Botschafter des Heils in Christo 1853

Rechtfertigung und Heiligung

In der Gewissheit, mit der der Apostel Petrus über die in diesem Brief enthaltenen Wahrheiten redet, liegt etwas sehr erquickendes. Es gibt hier weder Unklarheit noch Ungewissheit, vielmehr redet das Wort mit voller Klarheit und Bestimmtheit von anerkannten Dingen zu denen, an die es gerichtet ist. Ihr Glaube wurde erprobt, aber die Sache stand fest. Unergründliche Tiefen von Wahrheiten gehören uns, die sehr beachtenswert und notwendig für uns sind. Sie erheben uns über alle Zweifel und lassen uns nicht im Finsteren tappen. Eine nicht wiedergeborene Seele mag menschlich brav und tugendhaft sein, aber sie hat keine Liebe für den Herrn Jesus und genau das ist es, was den Christen unterscheidet. Der Apostel sagt in 1. Petrus 1,8: „... den ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebt; an welchen glaubend, obgleich ihr ihn jetzt nicht seht, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlockt.“ Dies gilt aber nur für einen Wiedergeboren, der ein ganz und gar neues Leben mit neuen Neigungen und Interessen hat, der in einer neuen Welt lebt und einen Gegenstand besitzt, der ihn ganz einnimmt. Ohne dies ist man kein Christ, weil man Christus nicht hat.

Der Apostel redet in diesem Kapitel zu den Juden in der Zerstreuung. „Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung ...“ (1. Pet 1,1). Er wendet sich an Heimatlose, an Juden, die zum Christentum bekehrt waren, an diejenigen, die auserwählt waren „nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi“ (1. Pet 1,2). Es handelt sich hier um eine andere Auserwählung, als die des jüdischen Volkes, und auch um eine andere Heiligung als bei diesen. Nicht durch äußere Mittel, sondern durch den Heiligen Geist waren sie abgesondert, um an der jetzigen Haushaltung der Gnade Teil zu haben. Die alten Juden waren durch das rote Meer (Wasser) von Ägypten getrennt, diese durch eine Heiligung, die der Heilige Geist bewirkt. Man merke hier besonders das Wort „Heiligung.“ Die erste Bedeutung ist: von der Welt abgesondert, um für Gott bei Seite gestellt zu sein. Das ist es, was Gott an denen tut, die Er beruft. Gott findet die Seele im Bösen liegen, und in 1. Johannes 5,19 heißt es: „Wir wissen, dass wir aus Gott sind, und die ganze Welt liegt im Bösen.“ Es ist köstlich, dieses grade heraus zu sagen. Es handelt sich nicht nur darum, dass wir würdig wandeln – was ohne Zweifel sehr gut ist – sondern um den großen Unterschied: Wir sind von Gott, aber die ganze Welt liegt im Bösen. Wir sind noch nicht vollständig das, was wir zu sein wünschen. Wir werden dies aber im Himmel sein, denn dort wird uns Gott ganz gleich machen dem Ebenbild seines Sohnes.

Gott hat uns für sich abgesondert, wie man einen Stein aus einem Steinbruch losreißt und bei Seite legt, einen Stein, der bestimmt ist, zugehauen, geformt und in irgendein Gebäude eingefügt zu werden. Ein auf diese Weise gelöster, roher Stein erfordert oft eine beträchtliche Arbeit, bevor er in das Haus versetzt wird. Ebenso sondert Gott eine Seele ab, bereitet sie zu und bildet sie, um sie in sein geistliches Gebäude einzufügen. Es gibt viele unnütze Stoffe zu beseitigen, aber Gott handelt alle Tage in seiner Gnade. Von dem Augenblick an, wo die Seele von dem Weg dieser Welt losgemacht wird, ist sie geheiligt und von Gott bei Seite gestellt. Der Apostel redet hier von der Heiligung, bevor er vom Gehorsam und vom Mut Jesu Christi redet, wir sind geheiligt für beides. Er nimmt uns von dem Weg dieser Welt weg, um uns unter die Wirksamkeit dieses teuren Blutes zu versetzen.

