Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Das Lied Moses

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Eine prophetische Schilderung

„Und Mose redete vor den Ohren der ganzen Versammlung Israels die Worte dieses Liedes bis zu ihrem Schluss.“ Wir gehen nicht zu weit, wenn wir sagen, dass wir hier einen der wichtigsten und umfassendsten Abschnitte des Wortes Gottes vor uns haben, der eingehende Betrachtung erfordert. Er enthält die Geschichte der Wege und Handlungen Gottes mit Israel von Anfang bis Ende und einen feierlichen Bericht der schrecklichen Sünden dieses Volkes und der göttlichen Gerichte über das Volk. Aber, Gott sei Dank!, er beginnt und endet mit Gott. Wäre das nicht so, dann hätten wir nur die traurige Geschichte der Wege des Menschen vor uns und müssten hiervon überwältigt werden. So aber können wir die Geschichte der Wege des Menschen in Ruhe verfolgen und sehen, wie alles unter seinen Händen zugrunde geht, welche gewaltigen Anstrengungen der Feind macht, um sich der Ausführung der Ratschlüsse und Vorsätze Gottes zu widersetzen, und endlich, wie das Geschöpf in allem versagt hat und so dem traurigsten Verderben anheimgefallen ist. Wir können das deshalb mit Ruhe tun, weil wir wissen, dass Gott trotz allem Derselbe bleibt. Er wird am Ende die Oberhand behalten, und dann wird und muss alles in Ordnung kommen. Dann wird Er „alles in allem“ sein, und kein Feind, nichts Böses wird in dem unermesslichen Bereich des Segens gefunden werden, in dem unser anbetungswürdiger Herr Jesus Christus gleichsam die Zentralsonne bilden wird.

„Horcht, ihr Himmel, und ich will reden; und die Erde höre die Worte meines Mundes!“ Himmel und Erde werden aufgefordert, auf diese erhabenen Aussprüche zu lauschen. „Wie Regen träufle meine Lehre, wie Tau fließe meine Rede, wie Regenschauer auf das Gras und wie Regengüsse auf das Kraut! Denn den Namen des HERRN will ich ausrufen: Gebt Majestät unserem Gott!“ (V. 1–3).

Hier sehen wir die feste, unerschütterliche Grundlage von allem. Mag kommen was will, der Name unseres Gottes wird ewiglich bestehen. Keine Macht der Erde oder der Hölle kann die göttlichen Vorsätze hintertreiben oder das Ausstrahlen der göttlichen Herrlichkeit verhindern. Der Name unseres Gottes, des Gottes und Vaters unseres Herrn Jesus Christus, ist unsere Zuflucht und Hilfe in dieser finsteren, sündigen Welt und angesichts der scheinbaren Erfolge des Feindes. Das Anrufen des Namens des HERRN tut der Seele wohl wie der erfrischende Tau und der erquickende Regen der dürstenden Flur.

Er ist der Fels, sein Tun ist vollkommen

„Der Fels: Vollkommen ist sein Tun“ (V. 4). Er ist der Fels, nicht ein Fels. Es kann keinen anderen Felsen geben als ihn. Sein Werk ist vollkommen. Nicht der geringste Fehler zeigt sich an dem, was von seiner Hand kommt. Alles trägt den Stempel unbedingter Vollkommenheit. Dies wird bald allen Geschöpfen offenbar werden. Doch der Glaube erkennt es jetzt schon und findet eine Quelle göttlichen Trostes darin. „Denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er!“ Die Ungläubigen mögen darüber spöttisch lächeln und in ihrer eingebildeten Klugheit die Handlungen Gottes kritisieren, aber ihre Dummheit wird bald allen offenbar werden. „Gott aber sei wahrhaftig, jeder Mensch aber Lügner, wie geschrieben steht: ‚Damit du gerechtfertigt wirst in deinen Worten und überwindest, wenn du gerichtet wirst'“ (Röm 3,4). Wehe denen, die sich anmaßen, die Vollkommenheit der Worte und Werke des allein weisen und allmächtigen Gottes infrage zu stellen! Wir haben es mit einem Gott zu tun, der immer treu bleibt und sich selbst nicht verleugnen kann, dessen Wege vollkommen sind und der, wenn der Feind sein Äußerstes getan hat und den Höhepunkt seiner boshaften Pläne erreicht hat, sich selbst verherrlichen und allgemeine und ewige Segnungen einführen wird.

