Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Nicht weil Israel besser ist, gibt Gott ihnen das Land

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Die Söhne der Enakim, ein Volk der Riesen

„Höre, Israel! Du gehst heute über den Jordan, um hineinzukommen, Nationen in Besitz zu nehmen, größer und stärker als du, Städte, groß und befestigt bis an den Himmel, ein großes und hochgewachsenes Volk, die Söhne der Enakim, die du ja kennst, und von denen du ja gehört hast: Wer kann vor den Kindern Enaks bestehen?“ (V. 1.2).

Dieses Kapitel beginnt mit einem Ausdruck, der das ganze fünfte Buch Mose kennzeichnet: „Höre, Israel!“ Er gibt gleichsam den Grundton dieses Buches und vor allem jener Eingangsreden an, die uns bereits beschäftigt haben. Das vor uns liegende Kapitel enthält besonders wichtige Dinge. Zunächst stellt Mose mit ernsten Worten der Gemeinde vor, was sie bei ihrem Eintritt in das Land zu erwarten habe. Er verhehlt ihnen nicht, dass sie auf ernste Schwierigkeiten und furchtbare Feinde treffen würden. Er tat das nicht, um sie zu entmutigen, sondern um sie vorher zu warnen, damit sie auf alles vorbereitet und gerüstet wären. Worin diese Vorbereitung bestand, werden wir noch sehen. Der treue Diener Gottes fühlte, dass es recht, ja, dringend nötig war, seinen Brüdern die wirkliche Sachlage vorzustellen.

Es gibt zwei verschiedene Arten, sich mit Schwierigkeiten zu beschäftigen. Man kann sie vom menschlichen und vom göttlichen Standpunkt aus betrachten, im Geist des Unglaubens oder mit ruhigem und stillem Vertrauen auf den lebendigen Gott. Vom einen liefern uns die ungläubigen Kundschafter (4. Mo 13), vom anderen der Anfang des vorliegenden Kapitels ein Beispiel.

Zu leugnen, dass Schwierigkeiten vorhanden sind, ist nicht Glaube, sondern Torheit oder Anmaßung und fleischliche Schwärmerei. Nie sollte man blindlings einen Weg gehen, auf den man nicht vorbereitet ist. Der Faule spricht: „Ein Löwe ist auf dem Weg“. Der Schwärmer meint: „Für mich gibt es weder Gefahren noch Schwierigkeiten!“ Ein glaubender Mensch spricht dagegen: „Ob auch tausend Löwen auf dem Weg wären, Gott ist mächtig genug, sie in einem Augenblick zu vernichten“.

Aber doch ist für alle, die des Herrn sind, der allgemein gültige und praktische Grundsatz sehr wichtig: ruhig und gründlich zu erwägen, was sie zu tun vorhaben, bevor sie irgendeinen Weg des Dienstes betreten oder eine Tätigkeit beginnen. Würde das mehr beachtet, so würden wir nicht so viel Schiffbruch in sittlicher und geistlicher Beziehung um uns her feststellen (vgl. auch Lk 14,26–30).

Wie viele unvollendete Gebäude begegnen uns, wenn wir das weite Feld des christlichen Bekenntnisses betrachten! Sie geben dem Beschauer Anlass zum Spott! Wie viele haben nur durch einen plötzlichen Impuls oder durch den Druck eines rein menschlichen Einflusses den Weg eines Jüngers Christi eingeschlagen, ohne die ganze Bedeutung dieses Schrittes verstanden und genügend erwogen zu haben! Gab es dann Schwierigkeiten, zeigte sich der Weg schmal, einsam und unbequem, so gaben sie ihn auf und bewiesen damit, dass sie nie wirklich die Kosten überschlagen, noch den Weg in Gemeinschaft mit Gott begangen oder überhaupt jemals verstanden hatten, was sie taten.

Solche Fälle sind sehr traurig. Sie bringen große Schmach auf die Sache des Herrn, geben dem Widersacher Anlass zur Lästerung und entmutigen die, die um die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen besorgt sind. Es ist viel besser, nie den Weg eines Jüngers Christi zu betreten, als, nachdem man es getan hat, ihn im Unglauben und in weltlicher Gesinnung wieder zu verlassen.

Es ist daher nicht schwer, die Weisheit und Wahrheit der Anfangsworte unseres Kapitels zu verstehen. Mose sagte den Israeliten offen und ehrlich, was ihnen bevorstand, um sie dadurch vor jedem Selbstvertrauen zu bewahren, das im Augenblick der Prüfung immer zusammenbrechen wird. Sie sollten sich auf den lebendigen Gott stützen, der ein Herz, das auf ihn vertraut, nie beschämen wird.