So ist nun der Stein zu dem, was Er sein soll, völlig geeignet. Aber er bedarf weiterhin der ständigen Zubereitung zu dem Zweck, den Gott sich vorgesetzt hat. Das ist das Werk des Heiligen Geistes. Die Seele ist von Gott zum Gehorsam bestimmt. Bis zu dem Augenblick ihrer Absonderung hat sie nur ihren eigenen Willen getan und ist ihrem eigenen Weg gefolgt. Jedoch kommt es nicht darauf an, ob der Mensch in seinem natürlichen Zustand mehr oder weniger gut oder böse, ob sein Charakter weichlich oder feurig gewesen ist – so wie den Apostel Paulus hat ihn der Herr auf seinem Weg aufgehalten. Dieser Apostel war zur Genüge unterrichtet in der Religion seiner Väter und war überzeugt, den Willen Gottes zu tun – aber er folgte seinem Willen nach der Leitung, die durch die Tradition seiner Väter ihm eingeprägt war. Niemals hatte er gefragt: „Was soll ich tun, Herr?“ (Apg 22,10) – bis ihn der Herr Jesus auf dem Weg nach Damaskus zu Boden warf. Mit einem Wort: Wie das Benehmen einer Seele vor ihrer Absonderung auch sein mag – nie hat sie den Willen Gottes getan. Dagegen ist es die Aufgabe einer geheiligten und abgesonderten Seele, den Willen Gottes zu tun. Sie kann darin fehlen, aber es ist und bleibt ihre Aufgabe. Jesus hat gesagt: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun!“ (Heb 10,7.9) – Er hatte in einem Sinn die Heiligung (Absonderung) nicht nötig, weil Er heilig war, aber der Zweck seines ganzen Lebens war der Gehorsam. Er hat die Knechtschaft angenommen, war in der Gestalt des sündigen Fleisches und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Nur für Gott war Er da, nur Gottes Willen zu erfüllen, war der Zweck seines Lebens.

Wie wir sehen ist aber die Seele nicht nur für den Gehorsam abgesondert, sondern auch um unter die Besprengung des Blutes Jesu gebracht zu werden und sich dessen Segnungen zu erfreuen. „Das Blut Jesu Christi, seines [Gottes] Sohnes, reinigt uns von aller Sünde“ (1. Joh 1,7). Es handelt sich hier nicht um das Blut von Stieren und Böcken, das das Gewissen desjenigen, der den Dienst verrichtete, nicht zu reinigen vermochte, sondern um das Blut Jesu, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, und dieses Blut ist es, was das Gewissen völlig reinigt (Heb 9,14).

Die Juden unter dem Gesetz hatten, auf ihre eigene Kraft vertrauend, zwar gesagt: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun!“ (2. Mo 19,8) – wollten also einer schon gestellten Forderung nachkommen. Hier ist aber viel mehr, hier ist der Geist, der uns sagen lässt: „Was willst Du, dass ich tun soll?“ – Es ist die Unterwerfung, es ist der Grundsatz des Gehorsams, der wirklich in den Herzen hervorgebracht ist, und der spricht: „Ich weiß nicht, was Du willst. Aber siehe, ich bin bereit, deinen Willen zu tun.“ Das ist der Gehorsam ohne Vorbehalt. Es handelt sich hier nicht um Regeln, die der Mensch nicht erfüllen kann, sondern um einen ganz geänderten Willen, der sich Gott ganz unterwirft. Die Besprengung mit dem Blut Jesu gibt den für Gott abgesonderten Herzen die Reinigung und den Frieden. Sie sind nicht, wie es bei dem opfernden Juden der Fall war, nur für ein Jahr gereinigt, sondern für immer. Eine Seele also, die der Heilige Geist von dem Weg dieser Welt losmacht, bedarf unter allen Umständen der göttlichen Zubereitung. Ist sie auch durch die Vorsehung vor Lastern bewahrt worden, war sie doch, im eigenen Willen einhergehend, weltlich gesinnt und musste unbedingt von der Liebe Gottes erfüllt werden um fähig zu sein, den göttlichen Willen stets erfüllen zu können.

Das Wort „Heiligung“ hat in der Heiligen Schrift unterschiedliche Bedeutungen. In oben angeführter Stelle bezeichnet es die Absonderung von der Welt und die Beiseitestellung für Gott zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi. Auf der anderen Seite aber bedeutet es die täglich fortschreitende Wirksamkeit des Heiligen Geistes in einer abgesonderten Seele zur Zubereitung zu dem Zweck, den Gott sich vorgesetzt hat. „Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird“ (Heb 12,14) – „Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig“ (1. Thes 5,23).

