Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Die sieben Feste des HERRN

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Überblick über die Wege Gottes mit Israel

Dies ist eines der inhaltsreichsten und bedeutungsvollsten Kapitel der Heiligen Schrift, und es ist gut, wenn wir unter Gebet darüber nachdenken. Es enthält das Verzeichnis der sieben großen regelmäßig wiederkehrenden Feste, durch die das Jahr Israels in verschiedene Abschnitte eingeteilt war. Es gibt uns einen vollständigen Überblick über die Wege Gottes mit den Kindern Israel während des ganzen Verlaufes ihrer ereignisreichen Geschichte. Wir finden:

  • den Sabbat der Ruhe
  • das Passah
  • das Fest der ungesäuerten Brote
  • das Fest der Erstlinge
  • das Pfingstfest
  • das Fest des Posaunenhalls
  • den großen Versöhnungstag
  • das Fest der Laubhütten.

Der Sabbat

Der Sabbat nimmt offenbar einen ganz besonderen und unabhängigen Platz ein. Er wird zuerst genannt, und nachdem seine Kennzeichen und die mit ihm verbundenen Umstände ans Licht gestellt sind, lesen wir: „Dies sind die Feste des HERRN, heilige Versammlungen, die ihr ausrufen sollt zu ihrer bestimmten Zeit“ (V. 4). So war denn, genau genommen, das Passah das erste und das Fest der Laubhütten das siebte große Fest Israels. Das heißt: Wenn wir diese beiden Feste in ihrem bildlichen Charakter betrachten, so haben wir zuerst die Erlösung und als Letztes von allen die tausendjährige Herrlichkeit. Das Passahlamm weist uns auf den Tod Christi hin (1. Kor 5,7) und das Fest der Laubhütten auf die „Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Apg 3,21).

Das waren also die beiden Feste, mit denen das jüdische Jahr eröffnet und beschlossen wurde. Die Versöhnung ist die Grundlage, die Herrlichkeit ist der Schlussstein des ganzen Gebäudes, dazwischen liegt die Auferstehung Christi (V. 10–14), dann das Sammeln der Versammlung (V. 15–21), dann das Erwachen der Kinder Israel zu dem Bewusstsein ihrer längst verlorenen Herrlichkeit (V. 24.25) und endlich ihre Buße und die herzliche Aufnahme ihres Messias (V. 27–32). Und damit nicht ein Zug in dieser wunderbaren bildlichen Darstellung fehlt, ist auch für die Bedürfnisse der Heiden Vorsorge getroffen, indem ihnen am Schluss der Ernte gestattet wird, auf den Feldern Israels Nachlese zu halten (V. 22). Das alles verleiht dem Gemälde eine göttliche Vollkommenheit und ruft in dem Herzen eines jeden, der die Heilige Schrift liebt, die höchste Bewunderung wach. Was könnte vollständiger sein? Das Blut des Lammes und die darauf gegründete praktische Heiligkeit, die Auferstehung Christi aus den Toten und seine Himmelfahrt, das Herabkommen des Heiligen Geistes in der Pfingstkraft, um die Versammlung zu bilden, das Aufwachen des Überrestes, seine Buße und seine Wiederherstellung, die Segnung „des Armen und des Fremden“, die Offenbarung der Herrlichkeit, die Ruhe und Glückseligkeit des Reiches Gottes – das alles ist der Inhalt dieses bewundernswerten Kapitels.

