das Bedürfnis, von einer nie irrenden Weisheit geleitet zu werden? Wenden wir uns zu ihm, der die Weisheit in Person ist und der uns „zur Weisheit geworden ist von Gott“ (1. Kor 1,30). – Mit einem Wort, wir haben alles in Christus. Gott selbst hat in dem „Menschen Christus Jesus“ vollkommene Befriedigung gefunden, und wirklich, wenn die Person Christi Gott vollkommen befriedigen kann, so wird in ihm auch das sein, was uns befriedigen sollte und befriedigen wird in demselben Maß, wie wir durch die gnädige Wirksamkeit des Heiligen Geistes in Gemeinschaft mit Gott leben.

Der vollkommene Mensch

Der Herr Jesus Christus war der einzige vollkommene Mensch, der je diese Erde betrat. Er war ganz und gar vollkommen: vollkommen in seinen Gedanken, Worten und Werken. In ihm begegneten sich alle moralischen Eigenschaften in göttlichem und darum vollkommenem Verhältnis. Kein einziger Zug überragte die anderen. In ihm war eine überwältigende Majestät mit einer Güte verbunden, die eine vollkommene Freimütigkeit in seiner Gegenwart verlieh. Die Schriftgelehrten und Pharisäer traf sein vernichtender Tadel, während die arme Samariterin und die „große Sünderin“ sich in einer unerklärlichen, unwiderstehlichen Weise zu ihm hingezogen fühlten. Nicht ein Charakterzug verdrängte den anderen. Alles befand sich in einem schönen und angemessenen Ebenmaß. Wir können dies in jedem Abschnitt seines Lebens wahrnehmen. Er konnte bezüglich der hungernden Volksmenge sagen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 14,16), und dann, als sie gesättigt waren: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verdirbt!“ (Joh 6,12). Freigebigkeit und Sparsamkeit sind hier beide vollkommen. Die eine tut der anderen keinen Abbruch. Die Hungrigen konnte Er nicht ungesättigt fortschicken noch konnte Er zugeben, dass ein einziges Bröckchen von der Gabe Gottes verschwendet würde. Mit freigebiger Hand begegnet Er den Bedürfnissen der menschlichen Familie, aber war dieses geschehen, so wollte Er jedes Krümchen aufgelesen wissen. Dieselbe Hand, die für alle menschliche Not geöffnet war, war fest geschlossen gegen jede Art von Verschwendung.

Welch eine Lektion für uns! Wie leicht artet unsere Freigebigkeit in Verschwendung aus, und wie oft äußert sich andererseits in unserer Sparsamkeit Geldliebe und ein habsüchtiger Geist! Oft verschließen wir unsere Herzen vor offenbaren Bedürfnissen, während wir zu anderer Zeit auf unbesonnene und leichtfertige Art das verschleudern, was manchen unserer Not leidenden Mitmenschen hätte helfen können. Lasst uns sorgfältig das göttliche Gemälde betrachten, das uns in dem Leben des „Menschen Christus Jesus“ vor Augen gestellt wird!

Betrachte ihn im Garten Gethsemane! Dort kniet Er in der Tiefe einer Demut, die niemand außer ihm zur Schau tragen konnte. Aber gegenüber der Bande des Verräters zeigt Er eine Majestät, vor der die Feinde zurückweichen und zu Boden stürzen. Sein Verhalten Gott gegenüber ist Unterwürfigkeit, sein Verhalten seinen Richtern und Anklägern gegenüber unbeugsame Würde. Alles ist vollkommen. Die Selbstverleugnung und die Autorität, die Erniedrigung und die Würde, alles ist göttlich. Dieselbe Vollkommenheit finden wir, wenn wir die Harmonie in seinen Beziehungen zu Gott und zu den Menschen betrachten. Er konnte sagen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Und zu derselben Zeit konnte Er mit nach Nazareth hinabgehen und dort ein Beispiel vollkommener Unterwürfigkeit unter die elterliche Autorität geben (s. Lk 2,49–51). Er konnte zu seiner Mutter sagen: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau?“ (Joh 2,4), und doch mitten in den Qualen des Kreuzes diese Mutter zärtlich der Fürsorge seines geliebten Jüngers anbefehlen. Im ersten Fall sonderte Er sich im Geist eines vollkommenen Nasiräertums ab, um den Willen seines Vaters zu erfüllen, während Er im letzten den zärtlichen Gefühlen seines vollkommenen menschlichen Herzens Ausdruck gab. Die Widmung des Nasirs und die Liebe des Menschen, beides war vollkommen. Keines beeinträchtigte das andere. Jedes leuchtete mit ungetrübtem Glanz in dem ihm eigenen Bereich.

Nun, den Schatten oder das Bild dieses vollkommenen Menschen erblicken wir in dem „Feinmehl“ (V. 1), das die Grundlage des Speisopfers bildete. Nicht ein einziges grobes Körnchen war in dem Mehl zu finden. Da war nichts uneben, nichts ungleich, nichts erschien rau bei der Berührung. Welcher Druck auch von außen kommen mochte, immer blieb die Außenseite glatt. Keine Umstände, keine Verwicklungen der schwierigsten Art vermochten den Herrn je aus der Fassung zu bringen. Er brauchte niemals einen Schritt zurückzugehen oder ein Wort zu widerrufen. Er begegnete allem, was auch kommen mochte, mit jener Gleichmäßigkeit, die so treffend durch das „Feinmehl“ dargestellt wird.

Es ist kaum nötig, zu bemerken, dass Er in dem allem einen entschiedenen Gegensatz zu seinen geehrtesten und ergebensten Dienern bildete. So z. B. redete Mose, obwohl er „sehr sanftmütig war, mehr als alle Menschen, die auf dem Erdboden waren“ (4. Mo 12,3), dennoch „unbedacht mit seinen Lippen“ (Ps 106,33). Wir finden bei Petrus zu gewissen Zeiten einen übertriebenen Eifer und zu anderer Zeit eine Feigheit, die vor einem klaren Zeugnis und der Schmach zurückschreckte. Er rühmte sich einer Ergebenheit, die ihn, wenn die Zeit des Handelns kam, im Stich ließ. Johannes, der in so reichem Maß die Atmosphäre der unmittelbaren Gegenwart Christi einatmete, zeigte zuweilen einen unduldsamen Geist. Auch in Paulus, dem ergebenen Diener, bemerken wir beträchtliche Ungleichheiten. Er ließ sich vor dem Hohenpriester zu Worten hinreißen, die er widerrufen musste. Er sandte den Korinthern einen Brief, über den er zuerst Reue fühlte, der ihn aber nachher nicht gereute. In allen finden wir irgendein Gebrechen, ausgenommen in dem „Ausgezeichneten vor Zehntausenden“, „an dem alles lieblich ist“ (Hld 5,10.16).

Die Bestandteile des Speisopfers

Bei der Betrachtung des Speisopfers wollen wir zunächst die Bestandteile ins Auge fassen, aus denen es zusammengesetzt war, dann die verschiedenen Formen, in denen es dargebracht wurde, und endlich die Personen, die an ihm beteiligt waren.

Was die Bestandteile betrifft, so kann das „Feinmehl“, wie bereits gesagt, als die Grundlage des Opfers betrachtet werden. Wir finden darin ein Vorbild auf Christus als Mensch, der in sich alle Vollkommenheit vereinigte. Jede Tugend war vorhanden und zum tätigen Handeln im geeigneten Augenblick bereit. Es ist die Freude des Heiligen Geistes, die Herrlichkeit der Person Christi zu entfalten und ihn in seiner ganzen unvergleichlichen Vortrefflichkeit sowie im Gegensatz zu allen anderen vor unser Auge zu stellen. Er zeigt uns ihn im Gegensatz zu Adam, selbst in dessen bestem und höchstem Zustand, wie wir lesen: „Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch vom Himmel“ (1. Kor 15,47). Der erste Adam war, selbst vor dem Fall, „von der Erde“, der zweite Mensch aber war „der Mensch vom Himmel“.