Wenn man nicht von neuem geboren ist, so gehört man noch der Welt an, die unter der Verdammnis ist. So wie wir von Adam geboren sind, müssen wir auch notwendig von Christus geboren sein. Wenn das Herz durch den Heiligen Geist bewohnt wird, so ist es wiedergeboren durch ein Leben, welches es nach einem anderen Ziel hinstößt, nach Christus hin. Das geschieht nicht durch Vorschriften, die an den alten Menschen gerichtet sind, sondern durch ein neues Leben. Dieses Leben gehört nicht dieser Welt an, weder in seinen Quellen, noch in seinem Endzweck, mithin kann es mit derselben nichts gemeinsam haben. Der Christ hat zum Gegenstand, zum Zweck und zur Freude, was Christus ist. Seine Neigungen sind himmlisch, wie Christi Neigungen es sind, der Geist in ihm kann kein anderer sein, als der, der in Christus war. Der Christ kann Fehler machen, das wissen wir. Aber das hebt die Wahrheit nicht auf, dass zwischen ihm und der Welt keine Gemeinschaft ist. Die Welt aber hält sein Leben für ein trauriges, weil sie seine Freuden nicht kennt.

Ja, unsere Freude ist groß. Der Tod, Satan und die geistlichen Bosheiten sind durch Christus besiegt, und seine Auferstehung hat alles vernichtet, was zwischen uns und der Herrlichkeit war. Er hat sich an unsere Stelle gesetzt, sich allen Folgen derselben unterzogen und die Welt und Satan besiegt: „Widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen“ (Jak 4,7). Wenn er schon besiegt ist, so haben wir ihn nicht zu besiegen, sondern ihm nur zu widerstehen, und wenn wir ihm widerstehen, so weiß er, dass er Christus als seinem Sieger begegnet. Das Fleisch widersteht ihm nicht. Jesus gibt uns eine lebendige Hoffnung durch seine Auferstehung von den Toten. Indem wir in Ihm sind, stehen wir auf einer Grundlage, welche unbeweglich ist. Er hat in allem den Sieg davon getragen und uns ein unverwesliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbteil erworben, das in den Himmeln aufbewahrt ist für uns, die wir durch Gottes Macht durch Glauben bewahrt werden zur Errettung, die bereit ist, in der letzten Zeit offenbar zu werden (1. Pet 1,4.5). Dieser Schatz ist in den Himmeln, darum habe ich nichts zu befürchten, er ist wohl aufgehoben. Aber was ich in Bezug auf mich befürchte, das sind die Versuchungen und alle Arten von Schwierigkeiten, weil ich noch ein Pilger hier auf der Erde bin. Das ist wahr, aber unsere Sicherheit besteht nicht darin, dass wir nicht geprüft oder versucht werden, sondern darin, dass wir von Gott bewahrt werden in der Prüfung auf der Erde, so wie das Erbteil in den Himmeln aufbewahrt ist für uns.

Dies ist die Stellung des Christen, der durch die Auferstehung Christi abgesondert und wiedergeboren ist. Indem wir die Herrlichkeit erwarten, werden wir bewahrt durch die Macht Gottes durch den Glauben, abgesondert von der Welt durch die Macht und Mitteilung des Lebens Christi, der den Sieg über alles davon getragen hat, was unsere Teilnahme daran hätte verhindern können. Gott ist es, der den Boden bearbeitet, damit alle Neigungen des Herzens solcher Gestalt gesichtet, gereinigt und geübt seien, so dass sie in völliger Übereinstimmung mit der Herrlichkeit in dem Himmel stehen. Ist es umsonst, dass man das Gold dem Schmelztiegel übergibt oder geschieht es deshalb, weil es noch kein reines Gold ist, sondern erst werden soll? Es soll von den Schlacken gereinigt werden. Gott nimmt von unseren Herzen durch die Prüfung das weg, was es Unreines gibt, damit wir uns, wenn die Herrlichkeit eintritt, derselben völlig freuen können. „Ihr [frohlockt] mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude, indem ihr das Ende eures Glaubens, die Errettung der Seelen, davontragt“ (1. Pet 1,8.9)

