Alles in Christus
Botschafter des Heils in Christo 1859

Alles in Christus (1)

„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig; und ihr seid vollendet in ihm“ (Kol 2,9.10).

Es ist immer eine sehr köstliche und gesegnete Sache, Christus und die in Ihm wohnende Fülle zu betrachten und zu erforschen – köstlich für unsere Herzen und gesegnet für unseren Lebensweg hier auf der Erde. Christus ist der Mittelpunkt aller Gedanken und Ratschlüsse Gottes, und der Ausgangspunkt aller seiner Segnungen für uns. Welch ein Reichtum und welch eine Tiefe liegt schon in den wenigen Worten, die wir in Kolosser 1,14–20 von Ihm lesen!

„In dem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden; der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn. Und er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, der der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes–, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln“ (Kol 1,14–20).

Doch, wer ist im Stand, auch nur annähernd den Reichtum dieser Fülle zu erforschen, und wer ist fähig, ihrer Würde gemäß davon zu reden? Ach! Jedes Studium, jede Mitteilung bleibt weit hinter der Wirklichkeit zurück. Doch gibt es keinen Gegenstand, der würdiger wäre, ihn zu erforschen, noch wichtiger, um davon zu reden, als Christus und die in Ihm wohnende Fülle. Und gewiss sind stets die Stunden unseres Lebens die nützlichsten und gesegnetsten, die wir, geleitet durch den Heiligen Geist, der Betrachtung seiner Person und seiner Fülle widmen. Wir finden in Ihm immer neue Lieblichkeiten, immer neue Züge von Gnade und Herrlichkeit. Und je mehr wir davon erkennen, desto gewisser werden auch unsere Herzen, desto fester wird unser Friede, und desto reiner und tiefer unsere Freude sein. Und, was mehr als dies alles ist – es wächst unser Verlangen, Ihn zu erkennen, Ihm zu leben und seinen Namen zu verherrlichen. Was uns aber hierzu fähig macht, ist die Gnade, die wir in Ihm selbst besitzen.

Doch wird es auch nicht ausbleiben, dass je tiefer wir in dieses Heiligtum eindringen, wir desto mehr dessen Unerforschlichkeit einsehen und den Mangel unseres Verständnisses fühlen werden, und dass wir stets bekennen müssen: „Denn wir erkennen stückweise“ (1. Kor 14,9). Selbst Paulus, der reichbegnadigte und erleuchtete Apostel und Diener Jesu Christi, musste dies bekennen; auch er konnte von dieser Fülle nur als von dem „unergründlichen Reichtum des Christus“ reden (Eph 3,8). Er sprach von deren Breite und Länge und Tiefe und Höhe, aber er war nicht im Stand, die eigentlichen Grenzen zu bestimmen. Nirgends konnte sein Auge, so „einfältig“ es auch war, einen Endpunkt erblicken, noch konnte sein geistliches Verständnis die Fülle dieses unendlichen Raumes erfassen. Aber sein Herz hatte einen Ruhepunkt gefunden in der die Erkenntnis übersteigenden Liebe des Christus (vgl. Eph 3,18.19).

Diese Liebe ist sozusagen der Fels in diesem unergründlichen und endlosen Meer, und sie allein kann auch nur für unsere Herzen der wahre und glückselige Ruhepunkt sein, geliebte Brüder. Und es ist ein köstliches und gesegnetes Bewusstsein, dass nicht nur das unser Teil ist, was wir von Christus und seiner Fülle erkennen und begreifen, sondern auch das, was wir noch nicht begreifen. Er selbst ist uns ganz, mit aller in Ihm wohnenden Fülle vom Vater geschenkt. Ein Jeder von uns kann zu ihm sagen: „Du selbst, O Jesu, bist mein, und auch alles, was dein ist, ist mein!“

O, Dank der unergründlichen Gnade und Liebe Gottes, die uns in Ihm so reichlich gesegnet hat! Außer Ihm gibt es nichts mehr, was für uns noch von irgendwelchem Wert sein könnte. Aber in und mit Ihm haben wir alle die unerforschlichen und kostbaren Reichtümer der Schatzkammer Gottes. Deshalb kann auch in Christus allein jedes Bedürfnis des Herzens wirklich befriedigt werden und nur in Ihm jede Frage in Betreff der Gegenwart und der Zukunft eine genügende Antwort finden. Suche ich die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt – und es kann keine andere sein, als die Gerechtigkeit Gottes selbst –, ich finde sie für mich in Christus. „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). Er ist unsere Gerechtigkeit und Er ist unser Friede. Ja, nur auf Ihn kann sowohl unser Friede mit Gott, als auch der Friede unseres Herzens gegründet sein (vgl. Röm 5,1; Joh 14,27; Eph 2,14). Nur dann, wenn ich verstehe, was Er für mich ist, und was ich in Ihm bin, ist mein Herz völlig ruhig und glücklich in der Gegenwart Gottes.

Fragt Jemand: Wo finde ich das Leben? So gibt es nur diese eine Antwort: In Christus, und in Ihm allein. Er selbst sagte zu Martha, deren Bruder Lazarus gestorben war: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (Joh 11,25–26; s.a. Joh 5,21.25; 10,28)

Fragt ein Christ: Wo finde ich Schutz und Stärke, um in dieser feindseligen Welt wandeln zu können? Woher nehme ich Mut und Kraft, um im Kampf gegen die „geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12) zu bestehen? Wohin anders kann er gewiesen werden, als zu Jesus Christus, der als Sieger über alles zur Rechten Gottes sitzt? Der Psalmist singt: „Der Herr ist meine Stärke und mein Schild“ (Ps 28,7) – „Der Herr ist meines Lebens Stärke“ (Ps 27,1). Und Paulus ermahnt: „Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Eph 6,10; s.a. 2. Tim 2,1; Ps 62).

In Christus finde ich inmitten einer eitlen und vergänglichen Welt das, was sicher und ewig bleibend ist. Auf Ihn und sein Werk ist meine Annahme bei Gott und mein Verhältnis zu Ihm unwandelbar fest gegründet. Seine Auferweckung sagt mir, dass ich gerechtfertigt bin. Sein Sitzen zur Rechten des Vaters sichert mir für immer den Gegenstand meiner Hoffnung – die himmlische Herrlichkeit, und seine baldige Ankunft führt mich aus dieser versuchungsreichen Wüste in jene unermessliche Herrlichkeit, wo ich Ihn selbst finden und für immer schauen werde.

So steht denn das ganze Heil unserer Gegenwart und unserer Zukunft mit der Person Christi und seinem Werk im engsten Zusammenhang. Nichts aber finde und besitze ich außer Ihm. Er ist der Mittelpunkt von allem, was wir glauben und was wir zu erwarten haben. Alle die unerforschlichen Reichtümer, alle die unermesslichen Segnungen besitzen wir nur in Ihm, durch Ihn und mit Ihm. Wäre Er nicht da, so würde es auch für uns überall leer und öde sein. Was wir glaubten und was wir hofften, wäre nichts als traurige Einbildung, als ein schöner Traum, dem ein schreckliches Erwachen folgen würde. Wir würden arm und nackt, elend und verloren sein und bleiben. Es gäbe keinen Himmel für uns, und wenn es einen gäbe, so würde er uns wie ein ödes, verlassenes Haus sein. Außer bei Christus finden wir keine Gnade, keine Versöhnung, keine Errettung, keine Befreiung, keine Herrlichkeit. Unsere Stellung vor Gott, unser Verhältnis zu Ihm, unser Wandel mit Ihm, kurz alles steht in der engsten Verbindung mit der Person Christi, und ist völlig davon abhängig. Deshalb kann auch nur Er der höchste und köstlichste Gegenstand aller unserer Gedanken, aller unserer Wünsche und unserer Erwartungen und der wahre Ruheort unserer Herzen sein. In Ihm sind wir geborgen vor den listigen Anläufen Satans und sicher vor seinen Anklagen. In Ihm können wir stets ohne Furcht in der Gegenwart Gottes sein und dessen gesegnete Gemeinschaft genießen. Das Blut des Lammes Gottes hat für immer unser Gewissen von allen Sünden entlastet und gereinigt. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2), sodass wir nicht mehr in Ratlosigkeit des Herzens nötig haben zu fragen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24), sondern wir können freudig antworten: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! (Röm 7,25). Und weil wir Ihn zur Rechten Gottes wissen, brauchen wir nicht mehr mit Furcht und Zweifel zum Himmel aufzuschauen, sondern mit Zuversicht, mit Freude und mit lebendiger Hoffnung. Dort ist jetzt unsere Heimat und unser Vaterhaus, dort schlägt ein Herz voll Liebe für uns, ein Herz, was unsere Ankunft mit sehnlichem Verlangen erwartet und alles für unseren Empfang vorbereitet. O, welch eine Gnade, Ihn zu kennen, Ihn zu besitzen und Ihn zu lieben! Verstehen wir nur ein wenig den Reichtum dieser überschwänglichen Gnade, so werden wir auch die Worte des Paulus verstehen, wenn er sagt: „Ja wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde“ (Phil 3,8.9). Ja, sein herrlicher Name sei gepriesen für immer!

Doch jetzt, meine Brüder, und solange wir hier im Fleisch wandeln, ist unsere Stellung die des Glaubens. Es ist wahr, wir besitzen alles in Christus. Jede Segnung ist uns auch völlig sicher und gewiss, denn wir haben schon das Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit, den heiligen Geist, empfangen. Aber wir können jetzt von allem nur mittels des Glaubens genießen. Der Glaube unterscheidet und charakterisiert den Christen hier auf der Erde. Unter den vielen gesegneten Namen, welche uns das Wort Gottes beilegt, haben wir auch den Namen „Gläubige“ (Apg 2,44) und dieser ist unser Vorrecht, solange wir in dieser Hütte sind. Paulus sagt: „Denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen“ (2. Kor 5,7). Der Glaube ist das Auge, womit wir jetzt die unsichtbaren, himmlischen Dinge erkennen. Er ist die Hand, womit wir sie ergreifen, und der Mund, womit wir sie genießen. Der Glaube hält sich unbedingt an den Gedanken Gottes und lässt sich nicht durch unsere Sinne leiten – nicht durch das, was wir sehen, fühlen und mit der Vernunft begreifen können, noch durch die Umstände und Schwierigkeiten um uns her (vgl. 2. Kor 4,17–18). Das Wort Gottes, und dieses Wort allein, ist die Richtschnur und der Leitstern des Glaubens. „Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht“ (Heb 11,1). Er verwirklicht nicht das, was nicht ist, sondern das, was in der Tat ist, verwirklicht er in unserem ganzen Leben und Wandel. Er richtet unverwandt unsere Blicke auf Christus, weil Er der Mittelpunkt aller Gedanken und Ratschlüsse Gottes ist. Er lässt uns in Ihm ruhen, weil Er der Gegenstand des Wohlgefallens Gottes ist, weil in Ihm alle Verheißungen Ja und Amen sind, und weil Gott alle Ehre und alle Segnungen für uns auf Ihn gelegt hat. Dies alles ist nicht nur dann wahr, wenn wir es glauben, sondern es ist völlig wahr in Gott, und darum sind wir aufgefordert, es zu glauben, und mittels des Glaubens ebenso über Christus und seine Fülle, ja über alle die irdischen und himmlischen Dinge zu denken und zu urteilen, wie Gott selbst es tut.

Dies zu verstehen und zu verwirklichen ist für unseren Wandel von der höchsten Wichtigkeit. Wenn ein Christ durch das Gefühl seiner Ohnmacht, Schwachheit und Armut niedergedrückt, oder durch die Umstände, durch die Sorgen dieses Lebens usw. beunruhigt wird, so ist der Glaube nicht wirksam in ihm. Sein Urteil wird durch das geleitet, was er fühlt und sieht, und das ist nicht der Glaube, der in Christus alle Fülle besitzt.

Angenommen, ein Hungriger würde an eine reich besetzte Tafel geführt, um sich zu sättigen. Er aber, anstatt dieses zu tun, spräche und klagte mir über seinen Hunger. Gewiss, sein Hunger würde bleiben, aber nicht darum, weil es an Speise fehlte, sondern, weil er keinen Gebrauch davon machte.

Oder wenn ein Armer zwischen Haufen von Gold geführt würde, um sich in Fülle davon zu nehmen, würde er nicht inmitten dieser Haufen ein armer Mann bleiben, wenn er keine Hand ausstreckte, um von den ihm geschenkten Schätzen zu nehmen und zu gebrauchen?