Der Platz, den der Sabbat (V. 1–3) einnimmt, ist sehr bedeutsam. Der Herr steht im Begriff, ein Vorbild auf alle seine Gnadenhandlungen hinsichtlich seines Volkes zu geben. Aber ehe Er das tut, stellt Er den Sabbat vor unsere Blicke als den bezeichnenden Ausdruck jener „Ruhe“, die „dem Volk Gottes übrig bleibt“. Der Sabbat war ein feierlicher Tag, der durch Israel beachtet werden sollte, aber er war zugleich ein Vorbild auf das, was noch geschehen wird, wenn das ganze in diesem Kapitel angedeutete große und herrliche Werk seine vollständige Erfüllung gefunden hat. Er versinnbildlicht die Ruhe Gottes, in welche alle, die glauben, jetzt schon im Geist eintreten können, die aber, was ihre völlige und tatsächliche Erfüllung betrifft, „noch übrig bleibt“ (Heb 4,6). Jetzt wirken wir. Bald werden wir ruhen. In einem Sinn geht der Gläubige jetzt in die Ruhe ein. In einem anderen Sinn wirkt er, um in die Ruhe einzugehen. Er hat seine Ruhe in Christus gefunden. Er wirkt, um in seine Ruhe in der Herrlichkeit einzugehen. Er hat in dem, was Christus für ihn vollbracht hat, völlige Ruhe für seine Seele gefunden, und sein Auge ruht auf jenem ewigen Sabbat, in den er eingehen wird, wenn alle Mühen und Kämpfe der Wüste vorüber sind. Er kann nicht ruhen inmitten einer Szene der Sünde und des Elends. Er ruht in Christus, dem Sohn Gottes, der Knechtsgestalt angenommen hat. Und während er so ruht, ist er zugleich berufen, als ein Mitarbeiter Gottes zu wirken, und zwar in der vollen Gewissheit, dass er nach der Arbeit in den Wohnungen des unvergänglichen Lichtes und der ungetrübten Glückseligkeit, wohin Mühsal und Kummer nicht dringen können, eine ununterbrochene, ewige Ruhe genießen wird.

Wir haben bereits bemerkt, dass der Sabbat einen besonderen Platz in diesem Kapitel einnimmt. Das geht deutlich aus dem Wortlaut des vierten Verses hervor, wo der Herr von neuem beginnt: „Dies sind die Feste des HERRN.“ Es ist, als ob Er den Sabbat von den sieben folgenden Festen deutlich abheben wollte, obwohl er auch ein Bild jener Ruhe ist, zu der diese Feste hinführen.

Das Passah

„Dies sind die Feste des HERRN, heilige Versammlungen, die ihr ausrufen sollt zu ihrer bestimmten Zeit: Im ersten Monat, am Vierzehnten des Monats, zwischen den zwei Abenden, ist Passah dem HERRN“ (V. 4.5). Hier haben wir also den ersten der sieben regelmäßig wiederkehrenden hohen Festtage, das Opfern des Passahlammes, dessen Blut Israel in jener schrecklichen Nacht, als die Erstgeburt Ägyptens ihren Tod fand, vor dem Schwert des Würgengels schirmte. Es ist das anerkannte Vorbild auf den Tod Christi und darum ist sein Platz in diesem Kapitel so besonders passend. Der Tod Christi bildet die Grundlage von allem. Es gibt für uns keine Ruhe, keine Heiligkeit, keine Gemeinschaft, außer aufgrund dieses Todes. Es ist besonders eindrucksvoll und bezeichnend, dass unmittelbar auf die Darstellung der Ruhe Gottes das Blut des Passahlammes folgt. Es soll dadurch gleichsam gesagt werden:

„Dort ist Ruhe, und hier ist dein Anrecht darauf.“ Die Arbeit befähigt uns, aber das Blut allein berechtigt uns, die Ruhe zu genießen.

Die ungesäuerten Brote

„Und am fünfzehnten Tag dieses Monats ist das Fest der ungesäuerten Brote dem HERRN; sieben Tage sollt ihr Ungesäuertes essen. Am ersten Tag soll euch eine heilige Versammlung sein, keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun. Und ihr sollt dem HERRN ein Feueropfer darbringen sieben Tage; am siebten Tag ist eine heilige Versammlung, keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun“ (V. 6–8). Das Volk ist hier um den HERRN versammelt, und zwar in der praktischen Heiligkeit, die auf die vollbrachte Erlösung gegründet ist, und der duftende Wohlgeruch des Opfers steigt von dem Altar Israels zu dem Thron des Gottes Israels empor. Welch ein schönes Bild von jener Heiligkeit, die Gott in dem Leben seiner Erlösten zu sehen wünscht! Sie gründet sich auf das Opfer und steigt zusammen mit dem lieblichen Wohlgeruch der Person Christi zu ihm empor. „Keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun; und ihr sollt dem HERRN ein Feueropfer darbringen.“ Welch ein Gegensatz! Die von Menschenhänden verrichtete Dienstarbeit gegenüber dem lieblichen Duft des Opfers Christi! Die praktische Heiligkeit des Volkes Gottes ist keine Dienstarbeit. Sie ist die lebendige Entfaltung Christi, die in den Gläubigen durch die Kraft des Heiligen Geistes an den Tag tritt. „Das Leben ist für mich Christus.“ Das ist der eigentliche Gedanke: Christus ist unser Leben, und jede Darstellung dieses Lebens trägt nach göttlichem Urteil den Wohlgeruch Christi. Sie mag nach menschlichem Urteil eine sehr geringfügige Sache sein, aber insoweit sie ein Ausfluss von Christus, unserem Leben, ist, ist sie vor Gott unaussprechlich kostbar. Sie steigt zu ihm empor und kann seinem Gedächtnis nie entschwinden. „Die Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist“ (Phil 1,11), wird in dem Leben des Gläubigen hervorgebracht, und keine Macht der Erde oder der Hölle kann verhindern, dass ihr Wohlgeruch zu Gottes Thron emporsteigt.

