Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Reine Speisen

Betrachtungen über das dritte Buch Mose

Gott gibt ausreichende Richtlinien

Das dritte Buch Mose könnte mit Recht „das Handbuch des Priesters“ betitelt werden. Es ist voll von Grundsätzen für alle, die gern in dem Genuss priesterlicher Gemeinschaft mit Gott leben möchten. Hätten die Kinder Israel ihren Weg mit dem HERRN fortgesetzt gemäß der Gnade, in der Er sie aus Ägypten geführt hatte, so würden sie ihm ein „Königreich von Priestern und eine heilige Nation“ gewesen sein (2. Mo 19,6). Aber darin versagten sie in der traurigsten Weise. Sie stellten sich in eine gewisse Entfernung von Gott, gerieten unter das Gesetz und übertraten es. Deshalb musste der HERR einen gewissen Stamm erwählen und aus diesem Stamm ein gewisses Geschlecht und aus diesem Geschlecht einen gewissen Mann, und diesem Mann und seinem Haus wurde das hohe Vorrecht verliehen, als Priester Gott zu nahen.

Mit einer solchen Stellung waren außerordentlich große Vorrechte, aber auch eine schwere Verantwortung verbunden. Immer neu musste ein Priester abwägen und Unterschiede machen. „Denn die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren, und das Gesetz sucht man aus seinem Mund, denn er ist ein Bote des HERRN der Heerscharen“ (Mal 2,7). Der Priester hatte nicht nur beständig das Gericht Israels vor dem Herrn zu tragen (2. Mo 28,30), sondern er musste auch der Gemeinde die Anordnungen des Herrn erklären. Er sollte das stets bereite Mittelglied der Gemeinschaft zwischen dem HERRN und der Gemeinde sein. Alles das erforderte natürlich eine ununterbrochene Wachsamkeit, ein eingehendes Erforschen der von Gott eingegebenen Schriften, so dass seine ganze Seele gleichsam durchdrungen wurde von allen Vorschriften, Urteilen, Verordnungen, Gesetzen und Geboten des Gottes Israels, um so imstande zu sein, die Gemeinde in Bezug auf die „Dinge, die getan werden sollten“, zu unterweisen und zu belehren.

Der Einbildungskraft des Menschen war nicht der geringste Spielraum gelassen. Alles wurde durch die gebietende Autorität eines „So spricht der Herr!“ zum Schweigen gebracht. Die Opfer, die Zeremonien und Gebräuche waren bis ins Kleinste mit solcher Genauigkeit angeordnet, dass für das menschliche Gehirn nichts mehr zu ersinnen übrig blieb. Es war dem Menschen nicht einmal gestattet, in dem einen oder anderen Fall das Opfer oder auch nur die Art und Weise seiner Darbringung zu bestimmen. Der HERR sorgte für alles. Sein Wort ordnete alles. Der Mensch hatte nur zu gehorchen.

