Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Stellung und Zustand der Priester

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Diese Kapitel zeigen sehr ausführlich Gottes Anforderungen an alle, die das Vorrecht hatten, als Priester nahen zu dürfen, um „das Brot ihres Gottes darzubringen“. In diesem wie in dem vorhergehenden Abschnitt wird uns das persönliche Verhalten als die Folge, nicht aber als die Ursache des Verhältnisses, in dem jemand steht, dargestellt. Das ist beachtenswert. Die Söhne Aarons waren durch ihre Geburt Priester Gottes. Sie befanden sich alle ohne Unterschied in dieser bevorzugten Stellung. Es handelte sich nicht um etwas, das durch eigene Fortschritte erlangt werden konnte, also um etwas, was der eine haben und der andere nicht haben konnte. Alle Söhne Aarons waren Priester. Die Fähigkeit, diese Stellung und die damit verbundenen Vorrechte zu verstehen und zu genießen, war eine ganz andere Sache. Der eine mochte ein Kind sein und der andere die Reife und Kraft des Mannesalters erreicht haben. Ein kleines Kind, für das „Milch“ und nicht „feste Speise“ infrage kommt, war natürlich nicht imstande, von der priesterlichen Speise zu essen, aber es war ebenso ein Glied der priesterlichen Familie wie der Mann, der die Vorhöfe des Hauses des Herrn betreten und die „Brust des Webopfers“ und den „Schenkel des Hebopfers“ essen konnte.

Dieser Unterschied ist leicht zu verstehen und erläutert in einfacher Weise unser Verhältnis als Glieder des wahren priesterlichen Hauses, dem unser großer Hoherpriester vorsteht und dem alle wahren Gläubigen angehören (Heb 3,6). Jedes Kind Gottes ist ein Priester. Es ist als ein Glied des priesterlichen Hauses Christi eingeschrieben. Es mag sehr unwissend sein, aber seine Stellung als Priester gründet sich nicht auf Erkenntnis, sondern auf das Leben, das es besitzt. Seine Erfahrung mag noch sehr gering sein, aber sein Platz als Priester ist nicht von seiner Erfahrung, sondern von dem Leben aus Gott abhängig. Auch seine Fähigkeit mag sehr beschränkt sein, aber sein Stand als Priester beruht nicht auf einer großen Fähigkeit, sondern auf dem Leben. Das Kind Gottes ist in die Stellung und Verwandtschaft eines Priesters hineingeboren. Es hat sich nicht selbst hineingearbeitet. Nicht durch irgendwelche eigenen Anstrengungen ist es Priester geworden, sondern durch seine Geburt. Das geistliche Priestertum mit allen damit verbundenen geistlichen Verrichtungen ist eine notwendige Folge der geistlichen Geburt. Die Fähigkeit, die Vorrechte einer Stellung zu genießen und die damit verknüpften Verrichtungen zu erfüllen, darf nicht mit der Stellung selbst verwechselt werden.

Nichts konnte das Band der Verwandtschaft zwischen Aaron und seinen Söhnen zerreißen. Es gab viele Dinge, die den vollen Genuss der an dieses Verhältnis geknüpften Vorrechte beeinträchtigen konnten. Ein Sohn Aarons konnte sich „wegen einer Leiche verunreinigen“, er konnte sich beflecken durch den Eintritt in eine unheilige Verbindung, er konnte ein körperliches „Gebrechen“ haben, konnte „blind“, ein „Buckliger“ oder ein „Zwerg“ sein. Schon eins dieser Dinge würde den Genuss seiner Vorrechte sowie die Erfüllung der priesterlichen Verrichtungen gestört und unterbrochen haben, wie wir in Kapitel 21,20–23 lesen. Aber keins dieser Dinge konnte irgendwie seine Verwandtschaft infrage stellen. Obwohl ein Sohn Aarons ein Zwerg sein konnte, so war dieser Zwerg nichtsdestoweniger ein Sohn Aarons. Freilich war er als „Zwerg“ vieler Vorrechte und Würden, die mit dem Priestertum verbunden waren, beraubt, aber er blieb trotzdem ein Sohn Aarons. Er konnte weder dieselbe Art der Gemeinschaft genießen noch dieselben Verrichtungen des priesterlichen Dienstes erfüllen wie jemand, der die Größe eines erwachsenen Mannes erreicht hatte, aber er war ein Glied des priesterlichen Hauses, und deshalb war es ihm erlaubt, „das Brot seines Gottes zu essen“ (V. 22).