Es ist gut, sich den Gegensatz zwischen jeder „Dienstarbeit“ und dem Ausfluss des Lebens Christi wirklich klarzumachen. Das Bild ist bezeichnend. Während der ganzen Dauer der Versammlung fand keinerlei Handarbeit statt, aber der liebliche Wohlgeruch des Brandopfers stieg zu Gott empor. Das sollten die beiden großen Kennzeichen des Festes der ungesäuerten Brote sein. Des Menschen Arbeit wurde eingestellt und der Wohlgeruch des Opfers stieg empor, und beachten wir es wohl, dies war ein Vorbild auf das Leben eines Gläubigen in praktischer Heiligkeit. Die besten Werke von Menschenhänden sind eine „Dienstarbeit“, aber die kleinste Traube mit „Früchten der Gerechtigkeit“ ist „zur Herrlichkeit und zum Preis Gottes“ (Phil 1,11). Während des ganzen Lebens des Gläubigen sollte sich keine „Dienstarbeit“ zeigen, nichts von dem hässlichen, erniedrigenden Element der Gesetzlichkeit. Nur die beständige Darstellung des Lebens Christi, gewirkt und ans Licht gestellt durch die Kraft des Heiligen Geistes, darf gefunden werden. Während der „sieben Tage“ der zweiten großen Festfeier Israels durfte kein „Sauerteig“ vorhanden sein; stattdessen musste „dem HERRN ein Feueropfer dargebracht werden“.

Die Erstlingsgarbe

Die schöne Anordnung bezüglich der Darbringung der Erstlingsgarbe (V. 9–14) ist ein Vorbild auf die Auferstehung Christi (vgl. 1. Kor 15,20), der „nach dem Sabbat in der Dämmerung des ersten Tages der Woche“ (Mt 28,1), nachdem Er das glorreiche Werk der Erlösung vollbracht hatte, im Triumph aus dem Grab hervorging. Seine Auferstehung war eine „Auferstehung aus den Toten“, und in ihr finden wir das Unterpfand und das Vorbild auf die Auferstehung der Seinen: „Der Erstling, Christus; dann die, die des Christus sind bei seiner Ankunft“ (1. Kor 15,23). Am Tag der Ankunft des Herrn werden die Seinen, d. h. die, die in Jesu entschlafen sind, „aus den Toten“ auferweckt werden. „Die Übrigen der Toten wurden nicht lebendig, bis die tausend Jahre vollendet waren“ (Off 20,5). Als unser Herr unmittelbar nach seiner Verklärung von seiner Auferstehung „aus den Toten“ sprach, fragten sich die Jünger untereinander, was das wohl zu bedeuten habe (siehe Mk 9,9 ff.). Jeder orthodoxe Jude glaubte an die Lehre von der „Auferstehung der Toten“, aber die Idee einer Auferstehung „aus den Toten“ überstieg das Verständnis der Jünger, und sicher ist es auch vielen Jüngern nach ihnen schwer geworden, dieses Geheimnis zu erfassen.

Vergleichen wir 1. Korinther 15 mit 1. Thessalonicher 4,13–18, so erhalten wir eine wertvolle Belehrung über diese wichtige Wahrheit. In Verbindung hiermit stehen auch die Worte: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Röm 8,11). Aus diesen Schriftstellen geht hervor, dass die Auferstehung der Versammlung genau nach demselben Grundsatz geschehen wird wie die Auferstehung Christi. Wie das Haupt, so wird der Leib aus den Toten auferweckt werden. Die Erstlingsgarbe und alle auf sie folgenden Garben stehen innerlich miteinander in Verbindung.