Das war für ein gehorsames Herz eine unaussprechliche Gnade. Es ist ein unschätzbares Vorrecht, dass wir uns von uns weg und zu den Aussprüchen Gottes hinwenden dürfen und dort Aufschlüsse betreffs aller nötigen Einzelheiten unseres Glaubens und unseres Dienstes finden können. Alles, was wir nötig haben, ist ein gebrochener Wille und ein einfältiges Auge. Das göttliche Handbuch ist so vollständig, wie wir es nur wünschen können. Wie unwürdig ist die Haltung, die viele – offen oder insgeheim – dem Wort Gottes gegenüber einnehmen! Wenn sein Wort nicht genügt, wohin sollen wir uns dann wenden? Gott sagt, dass sein Buch vermag, den „Menschen Gottes vollkommen“ zu machen, „zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,17). Der Mensch sagt: „Nein; über viele Dinge sagt die Bibel gar nichts.“ Wem will ich glauben? Gott oder Menschen? Wer so spricht, ist entweder kein „Mensch Gottes“ oder die Sache, für die man eine Berechtigung in der Bibel sucht, ist kein „gutes Werk“; das ist ganz klar. Hätten wir nur ein tieferes Empfinden für die Fülle, Majestät und Autorität des Wortes Gottes! Sein Wort ist absolut und vollständig für jedes Jahrhundert, jedes Land und für alle Umstände. Mögen unsere Herzen es immer mehr schätzen: „Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und alles Recht deiner Gerechtigkeit währt ewig“ (Ps 119,160). Man kann das dritte Buch Mose nicht lesen, ohne von der außergewöhnlichen Sorgfalt beeindruckt zu werden, mit der der Gott Israels seinem Volk über jeden mit seinem Dienst und seiner Anbetung verbundenen Punkt die eingehendste Unterweisung gibt. Wir finden in diesem Buch eine bis ins Kleinste gehende Beschreibung von vierfüßigen Tieren, verbunden mit einer Aufzählung verschiedener Merkmale, an denen das Volk erkennen sollte, was rein und was unrein war. Den Gesamtinhalt dieses bemerkenswerten Kapitels finden wir in den beiden letzten Versen zusammengefasst: „Das ist das Gesetz vom Vieh und den Vögeln und von jedem lebendigen Wesen, das sich in den Wassern regt, und von jedem Wesen, das auf der Erde wimmelt; um zu unterscheiden zwischen dem Unreinen und dem Reinen und zwischen den Tieren, die gegessen werden, und den Tieren, die nicht gegessen werden sollen“ (V. 46.47).

Tiere, die wiederkäuen und gespaltene Hufe haben

Was zunächst das Vieh betrifft, so waren zwei Dinge notwendig, um es als rein betrachten zu dürfen: Es musste gespaltene Hufe haben und wiederkäuen. „Alles, was gespaltene Hufe hat, und zwar ganz gespaltene Hufe, und was wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen“ (V. 3). Während nun aber diese beiden Merkmale bezüglich der Reinheit oder Unreinheit eines Tieres für die Unterweisung eines Israeliten genügend waren, ohne dass er sich darum zu kümmern brauchte, warum diese Merkmale gegeben wurden, ist es dem Christen erlaubt, nach der geistlichen Wahrheit zu forschen, die diesen gesetzlichen Bestimmungen zugrunde liegt.

Was bedeuten denn jene beiden Kennzeichen eines reinen Tieres? Das Wiederkäuen drückt den natürlichen Prozess des inneren Verdauens der genossenen Speise aus, während die gespaltenen Hufe für den äußeren Wandel charakteristisch sind. Zwischen beiden Dingen besteht in dem Leben des Christen bekanntlich eine enge Verbindung. Wer sich auf den grünen Weiden des Wortes Gottes nährt und das Genossene innerlich verdaut, wer ein ruhiges Nachsinnen mit einer sorgfältigen Prüfung unter Gebet und Flehen vereinigt, wird ohne Zweifel jenen Charakter des äußeren Wandels offenbaren, der zum Preis dessen ist, der uns aus Gnaden sein Wort gegeben hat, um unsere Gewohnheiten zu bilden und unser Verhalten zu beherrschen.

Es ist keine Frage, dass viele, die die Bibel lesen, das Wort nicht verdauen. Man kann nämlich Kapitel nach Kapitel und Buch auf Buch lesen und dennoch nicht eine Zeile davon verdauen. Man kann die Bibel aus stumpfer und nutzloser Gewohnheit lesen und, aus Mangel an wiederkäuender Kraft, an Verdauungsorganen, keinen Vorteil daraus ziehen. Das auf der Weide grasende Vieh kann uns in dieser Hinsicht eine heilsame Lehre geben. Zuerst nimmt es emsig das erfrischende Futter zu sich und dann legt es sich ruhig nieder, um das Genossene wiederzukäuen. Ein schönes Bild von einem Christen, der sich von dem köstlichen Inhalt des Wortes Gottes nährt und ihn dann innerlich verdaut! Möchte dies doch mehr unter uns gefunden werden! Wäre es mehr unsere Gewohnheit, uns mit dem Wort als der nötigen Speise unserer Seelen zu beschäftigen, so würden wir uns sicher in einem weit kräftigeren und gesunderen Zustand befinden. Hüten wir uns, die Bibel zu lesen als eine kalte Pflicht oder als ein Stück religiöser Gewohnheit.

