Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Das Schuldopfer (Kapitel 5,14–26)

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Die Heiligkeit Gottes

Der vor uns liegende Abschnitt enthält zunächst die Lehre vom Schuldopfer, von dem es zwei verschiedene Arten gab Schuld gegen Gott und Schuld gegen Menschen. „Wenn jemand Untreue begeht und aus Versehen an den heiligen Dingen des HERRN sündigt, so soll er dem HERRN sein Schuldopfer bringen, einen Widder ohne Fehl vom Kleinvieh, nach deiner Schätzung an Sekeln Silber, nach dem Sekel des Heiligtums, zum Schuldopfer“ (Kap. 5,15). Hier haben wir einen Fall, wo „an den heiligen Dingen des HERRN“ ein bestimmtes Unrecht begangen worden war. Mochte es auch „aus Versehen“ geschehen sein, so konnte es doch nicht übersehen werden. Gott kann jede Art von Schuld vergeben, aber Er kann nicht das Geringste übersehen. Seine Gnade ist vollkommen, und darum kann Er alles vergeben. Seine Heiligkeit ist vollkommen, und darum kann Er nichts übersehen. Er kann keiner Art von Ungerechtigkeit seine Zustimmung geben, aber Er kann sie austilgen nach der Vollkommenheit seiner Gnade und nach den vollkommenen Forderungen seiner Heiligkeit.

Es ist ein großer Irrtum, wenn man meint, dass es mit einem Menschen gut stehe, wenn er nur nach den Eingebungen seines Gewissens handelt. Der Friede, der auf einer solchen Grundlage ruht, wird sich als nichtig erweisen, sobald das Licht des Richterstuhls das Gewissen zu erleuchten beginnt. Gott kann unmöglich seine Forderungen so stark reduzieren. Bei der Betrachtung des Sündopfers hatten wir bereits Gelegenheit, diesen Punkt ins Auge zu fassen, doch kann er nicht genug betont werden. Zwei Dinge hängen eng damit zusammen. Zunächst ein richtiges Erfassen dessen, was Gottes Heiligkeit wirklich ist, und dann ein klares Verständnis der Grundlage für den Frieden eines Gläubigen in der Gegenwart Gottes.

Mag es sich um meinen Zustand oder um mein Verhalten, um meine Natur oder um meine Taten handeln Gott allein kann Richter sein über das, was ihm angemessen und was mit seiner heiligen Gegenwart im Einklang ist. Kann menschliche Unwissenheit als Entschuldigungsgrund gelten, wenn es sich um eine Verletzung göttlicher Forderungen handelt? Unmöglich. Ein Unrecht ist begangen worden an den heiligen Dingen des HERRN, aber das Gewissen des Menschen hat kein Bewusstsein davon. Was nun? Hat die Sache damit ihr Bewenden? Dürfen die Forderungen Gottes so leichthin abgetan werden? Sicherlich nicht. Das würde jede Beziehung zu Gott, welcher Art sie auch sein mag, unmöglich machen. Die Gerechten werden aufgefordert, das heilige Gedächtnis des HERRN zu preisen (Ps 97,12). Inwiefern können sie das tun? Weil ihr Friede auf dem Boden der vollkommenen Aufrechthaltung und Befriedigung der Heiligkeit Gottes gesichert ist. Je höher daher ihre Erkenntnis von dieser Heiligkeit ist, umso tiefer und fester wird ihr Friede sein. Das ist eine überaus kostbare Wahrheit. Der nicht wiedergeborene Mensch kann sich niemals über die Heiligkeit Gottes freuen. Sein Bestreben wird stets dahin gehen, das Vorhandensein dieser Heiligkeit zu leugnen oder, wenn er das nicht vermag, sie doch zu verringern. Er wird sich mit dem Gedanken trösten, dass Gott gütig, gnädig und barmherzig ist, aber niemals wird man finden, dass er sich darüber freut, dass Gott heilig ist. Er hat unheilige Gedanken bezüglich der Güte, der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und möchte gern in diesen Eigenschaften Gottes eine Entschuldigung finden, um in der Sünde verharren zu können.