„So erkenne heute, dass der HERR, dein Gott, es ist, der vor dir her hinübergeht, ein verzehrendes Feuer; er wird sie vertilgen, und er wird sie vor dir beugen, und du wirst sie vertreiben und sie schnell vernichten, so wie der HERR zu dir geredet hat“ (V. 3).

Das ist die göttliche Antwort auf alle Schwierigkeiten, so unüberwindlich sie auch scheinen mögen. Was sind mächtige Nationen und große Städte, wenn der HERR gegenwärtig ist? Nichts als leichte Spreu im Wind. „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ (Röm 8,31). Das, was ein furchtsames Herz mit Angst und Schrecken erfüllt, wird eine Gelegenheit für die Entfaltung der Macht Gottes und für die herrlichen Triumphe des Glaubens.

Kein Grund, sich zu rühmen

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch der Sieg große Gefahren für uns in sich birgt, Gefahren, die aus unserer beständigen Neigung zur Überheblichkeit entspringen. In der Stunde des Kampfes fühlen wir unsere Ohnmacht und Abhängigkeit; aber sobald wir gesiegt haben, vergessen unsere Herzen so leicht, woher Kraft und Sieg kamen. Diese Erfahrung lässt den treuen Dienst Gottes mit Nachdruck sagen: „Sprich nicht so in deinem Herzen“ – das ist immer der Anfang eines Fehltrittes – „wenn der HERR, dein Gott, sie vor dir hinausstößt: Um meiner Gerechtigkeit willen hat der HERR mich hierher gebracht, um dieses Land in Besitz zu nehmen; denn um der Gottlosigkeit dieser Nationen willen vertreibt der HERR sie vor dir“ (V. 4).

Dieser Stolz, diese Unwissenheit und dieses oberflächliche Verständnis für den wirklichen Charakter unserer Wege wohnt in unseren Herzen! Kaum sollte man es für möglich halten, dass ein menschliches Herz eine solche Sprache führen könnte: „Um meiner Gerechtigkeit willen“! Aber dass die Israeliten dazu fähig waren, beweist die Tatsache, dass sie davor gewarnt wurden. Und wie sie, so sind auch wir fähig, das, was Gott zu unserem Besten tut, zu unserer eigenen Verherrlichung zu benutzen, anstatt darin einen Grund zu sehen, Gott zu loben.

Ein halsstarriges Volk

Wir tun darum gut, auf die warnende Stimme des treuen Knechtes Gottes zu hören, denn seine Worte vermitteln uns ein wirksames Gegenmittel gegen die Selbstgerechtigkeit, die uns, wie damals dem Volk Israel, so anhaftet. „Nicht um deiner Gerechtigkeit und um der Geradheit deines Herzens willen kommst du hinein, um ihr Land in Besitz zu nehmen; sondern um der Gesetzlosigkeit dieser Nationen willen vertreibt der HERR, dein Gott, sie vor dir, und damit er das Wort aufrechterhalte, das der HERR deinen Vätern, Abraham, Isaak und Jakob, geschworen hat. So erkenne denn, dass der HERR, dein Gott, nicht um deiner Gerechtigkeit willen dir dieses gute Land gibt, es zu besitzen; denn ein hartnäckiges Volk bist du. Erinnere dich daran – vergiss es nicht –, wie du den HERRN, deinen Gott, in der Wüste erzürnt hast! Von dem Tag an, als du aus dem Land Ägypten herausgezogen bist, bis ihr an diesen Ort kamt, seid ihr widerspenstig gegen den HERRN gewesen“ (V. 5–7).

Dieser Abschnitt zeigt die beiden großen Grundsätze, die das Herz wirklich in den moralisch richtigen Zustand versetzen, wenn sie klar erfasst werden. Zunächst wird das Volk daran erinnert, dass ihre Besitzergreifung des Landes Kanaan nichts anderes war als die Erfüllung der Verheißung, die Gott ihren Vätern gegeben hatte. Die Vertreibung der sieben Nationen Kanaans war nach der gerechten Regierung Gottes eine Folge ihrer Gesetzlosigkeit. Jeder Gutsherr hat ein Recht, schlechten Pächtern zu kündigen, und die Nationen Kanaans hatten gewissermaßen nicht nur ihre Pacht nicht bezahlt, sondern auch das Eigentum Gottes so sehr verdorben und verunreinigt, dass Er sie nicht länger darin dulden konnte. Darum wollte Er sie vertreiben, und zwar ohne jede Beziehung zu den neuen Besitzern des Landes. Wer auch immer nach ihnen das Land in Besitz nehmen mochte, die alten bösen Besitzer mussten jedenfalls ausgewiesen werden. Die Ungerechtigkeit der Amoriter hatte ihren Höhepunkt erreicht, und darum konnte nichts mehr das Gericht aufhalten. Der Mensch mag es für ungerecht und grausam halten, er mag es nicht mit einem wohlwollenden Wesen in Einklang bringen können, wenn Tausende von Familien aus ihrer Heimat vertrieben und dem Schwert preisgegeben werden; aber Gott weiß seine Angelegenheiten zu ordnen, ohne nach menschlichen Meinungen zu fragen. Er hatte die Bosheit der sieben Nationen solange erduldet, bis sie einfach unerträglich wurde. Selbst das Land konnte sie nicht mehr ertragen. Jede weitere Nachsicht hätte bedeutet, die schrecklichsten Gräuel gutzuheißen, und das war selbstverständlich unmöglich. Die Ehre Gottes forderte die Vertreibung der Kanaaniter. Sie forderte aber auch die Einführung der Nachkommen Abrahams in den Besitz des Landes, das sie als Besitzer zum ewigen Eigentum erhalten sollten unter Gott, dem Allmächtigen, unter dem höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt. So standen die Dinge für Israel, wenn es nur ein Auge dafür gehabt hätte. Der Einzug des Volkes in das Land der Verheißung und die Aufrechterhaltung der göttlichen Ehre waren so eng miteinander verbunden, dass keines von beiden angetastet werden konnte, ohne dabei auch das andere in Mitleidenschaft zu ziehen. Gott hatte verheißen, das Land Kanaan den Nachkommen Abrahams zum ewigen Besitztum zu geben. Hatte Er nicht das Recht, das zu tun? Kann der Unglaube Gott das Recht streitig machen, mit seinem Eigentum zu tun, was Er will? Kann er dem Schöpfer und Herrscher des Weltalls ein Recht verweigern, das Er für sich in Anspruch nimmt? Das Land gehörte dem HERRN, und Er gab es Abraham, seinem Freund, für immer. Trotzdem wurden die Kanaaniter nicht eher aus ihrem Besitz verdrängt, bis ihre Bosheit unerträglich geworden war.

Erinnerungen an das goldene Kalb

Bei der Vertreibung der alten und der Einführung der neuen Besitzer ging es also nur um die Ehre Gottes. Israel aber hatte durchaus keinen Grund zur Überheblichkeit, was Mose ihnen klar bezeugte. Er schilderte ihnen wiederholt alle wichtigen Szenen ihrer Geschichte vom Horeb bis Kades-Barnea. Er erinnerte sie an das goldene Kalb, an die zerbrochenen Tafeln des Bundes, an Tabhera, Massa und Kibroth-Hattaawa und fasste schließlich im 24. Vers ihre ganze Geschichte in die tief demütigenden Worte zusammen: „Widerspenstige seid ihr gegen den HERRN gewesen, von dem Tag an, da ich euch kenne.“

So versuchte Mose eindringlich auf Herz und Gewissen des Volkes einzuwirken. Der feierliche Rückblick auf ihre ganze Laufbahn sollte ihnen vor allem jeden falschen Begriff über sich selbst nehmen. Betrachteten sie ihre Geschichte vom richtigen Standpunkt aus, so zeigte sich nur zu deutlich, dass sie ein halsstarriges Volk waren und wiederholt am Rand des Verderbens gestanden hatten. Mit welch einer überwältigenden Kraft mussten daher die Worte in ihre Ohren dringen: „Und der HERR sprach zu mir: Mach dich auf, steige schnell von hier hinab! Denn dein Volk, das du aus Ägypten herausgeführt hast, hat sich verdorben. Sie sind schnell von dem Weg abgewichen, den ich ihnen geboten habe; sie haben sich ein gegossenes Bild gemacht. Und der HERR sprach zu mir und sagte: Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk. Lass ab von mir, damit ich sie vertilge und ihren Namen unter dem Himmel auslösche, und ich will dich zu einer Nation machen, stärker und größer als sie“ (V. 12–14).