Dieselbe Vorsicht ist auch in Bezug auf die Verkündigung des Wortes nötig. Möchten doch alle, die die Schrift anderen auslegen, zunächst sich selbst von ihr nähren und sie gründlich verdauen! Möchten sie sie im Verborgenen lesen und wiederkäuen, und zwar nicht für andere, sondern für sich selbst! Es ist eine armselige Sache, beständig anderen Speise bringen zu wollen und selbst vor Hunger umzukommen. Andererseits mögen diejenigen, die der öffentlichen Verkündigung des Wortes beiwohnen, darauf achten, dass sie es nicht mechanisch, bloß aus religiöser Gewohnheit tun, sondern vielmehr mit dem ernsten Verlangen, das, was sie hören, auch in sich aufzunehmen, zu bewahren und zu verdauen. Dann wird sowohl bei dem, der das Wort bringt als bei dem, der es hört, das geistliche Leben genährt und gepflegt, und der Weg wird zur Ehre Christi gereichen.

Das innere Leben und der Wandel nach außen

Doch vergessen wir nicht, dass das Wiederkäuen niemals von den gespaltenen Hufen getrennt werden darf. Wenn jemand, nur zum Teil vertraut mit dem „Handbuch des Priesters“ und unbewandert in dem göttlichen Zeremonialgesetz, ein Tier wiederkäuen gesehen hätte, so hätte er es vielleicht als rein bezeichnet. Und doch wäre das möglicherweise ein ernster Irrtum gewesen. Eine sorgfältigere Beachtung der göttlichen Unterweisung würde ihm sogleich gezeigt haben, dass er den Gang des Tieres, den durch jede Bewegung bewirkten Eindruck zu beachten und die Wirkung der „gespaltenen Hufe“ abzuwarten hatte. „Nur diese sollt ihr nicht essen von den wiederkäuenden Tieren und von denen, die gespaltene Hufe haben: das Kamel, denn es käut wieder, aber es hat keine gespaltenen Hufe: Unrein soll es euch sein“ usw. (V. 4–6).

Ebenso waren die gespaltenen Hufe ungenügend, wenn das Tier nicht gleichzeitig Wiederkäuer war. „Das Schwein, denn es hat gespaltene Hufe, und zwar ganz gespaltene Hufe, aber es käut nicht wieder: Unrein soll es euch sein“ (V. 7). Mit einem Wort, diese beiden Merkmale gehörten bei jedem reinen Tier zusammen. Das ist für die geistliche Anwendung und in praktischer Hinsicht von Bedeutung. Das innere Leben und der äußere Wandel müssen miteinander im Einklang stehen. Jemand mag bekennen, dass er das Wort Gottes als die Speise seiner Seele liebt und sich von ihm nährt, dass er es erforscht und darüber nachsinnt, aber wenn sein Wandel nicht so ist, wie das Wort es erfordert, so ist er unrein. Und andererseits, wenn jemand einen Wandel von pharisäischer Unbescholtenheit zur Schau trägt, dieser Wandel aber nicht der Ausdruck eines verborgenen Lebens mit Gott ist, so ist er wertlos. Der göttliche Grundsatz, sich zu nähren und zu stärken auf der reichen Weide des Wortes Gottes, muss im Innern vorhanden sein, sonst hinterlässt der äußere Wandel keinen klaren Eindruck.

Wir werden hier an eine ernste Stelle im ersten Brief des Apostels Johannes erinnert, wo er uns die beiden Merkmale an die Hand gibt, die uns diejenigen erkennen lassen, die aus Gott sind: „Hieran sind die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels offenbar. Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt“ (1. Joh 3,10). Hier haben wir die beiden großen charakteristischen Kennzeichen des ewigen Lebens, in dessen Besitz alle wahren Gläubigen sind: „Gerechtigkeit“ und „Liebe“. Das Äußere und das Innere, beides gehört zusammen. Wenn das, was Liebe genannt wird, nicht Hand in Hand geht mit praktischer Gerechtigkeit, so ist es nur ein weichlicher und oberflächlicher Gemütszustand, der alle Arten von Sünde und Irrtum duldet. Und wenn das, was Gerechtigkeit genannt wird, nicht mit Liebe verbunden ist, so wird man einem stolzen, selbstgefälligen Seelenzustand begegnen, der auf dem armseligen Boden des eigenen guten Rufes basiert. Aber wo das göttliche Leben in Kraft wirkt, da wird die innere Liebe auch stets mit praktischer Gerechtigkeit verbunden sein. Diese beiden Elemente sind notwendig zur Bildung des wahren christlichen Charakters. Die Liebe muss vorhanden sein, die der schwächsten Offenbarung dessen, was aus Gott ist, entgegenkommt und zu gleicher Zeit eine Heiligkeit, die mit tiefem Abscheu vor allem, was aus dem Teufel ist, zurückschreckt.