Der Wiedergeborene hingegen freut sich über die Heiligkeit Gottes. Er erblickt ihren völligen Ausdruck in dem Kreuz des Herrn Jesus. Gerade diese Heiligkeit ist es, die den Grund zu seinem Frieden gelegt hat. Und nicht nur das, sondern er ist auch zu ihrem Teilhaber gemacht und erfreut sich in ihr, während er die Sünde hasst. Die göttliche Natur bebt vor der Sünde zurück und sehnt sich nach Heiligkeit. Unmöglich könnten wir wahren Frieden und wahre Freiheit des Herzens genießen, wenn wir nicht wüssten, dass allen Anforderungen im Blick auf „die heiligen Dinge des HERRN“ vollkommen durch unser göttliches Schuldopfer entsprochen worden ist. Stets würde das entmutigende Gefühl in unseren Herzen aufsteigen, jene Anforderungen durch unsere vielerlei Schwachheiten und Gebrechen vernachlässigt zu haben. Unsere besten Handlungen, unsere heiligsten Übungen werden wohl immer etwas, was nicht getan werden sollte, irgendeine Versündigung „an den heiligen Dingen des Herrn“ an sich tragen. Wie oft werden die Stunden unserer öffentlichen Anbetung oder unserer Hausandacht durch Dürre und Zerstreutheit gehemmt und gestört! Wir brauchen daher die Gewissheit, dass allen unseren Vergehungen durch das kostbare Blut Christi auf göttliche Weise begegnet worden ist. In unserem hochgelobten Herrn finden wir den, der sich selbst erniedrigt hat, um allen unseren Bedürfnissen – wir waren Sünder von Natur und Schuldner durch die Tat – völlig zu entsprechen. In ihm finden wir hinsichtlich aller unserer Sünden und aller unserer Vergehungen eine vollkommene Antwort auf alle Beschuldigungen unseres Gewissens und auf alle Forderungen der göttlichen Heiligkeit, so dass der Gläubige mit gereinigtem Gewissen und mit befreitem Herzen in dem vollen Licht jener Heiligkeit stehen kann, die zu rein ist, „um Böses zu sehen und Mühsal anzuschauen“ (Hab 1,13).

Erstattung und ein Fünftel hinzufügen

„Und was er an dem Heiligen gesündigt hat, soll er erstatten und dessen Fünftel darüber hinzufügen und es dem Priester geben; und der Priester soll Sühnung für ihn tun mit dem Widder des Schuldopfers, und es wird ihm vergeben werden“ (Kap. 5,16). In der Hinzufügung des „Fünftels“ finden wir einen Charakterzug des wahren Schuldopfers, der wohl zu wenig gewürdigt wird. Wenn wir an all das Böse und all die Vergehungen denken, deren wir uns dem Herrn gegenüber schuldig gemacht haben, und wenn wir uns ferner daran erinnern, wie Gott in dieser bösen Welt seiner Rechte beraubt worden ist, mit welcher Dankbarkeit können wir dann das Werk am Kreuz betrachten, wodurch Gott nicht nur das Verlorene wiedererlangt, sondern wodurch Er in Wirklichkeit gewonnen hat! Er gewann durch die Erlösung mehr, als Er durch den Sündenfall verloren hatte. Er erntet auf den Feldern der Erlösung eine reichere Ernte an Herrlichkeit, Ehre und Lob, als Er je auf den Feldern der Schöpfung hätte ernten können. Die „Söhne Gottes“ konnten angesichts der leeren Gruft Jesu einen erhabeneren Lobgesang anstimmen, als sie es je angesichts des vollendeten Schöpfungswerkes getan hatten. Das Unrecht ist durch das Werk des Kreuzes nicht nur völlig gesühnt, sondern es ist auch ein ewiger Vorteil gewonnen worden. Welch eine bewundernswerte Wahrheit! Durch das auf Golgatha vollbrachte Werk ist Gott Gewinner. Wer hätte je so etwas erdenken können? Wenn wir den Menschen und die ihm unterworfene Schöpfung zu den Füßen des Feindes in Trümmern liegen sehen, wie könnten wir dann ahnen, dass Gott aus diesen Trümmern heraus eine reichere und edlere Beute sammeln würde als die, welche eine nicht gefallene Welt je hätte liefern können? Für alles das sei der Name Jesu gepriesen! Ihm allein verdanken wir alles. Nur durch sein Kreuz konnte eine so wunderbare, göttliche Wahrheit zum Ausdruck gelangen. Wirklich, dieses Kreuz schließt eine geheimnisvolle Weisheit in sich, eine Weisheit, „die keiner von den Fürsten dieses Zeitlaufs erkannt hat (denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben)“ (1. Kor 2,8). Kein Wunder, dass Propheten und Apostel, Märtyrer und Heilige in inniger Liebe stets dies Kreuz und den umklammert haben, der daran hing. Kein Wunder, dass der Heilige Geist das feierliche, aber gerechte Urteil verkündigt hat: „Wenn jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei verflucht; Maranatha!“ (1. Kor 16,22). Ja, Himmel und Erde werden zu diesem „verflucht“ ein lautes und ewiges Amen widerhallen lassen. Kein Wunder, dass es der feste und unwandelbare Vorsatz Gottes ist, „dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,10.11).