Feinmehl gemengt mit Öl

Das „Öl“ im Speisopfer ist ein Bild vom Heiligen Geist, und wie das Öl auf zweifache Weise angewandt wurde, so wird auch der Heilige Geist von einem zweifachen Gesichtspunkt aus in Verbindung mit der Menschwerdung des Sohnes dargestellt. Das Feinmehl wurde mit Öl „gemengt“, und das Öl wurde darüber „gegossen“. So war das Bild. In der Erfüllung des Bildes sehen wir den Herrn Jesus zunächst von dem Heiligen Geist „empfangen“ und dann durch ihn „gesalbt“ (vgl. Mt 1,18.20 mit Kap. 3,16). Das ist göttlich! Die Genauigkeit, die hier hervortritt, ist bewundernswert. Es ist ein und derselbe Geist, der die Bestandteile des Bildes aufzeichnet und uns die Tatsachen in ihrer Erfüllung berichtet. Er, der mit solch erstaunlicher Genauigkeit die Schatten und Bilder des dritten Buches Mose mitgeteilt hat, stellt uns ihn, den allein Vollkommenen, in den Berichten der Evangelien mit gleicher Sorgfalt vor Augen.

Die Zeugung Christi als Mensch durch den Heiligen Geist im Mutterleib der Jungfrau Maria ist eines der tiefsten Geheimnisse. Sie wird am ausführlichsten im Lukas-Evangelium berichtet, und dies ist charakteristisch, weil es in diesem ganzen Evangelium der besondere Zweck des Heiligen Geistes zu sein scheint, den „Menschen Christus Jesus“ darzustellen. In Matthäus 1 haben wir den „Sohn Abrahams, den Sohn Davids“, in Markus den göttlichen Diener, den himmlischen Arbeiter, und in Johannes den „Sohn Gottes“, das ewige Wort, das Leben, das Licht – ihn, durch den alle Dinge geworden sind. Aber das erhabene Thema des Heiligen Geistes im Evangelium des Lukas ist Jesus, „der Sohn des Menschen“.

Als der Engel Gabriel der Jungfrau Maria die Würde ankündigte, die ihr in Verbindung mit der Menschwerdung Christi zuteilwerden sollte, stellte sie, jedoch nicht im Geist der Zweifelsucht, sondern in ehrlicher Unwissenheit die Frage: „Wie kann das sein, da ich ja keinen Mann kenne …?“ (Lk 1,34). Sie dachte offenbar, dass die Geburt dieser herrlichen Person, die nun bald erscheinen sollte, nach den gewöhnlichen Regeln der Zeugung stattfinden würde, und dieser Gedanke bot der großen Güte Gottes Gelegenheit, unschätzbares Licht über die Grundwahrheit der Menschwerdung zu schenken. Die Erwiderung des Engels auf die Frage der Jungfrau ist von höchstem Interesse. „Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird auf dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35).

Aus dieser herrlichen Stelle ersehen wir, dass der menschliche Leib, in den die zweite Person der ewigen Dreieinheit einzog, durch die „Kraft des Höchsten“ gebildet wurde. „Einen Leib hast du mir bereitet“ (vgl. Ps 40,7 mit Heb 10,5). Es war ein wahrer menschlicher Leib, wahres Fleisch und Blut. Hier gibt es nicht die geringste Grundlage für die geist- und wertlosen Theorien des Gnostizismus oder des Mystizismus. Alles ist göttliche Wirklichkeit, gerade das, was unsere Herzen nötig haben und was Gott uns gegeben hat. Die erste Verheißung hatte erklärt, dass der Nachkomme der Frau der Schlange den Kopf zertreten sollte, und nur einer, dessen Natur ebenso wirklich menschlich wie rein und unverderblich war, konnte diese Verheißung erfüllen. „Du wirst im Leib empfangen“, sagte der Engel, „und einen Sohn gebären“ (Lk 1,31)1. Und dann, um bezüglich der Art und Weise dieser Empfängnis keinen Raum für irgendeinen Irrtum zu lassen, fügt er Worte hinzu, die den unwiderlegbaren Beweis liefern, dass das „Fleisch und Blut“, an dem der ewige Sohn „teilnahm“ (Heb 2,14), obschon wahres, wirkliches Fleisch und Blut, dennoch keinen einzigen Flecken aufwies. Der Leib, die menschliche Natur des Herrn Jesus, wird nachdrücklich „das Heilige“ genannt, und weil sie ganz und gar fleckenlos war, so trug sie auch keinen Keim der Sterblichkeit in sich. Sterblichkeit können wir uns nur in Verbindung mit der Sünde denken, und die menschliche Natur Christi hatte nichts mit der Sünde zu tun. Die Sünde wurde ihm auf dem Kreuz zugerechnet; Er wurde dort für uns „zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21). Das Speisopfer aber ist nicht ein Bild von Christus als dem Sündenträger, sondern es stellt uns ihn in seinem vollkommenen Leben hier auf der Erde dar – einem Leben, in dem Er ohne Zweifel litt, jedoch nicht als Sündenträger, nicht als Stellvertreter, nicht von der Hand Gottes. Das ist sehr wichtig. Weder im Brandopfer noch im Speisopfer finden wir Christus als Sündenträger. Im Speisopfer sehen wir ihn lebend, im Brandopfer sterbend, aber in keinem handelt es sich um Sündenzurechnung oder um das Ertragen des Zorns Gottes wegen der Sünde. Mit einem Wort: Christus als Stellvertreter des Sünders irgendwo anders als auf dem Kreuz darzustellen, hieße sein Leben all seiner göttlichen Schönheit und Vortrefflichkeit berauben und das Kreuz gänzlich von seiner Stelle rücken. Zugleich würde dies unter den Bildern des dritten Buches Mose hoffnungslose Verwirrung anrichten.

Die Wahrheit über die Person Christi

Bezüglich der Wahrheit von der Person des Herrn Jesus Christus möchte ich an dieser Stelle ein ernstes Warnungswort an den gläubigen Leser richten. Ist bezüglich dieses Punktes ein Irrtum vorhanden, so gibt es keine Sicherheit für irgendeinen anderen. Die Person Christi ist der lebendige, der göttliche Mittelpunkt aller Wirkungen des Heiligen Geistes. Lass die Wahrheit in Bezug auf ihn fahren und du bist gleich einem Schiff, das, losgerissen von seinen Ankern, ohne Ruder und Kompass auf der wilden Wasserwüste umhertreibt und sich in höchster Gefahr befindet, an den Klippen des Unglaubens oder des Atheismus zu zerschellen. Beginne zu zweifeln an der ewigen Sohnschaft Christi, an seiner Gottheit, an seinem fleckenlosen Menschsein, und du hast eine Schleuse geöffnet, durch die eine Flut der traurigsten Irrtümer hereinbricht.