Es wird jedem, der diese Frage im Licht der Heiligen Schrift prüft, klar werden, dass zwischen der Auferstehung der Gläubigen und derjenigen der Ungläubigen ein wesentlicher Unterschied besteht. Die einen wie die anderen werden auferstehen, aber Offenbarung 20,5 beweist, dass zwischen den beiden Auferstehungen mindestens tausend Jahre liegen, so dass sie sich sowohl grundsätzlich als auch im Blick auf die Zeit voneinander unterscheiden. Manche haben bei Johannes 5,28 Schwierigkeiten, weil der Herr dort sagt: „Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden.“ Wie, so fragen sie, können tausend Jahre zwischen den beiden Auferstehungen liegen, wenn von beiden gesagt wird, dass sie in einer „Stunde“ stattfinden? Die Antwort ist sehr einfach. In Johannes 5,25 ist die Rede von dem Lebendigmachen toter Seelen, und es wird dort gesagt, dass dies in einer „Stunde“ stattfinde. Dieses Werk hat aber nun schon mehr als neunzehn Jahrhunderte gedauert. Wenn nun ein Zeitabschnitt von beinahe zweitausend Jahren als eine „Stunde“ bezeichnet wird, warum sollte dann nicht ein Zeitraum von nur eintausend Jahren in derselben Weise bezeichnet werden können? Darin liegt also durchaus keine Schwierigkeit, zumal ausdrücklich erklärt wird, dass „die Übrigen der Toten nicht lebendig wurden, bis die tausend Jahre vollendet“ waren.

Wenn nun außerdem noch eine „erste Auferstehung“ erwähnt wird, ist es dann nicht klar, dass nicht alle zu derselben Zeit auferstehen werden? Warum von einer „ersten“ Auferstehung reden, wenn es überhaupt nur eine einzige gibt? Man könnte allerdings behaupten, dass die „erste Auferstehung“ auf die Seele Bezug habe, aber wo ist die Schriftstelle, die eine solche Behauptung rechtfertigt? Tatsächlich geschieht Folgendes: Wenn „die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes“ (1. Thes 4,16) ertönen, dann werden die Erlösten, die in Jesu entschlafen sind, auferweckt werden, um dem Herrn in der Luft zu begegnen. Die im Unglauben gestorbenen Toten aber, wer sie auch von den Tagen Kains an gewesen sein mögen, werden während der ganzen Zeit der tausendjährigen Segnungen in ihren Gräbern bleiben und am Schluss dieser herrlichen und glückseligen Zeit hervorkommen und vor „dem großen weißen Thron“ stehen, um dort „nach ihren Werken“ gerichtet und in den Feuersee geworfen zu werden (Off 20,11.12).

„Und Brot und geröstete Körner und Jungkorn sollt ihr nicht essen bis zu ebendiesem Tag, bis ihr die Opfergabe eures Gottes gebracht habt“ (V. 14). Die Ernte durfte nicht in Angriff genommen werden, bevor die Erstlingsgarbe, und mit dieser Garbe ein Brandopfer und ein Speisopfer, dargebracht worden war.

Das Pfingstfest

In den Versen 15–17 haben wir das Pfingstfest, ein Bild vom Volk Gottes, wie es durch den Heiligen Geist gesammelt und vor Gott dargestellt worden ist in Verbindung mit der ganzen Kostbarkeit Christi. Im Passah haben wir den Tod Christi, in der Erstlingsgarbe die Auferstehung Christi und im Pfingstfest das Herniederkommen des Heiligen Geistes zur Bildung der Versammlung. Alles ist göttlich vollkommen. Der Tod und die Auferstehung Christi mussten erfüllte Tatsachen sein, bevor die Versammlung gebildet werden konnte. Die Garbe wurde dargebracht und dann erst wurden die Brote gebacken.

Es heißt: „Gesäuert sollen sie gebacken werden.“ Warum das? Die beiden Brote weisen auf die Gläubigen hin. Obwohl sie mit dem Heiligen Geist erfüllt und mit seinen Gaben und Gnaden geschmückt sind, wohnt dennoch Böses in ihnen. Die Versammlung stand am Pfingsttag in dem vollen Wert des Blutes Christi und wurde gekrönt mit den Gaben des Heiligen Geistes, aber auch Sauerteig war vorhanden. Keine Macht des Heiligen Geistes vermochte die Tatsache zu beseitigen, dass in der Mitte des Volkes Gottes Böses wohnte. Es mochte unterdrückt und verborgen gehalten werden, aber es war vorhanden. Diese Tatsache wird durch den Sauerteig in den beiden Broten bildlich angedeutet, und sie ist in der Geschichte der Versammlung Gottes immer wieder sichtbar geworden. Obwohl der Heilige Geist in der Versammlung gegenwärtig war, so war doch auch das Fleisch da, um ihn zu belügen. Fleisch ist Fleisch, und es kann nichts anderes als Fleisch aus ihm gemacht werden. Der Heilige Geist kam am Pfingsttag nicht hernieder, um die Natur zu veredeln oder die Tatsache zu beseitigen, dass sie unheilbar böse ist, sondern um die Gläubigen zu einem Leib zu taufen und sie mit ihrem Haupt im Himmel zu vereinigen.

