Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Offenbarungen Gottes über die Zukunft

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Die Fülle der Gnade Gottes

Dieses Kapitel ist prophetisch und zeigt uns etwas von dem „Verborgenen“, wovon wir am Schluss des vorigen Kapitels gesprochen haben, von der Entfaltung der Quellen der Gnade in dem Herzen Gottes für Israel, wenn es wegen seiner Untreue unter dem Gesetz bis an die Enden der Erde zerstreut wird.

Schön sind die ersten drei Verse. Hier geht es nicht mehr um die Beobachtung des Gesetzes, sondern um etwas, was weit größer und wertvoller ist: um die Umkehr des ganzen Herzens und der ganzen Seele zu dem HERRN in einer Zeit, wo ein buchstäblicher Gehorsam gegen das Gesetz zur Unmöglichkeit geworden ist. Ein zerbrochenes und zerknirschtes Herz kehrt um zu Gott, und Gott begegnet diesem Herzen in seinem tiefen und unendlichen Erbarmen. Das ist ein wirklicher Segen, wenn Gott selbst, unabhängig von Zeit und Ort, in der Fülle dessen, was Er ist, einer bußfertigen Seele begegnet. Sobald dieses Zusammentreffen erfolgt, wird alles göttlich und ewig geordnet.

Es handelt sich in dem vorliegenden Abschnitt nicht um das Halten des Gesetzes oder um das Aufstellen einer menschlichen Gerechtigkeit. Der erste Vers erklärt eindeutig, dass das Volk in einem Zustand betrachtet wird, in dem die Ausführung der gesetzlichen Vorschriften einfach unmöglich geworden ist. Aber es gibt nicht ein Fleckchen auf dem ganzen Erdboden, wo das Herz nicht zu ihm umkehren könnte. Wenn auch die Hände nicht fähig sein mögen, ein Opfer auf den Altar niederzulegen, oder die Füße nicht zu dem Ort der Anbetung gehen können, so kann doch das Herz zu Gott gelangen. Ja, das arme, gebeugte, zerschlagene und zerbrochene Herz kann unmittelbar zu Gott nahen, und Gott in seiner großen Barmherzigkeit und seinem tiefen Mitgefühl kann einem solchen Herzen begegnen, es aufrichten und bis zum Überströmen mit den reichen Tröstungen seiner Liebe und der vollen Freude seines Heils bringen.

Doch hören wir weiter, was von dem „Verborgenen“ des HERRN gesagt wird, von Dingen, die jeden menschlichen Verstand übersteigen und über alle Vorstellungen hinaus wertvoll sind. „Wenn deine Vertriebenen am Ende des Himmels wären, so wird der HERR, dein Gott, dich von dort sammeln und dich von dort holen; und der HERR, dein Gott, wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben, und du wirst es besitzen; und er wird dir Gutes tun und dich mehren über deine Väter hinaus“ (V. 4.5).

Das sind wunderbare Worte. Aber es gibt hier noch etwas Höheres und Besseres. Gott will sie nicht nur sammeln und mehren, nicht nur seine Macht für sie offenbaren, sondern Er will auch ein mächtiges Werk der Gnade in ihnen tun, was weit mehr wert ist, als alle äußere Glückseligkeit, so wünschenswert diese auch sein mag. „Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz“ – den Mittelpunkt des Wesens, die Quelle aller charakterbildenden Einflüsse – „und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, damit du am Leben bleibst. Und der HERR, dein Gott, wird alle diese Flüche auf deine Feinde und auf deine Hasser legen, die dich verfolgt haben“. Ein ernstes Wort für alle Völker, die die Juden unterdrückt haben! „Und du wirst umkehren und der Stimme des HERRN gehorchen und wirst alle seine Gebote tun, die ich dir heute gebiete“ (V. 6–8).

Nichts könnte herrlicher sein als alle diese Dinge. Ein Volk, gesammelt, geholt von den Enden der Erde, gemehrt, gesegnet und beschnittenen Herzens, dem Herrn völlig ergeben in einem willigen Gehorsam gegen seine wertvollen Gebote!

