Die Feste des Herrn im Lichte des Evangeliums

Das Jubeljahr

Die Feste des Herrn im Lichte des Evangeliums

Wir kommen nun zu einem neuen Gegenstand in Verbindung mit dem großen Versöhnungstage.

Sehr schön und wichtig ist nämlich der Umstand, der vielfach selbst von gläubigen Lesern der Heiligen Schrift übersehen wird, dass im engen Anschluss an den großen Versöhnungstag in Israel das herrliche Hall- und Jubeljahr gefeiert wurde.

Es kehrte alle fünfzig Jahre wieder. Wir lesen darüber: „Und du sollst dir sieben Jahrsabbate 1 zählen, siebenmal sieben Jahre, so dass die Tage von sieben Jahrsabbaten dir 49 Jahre ausmachen. Und du sollst im siebenten Monat, am zehnten des Monats, den Posaunenschall ergehen lassen; an dem Versöhnungstage sollt ihr die Posaune ergehen lassen durch euer ganzes Land. Und ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Lande Freiheit ausrufen für alle seine Bewohner. Ein Jubeljahr soll es euch sein, und ihr werdet ein jeder wieder zu seinem Eigentum kommen, und ein jeder zurückkehren zu seinem Geschlecht. [...] Und wenn dein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, [...] wie ein Tagelöhner, wie ein Beisasse soll er bei dir sein; bis zum Jubeljahr soll er bei dir dienen. Dann soll er frei von dir ausgehen, er und seine Kinder mit ihm, und zu seinem Geschlecht zurückkehren und wieder zu dem Eigentum seiner Väter kommen“ (3. Mo 25,8-10.39-41).

Wie freundlich, gnädig und barmherzig ist doch Gott, und wie gesegnet sind seine Belehrungen! Der Leser versetze sich im Geiste in eine arme jüdische Familie in jener Zeit kurz vor dem Hall- und Jubeljahr. Seit Jahren war hier Armut eingekehrt, und es fehlte gar der Ernährer, der Sohn oder der Vater des Hauses. Er hatte sich infolge der Armut, die etwa durch Krankheit oder Misswuchs entstanden war, als Knecht verkaufen müssen. Wie trauerten die Angehörigen um ihn!

Aber es nahte ja das herrliche Hall- und Jubeljahr; der große Versöhnungstag war vor der Tür, war sieben mal siebenmal gefeiert worden. Und auf Grund dieses nun vollkommenen Vorbildes von dem kommenden herrlichen Opfer von Golgatha konnte das Hall- und Jubeljahr kommen, das herrliche Vorbild von dem „angenehmen Jahr des Herrn“, in welchem auch wir heute noch leben.

Wenn nun zum 49. Male das Blut des Sündopfers für Jehova ins Allerheiligste gebracht und alle Sünden auf den anderen Bock gelegt und gleichsam für immer fortgetragen worden waren, dann setzte der Hohepriester auf den Stufen des Tempels zu Jerusalem die silberne Posaune an den Mund und verkündete die lang ersehnte Zeit der Gnade und des Friedens. Und bald pflanzte sich der Hall- und Jubelton der Posaune fort von Ort zu Ort durchs ganze Land.

Nun öffneten sich die Tore und Türen, und hervor kamen freudestrahlend die Armen und Gebundenen, um zurückzukehren zum verlassenen Eigentum, zum verwaisten eigenen Herd und Heim, zu Haus und Hof und den geliebten Angehörigen.

So kostbar und schön diese Einrichtung des gnadenvollen Gottes in Israel schon war und vor allem einst für Israel werden wird, wenn die Decke des Unglaubens von seinen Augen gefallen ist und es den großen Versöhnungstag von Golgatha erkennt, so gewinnt sie doch für uns erst ihre Bedeutung, wenn wir bedenken, dass sie ein Vorbild ist von der großen Befreiung, die Jesus Christus für arme, gebundene Sünder auch für diese Zeit und alle Völker bewirkt hat. Für Israel als Nation wird diese Befreiung erst nach seiner Umkehr kommen. Mit dem so oft in Gottes Wort verheißenen herrlichen Tausendjährigen Friedensreiche bricht für das alte Bundesvolk Gottes das große Hall- und Jubeljahr an mit seinen reichen Segnungen, mit Macht und Pracht auf dieser Erde.