In dem Kapitel, das von dem Friedensopfer handelt, haben wir bereits gesehen, dass Sauerteig bei diesem Opfer gestattet war. Gott wusste, dass sich in dem Anbeter noch Böses befand. Ebenso ist es in der Verordnung über die „beiden Webe-Brote“. Sie mussten gesäuert gebacken werden wegen des noch vorhandenen Bösen. Doch, Gott sei Dank! Gegen das göttlich erkannte Böse wurden auch göttliche Vorkehrungen getroffen. Das gibt dem Herzen Trost und Ruhe. Es ist ein Trost, sicher sein zu dürfen, dass Gott das Schlimmste von uns kennt, und zudem, dass Er nicht nur nach unserer, sondern nach seiner Kenntnis des Bösen die nötige Vorsorge getroffen hat. „Und ihr sollt zu dem Brot darbringen sieben einjährige Lämmer ohne Fehl, und einen jungen Stier und zwei Widder (sie sollen ein Brandopfer dem HERRN sein) und ihr Speisopfer und ihre Trankopfer: ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN“ (V. 18). Hier haben wir also, in unmittelbarer Verbindung mit den ungesäuerten Broten, die Darbringung eines makellosen Opfers, als ein Bild von der erhabenen und so wichtigen Wahrheit, dass die Vollkommenheit Christi und nicht unsere Sündhaftigkeit stets vor den Augen Gottes ist. Man beachte besonders die Worte: „Ihr sollt zu dem Brot darbringen sieben einjährige Lämmer ohne Fehl.“ Welch eine kostbare Wahrheit, obwohl sie noch in das Gewand eines Bildes gekleidet ist! Nicht ich, sondern Christus!

Es könnte vielleicht eingewendet werden, dass Christus wohl ein Lamm ohne Fehl war, dass dies jedoch nicht genüge, um die Schuldenlast von einem sündenbefleckten Gewissen abzuwälzen, dass also ein Opfer lieblichen Geruchs an und für sich einem schuldigen Sünder nicht helfen könne. Aber unser Bild räumt einen solchen Einwand aus dem Weg. Es ist wahr, dass ein Brandopfer da nicht genügen konnte, wo „Sauerteig“ vorhanden war. Wir lesen deshalb auch: „Und ihr sollt einen Ziegenbock zum Sündopfer opfern und zwei einjährige Lämmer zum Friedensopfer“ (V. 19). Das „Sündopfer“ begegnete dem „Sauerteig“ in den Broten. Der „Friede“ war gestiftet, so dass die Gemeinschaft genossen werden konnte und alles unmittelbar zusammen mit dem „lieblichen Geruch“ des „Brandopfers“ zu dem Herrn emporstieg.

So sehen wir also die Versammlung am Pfingsttag durch die Kraft des Heiligen Geistes in dem ganzen Wert und in der ganzen Vortrefflichkeit Christi. Wohl hatte sie noch den Sauerteig der alten Natur in sich, aber das Sündopfer war Gottes Antwort auf jede Frage, die aufkommen konnte. Die Kraft des Heiligen Geistes nahm den Sauerteig nicht weg, aber das Blut des Lammes hatte Sühnung dafür getan. Es ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu verstehen. Das Werk des Heiligen Geistes in dem Gläubigen entfernt nicht das in ihm wohnende Böse. Es befähigt den Gläubigen, das Böse zu entdecken, zu verurteilen und am Boden zu halten, aber das höchste Maß geistlicher Kraft hebt nicht die Tatsache auf, dass das Böse vorhanden ist. Das Gewissen darf in vollkommener Ruhe sein, weil das Blut unseres Sündopfers die Frage der Sünde für immer in Ordnung gebracht hat. Statt dass das Böse in uns vor dem Auge Gottes steht, ist es für ewig vor seinen Blicken hinweggetan, und wir sind angenommen gemäß der ganzen Vortrefflichkeit Christi, der sich selbst als Opfer Gott dargebracht hat, um ihn zu verherrlichen und seinem Volk immer zur Speise dienen zu können.