Das Herz befindet sich immer nahe an der Quelle seines Glückes, in dem Herrn Jesus. Er ist da, mitten in unseren Versuchungen, und obwohl seine Liebe ohne Grenzen ist und jede Erkenntnis überschreitet, so können wir dennoch sagen, dass wir die Erkenntnis davon haben. Die Magnetnadel weicht immer ein wenig vom Pol ab und zittert, wenn Stürme und Gewitter toben, aber ihre Richtung ändert sich nicht. Die Magnetnadel des Christen, der Glaube, zeigt immer auf Christus. Das Herz, das Ihn versteht und liebt, welches weiß, wo Er vor ihm vorüber gegangen ist, sieht auf Ihn und hält Ihn in allen Schwierigkeiten fest. Wie holprig und schwierig der Weg auch sein mag, so ist er dennoch für uns kostbar, weil wir hier die Fußstapfen Jesu finden, und vor allem, weil dieser Weg uns durch alle Schwierigkeiten hindurch, in die Herrlichkeit, wo Er ist, führt. „Worin Ihr frohlockt, die ihr jetzt eine kurze Zeit, wenn es nötig ist, betrübt seid durch mancherlei Versuchungen; damit die Bewährung eures Glaubens, viel kostbarer als die des Goldes, das vergeht, aber durch Feuer erprobt wird, befunden werde zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi“ (1. Pet 1,6.7).

Das Ziel unseres Glaubens ist, Christus zu sehen und die Herrlichkeit, die Er uns erworben hat, zu besitzen. Ich sehe jetzt diese Herrlichkeit nur durch einen Schleier und es dauert mir zu lange, bis ich droben bin. In dieser Prüfungszeit schaue ich auf den, der schon in der Herrlichkeit ist und mich sicher hält, und der Besitz des Erbes ist mir auf der Erde so gewiss, als ob ich schon in die Ruhe eingegangen wäre. Meine Neigungen, Gewohnheiten und mein Wandel gestalten sich nach dem Leben und nach dem kostbaren Auftrag, den ich von Gott empfangen habe: Das ist die praktische Heiligung. – Nehme ich einen Diener in mein Haus auf, so will ich, dass er so rein sei, wie ich es selbst bin. So will auch Gott, dass wir für sein Haus ganz und gar geschickt und geeignet sein sollen: „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1. Pet 1,16). Gott will eine praktische Heiligung bei seinen Dienern. Auch soll unser Glaube fest und beständig werden, „damit euer Glaube und eure Hoffnung auf Gott sei“ (1. Pet 1,21). Wir vertrauen aber nicht nur auf einen Gott, der ein gerechter Richter ist, sondern der auch für uns ist und uns in seine Familie eingeführt hat, indem Er uns abgesondert hat zum Gehorsam und zur Besprengung des Blutes Jesu. Er hat uns geliebt mit einer ewigen Liebe und alles erfüllt, was uns betrifft. Er bewahrt uns durch seine Macht durch den Glauben um uns in die Herrlichkeit einzuführen. Er stellt uns auf Proben, Er lässt uns durch den Schmelztiegel gehen, damit die Bewährung unseres Glaubens sei zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi. „Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verdamme? Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auch auferweckt worden, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch zu uns verwendet. Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus?“ (Röm 8,33–35). Christus ist der Gegenstand unserer Wünsche, unserer Hoffnungen. Können wir auch noch alles das nicht begreifen, was Er für uns ist, müssen wir auch täglich in dieser Erkenntnis wachsen, so wissen wir doch, dass Er alles vollbracht hat, damit wir heilig und untadelig seien in der Liebe.

Es gibt in moralischer Hinsicht nichts Gemeinsames zwischen dem ersten und dem zweiten Adam. Der erste hat gesündigt und das ganze Menschengeschlecht mit in seinen Fall hineingerissen, der zweite ist die Quelle des Lebens und der Kraft. Dieses hat Anwendung auf alles, was in der Welt ist, und auf alle Wahrheiten des Christentums. Es gibt nur diese beiden Menschen.

