Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Gelübde und geheiligte Dinge

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Dem HERRN geweiht

Dieser Abschnitt bildet den Schluss unseres Buches; er befasst sich mit dem „Gelübde“ oder der freiwilligen Handlung, durch die jemand sich selbst oder sein Eigentum dem HERRN heiligte (V. 1–3).

Wenn jemand sich selbst, sein Vieh, sein Haus oder sein Feld dem Herrn weihte, so kam es dabei natürlich auf die Tauglichkeit oder den Wert des Geweihten an, und daher gab es ein gewisses Schätzungsmaß im Blick auf das Alter. Mose, als der Vertreter der Rechte Gottes, war berufen, in jedem Fall nach dem Maß des Heiligtums zu schätzen. Wenn jemand ein Gelübde tut, so muss er nach dem Maßstab der Gerechtigkeit erprobt werden. Überdies haben wir in allen Fällen den Unterschied zwischen Fähigkeit und Anrecht zu beachten. In 2. Mose 30,15 lesen wir bezüglich des „Sühngeldes“: „Der Reiche soll nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als die Hälfte eines Sekels, wenn ihr das Hebopfer des HERRN gebt, um Sühnung zu tun für eure Seelen.“ Im Blick auf die Sühnung standen alle auf gleichem Boden. So muss es immer sein. Hoch oder niedrig, Reich oder Arm, gelehrt oder unwissend, Alt oder Jung – alle haben ein und dasselbe Anrecht. „Denn es ist kein Unterschied“ (Röm 3,22). Alle stehen auf dem gleichen Boden der unendlichen Kostbarkeit des Blutes Christi. Hinsichtlich der Fähigkeit kann ein großer Unterschied vorhanden sein, hinsichtlich des Anrechts besteht keiner. Wenn es sich um Erkenntnis, Gabe oder Fruchtbarkeit handelt, mag es große Unterschiede geben: bezüglich unseres Anrechtes gibt es jedoch keine. Der Schössling und der Baum, das Kind und der Vater, der gestern Bekehrte und der gereifte Gläubige, alle befinden sich auf demselben Boden. „Der Reiche soll nicht mehr geben und der Arme nicht weniger.“ Nichts mehr konnte gegeben, nichts weniger angenommen werden. „Wir haben Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu“ (Heb 10,19). Darin allein liegt unser Recht, eintreten zu dürfen. Unsere Fähigkeit, anzubeten, nachdem wir eingetreten sind, hängt dagegen von unserer geistlichen Kraft ab. Christus ist unser Anrecht, der Heilige Geist unsere Fähigkeit. Das eigene Ich hat weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun. Welch eine Gnade! Wir gehen ein durch das Blut Jesu. Wir genießen das, was wir dort finden, durch den Heiligen Geist. Das Blut Jesu öffnet die Tür. Der Heilige Geist führt uns durch das Haus. Das Blut Jesu öffnet das Schatzkästchen. Der Heilige Geist zeigt uns den kostbaren Inhalt. Das Blut Jesu schenkt uns das Kästchen. Der Heilige Geist befähigt uns, die seltenen und kostbaren Edelsteine, die es enthält, zu schätzen.

Aber hier in 3. Mose 27 handelt es sich ganz und gar um die Kraft, die Fähigkeit oder den Wert. Mose hatte ein gewisses Maß, von dem er nicht abweichen durfte. Er hatte einen Maßstab, nach dem er jeden, der ein „Gelübde“ tat, schätzen und ihm demgemäß seinen Platz anweisen musste.

Was musste nun mit einem Israeliten geschehen, der der vollen Höhe der Forderungen nicht entsprechen konnte, die der Vertreter der göttlichen Gerechtigkeit stellte? Wie tröstlich ist die Antwort: „Und wenn der Gelobende zu arm ist für deine Schätzung, so soll man ihn vor den Priester stellen, und der Priester soll ihn schätzen“ (V. 8). Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch es unternimmt, die Forderungen der Gerechtigkeit zu erfüllen, so muss er sie voll erfüllen. Wenn sich aber jemand außerstande fühlt, diesen Forderungen zu genügen, dann hat er sich nur der Gnade zu überlassen, die sich mit ihm beschäftigen wird, gerade so wie er ist. Mose ist der Vertreter der Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit, während wir in dem Priester den Vertreter der göttlichen Gnade erblicken. Der Dürftige, der nicht vor Mose bestehen konnte, fand Hilfe bei dem Priester. So ist es immer. Wenn wir nicht arbeiten können, so können wir doch bitten, und sobald wir den Platz eines Bettlers einnehmen, ist nicht länger die Rede davon, wie viel wir verdienen, sondern nur davon, wie viel Gott uns schenken will. Welch ein Glück ist es, Schuldner der Gnade zu sein! Wie selig, zu nehmen, wenn Gott im Geben verherrlicht wird! Wenn es sich um Menschen handelt, so ist es weit besser, zu arbeiten, als zu betteln. Wenn es sich aber um Gott handelt, so ist es gerade umgekehrt.

Anwendung auf das Volk Israel

Ich möchte noch hinzufügen, dass sich nach meinem Dafürhalten das ganze Kapitel in besonderer Weise auf das Volk Israel bezieht. Es steht mit den beiden vorhergehenden Kapiteln in enger Verbindung. Die Kinder Israel taten ein „Gelübde“ am Fuß des Berges Horeb, waren aber ganz außerstande, den Forderungen des Gesetzes zu entsprechen. Sie waren viel „zu arm für die Schätzung Moses“. Doch sie werden unter die reiche Vorsorge der göttlichen Gnade kommen. Wenn sie einmal ihre Unfähigkeit, zu arbeiten, erkannt haben, werden sie sich nicht schämen zu betteln, und dann werden sie erfahren, wie unbeschreiblich selig es ist, von der unumschränkten Gnade Gottes abhängig zu sein, die von Ewigkeit zu Ewigkeit währt. Es ist gesegnet, arm zu sein, wenn die Erkenntnis unserer Armut nur dazu dient, die unergründlichen Reichtümer der göttlichen Gnade vor unseren Blicken zu entfalten. Diese Gnade kann nie jemand leer ausgehen lassen. Sie kann nie zu jemand sagen, dass er zu arm sei. Sie kann dem tiefsten menschlichen Bedürfnis begegnen, ja noch mehr, sie verherrlicht sich darin, dass sie es tut. Dies ist in jedem Fall wahr. Es ist wahr von jedem einzelnen Sünder, und es ist wahr von Israel, das sich vor dem Gesetzgeber als „zu arm für seine Schätzung“ erwiesen hat. Die Gnade ist die große und einzige Hilfsquelle für alle. Sie ist die Grundlage unserer Errettung, die Grundlage eines gottseligen Lebens und jener unvergänglichen Hoffnung, die uns belebt inmitten der Prüfungen und Kämpfe in dieser Welt, die den Stempel der Sünde trägt.

Wir schließen hiermit unsere Betrachtungen über dieses inhaltsreiche und kostbare Buch. Möchte Gott diese Gedanken benutzen, um Interesse für diesen Teil der Schrift zu wecken, der in allen Jahrhunderten von der Versammlung so sehr vernachlässigt worden ist.

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