Der Anteil des Fremden

So viel über das Pfingstfest. Nach diesem Fest verging eine lange Zeit, ehe das Volk neu zusammengerufen wurde. Wir finden jedoch, dass „des Armen und des Fremden“ in jener schönen Verordnung gedacht wurde, auf die wir bereits ihrer moralischen Bedeutung nach hingewiesen haben. Hier können wir sie von einem Gesichtspunkt aus betrachten, der mit den verschiedenen Haushaltungen oder Verwaltungen Gottes in Verbindung steht. Es wird (V. 22) für den Fremden die Vorsorge getroffen, auf den Feldern Israels Nachlese halten zu können. Der Heide soll an der überströmenden Güte Gottes Anteil haben. Wenn der Speicher und die Kelter Israels völlig versorgt sind, dann wird es für die Heiden köstliche Garben und Trauben einzusammeln geben.

Wir dürfen jedoch nicht meinen, dass uns in dem Bild der Nachlese des Fremden auf den Feldern Israels jene geistlichen Segnungen dargestellt werden, durch welche die Versammlung in den himmlischen Örtern mit Christus gesegnet ist. Diese Segnungen sind für die Nachkommen Abrahams ebenso neu wie für die Heiden. Wir sehen in ihnen nicht eine Nachlese auf den Feldern Kanaans, sondern die Herrlichkeit des Himmels selbst, die Herrlichkeit Christi. Die Versammlung ist nicht nur gesegnet durch Christus, sondern auch mit und in Christus. Die Braut Christi wird nicht ausgeschickt werden, um wie ein Fremder die Ähren an den Rändern der Felder Israels aufzulesen oder die an den Weinstöcken Israels übrig gebliebenen Trauben einzusammeln. Nein, höhere Segnungen, reichere Freuden, erhabenere Würden als irgendetwas, das Israel je gekannt hat, sind ihr Teil. Sie soll nicht wie ein Fremder auf der Erde Nachlese halten, sondern sie wird sich im Himmel, dem sie angehört, ihres eigenen Reichtums und ihrer glückseligen Heimat erfreuen. Das ist das „Bessere“, das Gott in seiner mannigfaltigen Weisheit und Gnade für sie „vorgesehen“ hat (Heb 11,40). Es wird ohne Zweifel für den „Fremden“ ein großes Vorrecht sein, Nachlese halten zu dürfen, nachdem die Ernte Israels vorüber ist; aber das Teil der Versammlung ist unvergleichlich höher: Sie wird die Braut des Königs Israels, die Teilhaberin seines Thrones, die Mitgenossin seiner Freuden, seiner Würden und seiner Herrlichkeiten sein, ja, sie wird ihm gleich und für ewig bei ihm sein. Die ewigen Wohnungen im Vaterhaus droben sind das Teil der Versammlung, nicht die ungelesenen Ränder der Felder Israels hier auf der Erde.

Das Fest des Posaunenhalls

„Und der HERR redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israel und sprich: Im siebten Monat, am Ersten des Monats, soll euch Ruhe sein, ein Gedächtnis des Posaunenhalls, eine heilige Versammlung. Keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun, und ihr sollt dem HERRN ein Feueropfer darbringen“ (V. 23–25). Ein neues Thema wird hier eingeführt durch die Worte: „Und der HERR redete zu Mose.“ Diese Worte erleichtern uns sehr die Einteilung des ganzen Buches: Sie finden sich zu Beginn jedes neuen Abschnitts. Der Sabbat, das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote bilden also ebenso einen Abschnitt für die Webe-Garbe, die Webe-Brote und die Nachlese. Auf diese folgt dann nach einer langen Zwischenpause das Fest des Posaunenhalls am ersten Tag des siebten Monats. Dieses Fest führt uns in die jetzt schnell herannahende Zeit ein, da Israel zum Gedächtnis „die Posaune blasen wird“, um sich seiner so lange entbehrten Herrlichkeit zu erinnern und sich aufzumachen, den Herrn zu suchen.