Die geistliche Anwendung dieser Dinge ist einfach. Ein Kind Gottes zu sein und sich im Genuss priesterlicher Gemeinschaft und priesterlicher Anbetung zu befinden, sind zwei verschiedene Dinge. Die Anbetung wird leider oft durch viele Dinge gestört. Wir erlauben nur zu oft, dass Umstände und Verbindungen ihren befleckenden Einfluss auf uns ausüben. Wir dürfen nicht voraussetzen, dass alle Christen sich der gleichen geistlichen Höhe, derselben innigen Gemeinschaft und der gleichen beglückenden Nähe Christi erfreuen. Ach nein! Viele von uns haben über geistliche Gebrechen, über Lahmheit im Gehen unseres Weges, über mangelhafte Einsicht, über einen Stillstand im Wachstum zu trauern, oder wir verunreinigen uns, indem wir mit Bösem in Berührung kommen, oder wir lassen uns durch unheilige Verbindungen schwach machen und aufhalten. Mit einem Satz, so wie die Söhne Aarons, obwohl sie durch Geburt Priester waren, durch eine zeremonielle Verunreinigung oder durch ein körperliches Gebrechen vieler Vorrechte beraubt wurden, so berauben wir uns, obwohl wir durch geistliche Geburt Priester Gottes sind, durch innere Befleckungen und geistliche Gebrechen vieler hoher und heiliger Vorrechte unserer Stellung. Durch eine mangelhafte geistliche Entwicklung gehen uns viele unserer Würden verloren. Es fehlt uns so oft das einfältige Auge, die geistliche Kraft, die völlige Widmung des Herzens. Wir sind erlöst durch die freie Gnade Gottes aufgrund des vollkommenen Opfers Christi. „Wir alle sind Kinder Gottes durch den Glauben an Christus Jesus.“ Aber vergessen wir nicht, dass Erlösung etwas anderes ist als Gemeinschaft und Sohnschaft etwas anderes als Gehorsam.

Diese beiden Dinge müssen sorgfältig unterschieden werden. Das zeigt unser Abschnitt sehr klar. Wenn einer der Söhne Aarons „einen Bruch am Fuß oder einen Bruch an der Hand“ hatte, war er deshalb seiner Sohnschaft beraubt? Durchaus nicht. Verlor er dadurch seine priesterliche Stellung? Keineswegs. Es wurde deutlich gesagt: „Das Brot seines Gottes von dem Hochheiligen und von dem Heiligen darf er essen.“ Aber dennoch büßte er durch sein körperliches Gebrechen vieles ein. Es war ihm verboten, einen der höheren Pfade priesterlichen Dienstes und priesterlicher Anbetung zu betreten: „Jedoch zum Vorhang soll er nicht kommen, und zum Altar soll er nicht herzutreten.“ Das waren ernste Verluste, und obwohl man hätte einwenden können, dass der Mensch an vielen dieser körperlichen Gebrechen keine Schuld trage, so änderte das doch an der Sache nichts. Der HERR konnte nur einem makellosen Priester und einem makellosen Opfer Zutritt zu seinem Altar gestatten. Priester und Opfer mussten beide vollkommen sein. „Jedermann von den Nachkommen Aarons, des Priesters, der ein Gebrechen hat, soll nicht herzutreten, um die Feueropfer des HERRN darzubringen“ (Kap. 21,21). „Alles, woran ein Gebrechen ist, sollt ihr nicht darbringen, denn es wird nicht zum Wohlgefallen für euch sein“ (Kap. 22,20).