So hat auch der Gläubige alle Fülle in Christus, und ist oft ermahnt und ermuntert, aus dieser unermesslichen Vorratskammer reichlich zu nehmen. Er kann es aber nur mittels des Glaubens, und wenn er diese Hand nicht ausstreckt und nimmt und genießt, oder wenn er sich, anstatt durch das untrügliche Wort Gottes, durch seine eigenen armseligen Gedanken, die stets am Sichtbaren kleben, leiten lässt, so wird er trotz aller, ihm in Christus geschenkten Fülle sich matt, elend und arm fühlen.

Lasst uns dies, geliebte Brüder, wohl betrachten und tief in unsere Herzen einprägen: Nie stellt uns das Wort Gottes das, was von Christus und seiner Fülle in uns verwirklicht ist – das, was wir in uns sehen oder fühlen – als unseren Reichtum, als unsere Kraft und als den Gegenstand unserer Freude dar, auch wenn es wahr ist, dass wir jetzt von Christus und seiner Fülle nur so viel genießen, wie wir durch den Heiligen Geist erkennen, und wie durch denselben in uns verwirklicht ist. Der Glaube aber sieht den Gegenstand unseres Reichtums, unserer Segnung, unserer Kraft und Freude außer uns, und dieser Gegenstand ist nichts Geringeres als Christus selbst und alle in Ihm wohnende Fülle. Und der Glaube misst alles nach dem Maßstab Gottes – nach seinen Gedanken darüber – er empfängt, was Gott darreicht und wie Er es darreicht, und deshalb täuscht er sich nie. Christus ist für den Glauben ganz und gar das, wozu Er von Gott für uns gemacht ist. Was Gott von Ihm, von seinem Werk und aller in Ihm wohnenden Fülle sagt, ist für den Glauben unumstößliche, untrügliche Wahrheit, wonach Er alle unsere Gedanken und all unser Tun leitet und regiert. Durch den Glauben urteilen wir von Christus: Was Er ist, ist Er für uns, und wir sind in Ihm. Was Er lebt, lebt Er für uns und wir leben in Ihm, und was Er besitzt, besitzt Er für uns und wir besitzen es in Ihm und werden es bald mit Ihm besitzen. Der Unglaube aber, der leitende Grundsatz in den sich selbst betrügenden Kindern dieser Welt, lässt sich durch das Sichtbare, durch das, was nur Schein hat, leiten und regieren. Er vertraut auf das Eitle und Nichtige, und verwirft das, was unsichtbar ist – das Wahre und ewig Bleibende. Der Ungläubige hat stets nur sich selbst zum Mittelpunkt aller seiner Gedanken. Und traurig ist es, wenn die Kinder Gottes mehr oder weniger zu derselben Gesinnung hinabsinken, und deshalb oft viel Unruhe, Furcht und Ungewissheit über sich bringen.

Es ist aber das Wohlgefallen Gottes, dass wir uns allezeit in Christus erfreuen und dass wir in unserem ganzen Wandel verwirklichen, was Er ist, und was wir in Ihm sind und besitzen. Wir vermögen es nur, wenn unsere Blicke allezeit auf Ihn gerichtet bleiben und auf Ihm allein in völliger Gewissheit des Glaubens ruhen. Wir vermögen es nur, wenn wir Ihn mit all der Ehre und der ganzen Fülle, die auf Ihn gelegt ist, aufnehmen und im Glauben besitzen. Dann, und nur dann, wird unser Wandel hier auf der Erde, ein Wandel im Frieden und in Freude, ein Wandel in göttlicher Kraft und in himmlischer Gesinnung sein. Anders aber, wenn nicht allein Christus im Glauben erfasst und angeschaut wird, ist wenigstens in unserem praktischen Leben hier auf der Erde alles verändert. Der Herr selbst aber möge dies durch seinen Geist unseren Herzen recht klar und tief einprägen!

Dies ist aber umso nötiger, meine Brüder, weil Satan mit aller List und Bosheit bemüht ist, unsere Herzen von Christus abzulenken und auf irgendetwas anderes hinzuwenden. Dies war von jeher und zu jeder Zeit seine traurige Beschäftigung. Bald sucht er das vollkommene Werk Christi, bald seinen unerforschlichen Reichtum, und bald seine unwandelbare Gesinnung in Gnade und Liebe gegen uns anzutasten und in unseren Herzen zu schwächen. Sobald er in der Versammlung oder Kirche Eingang gefunden hatte, war es stets sein elendes Trachten, Abfall von der gesunden Lehre des Glaubens und Abfall von Christus selbst zu bewirken. Und ach! In welch einer schrecklichen Ausdehnung ist es ihm gelungen! Wie viele Millionen gibt es, die sich nach dem Namen Christi nennen, die seinen Namen oft im Mund führen, deren Herzen aber ganz entfremdet und fern von ihm sind. Wie unermesslich ist die Zahl derer, die sich nicht scheuen, auf alle Weise, entweder ihre Gleichgültigkeit, oder ihren Hass gegen Ihn an den Tag zu legen! Und wer vermag jene zu zählen, die statt Christus, nur leere Formen und Satzungen als Gegenstand ihres Dienstes und ihrer Verehrung haben, und seinen Namen noch dadurch entweihen, dass sie ihn gebrauchen, um ihrem vergeblichen Dienst Ansehen zu geben! „Die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,5).

Selbst unter den wahren Christen sieht man die Früchte der Bemühungen Satans, und sie werden oft so wenig erkannt und so wenig gefühlt. Nur selten begegnet man einem nüchternen und einfältigen Auge, welches sich vom Geist Gottes und seinem festen und untrüglichen Worte leiten lässt. Bei so vielen ist Christus nicht mehr ein und alles. Das Gefühl der Abhängigkeit ist sehr geschwächt, und deshalb mangelt auch die völlige Unterwürfigkeit in der Furcht Gottes. Man findet wenig Verlangen, wenig Eifer und Liebe, nur Ihm wohlzugefallen, nur Ihm zu dienen und zu leben. Dagegen sieht man oft einen großen Eifer für äußere kirchliche Einrichtungen, Formen und Satzungen. Und dies war es, was Satan in der Versammlung zu Kolossä zu erstreben suchte. Er wollte das innige und unauflösliche Band zwischen Christus, dem verherrlichten Haupt im Himmel, und seiner Versammlung auf der Erde, in den Herzen lockern und ihre Gedanken mit den Elementen der Welt, mit den elenden und dürftigen Satzungen beschäftigen. Und ach! Wir haben nicht viel Licht nötig, um zu erkennen, wie sehr sein Zweck bis zu dieser Zeit hin selbst unter den wahren Gliedern des Leibes Christi erreicht worden ist. Es ist wahr, das Verhältnis selbst kann er nicht antasten, weil es nicht von unserem Wandel abhängig ist, aber er hat das Bewusstsein desselben in den Herzen der Gläubigen geschwächt und das ist Verlust und Schaden genug. Oder ist es etwas Geringes, wenn wir äußeren Formen und Satzungen einen Wert beilegen, als handle es sich um Christus selbst? Wenn wir ihretwegen Brüder ausschließen und gegen sie eifern? Paulus weinte über die Feinde des Kreuzes Christi und es möchte jetzt nicht schwer werden, unter den wahren Christen solche zu finden, die über die Freunde des Kreuzes Christi Tränen vergießen, weil diese nicht auch Freunde der menschlichen Satzungen sind. Der Abfall und der Verfall der Kirche ist völlig offenbar, wenigstens für das einfältige Auge. Ihre große Untreue hat der Wirksamkeit Satans Tür und Tor geöffnet! Möchten wir dies in Demut anerkennen, meine Brüder, und von Herzen zu dem zurückkehren, von dem aller Segen und alle Hilfe kommt, und dem unsere Schuld bekennen, der voll Gnade und Erbarmen ist. Es ist aber völlig umsonst, mit einer Wiederherstellung des Verfalls der Kirche beschäftigt zu sein. Der Mensch, als solcher, hat in seiner ganzen Geschichte auf Erden stets bewiesen, dass er nur fähig ist, von Gott und dem von ihm empfangenen, gesegneten Zustand abzufallen, d. h. insofern es sich um seine Verantwortlichkeit dabei handelt. Ich will hier nur an einige sehr in die Augen fallende Tatsachen erinnern. Betrachten wir den Menschen im Paradies, dann nach der Sintflut, dann in dem von Gott mit Israel auf dem Berg Sinai gestifteten Bund und dann seit Jahrhunderten in der Kirche auf Erden – immer hat er gefehlt, immer verdorben, nie aber ist es seine Sache, das Verlorene oder Verdorbene wieder aufzurichten oder herzustellen. Dies ist allein Sache Gottes.

Die Leitung der Kirche ist nur dem Heiligen Geist anvertraut. Sie ist gefallen, weil sie in ihrer Stellung auf der Erde verantwortlich ist. Wenn nun jetzt der Mensch die gefallene Kirche verbessern und in ihren früheren gesegneten Zustand zurückführen, wenn er ihre Leitung selbst in die Hand nehmen will, wovon zeugt dies anders, als von Unwissenheit oder von Anmaßung oder auch von beidem zugleich? Und was ist es anders, als dieses, wenn er die äußeren Anordnungen des Heiligen Geistes in der Kirche, oder wenn er sogar neue und nach seiner Meinung zeitgemäßere Formen und Einrichtungen unter diesem oder jenem Häuflein Christen eigenmächtig einzuführen sich bemüht! Er mag in seinem Eigendünkel so weit gehen, sich einer solchen Arbeit zu rühmen, wobei das nichts anderes ist, als sich „seines Fleisches rühmen“, und hat sicher nicht das Wohlgefallen Gottes. Der Christ versteht wohl, wie töricht es ist, wenn der gefallene Mensch daran arbeitet, sich zu bessern und sich in seinen ersten Zustand zurückzuführen, und doch versteht er nicht, wie töricht er selbst ist, wenn er sich bemüht, eine gefallene Kirche zu verbessern oder wieder herzustellen, ohne einmal an seine eigene Schuld daran und an seine gänzliche Ohnmacht zu denken! Dieses Bemühen schon ist eine Frucht des allgemeinen Abfalls. Doch wie gesegnet wird es für ihn sein, wenn er sowohl den Verfall der Kirche, als auch sein Unvermögen, denselben zu heilen, demütig anerkennt, und in gläubigem Vertrauen seine Zuflucht zu dem nimmt, dessen Arm nie zu kurz und dessen Gnade und Liebe nie zu schwach ist, um helfen und segnen zu können.

Es ist hier jedoch nicht meine Absicht, in diesen Gegenstand noch weiter einzugehen. Ich wollte nur kurz darauf hinweisen, wie sehr es dem Feind gelungen ist, die Person Christi ganz oder zum Teil in den Hintergrund zu drängen, und das unauflösliche Band der Liebe zwischen Ihm und seiner Versammlung in den Herzen der seinen zu lockern. Doch sucht er nicht nur in Betreff seiner Person, sondern auch in Betreff seines Werkes den Blick des Glaubens zu trüben und zu verdunkeln. Und es ist traurig zu sehen, wie wenig dieses Werk in seiner ganzen Tragweite, in seiner Kraft und Vollgültigkeit erkannt und verstanden wird. Die errettete Seele traut oft weit mehr auf ihre Gefühle, als auf das vollkommene Werk Christi. Die Galater und die Hebräer standen schon, wenn auch aus einem anderen Beweggrund, in Gefahr, den Blick des Glaubens von diesem Werk abzuwenden, und wieder zu den armseligen Satzungen des Fleisches zurückzukehren und auf den Schatten der zukünftigen Güter zu vertrauen. Wie sehr aber war der Apostel bemüht, sie auf diesem Weg aufzuhalten! Und sollte es weniger nötig sein, wenn der Christ auf das schwache, elende Gefühl vertraut? Ein solches Vertrauen macht das Herz unsicher und ungewiss, und entehrt das vollkommene Werk Christi. Unser Friede und unsere Freude, unser Loben und Danken ist dann völlig von unseren Gefühlen abhängig.

Noch weit mehr als die Wahrheit der Rechtfertigung ist die der Befreiung in den Herzen der Christen getrübt und verdunkelt. Viele unter ihnen sind sich ihrer Errettung und ihrer Annahme bei Gott völlig bewusst, und gehen doch stets mit einem unbefreiten Herzen einher. Ja, sie fürchten sogar das Wort „Befreiung“, indem sie es ziemlich gleichbedeutend halten mit Leichtfertigkeit, Hochmut oder gar Ziellosigkeit. Es ist aber auch nicht zu leugnen, dass es oft, selbst unter Christen, eine Freiheit gab, die auf solch einem traurigen und verwerflichen Boden gewachsen war. Doch was kann die Wahrheit dazu, wenn unter ihrem Namen die Lüge einhergeht? Die wirkliche Befreiung eines Christen hat nur ihren Grund in Christus und seinem Werk und hängt auch sehr eng mit einem würdigen Wandel zusammen. Sie zu kennen und im Glauben darin zu stehen, ist deshalb von großer Wichtigkeit. Wo sie mangelt, da mangelt auch die Erkenntnis unserer Stellung vor Gott und unserer Stellung hier auf der Erde. Wir erkennen weder unsere völlige Einheit mit Christus – eins mit Ihm in seinem Tod und eins in seiner Auferstehung – noch vermögen wir, als mit Christus Auferweckte, in Kraft seines Lebens hier auf der Erde zu wandeln. Wir beschäftigen uns stets mit der Ohnmacht und Verderbtheit des Fleisches. Wir gehen mit einem beschwerten und klagenden Herzen einher und verherrlichen auf diese Weise den Namen unseres Gottes und Heilands nicht.