Der Versöhnungstag

Das Fest des Posaunenhalls steht mit einer anderen großen Feier, dem „Versöhnungstag“, in enger Verbindung (V. 27–32). Nach dem Blasen der Posaune verfließt ein Zwischenraum von acht Tagen. Dann folgt der Versöhnungstag, verbunden mit der Kasteiung der Seele, der Sühnung der Sünde und der Ruhe von jeglicher Arbeit. Alle diese Dinge werden bald ihren gebührenden Platz in der Erfahrung des jüdischen Überrestes finden. „Vorüber ist die Ernte, die Obstlese ist zu Ende, und wir sind nicht gerettet“ (Jer 8,20). So wird das trostlose Klagelied des Überrestes lauten, wenn der Geist Gottes beginnt, das Herz und Gewissen des Volkes zu berühren (vgl. auch Sach 12,10–14).

Welche tiefe Trauer, welche bittere Betrübnis, welche aufrichtige Buße wird dann entstehen, wenn das Gewissen des Überrestes unter der mächtigen Wirkung des Heiligen Geistes sich seiner früheren Sünden, der Vernachlässigung des Sabbats, der Übertretung des Gesetzes, der Steinigung der Propheten, der Kreuzigung des Sohnes Gottes, des Widerstrebens gegen den Heiligen Geist erinnern wird! Alle diese Dinge werden in seinem Gewissen aufstehen und die größte Seelenangst in ihm hervorrufen.

Doch das Blut der Versöhnung wird allem begegnen. „An jenem Tag wird eine Quelle geöffnet sein für das Haus David und für die Bewohner von Jerusalem für Sünde und für Unreinheit“ (Sach 13,1). Sie werden fähig gemacht sein, ihre Sünden mit aufrichtigem Schmerz zu fühlen, aber sie werden auch dahin geleitet werden, die reinigende und errettende Wirkung des Blutes zu erkennen und vollkommenen Frieden, den Sabbat der Ruhe für ihre Seelen, zu finden.

Wenn nun aber in Israel in den letzten Tagen diese Ergebnisse erreicht worden sind, was dürfen wir dann erwarten? Sicher die Herrlichkeit. Wenn die „Blindheit“ beseitigt und die „Decke“ weggenommen ist, wenn das Herz des Überrestes sich zu dem HERRN zurückgewandt hat, dann werden die glänzenden Strahlen der „Sonne der Gerechtigkeit“ in ihrer heilenden, wiederherstellenden und rettenden Kraft auf ein wahrhaft gebeugtes Volk fallen. Die Übungen und Erfahrungen, die Kämpfe und Prüfungen, die Schwierigkeiten und schließlichen Segnungen des jüdischen Überrestes werden uns ausführlich in den Psalmen und Propheten mitgeteilt. Das Bestehen eines solchen Überrestes muss klar verstanden worden sein, bevor man die Psalmen und Propheten mit Einsicht und Befriedigung erforschen kann. Wohl gibt es in allen von Gott eingegebenen Schriften vieles für uns zu lernen, denn „alle Schrift ist nützlich zur Lehre“ (2. Tim 3,16), aber wollen wir von irgendeinem Teil des Wortes Gottes den richtigen Gebrauch machen, so müssen wir vor allen Dingen zu verstehen suchen, worauf er zunächst anzuwenden ist. Wenn wir z. B. jene Schriftstellen, die sich – genau genommen – auf den jüdischen Überrest oder den irdischen Leib (Israel) beziehen, auf die Versammlung Christi, den himmlischen Leib, anwenden, so kommen wir in große Verwirrung. Tatsächlich geschieht es nicht selten, dass das Bestehen des jüdischen Überrestes ganz und gar übersehen und die wahre Stellung und Hoffnung der Versammlung völlig aus dem Auge verloren wird. Das sind Verirrungen, die wir sorgfältig vermeiden sollten.