Wohl muss Gott Gericht über die Wege des Menschen ausüben und manchmal die Zuchtrute mit furchtbarer Strenge gegen sein eigenes Volk gebrauchen. Er kann unmöglich das Böse bei denen dulden, die seinen heiligen Namen tragen. Das wird mit besonderem Ernst in dem vorliegenden Lied deutlich. Rückhaltlos werden in ihm die Wege Israels bloßgestellt und verurteilt. Nichts wird übergangen. Alles wird mit heiliger Genauigkeit und Treue behandelt. Wir lesen: „Es hat sich gegen ihn verdorben – nicht seine Kinder, sondern ihr Schandfleck – ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht. Vergeltet ihr so dem HERRN, du törichtes und unweises Volk? Ist er nicht dein Vater, der dich erkauft hat? Er hat dich gemacht und dich bereitet“ (V. 5–6).

Wie Gott die Grenzen seines Volkes festgelegt hat

Diese Worte bilden den ersten Vorwurf in diesem Lied. Aber gleich danach hören wir auch schon ein herrliches Zeugnis von der Güte, Treue und Barmherzigkeit des HERRN, des höchsten Gottes. „Gedenke der Tage der Vorzeit, merkt auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht; frage deinen Vater, und er wird es dir kundtun, deine Ältesten, und sie werden es dir sagen. Als der Höchste den Nationen das Erbe austeilte, als er voneinander schied die Menschenkinder, da stellte er die Grenzen der Völker fest nach der Zahl der Kinder Israel“ (V. 6–7).

Diese herrliche Tatsache wird von den Völkern der Erde wenig verstanden und beachtet. Wie wenig denkt man daran, dass der Höchste die Grenzen der Völker ursprünglich unter unmittelbarer Bezugnahme auf „die Kinder Israel“ festgestellt hat! Wenn wir Geographie und Geschichte von einem göttlichen Standpunkt aus studieren, finden wir, dass das Land Kanaan und die Nachkommen Jakobs ihren Mittelpunkt bilden. Ja, dieser kleine, an der Ostküste des Mittelmeeres gelegene Streifen Land, mit einer Fläche von ungefähr 20 000 Quadratkilometern ist der Mittelpunkt der Geographie Gottes, und die zwölf Stämme Israels bilden den Mittelpunkt der Geschichte Gottes. Wie wenig haben Geographen und Historiker an diese Tatsache gedacht! Sie haben Länder beschrieben und die Geschichte von Völkern aufgezeichnet, die an Größe und politischer Wichtigkeit Palästina und sein Volk weit überragen, die nach dem Urteil Gottes jedoch nichts sind im Vergleich mit dem kleinen Land, das Er sein eigenes Land nennt und das Er nach seinem Vorsatz den Nachkommen Abrahams, seines Freundes, als ewiges Erbteil geben will. 1