Am meisten aber ist die Erwartung der herrlichen Ankunft Christi zur Aufnahme seiner Versammlung in den Herzen der seinen verschwunden. Und somit ist auch ihr gesegneter Einfluss auf den Wandel und der damit verbundene süße Trost in allen Versuchungen völlig vernichtet. Schon bei der Versammlung der Thessalonicher suchte Satan diese köstliche Wahrheit, die ihnen Freude, Kraft und Ausharren gewährte, aus den Herzen zu verdrängen und suchte an ihre Stelle seine Erscheinung zum Gericht zu setzen. Und man braucht nur die Christen im Allgemeinen über diesen Punkt reden zu hören, so merkt man bald, welch reichlichen Eingang dieser Irrtum gefunden hat. Man spricht von dem Kommen des Herrn Jesus, und verwechselt es immer mit dem „Tag des Herrn“, wo Jesus in seinem Charakter als Richter erscheint. Doch was für ein Trost liegt in dieser Erscheinung? Wenn man nur ein wenig das Wort untersucht und von den Dingen liest, welche diesem Tag voran gehen und welche ihn einführen und begleiten, so kann das Herz, selbst wenn es seine Erscheinung lieb hat, nur mit Angst und Schrecken erfüllt werden, wenn es an dieselbe denkt. Selbst wenn man, wie einige Christen tun, die herrliche Ankunft Christi zur Aufnahme seiner Versammlung zwar festhält, aber doch die Gerichte vor dieselbe bringt, so können wir uns weder ganz der Freude an sein Kommen hingeben, noch haben wir Ihn heute zu erwarten. Die vorhergehenden Gerichte werden immer diese Freude ein wenig trüben. Das Wort spricht nun aber sehr einfach und klar über diese köstliche Wahrheit. Es unterscheidet ganz bestimmt die Ankunft Christi zur Aufnahme seiner Versammlung und den „Tag des Herrn“, seine Erscheinung zum Gericht der Welt. Es redet sehr deutlich von den Umständen, welche jede dieser Tatsachen begleitet und es bezeichnet genau den Charakter derer, welche an dieser Aufnahme teil haben und derer, auf welche die Gerichte fallen werden, so wie auch den Charakter der Gläubigen, welche während dieser Gerichte ihren Aufenthalt auf dieser Erde haben. Sobald aber das Herz von Christus abgewandt ist, sobald das Verhältnis der Versammlung zu Ihm und ihre himmlische Berufung nicht mehr verstanden wird, kommt alles in Verwirrung. Wir verwechseln oft die einfachsten Wahrheiten. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen dem irdischen und himmlischen Volk – Israel und der Kirche – der irdischen und himmlischen Berufung. Wir wenden auf uns an, was Gott auf andere angewandt hat, und vergessen das, was uns zugehört. Wir vergeistigen manche einfachen und klaren Aussprüche, um sie unserer Meinung anzupassen – kurz, wir fallen aus einem Irrtum in den anderen. Sobald wir vergessen haben, was für einen besonderen und gesegneten Platz die Versammlung in der Liebe und dem Herzen Jesu einnimmt, können wir auch nicht mehr verstehen, dass diese Versammlung in Betreff der Zukunft einen besonderen Platz einnehmen wird, und dass sie Erwartungen hat, die nur ihr gehören. Man liest Schriftabschnitte wie Johannes 14,1–3 und 1. Thessalonicher 4,13–18 und denkt nichts dabei, oder man vergeistigt sie. Und es haben sich gar mancherlei Meinungen in Betreff der Zukunft gebildet – Meinungen, denen meist das Wichtigste fehlt: die Übereinstimmung mit dem Wort Gottes – Meinungen, die oft von einem scharfen Verstand, aber von einer schwachen Schriftkenntnis zeugen – Meinungen, die nicht einzig und allein aus der wahren untrüglichen Quelle geschöpft sind. Man trägt oft seine Ansicht in das Wort hinein, und sucht dasselbe danach zu drehen und zu wenden, und bildet nicht jene Ansichten nach diesem Wort. Und dies offenbart jedenfalls ein schwaches Gefühl von der Autorität der heiligen Schrift und ein großes Vertrauen auf sich selbst.

Die am meisten angenommene Meinung ist nun diese, dass die Versammlung durch die Gerichte gehen und dann das 1000-jährige Reich auf Erden bilden wird. Und somit ist ihre Aufnahme in das himmlische Reich gänzlich beseitigt und ihre himmlische Berufung vernichtet. Dem Volk Israel werden aber auch seine bestimmten Verheißungen nicht erfüllt. Der gläubige Überrest hofft umsonst. Ein anderes Volk, die Versammlung, ist an ihre Stelle getreten, und Gottes Treue gegen sein Volk ist in Frage gestellt.

Eine andere sehr verbreitete Meinung ist die, dass das Evangelium nach und nach alles durchdringen und die Welt in ein 1000-jähriges Reich umschaffen werde. Diese Meinung aber schließt die schrecklichen Gerichte aus, welche diesem Reich vorangehen, und welche es einführen sollen. Und glaubt man, dass diese Gerichte nur ein Mittel seien, um dem Evangelium Aufnahme zu verschaffen, so versteht man weder ihre Tragweite, noch ihren Charakter. Und alles, was bei der ersten Meinung beseitigt und in Frage gestellt ist, ist es nicht weniger hier.

Nach einer dritten, von vielen angenommenen Meinung, hat das 1000-jährige Reich schon sein Ende erreicht. Sein Anfang wird in das neunte Jahrhundert unter Kaiser Karl den Großen verlegt. Doch ich frage ganz einfach: War Satan von jener Zeit an bis hierher gebunden, wie es ja nach Offenbarung 20 während des 1000-jährigen Reiches sein wird? War die eigentliche, im Wort Gottes klar bezeichnete Person des Antichristen vor jener Zeit schon vorhanden und wurde sie durch die Erscheinung des Herrn gerichtet (vgl. 2. Thes 2)? War Israel in sein Land zurückgekehrt und genoss in diesem Reich die herrlichen Segnungen, wovon die Psalmen und alle Propheten so oft und so viel reden? O, geliebte Brüder, wie weit können wir von der einfachen und lauteren Wahrheit abirren, wenn wir uns auf unseren Verstand, auf unsere Weisheit und auf unsere Meinung verlassen und diese als Maßstab an die Gedanken und Ratschlüsse Gottes legen, oder wenn wir die Meinungen anderer Christen, die sich etwa durch Gelehrsamkeit oder sonstige Dinge auszeichnen, ohne weiteres zur Richtschnur unseres Glaubens und Lebens machen, und nicht allein das untrügliche Wort Gottes unter der Leitung des Heiligen Geistes erforschen, und nur dieses unseres Fußes Leuchte sein lassen!

Lasst uns jetzt auf die drei erwähnten Gegenstände etwas näher eingehen: unsere Rechtfertigung aus Glauben, unsere Befreiung in Christus und die herrliche Ankunft Christi zur Aufnahme seiner Versammlung. Der treue und gnadenreiche Herr aber wolle uns durch seinen Geist in alle Wahrheit leiten!

1. Unsere Rechtfertigung aus Glauben

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

Das einzig wahre und sichere Fundament in Betreff unserer Rechtfertigung, oder unseres Friedens mit Gott ist Christus und sein für uns vollbrachtes Werk. Wer hier im Glauben ruht und völlig und allein darauf vertraut, wird auch mit freudiger Gewissheit bekennen: „Alle meine Sünden sind für immer hinweggetan, für immer habe ich Frieden mit Gott!“

Es gibt aber viele wirklich bekehrte Seelen, die in dieser Beziehung oft in Unruhe und Ungewissheit einhergehen. Bald glauben sie, bald glauben sie nicht. Bald ist ihr Herz mit Freude und Dank erfüllt, bald mit Furcht und Niedergeschlagenheit. Woher aber kommt dieser Zustand? Fehlt es der Seele etwa an der völligen Überzeugung ihres gänzlichen Verderbens? Es kann sein, dass in dieser Hinsicht ein gewisser Mangel vorhanden ist. Es gibt eine natürliche Erkenntnis der Sünde, eine Erkenntnis, die durch Gesetz, durch Erziehung, durch ein natürliches Gewissen hervorgebracht wird. Nachdem Adam gefallen war, konnte er Gutes und Böses unterscheiden. Doch diese Erkenntnis bringt uns nicht zu dem Bewusstsein, dass wir verloren sind. Der natürliche Mensch befindet sich in einer Welt von Sündern. Er misst seinen Zustand mit seinen selbstliebenden Gedanken und nach dem Zustand anderer Menschen, und er findet, dass, wenn auch etliche unter ihnen besser sein mögen, doch die Meisten noch schlechter sind als er. Und wie kann er da an ein Verlorensein denken? Er vergisst aber ganz und gar, dass er sich fern von Gott in einer schon längst verlorenen und gerichteten Welt befindet (vgl. Joh 12,31; Ps 14,1–3) und dass er mit dieser verloren und verurteilt ist. Er offenbart gerade darin seine schreckliche Verblendung und Vermessenheit, dass er in diesem Zustand daran denkt, in die Gegenwart Gottes zu kommen – Ihn anzubeten und Ihm zu dienen, als wenn er in einem nahen und innigen Verhältnis zu ihm stände. Er weiß weder, was er selbst ist und wo er sich befindet, noch was Gott und die Heiligkeit seiner Gegenwart ist.

Sobald er aber seinen wahren Zustand erkennt und sobald er daran denkt, dass er, so wie er ist, und so wie er gelebt hat, einmal vor Gott erscheinen muss, fängt er an, unruhig und bange zu werden. Und dies wird er umso mehr, je mehr die Erkenntnis seines Zustandes und der Heiligkeit Gottes wächst. Er hat bisher diesen heiligen und gerechten Gott in seiner Majestät und in seinem Recht über ihn beleidigt, verachtet, verunehrt und verworfen. Dennoch muss er Ihm begegnen, um von Ihm zu empfangen, was seine Taten wert sind. Gewiss, dieses Bewusstsein kann nur Furcht und Schrecken in der Seele erwecken. Und es tritt noch ein tiefer Schmerz hinzu, wenn Gott in seiner Liebe und Gnade erkannt wird, dass Er seinen eingeborenen Sohn für die Sünder, für die Gottlosen, für die, die seine Feinde sind, hingegeben hat, und dass Er, obgleich, trotz dieser Tat seiner unaussprechlichen Liebe, immer noch verkannt und verworfen, mit großer Geduld und Langmut dem Sünder nachgeht, um ihn zur Umkehr zu bewegen.

Solange der Mensch das wirkliche Verlorensein und die völlige Unmöglichkeit seiner Selbst-Errettung noch nicht erkannt hat, solange er nicht weiß, dass er es mit einem vollkommen heiligen und gerechten Gott zu tun hat, denkt er daran, aus eigener Kraft seinen bisherigen Weg zu verlassen und besser zu werden, und somit sein eigener Heiland zu sein. Wenn er es nun aufrichtig auf diesem Weg meint, so wird er bald seine gänzliche Ohnmacht und seine stete Neigung zum Bösen erkennen. Es ist dann wohl ein guter Schritt gemacht, wenn aber die Erkenntnis seiner selbst nicht tief geht, wenn er nicht völlig an seiner Selbsthilfe verzagt, so nimmt er zwar seine Zuflucht zu Gott, aber nicht in dem völligen Bewusstsein, dass nur Er Ihn retten kann, sondern er begehrt, dass Gott ihm zur Selbst-Errettung beistehen und Kraft verleihen möge. In diesen vergeblichen Anstrengungen der eigenen Gerechtigkeit gehen manche oft eine lange Zeit voran. Gott aber in seiner Güte und Gnade überzeugt sie auf diesem Weg von seiner Heiligkeit und von ihrem gänzlichen Verderben. Und sind sie überzeugt, so nehmen sie zu Ihm allein ihre Zuflucht. Sie richten sich selbst und schreien in dem Bewusstsein, dass der heilige Gott zugleich die Liebe ist, um Gnade und Erbarmen. Im Licht der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes aber kann der Mensch nichts anderes, als ein verworfener und verlorener Sünder sein. Seine Gegenwart kann ihn nur mit Angst und Schrecken erfüllen. Und dennoch müssen wir einmal Gott begegnen. Entweder sind wir jetzt als Errettete und Versöhnte in seiner Gegenwart gesegnet und mit Friede und Freude erfüllt, oder wir werden später vor Ihm erscheinen mit Furcht und Entsetzen. Jetzt herrscht die Gnade, dann die Gerechtigkeit. Jetzt ist Gott in Christus ein Rechtfertiger der Gottlosen, die Ihn im Glauben suchen, dann aber ein schrecklicher Richter.

