Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Gesetze für den Krieg

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Unterschiedliche Haushaltungen

Wunderbar ist es, in diesem Kapitel den HERRN als Krieger im Kampf gegen Israels Feinde zu sehen. Manchem fällt es schwer zu verstehen, wie ein gütiges Wesen in einem solchen Charakter auftreten kann. Aber die Schwierigkeit rührt hauptsächlich daher, dass man nicht zwischen den verschiedenen Haushalten unterscheidet. Es entspricht dem Charakter des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ebenso, gegen seine Feinde zu kämpfen, wie es dem Charakter des Gottes und Vaters unseres Herrn Jesus Christus entspricht, ihnen zu vergeben. Und da der offenbarte Charakter das Muster ist, nach dem sein Volk sich bilden und nach dem es handeln soll, war es für Israel ebenso passend, seine Feinde zu erschlagen, wie es für uns passend ist, sie zu lieben, für sie zu beten und ihnen Gutes zu tun.

Würde man diesen einfachen Grundsatz mehr beachten, so würde manches Missverständnis und manche unweise Diskussion vermieden werden. Es ist ohne Zweifel ganz verkehrt, wenn die Versammlung Gottes zum Schwert greift und Krieg führt. Wer das Neue Testament ohne Vorurteil liest, wird dem ohne Zögern zustimmen. Der Herr sagt zu Petrus: „Stecke dein Schwert an seinen Platz; denn alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52). In einem anderen Evangelium lesen wir: „Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke das Schwert in die Scheide! Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Joh 18,11). Weiter sagt der Herr zu Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft“ (Joh 18,36), – das wäre dann vollkommen recht gewesen – „jetzt aber ist mein Reich nicht von hier“. Daher hätten die Diener ganz verkehrt gehandelt, wenn sie versucht hätten, ihren Herrn mit Gewalt zu befreien.

Alles das ist so klar, dass wir nur zu fragen brauchen – „Wie liest du?“. Unser geliebter Herr kämpfte nicht, sondern unterwarf sich geduldig allen Schmähungen und Misshandlungen. Dadurch hat Er uns ein Vorbild hinterlassen, damit wir seinen Fußstapfen nachfolgen. Wenn wir uns nur immer die Frage stellten: „Wie würde Jesus handeln?“ So würden wir nie um eine Antwort verlegen sein.

Ebenso klar ist die Belehrung des Heiligen Geistes: „Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr … Aber, wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen; wenn er durstig ist, gib ihm zu trinken; denn wenn du dieses tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht von dem Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten‘“ (Röm 12,19–21).

Das ist die herrliche Ethik für die Versammlung Gottes, die Grundsätze des himmlischen Reiches, zu dem alle wirklichen Christen gehören. Aber würden sie auf das Volk Israel damals anwendbar gewesen sein? Ganz sicher nicht. Denken wir uns nur, Josua hätte nach den Grundsätzen von Römer 12 mit den Kanaanitern verfahren wollen! Es wäre ebenso verkehrt und widersinnig gewesen, als wenn wir heute nach den Grundsätzen von 5. Mose 20 handeln wollten. Dieser Unterschied kommt einfach daher, dass Gott zur Zeit Josuas in Gerechtigkeit Gericht ausübte, während Er jetzt in unumschränkter Gnade handelt.