Das Wort Gottes im Mund und im Herzen

Die folgenden Verse (9–14) sind besonders interessant. Sie sind der Schlüssel zu dem „Verborgenen des HERRN“ und stellen die großen Grundsätze der göttlichen Gerechtigkeit in einen lebendigen Gegensatz der gesetzlichen Gerechtigkeit in jeder möglichen Form. Nach der Wahrheit, die hier entfaltet wird, ist „das Wort“ unabhängig vom Ort. Es tut also gar nichts zur Sache, wo sich jemand aufhält, denn „sehr nahe ist dir das Wort“. Was könnte eine größere Nähe ausdrücken als die Feststellung: „in deinem Mund und in deinem Herzen“? Wenn es sich um etwas handeln würde, was außer unserem Bereich läge, so könnten wir wohl bezweifeln, ob wir es erreichen. Aber nein, wir brauchen hierzu weder Hand noch Fuß zu regen. Herz und Mund sind es, die aktiv werden müssen.

Das zehnte Kapitel des Römerbriefes enthält (V. 1–11) eine sehr schöne Anspielung auf die oben erwähnte Stelle. Der elfte Vers lautet: „Denn die Schrift sagt: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“.

Beachten wir das schöne Wort: „Jeder“! Sicher bezieht es sich zunächst auf den Juden, der, vertrieben aus seinem Land und in Situationen gekommen, in denen der Gehorsam gegen das Gesetz für ihn unmöglich geworden ist, trotz allem die reiche Gnade Gottes und seine Errettung in der Tiefe der Not erfahren kann. Kann er auch dort das Gesetz nicht beachten, so kann er doch mit seinem Mund den Herrn Jesus bekennen und in seinem Herzen glauben, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat. Das aber ist Errettung.

Wenn die Schrift sagt „jeder“, dann kann diese Errettung sich unmöglich auf die Juden beschränken, ja, es kann überhaupt keine Beschränkung geben. Darum fährt der Apostel auch fort: „Denn es ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche“. Unter dem Gesetz bestand der größtmögliche Unterschied zwischen beiden. Der Gesetzgeber selbst hatte die schärfste Grenze zwischen ihnen gezogen. Doch allein diese Grenze ist aus einem doppelten Grund beseitigt worden, zunächst weil „alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen“ (Röm 3,23), sodann aber, weil „derselbe Herr von allen reich ist für alle, die ihn anrufen; ‚denn jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden'“ (Kap. 10,12.13).

Welch eine herrliche Gnade strahlt aus den Worten hervor: „anrufen“ – „glauben“ – bekennen“! Ohne Zweifel setzen sie einen ernsten Zustand der Seele, ein Ergriffensein des Herzens voraus, denn Gott will Wirklichkeit und nicht einen bloßen Form- oder Kopfglauben haben. Es bedarf eines göttlichen, lebendigen, durch den Heiligen Geist im Herzen gewirkten Glaubens, der die Seele durch ein ewiges Band mit Christus verbindet.

Dazu kommt – und auch das ist wichtig – das Bekennen des Herrn Jesus mit dem Mund. Es könnte jemand sagen: „Ich glaube in meinem Herzen, aber ich bin nicht dafür, religiöse Überzeugung immer im Mund zu führen. Ich behalte meine Religion für mich und betrachte sie als eine Sache zwischen mir und Gott. Ich halte es nicht für richtig, anderen meine religiöse Überzeugung aufzudrängen“.