Wie herrlich ist die Schilderung, welche uns der Geist Gottes durch die Propheten von dieser Segenszeit gibt in Jes 11,5-10; 12.35.60  bis zum Schluss; in Hes 47; Sach 8,12; 14,8-11; Amos 9,13-15; Joel 2,21-32; 3,18-21; Mich 4 und anderen Stellen!

Für alle Menschen aber, ohne Unterschied, hat Gottes großes Hall- und Jubeljahr im geistlichen Sinne bereits längst begonnen auf Grund der am Kreuze geschehenen Versöhnung. Seit Jesus Christus, der große „Mittler zwischen Gott und Menschen“, sein Blut auf Golgatha für uns vergossen hat und in seiner Kraft ins Allerheiligste droben für uns eingegangen ist, da er eine ewige Erlösung vollbracht, hat Gottes Hall- und Jubeljahr, d.h. „die Zeit der Annehmung“, der „Tag des Heils“, auf Erden begonnen. Die silbernen Posaunen des Evangeliums, der guten Botschaft des Heils und Friedens von Jesus, ertönten durchs ganze Land, durch alle Welt. Sie verkündigen und bringen Befreiung aus Satans Sklaverei und aus der Sünde Macht, sie sprechen von Frieden mit Gott, von Heil und ewigem Leben. Frei und umsonst gibt Gott nun ewige Güter und Segnungen, ja seine ewige Herrlichkeit auf Grund des Erlösungstodes Jesu Christi, seines Sohnes, allen, die sich vor ihm beugen und der Gnadenbotschaft Gottes glauben.

Ja, die herrliche Gnadenzeit, in der wir leben, ist in gewissem Sinne „das angenehme Jahr des Herrn“, von dem der Prophet Jesaja in Kapitel 61 geweissagt hat, nachdem er kurz zuvor, im 53. Kapitel, wie uns von Jugend auf bekannt, so klar und ergreifend von den Leiden und dem Opfertode des Erlösers geredet hat. Und dieses „angenehme Jahr des Herrn“ ist wiederum nichts anderes als Gottes Hall- und Jubeljahr, das dem großen Versöhnungstage unmittelbar folgte, wie wir oben sahen.

Der Prophet Jesaja legt in Kapitel 61 durch den Heiligen Geist dem Herrn Jesus die kostbaren Worte in den Mund:

„Der Geist des Herrn, Jehova, ist auf mir, weil Jehova mich gesalbt hat, um den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, um zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen, und Öffnung des Kerkers den Gebundenen; um auszurufen das Jahr der Annehmung Jehovas“ (Jes 61,1.2); das ist im ursprünglichen Sinne die Botschaft des Reiches.

Dieses herrliche Wort des Propheten las Jesus Christus in der Synagoge zu Nazareth der Menge vor und brach dann bezeichnenderweise an diesem Worte mitten im Satz ab 2 (vgl. Lk 4,18.19 mit Jes 61,1-3!). Hier schloss der Herr die Buchrolle und fügte hinzu: „Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt.“ Er, der wahre Knecht Jehovas, der Erfüller aller seiner Ratschlüsse, war gekommen, von Gott in diese Welt gesandt, um die schuldigen, verlorenen Menschenkinder aus den Ketten der Sünde zu befreien. Wohl musste er, wenn dies geschehen sollte, sich selbst in den Tod geben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, aber er war auch bereit dazu; ja er war „gekommen, um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“. Und schon sah er, als er dort in Nazareth jene Worte des Propheten vorlas, im Geiste das Werk vollendet, das er am Kreuze vollbringen sollte.