Der Herr Jesus, der ewige Sohn Gottes, die zweite Person der heiligen Dreieinheit, „Er, der offenbart worden ist im Fleisch“ (1. Tim 3,16), „der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit“ (Röm 9,5), nahm einen Leib an, der in sich selbst göttlich rein und heilig, gänzlich frei von jedem Samen oder Grundsatz der Sünde oder der Sterblichkeit und ohne die Möglichkeit einer Befleckung war. Christus war derart Mensch, dass Er in jedem Augenblick, soweit es ihn persönlich betraf, in den Himmel, von woher Er gekommen war und dem Er angehörte, hätte zurückkehren können. Ich spreche hier nicht von den ewigen Ratschlüssen der erlösenden Liebe, nicht von der Liebe Jesu, seiner Liebe zu Gott und seiner Liebe zu den Auserwählten Gottes, auch nicht von dem Werk, das nötig war, um den ewigen Bund Gottes mit den Nachkommen Abrahams und mit der ganzen Schöpfung zu bestätigen. Die eigenen Worte Christi belehren uns, dass Er „leiden und am dritten Tag auferstehen sollte aus den Toten“ (Lk 24,46). Sein Leiden war für die Offenbarung und vollkommene Erfüllung des großen Geheimnisses der Erlösung absolut notwendig. Es war sein Vorsatz, „viele Söhne zur Herrlichkeit zu bringen“ (Heb 2,10). Er wollte nicht „allein bleiben“, und darum musste Er, „das Weizenkorn, in die Erde fallen und sterben“ (Joh 12). Je mehr wir in die Wahrheit seiner Person eindringen, umso höher werden wir die in seinem Werk offenbarte Gnade schätzen.

Wenn der Apostel von Christus als „durch Leiden vollkommen gemacht“ spricht, so betrachtet er ihn als den „Urheber unserer Errettung“ (Heb 2,10), nicht aber als den Sohn, der, was seine Person und Natur betraf, so göttlich vollkommen war, dass ihm unmöglich etwas hinzugefügt werden konnte. Ebenso nimmt der Herr, wenn Er sagt: „Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet“ (Lk 13,32), Bezug auf sein Vollendetwerden in der Kraft der Auferstehung als der Erfüller des Erlösungswerkes. Soweit es ihn persönlich betraf, konnte Er sogar auf dem Weg aus dem Garten Gethsemane sagen: „Meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde? Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es so geschehen muss?“ (Mt 26,53.54).

Es ist gut, wenn wir hierüber Klarheit besitzen und ein göttliches Bewusstsein haben von der Übereinstimmung, die zwischen jenen Schriftstellen besteht, die Christus in der Würde seiner Person und der göttlichen Reinheit seiner Natur darstellen, und jenen, die ihn in seinen Beziehungen zu seinem Volk und als den Erfüller des großen Erlösungswerkes betrachten. Zuweilen finden wir beide Dinge in derselben Stelle vereinigt, wie z. B. in Hebräer 5,8.9, wo wir lesen: „Obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.“ Wir müssen uns jedoch daran erinnern, dass nicht eine einzige jener Beziehungen, in die Christus freiwillig eintrat – sei es als der Ausdruck der göttlichen Liebe gegen eine verlorene Welt oder als der Diener der göttlichen Ratschlüsse –, irgendwie die Reinheit, Vortrefflichkeit und Herrlichkeit seiner Person beeinträchtigen konnte. Der Heilige Geist kam über die Jungfrau, und Kraft des Höchsten überschattete sie, und darum wurde „das Heilige, das von ihr geboren wurde, Sohn Gottes genannt“ (Lk 1,35). Wie herrlich entfalten diese Worte das tiefe Geheimnis, dass Christus reiner und vollkommener Mensch war! Das ist das große Gegenbild des „mit Öl gemengten Feinmehls“!

Hier möchte ich noch die Bemerkung einflechten, dass zwischen der menschlichen Natur, wie wir sie in dem Herrn Jesus Christus sehen, und unserer menschlichen Natur keine Vereinigung stattfinden konnte. Das Reine konnte sich nie mit dem Unreinen vermengen. Das, was unverderblich ist, konnte sich unmöglich verbinden mit dem, was verderblich ist. Niemals kann sich das Geistliche mit dem Fleischlichen, das Himmlische mit dem Irdischen vereinigen. Hieraus folgt, dass die hier und da aufgetauchte Lehre, Christus habe sich mit unserer gefallenen Natur vereinigt, durchaus falsch ist, denn hätte Er dies tun können, so wäre der Tod am Kreuz keine Notwendigkeit gewesen. In diesem Fall hätte das Weizenkorn nicht in die Erde zu fallen und zu sterben brauchen. Unmöglich konnte sich Christus mit der sündigen Menschheit vereinigen. Hören wir, was der Engel im ersten Kapitel des Matthäusevangelium zu Joseph sagt: „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geist!“ (V. 20). So sind die natürlichen Gefühle Josephs wie auch die fromme Unwissenheit Marias zu einer Gelegenheit geworden, das heilige Geheimnis der Menschwerdung Christi klarer zu entfalten und zugleich gegen alle gotteslästerlichen Angriffe des Feindes zu schützen.

In welcher Weise aber sind die Gläubigen mit Christus vereinigt? In seiner Menschwerdung oder in seiner Auferstehung? Ohne Zweifel in seiner Auferstehung, denn „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein“ (Joh 12,24). Diesseits des Todes war eine Vereinigung zwischen Christus und seinem Volk eine Unmöglichkeit. Die Gläubigen sind in der Kraft eines neuen Lebens mit Christus vereinigt. Sie waren tot in Sünden, und Er kam in vollkommener Gnade hernieder und wurde, obwohl selbst rein und ohne Sünde, „zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21), „der Sünde gestorben“ (Röm 6,10), tat sie hinweg, stand wieder auf, über sie und alles mit ihr Verbundene triumphierend, und wurde in der Auferstehung das Haupt eines neuen Geschlechts. Adam war das Haupt der alten Schöpfung, die mit ihm fiel. Christus stellte sich durch sein Sterben unter das volle Gewicht des Zustandes seines Volkes und nachdem Er allem, was gegen sein Volk war, begegnet war, verließ Er als Sieger über alles das Grab und führte die Seinen mit sich in die neue Schöpfung ein, von der Er selbst das herrliche Haupt und der Mittelpunkt ist. Deshalb lesen wir: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm“ (1. Kor 6,17). „Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen seiner vielen Liebe, womit er uns geliebt hat, hat auch uns, als wir in den Vergehungen tot waren, … mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,4–6). „Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen“ (Eph 5,30). „Und euch, als ihr tot wart in den Vergehungen und der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat“ (Kol 2,13).

Wir könnten noch viele ähnliche Stellen anführen, aber diese genügen, um zu beweisen, dass Christus nicht in der Menschwerdung, sondern im Tod eine Stellung einnahm, in der sein Volk „mit ihm lebendig“ gemacht werden konnte.

Feinmehl mit Öl begossen

Wenden wir uns jetzt zu den Worten: „Er soll Öl darauf gießen“ (V. 1). Hier entdecken wir einen anderen Punkt, der ebenfalls sehr wichtig ist. Wir haben hier nämlich ein Bild von der Salbung des Herrn Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Der Leib des Herrn Jesus war nicht nur durch den Heiligen Geist geheimnisvoll gebildet, sondern dieses reine und heilige Gefäß wurde auch durch dieselbe Macht zum Dienst gesalbt. „Es geschah aber, als das ganze Volk getauft wurde und Jesus getauft war und betete, dass der Himmel aufgetan wurde und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, auf ihn herniederfuhr und eine Stimme aus dem Himmel erging: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Lk 3,21.22).

Die Salbung des Herrn Jesus durch den Heiligen Geist vor seinem Eintritt in seinen öffentlichen Dienst ist für jeden, der ein wahrer Diener Gottes sein möchte, von großer praktischer Wichtigkeit. Obwohl Er, was sein Menschsein betrifft, durch den Heiligen Geist empfangen wurde, obwohl Er in seiner eigenen Person „Gott offenbart im Fleisch“ (1. Tim 3,16) war, obwohl die ganze Fülle der Gottheit „leibhaftig in ihm wohnte“ (Kol 2,9), verrichtete Er doch (und man beachte dies recht), wenn Er als Mensch zur Erfüllung des Willens Gottes auf der Erde erschien, alles durch den Heiligen Geist – mochte jener Wille die Verkündigung des Evangeliums, das Heilen der Kranken, das Austreiben der Teufel, das Speisen der Hungrigen oder das Auferwecken der Toten in sich fassen. Das heilige und himmlische Gefäß, in dem es Gott, dem Sohn wohlgefiel, in dieser Welt zu erscheinen, war gebildet, erfüllt, gesalbt und geleitet durch den Heiligen Geist.