Jene Verordnung bezüglich des „Fünftels“ fand auch ihre Anwendung auf ein an einem Menschen begangenes Vergehen, denn wir lesen: „Wenn jemand sündigt und Untreue gegen den HERRN1 begeht, indem er seinem Nächsten ein anvertrautes Gut ableugnet oder ein Darlehen oder etwas Geraubtes … und er soll es erstatten nach seiner vollen Summe und dessen Fünftel darüber hinzufügen; wem es gehört, dem soll er es geben am Tag seines Schuldopfers“ (Kap. 5,21–24).

Ob wir also an den Beleidigten oder an den Beleidiger denken – stets begegnen uns die herrlichen Triumphe der Erlösung sowie die mächtigen praktischen Folgen, die jenem Evangelium entspringen, das die Seele mit der seligen Zuversicht erfüllt, dass „alle Vergehungen vergeben“ sind und dass die Wurzel, aus der sie hervorkamen, ihr Gericht empfangen hat. „Das Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“ (1. Tim 1,11) ist allein imstande, einen Menschen zu einem Schauplatz hinzuführen, der einst Zeuge seiner Sünden, seiner Vergehungen und seiner bösen Wege war, ja, ihn zurückzuführen zu allen denen, die in irgendeiner Weise durch seine bösen Taten gelitten haben, und zwar ausgerüstet mit Gnade, um nicht nur das geschehene Unrecht wiedergutzumachen, sondern in all seinem Tun praktische Wohltätigkeit an den Tag zu legen; ja seine Feinde zu lieben, Gutes zu tun denen, die ihn hassen, und zu bitten für die, die ihn beleidigen und verfolgen. Das ist die kostbare Gnade Gottes! So handelt sie in Verbindung mit unserem großen Schuldopfer. Das sind ihre reichen Früchte!

Welch eine triumphierende Antwort auf die spitzfindige Frage des Fleisches: „Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme?“ (Röm 6,1). Die Gnade hat nicht nur die Sünde in ihren Wurzeln getroffen, sondern sie verwandelt auch den Sünder aus einem Fluch in einen Segen, aus einer sittlichen Plage in einen Kanal göttlicher Barmherzigkeit, aus einem Abgesandten Satans in einen Boten Gottes, aus einem Kind der Finsternis in einen Sohn des Lichts, aus einem selbstsüchtigen Vergnügungsmenschen in einen sich selbst verleugnenden Freund Gottes, aus einem Sklaven hässlicher Lüste und Begierden in einen willigen Diener Christi, aus einem kalten, engherzigen Geizhals in einen freigiebigen Diener der Not seiner Mitmenschen. Man hört oft den Einwand: „Haben wir denn nichts zu tun? Ist das nicht ein wunderbar leichter Weg, um errettet zu werden? Kann man bei einem solchen Evangelium denn nicht leben, wie man will?“ Mögen alle, die eine solche Sprache führen, jenen Dieb anschauen (Eph 4,28), der zu einem freigebigen Wohltäter wurde. Wirklich, sie kennen die Gnade nicht. Sie haben nie deren heiligenden und erhebenden Einfluss erfahren. Sie vergessen, dass, während das Blut des Schuldopfers das Gewissen reinigt, das Gesetz dieses Opfers den Schuldner zu dem zurückschickt, dem er Unrecht getan hat, und zwar nicht nur mit der „vollen Summe“, sondern auch mit einem „Fünftel“ darüber in seiner Hand. Welch ein edles Zeugnis von der Gnade und der Gerechtigkeit des Gottes Israels! Und welch eine herrliche Darstellung der Ergebnisse jenes wunderbaren Heilsplanes, durch den dem Beleidiger vergeben wird und der Beleidigte einen tatsächlichen Gewinn erlangt! Wenn das Gewissen bezüglich der Forderungen Gottes durch das Blut des Kreuzes zur Ruhe gebracht ist, so muss auch das Betragen bezüglich der Forderungen der praktischen Gerechtigkeit durch die Heiligkeit des Kreuzes geregelt werden.