Tiere, die im Wasser leben

Wir wollen jetzt betrachten, was uns in dem levitischen Zeremoniell von dem, „was im Wasser ist“, gesagt wird. Auch hier finden wir ein doppeltes Kennzeichen. „Dies dürft ihr essen von allem, was im Wasser ist: Alles, was Flossen und Schuppen hat im Wasser, in den Meeren und in den Flüssen, das dürft ihr essen; aber alles, was keine Flossen und Schuppen hat in den Meeren und in den Flüssen, von allem Gewimmel des Wassers und von jedem lebendigen Wesen, das im Wasser ist, sie sollen euch ein Gräuel sein“ (V. 9.10). Zwei Dinge waren also zur Reinheit eines Fisches nötig: „Flossen und Schuppen“. Sie stellen augenscheinlich eine gewisse Tauglichkeit für den Bereich dar, in dem sich das betreffende Geschöpf zu bewegen hatte.

Doch das ist ohne Zweifel nicht alles. Ich glaube, dass es unser Vorrecht ist, in den natürlichen Eigenheiten, die Gott diesen im Wasser lebenden Geschöpfen geschenkt hat, gewisse geistliche Eigenschaften zu erkennen, die dem christlichen Leben eigen sind. Wenn ein Fisch „Flossen“ nötig hat, um durch das Wasser schwimmen, und „Schuppen“, um seiner Wirkung widerstehen zu können, so bedarf auch der Gläubige jener geistlichen Fähigkeit, die ihn in den Stand setzt, die ihn umringende Welt zu durchschreiten und zugleich ihrem Einfluss Widerstand zu bieten, ihr Eindringen zu verhindern. Das sind wertvolle Eigenschaften. Die Flossen und Schuppen sind also von tiefer Bedeutung und enthalten eine Fülle von praktischer Belehrung für den Christen. Sie erinnern uns in bildlicher Sprache an zwei Dinge, die uns in ganz besonderer Weise Not tun, nämlich an die geistliche Energie, die wir brauchen, um uns in dem Element, das uns umgibt, vorwärtszubewegen, und an die Kraft, mit der wir gegen den Einfluss dieser bösen Welt gewappnet sein sollten. Das ganze Betragen eines Christen muss den Beweis liefern, dass er hier nur ein Gast und ein Fremder ist. „Vorwärts!“ muss seine Losung lauten: immer und nur „vorwärts!“. Mögen sein Platz und seine Umstände sein, wie sie wollen, er hat sein Auge auf ein Vaterland jenseits dieser vergänglichen Welt zu richten. Er ist durch die Gnade mit der geistlichen Fähigkeit ausgerüstet, sich vorwärtszubewegen, energisch durch alles hindurchzudringen und durch eine himmlische Gesinnung Gott zu verherrlichen. Und während er so mit festem Tritt seinen Weg fortsetzt zum Himmel, hat er sein Inneres ringsum in einem guten Verteidigungszustand zu erhalten und gegen alle äußeren Einflüsse abzusichern.