Welch eine Belehrung für uns! Und wie notwendig ist diese Belehrung! Wie geneigt sind wir zu laufen, ohne gesandt zu sein! Wie geneigt, in der bloßen Kraft des Fleisches zu handeln! Wie vieles von dem, was wie Dienst aussieht, ist nur die unruhige Tätigkeit einer Natur, die niemals in der Gegenwart Gottes verurteilt und gerichtet worden ist! In der Tat, wir haben nötig, unser göttliches „Speisopfer“ genauer zu betrachten, die Bedeutung des mit „Öl gesalbten Feinmehls“ genauer zu verstehen. Wir haben nötig, über Christus selbst tiefer nachzusinnen. Obwohl Er in seiner eigenen Person göttliche Macht besaß, vollbrachte Er dennoch durch den Heiligen Geist sein ganzes Werk; so wirkte Er alle seine Wunder und so opferte Er sich „selbst durch den ewigen Geist ohne Flecken“. Er konnte sagen: „Ich treibe Dämonen aus durch den Geist Gottes.“

Alle unsere Tätigkeit ist unnütz und wertlos, wenn sie nicht durch den Heiligen Geist gewirkt und geleitet wird. Jemand mag schreiben; aber wenn seine Feder nicht von dem Heiligen Geist geleitet wird, so werden seine Schriften keine bleibenden Ergebnisse hervorbringen. Ein anderer mag reden; aber wenn seine Lippen nicht von dem Heiligen Geist gesalbt sind, so wird sein Wort nicht Wurzel fassen. Das sind ernste Erwägungen, die uns zu großer Wachsamkeit gegenüber uns selbst und zu einer beständigen Abhängigkeit von dem Heiligen Geist leiten werden. Es ist für uns nötig, ganz leer zu sein von uns selbst, damit so dem Geist mehr Raum gelassen wird, durch uns zu handeln. Unmöglich kann ein Mensch, der von sich selbst erfüllt ist, das Gefäß des Heiligen Geistes sein. Ein solcher muss, bevor der Heilige Geist ihn benutzen kann, zunächst leer werden von sich selbst. Wenn wir die Person und den Dienst des Herrn Jesus betrachten, dann sehen wir, dass Er in jedem Augenblick und in jeder Lage durch die Kraft des Heiligen Geistes handelte. Nachdem Er als Mensch hier auf der Erde seinen Platz eingenommen hatte, zeigte Er, dass der Mensch nicht nur durch das Wort leben, sondern auch durch die Kraft des Geistes Gottes handeln sollte. Obwohl als Mensch sein Wille, seine Gedanken, seine Worte und Handlungen, ja alles vollkommen war, so wollte Er dennoch nicht handeln, außer aufgrund der Autorität des Wortes und durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Weihrauch

Der nächste Bestandteil des Speisopfers ist „der Weihrauch“. Wie bereits bemerkt, bildete das „Feinmehl“ die Grundlage des Opfers. Das „Öl“ und der „Weihrauch“ waren die beiden hervorragendsten Zusätze, und die Kombination dieser beiden ist in der Tat sehr lehrreich. Das „Öl“ ist ein Bild von der Kraft des Dienstes Christi, der „Weihrauch“ von dem Zweck dieses Dienstes. Das Öl belehrt uns, dass Er alles durch den Geist Gottes verrichtete, der Weihrauch, dass Er alles zur Verherrlichung Gottes tat. Der Weihrauch stellte dasjenige im Leben Christi dar, was ausschließlich für Gott war. Dies geht deutlich aus dem zweiten Vers hervor, wo wir lesen: „Und er soll es zu den Söhnen Aarons, den Priestern, bringen; und er nehme davon seine Handvoll, von seinem Feinmehl und von seinem Öl samt all seinem Weihrauch, und der Priester räuchere das Gedächtnisteil davon auf dem Altar: Es ist ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“ (V. 2). So war es bei dem eigentlichen, dem wahren Speisopfer, dem Menschen Christus Jesus. In seinem gesegneten Leben gab es etwas, was ausschließlich für Gott war. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung von ihm verbreitete einen Wohlgeruch, der unmittelbar zu Gott emporstieg. Und wie im Bild das „Feuer des Altars“ den lieblichen Geruch des Weihrauchs hervorrief, so offenbarte sich in dem Herrn Jesus, je mehr Er in seinem Leben „versucht“ wurde, nur umso klarer, dass in seiner menschlichen Natur nichts war, was nicht als ein Wohlgeruch zum Thron Gottes aufsteigen konnte. Wenn wir im Brandopfer Christus sehen, wie Er „sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“ (Heb 9,14), so sehen wir ihn im Speisopfer die ganze innere Vortrefflichkeit und die vollkommenen Handlungen seiner menschlichen Natur Gott darbringen. Ein vollkommener, ein sich selbst verleugnender, ein gehorsamer Mensch auf der Erde, der den Willen Gottes erfüllte und durch die Autorität des Wortes und durch die Kraft des Geistes handelte, besaß einen Wohlgeruch, der nur von Gott voll gewürdigt und entgegengenommen werden konnte. Der Umstand, dass der „ganze Weihrauch“ auf dem Altar verzehrt wurde, zeigt klar dessen Bedeutung.

Salz

Es bleibt uns jetzt nur noch ein Bestandteil übrig, der eine unerlässliche Beigabe des Speisopfers war, nämlich das Salz. „Und alle Opfergaben deines Speisopfers sollst du mit Salz salzen und sollst das Salz des Bundes deines Gottes nicht fehlen lassen bei deinem Speisopfer; bei allen deinen Opfergaben sollst du Salz darbringen“ (V. 13). Der Ausdruck „Salz des Bundes“ stellt den bleibenden Charakter dieses Bundes dar. Das Salz ist ein außerordentlich wichtiger Bestandteil. „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt“ (Kol 4,6). Das ganze Verhalten des vollkommenen Menschen brachte die Kraft dieses Grundsatzes zum Ausdruck. Seine Worte waren nicht nur Worte der Gnade, sondern auch Worte von schneidender Kraft, Worte, die göttlich angemessen waren, um vor jeder Fäulnis und jedem verderblichen Einfluss zu bewahren. Er sprach niemals ein Wort, das nicht von „Weihrauch“ duftete und nicht „mit Salz gesalzen“ war. Das eine war wohlannehmlich für Gott, das andere nützlich für den Menschen.

Leider konnte das böse Herz und der verdorbene Geschmack des Menschen das Schneidende des göttlich gesalzenen Speisopfers nicht ertragen. Betrachten wir z. B. die Szene in der Synagoge zu Nazareth (Lk 4,16–29). Das Volk „gab ihm Zeugnis und verwunderte sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen“ (V. 22). Als Er aber fortfuhr, diese Worte mit „Salz“ zu würzen, was so unumgänglich nötig war, um seine Zuhörer vor dem verderblichen Einfluss ihres Nationalstolzes zu bewahren, da hätten sie ihn gern hinabgestürzt von dem Rand des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war. So auch in Lukas 14: Als seine Worte der Gnade eine große Volksmenge zu ihm gezogen hatten, brachte Er gleich darauf das Salz in Anwendung, indem Er die unausbleiblichen Konsequenzen der Nachfolge zeigte. „Kommt, denn schon ist alles bereit!“ (V. 17) – das war die Gnade. Aber dann: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter …. dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“ (V. 26) – das war das „Salz“. Die Gnade ist anziehend, aber „das Salz ist gut“. Eine Rede voll Gnade mag volkstümlich sein. Eine gesalzene Rede ist es nie. Dem reinen Evangelium von der Gnade Gottes mag „die Volksmenge“ zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen eine Weile nachlaufen. Sobald aber das „Salz“ einer scharfen und treuen Anwendung hinzugefügt wird, leeren sich die Bänke; ausharren werden im Allgemeinen nur solche, die die heilsame Macht des Wortes an sich verspüren.