Diese Dinge dürfen nie getrennt werden. Gott hat sie zusammengefügt, und der Mensch hüte sich, sie zu scheiden. Es ist leicht, die Grundsätze der Gnade zu bekennen, während man ihre Ausübung in der Praxis umgehen will. Es ist leicht, davon zu reden, dass man auf dem Blut des Schuldopfers ruht, während man die „volle Summe“ und das „Fünftel“ nicht liefert. Solches Reden ist eitel. „Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott“ (1. Joh 3,10).

Nichts ist für die Gnade des Evangeliums entehrender als die Behauptung, dass ein Mensch Gott angehören könne, ohne in seinem Betragen und Charakter die schönen Züge praktischer Heiligkeit zu offenbaren. Gewiss sind „Gott seine Werke von Ewigkeit her bekannt“. Dennoch aber hat Er uns in seinem heiligen Wort die Kennzeichen gegeben, an denen wir die, die ihm angehören, erkennen können. „Der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ (2. Tim 2,19). Wir haben kein Recht, anzunehmen, dass einer, der Böses tut, Gott angehört. Das Wort Gottes spricht über diese Sache unzweideutig und mit großer Autorität. „Hieran sind die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels offenbar. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt“ (1. Joh 3,10). In unseren Tagen der Schlaffheit und der Nachsicht gegen sich selbst ist es gut, sich an diese Worte zu erinnern. Weit und breit gibt sich ein erschreckendes Maß von leichtfertigem, kraftlosem Bekenntnis kund, gegen das der wahre Christ entschieden Front zu machen hat. Er ist berufen, ein strenges Zeugnis abzulegen – ein Zeugnis, das hervorgeht aus der beständigen Offenbarung „der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preis Gottes“ (Phil 1,11).

Verschulden Gott und Verschulden Menschen gegenüber

Vergleichen wir jetzt weiter die beiden Klassen des Schuldopfers, das Opfer für die Versündigung „an den heiligen Dingen des HERRN“ und das für die Versündigung in den gewöhnlichen Verrichtungen und Beziehungen des menschlichen Lebens. Wir werden bei dieser Gelegenheit einige beachtenswerte Punkte finden. Zunächst ist es auffallend, dass die Worte: „Wenn jemand aus Versehen sündigt“, in dem ersten Fall, nicht aber in dem zweiten vorkommen. Die Ursache für diesen Unterschied liegt auf der Hand. Die Ansprüche, die mit den heiligen Dingen des HERRN in Verbindung stehen, müssen weit über den Bereich des höchstentwickelten menschlichen Gefühls hinausgehen. Diesen Ansprüchen mag beständig Eintrag geschehen; es mag immer wieder dagegen gesündigt werden, ohne dass dem Schuldigen diese Tatsache auch nur zum Bewusstsein kommt. Deshalb kann dem menschlichen Bewusstsein im Heiligtum Gottes niemals die Rolle des Entscheidens zufallen. Das ist eine unaussprechliche Gnade. Gottes Heiligkeit allein muss den Maßstab bestimmen, wenn es sich um Gottes Rechte handelt.

Andererseits kann das menschliche Gewissen alle menschlichen Ansprüche leicht erfassen und ebenso leicht von jeder Beeinträchtigung solcher Ansprüche Kenntnis nehmen. Wie oft mögen wir gegen Gott, gegen seine heiligen Dinge gesündigt haben, ohne dass unser Gewissen uns Vorwürfe gemacht hätte. Ja, wir mögen selbst nicht die Fähigkeit besitzen, das begangene Unrecht zu entdecken (siehe Mal 3,8). Ganz anders aber ist es, wenn menschliche Rechte infrage kommen. Ein Unrecht, das das menschliche Auge zu unterscheiden und das menschliche Herz zu fühlen vermag, kann auch durch das menschliche Gewissen wahrgenommen werden. Ein Israelit konnte sich „aus Versehen“ gegen die damals im Heiligtum herrschenden Gesetze versündigen, ohne sich dessen bewusst zu werden, bis ein höheres Licht in sein Gewissen hineinleuchtete. Aber er konnte nicht „aus Versehen“ lügen, falsch schwören, eine Gewalttat ausüben, den Nächsten betrügen oder Verlorenes finden und es nachher ableugnen. Alle diese Dinge waren einfache und handgreifliche Tatsachen, die selbst von dem trägsten Gewissen empfunden werden mussten. Das also ist der Grund, weshalb der Ausdruck „aus Versehen“, den wir bezüglich der „heiligen Dinge des HERRN“ angeführt finden, bei den gewöhnlichen Angelegenheiten des Menschen ausgelassen ist. Wie gut ist es, zu wissen, dass das kostbare Blut Christi alle Fragen, sowohl in Bezug auf Gott als auch auf den Menschen, sowohl in Bezug auf unsere wissentlichen als auch unsere unwissentlichen Sünden, beantwortet hat! Hier ist die tiefe und feste Grundlage des Friedens eines Gläubigen.

Ferner ist bei einer Versündigung „an den heiligen Dingen des HERRN“ zuerst von dem Opfer die Rede und danach erst von der „vollen Summe“ und dem „Fünftel“. Diese Ordnung aber war umgekehrt, wenn es sich um die gewöhnlichen Dinge des Lebens handelte (vgl. Vers 15.16 mit Vers 23–26). Die Ursache für diese Verschiedenheit liegt auch hier wieder klar. Wenn die Rechte Gottes verletzt worden waren, so nahm das Blut der Versöhnung den ersten Platz ein. War hingegen eine Beeinträchtigung der menschlichen Rechte geschehen, so musste naturgemäß die Wiedererstattung im Vordergrund stehen.

Aber da es in dem zweiten Fall, ebenso wie im ersten, um die Beziehung der Seele zu Gott ging, so finden wir, wenn auch zuletzt, das Opfer eingeführt. Wenn ich meinem Nächsten Unrecht tue, so wird sicherlich dadurch meine Gemeinschaft mit Gott gestört, und diese Gemeinschaft kann nur aufgrund der Versöhnung wiederhergestellt werden. Eine bloße Entschädigung würde nicht genügen. Vielleicht würde eine Entschädigung den Beleidigten zufriedenstellen, aber niemals könnte sie die Grundlage zur Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott bilden. Ich könnte wer weiß wie oft die „volle Summe“ zurückerstatten und das „Fünftel“ hinzufügen, und dennoch würde meine Sünde bleiben, denn „ohne Blutvergießen ist keine Vergebung“ (Heb 9,22). Nichtsdestoweniger muss ich versuchen, wenn ich an meinem Nächsten ein Unrecht begangen habe, zunächst dieses Unrecht wiedergutzumachen. „Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar“ (Mt 5,23.24)2.