Es möchte nun jemand sagen: Ich weiß wohl, dass ich ein Sünder und ganz verloren bin, aber ich fühle es nicht tief genug. Doch ich frage: Wie tief muss es denn gefühlt werden? Und welcher Mensch hat es je in seiner ganzen Tiefe gefühlt? Solche Gedanken sind das Machwerk unserer Vernunft. Sie entspringen aus der eignen Gerechtigkeit, die noch gern etwas bringen und nicht alles umsonst empfangen will. Es widersteht ihr, dass die Errettung ganz aus Gnaden sein soll, damit Gott aller Ruhm allein bleibe. Jesus sagt ganz einfach und klar, dass Er zur Errettung der Verlorenen gekommen sei. Dies hat Er oft gesagt, aber nie dabei eine Beschreibung von der Tiefe des Gefühls über das Verlorensein gemacht. Nie hat Er den, der seine Zuflucht zu Ihm nahm, gefragt: Wie tief hast du deinen verlorenen Zustand gefühlt? Er stellt in dieser Beziehung keine Vorschriften. Es ist aber wahr, dass wir desto völliger an uns verzagen und auf unsere Selbsthilfe verzichten, je tiefer und gründlicher unsere Überzeugung ist, dass wir durch und durch Sünder und verdorben sind. Aber nie ist unsere Annahme bei Ihm von der Tiefe des Gefühls unseres Zustands abhängig. Wir sind ganz und gar verloren. Er aber hat eine ewige und vollkommene Erlösung erfunden. Er ist im Fleisch gekommen und hat am Kreuz sein unaussprechlich schweres Werk für uns vollendet. Bist du nun von Herzen überzeugt, dass du wirklich verloren bist, so glaube nur, dass Christus gekommen ist „zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Lass dich durch die Einwände der verdorbenen Vernunft und der eigenen Gerechtigkeit nicht länger zurückhalten. Glaube mit aller Zuversicht und Gewissheit, dass Er für dich gekommen ist, und dass Er alles, was Er vollbracht, für dich vollbracht hat. Glaube nur fest und gib keinem Zweifel Raum!

Nur solchen gehört dieser Trost nicht, die Ihn nicht bedürfen, die kein Verlangen nach Errettung haben, sondern vielmehr in ihrer Blindheit die betrügerische Hoffnung in sich nähren, dass sie ohne diese Errettung in den Himmel eingehen könnten. Ja, es sind ihrer viele, die wohl von einer Vergebung ihrer Sünden durch Christus reden, aber nicht im Geringsten daran denken, dass sie wirklich verloren sind, und wirklich der Errettung durch Ihn bedürfen. Was könnte auch solchen dieser Trost, dass Jesus zur Errettung der Verlorenen gekommen ist, nützen? Es ist sicher kein Trost für sie, sondern nur ein Ruhekissen, um weiter zu sündigen.

Es gibt auch Seelen, die sich in anderer Weise zurückhalten lassen, das Heil in Christus im Glauben zu ergreifen. Diese bekennen, dass sie verloren sind. Auch bekennen sie, dass nur in Christus Heil für sie ist. Aber sie glauben, nicht würdig genug zu sein, um dieses, nur den Verlorenen angebotene Heil im Glauben annehmen zu dürfen. Sie wollen nicht ihre Errettung selbst vollbringen – sie erkennen, dass dies unmöglich ist – aber sie glauben fähig zu sein, sich für die Annahme dieser Errettung würdig machen zu können. Traurige Täuschung! Dies gerade zeigt auf das klarste die Blindheit unserer Vernunft und die tief gewurzelte Eigengerechtigkeit. Auf der einen Seite bekennen, dass man ganz verloren und durch und durch verdorben ist und auf der anderen Seite an eine Würdigkeit zur Annahme des Heils denken – welch ein Widerspruch! Es ist vergeblich, an einer bitteren Quelle zu sitzen und auf süßes Wasser zu warten, und es ist ganz umsonst, auf einem schlechten Baum gute Früchte zu suchen. All dein Dichten und Trachten, all dein Beten und Ringen und all dein Tun und Lassen, um nur ein wenig würdiger zu werden, ist eitle Mühe. Kommst du heute oder morgen, oder erst nach zehn Jahren, du wirst immer gleich schlecht, gleich verdorben, gleich verloren sein. Deshalb komm heute noch, komm in diesem Augenblick, gerade so, wie du bist. Du kannst nichts anderes mitbringen als deine Sünden, als dein gänzliches Verlorensein nach allen Seiten hin. Und wisse, Jesus sucht gerade solche Sünder, solche Verlorene, die nichts mehr haben und nichts anderes mehr mitbringen können, als ihre Sünden und ihre Ohnmacht. Ja, solche sind es, die Er erretten und an welchen Er die Gnade und Liebe Gottes in ihrer ganzen Fülle verherrlichen will. Und dies zu tun ist die Freude seines Herzens. Deshalb suche du nicht durch zweifelnde Überlegungen diese Freude zu verderben. Alles, was du noch zu haben wünschst, kann höchstens die Frucht deiner eigenen Gerechtigkeit sein, die dich nie zu Christus führt, aber dich stets von Ihm fern zu halten sucht. Das Heil in Christus ist vollkommen. Es ist umsonst erworben und wird umsonst geschenkt. Deshalb komm nur wie du bist, und glaube mit aller Zuversicht und Gewissheit, dass Er für dich gekommen ist und dass Er alles, was Er vollbracht, für dich vollbracht hat; glaube nur fest und gib keinem Zweifel Raum!

Andere Seelen möchten gern ein Zeichen haben, irgendeinen fühlbaren und sichtbaren Beweis, um überzeugt zu werden, dass das Heil in Christus auch wirklich für sie sei und dass sie ein Recht hätten, es im Glauben zu ergreifen. Ach, wie wenig ist doch das menschliche Herz fähig, die Liebe Gottes zu verstehen und seinem Wort zu glauben! Es traut weit eher den schwachen und trügerischen Sinnen, als der unwandelbaren Liebe und Treue Gottes. Könnten wir denn wirklich einen größeren Beweis seiner Liebe gegen verlorene Sünder haben, als dass Er seinen eingeborenen Sohn für sie hingegeben, oder einen größeren Beweis der Liebe Christi, als dass Er sein Leben für uns gelassen, da wir noch Feinde und Gottlose waren (vgl. Röm 5,6)? Ist nicht Christus am Kreuz der vollkommenste Beweis der Liebe des Vaters und des Sohnes gegen uns? Und dennoch suchen wir nach einem elenden, schwachen Beweis durch die Sinne, um gewiss zu sein, dass Er uns liebt, und dass die Gnade in Christus unser ist? Ach, dies Begehren allein sollte hinreichend sein, uns von der gänzlichen Blindheit und Schlechtigkeit des menschlichen Herzens zu überzeugen!

Und was das Recht zur Ergreifung des Heils in Christus betrifft, so frage ich: Was hat der verlorene, verworfene Sünder noch für ein Recht? Aber nicht zu glauben, und das durch Christus erworbene und angebotene Heil nicht bereitwillig anzunehmen, ist nicht nur allein das größte Unrecht, sondern zeigt auch die Sünde in ihrer traurigsten Gestalt. Betrachten wir nur dieses: Der Mensch hat sich von Gott entfernt. Er lebt als sein Feind, gleichgültig und übermütig in einer Welt, die Gott vergessen hat. Gott hat alles zu seiner Errettung und Aufnahme vorbereitet. Er will ihn sogar in sein eigenes, gesegnetes Haus aufnehmen. Und ach! Wie viel Arbeit und Mühe, wie viel Liebe und Gnade hat es erfordert, um dies zu können! Jetzt aber, wo Er alles getan hat und den Sünder freundlich und liebevoll einladen lässt, zurückzukehren, um ewig glücklich zu sein, fragt er: „Darf ich es glauben? Habe ich ein Recht zu kommen?“ Sollte nicht entsprechend jeder, in dessen Herzen solche Gedanken aufkommen, von Scham und Schmerz niedersinken? Gott selbst ist es ja, der alles für dich aus dem Weg geräumt hat, Er selbst ist es, der dir, dem verlorenen Sünder, nachgeht, der dich ruft und lockt, der dir das Verlangen nach Gnade ins Herz gelegt hat. So warte doch nun auch nicht länger auf ein sinnliches Zeichen. Denke nicht mehr daran, sondern glaube mit aller Zuversicht und Gewissheit, dass Er für dich gekommen ist, und dass Er alles, was Er vollbracht, für dich vollbracht hat, glaube nur fest, und gib keinem Zweifel Raum!

Man findet endlich auch solche Seelen, die wohl fühlen und überzeugt sind, dass sie der Gnade bedürfen, aber sie verstehen nicht, dass der Weg zur Erlangung des Heils in Christus der einfache Glaube ist – was es heißt: „Gerechtfertigt sein aus Glauben.“ Sie bekennen, dass ihre Sünden groß und sie verloren sind, aber sie meinen, das Werk, was außer ihnen in Christus vollbracht sei, müsse auch in ihren eignen Herzen vollbracht werden, und dann erst dürften sie glauben. Sie denken, dass für solche, wie sie seien und wie sie sich fühlen, etwas ganz Besonderes geschehen müsse, es sei nicht genug damit, einfach zu glauben. Und Satan ist auf alle Weise beschäftigt, diese Meinung in ihren Herzen zu unterhalten, und Vernunft und eigene Gerechtigkeit finden reichlich Nahrung darin. Diese Gedanken aber haben die traurige Folge, dass solche Seelen ihre Augen stets auf das gerichtet halten, was in ihren Herzen vorgeht, und dass sie nicht im Glauben ihre Blicke dorthin erheben, wo alles für ihre Errettung geschehen ist – zu dem Werk des Herrn Jesus. Sie bekennen, dass die Liebe und die Gnade Gottes für den verlorenen Sünder vorhanden, und dass Christus für ihn gestorben sei, aber sie glauben es in der Tat nicht. Sie sagen: „Wir glauben wohl, aber unser Glaube ist ohne Kraft und Wirkung“, und sie denken nicht daran, dass er darum ohne Kraft und Wirkung bleibt, weil es kein wirklicher Glaube ist. Sie aber halten es dafür, und urteilen deshalb, dass der einfache Glaube nicht hinreichend sei. Und also zermürben sie sich in der Menge ihrer eigenen Wege, und mühen sich ab – vielleicht mit vielem Eifer und vielem Gebet, aber Gott antwortet nur dem Glauben. Der Glaube aber ist die völlige Überzeugung von dem, was Gott zu uns geredet und Christus für uns getan hat.

Angenommen, ich verschuldete eine große Summe Geldes, die von mir zurückgefordert würde. Dies würde mich sicher in die größte Unruhe und Verlegenheit setzen, wenn ich nichts hätte, sie zu bezahlen. Wenn aber mein Freund, der reich wäre und mich sehr liebte, diese Schuld entrichtet hätte, und der Gläubiger versicherte mir, dass er völlig befriedigt sei und nichts mehr von mir zu fordern habe, und auch mein Freund beteuerte, dass er meine ganze Schuld bezahlt habe, und auch nie etwas von mir zurückerwarte – würde ich dann, wenn ich diesen Zeugnissen Glauben schenkte, in Betreff dieser Schuld noch in Unruhe und Verlegenheit sein? Gewiss nicht. Es hätte mich nun zwar nicht der Glaube an die Tilgung meiner Schuld von derselben befreit – ein Anderer hatte diese für mich bezahlt – aber sobald ich wirklich und sicher glaubte, was ein Anderer für mich getan hatte, wurde ich von der Unruhe meines Herzens und meiner Verlegenheit in Betreff dieser Schuld befreit. Das ist einfach und klar. Nun, ebenso einfach und klar ist es in Betreff meiner Befreiung von der Schuld der Sünde. Ein Anderer, nämlich Christus, trug und zahlte, wovon ich nie das Geringste bezahlen konnte, und sobald ich dies wirklich und völlig glaube, bin ich von aller Unruhe und Not meines Herzens darüber befreit. Es ist aber auch hierbei nicht der Glaube, der meine Sündenschuld tilgte, sondern Christus. Allein durch den Glauben an sein für mich vollbrachtes Werk werde ich frei vom bösen Gewissen, und werde von meiner Versöhnung mit Gott und von der Tilgung meiner ganzen Schuld völlig überzeugt.

Es ist auch nie das Werk Christi von meinem Glauben abhängig. Dieses Werk wurde vollbracht, ehe ich glaubte. Gott hatte schon in seiner Gnade an mich gedacht, ehe ich an Ihn dachte. Christus hatte schon sein Blut für meine Sünden vergossen, als ich noch darin lebte. Es hat die Gnade Gottes in Christus Jesus alles allein vollbracht. Sie sorgte zuerst für die Tilgung meiner Sünden, und dann suchte sie mich und brachte mich herzu um den Reichtum dieser Gnade und Güte in Christus Jesus zu schauen und zu genießen. Mein Glaube bewirkt und vollbringt nichts bei Gott; aber er empfängt alles umsonst, was Christus für mich vollbracht hat. „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1). Und wohl uns, dass unser Heil außer uns in Christus vollbracht ist! Sollte dies Werk in uns vollendet werden, dann wehe uns! Wir würden allesamt umkommen. Jesus hat es allein getan und nur Er allein vermochte es zu tun. Das schreckliche Gericht des heiligen Gottes über unsere Sünden konnte nur an dem, „der Sünde nicht kannte“ (2. Kor 5,21), vollzogen werden. Und es ist völlig geschehen. In Ihm ist die Tür der Gnade weit für uns geöffnet. Ja, sie ist viel weiter, als alle unsere Sünden groß sind. Dies bezeugt das Wort Gottes an vielen, vielen Stellen, und wir besitzen darin das Zeugnis des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Darum glaube mit aller Zuversicht und Gewissheit, dass Er für dich gekommen ist, und dass alles, was Er vollbracht, für dich vollbracht hat, glaube nur fest und gib keinem Zweifel Raum! Denn wären nicht schon alle deine Sünden ein für alle Mal in Christus gerichtet und hinweggetan, als Er auf Golgatha gestorben ist, so würdest du für immer verloren sein. Wir wissen aber, dass sein Werk für uns vollendet ist, vollendet für immer, und dass Gott selbst es völlig anerkannt und angenommen hat. Nie wird und kann ein neues Werk für die Sünden geschehen, und nie wird es auch nötig sein.

Ich bin nun eigentlich von dem mir vorliegenden Gegenstand ein wenig weit abgeschweift. Aber ich hoffe, dass es für gewisse Leser nicht ohne Nutzen geschehen sein wird. Es ist auch dieser Teil meiner Betrachtung vornehmlich für solche Seelen bestimmt, die entweder aus allerlei Scheingründen keinen Mut haben, zu glauben, oder doch, wenn sie glauben, nicht recht befestigt und gegründet sind, und deshalb oft durch Zweifel und Ungewissheit, in Betreff ihrer Begnadigung beunruhigt werden, – ja, für diese zunächst wünsche ich hier einige Gedanken niederzuschreiben, die der gnadenreiche Herr an ihren Herzen segnen möge.

Es handelt sich bei solchen Seelen nämlich darum, ob durch das Werk Christi für ihre Sünden völlig genug getan ist, und ob sie zu jeder Zeit auf dieses Werk allein fest und zuversichtlich vertrauen dürfen und können. – Dies ist auch sicher eine Frage von der höchsten Wichtigkeit. Mit ihr steht und fällt unser ganzes Heil. Deshalb wolle der Herr geben, sie auf eine würdige Weise zu beantworten.

Das Kreuz Christi ist die einzige Zufluchtsstätte für den verlorenen Sünder. Auf diesem Kreuz sind Gerechtigkeit und Gnade – das, was die verlorene Seele fürchtet und das, was sie sucht, – einander begegnet. Der Strom der Gerechtigkeit traf hier den, „der Sünde nicht kannte“, der aber „für uns zur Sünde gemacht“ wurde. Der Strom der Gnade trifft den, der nichts als Sünde ist. „Der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25). „Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden“ (Jes 53,5). Und so vollkommen der Strom der Gerechtigkeit Gottes auf Ihn hernieder gekommen ist, so vollkommen strömt seine Gnade jetzt auf uns hernieder. An ihm verherrlichte und befriedigte sich vollkommen seine Gerechtigkeit im Gericht, und an uns verherrlicht und befriedigt sich vollkommen seine Gnade in Liebe. Er, der ohne Sünde war, nahm unseren Platz in der Welt als Sünder vor Gott ein, damit wir im Himmel seinen Platz, als Söhne, vor Gott einnehmen möchten. Unbegreifliche Gnade und Liebe!

Der verlorene Sünder naht unter dem Gefühl seiner Schuld und Ungerechtigkeit in Angst und Not seines Herzens, und siehe! – seine Sünden findet er nicht mehr. Gott hatte schon lange vorher an ihn gedacht, ehe er kam, und Christus schon lange vorher unter der Last seiner Sünden „unter starkem Geschrei und Tränen“ (Heb 5,7) geseufzt und sie für immer getilgt. Wer ist fähig, dieses unergründliche Erbarmen und diese unendliche Liebe zu fassen? Der Sünder verwirft Gott in der Feindseligkeit und Verderbtheit seines Herzens, während Gott bemüht ist, alles zu tun, um ihn in seine eigene gesegnete Gegenwart zu bringen und völlig glücklich zu machen. Er bahnt ihm den Weg. Er tilgt für immer seine ganze Sündenschuld durch das Blut seines eingeborenen und geliebten Sohnes. Er geht ihm nach in einer feindseligen Welt und lässt ihn bitten, sich versöhnen zu lassen. Und wenn er endlich umkehrt, so kommt Er ihm entgegen und führt ihn in sein eigenes Haus und überhäuft ihn mit Segnungen. Ja, Er tut alles und tut es umsonst, damit der verlorene Sünder glauben lerne, dass Er die Liebe ist und dass Er es für ihn ist. Und was tut der Sünder? Ach, wie lange lässt er sich nötigen! Wie oft schlägt er erst viele andere Wege zu seiner Errettung ein, ehe er zu ihm kommt und seine Gnade sucht! Und wenn er endlich keinen anderen Weg als den, welchen Gott für ihn bereitet hat, finden kann, so fragt er noch wohl mit zweifelndem Herzen: „Ist es auch in der Tat also? Darf ich es glauben? Kann ich mich völlig darauf verlassen? Und ist es auch wirklich für mich?“ O, wie viel Geduld und Langmut, wie viel Liebe und Erbarmen hat Gott nötig, bis eine einzige Seele ihm ganz vertraut, und in seiner gesegneten Gegenwart völlig ruhig und glücklich ist!

Gott war in Christus in der Welt, und wurde nicht erkannt. Ja, nicht einmal in seinem Eigentum fand Er Aufnahme (Joh 1,10–11). In der Mitte der Sünder war nirgends ein Ruheort für Ihn. Aber Er hat dem verlorenen Sünder eine ewige und glückselige Ruhestätte bei sich bereitet, und hat ihm alles aus dem Weg geräumt, um dorthin zu gelangen.

Es gibt aber keine Versöhnung, keine Errettung, außer in dem Blut des Lammes Gottes. Und es gibt kein Bewusstsein eines guten Gewissens, kein Frieden mit Gott, als wenn wir im Glauben ruhen in dem, was Christus für uns getan hat. Wäre nicht auf dem Kreuz Christi die Gerechtigkeit Gottes völlig befriedigt und verherrlicht, so dürften wir nie an eine Begnadigung, nie an eine Vergebung unserer Sünden denken. Gott ist und bleibt immer Gott und offenbart sich nie anders, mag es sich um seine Gerechtigkeit oder um seine Gnade handeln. Und wohl uns, dass es so ist! Denn jetzt darf der verlorene Sünder, der zu Ihm naht, vollkommene Gnade und Liebe erwarten, weil auf dem Kreuz Christi seiner Gerechtigkeit vollkommen Genüge geschehen ist. Gottes Weisheit hat einen Weg gefunden und Gottes Liebe hat ihn vollbracht, auf welchem der verlorene Sünder völlig gerettet und gesegnet, und Er selbst, als Gott, völlig verherrlicht ist. Jesus bezeugt: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte“ (Joh 17,4). Gott ruht jetzt in diesem Werk und lässt den Sünder einladen, an seiner süßen Ruhe Teil zu nehmen und zu erfahren, wie unaussprechlich reich seine Gnade und Liebe ist. Aber auch nur in diesem durch Christus vollbrachten Werk kann uns Gott in Gnade begegnen. An jedem anderen Ort, wo Er uns auch treffen würde, wären wir für immer verloren. Begegnen wir Ihm aber im Glauben auf dem Kreuz Christi, so hat Er uns in Betreff unserer Sünden nichts mehr zu sagen. Wir sind durch dies eine Opfer Christi völlig vor Gott gerechtfertigt und völlig mit Ihm versöhnt. Jesus sagt: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun […]. Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Heb 10,9.10).

Und was für eine Gerechtigkeit haben wir in dem Werk Christi? Die Gerechtigkeit Gottes selbst. „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). Und was für eine Gerechtigkeit würde erlangt worden sein, wenn es wirklich möglich gewesen wäre, alle Gebote des Gesetzes völlig zu halten? Nur eine menschliche Gerechtigkeit – eine Gerechtigkeit, die uns nie würde erlaubt haben, im Himmel in der Gegenwart Gottes zu sein. Jetzt aber haben wir in Christus Jesus und durch sein für uns vollbrachtes Werk die Gerechtigkeit Gottes selbst, und zwar ganz umsonst. Jetzt können wir weilen in seiner Gegenwart im Himmel ohne Furcht.

Es handelt sich aber hier – o möchten wir es uns für immer tief einprägen – nicht um das, was wir waren, oder was wir können, sondern um das, was Christus ist und was Er für uns getan hat. Wir haben in Ihm die aus Gnaden geschenkte Gerechtigkeit Gottes selbst, die aber nur dem Glaubenden, dem, der nicht mit Werken umgeht, der nicht ans Tun denkt – völlig zugerechnet wird. Ja, mittels des Glaubens ist diese Gerechtigkeit das gesegnete und bleibende Teil dessen, der nichts anderes hatte, als seine Sünden, der keine andere Frucht bringen konnte, als die des Todes, der keine andere Macht besaß, als seine Ohnmacht, und dem, mit einem Wort, nichts anders übrig blieb, als durch Glauben das zu ergreifen und sich zuzueignen, was Christus für ihn vollbracht hatte. Und was hat er hierzu beitragen können? Wenn er ganz und gar unfähig war, aus eigener Kraft und Anstrengung die Gerechtigkeit aus dem Gesetz zu erlangen, – was vermag er zu tun, um sich die Gerechtigkeit Gottes zu erwerben? Gewiss, diese Frage bedarf keiner Antwort.

„Dem aber, der nicht wirkt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Röm 4,5). Ruhen wir im Glauben allein in dem Werk Christi, so können wir auch mit aller Zuversicht ausrufen: „Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verdamme? Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der [auch] auferweckt worden, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet. Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus?“ (Röm 8,31–35).

Was hat nun also der Sünder zu tun, wenn er zu Gott kommen will? Was er tun konnte, hat er getan: gesündigt. Alles andere muss er Gott überlassen. Traurig genug für die eigene Gerechtigkeit, aber es ist so. Sie behält keinen Ruhm mehr, wie wir auch in Römer 3,27–28 lesen: „Wo ist nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen worden. Durch was für ein Gesetz? Der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir urteilen, dass ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke“. Der verlorene Sünder, wenn er zu Gott naht, hat also nur zu glauben, fest und zuversichtlich zu glauben, was Gott in Christus für ihn getan hat. Mögen auch seine Sünden groß und ihrer mehr sein als Sand am Meer – Christus hat sie alle gekannt und alle getragen – und deshalb hat er nichts anderes mehr zu tun, als dies mit voller Zuversicht und voller Gewissheit zu glauben, und so ist er gerechtfertigt aus Glauben und hat Frieden mit Gott.

Es sind jetzt also nicht die großen und vielen Sünden, die den Verlorenen nicht zu Gott kommen lassen, sondern sein Unglaube und seine guten Vorsätze sind es, die ihn fern von Ihm halten. Wenn er Gott naht, wenn er die Errettung davontragen, die Gerechtigkeit Gottes erwerben und seine Herrlichkeit erreichen will, so muss er auf jedes Tun, auf jedes Wirken völlig verzichten. Ein anderer hat für ihn gewirkt. Christus hat auf dem Kreuz für ihn gearbeitet. Durch Ihn und in Ihm ist die Errettung davongetragen, die Gerechtigkeit Gottes erworben und seine Herrlichkeit erreicht. Und dies alles ist geschehen für den verlorenen Sünder, und wird dem Glaubenden umsonst gegeben. Warum will er nun noch ans Tun denken, um dies alles zu erlangen, wenn es völlig getan und völlig erlangt ist? Christus hat nicht für sich, sondern für ihn gearbeitet und sein Werk vollbracht. Denkt er etwa, dass er es besser vollbringen und noch vollkommener machen könne? Gewiss, er muss ganz und gar auf sein Tun verzichten. Gott kann nichts von ihm annehmen und anerkennen, denn Er hat gesagt: „da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer“ (Röm 3,12). Das Urteil Gottes über seine Arbeit, über sein Tun ist für immer gefällt. Er hat alles geprüft und verworfen. Das Werk Christi aber, vollbracht an seiner Statt, ist von Gott völlig anerkannt und völlig angenommen. Er ist „unserer Rechtfertigung wegen auferweckt“ (Röm 4,25).

Christus war das von Gott vor Grundlegung der Welt ausersehene Opferlamm und in Ihm findet mein Glaube sein volles Genüge. Er nahm als Bürge meine Stelle ein. Alle meine Sünden lagen auf Ihm. Und so beladen, begegnete Er Gott auf dem Kreuz. Um Seinetwillen konnte das Gericht und der Tod Ihn nicht treffen, weil Er die Gerechtigkeit und das Leben ist. Er, der stets „im Schoß des Vaters ist“ (Joh 1,18), konnte ohne Hindernis in den Himmel eingehen. Die Gegenwart Gottes war auch in seiner Niedrigkeit, als Mensch auf der Erde, stets der einzige und glückselige Ruheort seines Herzens. Doch auf Golgatha stand Er an meiner Stelle, trug die Last meiner Sünde, erduldete die Strafe für meine Ungerechtigkeit, und Er wollte nicht anders in den Himmel wieder eingehen und dort aufgenommen werden, bis die Frage wegen meiner Sünden völlig entschieden und bis alle dieselben ganz und gar beseitigt seien. Ja, um meinetwillen war Er in dem schrecklichen Gericht Gottes, was mich für immer vernichtet haben würde. Um meinetwillen gingen über Ihn alle Wogen und Wellen, in welchen ich ganz und gar umgekommen wäre und um meinetwillen traf Ihn die ganze Zornglut Gottes, die mich für immer verzehrt haben würde. Jetzt aber, wo Er durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt ist und zu seiner Rechten sitzt, ist das Gericht wegen meiner Sünden beendigt. Diese alle sind jetzt für immer vernichtet und ich stehe völlig gerechtfertigt vor Gott da. Die Auferweckung Christi ist der vollkommenste Beweis meiner Rechtfertigung und meiner Annahme bei Ihm. Er hat mir nicht den geringsten Grund zum Zweifeln übrig gelassen, und wenn ich diesem dennoch Raum gebe, so stelle ich nicht nur sein Wort, sondern auch das Werk Christi – seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung – in Frage. Wäre für meine Sünden noch etwas zu tun übrig geblieben, so wäre es ja Sache dessen, der vor Gott in meine Stelle getreten und der als mein Bürge angenommen ist. „Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes“ (Heb 10,12). Er hat in Betreff meiner Sünden nichts mehr zu tun, und Er hatte es übernommen, alles zu tun. Was habe ich denn noch zu tun, der ich nichts zu tun vermag? „Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (Heb 12,14). Muss ich noch mehr, als vollkommen sein?

Ach, wie so bestimmt und klar ist das Wort Gottes, und wie so trägen Herzens ist der Mensch, ihm zu glauben! Wie schwer wird es ihm zu begreifen, dass glauben nichts anderes heißt, als völlig überzeugt sein, dass Gott die Wahrheit geredet, dass Christus „unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25) und dass nicht glauben nichts anderes heißt, als dies alles in Zweifel zu ziehen. Wenn z.B. einem zum Tod Verurteilten die völlige Begnadigung angekündigt würde, würde er sich nicht, falls er der Echtheit dieser Ankündigung vollen Glauben schenkte, ganz der Freude darüber hingeben, wenn er auch noch im Gefängnis wäre? Gewiss, er würde nicht damit warten, bis er hinausgeführt und ganz in Freiheit gesetzt sei. Aber würde er sich auch dann völlig freuen, wenn er in die Wirklichkeit seiner Begnadigung noch irgendwie Zweifel setzte? Sicher nicht. Jeder Zweifel würde seine Freude trüben. Nun, ebenso ist es mit dem verlorenen Sünder, der Gott naht. Glaubt er in völliger Überzeugung des Herzens dem Wort seiner Gnade und dem Werk Christi, so wird Friede und Freude sein Herz erfüllen. Solange noch irgendwelche Unruhe in Betreff seiner Sünden zurückbleibt, solange sind auch noch Zweifel vorhanden, solange glaubt er nicht fest und zuversichtlich, dass er in Christus Jesus völlig begnadigt ist. „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme (Eph 2,8–9)“.

Die eigene Gerechtigkeit aber ist oft bemüht, aus dem Glauben etwas anderes zu machen – irgend ein Werk, was von unserer Seite erstrebt und erarbeitet werden könne – ein Werk, wodurch noch ein wenig Ruhm und Anerkennung bei Gott zu ernten sei, was Ihn etwa bewegen müsse, uns Gnade und Erbarmen zuteilwerden zu lassen. Ach, wie tief steckt doch die eigene Gerechtigkeit im menschlichen Herzen! Wie unmöglich ist es ihr, die Gnade Gottes gegenüber uns, eine vollkommene und freie Gnade sein zu lassen. Wenn sie fühlt, dass ihr alles von Gott abgeschnitten ist, wenn nichts als Gnade übrig bleibt, so möchte sie sich doch um diese noch ein wenig verdient machen.

Auf solche Weise strengen sich oft viele Seelen solange vergeblich an, und werden von der Einfachheit des Glaubens stets fern gehalten. Gott aber kann und will nichts von unserer Gerechtigkeit annehmen. Nur das Werk Christi für uns hat sein Wohlgefallen und in diesem Werk ist Er in Betreff unserer Sünden und unserer Übertretungen völlig befriedigt, völlig verherrlicht. Wir können Ihn jetzt nur dadurch verherrlichen, dass wir fest und zuversichtlich glauben, dass es so ist, und dass alle unsere Sünden weggetan und wir völlig gerechtfertigt sind. Der Gedanke an unser Tun aber, sowie auch jeglicher Unglaube oder Zweifel verunehrt stets Gott und das Werk Christi. „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“ (Heb 11,6). Und wir glauben nie zu fest und vertrauen nie zu sicher und erwarten nie zu viel, wenn wir es mit Gott zu tun haben und auf Christus und sein Werk uns gründen. Er wird uns nie beschämen, sondern allezeit unsere Erwartungen weit übertreffen. Ja, je fester und zuversichtlicher wir seinem Wort und dem Werk Christi glauben, je völliger wir es erfassen und darauf vertrauen, desto mehr ist Er in seiner Treue, in seiner Gnade und Liebe an uns verherrlicht.

Und dennoch fehlt es nicht an solchen, die es für gefährlich halten, so fest und zuversichtlich zu glauben und der Vergebung aller seiner Sünden und seiner Errettung zu jeder Zeit völlig sicher zu sein. Mancher unter ihnen denkt und sagt: „Es wird sicher gut und nötig für mich sein, mehr oder weniger in Ungewissheit zu bleiben, ich werde dadurch in der Demut erhalten werden.“ Du magst nun so denken und sprechen, mein lieber Leser, aber du täuschst dich sicher. Gott denkt nicht, wie du, und sein Wort hat uns nicht den geringsten Grund zum Zweifeln übrig gelassen. Und würde es wirklich ein Beweis deiner Demut sein, wenn du einem wahrheitsliebenden und treuen Freunde wenig Glauben schenktest? Wäre es nicht ein sehr verwerfliches Misstrauen gegen ihn, wodurch du ihn stets betrüben würdest? Und würde ein solches Misstrauen dich wirklich in wahrer Demut erhalten? Es ist völlig gewiss, dass Demut keine Frucht des Misstrauens sein kann. Wir haben es mit dem Wahrhaftigen zu tun, der nicht lügt – und es ist sicher keine Demut, Ihm nicht völlig zu glauben. Nicht der Unglaube, sondern der feste Glaube ist mit Demut gepaart. Der Hauptmann zu Kapernaum sagte: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach trittst; sondern sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird geheilt werden“ (Mt 8,8; siehe Mt 15,21–28). Hier sehen wir einen festen und zuversichtlichen Glauben in wahre Demut gehüllt. Ach! der Unglaube erblickt Gefahr, wo keine ist, und wo sie wirklich vorhanden ist, da sieht er sie nicht. Die Torheit warnt immer vor der Weisheit, und die Vernunft vor dem Glauben; Gott aber ruft uns zu: „Glaube nur! Glaube mit aller Zuversicht und zweifle nicht!“ Kennt Er vielleicht die Gefahr nicht, welche jene Seelen so sehr befürchten? Oder denkt Er etwa nicht daran? Ach! Wie gern möchte der Mensch weiser und vorsichtiger sein als Gott. Kann denn das völlige Bewusstsein der überströmenden Gnade und Liebe Gottes gegen den elenden und verlorenen Sünder uns wirklich gleichgültig und hochmütig machen, und ist es der Zweifel oder das halbe, ungewisse Vertrauen, wodurch wir ernst und demütig erhalten werden? O gewiss nicht, aber wenn wir weder Ihn noch uns kennen, wenn wir nicht einzig und allein auf seine Gnade in Christus Jesus vertrauen, so sind wir in Gefahr, entweder mutlos oder hochmütig zu werden. Lasst uns denn fest und zuversichtlich glauben, und auf das Werk Christi vertrauen, so werden wir Ihn auch mit demütigem Herzen zu preisen vermögen.

Noch möchte ich hier solcher gedenken, die ihren schwachen und ungewissen Glauben wohl gar mit den Worten zu entschuldigen suchen: „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding oder Sache.“

Ist es nun nicht schon etwas Törichtes und Widersinniges, den Namen eines Gläubigen zu tragen und diese Worte auf sich anzuwenden? Es wird damit doch gar deutlich gesagt: „Der Glaube ist nicht meine Sache.“ Ich bin aber überzeugt, dass viele diese Worte nachsprechen, ohne einmal zu prüfen, was sie sagen, denn würde ein jeder Gläubige den Ausspruch des Apostels, den wir in 2. Thessalonicher 3,1.2 finden, selbst prüfen, so würde es keinem mehr einfallen, ihn auf sich anzuwenden. Der Apostel wandte ihn auf die unvernünftigen und bösen Leute an, von denen er errettet zu werden wünschte. Er sagte: „Im Übrigen, Brüder, betet für uns […] dass wir errettet werden von den schlechten und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht aller Teil“. Jene unvernünftigen und bösen Leute waren fern vom Glauben. Wer aber wird dies von einem Gläubigen zu behaupten wagen? Lasst uns denn nicht durch solche leere Einwendungen den Herrn betrüben und unseren Glauben schwächen und aufhalten. Nur der Glaube ehrt Ihn und nur durch den Glauben sind unsere Herzen sicher und gewiss.

Das Werk Christi allein ist der Ruheort unserer Seele, und kann es auch nur sein. Denn hier ruht Gott, weil Er in demselben vollkommen verherrlicht ist. Der erste Mensch – Adam und mit ihm sein ganzes Geschlecht – hat Gott völlig verunehrt. Der zweite Adam aber, der Mensch Jesus Christus, hat Ihn völlig geehrt und verherrlicht. Und also ist Gott durch den Menschen im ersten Adam verunehrt und durch den Menschen im zweiten Adam verherrlicht. Er ist aber in Christus Jesus für alle, die da glauben, verherrlicht, sodass diese jetzt mittels des Glaubens einem, in Betreff ihrer, verherrlichten Gott nahen! Und sie nahen Ihm zugleich als Geheiligte in Christus Jesus, zu seiner Anbetung und zu seinem Dienst zubereitet. Dies ist jetzt das gesegnete Vorrecht aller wahren Gläubigen. Das Opfer Jesu Christi hat sie für immer als gereinigte Anbeter in die Nähe Gottes gebracht. Sie sind geheiligt durch den Willen Gottes, durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. Christus hat Gott verherrlicht durch die Erfüllung seines Willens, und dieser Wille hatte unsere Heiligkeit zum Zweck. Das Opfer des Leibes Christi war die völlig genügende Antwort auf das, was Gott wollte. Er sprach: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun […]. Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Heb 10,9.10). So liegt denn unsere Heiligkeit nicht in unserem Wollen oder Tun, sondern ganz und gar außer uns in dem Willen Gottes und dem Werk Jesu Christi. Was wir nie vermocht hätten, ist jetzt völlig geschehen und wir empfangen und genießen es durch den Glauben. Nichts ist für uns, die wir im Glauben nahen, übrig geblieben zu fürchten. Nichts kann uns in seiner heiligen Gegenwart beunruhigen, nichts uns aus derselben verdrängen. Gott selbst hat uns in Christus eine Heiligkeit bereitet und geschenkt, worin wir stets in der Gegenwart seiner Heiligkeit weilen können. Ja, in Christus Jesus sind alle, die da glauben, seiner eigenen Heiligkeit teilhaftig geworden.

Das Blut Jesu hat uns auch auf einem neuen und lebendigen Weg zum Eintritt ins Heiligtum Freimütigkeit gegeben. Der Eingang ist weit geöffnet, denn der Vorhang ist für immer zerrissen. Jetzt kann uns durch den Apostel dies köstliche Wort zugerufen werden: „Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, und einen großen Priester haben über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser“ (Heb 10,19–22). Das Blut Christi hat den Glaubenden für immer gereinigt und für immer sicher gestellt, und dieses Blut ist stets im Heiligtum droben. Christus ist mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als Er eine ewige Erlösung erfunden hatte (vgl. Heb 9,12). Und durch dasselbe Blut geht auch der Glaubende ein und er ist willkommen und angenehm vor Gott. Ja, er ist so willkommen und angenehm vor Ihm, wie dieses Blut wertvoll und köstlich ist in seinen Augen, wie Christus Jesus selbst. Nie aber können wir anders, als auf Grund dieses Blutes vor Gott erscheinen, und nie kann uns etwas anderes in seiner Gegenwart sicherstellen. Das Blut Jesu, und sein Blut allein, gibt uns für immer Freimütigkeit zum Eintritt ins Heiligtum, und lässt uns zu jeder Zeit ohne Furcht in seiner Gegenwart sein. Wir würden aber sicher alle umkommen, wenn wir auf einem anderen Grund Ihm nahen wollten. Beim Hinzunahen zu Gott handelt es sich weder um unseren Wandel, noch um unsere Gefühle, sondern allein um das Blut Jesu, welches uns von aller Sünde reinigt und für immer im Heiligtum ist. Und wer auf diesem Grund im Glauben ruht und hinzunaht, von dessen Sünden kann Gott nicht mehr reden; ja, Er kann sie nie mehr sehen, weil sein Auge allezeit auf dieses kostbare Blut, wodurch Er verherrlicht ist, gerichtet bleibt.

Es ist gewiss keine geringe und gleichgültige Sache, Gott wohlgefällig zu wandeln und in seiner Gegenwart ein glückliches Herz zu haben. Dies zu behaupten hieße nichts anderes, als alle die Ermahnungen des Herrn und seiner Apostel gering zu schätzen. Aber es verrät jedenfalls eine große Unkenntnis unseres Heils, wenn wir das Werk Christi, – das, was uns allein vor Gott sicherstellt, mit unserem Wandel und unseren Gefühlen vermengen. Handelt es sich um unsere Rechtfertigung vor Gott, um unseren Frieden mit Ihm und um unsere Sicherheit in seiner Gegenwart, so ist das Werk Christi von unserem Wandel völlig geschieden; und suche ich es zu vermengen, so kann nur Schwachheit, Unsicherheit und Verwirrung in meinem Herzen entstehen. Mache ich das, was Christus getan hat, oder die Freimütigkeit, dies alles im Glauben für mich zu ergreifen, nur irgendwie von meinem Wandel und meinen Gefühlen abhängig, so bin ich nie völlig sicher und gewiss, und nie völlig ruhig und glücklich in seiner Gegenwart. Und dennoch gibt es viele Seelen, die ihre Blicke zuerst auf sich und dann auf das Werk Christi oder auch auf Beides zugleich richten; ja, sie halten es sogar für gefährlich, es nicht also zu tun. Ach! Wie schwer wird es doch dem menschlichen Herzen, an eine vollkommene Gnade zu glauben, und völlig auf Gott zu vertrauen, wie schwer wird es ihm, Gott als Gott zu erkennen. Nichts als Sünde haben und von Gott nichts als Gnade und Liebe empfangen – dies ist es, was uns so schwer wird, völlig zu verstehen.

Aber es ist durchaus nötig, dass wir es verstehen, denn anders wird unser Herz nie ganz sicher und ruhig sein. Gott kann für meine Errettung nichts anderes annehmen als das Werk Christi. Er kann für meine Versöhnung nichts anderes anerkennen als sein Blut. Er will aber auch nichts anderes. Er ist durch dieses Werk und dieses Blut vollkommen befriedigt und vollkommen verherrlicht. Warum willst du denn noch an etwas anderes denken, da es doch nichts anderes gibt, was Gott wohlgefallen und von ihm angenommen werden könnte, und auch nichts anderes mehr nötig ist? Nur das Werk Christi und sein Werk allein hat volle Gültigkeit vor Ihm, und dieses Werk ist für uns vollbracht. Er hat alles völlig getan, was zu tun für uns nötig war. Er hat alle unsere Sünden für immer getilgt und uns als ein für alle Mal gereinigte Anbeter in die Gegenwart Gottes gebracht. Und wir sind ermuntert, zu glauben, fest und zuversichtlich zu glauben und mittels des Glaubens uns zu erfreuen und Gott zu preisen. Wollen wir aber nur nach dem Maß, wie wir würdig wandeln oder uns glücklich fühlen, glauben, so verunehren und entwürdigen wir Gott und das Werk Christi und schwächen auch die Kraft und die Wirkung dieses Werkes auf unser Gewissen. Nur der Glaube empfängt und genießt, was Gott geredet und was Christus vollbracht hat. Nur dem auf dem Werk Christi ruhenden Glauben begegnet und antwortet Gott. Vor Ihm gilt nur der Glaube, der nichts anderes hat und nichts anderes bringt, als das, was Christus für den verlorenen Sünder getan hat, und durch denselben allein weilen wir für immer völlig ruhig und glücklich in seiner Gegenwart und verherrlichen Ihn ohne Furcht. Die wahre Anbetung in der Gegenwart Gottes kann nur die Frucht eines gesunden und nüchternen Glaubens sein, der allein in dem Werk Christi vor Gott ruht. Und der Glaube ist es auch, der stets aus einer unsichtbaren, nie versiegenden Quelle, aus Christus Jesus selbst, Gnade um Gnade, ja, alles, was wir bedürfen, in Fülle schöpft. Und je zuversichtlicher wir glauben, desto freimütiger werden wir schöpfen, desto mehr werden wir empfangen und werden Überfluss haben. Der Zweifler aber geht leer aus (vgl. Jak 1,6.7).

Jetzt möchte ich noch einige Worte über die Aufnahme des Sünders reden – wie er von Gott empfangen wird, wenn er Ihm im Glauben naht. Wo aber könnten wir ein getreueres Bild dieser Aufnahme finden, als in Lukas 15, in dem vom Herrn selbst erzählten Gleichnis vom verlorenen Sohn?

Dieser hatte eigenwillig seinen Vater verlassen und dessen Vermögen in fernem Land in Ausschweifung und Sünden verprasst. Und wann fing er an, seine Torheit und sein trauriges Leben einzusehen? Erst dann, als er Hunger leiden musste und niemand Ihm etwas gab. Und wohin gedachte er sich nun zu wenden? Zu seinem Vater. Wie wunderbar! Den, welchen er am tiefsten beleidigt, gegen den er am meisten gesündigt hatte, traute er die meiste Liebe zu. Und dennoch hatte er ihn verlassen können! – Hier sehen wir das treue Bild eines von Gott entfremdeten und verlorenen Sünders. – Was erwartete nun jener Sohn von der Liebe seines Vaters? Er wollte zu ihm sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“ (Lk 15,19). Es fehlte ihm an Brot, und dies hoffte er trotz seines schändlichen Betragens von ihm zu empfangen. Soweit reichte seine Erkenntnis von der Liebe seines Vaters, aber weiter nicht. Er verstand nicht, was ein Vater für sein Kind fühlt, noch dachte er an den Schmerz und das Verlangen eines Vaterherzens, wenn jenes verloren ist, noch erkannte er die Kraft und das Maß dieser Liebe, deren Freude und Glück völlig vernichtet ist, solange das verlorene Kind fehlt, noch verstand er letztlich, dass diese Freude und dieses Glück in voller Lieblichkeit zurückkehren, wenn der einzige Gegenstand derselben wiedergefunden ist. Er beurteilte des Vaters Liebe nach seinen eigenen engherzigen Gedanken, und diese ließen ihn nur den Empfang eines Tagelöhners erwarten.

„Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn sehr. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen. Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein“ (Lk 15,20–24).

Empfängt man auf diese Weise einen Tagelöhner? Oder nimmt man so einen Sohn wieder auf, der seinen Vater mutwillig verlassen und in einem fernen Land dessen Vermögen auf eine so traurige Weise vergeudet hat? Gott allein ist fähig, dies zu tun. Nur seine Liebe und seine Gnade sind ohne Schranken. Jesus will uns auch hier nicht erzählen, wozu der Mensch fähig ist – davon gibt Er uns ein trauriges Bild in dem verlorenen Sohn – sondern was die Gefühle des Herzens seines Vaters gegen einen solchen Sohn sind. Diesem, als er noch fern ist, entgegen zu laufen, ihm ohne jeglichen Vorwurf um den Hals zu fallen, unter Tränen ihn viel zu küssen, keinen einzigen vorwurfsvollen Blick auf seine zerrissenen und zerlumpten Kleider zu werfen, ihn mit Geschenken und Segnungen zu überhäufen und seinetwegen sogar ein Freudenfest zu bereiten – wahrlich, eine solche Aufnahme kann nur aus dem Herzen seines Vaters fließen. Der Mensch kennt und besitzt diese Liebe nicht. Er mag wohl einen verlorenen Sohn, wie einen Tagelöhner zu empfangen wissen, aber er ist unfähig, ihn mit einem solchen Herzen und mit einer solchen Liebe als Sohn zu empfangen.

Ein menschlicher Vater würde im besten Fall zu sich selbst gesagt haben: „Ich freue mich zwar sehr, dass mein Sohn wieder da ist, und ich nehme ihn auch gern wieder auf, doch muss ich zuerst sehen, ob seine Reue auch aufrichtig ist, ob der Schmerz über sein Betragen auch tief genug von ihm gefühlt wird. Ich will ihm nicht entgegen eilen, sondern ihn zu mir kommen lassen, er möchte sonst, wenn er meine Freude sieht, nicht einmal daran denken, wie tief er mich gekränkt und beleidigt hat. – Dann muss ich ihn auch in der ersten Zeit mit großem Ernst behandeln, mehr wie einen Tagelöhner, damit sein Gefühl über sein schändliches Betragen nachhaltiger ist, und er nicht so leicht wieder denselben Weg einschlägt.“ Diese und ähnliche Überlegungen würden im besten Fall sicher in dem Herzen eines Menschen Raum gefunden haben. Sie finden aber keinen Raum in dem Herzen Gottes bei der Aufnahme eines verlorenen Sünders, wenn dieser endlich von seinem leichtsinnigen, Gott vergessenen Weg zurückkehrt. Ein menschlicher Vater würde es vielleicht der Vorsicht gemäß geachtet haben, die zerlumpten Kleider des Sohnes zur Erinnerung an sein Betragen aufzubewahren. Dieser Vater aber, von dem Jesus redet, erwähnt sie nicht einmal, sondern befiehlt seinen Knechten: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an“! Der verlorene Sünder, der zu Gott naht, empfängt durch Christus das Kleid der Gerechtigkeit Gottes, und seiner Sünden werden nie mehr gedacht.

Es ist gewiss sehr erfreulich und lieblich, einen verlorenen Sohn zurückkehren zu sehen – es freuen sich die Engel Gottes im Himmel über einen Sünder, der Buße tut (vgl. Lk 15,10) – aber das schönste und herrlichste ist das Glück des Vaters und die Handlung seiner Liebe. Das Herz des Sohnes war sicher, wenn auch niedergebeugt unter dem Gewicht einer solchen Liebe, voll von Freude und Seligkeit, aber die höchste Freude, die, welche Jesus allein würdig findet, in ihrer ganzen Lieblichkeit darzustellen, ist die Freude des Vaters. Die Freude des verlorenen Sünders hat gewöhnlich ihren Grund in der Gewissheit seiner Errettung und seiner Annahme. Wie sehr aber würde diese erhöht werden, wenn er bei seiner Aufnahme die Freude Gottes zu erfassen vermöchte. Gott kommt ihm entgegen in der ganzen Fülle seiner Gnade und Liebe und überhäuft ihn mit Segnungen. Und indem Er ihm also begegnet, befriedigt Er seine eigene Liebe und erfüllt seine eigene Freude.

Es könnte nun jemand fragen: „Wie ist es aber möglich, dass Gott, der doch auch vollkommen heilig und gerecht ist, einen Sünder also empfangen kann?“ – Das Kreuz Christi allein gibt eine völlig befriedigende Antwort. Dort hat Er in seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit einen anderen empfangen, und zwar den, der allein würdig war, als Sohn empfangen zu werden, und der allein auf diese Liebe des Vaters völlig Anspruch erheben konnte, denn Er hatte allezeit seinen Namen verherrlicht. Christus aber hat um unsertwillen auf diese Freude verzichtet, und ist freiwillig an unsere Stelle getreten. Auf Ihn waren alle unsere Sünden gelegt, und also beladen mit denselben, begegnete Er Gott in seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit. Und was war sein Empfang? Der vollkommen Gehorsame wurde am Kreuz verlassen – keine Vaterarme waren für Ihn geöffnet –, über den Geliebten Gottes kamen die Fluten des göttlichen Zornes, und den Gerechten traf das schreckliche Gericht der elenden und gottlosen Sünder –, ein Gericht, welches diese für immer verzehrt haben würde. Ja, Er allein vermochte diesen Kelch zu trinken, und Er hat ihn bis auf den letzten Tropfen geleert. Gott ist in seiner Gerechtigkeit dem geliebten Sohn auf dem Kreuz begegnet, als einem Ungerechten, als einem gottlosen und verworfenen Sünder, und deshalb kann Er diesen jetzt empfangen als den geliebten Sohn. Wohl mag der Sünder im Gefühl seiner Schuld an eines Tagelöhners Empfang denken, wenn er naht. Wohl mag er ausrufen: „O, wenn ich nur Vergebung meiner Sünden hätte! Wenn ich nur für immer ein Türhüter meines Gottes sein könnte!“ Aber siehe! wenn er noch fern ist, eilt ihm Gott entgegen, und empfängt ihn mit der ganzen Liebe seines Vaterherzens. Er empfängt ihn als einen langersehnten und geliebten Sohn, als Christus Jesus selbst. Von seinen Sünden ist nicht mehr die Rede – auch nicht im Geringsten. Um diese handelte es sich, als Christus Gott auf Golgatha begegnete, aber jetzt sind sie für immer getilgt, und kein Vorwurf kann den Sünder mehr treffen, der auf Grund des Blutes Christi naht. Jetzt kann Gott dem ganzen Strom seiner Gnade und Liebe freien Lauf lassen, denn alles, was nur irgendwie diesen Strom hemmen könnte, hat Christus am Kreuz für immer aus dem Weg geräumt.

Als Er, beladen mit unseren Sünden, der Gerechtigkeit Gottes begegnete, da „kam eine Finsternis über das ganze Land“ (Mt 27,45) – Trauer und Schmerz erfüllte alle Himmel – und jetzt, wenn der Sünder der Gnade Gottes begegnet, so freuen sich alle Engel im Himmel und es freuen sich auch die Erlösten auf der Erde und verherrlichen Gott. Die höchste und tiefste Freude aber ist, wie wir gesehen haben, im Herzen des Vaters, der jetzt gegen einen verlorenen, aber wiedergefundenen Sohn seine ganze Liebe und Gnade in den reichsten Segnungen ausströmen lassen kann. Und Er ruft aus: „Lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden“ (Lk 15,23.24).

Lasst uns auch dies noch bemerken, geliebte Freunde: Wenn Gott den Ihm im Glauben nahenden Sünder aufnimmt, als handle es sich um die Aufnahme seines eingeborenen und geliebten Sohnes, so ehrt Er Christus, denn Christus hat deshalb auf die Ihm gebührende Ehre und auf die Freude und das Glück dieses Empfangs auf Golgatha verzichtet, damit es uns zuteilwerden möchte. Er ist deshalb im Gericht völlig an unsere Stelle – „der Gerechte für die Ungerechten“ (1. Pet 3,18) – getreten, damit wir an seiner Statt völlig als Gerechte empfangen werden möchten. Christus kann jetzt vom Vater erwarten, dass Er uns begegnet und aufnimmt, als Ihn selbst. Würden wir verschmäht, so würde Er verschmäht. Wäre unser Empfang ohne Freude und ohne Ehre, als handle es sich um den Empfang eines Tagelöhners, so wäre Er verunehrt. Wir könnten mit einem solchen Empfang sicher zufrieden sein, aber Er nicht! Es handelt sich hier um Ihn und seine Ehre!

Aber auch der Vater selbst kann uns nicht anders empfangen, weil Er gerecht ist, und Er kann es nicht, weil Er die Liebe ist. Einen Sünder zu empfangen und zu richten kann gewiss für ein Vaterherz nichts Erfreuliches sein. Aber ein verlorenes Kind wieder in seinen Armen zu haben, das ist eine tiefe und glückselige Freude für das Herz eines Vaters. Und auf diese Freude musste Gott verzichten, als Er seinem eingeborenen Sohn, beladen mit unseren Sünden, auf Golgatha begegnete. Sollte Er nicht seinen Vatergefühlen ihren freien und ungehinderten Lauf lassen, wenn diejenigen kommen, für welche Er darauf verzichtet und für welche Er sie aufbewahrt hat? Ach, wer begreift alle die unendlichen Tiefen dieser Liebe und Gnade Gottes! Und wie beschämend und verwerflich ist es, noch mit Furcht und Zweifel und allerlei Überlegungen des Herzens von fern stehen zu bleiben und zu fragen: „Darf ich kommen, wie ich bin? Darf ich zuversichtlich glauben? Wird Gott mich annehmen oder hat Er es getan?“ Alle diese Zweifel und Bedenken, alle diese ungläubigen Fragen zeigen zu deutlich, wie wenig Gott in seiner Gnade und Liebe erkannt, und wie wenig das Werk Christi in seiner ganzen Kraft und Tragweite verstanden und geschätzt wird. Wären unsere Errettung und unsere Annahme von unserem Tun abhängig, dann hätten wir freilich alle Ursache zu zweifeln und uns zu fürchten, doch jetzt nicht mehr. Unser Heil ist zu fest gegründet und unsere Annahme in Christus zu sicher gemacht, als dass wir noch irgendeinem Zweifel Raum geben könnten. Und wenn wir es dennoch tun, so trüben und schwächen wir den Frieden und die Freude unseres Herzens, und was noch mehr ist, wir betrüben den Herrn in seiner Gnade und Liebe.

Der zurückgekehrte Sohn mochte sich tief beschämt fühlen, einen solchen Vater solange verlassen und so schnöde gegen ihn gehandelt zu haben, aber sicher gab es in seinem Herzen weder Furcht noch Zweifel noch Ungewissheit über die Gnade und Liebe des Vaters und über seine Annahme bei ihm. Er vergaß ja sogar zu sagen: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Wie konnte er es in den Armen seines geliebten Vaters noch wagen, nur daran zu denken! Würde er mit solchen Worten ihn nicht auf das tiefste betrübt haben? Alles, was er hörte und sah, zeugte von einer Gnade und Liebe, die sein Herz nicht zu fassen vermochte. Und was konnte er anderes, als schweigen und sich lieben lassen? Was anderes, als fröhlich und glücklich sein in der Freude und der Liebe seines Vaters? Ach! Und dennoch fehlt es nicht an Seelen, die es für gefährlich halten, sich allezeit und völlig in der Gnade und der Liebe Gottes zu erfreuen. Das menschliche Herz ist immer bemüht, die klaren und reinen Ströme der göttlichen Liebe und Freude zu trüben und durch allerlei Bedenken zu schwächen. Jene Seelen teilen zwar nicht die Gesinnung des anderen Sohnes, dessen eigengerechtes Herz Neid und Zorn erfüllte, der sich deshalb nicht mitfreuen konnte, weil er selbst nie verloren und nie wiedergefunden war, und der auch die Gefühle eines Vaters, welcher sein verlorenes Kind wieder findet, nicht verstand. Aber sie fürchten deshalb, ihrer Freude völlig Raum zu geben, weil es leichtfertig und stolz machen könnte. Der Vater aber sagte: „Lasst uns essen und fröhlich sein.“ Er wollte, dass die Freude ungetrübt und ungeschwächt sei, so wie sie in seinem Herzen war. Sie sollten sich nicht nur an dem Glück des verlorenen Kindes erfreuen, sondern sollten seine Freude und sein Glück mit ihm teilen, und so haben wir einen doppelten Grund zur Freude, wenn ein verlorener Sünder ins Vaterhaus zurückkehrt. Mag denn von ferne stehen bleiben, wer will und Bedenken haben, wer will, – das Wohlgefallen Gottes ist, sich völlig und allezeit in seiner Gnade und Liebe zu erfreuen und in seiner Gegenwart völlig glücklich zu sein.

Christus selbst hat uns in diese Gegenwart gebracht, und sein Werk lässt uns für immer dort sicher und im Frieden ruhen. Es mögen viele Seelen auf ihr Gefühl vertrauen und deshalb getäuscht werden oder ungewiss bleiben, weil unser Gefühl so veränderlich ist. Das Werk Christi aber täuscht nicht und lässt uns auch nicht ungewiss. Es behält für immer seinen vollgültigen Wert und seine vollkommene Kraft. Hier kann der Glaube sicher ruhen, als auf einem unerschütterlichen und felsenfesten Fundament. Dieses Werk ist von Christus vollbracht, von Gott anerkannt und von dem Heiligen Geist bestätigt. Es ist für uns geschehen und kann uns niemals trügen.

Was ist dagegen das schwache elende Gefühl, oder eine Stimme, die man gehört haben will, oder ein Traum, den man geträumt, oder ein Licht, was man gesehen zu haben meint? Ein schwacher, trügerischer Grund, worauf so viele ihre ewige Seligkeit bauen, ein Grund, der nicht Stand hält, wenn die Wasserfluten kommen. Das ganze Gebäude, auf diesen Grund gebaut, stürzt zusammen, und die arme Seele jammert, wie vorhin: „Ich bin verloren! Wer wird mich erlösen!“ O, wie viele, die jahrelang auf diesem Grund ihrer Errettung gewiss zu sein glaubten, haben noch auf ihrem Sterbebett also geseufzt und gejammert. Und ist es nicht höchst beschämend für uns, dass wir, angesichts eines solchen sicheren und festen Fundaments, wie Christus und sein Werk, was uns die Gnade und Liebe Gottes bereitet und dargereicht hat, unsere ewige Errettung auf einen so elenden und trügerischen Grund bauen? Ich will hier nicht untersuchen, in wie weit Gott in seiner Langmut und Gnade einem schwachen Glauben durch ein sichtbares oder fühlbares Zeichen zu Hilfe kommt, aber es ist traurig, dass ein Christ jahrelang, oft bis zur Todesstunde hin, die Gewissheit seiner Errettung und seiner Annahme auf diese schwachen und morschen Stützen setzt, und nicht auf Christus und sein für uns vollbrachtes und ewig vollgültiges Werk. Und solange wir solcher Stützen bedürfen, solange hat unser Glaube keinen festen und sicheren Halt. Wir ruhen nicht da, wo Gott ruht, und wissen uns auch nie völlig sicher und gewiss in seiner Gegenwart. Wir mögen uns mit anderen trösten, denen es nicht besser ergeht. Wir mögen es selbst für den wahren Zustand eines Christen halten, weil so viele darin gefunden werden – das Wort Gottes tröstet und beruhigt uns nicht darin. Denn kann Gott ein Wohlgefallen daran haben, dass wir seinem Wort so wenig glauben, und auf seine so vollkommen offenbarte Gnade und Liebe so wenig vertrauen? Kann es Ihn erfreuen, dass wir die Hingabe seines eingeborenen Sohnes so wenig zu würdigen und dessen für uns vollbrachtes Werk so wenig zu schätzen wissen? O gewiss nicht, meine Brüder. Der allein wahre und gesegnete Zustand eines Christen ist nicht ein ganzes oder teilweises Vertrauen auf unsere Gefühle, sondern ein völliges Vertrauen auf die Liebe Gottes und das Werk Christi – ein Ruhen im festen und zuversichtlichen Glauben auf dem Grund, welchen Gott selbst für uns gelegt hat. Dann, ja dann allein werden wir die volle Wahrheit dieser Worte verstehen und besitzen: „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

(Fortsetzung folgt.)

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