Gott pflegt Israel

Der herrliche Inhalt der Verse 9–14 ist zunächst natürlich auf Israel anzuwenden. Auch kann er der Versammlung zur Belehrung und zum Nutzen dienen. Wollte man ihn aber auf sie anwenden, so würde man einen doppelten Fehler begehen: Man würde die Versammlung ihrer himmlischen Stellung berauben und auf einen irdischen Boden stellen, und zugleich dem Volk Israel den Platz und das Teil entziehen, die ihm von Gott bestimmt sind. Die Versammlung Gottes oder der Leib Christi hat nichts mit den Völkern der Erde und der Verteilung ihrer Gebiete zu tun. Sie ist nach den Gedanken Gottes ein Fremder auf der Erde. Ihr Teil, ihre Hoffnung, ihre Heimat, ihr Erbe sind himmlisch. Auch ihre Berufung, ihr Wandel, ihre Bestimmung, ihr ganzer Charakter sind himmlisch oder sollten es sein. Die Versammlung hat nichts mit der Politik dieser Welt zu tun. Ihr Bürgertum ist in den Himmeln, von woher sie auch den Herrn als Heiland erwartet (Phil 3). Wenn sie sich in die Politik dieser Welt einmischt, erweist sie sich untreu gegen ihren Herrn, ihre Berufung und ihre Grundsätze. Es ist ihr hohes und heiliges Vorrecht, mit einem gekreuzigten, auferstandenen und verherrlichten Christus verbunden zu sein. Sie hat so wenig mit Gesellschaftsproblemen oder dem Lauf der Weltgeschichte zu tun, wie ihr verherrlichtes Haupt in den Himmeln. Der HERR selbst sagt von den Kindern Gottes: „Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16).

Das ist entscheidend und kennzeichnet unsere Stellung und unseren Weg hier auf der Erde. „Wie er ist, sind auch wir in dieser Welt.“ Diese Worte enthalten eine doppelte Wahrheit, nämlich unsere Annahme bei Gott und unsere Trennung von der Welt. Wir sind in der Welt, aber nicht von ihr. Wir haben als Fremde in ihr zu leben, indem wir auf die Ankunft unseres Herrn warten, auf die Erscheinung des hellen, glänzenden Morgensterns. Aber es ist nicht unsere Sache, uns mit der Politik zu befassen. Wir sind berufen und werden wiederholt ermahnt, den „obrigkeitlichen Gewalten“ zu gehorchen, für alle, die in Hoheit sind, zu beten, Steuern zu entrichten und niemand etwas schuldig zu sein. Wir sollen „untadelig und lauter“ sein, „unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“, in dem wir scheinen „wie Lichter in der Welt, darstellend das Wort des Lebens“ (Phil 2,15). Hieraus geht hervor, wie wichtig es ist, „das Wort der Wahrheit recht zu teilen“ (2. Tim 2,15).

Das Verhalten Israels

Mit Vers 15 tritt ein Wendepunkt in dem Lied Moses ein. Bis dahin sahen wir Gott und sein Tun, seine Vorsätze, Ratschlüsse und Gedanken, sein liebevolles Interesse an seinem Volk Israel und sein zärtliches Handeln mit ihm. Alles das ist voll reichen Segens. Wenn wir Gott und seine Wege sehen, gibt es kein Hindernis für die Freude unserer Herzen. Alles ist göttlich vollkommen, und die Betrachtung des Wortes erfüllt uns mit Bewunderung und Dank.

Aber es gibt auch eine menschliche Seite, und hier begegnen wir nur Fehlern und Enttäuschungen. So lesen wir im 15. Vers unseres Kapitels: „Da wurde Jeschurun fett und schlug aus“. Wie lebendig stellen uns diese Worte trotz ihrer Kürze die innere Geschichte Israels vor Augen! – „du wurdest fett, dick, feist! Und er verließ Gott, der ihn gemacht hatte, und verachtete den Felsen seiner Rettung. Sie reizten ihn zur Eifersucht durch fremde Götter, durch Gräuel erbitterten sie ihn. Sie opferten den Dämonen, die nicht Gott sind, Göttern, die sie nicht kannten, neuen, die vor kurzem aufgekommen waren, die eure Väter nicht verehrten. Den Felsen, der dich gezeugt hat, vernachlässigtest du, und vergaßest den Gott, der dich geboren“ (V. 15–18).