Wie vernichtend waren solche Worte für ihren Stolz und ihre Selbstgerechtigkeit! Wie mussten sie im Innersten erschüttert werden, wenn sie hörten: „Lass ab von mir, dass ich sie vertilge!“ Wie überwältigend war der Gedanke, dem Untergang und der Vernichtung so nahe gewesen zu sein! Wie wenig hatten sie davon gewusst, was sich zwischen dem HERRN und Mose auf dem Gipfel des Horeb zugetragen hatte! Sie hatten am Rand eines furchtbaren Abgrundes gestanden, und der nächste Augenblick hätte sie hinabstürzen können! Die Fürbitte Moses, des Mannes, den sie der Anmaßung beschuldigten, hatte sie gerettet. Er, den sie der Selbstsucht und der Absicht bezichtigt hatten, sich zum Herrscher über sie zu machen, hatte eine ihm von Gott gebotene Gelegenheit ausgeschlagen, das Haupt einer Nation zu werden, die größer und mächtiger war als Israel! Ja, er hatte sogar ernstlich darum gebeten, aus dem Buch Gottes ausgelöscht zu werden, wenn ihnen nicht vergeben werden würde und wenn sie nicht in das Land gebracht werden sollten!

Wie verschwindend klein muss Israel sich diesen wunderbaren Tatsachen gegenüber gefühlt haben! Wenn sie diese Dinge betrachteten, mussten sie einsehen, wie töricht es war, zu denken: „Um meiner Gerechtigkeit willen hat der HERR mich hierher gebracht, dieses Land zu besitzen“. Wie konnten die Anbeter eines gegossenen Bildes so reden? Mussten sie nicht vielmehr anerkennen, dass sie nicht besser waren als die Nationen, die vor ihnen ausgetrieben werden sollten? Was unterschied sie denn von ihnen? Nur die unumschränkte Barmherzigkeit und auserwählende Liebe ihres Bundesgottes. Wem hatten sie ihre Befreiung aus Ägypten, ihre Erhaltung in der Wüste und ihre Einführung in das Land zu verdanken? Ganz allein der ewigen Beständigkeit des mit ihren Vätern gemachten Bundes, der „geordnet in allem und bewahrt“, bestätigt und befestigt wurde durch das Blut des Lammes, kraft dessen ganz Israel einmal in seinem eigenen Land errettet und gesegnet werden wird.

Die Rolle des Fürsprechers

Die herrlichen Schlussworte unseres Kapitels (V. 25–29) waren besonders geeignet, die Augen Israels zu öffnen und ihnen die große Torheit ihrer Gedanken über Mose, über sich selbst und über den zu zeigen, der sie trotz ihres finsteren Unglaubens und ihrer halsstarrigen Widerspenstigkeit so wunderbar getragen hatte. Sie sind ein gewaltiges, ergreifendes Flehen für Israel. Mose schlägt ohne Bedenken die ihm angebotene Würde aus, das Haupt einer größeren und stärkeren Nation als Israel zu werden. Sein einziger Wunsch ist, dass der HERR verherrlicht werde, dass Er Israel vergebe, es segne und es in das verheißene Land bringe. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass auch nur eine Spur von Schmach auf den glorreichen Namen gebracht würde, der seinem Herzen so wertvoll war. Ebenso war es ihm unmöglich, der Zeuge von Israels Vernichtung zu werden. Das waren die beiden Überlegungen, die ihn bewegten, während der Gedanke an seine eigene Erhebung keinen Raum bei ihm fand. Nur wenn er besorgt für die Ehre Gottes und das Heil seines Volkes war, konnte dieser vielgeliebte Knecht Gottes, was seine eigenen Hoffnungen und Interessen anging, vollkommen in der Gewissheit ruhen, dass sein persönlicher Segen und die göttliche Herrlichkeit durch ein unauflösliches Band miteinander verbunden waren.

Wie köstlich muss das alles für das Herz Gottes gewesen sein! Wie musste das ernste Flehen seines Knechtes ihm wohltun! Wie viel mehr entsprach es seinen Gedanken als das Gebet des Elia, der einige Jahrhunderte später gegen Israel vor ihm auftrat! Wie erinnert uns die Fürbitte Moses an den gesegneten Dienst unseres großen Hohenpriesters, der immerdar lebt, um sich für sein Volk zu verwenden, und dessen Vermittlung zu unserem Wohl nie aufhört!

Schön ist auch die Art, in der Mose darauf besteht, dass das Volk das Erbteil des HERRN war und dass Er es aus Ägypten herausgeführt hatte. Der HERR sagte: „dein Volk, das du aus Ägypten herausgeführt hast“. Aber Mose erwiderte: „Sie sind ja dein Volk und dein Erbteil, das du herausgeführt hast mit deiner großen Kraft usw.“

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