Ein solches Reden ist grundverkehrt. Ein Bekenntnis mit dem Mund ist unumgänglich notwendig. Viele möchten gern durch Christus errettet werden, schrecken aber vor der Schmach zurück, die auf dem Bekenntnis seines Namens ruht. Sie möchten gern zum Himmel gehen, wenn sie sterben, aber sich nicht gern solidarisieren mit einem verworfenen Christus. Gott erkennt solche nicht an. Er erwartet von dem Gläubigen ein klares Bekenntnis zu Christus angesichts einer feindlichen Welt. Dasselbe erwartet der Herr Jesus. Er erklärt, dass Er jeden, der irgend ihn vor den Menschen bekennt, auch vor den Engeln Gottes bekennen werde, und dass Er jeden, der ihn vor den Menschen verleugnet, auch vor den Engeln Gottes verleugnen werde. Der Räuber am Kreuz zeigte jene beiden großen Züge des echten, errettenden Glaubens. Er glaubte mit seinem Herzen und bekannte mit seinem Mund, und zwar in einer Art, durch die er sich in der wichtigsten Frage, die je erhoben worden ist, in Widerspruch zu der ganzen Welt setzte: der Frage über die Person Christi. Er erwies sich als ein entschiedener Jünger Christi. Möchte es mehr solcher entschiedener Jünger geben! Ein entschiedenes Zeugnis für den Herrn Jesus tut uns not.

Das Leben und das Glück – Der Tod und das Unglück

Schließlich wendet sich Mose in besonders feierlicher Weise an das Herz und Gewissen des Volkes.

„Siehe, ich habe dir heute das Leben und das Glück, und den Tod und das Unglück vorgelegt“ (V. 15). So ist es immer unter der Regierung Gottes. Diese beiden Dinge sind unzertrennlich miteinander verbunden. Es steht geschrieben, dass Gott „jeden vergelten wird nach seinen Werken: denen, die mit Ausharren in gutem Werk Herrlichkeit und Ehre und Unvergänglichkeit suchen, ewiges Leben; denen aber, die streitsüchtig und der Wahrheit ungehorsam sind, der Ungerechtigkeit aber gehorsam, Zorn und Grimm. Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt, sowohl des Juden zuerst als auch des Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden jedem, der das Gute wirkt, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen; denn es ist kein Ansehen der Person bei Gott“ (Röm 2,6–11).

Der Apostel beschäftigt sich an dieser Stelle nicht mit der Frage der Kraft, sondern berichtet einfach die Tatsache, die zu allen Zeiten und unter jedem Haushalt, sei es Regierung, Gesetz oder Christentum, anwendbar ist, dass Gott „jeden vergelten wird nach seinen Werken“. Das ist wichtig und beachtenswert. Vielleicht fragt mancher: „Stehen denn die Christen nicht unter der Gnade?“ Ja, Gott sei Dank! aber das schwächt nicht im Geringsten den angeführten Grundsatz der Regierung Gottes. Er wird vielmehr dadurch noch bestätigt und bekräftigt. Weiter möchte man fragen: „Kann ein unbekehrter Mensch überhaupt etwas Gutes tun?“ Diese Frage wird in der angeführten Stelle gar nicht berührt. Jeder, der von Gott belehrt ist, hat die Überzeugung, dass in dieser Welt nichts „Gutes“ getan werden kann ohne die Gnade Gottes, und dass der Mensch, sich selbst überlassen, zu allen Zeiten nur Böses tut. Aber das berührt den behandelten Grundsatz nicht, dass nämlich Leben und Glück ebenso wie Tod und Unglück unzertrennlich miteinander verbunden sind.

Nichts könnte ernster sein als die letzten Ermahnungen Moses an die Gemeinde Israel (V. 15–20). Sie stimmen völlig mit dem ganzen Tun und Charakter des fünften Buches Mose überein. Dieses Buch enthält die ergreifendsten Ermahnungen, die je ein menschliches Ohr erreicht haben. Diese Ermahnungen und Warnungen finden sich in so feierlicher Form nicht in den vorhergehenden Büchern. Jedes Buch hat, wie schon wiederholt bemerkt, seinen besonderen Platz, seinen eigenen Zweck und Charakter. Aber das fünfte Buch ist gekennzeichnet durch eindringliche Aufforderungen zu willigem, ernstem Gehorsam. Die Grundlage dafür sind das besondere Verhältnis zwischen Gott und dem Volk und die damit zusammenhängenden Vorrechte.

Er wies nicht deshalb auf seine grauen Haare hin oder redete von der heiligen Zucht Gottes, um die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich selbst, auf seine Umstände oder Gefühle hinzulenken, sondern nur um auch dadurch auf ihre Herzen und Gewissen zu wirken.

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