Wie reden diese Worte auch zu uns! Wir sind alle in Gefahr, den hier aufgezeigten verkehrten Weg zu betreten. Wir machen von den Gaben Gebrauch, wobei wir den Geber ausschließen. Wir werden wie Israel fett und schlagen aus. Wir vergessen Gott. Wir verlieren das wertvolle Wissen um seine Gegenwart und seine vollkommene Allgenugsamkeit und wenden uns anderen Zielen zu, wie Israel sich zu falschen Göttern wandte. Wie oft vergessen wir den Felsen, der uns gezeugt, den Gott, der uns geboren, und den Herrn, der uns erlöst hat! Alles das ist bei uns noch weniger zu entschuldigen, weil unsere Vorrechte höher sind als diejenigen Israels. Wir sind in ein Verhältnis und in eine Stellung eingeführt, wovon Israel nichts kannte. Unsere Vorrechte und Segnungen sind die allerhöchsten. Es ist unser Vorzug, Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus zu haben. Wir sind die Empfänger dieser vollkommenen Liebe, die nicht eher ruhte, als bis sie uns in eine Stellung gebracht hatte, in der von uns gesagt werden kann: „Wie er (Christus) ist, sind auch wir in dieser Welt“. Die Liebe Gottes zu uns ist nicht nur in der Hingabe und dem Tod seines eingeborenen Sohnes und in der Gabe seines Geistes offenbart worden, sondern sie ist auch mit uns vollendet worden, da sie uns in dieselbe Stellung gebracht hat, die unser Herr einnimmt.

Die Regierungswege Gottes

Die Verse 19–25 zeigen uns die Regierungswege Gottes in seinem Volk, die an die Worte des Apostels in Hebräer 10,31 erinnern: „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“! Die Geschichte Israels beweist deutlich, dass „unser Gott ein verzehrendes Feuer ist“. Kein Volk der Erde ist durch eine so strenge Zucht gegangen wie das Volk Israel. Der Herr erinnert sie mit den Worten daran: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Ungerechtigkeiten an euch heimsuchen“ (Amos 3,2). Keine andere Nation ist zu dem Vorzug berufen worden, eine so enge Verbindung mit dem HERRN zu haben. Diese Würde war einer Nation vorbehalten; aber gerade diese bildete die Grundlage einer sehr ernsten Verantwortlichkeit. Israel war berufen, das Volk Gottes zu sein, aber es war auch verantwortlich, sich so zu verhalten, wie es dieser Stellung würdig war, andernfalls würde es die schwersten Züchtigungen erfahren, die je ein Volk getroffen haben.

Aus dem Bericht der Wege Gottes mit seinem Volk sollten wir lernen, wie notwendig es für uns ist, demütig, wachsam und treu in unserer hohen und heiligen Stellung zu leben. Zwar besitzen wir das ewige Leben, sind die bevorzugten Gegenstände jener herrlichen Gnade, die, „durch Gerechtigkeit herrsche zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (Röm 5,21). Wir sind Glieder des Leibes Christi, Tempel des Heiligen Geistes und Erben der ewigen Herrlichkeit. Aber gibt uns das etwa das Recht, die warnende Stimme zu überhören, die uns aus der Geschichte Israels entgegentönt? Sollten wir, weil wir höhere Vorrechte besitzen, sorglos leben und die Ermahnungen verachten, die sich aus der Geschichte des irdischen Volkes Gottes ergeben? Gott bewahre uns vor einem solchen Gedanken! Nein, wir sind im Gegenteil verpflichtet, ernstlich auf die Dinge Acht zu haben, die der Heilige Geist zu unserer Belehrung aufgezeichnet hat. Je höher unsere Vorrechte, je reicher unsere Segnungen, je inniger unser Verhältnis zu Gott, desto mehr geziemt es uns, treu zu sein und uns so zu betragen, wie es Dem wohlgefällig ist, der uns berufen hat „aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“ (1. Pet 2,9).