Unsere Schwachheiten und unser Hoherpriester

Nun, wir haben sowohl den vollkommenen Priester als auch das vollkommene Opfer in der Person unseres Herrn Jesus Christus. Nachdem Er „sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat“ (Heb 9,14), ist Er als unser großer Hoherpriester in den Himmel eingegangen, wo Er immerdar lebt, um sich für uns zu verwenden“. Der Brief an die Hebräer behandelt diese beiden Punkte sehr eingehend. Der Gegensatz zwischen dem Opfer und Priestertum des mosaischen Systems und dem Opfer und Priestertum Christi wird hier klar ans Licht gestellt. In Christus, ob nun als Opfer oder als Priester betrachtet, sehen wir göttliche Vollkommenheit. In ihm finden wir alles, was Gott fordern, und alles, was der Mensch nötig haben konnte. Sein kostbares Blut hat alle unsere Sünden weggenommen, und seine Fürbitte erhält uns in der Vollkommenheit jenes Platzes, an den uns sein Blut gebracht hat. „Wir sind vollendet in ihm“ (Kol 2,10). Und doch sind wir in uns selbst so schwach und wankelmütig, so voller Mängel und Gebrechen, so leicht fähig, auf unserem Weg zu irren und zu straucheln, dass wir nicht einen Augenblick aufrecht bleiben könnten, wenn er nicht „allezeit lebt, um sich für uns zu verwenden“ (Heb 7,25). Doch wir haben uns mit diesen Dingen bereits im ersten Teil unserer Betrachtung eingehend beschäftigt, so dass es nicht nötig ist, länger dabei zu verweilen. Wer in etwa einen richtigen Begriff von den Grundwahrheiten des Christentums, sowie etwas Erfahrung im christlichen Leben besitzt, wird wohl begreifen, wie es kommt, dass wir, obwohl „vollendet in ihm, der das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist“ (Kol 2,10), dennoch hier, inmitten der Schwachheiten, der Kämpfe und Schwierigkeiten der Erde, die mächtige Fürsprache unseres anbetungswürdigen und göttlichen Hohenpriesters nötig haben. Der Gläubige ist „abgewaschen, geheiligt und gerechtfertigt“ (1. Kor 6,11). Er ist „begnadigt in dem Geliebten“ (Eph 1,6). Er kann, was seine Person betrifft, nie ins Gericht kommen. Tod und Gericht liegen hinter ihm, weil er mit Christus vereinigt ist, der um seinetwillen und an seiner statt durch beides hindurchgegangen ist. Alles das gilt voll und ganz für das schwächste, unwissendste und unerfahrenste Glied der Familie Gottes. Weil aber der Gläubige eine Natur mit sich umherträgt, die so unverbesserlich schlecht und so unheilbar verderbt ist, dass keine Zucht sie verbessern, kein Mittel sie heilen kann, weil er in einem Leib der Sünde und des Todes wohnt, weil ihn von allen Seiten feindliche Einflüsse umringen und er fortdauernd mit vereinten Mächten der Welt, des Fleisches und des Teufels zu kämpfen hat, würde er niemals seinen Platz behaupten und noch weniger Fortschritte machen können, wenn er nicht aufrechterhalten würde durch die Fürbitte seines großen Hohenpriesters, der die Namen der Seinen auf seiner Brust trägt.

Ich weiß wohl, dass manche eine große Schwierigkeit darin gefunden haben, den Gedanken der vollkommenen Stellung des Gläubigen in Christus mit dem Bedürfnis des Priestertums in Einklang zu bringen.

Man fragt: Wenn der Gläubige vollkommen ist, wozu bedarf er dann noch eines Priesters? Beide Wahrheiten werden im Wort Gottes deutlich gelehrt und sind leicht miteinander vereinbar. Der Gläubige ist vollkommen in Christus, aber in sich selbst ist er ein armes, schwaches Geschöpf und stets in Gefahr, zu versagen. Welch ein unaussprechlicher Segen ist es daher für ihn, zur Rechten der Majestät in den Himmeln jemand zu haben, der alle seine Angelegenheiten ordnet, jemand, der ihn beständig stützt mit der rechten Hand seiner Gerechtigkeit und ihn nie loslässt, jemand, der „gestern und heute und in Ewigkeit derselbe ist“ (Heb 13,8), der ihn durch alle Schwierigkeiten und Gefahren, die ihn umringen, siegreich hindurchführen und ihn schließlich „vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen vermag mit Frohlocken“ (Jud 24)! Ewig gepriesen sei die Gnade, die in dem Blut des fleckenlosen Schlachtopfers und in der Fürbitte des göttlichen Hohenpriesters für alle unsere Bedürfnisse eine so umfassende Vorsorge getroffen hat!

Reinigung von jeder Befleckung

Lieber Leser! Möchte unser Streben sein, so zu leben, uns so „unbefleckt von der Welt zu erhalten“ (Jak 1,27), dass wir als Glieder des priesterlichen Hauses, von dem Christus das Haupt ist, die höchsten Vorrechte genießen und die erhabensten Pflichten unserer Stellung erfüllen können!

Wir haben „Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu“. Wir haben „einen großen Priester über das Haus Gottes“ (Heb 10,19–21). Nichts kann uns je diese Vorrechte rauben. Aber unsere Gemeinschaft kann gestört, unsere Anbetung kann gehindert werden und unsere heiligen Pflichten können unerfüllt bleiben. Jene zeremoniellen Dinge, vor denen die Söhne Aarons in dem vor uns liegenden Abschnitt gewarnt werden, finden ihr Gegenbild in der christlichen Haushaltung. Sie mussten vor der Berührung alles Unreinen, vor jeder unheiligen Verbindung gewarnt werden – ebenso müssen wir es. Sie mussten gewarnt werden vor jeder Art zeremonieller Befleckung – ebenso bedürfen wir der Warnung vor „jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes“ (2. Kor 7,1). Sie gingen durch ein körperliches Gebrechen oder durch ein unvollkommenes natürliches Wachstum ihrer erhabensten priesterlichen Vorrechte verlustig – ebenso verlieren auch wir sie durch ein sittliches Gebrechen und durch ein unvollkommenes geistliches Wachstum.

Je höher wir die Segnungen schätzen, die mit der priesterlichen Familie in Verbindung stehen, in die wir durch unsere geistliche Geburt eingeführt worden sind, desto sorgfältiger werden wir über alles wachen, was uns irgendwie den Genuss dieser Vorrechte rauben könnte. Und gerade das macht unseren Abschnitt für die Praxis so wertvoll. Möchten wir durch die Wirkung des Heiligen Geistes die volle Kraft dieser Wahrheiten in unseren Herzen verspüren! Dann werden wir unsere priesterliche Stellung wirklich genießen und unseren priesterlichen Dienst treu erfüllen. Dann werden wir fähig sein, „unsere Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer“ (Röm 12,1). Ja, wir werden fähig sein, Gott „stets ein Opfer des Lobes darzubringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“ (Heb 13,15). Wir werden fähig sein, als Glieder des „geistlichen Hauses“ und der „heiligen Priesterschaft“ „geistliche Schlachtopfer darzubringen, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“ (1. Pet 2,5). Ja, wir werden, wenn auch in schwachem Maß, jene gesegnete Zeit im Voraus genießen, wenn von der erlösten Schöpfung einsichtsvoll und ungeteilt Lob und Preis zum Thron Gottes und des Lammes emporsteigen werden.

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