Wir dürfen selbstverständlich nicht erwarten, dass die Welt nach dem Grundsatz der Gnade handeln könnte. Der Versuch, die Grundsätze der Gnade mit den Völkerrechten oder den Geist des Neuen Testaments mit den politischen Systemen der Welt zu vermischen, würde die menschliche Gesellschaft ganz sicher in Verwirrung bringen. Gerade in diesem Punkt haben viele vortreffliche und wohlmeinende Männer geirrt, wenn sie die Nationen der Welt zur Annahme eines Grundsatzes bringen wollten, der die Zerstörung ihres nationalen Bestehens zur Folge gehabt hätte. Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo die Völker den Krieg nicht mehr lernen, sondern ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen werden. Sie wird kommen, wenn diese seufzende Erde voll sein wird der Erkenntnis des HERRN, wie die Wasser den Meeresgrund bedecken. Aber wenn man jetzt die Völker auffordern würde, nach den Grundsätzen der Gnade zu handeln, könnte man ihnen ebenso gut sagen: „Hört auf zu bestehen!“ Zudem sind wir als Christen nicht berufen, die Welt in Ordnung zu bringen, sondern sie einfach als Fremde und Wanderer zu durchlaufen. Der Herr Jesus kam nicht in diese Welt, um sie zu verbessern, sondern um zu suchen und zu erretten, was verloren ist. Bald wird Er wiederkommen, um dann alles in Ordnung zu bringen. Er wird seine Macht und Herrschaft annehmen und sich mit der Welt beschäftigen im Gericht, indem Er alle Ärgernisse und alle, die Böses tun, aus seinem Reich entfernt. Dann werden die Reiche dieser Welt die Reiche des HERRN und seines Christus werden. Aber bis zu dieser Zeit müssen wir warten.

Die Kriege in Kanaan

Israel jedoch sollte den Krieg des HERRN führen. Mit seinem Eintritt in das Land Kanaan begann ein Krieg ohne Schonung mit den verurteilten Bewohnern dieses Landes. „Jedoch von den Städten dieser Völker, die der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat“ (V. 16). So lautete der bestimmte und ausdrückliche Befehl des HERRN. Die Nachkommen Abrahams sollten nicht nur das Land Kanaan besitzen, sondern auch das Werkzeug Gottes in der Vollstreckung des gerechten Gerichts über seine schuldigen Bewohner bilden, deren Sünden sich aufgehäuft hatten bis zum Himmel. Es war dies eine große Ehre für Israel, deren sie sich allerdings nicht würdig erwiesen, weil sie ihren Auftrag nicht vollständig ausführten. Sie ließen viele von denen am Leben, die sie hätten umbringen sollen, und gerade die, die sie verschonten, wurden schließlich zu Werkzeugen ihres eigenen Verderbens, da sie durch sie zu den Sünden verführt wurden, die das göttliche Gericht herausgefordert hatten.

Notwendige Eigenschaften eines Kriegers

Lasst uns jetzt die Eigenschaften betrachten, die die Krieger des HERRN kennzeichnen sollten. Der vorliegende Abschnitt ist voll wertvoller Belehrungen hierüber, im Blick auf den geistlichen Kampf, zu dem wir berufen sind. Das Volk musste zunächst vor Beginn des Kampfes durch den Priester und dann durch die Vorsteher angesprochen werden. Diese Ordnung ist sehr schön. Der Priester musste das Volk an seine hohen Vorrechte erinnern, und die Vorsteher mussten von seiner heiligen Verantwortung reden. Das ist die göttliche Ordnung: zuerst die Vorrechte, dann die Verantwortung. „Und es soll geschehen … so soll der Priester herzutreten und zum Volk reden und zu ihnen sprechen: Höre, Israel, ihr rückt heute zum Kampf an gegen eure Feinde! Euer Herz verzage nicht, fürchtet euch nicht und ängstigt euch nicht und erschreckt nicht vor ihnen! Denn der HERR, euer Gott, ist es, der mit euch zieht, um für euch zu kämpfen mit euren Feinden, um euch zu retten“ (V. 2–4).