Sauerteig

Nachdem wir so die Bestandteile geprüft haben, aus denen sich das Speisopfer zusammensetzte, müssen wir noch auf jene hinweisen, die ausdrücklich verboten waren. Zu diesen Letzteren gehört zunächst der Sauerteig. „Alles Speisopfer, das ihr dem HERRN darbringt, soll nicht aus Gesäuertem gemacht werden“ (V. 11). Der Sauerteig wird in der ganzen Heiligen Schrift, ohne eine einzige Ausnahme, als ein Symbol des Bösen gebraucht. Wie wir später in 3. Mose 23 finden werden, war bei den beiden Broten, die am Pfingsttag dargebracht wurden, der Sauerteig gestattet. Beim Speisopfer aber war er ausdrücklich verboten. Nichts Saures, nichts was aufblähen konnte, nichts was Böses ausdrückte, durfte sich in dem vorfinden, was den „Menschen Christus Jesus“ darstellte. In ihm konnte nichts sein, was nach der Bitterkeit der Natur schmeckte, nichts Schwülstiges, nichts Aufgeblasenes. Alles war rein, gediegen und echt. Sein Wort mochte zu Zeiten bis ins lebendige Fleisch schneiden, aber nie war es herb. Seine Redeweise war jedem vorliegenden Fall immer genau angemessen. Sein Betragen bekundete immer die tiefe Wirklichkeit eines Weges in der unmittelbaren Gegenwart Gottes.

Wir wissen leider nur zu gut, wie sich der Sauerteig in all seinen Eigenschaften und Wirkungen immer wieder in denen zeigt, die den Namen Jesu tragen. Es hat nur eine unverdorbene Garbe menschlicher Frucht gegeben, nur ein völlig ungesäuertes Speisopfer. Doch, Gott sei gepriesen! Dieser Eine ist unser, unser, damit wir uns von ihm nähren im Heiligtum der göttlichen Gegenwart, in Gemeinschaft mit Gott. In der Tat, nichts kann für das erneuerte Herz erbaulicher und erfrischender sein, als bei der „ungesäuerten“ Vollkommenheit des Menschen Jesus Christus zu verweilen, das Leben und den Dienst dieses Einen zu betrachten, der durch und durch „ungesäuert“ war. In all den Quellen seiner Gedanken, Gefühle und Wünsche fand sich nicht die kleinste Spur vom Sauerteig. Er war der sündlose, fleckenlose, vollkommene Mensch. Und je mehr wir durch die Kraft des Geistes befähigt sind, in das alles einzudringen, umso gründlicher wird unsere Erfahrung von der Gnade sein, die diesen Vollkommenen bewegte, sich unter all die Folgen der Sünde seines Volkes zu stellen, wie Er dies am Kreuz getan hat. Indessen steht dieser Gedanke in Verbindung mit unserem geliebten Herrn, als Sündopfer betrachtet. Im Speisopfer handelt es sich durchaus nicht um die Sünde.

Honig

Ebenso entschieden wie der Sauerteig war aber auch der Honig verboten. „Denn aller Sauerteig und aller Honig, davon sollt ihr dem HERRN kein Feueropfer räuchern“ (V. 11). So wie der „Sauerteig“ das ausdrückt, was offenbar böse in der Natur ist, so können wir den „Honig“ als ein Symbol des scheinbar Süßen und Anziehenden betrachten. Beides ist nicht von Gott gestattet. Beides musste beim Speisopfer unbedingt vermieden werden. Beides passte nicht für den Altar. Es gibt ohne Zweifel manche guten sittlichen Eigenschaften im Menschen, die wir nicht ausnahmslos abwerten wollen. „Hast du Honig gefunden, so iss dein Genüge“, aber vergiss nicht, dass er weder im Speisopfer noch in dessen Gegenbild einen Platz fand. Da war die Fülle des Heiligen Geistes der liebliche Wohlgeruch des „Weihrauchs“, die konservierende Kraft des „Salzes des Bundes“. Alle diese Dinge kamen zu dem „Feinmehl“ in der Person des wahren Speisopfers hinzu, aber „kein Honig“.

Eine heilsame Lehre für uns! Unser Herr wusste der Natur und ihren Beziehungen ihren wahren Platz anzuweisen. Er wusste, wie viel Honig sich geziemte. Er konnte zu seiner Mutter sagen: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). Und doch konnte Er wiederum an seinen geliebten Jünger die Worte richten: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,27). Mit anderen Worten, den Ansprüchen der Natur wurde niemals erlaubt, die Darstellung Christi als vollkommener Mensch vor Gott zu beeinträchtigen. Maria und andere mit ihr mögen gedacht haben, dass ihre menschliche Verwandtschaft mit dem Hochgelobten ihr irgendeinen besonderen Anspruch oder Einfluss auf ihn auf bloß natürlichem Boden einräume. So lesen wir: „Es kommen seine Mutter und seine Brüder; und draußen stehend, sandten sie zu ihm und riefen ihn. Und eine Volksmenge saß um ihn herum; und sie sagen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder draußen suchen dich“ (Mk 3,31.32). Was aber war die Antwort des wahren Speisopfers? Verließ Er sein Werk, um den Anforderungen der Natur zu entsprechen? Keineswegs. Hätte Er das getan, so wäre es eine Vermengung des Speisopfers mit Honig gewesen, und das durfte nicht sein. Der Honig war ausgeschlossen bei dieser wie bei jeder anderen Gelegenheit, wenn den Forderungen Gottes Folge geleistet werden musste. Stattdessen finden wir die Kraft des Geistes, den Wohlgeruch des „Weihrauchs“ und die Kraft des „Salzes“. „Und Er antwortete ihnen und spricht: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er blickte umher auf die im Kreis um ihn her Sitzenden und spricht: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“2

Es gibt wenige Dinge, die dem Diener Christi schwerer fallen, als mit geistlicher Genauigkeit die Ansprüche der natürlichen Verwandtschaft so zu regeln, dass sie die Anforderungen des Herrn in keiner Weise beeinträchtigen. Bei ihm war dieses alles göttlich geregelt, während es bei uns nur zu häufig geschieht, dass Pflichten, die uns von Gott auferlegt sind, um solcher Dinge willen vernachlässigt werden, die wir für den Dienst Christi halten. Wahre Hingabe sucht in erster Linie, allen göttlichen Anforderungen völlig zu genügen. Wie oft wird die Lehre Gottes einem scheinbaren Werk des Evangeliums geopfert! Wenn ich eine Stellung einnehme, die meine Kräfte täglich von morgens 8 bis abends 7 Uhr in Anspruch nimmt, so habe ich kein Recht, während dieser Stunden zu predigen oder Besuche zu machen. Habe ich ein Geschäft, so bin ich verpflichtet, es sehr korrekt zu führen. Ich habe kein Recht, hier und dort zu predigen, während mein Geschäft daheim in Unordnung liegt, so dass die heilige Lehre Gottes dadurch verlästert wird. Vielleicht sagt jemand: „Ich fühle mich berufen, das Evangelium zu predigen, aber meine Stellung oder mein Geschäft steht mir im Weg.“ Nun, wenn du von Gott für das Werk des Evangeliums berufen und befähigt bist und du die beiden Dinge nicht miteinander vereinigen kannst, so gib deine Stellung auf oder wickle dein Geschäft in einer Gott wohlgefälligen Weise ab und gehe dann im Namen des Herrn voran. Aber solange ich eine Stellung innehabe oder ein Geschäft betreibe, darf meine Arbeit im Evangelium erst beginnen, wenn die göttlichen Anforderungen bezüglich dieser Stellung oder dieses Geschäftes völlig befriedigt sind. Das ist wahre Hingabe. Alles andere, so gut es auch gemeint sein mag, ist Verwirrung. Wir haben, Gott sei Dank, ein vollkommenes Vorbild in dem Leben des Herrn Jesus vor uns, und das Wort Gottes enthält für den neuen Menschen klare Wegweisung, so dass wir nicht nötig haben, Fehler zu machen, weder hinsichtlich der mannigfachen Beziehungen, in welche die Vorsehung Gottes uns gestellt hat, noch hinsichtlich der mancherlei Anforderungen, welche die Regierung Gottes in Verbindung mit diesen Beziehungen an uns stellt.

Wohlgeruch

Der zweite Punkt in unserer Betrachtung ist die Art und Weise, wie das Speisopfer zubereitet wurde. Dies geschah durch das Feuer. Das Speisopfer war entweder ein „Ofengebäck“ oder ein „Speisopfer in der Pfanne“ oder ein „Speisopfer im Napf“. Der Vorgang des Backens ruft unwillkürlich den Gedanken an Leiden wach. Da aber das Speisopfer ein „lieblicher Geruch“ genannt wird (ein Ausdruck, der bei dem Sünd- und Schuldopfer niemals vorkommt), so kann augenscheinlich hier an das Ertragen des Zorns wegen der Sünde und an ein Leiden für die Sünde von Seiten der göttlichen Gerechtigkeit nicht gedacht werden. „Lieblicher Geruch“ und Leiden für die Sünde sind nach der levitischen Haushaltung zwei ganz unvereinbare Begriffe. Wollten wir daher in das Speisopfer den Gedanken des Leidens um der Sünde willen bringen, so würden wir die Bedeutung dieses Bildes zerstören.

Leiden um der Gerechtigkeit willen

Bei dem Betrachten des Lebens des Herrn Jesus – und darum geht es ja im Speisopfer in allererster Linie – entdecken wir drei verschiedene Arten von Leiden: zunächst Leiden um der Gerechtigkeit willen, dann Leiden durch sein vollkommenes Mitgefühl und endlich Leiden durch Vorempfindung.

Als der gerechte Diener Gottes litt der Herr Jesus in einer Umgebung, in der alles gegen ihn war; aber das war gerade das Gegenteil von einem Leiden für die Sünde. Es ist sehr wichtig, diese beiden Arten von Leiden zu unterscheiden. Übersieht man das, so gerät man in ernste Irrtümer. Das Leiden um Gottes willen als ein Gerechter unter den Menschen ist eine ganz andere Sache als das Leiden anstelle des Menschen unter der Hand Gottes. Der Herr Jesus litt während seines Lebens um der Gerechtigkeit willen. In seinem Tod litt Er um der Sünde willen. Während seines Lebens taten der Mensch und Satan ihr Äußerstes, und selbst am Kreuz entfalteten sie ihre ganze Kraft. Aber als alles das, was sie tun konnten, geschehen war, als sie in ihrem tödlichen Hass die äußerste Grenze menschlichen und teuflischen Widerstandes erreicht hatten, da lag noch weit darüber hinaus ein Bereich von undurchdringlichem Dunkel und Schrecken, in den der Sündenträger zur Vollendung seines Werkes einzutreten hatte. Während seines Lebens wandelte Er stets in dem ungetrübten Licht des göttlichen Angesichts, aber auf dem Fluchholz trat der finstere Schatten der Sünde dazwischen, verbarg jenes Licht vor seinen Augen und ließ ihn den schrecklichen Schrei tun: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Das war ein Augenblick, der in den Jahrbüchern der Ewigkeit völlig allein steht. Während des Lebens Christi auf der Erde hatte sich der Himmel von Zeit zu Zeit geöffnet, um dem göttlichen Wohlgefallen an dem geliebten Sohn Ausdruck zu geben; aber auf dem Kreuz verließ Gott ihn, weil Er seine Seele zum Sündopfer stellte. Wäre Christus sein ganzes Leben hindurch Sündenträger gewesen, wo wäre dann der Unterschied zwischen dem Kreuz und irgendeinem anderen Zeitabschnitt seines Erdenweges? Warum war Er nicht während seiner ganzen Laufbahn von Gott verlassen? Worin bestand der Unterschied zwischen Christus auf dem Kreuz und Christus auf dem heiligen Berg der Verklärung? War Er auf diesem Berg von Gott verlassen? War Er dort Sündenträger? Das sind sehr einfache Fragen, die jene sich vorlegen sollten, die an dem Gedanken eines Sündentragens während seines Lebens festhalten.

Der einfache Tatbestand ist dieser: Weder in dem Menschen Jesus Christus noch in der Natur seiner Beziehungen gab es etwas, das ihn irgendwie mit Sünde, Zorn oder Tod in Verbindung bringen konnte.

Auf dem Kreuz aber „wurde er zur Sünde gemacht“. Dort trug Er den Zorn Gottes, und dort gab Er sein Leben hin, als eine volle Sühnung für die Sünde. Aber nichts von all dem findet einen Platz im Speisopfer. Wohl finden wir hier das Backen, die Wirkung des Feuers, aber das ist nicht der Zorn Gottes. Das Speisopfer war kein Sündopfer, sondern ein Opfer „lieblichen Geruchs“. Dadurch ist seine Bedeutung klar gekennzeichnet. Den Herrn Jesus infolge seiner Geburt zu einem Sündenträger zu machen und ihn dadurch unter den Fluch des Gesetzes und den Zorn Gottes zu stellen, heißt der ganzen Wahrheit Gottes bezüglich der Menschwerdung widersprechen – einer Wahrheit, die durch den Engel angekündigt und immer wieder durch den Heiligen Geist in den apostolischen Briefen bekräftigt worden ist. Zugleich zerstört man dadurch den ganzen Charakter und den Zweck des Lebens Christi, raubt dem Kreuz seine besondere Herrlichkeit und schwächt das Gefühl für die Bedeutung von Sünde und Versöhnung. Mit einem Wort, man reißt den Schlussstein aus dem Gewölbe der Offenbarung und bringt alles in hoffnungslose Verwirrung.

Leiden durch Mitgefühl

Der Herr Jesus litt dann aber auch durch sein vollkommenes Mitgefühl, und diese Art Leiden lässt uns einen Blick tun in die tiefen Geheimnisse seines Herzens. Menschliche Trauer und menschliches Elend berührten stets eine Saite in diesem liebeerfüllten Herzen. Unmöglich konnte ein vollkommen menschliches Herz anders als nach seiner göttlichen Empfindsamkeit all das Elend fühlen, das die Sünde über das Menschengeschlecht gebracht hatte. Obwohl Er persönlich frei von der Ursache und der Wirkung der Sünde war, obwohl Er dem Himmel angehörte und auf der Erde ein vollkommen himmlisches Leben führte, stieg Er doch in der Kraft eines innigen Mitgefühls in die tiefsten Tiefen des menschlichen Elends hinab. Ja, Er fühlte, weil Er als Mensch vollkommen war, den Schmerz weit tiefer als diejenigen, die ihm unmittelbar unterworfen waren. Zudem war Er fähig, sowohl das Leiden als auch dessen Ursache nach ihrem richtigen Maß und Charakter in der Gegenwart Gottes zu betrachten. Er fühlte, wie niemand außer ihm fühlen konnte. Seine Gefühle und seine Neigungen, sein ganzes sittliches und geistiges Sein, alles war vollkommen. Aus diesem Grund vermag niemand zu beurteilen, was Er auf seinem Gang durch diese Welt gelitten haben muss. Er sah, was das menschliche Geschlecht unter der schweren Last seiner Schuld und seines Elends durchmachte. Er sah, wie die ganze Schöpfung unter dem Joch seufzte. Das Wehklagen des Gefangenen drang in sein Ohr. Er sah die Tränen der Witwe. Beraubung und Armut bewegten sein mitfühlendes Herz. Krankheit und Tod ließen ihn „tief in sich selbst seufzen“ (Joh 11,38). Sein Leiden aufgrund seines Mitgefühls überstieg weit alle menschlichen Begriffe.