Das Laubhüttenfest

Das Laubhüttenfest (V. 33–43), die letzte Feier des jüdischen Jahres, weist uns hin auf die Zeit der Herrlichkeit Israels in den letzten Tagen und bildet daher einen schönen und passenden Schluss der ganzen Festreihe. Die Ernte war eingesammelt, alles war vollbracht, die Scheunen waren reichlich gefüllt, und es war der Wille des HERRN, dass die Kinder Israel ihrer festlichen Freude Ausdruck gaben. Aber ach! Es scheint wenig Neigung bei ihnen vorhanden gewesen zu sein, auf die Gedanken Gottes bezüglich dieser herrlichen Verordnung einzugehen. Sie verloren schon sehr bald die Tatsache aus dem Auge, dass sie Pilger und Fremde gewesen waren. Von den Tagen Josuas bis hin zu den Tagen Nehemias ist das Laubhüttenfest nicht ein einziges Mal gefeiert worden. Es war dem schwachen Überrest, der aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrte, vorbehalten, das zu tun, was nicht einmal in den herrlichen Tagen Salomos geschehen war (Neh 8,17). Wie erquickend muss es für sie, die ihre Harfen an die Weiden Babylons gehängt hatten, gewesen sein, sich unter dem Schatten der Weiden Kanaans zu befinden! Es war ein süßer Vorgeschmack auf jene Zeit, auf die das Laubhüttenfest hindeutet, und in der die wiederhergestellten Stämme Israels in jenen Hütten ruhen werden, welche die treue Hand des HERRN für sie in dem Land aufrichten wird, das Er Abraham und seinen Nachkommen für immer zugeschworen hat. O welch ein seliger Augenblick wird es sein, wenn die Bewohner der Erde und die Bewohner des Himmels, wie es durch den „ersten Tag“ und den „achten Tag“ des Laubhüttenfestes angedeutet wird, einander begegnen werden! „Ich werde den Himmel erhören, und dieser wird die Erde erhören; und die Erde wird das Korn und den Most und das Öl erhören; und sie, sie werden Jisreel erhören“ (Hos 2,23.24).

Es gibt eine schöne Stelle im letzten Kapitel des Propheten Sacharja, die sehr deutlich beweist, dass die wahre Feier des Laubhüttenfestes der Herrlichkeit der letzten Tage angehört. Sie lautet: „Und es wird geschehen, dass alle Übriggebliebenen von allen Nationen, die gegen Jerusalem gekommen sind, Jahr für Jahr hinaufziehen werden, um den König, den HERRN der Heerscharen, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern“ (Sach 14,16). Welch eine Szene! Wer möchte sie durch das verschwommene Erklärungssystem einer falschen Vergeistlichung ihrer charakteristischen Schönheit berauben? Jerusalem bedeutet nichts anderes als Jerusalem, Völker sind Völker, und das Laubhüttenfest ist das wirkliche Laubhüttenfest. Das Fest der Laubhütten wird wieder im Land Kanaan gefeiert werden, und die Menge der geretteten Völker wird hinaufziehen, um an der herrlichen und heiligen Festlichkeit teilzunehmen. Der Streit Jerusalems wird dann beendet und das Schlachtgeschrei verstummt sein. Schwert und Spieß werden in Geräte des friedlichen Ackerbaues umgewandelt werden. Israel wird unter dem erquickenden Schatten seiner Weinstöcke und Feigenbäume ruhen, und die ganze Erde wird sich der Herrschaft des „Friedefürsten“ erfreuen. Das ist die Aussicht, die Gott uns in seinem Wort gibt. Die Bilder deuten sie an, die Propheten weissagen von ihr, der Glaube ergreift sie, und die Hoffnung genießt sie im Voraus.

Am Schluss unseres Kapitels lesen wir: „Und Mose sagte den Kindern Israel die Feste des HERRN.“ Das war ihr wahrer Charakter, ihr ursprünglicher Titel, aber im Evangelium des Johannes werden sie Feste der Juden genannt. Sie hatten längst aufgehört, Feste des HERRN zu sein. Der HERR war ausgeschlossen. Die Juden bedurften seiner nicht, und als daher der Herr Jesus in Johannes 7 aufgefordert wurde, auf das „Fest der Juden, die Laubhütten“, zu gehen, antwortete Er: „Meine Zeit ist noch nicht da“, und als Er dennoch hinging, geschah es „wie im Verborgenen“; sein Platz war außerhalb der ganzen Sache und Er lud jede dürstende Seele ein, zu ihm zu kommen. Darin liegt eine ernste Unterweisung. Göttliche Einrichtungen sind schnell in den Händen der Menschen verdorben. Aber wie gesegnet ist das Bewusstsein, dass jeder, der die Dürre und Trockenheit eines kraftlosen religiösen Formenwesens fühlt, zu Jesus seine Zuflucht nehmen kann, um aus seinen unversiegbaren Quellen zu trinken und auf diesem Weg ein Segenskanal für andere zu werden!

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