Nachdem der Herr der Herrlichkeit dann später für Sünder gestorben und von Gott auferweckt und im Himmel verherrlicht worden war, da schreibt der Apostel im Heiligen Geiste: „Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2. Kor 6,2). Und diese Zeit der Annehmung, dieses „angenehme Jahr des Herrn“ hat bis heute gewährt. In der ganzen Welt soll jetzt das Hall- und Jubeljahr, die große Rettung, Erlösung und Befreiung durch Jesus Christus, ausgerufen werden. So befahl er selbst nach seiner Auferstehung: „Gehet hin in die ganze Welt, und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15).

Schon nahezu 2000 Jahre tönen die Hall- und Jubelposaunen in der Welt unter allen Völkern der Erde, und besonders laut in unseren Tagen. „Ihr Schall ist ausgegangen zu der ganzen Erde, und ihre Reden zu den Grenzen des Erdkreises“ (Rö 10,18). Millionen und aber Millionen haben den Schall der silbernen Posaunen, d.h. die frohe Gnadenbotschaft von Gottes großem, freiem und ewigem Heil durch Christus gehört, Tausende und aber Tausende haben sie in Heilsverlangen und lebendigem Glauben aufgenommen und sind herausgekommen aus Finsternis und Sündenknechtschaft zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Sie haben das Joch der Sünde und Satans abgeworfen, haben ihre Gefängnisse verlassen und erfreuen sich nun des Lichts, wandeln in der glückseligen Freiheit, für welche Christus sie freigemacht hat.

O Gnade, welche alle Sünden
durch Christi Blut jetzt tilgen kann,
und lässt nun allerorts verkünden
Vergebung, Frieden jedermann.
Das ew'ge Heil ist jetzt bereit,
o wunderbare Gnadenzeit!

Lieber Leser, es ist in der Tat eine wunderbare Gnadenzeit! Ach, dass sich nicht alle an diesem Tage des Heils zum Herrn wenden wollen! Könnte man sich denken, dass ein armer, zum Sklaven verkaufter Israelit, wenn das Jubeljahr angebrochen war und die Hallposaunen ertönten, ruhig in seiner Knechtschaft verblieben wäre und die liebliche Befreiung und Rückkehr in die Heimat ausgeschlagen hätte? Würde er wohl den harten Dienst in der Fremde der glücklichen Freiheit und dem eigenen Besitz inmitten seiner geliebten Familie vorgezogen haben? Und doch sehen wir rings um uns her Tausende, die eine ähnliche, nur noch viel größere Torheit begehen zu ihrem Verderben; sie hören wohl die frohe Kunde, dass Gott also die Welt geliebt hat, „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“, aber sie gehen mit Herzen des Unglaubens und der Bitterkeit, unbesorgt um ihr ewiges Heil, auf der breiten Straße der Sünde und des Todes voran. Möchten sie doch bedenken, was zu ihrem Frieden dient; möchten sie auf die Warnung achten, die der Schreiber des Hebräerbriefs, worin wir Gottes herrliche Erfüllung der Opfer vom großen Versöhnungstage entfaltet sehen, allen in feierlichem Ernst zuruft: „Wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?“ (Heb 2,3)! Ach, auf diese ernste Frage gibt es keine Antwort, es sei denn Gottes gerechtes und ewiges Gericht.

Bald, wie alle Zeichen der Zeit verkünden, wie Gottes Wort und Geist uns sagt, wird Gottes frohe Botschaft nicht mehr hier gepredigt werden. Die Gnadensonne sinkt; und es kommt die Nacht der antichristlichen Drangsalszeit, in welcher Gott allen, also gerade der bekennenden Christenheit, soweit sie nicht geglaubt, kräftige Irrtümer senden wird, damit sie der Lüge glauben (2. Thes 2, 7-12). Der Herr aber wird zuvor den Tempel aus lebendigen Steinen, seine Kirche oder Gemeinde, die seine Braut und Fülle ist, zu sich entrücken und dann sein irdisches Volk zurückkehren lassen in das Land der Väter und aus seinem Volke einen „Überrest“ erretten. Dort in Zion, auf Morijas Höhen, in Jerusalem, wird dann wieder Gottes Tempel stehen und des wahren Davids Thron. Doch davon reden wir gleich beim Laubhüttenfest. Nur noch einmal sei hier gesagt, dass dann für Israel als Nation erst das große Hall- und Jubeljahr beginnt auf Grund der Bekehrung zu Christus, dem Erlöser, der den großen Versöhnungstag auch für sie am Kreuze von Golgatha begangen und erfüllt hat.

Wie einst im Alten Bunde am großen Versöhnungstage drei Dinge miteinander verbunden waren: Versöhnung, Kasteiung und Ruhe (3. Mo 23,26-32), so wird es auch dann bei Israel sein. Es werden Kasteiung (die Seelenbetrübnis) und der Glaube an den gekreuzigten Versöhner zusammen gehen (Sach 12,10), und der tausendjährige „Sabbat der Ruhe“ wird beginnen.

Dieselben drei Dinge: Versöhnung, Kasteiung (Buße und Seelenbetrübnis) mit darauf folgender Ruhe des Gewissens und Herzens in dem Herrn Jesus hat Gott auch für uns miteinander verbunden, wie alle gläubigen Christen dies aus Erfahrung wohl wissen. Aber in ihrer Ruhe dienen sie Gott und beten Ihn an und den Erlöser.

Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm
sei Dir, o Gott, im Heiligtum
für Deine viele Liebe,
die Du entgegen uns gebracht,
als wir in tiefer Sündennacht
im Tod gefangen lagen!
Reich bist Du an Barmherzigkeit,
dein Lieben übersteiget weit
all Denken und Erkennen.

Du wolltest nicht des Sünders Tod,
Du wolltest als der Heiland-Gott
uns Heil und Leben bringen.
In dem Geliebten auserwählt,
hast Du uns vor dich hingestellt
als Kinder deiner Liebe.
O Abba, Vater, welch ein Glück!
In ihm begnadigt, ruht Dein Blick
auf uns mit Wohlgefallen.

Bald werden wir vor deinem Thron
dir, unserm Vater, und dem Sohn
ein ew'ges Loblied singen.
Dann wird das Lob ein volles sein,
wenn alle Kreatur stimmt ein
in der Erlösten Chöre.
Doch sei auch jetzt in dieser Zeit
Anbetung, Lob und Dank geweiht
dir, Vater, und dem Lamme!

Fußnoten

  • 1 Über die Jahrsabbate, die alle sieben Jahre wiederkehrten und „Ruhejahre für das Land“ waren, siehe 3. Mo 25,1-7.
  • 2 Das, was folgte: „Der Tag der Rache“, ist noch hinausgeschoben, bis die „Vollzahl der Nationen“ die Gnade Gottes und sein Heil durch die Posaune des Evangeliums gehört und auch angenommen hat. Solcher Stellen mit nur teilweiser Anführung von Weissagungen haben wir mehrere im Neuen Testamente: Vergleiche sorgfältig Apg 2,17-21 mit Joel 2,28-32; Röm 10,15 mit Jes 52,7; 1. Pet 3,10-12 mit Ps 34,12-16! Man sieht daraus, wie der Heilige Geist auch die Apostel leitete bei der Anführung der Weissagungen aus dem Alten Testament, dass sie nur den Teil anführten, der jetzt erfüllt wird, und vor dem folgenden Teil, der erst nach der gegenwärtigen Zeit für Israel erfüllt werden wird, mitten im Satz abbrachen. - So sind auch Gottes Wege mit seinem Volke Israel jetzt abgebrochen; und gegenwärtig haben wir eine eingeschaltete Zeit, da Gott aus allen Völkern der Erde seinem Sohne eine himmlische Braut sammelt, die Kirche oder Gemeinde (Versammlung). Von dieser Zeit einer Sammlung der Gläubigen - der Kirche - als einem früher verborgenen „Geheimnis“ redet der Apostel Paulus oft (Kol 1 26.27; Eph. 3; Röm. 16,25.26).
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