Ich führe hier eine Stelle an, die zur Erläuterung dieses Charakters seiner Leiden dienen mag: „Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesajas geredet ist, der spricht: Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten“ (Mt 8,16.17). Das war völliges Mitgefühl, vollkommenes Mitleiden. Er hatte keine eigenen Krankheiten und Schwachheiten. Aber durch sein vollkommenes Mitfühlen „nahm Er unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten“. Nur ein vollkommener Mensch war dazu imstande. Wir können für- und miteinander fühlen, aber nur der Herr Jesus konnte menschliche Schwachheiten und Krankheiten zu seinen eigenen machen.

Hätte Er alle diese Dinge als eine notwendige Folge seiner Geburt oder seiner Verwandtschaft mit Israel und der menschlichen Familie zu erdulden gehabt, so würden wir die ganze Schönheit und Kostbarkeit seines freiwilligen Mitgefühls verlieren. Es wäre dann für eine freiwillige Handlung kein Raum mehr. Wenn wir ihn dagegen persönlich frei sehen von dem menschlichen Elend und dessen Ursachen, so können wir verstehen, dass es nur vollkommene Gnade und vollkommenes Erbarmen war, die ihn leiteten, in wahrem Mitgefühl „unsere Schwachheiten auf sich zu nehmen und unsere Krankheiten zu tragen“. Es besteht also ein sehr deutlicher Unterschied zwischen den Leiden Christi als dem, der freiwillig mit dem menschlichen Elend mitleidet, und seinem Leiden als Stellvertreter des Sünders. Die Ersteren begegneten ihm während seines ganzen Lebens, die Letzteren beschränken sich auf seinen Tod.

Leiden durch Vorempfindung

Schließlich haben wir noch die durch Vorempfindung erduldeten Leiden Christi zu betrachten. Das Kreuz warf seine finsteren Schatten auf den Weg des Herrn voraus und brachte für ihn eine sehr bittere Art von Leiden hervor, die aber klar von seinem versöhnenden Leiden und von seinem Leiden um der Gerechtigkeit willen oder durch Mitgefühl unterschieden werden muss. Zum Beweis des Gesagten vergleiche man Lukas 22,39–44 und Matthäus 26,37–39.

Aus diesen Stellen ist ersichtlich, dass etwas für den Herrn in Aussicht stand, dem Er nie vorher begegnet war. Hier wurde ein „Kelch“ für ihn gefüllt, aus dem Er noch nie getrunken hatte. Wäre Er sein ganzes Leben hindurch Sündenträger gewesen, warum dann diese „Seelenangst“ bei dem Gedanken an die Berührung mit der Sünde und an das Ertragen des Zorns Gottes der Sünde wegen? Worin bestand der Unterschied zwischen Christus in Gethsemane und Christus auf Golgatha, wenn Er während seines ganzen Lebens Sündenträger war? Hierin: In Gethsemane hatte Er das Vorgefühl des Gerichts, auf Golgatha ertrug Er es in Wirklichkeit. In Gethsemane erschien ihm ein Engel vom Himmel, der ihn stärkte. Auf Golgatha war Er von allen verlassen und kein Engel nahte, um ihm zu dienen. In Gethsemane redete Er zu Gott als seinem Vater, da befand Er sich im Genuss dieses unaussprechlichen Verhältnisses. Auf Golgatha stieß Er den Schrei aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hier schaute der Sündenträger empor, sah den Thron der ewigen Gerechtigkeit mit finsteren Wolken umhüllt und das Antlitz der unwandelbaren Heiligkeit von sich abgewandt, und weshalb? Weil Er „für uns zur Sünde gemacht“ war (2. Kor 5).

Gemeinschaft mit den Leiden Christi

Es ist also wichtig, die drei Arten der Leiden während des Lebens unseres Herrn von den Leiden in seinem Tod, den Leiden für die Sünde, zu unterscheiden. Nachdem der Mensch und Satan ihr Äußerstes getan hatten, blieb noch eine ganz besondere Art von Leiden übrig, nämlich das Leiden unter der Hand Gottes wegen der Sünde, ein Leiden als Stellvertreter des Sünders. Bis zu den Stunden der Finsternis am Kreuz konnte der Herr stets emporschauen und sich an dem hellen Licht des Angesichts seines Vaters erfreuen. Selbst in den dunkelsten Zeiten fand Er droben eine sichere Zuflucht. Sein irdischer Weg war rau. Wie hätte es auch anders sein können in einer Welt, wo alles seiner reinen, heiligen Natur unmittelbar zuwider war, wo Er den „Widerspruch von den Sündern gegen sich“ zu erdulden hatte (Heb 12,3), wo „die Schmähungen derer, die Gott schmähten, auf ihn gefallen sind“? Welchen Leiden war Er nicht ausgesetzt! Er wurde missverstanden, falsch beurteilt, geschmäht, angefeindet, angeklagt, von Sinnen zu sein und einen Dämon zu haben. Er wurde verraten, verleugnet, verlassen, verspottet, geschlagen, bespien, mit Dornen gekrönt, ausgestoßen, verurteilt und zwischen zwei Mördern ans Kreuz geheftet. Alle diese Dinge erduldete Er von der Hand des Menschen, neben den unaussprechlichen Schrecken, die Satan auf seinen Geist einwirken ließ. Aber nachdem der Mensch und Satan alle ihre Kraft und Feindschaft erschöpft hatten, gab es noch etwas für unseren Herrn und Heiland zu erdulden, mit dem verglichen alles andere bedeutungslos war – nämlich dass Gott ihn verlassen musste. Es waren jene drei Stunden der Finsternis und des schrecklichen Dunkels, in denen Er Leiden ausgesetzt war, deren Schwere außer Gott niemand zu erfassen vermag.

Wenn die Schrift von unserer Gemeinschaft mit den Leiden Christi spricht, so hat das nur Bezug auf seine von Menschenhand erduldeten Leiden um der Gerechtigkeit willen. Christus litt wegen der Sünde, um uns vor dem Gericht und den ewigen Qualen der Verdammnis zu erretten. Er trug den Zorn Gottes, damit wir ihn nicht zu ertragen hätten. Das ist die Grundlage unseres Friedens. An diesen Leiden konnten wir unmöglich teilhaben. Wenn aber seine von Seiten der Menschen erduldeten Leiden in Betracht kommen, so werden wir stets finden, dass wir, je treuer wir den Fußspuren Christi folgen, umso mehr in dieser Beziehung zu leiden haben werden. Doch das ist ein Vorrecht, eine Gunst, eine Ehre (vgl. Phil 1,29.30). In den Fußspuren Christi zu wandeln, Gemeinschaft mit ihm zu genießen, auf einen Platz des Mitleidens mit ihm gestellt zu sein, das sind Vorrechte höchsten Ranges. Möchten wir das alles tiefer und völliger erfahren! Leider sind wir nur zu gern bereit, wie Petrus, ihm von Weitem zu folgen (Mk 14,54), fern von einem verachteten und leidenden Heiland. Das ist ohne Zweifel ein großer Verlust für uns. Hätten wir mehr Gemeinschaft mit seinen Leiden, so würde sicher auch die Krone weit glänzender vor unserem Geistesauge stehen. Schrecken wir zurück vor der Gemeinschaft der Leiden Christi, so berauben wir uns der tiefen Freude seiner Gegenwart, seiner unmittelbaren Nähe sowie der inneren Kraft, welche die Hoffnung auf seine – und damit auch unsere – zukünftige Herrlichkeit verleiht.

Der Anteil der Priesters

Nachdem wir so die Bestandteile des Speisopfers sowie die verschiedenen Formen, in denen es dargebracht wurde, betrachtet haben, wollen wir nur noch kurz auf die daran beteiligten Personen hinweisen: das Haupt und die Glieder der priesterlichen Familie. „Das Übrige von dem Speisopfer soll für Aaron und für seine Söhne sein: ein Hochheiliges von den Feueropfern des HERRN“ (V. 10). So wie wir bei dem Brandopfer die Söhne Aarons als Bilder aller wahren Gläubigen, nicht als überführte Sünder, sondern als anbetende Priester eingeführt sahen, finden wir sie beim Speisopfer, wie sie sich nähren von dem Überrest dessen, was sozusagen auf den Tisch des Gottes Israels gelegt worden war. Das war ein erhabenes und heiliges Vorrecht. Ausschließlich die Priester konnten es genießen. Dies kommt sehr deutlich in dem „Gesetz des Speisopfers“ zum Ausdruck (Kap. 6,7–11).

In diesem „Gesetz des Speisopfers“ haben wir ein schönes Bild von der Versammlung, die an „heiligem Ort“, in der Kraft einer praktischen Heiligkeit, sich von den Vollkommenheiten „des Menschen Christus Jesus“ nährt. Dies ist durch die Gnade Gottes unser Teil. Aber vergessen wir nicht, dass es „ungesäuert“ gegessen werden muss. Wir können uns nicht von Christus nähren, wenn wir an irgendetwas Bösem festhalten. „Alles, was sie anrührt, wird heilig sein“ (Kap. 6,11). Überdies muss es „an heiligem Ort“ gegessen werden. Unsere Stellung, unser praktisches Verhalten, unsere Verbindungen – alles muss heilig sein, bevor wir von dem Speisopfer essen dürfen. Ferner heißt es: „Alles Männliche unter den Kindern Aarons soll es essen.“ Das bedeutet: Wahre, nach göttlichen Gedanken gemessene priesterliche Kraft ist erforderlich, um dieses heilige Teil zu genießen. Aarons „Söhne“ stellen in ihren priesterlichen Handlungen das Symbol der Kraft, seine „Töchter“ das der Schwachheit dar (vgl. 4. Mo 18,8–13). Es gab verschiedene Dinge, welche die Söhne nicht, aber die Töchter essen durften. Unsere Herzen sollten mit allem Ernst nach dem höchsten Maß priesterlicher Kraft verlangen, um die höchsten priesterlichen Dienste verrichten und an der höchsten Art der priesterlichen Nahrung teilhaben zu können.

Lasst mich nur noch darauf hinweisen, dass wir als solche, die durch die Gnade zu „Teilhabern der göttlichen Natur gemacht werden“ (2. Pet 1,4), in den Fußstapfen dessen zu wandeln vermögen, der im Speisopfer dargestellt ist, wenn wir wirklich in der Kraft dieser Natur leben. Sind wir nur leer von uns selbst, so wird jede unserer Handlungen einen Wohlgeruch für Gott enthalten. Der kleinste wie der größte Dienst vermag durch die Kraft des Heiligen Geistes den Wohlgeruch Christi darzustellen. Ein Besuch, ein Brief, der öffentliche Dienst am Wort, ein Glas Wasser an einen Bruder, eine Gabe an einen Armen, ja die gewöhnlichen Handlungen des Essens und Trinkens – alle diese Dinge können den Wohlgeruch des Namens und der Gnade Jesu hervorkommen lassen. So können auch wir, wenn wir nur die alte Natur im Tod halten, das darstellen, was nicht verweslich ist, und können Worte zum Ausdruck bringen, die mit dem „Salz“ einer beständigen Gemeinschaft mit Gott gewürzt sind. Aber in allen diesen Dingen versagen wir viel. Wir betrüben den Heiligen Geist auf unseren Wegen. In unseren besten Diensten neigen wir zur Selbstsucht und Menschengefälligkeit und lassen es daran fehlen, unsere Rede zu würzen. Daher der beständige Mangel an „Öl“, an „Weihrauch“ und an „Salz“, während wir dem „Sauerteig“ und dem „Honig“ der Natur nur zu oft erlauben, zum Vorschein zu kommen.

Es hat nur ein vollkommenes „Speisopfer“ gegeben, und wir sind in ihm angenommen. Wir sind Söhne des wahren Aaron. Unser Platz ist im Heiligtum, wo wir uns von dem Heiligen nähren können. Glückseliger Platz! Glückseliges Teil! Möchten wir das alles reichlicher als bisher genießen!Ja, möchte unser Herz treuer für ihn schlagen und unser Blick beständig auf ihn gerichtet sein, dass wir für die schädlichen Reize der Welt um uns her kein Auge mehr haben noch für die tausenderlei Kleinigkeiten und Umstände auf unserem Weg, die so leicht das Herz niederdrücken und den Geist verwirren! Möchten wir uns an Christus erfreuen, sowohl im Sonnenschein als im Dunkel, wenn wir uns auf der ruhigen Fläche eines stillen Sees befinden oder wenn die Wellen eines stürmischen Ozeans unser Schifflein zu verschlingen drohen! Gott sei Dank! „Wir haben den gefunden“ (Joh 1,45), der auf ewig unser herrliches Teil ist. Wir werden die Ewigkeit damit zubringen, die göttlichen Vollkommenheiten Jesu zu betrachten. Nie werden sich unsere Augen wieder von ihm abwenden, wenn wir ihn einmal gesehen haben, wie Er ist.

Möge der Geist Gottes uns befähigen, uns zu nähren von diesem vollkommenen Speisopfer, das Gott selbst genossen hat! Das ist unser heiliges und glückseliges Vorrecht.

Fußnoten

  • 1 „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz“ (Gal 4,4). Das ist eine sehr wichtige Stelle, da sie unseren Herrn als Sohn Gottes und als Sohn des Menschen vor uns stellt. „Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Wunderbares Zeugnis!
  • 2 Wie wichtig ist es, in dieser herrlichen Stelle zu sehen, dass das Tun des Willens Gottes die Seele in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu Christus bringt, von dem seine Brüder nach dem Fleisch nichts kannten: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Maria hätte nicht errettet werden können durch die bloße Tatsache, dass sie die Mutter Jesu war. Sie bedurfte ebenso sehr des persönlichen Glaubens an Christus wie jedes andere Glied der gefallenen Familie Adams. Sie musste durch die Wiedergeburt aus der alten Schöpfung in die neue übergehen, und dadurch, dass sie die Worte Christi in ihrem Herzen bewahrte, wurde sie errettet. Sie war ohne Zweifel hoch begnadigt, indem sie als Gefäß zu einem so heiligen Dienst ausersehen wurde, aber als arme Sünderin hatte sie nötig, „in Gott, ihrem Heiland, zu frohlocken“ (Lk 1,47), wie alle anderen. Sie steht auf demselben Boden, ist in demselben Blut gewaschen, in dieselbe Gerechtigkeit gekleidet und wird dasselbe Lied singen wie alle übrigen Erlösten Gottes. Das macht einen bereits erwähnten Punkt noch klarer, nämlich, dass Christus durch die Menschwerdung nicht unsere Natur in Verbindung mit sich gebracht hat. Diese Wahrheit wird in 2. Korinther 5,14–17 klar dargestellt.
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