Die Vögel

Die Verse 13–25 enthalten das Gesetz betreffs der Vögel und des geflügelten Gewürms. Alle fleischfressenden Vogelarten und die gefräßigen Vögel, die alles verschlingen, was sie finden, sowie die Tiere, die sich wohl in die Luft emporzuschwingen vermögen, sich aber trotzdem auf der Erde bewegen, waren unrein. Wenn es auch bei Letzteren einige Ausnahmen gab (V. 21.22), so war doch die allgemeine Regel, der feststehende Grundsatz deutlich. „Alles geflügelte Gewimmel, das auf Vieren geht, soll euch ein Gräuel sein“ (V. 20). Die Belehrung, die für uns in diesem allem liegt, ist einfach. Wir können in den Gewohnheiten dieser drei Tierarten die Ursache ihrer Unreinheit erkennen, aber auch eine Darstellung dessen, wovor der wahre Christ sich hüten muss. Er ist berufen, alles abzuweisen, was aus der fleischlichen Natur kommt. Überdies darf er nicht alles ohne Unterschied genießen, was sich ihm auf dem Weg darbietet. Er muss jede Sache nach ihrem Charakter prüfen. Er muss achthaben auf das, was er hört. Man erwartet von ihm ein geistliches Urteil und einen himmlischen Sinn. Endlich muss er die Flügel des Glaubens gebrauchen und seinen Platz da einnehmen, wo seine Heimat ist. Mit einem Wort, bei einem Christen sollte sich nichts Kriechendes, nichts Vermengtes, nichts Unreines vorfinden.

Kriechtiere

In Bezug auf das „Gewimmel“ lautete die Bestimmung: „Alles Gewimmel, das auf der Erde wimmelt, ist ein Gräuel; es soll nicht gegessen werden“ (V. 41). Wie bewundernswert ist die Gnade des HERRN. Er lässt sich herab, um bezüglich eines kriechenden Tieres seine Vorschriften zu geben. Er wollte sein Volk selbst in der unbedeutendsten Sache nicht in Ungewissheit lassen. Er wünschte es rein zu erhalten von jeder Befleckung, die durch die Berührung mit unreinen Dingen entstehen musste. Die Kinder Israel gehörten sich selbst nicht mehr an, und darum konnten sie nicht tun, was ihnen beliebte. Sie waren das Eigentum des HERRN. Sein Name wurde über ihnen angerufen. Sie waren mit ihm einsgemacht. Sein Wort war ihr Führer, die Richtschnur, nach der alles geregelt werden musste. Aus ihm lernten sie Gottes Gedanken über die Verwendbarkeit der vierfüßigen Tiere, der Fische, der Vögel und des Gewürms kennen. Sie durften sich in diesen Dingen weder durch ihre eigenen Gedanken noch durch ihre Vernunft noch durch die Eingebungen ihrer Fantasie leiten lassen. Das Wort Gottes musste ihre einzige Richtschnur sein. Andere Völker mochten essen, was ihnen gefiel. Aber Israel hatte das Vorrecht, nur das zu essen, was dem HERRN gefiel.

Die Heiligkeit Gottes und die Heiligkeit des Gläubigen

Doch nicht nur bezüglich des Essens wurde das Volk Gottes so sorgfältig vor Unreinem bewahrt. Schon bloßes Anrühren war verboten (siehe V. 8.24.26–28.31–40). Es war für ein Glied Israels unmöglich, etwas Unreines zu berühren, ohne sich zu beflecken. Dieser Grundsatz wird sowohl im Gesetz als auch in den Propheten ausführlich entwickelt (vgl. Hag 2,11–13). Der HERR wollte, dass sein Volk in allem heilig ist. Sie durften Unreines weder essen noch anrühren. „Macht euch selbst nicht zum Gräuel durch alles kriechende Gewimmel, und verunreinigt euch nicht durch sie, so dass ihr dadurch unrein werdet“ (V. 43). Und dann folgt die ernste, überwältigende Begründung für diese sorgfältige Absonderung: „Denn ich bin der HERR, euer Gott; so heiligt euch und seid heilig, denn ich bin heilig. Und ihr sollt euch selbst nicht verunreinigen durch alles Gewimmel, das sich auf der Erde regt. Denn ich bin der HERR, der euch aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat, um euer Gott zu sein: So seid heilig, denn ich bin heilig“ (V. 44.45).