Das Ende unseres Kapitels erinnert uns an das vierzigste Kapitel des Propheten Jesaja 1, welches damit beginnt: „Tröstet, tröstet mein Volk! ... Stimme eines Sprechenden: Rufe! Und er spricht: Was soll ich rufen? „Alles Fleisch ist Gras, und all seine Anmut wie die Blume des Feldes. Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; denn der Hauch des HERRN hat sie angeweht. Ja, das Volk ist Gras. Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit‘“ (Jes 40,1.6–8) – Ehe Gott beginnt, muss Er uns begreifen lassen, dass alles Fleisch wie Gras ist. Wenn Gott sein Volk trösten will, sagt Er: „Alles Fleisch ist Gras!“ und: „das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.“ Hier ist die Grundlage der Hoffnung. Wenn es möglich war, dass jemand etwas erlangen konnte, so waren es die Juden, die alles hatten. Aber sie waren trotzdem nicht mehr als das trockene Gras des Feldes. Wir sehen also hieraus, dass bei der Bekehrung eines Menschen das Herz völlig neu geschaffen werden muss. Selbst der Christ, wenn er diese Überzeugung nicht fest hält, ist unfähig, etwas Gutes hervorbringen zu können. Denn so lange man in seinen Bemühungen, aus dem Fleisch Gutes zu ziehen, verharrt, so lange man nicht überzeugt ist, dass das Wort Gottes in Ewigkeit bleibt, wird man den Angriffen des Feindes gegenüber verwirrt und schwach sein. Das Wort Gottes trocknet den Menschen aus, der Hauch des Herrn ist über ihn hinweg gegangen. Es ist unmöglich, die Herrlichkeit des Fleisches in den Himmel einzuführen, darum gibt Gott demselben auch keine Vorschriften, welche es nicht erfüllt, sondern Er kommt, um es zu vernichten. Er beginnt mit der Mitteilung eines neuen Lebens und macht die Kreatur los von den Dingen, an die das Fleisch sie bindet. Der Heilige Geist teilt ihr die Dinge der zukünftigen Welt mit und das Mittel, die Er anwendet, ist das Wort Gottes, das Wort, von dem gesagt ist, dass es bleibe in Ewigkeit. Wir sind gezeugt von dem Wort der Wahrheit, und es ist ein zweischneidiges Schwert, das alles richtet, was nicht von diesem neuen Leben ist.

Prüfen wir den Unterschied zwischen unserer Rechtfertigung und unserer Heiligung. Die Rechtfertigung ist etwas, was nicht in uns ist. Sie ist eine Stellung, in die Gott uns vor sich hingestellt hat. Diejenigen, die diese Gerechtigkeit besitzen, die ihnen von Gott beigelegt ist, sind Nachkommen des zweiten Adams und besitzen alles, was Er hat und was Er liebt. Wer diese Gerechtigkeit von Gott hat, ist von Ihm geboren und als Kind in das gleiche Recht mit Jesus, der der Erbe aller Dinge ist, gestellt. Er ist in der Gerechtigkeit und den Segnungen, worin Christus sich selbst befindet. Und ebenso, wie er von dem ersten Adam alle Folgen und Resultate seines Falles geerbt hat, ebenso erbt er, von dem zweiten Adam geboren, alles, was dieser selbst erlangt hat. Gott stellt uns seine Liebe dar, Er offenbart sie uns, und sein Wort bleibt in Ewigkeit. Er offenbart uns seine Gerechtigkeit, die Er selbst erfüllt hat und lässt uns Teil an ihr nehmen.

Gott kann uns nicht Vorschriften der Heiligung geben, solange wir die Rechtfertigung nicht besitzen. Die Wirkungen des Lebens Christi sind diese: von der Sünde zu überzeugen und auch die Früchte hervorzubringen. Bis dahin, dass eine Seele zu dem Geständnis gekommen ist: „Jesus ist alles und ich habe nichts“ – bis dahin, sage ich, gibt es in dieser Seele noch nichts, was sich auf die christliche Heiligung bezieht. Man muss diese Dinge auseinander wickeln, wenn die Seele Frieden haben soll.