Die erhabene Hand Gottes über den Völkern

Im 26. Vers finden wir eine interessante Seite aus der Geschichte der Wege Gottes mit Israel. „Ich hätte gesagt: Ich will sie zerstreuen, ihrem Gedächtnis unter den Menschen ein Ende machen!“ Warum hat Gott das nicht getan? Die Antwort auf diese Frage stellt eine Wahrheit von unermesslicher Wichtigkeit für Israel dar, eine Wahrheit, die allen ihren zukünftigen Segnungen zur Grundlage dient. Ohne Zweifel hätte es Israel selbst verdient, dass sein Gedächtnis unter den Menschen ausgetilgt würde. Aber Gott hat seine eigenen Gedanken und Vorsätze mit seinem Volk, und Er nimmt daneben auch Rücksicht auf die Gedanken der Nationen über Israel. Das tritt im 27. Vers hervor. Gott lässt sich herab, den Grund dafür anzugeben, warum Er nicht jede Spur des sündigen, widerspenstigen Volkes vertilgen will. „Wenn ich die Kränkung von Seiten des Feindes nicht fürchte, dass ihre Widersacher es verkännten, dass sie sprächen: Unsere Hand war erhaben, und nicht der HERR hat dies alles getan!“

Wie groß ist die Gnade, die aus diesen Worten hervorstrahlt! Gott will nicht, dass die Widersacher den Gedanken hegen, ihre Macht habe das Volk Israel zu Boden geschmettert. Er will die Völker wohl als Zuchtrute gebrauchen, aber sobald sie versuchen, in ihrer bitteren Feindschaft die ihnen bestimmten Grenzen zu überschreiten, wird Er die Rute in Stücke zerbrechen und es vor allen offenbar machen, dass Er selbst sich mit seinem geliebten, wenn auch irrenden Volk nur zu seiner schließlichen Segnung und Herrlichkeit, beschäftigt.

Das ist eine wertvolle Wahrheit. Es ist der feste Vorsatz des HERRN, alle Völker der Erde zu lehren, dass Israel einen besonderen Platz in seinem Herzen und eine hervorragende Stellung auf dieser Erde hat. Wenn die Völker diese Tatsache vergessen oder sich ihr widersetzen wollen, werden sie die Folgen ihres Tuns tragen müssen. Sie werden erfahren, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs jeden Anschlag niederschlagen wird, den sie gegen das Volk seiner Wahl schmieden. Der Mensch mag in seinem Stolz und Wahn meinen, seine Hand sei erhaben, aber er wird die Erfahrung machen müssen, dass die Hand des HERRN erhabener ist.

In den Versen 29–33 wendet Gott sich an die Herzen und Gewissen des Volkes: „Wenn sie weise wären, so würden sie dies verstehen, ihr Ende bedenken. Wie könnte einer tausend jagen, und zwei zehntausend in die Flucht treiben, wäre es nicht, dass ihr Fels sie verkauft und der HERR sie preisgegeben hätte? Denn nicht wie unser Fels ist ihr Fels: dessen sind unsere Feinde selbst Richter!“ – Es gibt nur den einen Felsen, dem niemand gleicht. Es kann keinen anderen geben! – „Denn vom Weinstock Sodoms ist ihr Weinstock und von den Fluren Gomorras; ihre Beeren sind Giftbeeren, bitter sind ihre Trauben. Gift der Drachen ist ihr Wein, und grausames Gift der Ottern“.

Welch ein schreckliches Bild von dem sittlichen Zustand eines Volkes! Es ist das Bild des wirklichen Zustandes aller, die nicht den Fels Israels als ihren Fels besitzen. Doch der Tag der Rache wird kommen. Er ist bis heute wegen der langmütigen Gnade Gottes zurückgehalten worden, aber er wird kommen, so wahr ein Gott auf dem Thron in den Himmeln sitzt. An diesem Tag werden alle Völker, die Israel mit Stolz und Verachtung behandelt haben, vor dem Richterstuhl des Sohnes des Menschen wegen ihres Verhaltens Rechenschaft geben, sie werden sein gerechtes Urteil hören und seinen schonungslosen Zorn über sich ergehen lassen müssen.