Man sieht deutlich, dass die persönliche Heiligkeit des Volkes Gottes sowie seine totale Absonderung von allem Unreinen aus seinem Verhältnis zu dem HERRN und nicht aus dem Grundsatz entspringt „Bleib für dich und nahe mir nicht, denn ich bin dir heilig!“ (Jes 65,5). Nein, es heißt einfach: „Gott ist heilig“, und darum müssen alle, die mit ihm in Verbindung gebracht sind, ebenfalls heilig sein. Es ist in jeder Beziehung Gottes würdig, dass sein Volk heilig ist. „Deine Zeugnisse sind sehr zuverlässig. Deinem Haus geziemt Heiligkeit, HERR, auf immerdar“ (Ps 93,5). Was könnte dem Haus des HERRN anderes geziemen als Heiligkeit? Wenn jemand einen Israeliten jener Tage gefragt hätte: „Warum hast du eine solche Abneigung gegen ein kriechendes Tier?“, so hätte er erwidert: „Der HERR ist heilig und ich bin sein Eigentum. Er hat gesagt: Rühr es nicht an!“ So sollte auch jetzt, wenn ein Christ gefragt wird, weshalb er sich von den mancherlei Dingen fernhält, an denen die Menschen dieser Welt teilnehmen, einfach seine Antwort sein: „Mein Vater ist heilig.“ Das ist die wahre Grundlage persönlicher Heiligkeit. Je mehr wir den göttlichen Charakter betrachten und je mehr wir in Christus durch die Wirkung des Heiligen Geistes in die Kraft unserer Beziehungen zu Gott eintreten, umso heiliger werden wir sein. Es kann in der Stellung der Heiligkeit, in die der Gläubige gebracht ist, keinen Fortschritt geben. Aber in der Verwirklichung und praktischen Darstellung dieser Heiligkeit muss sich ein Fortschritt bemerkbar machen. Diese beiden Dinge dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Alle Gläubigen befinden sich in derselben Stellung der Heiligkeit oder der Heiligung, aber das Maß der Verwirklichung kann sehr verschieden sein. Das ist leicht zu verstehen. Die Stellung ist eine Folge der Tatsache, dass wir Gott nahe gebracht sind durch das Kreuz, während das praktische Maß unserer Heiligkeit davon abhängt, wie nahe wir durch die Kraft des Heiligen Geistes bei ihm bleiben. Nicht dass jemand sich einbilden sollte, einen höheren Grad persönlicher Heiligkeit zu besitzen oder besser zu sein als seine Mitmenschen. Aber wenn Gott in seiner Gnade sich bis zu unserem niedrigen Zustand herablässt und uns, in Verbindung mit Christus, bis zu der heiligen Höhe seiner Gegenwart erhebt, hat Er dann nicht das Recht, zu bestimmen, wie Er uns da haben will, eben weil wir in seine Nähe gebracht sind? Und weiter, sind wir nicht verpflichtet, diese durch ihn bestimmten Charakterzüge aufrechtzuerhalten? Machen wir uns, wenn wir dies tun, einer Anmaßung schuldig? War es eine Anmaßung, wenn ein Israelit sich weigerte, ein „kriechendes Tier“ anzurühren? Nein, es wäre im Gegenteil eine Anmaßung gewesen, wenn er es angerührt hätte. Wohl mochte er nicht imstande sein, einem unbeschnittenen Fremden die Ursache seines Tuns begreiflich und anerkennenswert zu machen, aber das war auch seine Aufgabe nicht. Der HERR hatte gesagt: „Rührt nicht an!“ – nicht weil ein Israelit in sich selbst heiliger als ein Fremder war, sondern weil der HERR heilig und Israel sein Eigentum war. Auge und Herz eines beschnittenen Jüngers waren nötig, um das Reine von dem Unreinen unterscheiden zu können. Ein Fremder kannte keinen Unterschied. So wird es stets sein. Die Weisheit kann nur von ihren Kindern gerechtfertigt und in ihren himmlischen Wegen gebilligt werden.

Von alten Anordnungen zu neuen Weiten

Bevor wir die Betrachtung unseres Kapitels schließen, möchten wir noch zum Vergleich Apostelgeschichte 10,11–16 anführen. Wie seltsam muss es einem Mann, der von frühester Jugend an in den mosaischen Gebräuchen unterwiesen worden war, vorgekommen sein, ein Gefäß aus dem Himmel herabkommen zu sehen, in „dem allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde waren und Vögel des Himmels“, und wie wunderbar muss ihn die Stimme berührt haben, die ihm zurief: „Steh auf, Petrus, schlachte und iss!“ Von gespaltenen Hufen und anderen Merkmalen war keine Rede. Das war jetzt nicht mehr nötig. Das Gefäß war mit seinem Inhalt aus dem Himmel gekommen. Das war genug.

Der Jude mochte sich in die engen Grenzen des jüdischen Zeremonialgesetzes einschließen und ausrufen: „Keineswegs, Herr! Denn niemals habe ich irgendetwas Gemeines oder Unreines gegessen“, aber der Strom der göttlichen Gnade ergoss sich jetzt über alle diese Schranken hinweg, um in seinen gewaltigen Bereich „allerlei“ Gegenstände einzuschließen und sie in der Kraft der kostbaren Worte „Was Gott gereinigt hat, halte du nicht für gemein!“ gen Himmel emporzutragen. Wenn Gott gereinigt hatte, so war es ohne Bedeutung, was in dem Gefäß war. Derselbe Gott, der das dritte Buch Mose gegeben hatte, war bemüht, die Gedanken seines Dieners über die durch dieses Buch errichteten Schranken hinaus bis zu der Herrlichkeit der himmlischen Gnade zu erheben. Er wollte ihn belehren, dass die wahre, durch den Himmel geforderte Reinheit nichts mehr mit Wiederkäuen und gespaltenen Hufen oder mit anderen zeremoniellen Merkmalen zu schaffen hat. Sie besteht in dem Gewaschensein durch das Blut des Lammes, das von aller Sünde reinigt und jeden Gläubigen rein genug macht, um den Boden der himmlischen Höfe betreten zu können.

Das war eine herrliche, aber für einen Juden schwierige Lektion, eine göttliche Unterweisung, vor deren Strahlen die Schatten der alten Haushaltung weichen mussten. Die Hand der unumschränkten Gnade Gottes hatte die Tür des Reiches aufgeschlossen, jedoch nicht um etwas Unreines einzulassen. Das war unmöglich. Nichts Unreines kann in den Himmel eingehen. Aber nun konnte ein gespaltener Huf nicht länger der Prüfstein sein, sondern es handelte sich um das, „was Gott gereinigt hat“. Wenn Gott jemand reinigt, so kann er nicht anders als rein sein. Petrus stand auf dem Punkt, zu den Heiden gesandt zu werden, um ihnen das Reich aufzuschließen, wie er es bereits den Juden aufgeschlossen hatte, und sein jüdisches Herz musste weiter werden. Er musste über die dunklen Schatten eines verflossenen Zeitalters in das Mittagslicht erhoben werden, das kraft des vollbrachten Opfers aus dem geöffneten Himmel hernieder strahlte. Er musste aus dem engen Bett jüdischer Vorurteile herausgenommen und in den mächtigen Gnadenstrom versetzt werden, der sich jetzt in seiner ganzen Fülle über die verlorene Welt ergießen sollte. Auch hatte er zu lernen, dass der Maßstab, an dem wahre Reinheit gemessen werden muss, nicht länger fleischlich und irdisch, sondern geistlich und himmlisch war. Ja, wir können mit Recht sagen, dass es herrliche Lehren waren, die der Apostel der Beschneidung auf dem Hausdach Simons, des Gerbers, zu lernen hatte. Sie waren geeignet, ein Herz, das inmitten der einschränkenden Einflüsse des jüdischen Systems erzogen worden war, weit zu machen und zu erheben. Wir preisen den Herrn für diese kostbaren Unterweisungen. Wir preisen ihn für den weiten und reichen Platz, auf den Er uns durch das Blut Christi gestellt hat. Wir preisen ihn, dass wir nicht länger eingeengt sind durch ein „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht“ (Kol 2,21), sondern dass, wie sein Wort uns versichert, „jedes Geschöpf Gottes gut und nichts verwerflich ist, wenn es mit Danksagung genommen wird; denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch Gebet“ (1. Tim 4,4.5).

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