Bei der Predigt des Petrus am Pfingsttag wurden 3000 Seelen errettet. Von dem Augenblicke an, wo sie das Evangelium angenommen hatten, waren sie über ihre Errettung nicht im Zweifel. Man darf die Fortschritte des praktischen Lebens nicht mit der Rechtfertigung verwechseln, weil die fortschreitende Heiligung nur in einer Seele bewerkstelligt wird, die das ewige Leben hat. Das ist eine ganz neue Sache, wovon es keine Spur gab, bevor ich Christus gefunden habe. Wenn man die Stelle versteht: „Ohne Heiligkeit wird niemand den Herrn sehen“ (vgl. Heb 12,14) – eine Stelle, die schon manchen beunruhigt hat, so ist es klar, dass ich den Herrn nicht sehen kann, wenn ich Christus nicht besitze. Wenn ich nicht das Leben des zweiten Adams habe, wie ich einmal das Leben des ersten hatte, so werde ich sein Antlitz nicht schauen. Die erste Frage, die in einem solchen Fall nötig ist, lautet: „Hast Du Frieden mit Gott?“ – „Bist Du von der Vergebung deiner Sünden überzeugt?“ – Wenn nicht, so handelt es sich um die Rechtfertigung, nicht um die Heiligung des Sünders.

Die wesentliche Sache ist der Gehorsam unter die Wahrheit. Man sucht die Reinigung, man sucht Frucht zu bringen, aber das ist es nicht, was Gott zuerst von uns fordert. Es ist, wie gesagt, der Gehorsam unter die Wahrheit. Wovon redet der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit? Er hat uns viel zu sagen, aber Er beginnt vor allem damit: „Alles Fleisch ist wie Gras!“ (1. Pet 1,24). Er sagt, dass im Menschen nichts Gutes vorhanden ist, Er überzeugt die Welt von der Sünde. Die ganze Welt liegt im Bösen. Sie hat Christus nicht gewollt, und der Heilige Geist kann sich nicht vorstellen, ohne zu sagen: „Ihr habt Christus verworfen.“ Er kommt in diese Welt und zeugt von ihrem Stolz und ihrer Rebellion. Wo das anerkannt ist, teilt Er den Frieden mit, den Er durch das Evangelium verkündigen lässt, aber Er redet zu Sündern nicht von der Heiligung. Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6), und der Heilige Geist redet zum Sünder von der Gnade, von der Gerechtigkeit Gottes und von dem Frieden, der nicht erst gemacht werden muss, sondern bereits gemacht ist. Und dies ist die Wahrheit. Er überzeugt die Welt von dem, was sie ist und redet zu ihr von dem Willen Gottes, durch den der Gläubige geheiligt ist. Er teilt das Leben mit, nicht durch einen vergänglichen, sondern durch einen unvergänglichen Samen, der das lebendige und ewig bleibende Wort Gottes ist. So geschieht es, dass Gott zuerst den Grund der Heiligung legt, welches das Leben Christi in uns ist. Und das praktische Mittel dazu ist das Wort der Wahrheit.

Der Heilige Geist redet zu unbekehrten Menschen nicht von Fortschritten der Heiligung. Erst wenn der Sünder die Wahrheit, wie Gott sie darstellt, begriffen hat, so setzt ihn der Heilige Geist in Beziehung mit Gott, dem Vater, und erfreut ihn alles dessen, was Christus erworben hat. „Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit“ (2. Thes 2,13). Es ist also der Glaube an die Wahrheit und nicht der Glaube an die Früchte. Der Heilige Geist kann mir nicht die Werke, die Er hervorgebracht hat, zum Gegenstand meines Glaubens vorstellen. Er redet zu mir von meinen Mängeln, aber niemals von meinen guten Welken, die Er mir gibt. Er bringt sie in mir hervor, aber Er verbirgt sie mir, denn wenn man daran denkt, so ist dies nur eine feinere Eigengerechtigkeit. Es ist dann so wie bei dem Manna, das Maden hervorbrachte, wenn man es verwahrte. Es ist immer nötig, dass mir der Heilige Geist Jesus vorstellt, damit ich Frieden habe.