Was für ermutigende Worte! Sie waren dazu angetan, alle Furcht und Mutlosigkeit zu verbannen und das verzagte Herz mit Mut und Vertrauen zu erfüllen. Der Priester war der Ausdruck der Gnade Gottes selbst. Eine Fülle reichen Trostes strömte durch seinen Dienst aus dem Herzen des Gottes Israels zu jedem einzelnen Krieger. Seine liebevollen Worte waren geeignet, den schwächsten Arm für den Kampf zu stärken und die Lenden der Gesinnung zu umgürten. Er versicherte ihnen, dass Gott mit ihnen sein würde. Da gab es keinen Zweifel, keine Bedingung, kein „Wenn“ und kein „Aber“. Gott, der HERR, war mit ihnen, und das war genug. Ob es viele oder wenige Feinde sein mochten, ob sie mächtig oder schwach waren, tat nichts zur Sache. In der Gegenwart des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, waren sie wie Spreu vor dem Wind.

Dann kamen die Vorsteher an die Reihe (V. 5–9). Zwei Dinge hatten sie jedem vorzustellen, der in den Schlachtreihen Israels kämpfen wollte: ein Herz, das frei war von den natürlichen und irdischen Dingen, und ein zuversichtliches Vertrauen auf Gott. „Niemand, der Kriegsdienste tut, verwickelt sich in die Beschäftigungen des Lebens, damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat“ (2. Tim 2,4). Es liegt nun ein wesentlicher Unterschied darin, ob jemand mit den Dingen dieses Lebens beschäftigt oder in sie verwickelt ist. Ein Israelit konnte ein Haus, einen Weinberg und eine Frau haben und doch ein guter Krieger sein. Diese Dinge waren an sich kein Hindernis hierfür, aber sie wurden es, sobald er sie in Situationen besaß, die geeignet waren, sein Herz in sie zu verwickeln.

Das sollten wir beachten. Wir sind als Christen berufen, einen ständigen geistlichen Kampf zu führen und uns jeden Zentimeter Boden in den himmlischen Örtern zu erkämpfen. Was die Kanaaniter für Israel waren, das sind die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern für uns. Wir haben nicht um die Erlangung des ewigen Lebens zu kämpfen, denn das besitzen wir schon vor Beginn des Kampfes als eine freie Gabe Gottes. Wir sollen auch nicht unsere Errettung erkämpfen, denn wir sind errettet, ehe wir uns in den Kampf einlassen. Es ist wichtig, zu verstehen, wofür und mit wem wir zu kämpfen haben. Der Zweck unseres Kampfes ist, unsere himmlische Stellung und unseren himmlischen Charakter praktisch zu verwirklichen und von Tag zu Tag in allen Situationen des Lebens aufrechtzuerhalten. Unsere Feinde sind, wie schon bemerkt, die geistlichen Mächte der Bosheit, denen es gegenwärtig noch erlaubt ist, sich in den himmlischen Örtern aufzuhalten. „Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut“, wogegen Israel in Kanaan zu kämpfen hatte, „sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12).

Was haben wir nun zu tun, um diesen Kampf zu führen? Müssen wir unseren irdischen Beruf aufgeben? Müssen wir unsere Beziehungen, die naturgegeben und von Gott bestätigt sind, auflösen und Einsiedler werden? Ganz und gar nicht! Würde ein Christ so etwas tun, dann würde er dadurch nur beweisen, dass er seine Berufung als „ein guter Streiter Christi Jesu“ (2. Tim 2,3) nicht versteht. Es ist unsere Pflicht, „mit unseren Händen das Gute zu wirken“, damit wir dem Dürftigen helfen können. Und nicht nur das, sondern wir finden im Neuen Testament auch ausführliche Anleitungen über unsere verschiedenen natürlichen Beziehungen, die Gott selbst gegeben und geheiligt hat. Nein, unser irdischer Beruf und unsere natürlichen Beziehungen sind an und für sich kein Hindernis für einen erfolgreichen geistlichen Kampf.

Was hat denn ein christlicher Krieger nötig? Einerseits darf sein Herz nicht in diese irdischen und natürlichen Dinge verwickelt werden, und andererseits muss es mit völligem Vertrauen auf Gott erfüllt bleiben. Zu diesem Zweck bedarf er der ganzen Waffenrüstung Gottes.