Mit dem 42. Vers des Kapitels enden die Anordnungen des Gerichts und der Rache Gottes. Das Lied Moses enthält nur einen kurzen Bericht über diese ernsten Dinge, während die Schriften der Propheten sie ausführlich behandeln. Wir verweisen unter anderem auf das 38. und 39. Kapitel des Propheten Hesekiel, in welchen das Gericht über Gog und Magog, den großen Feind des Nordens, beschrieben wird, der am Ende gegen das Land Israel heraufziehen, aber dort vernichtet werden wird. Auch in Joel 4 ist von diesen Dingen die Rede. Wir lesen dort: „Denn siehe, in jenen Tagen und zu jener Zeit, wenn ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde, dann werde ich alle Nationen versammeln und sie in die Talebene Josaphat hinabführen; und ich werde dort mit ihnen rechten über mein Volk und mein Erbteil Israel, das sie unter die Nationen zerstreut haben; und mein Land haben sie geteilt“ (V. 1.2). Man ersieht aus diesen Stellen, wie genau die Propheten mit dem Lied Moses übereinstimmen, und wie klar in beiden der Heilige Geist die Wahrheit von Israels zukünftiger Herrlichkeit und Oberherrschaft darstellt.

Die Schlussworte des Liedes

Die Schlussworte des Liedes sind wirklich belebend. Sie sind gewissermaßen der Schlussstein des ganzen Gebäudes. Alle Feinde Israels, unter welchem Namen sie auch auf der Bildfläche erscheinen mögen – ob als Gog und Magog, ob als Assyrer oder als König des Nordens –, werden vernichtet und dem ewigen Verderben preisgegeben werden. Dann tönen die herrlichen Worte an unser Ohr: „Jubelt, ihr Nationen, mit seinem Volk! Denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und wird Rache erstatten seinen Feinden, und seinem Land, seinem Volk, vergeben“ (V. 43).

Damit endet dieses Lied, einer der schönsten und kraftvollsten Gesänge, die es im Buch Gottes gibt. Es beginnt und endet mit Gott und enthält die ganze Geschichte des Volkes Israel in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es zeigt uns die Bestimmung der Völkergebiete mit Bezug auf die göttlichen Pläne mit den Nachkommen Abrahams. Es redet über alle Nationen, die gegen das erwählte Volk gehandelt haben oder noch handeln werden. Und schließlich, nachdem Israel gemäß dem mit seinen Vätern geschlossenen Bund völlig wiederhergestellt und gesegnet ist, werden die erretteten Völker aufgefordert, sich mit ihm zu freuen und zu jubeln.

Welch ein Kranz von Wahrheiten wird uns hier vorgestellt! Wohl mag gesagt werden: „Gott ist der Fels, sein Werk ist vollkommen!“ Hier kann das Herz in heiligem Frieden ruhen, mag kommen, was da will. Alles mag in den Händen des Menschen in Stücke gehen, alles, was menschlich ist, mag in hoffnungslosem Verfall enden, aber „der Fels“ wird ewig bestehen, und jedes Werk Gottes wird in ewiger Vollkommenheit glänzen zu seiner Verherrlichung und zum Segen seines Volkes.

Selbstverständlich handelt es sich in diesem Lied nicht um die Versammlung Gottes, den Leib Christi. Als Mose dieses Lied aufschrieb, war das Geheimnis der Versammlung noch im Herzen Gottes verborgen. Der Apostel Paulus war der begnadete Diener, durch den es offenbart werden sollte. Wenn wir das nicht verstehen, sind wir unfähig, die Heiligen Schriften zu erklären. Für ein einfältiges Herz, das sich nur durch die Schrift belehren lassen will, ist es klar, dass das Lied Moses die Regierungswege Gottes mit Israel und den Völkern der Erde als Gegenstand, die Erde als Schauplatz und das Land Kanaan als Mittelpunkt hat.

Die Schlussfolgerung: Gehorsam

„Und Mose kam und redete alle Worte dieses Liedes vor den Ohren des Volkes, er und Hosea, der Sohn Nuns. Und als Mose alle diese Worte zu ganz Israel zu Ende geredet hatte, da sprach er zu ihnen: Richtet euer Herz auf alle Worte, die ich euch heute bezeuge, damit ihr sie euren Kindern befehlt, dass sie darauf achten, alle Worte dieses Gesetzes zu tun. Denn es ist nicht ein leeres Wort für euch, sondern es ist euer Leben; und durch dieses Wort werdet ihr eure Tage verlängern in dem Land, wohin ihr über den Jordan zieht, um es in Besitz zu nehmen“ (V. 44–47).

Wir sehen in diesem Buch von Anfang bis Ende, wie Mose, dieser treue Knecht Gottes, damit beschäftigt ist, dem Volk die Pflicht eines unbedingten, von Herzen kommenden Gehorsams gegenüber dem Wort Gottes einzuprägen. Dieser Gehorsam war der Schlüssel zu Leben, Frieden, Fortschritt und Wohlfahrt für das Volk. Sie hatten nichts anderes zu tun, als zu gehorchen. Möge ein solch einfältiger, unbedingter Gehorsam auch uns kennzeichnen, in dieser Zeit der Verwirrung, in der der Wille des Menschen eine so schreckliche Rolle spielt! Die Welt und die sogenannte Christenheit handeln nach ihrem eigenen Willen, der sie bald in Finsternis stürzen muss. Unser Wunsch sollte es sein, den schmalen Pfad des Gehorsams gegenüber den gesegneten Geboten unseres Herrn und Heilandes zu gehen! Das allein wird unseren Herzen wirklichen Frieden geben. Mögen wir dann auch den Menschen dieser Welt und sogar Christen engherzig und weltfremd erscheinen, dann lasst uns doch nicht um Haaresbreite von dem Weg abweichen, den uns das Wort Gottes zeigt. Möge das Wort des Christus reichlich in uns wohnen und der Friede des Christus in unseren Herzen herrschen, bis zum Ende hin! Es ist bemerkenswert und eindrucksvoll, dass dies Kapitel mit einem neuen Hinweis auf die Regierungswege des HERRN mit seinem geliebten Diener Mose schließt (vgl. Verse 48–52). Ernst und demütigend ist die Regierung Gottes. Das Herz sollte bei dem bloßen Gedanken an Ungehorsam erzittern. Wenn ein so hervorragender Knecht wie Mose gerichtet wurde, weil er unbedachtsam mit seinen Lippen geredet hatte, was wird dann das Ende derer sein, die ihr Leben in gewohnheitsmäßiger Vernachlässigung der klaren Gebote Gottes und in eigenwilliger Verwerfung seiner Autorität dahingehen!

Fußnoten

  • 1 Wie wahr ist das Wort: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR“ (Jes 55,8). Für den Menschen sind ausgedehnte Gebiete, reiche Hilfsmittel, gut geschulte Heere, mächtige Flotten usw. von großer Bedeutung. Gott aber nimmt keine Notiz von solchen Dingen. Sie haben für ihn nicht mehr Gewicht als Staub auf der Waagschale (vgl. Jes 40,21–23). Wie wichtig aber ist das kleine Palästina! Welche Ereignisse haben dort stattgefunden! Welche Pläne werden dort noch ausgeführt werden! Es gibt keinen Fleck auf der ganzen Erde, der für das Herz Gottes so interessant wäre, wie das Land Kanaan und die Stadt Jerusalem. Die Schrift ist voll von Beweisen dafür, und die Zeit nähert sich schnell, wo offenbare Tatsachen bewirken werden, was durch die klarsten Zeugnisse der Schrift nicht bewirkt worden ist, nämlich die Überzeugung bei den Menschen, dass das Land Israel den Mittelpunkt der Pläne Gottes bezüglich dieser Erde bildet. Alle anderen Völker verdanken ihre Bedeutung, ihr Interesse und den Platz, den sie in den Blättern der Schrift gefunden haben, nur der Tatsache, dass sie in der einen oder anderen Weise mit dem Land und dem Volk Israel in Verbindung gestanden haben. Daran denken die Historiker nicht. Wir sollten es jedoch tun.
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