Jesus sagt zu den Seinigen: „Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin. Heilige sie durch die Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,16.17) – In dieser Welt befindet sich die Wahrheit nicht, die Welt ist eine ungeheure Lüge. Das hat sie gezeigt in der Geschichte, den wir in der Heiligen Schrift besitzen. Hier finden wir die Offenbarung der Sünde in dem natürlichen Menschen und die Offenbarung des Lebens Gottes in einem durch sein Wort Wiedergeboren. Jesus heiligt sich selbst für die Seinigen (Joh 17,19). Hier ist nicht ein Gesetz, das fordert, sondern Christus selbst ist es, der das Leben und die Kraft dessen ist, was Er für uns erworben hat. Er stellt die Erfüllung der Vollkommenheit dar und ist die Lebensquelle von allem. Indem ich dieses betrachte, gibt es in mir einen Widerschein durch den Glauben, der im inneren Menschen und im praktischen Leben offenbar wird.

In Jesus war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Er war voller Gnade und Wahrheit, und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Es gibt keinen Christen der nicht in dem Besitz der ganzen Gnadenfülle wäre, die in Christus ist. Nehmen wir den Zustand des Verfalls an: es ist der stärkste Fall, aber er hindert dennoch nicht, dass wir in Ihm nicht alles hätten. Es ist traurig, dass es Verfall gibt, aber das ändert nicht die Stellung, denn der Christ hat nicht nur einen Teil, sondern Christus ganz und gar.

„Heilige sie durch die Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit.“ Diese Heiligung finde ich nicht dadurch, dass ich auf mich, sondern auf Jesus sehe, in dem sie ist, indem Christus für uns von Gott zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht ist. Wenn ich auf Ihn sehe, so ist meine Seele im Frieden. Sein Geist ist immer in mir und ich bin durch den Glauben in Ihm geheiligt und im Genuss dieser Gnade, die uns eins macht mit Ihm. Christus gibt uns dies alles und offenbart uns, dass die Erlösung geschehen ist. Ich freue darüber, weil ich der Wahrheit gehorsam geworden bin. Wenn jemand die Heiligung sucht, ohne seiner Rechtfertigung versichert zu sein, und er darüber geängstigt und in Zweifel versetzt wird, ob er ein Christ sei, dann werde ich ihn fragen: „Was hast Du mit der Heiligung zu tun? Du hast dich jetzt noch nicht mit ihr zu beschäftigen. Versichere dich vor allem, dass Du erlöst bist – wenn Du im Glauben bist, so bist Du gerettet, heilige dich im Frieden. Gott redet mit Dir von dem einmal geschlossenen Frieden. Er sagt Dir, dass Er seinen Sohn hingegeben hat. Das ist die Wahrheit, der Du dich vor allem unterwerfen und die Du annehmen musst, bevor Du dich mit der Heiligung beschäftigst, die von dem abhängt, der Dir das ewige Leben gegeben hat. Fange also damit an, der Wahrheit gehorsam zu sein. Diese Wahrheit redet zu Dir von der Gerechtigkeit Gottes, die Jesus genügt und die dein ist, oder vielmehr sei in Jesus Christus. Dann wirst Du dich des Friedens erfreuen und Du wirst im praktischen Leben geheiligt sein. Die praktische Heiligung entspringt aus der Betrachtung unseres Herrn. Das ist es, was der Apostel Paulus in 2. Korinther 3,18 sagt: ‚Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist.‘ Hier ist der Grund des Lebens und nicht in deinen Beunruhigungen. Man verwirklicht die Entwicklung dieses Lebens Jesu in fortschreitender Weise, indem man auf Jesus sieht. Der Glaube ist es, der heiligt, so wie er auch rechtfertigt: er sieht auf Jesus. Als Mose vom Berg herab stieg, aus der Nähe Gottes, wusste er nicht, wie glänzend von Herrlichkeit sein Angesicht war, aber die, die ihn sahen, wussten es. Mose hatte Gott angesehen, die anderen sahen die Wirkung davon. Gott sei gelobt, dass es sich im praktischen Sinn so verhält. Wir sind gerettet und hinsichtlich unserer Person Gott geheiligt. Es handelt sich von Seiten Gottes nicht darum, das Leben zu fordern, sondern mitzuteilen, und diese Mitteilung geht aus Jesu hervor, der die Quelle davon ist. Sein Wort bleibt in Ewigkeit. Wie fest muss nicht unser Vertrauen auf dieses Wort sein.“

(Frei nach dem Französischen)

Fußnoten

  • 1 Ich rede hier nicht von der Erfüllung der Prophezeiung, die später bei den Juden stattfinden wird, sondern von einem großen Grundsatz.
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