In Epheser 6,13–18 stellt uns der Heilige Geist die Dinge vor, die zu einem erfolgreichen Kampf nötig sind. Die „Wahrheit“ muss unseren inneren Menschen beherrschen, damit unser Leben durch wirkliche praktische „Gerechtigkeit“ charakterisiert wird, damit unsere Gewohnheiten und Wege das Gepräge des „Friedens“ des Evangeliums an sich tragen, damit wir ganz und gar mit dem Schild des „Glaubens“ bedeckt sind, damit der Sitz des Verstandes, der Kopf, durch die volle Gewissheit des „Heils“ geschützt ist, und damit endlich das Herz durch anhaltendes Gebet und Flehen unterstützt, gestärkt und dahin geführt wird, ernste Fürbitte zu tun für alle Heiligen, besonders für die Arbeiter und für das Werk des Herrn. Das sind die Bedingungen, unter denen das geistliche Volk Gottes die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern erfolgreich bekämpfen kann.

Unterschiede im Kampf gegen die verschiedenen Städte

Der Schluss des 20. Kapitels enthält die Grundsätze, die Israel in seiner Kriegsführung beherrschen sollte. Sie hatten einen Unterschied zwischen den weiter entfernten Städten und denen der sieben verurteilten Nationen zu machen. Den Ersteren sollten sie zunächst Friedensvorschläge unterbreiten, während sie sich mit den Letzteren auf keine Bedingungen einlassen durften (V. 10–15).

Israel sollte nicht rücksichtslos und unterschiedslos niedermetzeln und vernichten. War eine Stadt geneigt, den angebotenen Frieden anzunehmen, dann sollte sie das Vorrecht haben, dem Volk Gottes fronpflichtig zu werden. Nahm sie den Frieden nicht an, dann sollte alles, was irgendwie verwendet werden konnte, verschont bleiben.

Es gibt natürliche und irdische Dinge, die für Gott gebraucht werden können, wenn sie durch Gottes Wort und durch Gebet geheiligt werden. Wir werden ermahnt, uns Freunde zu machen mit dem ungerechten Mammon, damit wir, wenn es mit uns zu Ende geht, aufgenommen werden in die ewigen Hütten. Das will einfach sagen, dass ein Christ die ihm zufallenden Güter dieser Welt fleißig und treu im Dienst Christi verwenden soll: zum Wohl der Armen, für die Arbeiter und das Werk des Herrn. Auf diese Weise wird ihm dieser Reichtum, anstatt unter den Händen zu verderben oder sich wie ein Rost an seine Seele zu setzen, einen weiten Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus verschaffen.

Vielen macht die oben angeführte Stelle (Lk 16,9) große Schwierigkeiten, doch ihre praktische und wichtige Belehrung ist klar und eindringlich. 1. Timotheus 6 enthält eine ganz ähnliche Lehre: „Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuss; Gutes zu tun, reich zu sein an guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam, indem sie sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft sammeln, damit sie das wirkliche Leben ergreifen“ (V. 17–19) 1.Auch das Geringste, was wir einfältig für Christus verwendet haben, wird an jenem Tag in Erinnerung gebracht werden. Obgleich der Gedanke daran nicht unser Motiv sein sollte, kann er uns doch ermutigen, alles, was wir sind und haben, in den Dienst unseres Herrn und Heilandes zu stellen.

Die letzten Verse unseres Kapitels zeigen uns sehr schön, wie Gott nach den kleinsten Dingen sieht und dafür sorgt, dass nichts umkommt (V. 19.20).

Fußnoten

  • 1 Wirkliches Leben ist ein Leben für Christus, ein Leben im Licht der Ewigkeit, ein Benutzen alles dessen, was wir besitzen, zur Ehre Gottes und im Blick auf die ewigen Wohnungen. Das, und nur das, ist wirkliches Leben.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht