Alles in Christus
Botschafter des Heils in Christo 1859

Alles in Christus (2)

2. Die Befreiung in Christus

„Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2).

Was ist wahre Befreiung in Christus und wie erlangen wir sie? Diese Fragen sollten keinem Christen gleichgültig sein, denn das wahre Verständnis derselben ist für ihn von höchster Wichtigkeit. Unsere Rechtfertigung in Christus sichert für immer unsere Stellung in der Gegenwart Gottes, unsere Befreiung in Ihm lässt uns in dieser Gegenwart leben. Unsere Sicherheit vor Gott gründet sich auf den Tod des Christus am Kreuz, unser Leben vor Ihm auf das Leben des Christus, als dem Auferstandenen – Christus für uns und Christus in uns.

Ehe ich auf diesen so gesegneten Gegenstand weiter eingehe, muss ich einige Bemerkungen voraus schicken.

Es gibt viele Seelen, die in der Tat nicht befreit sind, und viele, die es sind, ohne die wahre Befreiung zu kennen. Jenen fehlt das eigentliche Wesen der Befreiung, diesen die Erkenntnis darüber. Der Unterschied ist sehr groß, wenn auch die Resultate oder die Erfahrungen oft dieselben sind. Jene werden meist durch Schwächung und Vermischung der Wahrheit, die sie hören und lesen, jahrelang in wirklicher Unfreiheit und Furcht gefangen gehalten, während diese auf dieselbe Weise verhindert werden, in Freiheit zu leben. In jedem Fall aber ist die gesegnete Wirkung und Kraft der Wahrheit in diesem Teil verloren. Das Herz ist unruhig und beschwert, der Wandel geschwächt und gehindert und der Name Gottes wird nicht verherrlicht. Und damit sind die vielen ernsten Ermahnungen des Wortes zu einem würdigen Leben nutz– und wirkungslos und das Zeugnis in der Welt ist getrübt und verdunkelt.

Dies alles wird für den Gläubigen, dessen Herz einfältig und aufrichtig ist, von der größten Wichtigkeit sein und er wird sich auch nicht mit der traurigen Wahrnehmung beruhigen können, dass diese Erfahrungen heutzutage unter den Christen so verbreitet sind. Er fürchtet und liebt seinen Herrn und wünscht nichts sehnlicher als die Verherrlichung seines Namens. Er begehrt in der Wahrheit ein unterwürfiger Knecht dessen zu sein, der ihn mit seinem eigenen Blut erkauft, und ein gehorsames Kind dessen, der ihn nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergezeugt hat. Er liebt die gesegneten Fußstapfen seines Herrn und hält es für ein großes Vorrecht, Ihm darin nachzufolgen und seine Schmach zu tragen. Er findet aber, solange er nicht wirklich befreit ist, oder die wahre Befreiung nicht kennt, unendliche Hindernisse. Das Fleisch und die darin wohnende Sünde versperren ihm stets den Weg. Doch welche Freude wird es für ihn sein, in Wahrheit zu erkennen, dass Gott in Christus den Weg völlig bereitet und jedes Hindernis, um auf demselben zu wandeln, beseitigt hat. Deshalb werden auch für ihn, und für ihn allein diese Zeilen von wirklichem Nutzen und Segen sein.

Es ist bei der Lehre von der Befreiung, wie überhaupt bei der Wahrheit Gottes, sehr wichtig, völlig zu erkennen, dass sie nicht durch die natürlichen Sinne erfasst werden kann. „Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen“ (1. Kor 1,25). Und so viel selbst ein Christ den natürlichen Verstand und die menschliche Weisheit in das Wort Gottes hinein bringt, so viel schwächt und verwirrt er für sich selbst die Wahrheit. Hat Gott geredet, so haben wir nichts mehr zu sagen, nichts mehr hinzuzusetzen oder zu überlegen, sondern einfach zu glauben – fest und zuversichtlich zu glauben. Betrachten wir sein Wort, so dürfen wir nie mit einer bestimmten Meinung, nie mit dem, was wir wissen, oder was wir von anderen gelesen und gehört haben, hineinkommen – es sei denn, dass wir durch dasselbe prüfen wollen, ob unsere Meinung, ob das Gelesene oder Gehörte wirklich nach der Wahrheit sei. Diese Vorsicht, ja, diese göttliche Weisheit ist besonders in unseren Tagen so nötig, wo so viele falsche Lehren im Umlauf sind und selbst von Christen so manches über göttliche Dinge gelehrt und geschrieben wird, was mehr oder weniger mit Irrtum vermischt ist, weil sie ihre Erkenntnis, die doch stets dem Wort unterworfen sein sollte, oft über dasselbe stellen. Ach, nicht zu berechnen sind die traurigen Folgen für so viele, viele Seelen, welche bei aller Behauptung, dass Gottes Wort die einzige Richtschnur unseres Lebens und Wandels sei, sich dennoch mehr durch Worte von Menschen, durch allerlei Schriften usw. leiten lassen, als durch die einfache Wahrheit dieses Wortes und auch von jenen viel eher reden und viel mehr zu reden wissen, als von diesem. Wenn der Gedanke: „Es ist Gottes Wort“ uns bei Betrachtung desselben stets mit Ehrfurcht erfüllen würde, so würde auch eine heilige Scheu in uns sein, irgendwo unsere eigene Meinung hineinzutragen oder geltend zu machen, wodurch wir für uns selbst die Wahrheit nur schwächen und oft sogar ganz wirkungslos machen. Allein das Wort Gottes ist die Quelle, woraus wir die lautere Wahrheit schöpfen können, und die Salbung des Geistes wird den Einfältigen sicher darin leiten und ihm das wahre Verständnis mittels des Glaubens öffnen.

Lasst uns deshalb im Licht des Heiligen Geistes alle unsere Meinungen in Betreff des vorliegenden Gegenstandes nach dem Wort Gottes prüfen und untersuchen. Lasst uns alles, was mit demselben nicht in völliger Übereinstimmung ist, mit Entschiedenheit verwerfen – sei es auch noch so alt und noch so allgemein anerkannt – und lasst uns die Belehrung Gottes über diesen Gegenstand, wie über jeden anderen, mit einfältigem Herzen und voller Gewissheit des Glaubens ergreifen und festhalten.

Wenden wir uns nun zunächst zu dem siebten Kapitel des Römerbriefes, zu diesem so oft erwähnten Abschnitt der Heiligen Schrift. Viele Christen werden durch mehrere Aussprüche in diesem Kapitel zu ihrem eignen Schaden irregeleitet, nicht aber deshalb, weil dieses Kapitel vor allen anderen so schwierig zu verstehen wäre, sondern deshalb, weil es gewöhnlich oberflächlich betrachtet und weil die Meinung anderer darüber so leichtfertig angenommen wird. Es ist sehr verbreitet, dass wahre Christen die letzte Hälfte desselben auf sich anwenden, und besonders durch Stellen, wie Röm 7,14 und 19: („Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“, „denn nicht das Gute, das ich will, übe ich aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“) ihren eigenen Zustand zu bezeichnen suchen. Sie machen deshalb eine solche Anwendung, weil sie glauben, auch der Apostel rede hier von seinem inneren Zustand. Man würde aber sicher großes Bedenken haben, dieses zu glauben, wenn man die vielen anderen Stellen, die von seinem Leben Zeugnis geben, mit diesen vergleichen würde. Wir lesen z. B. in 1. Thessalonicher 2,10: „Ihr seid Zeugen und Gott, wie heilig und gerecht und untadelig wir gegenüber euch, den Glaubenden, waren“. Und er konnte den Korinthern zurufen: „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi“ (1. Kor 11,1). Und dem Timotheus sagt er: „Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren“ (2. Tim 3,10). Wie passt aber nun dies alles zu den Worten: „Das Gute, was ich will, übe ich nicht aus usw.“? Es wird doch niemand zu behaupten wagen, dass der Apostel in den oben angeführten und vielen ähnlichen Stellen nur von seinem guten Wollen rede, dass er aber das Gegenteil getan habe? Und wenn er den Christen so oft zuruft: „Wandelt würdig!“ – so ist es doch auch sicher nicht seine Absicht, nur gute Vorsätze oder das Verlangen nach einem würdigen Wandel in ihnen zu erwecken und nicht diesen Wandel selbst. Wie nutzlos und töricht würde es aber auch gewesen sein, an andere solche Ermahnungen zu richten, wenn er von sich selbst bekennen musste: „Denn nicht das Gute, das ich will, übe ich aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ oder wenn er unter dem Gesetz der Sünde gefangen lag, und das Gute nicht zu tun vermochte!

Der Herr Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Joh 14,21). Er meint hier aber sicher nicht nur den guten Willen zum Halten seiner Gebote, sondern die wirkliche Tat. An einer anderen Stelle sagt Er: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr alles tut, – nicht tun wollt – was ich euch gebiete.“ Der Apostel Johannes bezeugt: „Und hieran wissen wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht. Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran wissen wir, dass wir in ihm sind“ (1. Joh 2,3–5). Und an einer anderen Stelle sagt er: „Denn dies ist die Liebe Gottes, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer“ (1. Joh 5,3). Diese ernsten Aussprüche zeigen nun alle ganz deutlich, dass es sich um das wirkliche Vollbringen seiner Gebote und seines Wortes handelt und nicht um das Wollen allein.

Weiter lesen wir in Hebräer 9,14: „Wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen!“ Und in Titus 2,14 heißt es: „Der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken“. Diese und ähnliche Aussprüche der Heiligen Schrift werden oft, so überaus köstlich und gesegnet sie auch sind, wenig beachtet und beherzigt. Die wahre aber traurige Ursache hiervon ist, dass wir uns und nicht die Ehre Gottes suchen. Bei so vielen Christen ist die Gewissheit ihrer Errettung die erste und letzte, und oft die einzige Sache. Gottes Absicht, ein Volk – ein heiliges Volk zu besitzen, das Ihm willig diene, beherzigen sie nicht, und noch weniger das Wohlgefallen des Vaters, Kinder zu haben, die durch demütigen Gehorsam Ihn ehren. Ihre Gedanken bei dem Werk Christi gehen über ihre eigene Errettung nicht hinaus. Gottes Gedanken und Gottes Absichten aber gehen weiter. Sicher dachte Er in seinem Erbarmen zunächst an unsere Errettung. Er suchte unser Glück, als Er seinen Eingeborenen und Geliebten für uns dahin gab. Nur in unserem Glück erfüllt sich das seine, in unserer Errettung und Annahme befriedigt sich seine Liebe und seine Freude.

(Fortsetzung folgt.)

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