Die beim Schuldopfer vorgeschriebene göttliche Ordnung enthält weit mehr, als man auf den ersten Blick denken mag. Die Ansprüche, die aus unseren menschlichen Beziehungen entstehen, dürfen nicht gering geschätzt werden. Sie müssen stets ihren rechten Platz im Herzen einnehmen. Dies wird uns im Schuldopfer deutlich gezeigt. Wenn ein Israelit durch irgendeine Übertretung seine Beziehung zu dem HERRN verletzt hatte, so war die Reihenfolge: Opfer und Wiedererstattung. Hatte er in irgendeiner Weise seine Beziehung zu seinem Nächsten verletzt, so war die Reihenfolge: Wiedererstattung und Opfer. Ist diese Veränderung in der Reihenfolge zufällig oder ist sie von Gott angeordnet, so dass wir etwas daraus zu lernen haben? Jeder Punkt ist bedeutungsvoll, wenn wir nur dem Heiligen Geist gestatten, diese Bedeutung unseren Herzen mitzuteilen, und sie nicht mit unseren armen, eitlen Einbildungen zu erfassen suchen. Jedes Opfer liefert uns einen besonderen Charakterzug von dem Herrn Jesus und seinem Werk. Jedes wird in seiner charakteristischen Ordnung dargestellt. Eine Nichtachtung der besonderen Ordnung eines jeden Opfers heißt auch die Darstellung einer besonderen Seite Christi in jedem Opfer beiseitesetzen und das Vorhandensein eines Unterschiedes zwischen dem Brand- und Sündopfer, zwischen dem Sünd- und Schuldopfer usw. leugnen. Hieraus aber würde folgen, dass die sieben ersten Kapitel des dritten Buches Mose nichts als Wiederholungen sind und dass jedes Kapitel dieselben Dinge behandelt. Ein Christ, der seinen Herrn kennt, verabscheut solche ungeheuerlichen, unwürdigen Gedanken. Wer glaubt, dass „alle Schrift von Gott eingegeben ist“ (2. Tim 3,16), wird die verschiedenen Bilder in ihrer eigenen Ordnung wie verschiedenartig gestaltete Schmuckkästchen betrachten, in denen der Heilige Geist „den unergründlichen Reichtum des Christus“ (Eph 3,8) für das Volk Gottes aufbewahrt hat. Hier gibt es keine ermüdende, weitschweifige Wiederholung, sondern nur reiche, göttliche Mannigfaltigkeit, und wir brauchen nur mit dem großen Gegenbild bekannt zu sein, um die Schönheiten und die feinen, zarten Züge eines jeden Bildes erfassen zu können. Sobald das Herz sich bewusst wird, dass wir in jedem Bild Christus haben, kann es mit geistlichem Interesse bei jeder Einzelheit verweilen. Es findet dann in allem Bedeutsamkeit und Schönheit, denn es findet in allem Christus. Wie das Fernrohr und das Vergrößerungsglas die Wunder im Reich der Natur in ihren Besonderheiten dem Auge darstellen, so ist es auch mit dem Wort Gottes. Mögen wir es als ein Ganzes betrachten oder jedes Satzglied genau prüfen – alles ruft die Anbetung und Danksagung unserer Herzen wach.

Fußnoten

  • 1 In dem Ausdruck „gegen den HERRN „ ist ein schöner Grundsatz enthalten. Obwohl von einem an dem Nächsten verübten Vergehen die Rede ist, sieht der HERR es doch als eine Schuld gegen sich selbst an. Alles muss in Beziehung zu dem HERRN betrachtet werden. Es tut nichts zur Sache, wer davon berührt wird, der HERR muss den ersten Platz haben. Als das Gewissen Davids wegen seiner Handlungsweise gegen Urija von dem Pfeil des Wortes Gottes durchbohrt und überführt wurde, rief er aus: „Ich habe gegen den HERRN gesündigt!“ (2. Sam 12,13). Dieser Grundsatz schwächt nicht im Geringsten die Ansprüche des Menschen, dem die Beleidigung oder das Unrecht zugefügt worden ist.
  • 2 Vergleichen wir Matthäus 5,23.24 und Matthäus 18,21.22, so können wir hinsichtlich der Art und Weise, wie Unrecht und Beleidigungen zwischen zwei Brüdern geregelt werden sollen, einen schönen Grundsatz kennenlernen. Der Beleidiger wird vom Altar zurückgeschickt, um seine Angelegenheiten mit dem Beleidigten zu ordnen. Wie aber soll der Beleidigte den Beleidiger empfangen? „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal?“ – Antwort: „Nicht bis siebenmal, sage ich dir, sondern bis siebzig mal sieben.“ Das ist die göttliche Weise, alle Fragen zwischen Brüdern zu ordnen. „Einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol 3,13).
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