Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Erinnerungen und Ermahnungen (Fortsetzung)

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Sich an das erinnern, was Gott getan hat

Mose fühlte, wie wichtig es war, die mächtigen Taten des HERRN dem Herzen des Volkes und seinem Gedächtnis tief einzuprägen. Der menschliche Geist ist so flüchtig und das Herz so unbeständig. Israel stand in Gefahr, die ernsten Gerichte Gottes über Ägypten und über den Pharao zu vergessen und den Eindruck zu verlieren, den sie in ihren Herzen hinterlassen sollten (V. 1–7).

Wir wundern uns vielleicht, dass Israel die eindrucksvollen Ereignisse in Ägypten jemals vergessen konnte – das Hinabziehen seiner Väter, einer Handvoll Menschen, und das Wachstum des Volkes trotz der größten Schwierigkeiten und Hindernisse zu einer großen Nation, „wie die Sterne des Himmels an Menge“ (Kap. 10,22). Wie ernst waren auch die zehn Plagen, die über Ägypten gekommen waren! Sie sollten einen Eindruck und einen Begriff von der Macht Gottes und der Ohnmacht und Nichtigkeit des Menschen geben. Was ist der Mensch mit seiner prahlerischen Weisheit, Stärke und Herrlichkeit, und wie töricht sind seine Anstrengungen, sich gegen den allmächtigen Gott aufzulehnen! Was war denn die ganze Macht des Pharaos und Ägyptens in der Gegenwart des HERRN, des Gottes Israels? Alle Wagen Ägyptens, seine Pracht und Herrlichkeit, die Tapferkeit und Macht dieser alten, weitberühmten Nation wurde in einem Augenblick von den Wogen des Meeres verschlungen.

Und warum? Weil sie sich angemaßt hatten, in die Angelegenheiten des Volkes Gottes einzugreifen und sich dem ewigen Vorsatz und Ratschluss des Höchsten zu widersetzen. Sie versuchten die zu unterdrücken, die Er zu Gegenständen seiner Liebe gemacht hatte. Er hatte geschworen, die Nachkommen Abrahams zu segnen. Der Pharao versuchte voll Stolz und Herzenshärtigkeit die Wege Gottes zu durchkreuzen; aber er stürzte sich dadurch selbst ins Verderben. Sein Land wurde im Innersten erschüttert, während das Rote Meer ihn selbst und sein mächtiges Heer verschlang. Ein warnendes Beispiel für alle, die versuchen sollten, der Verwirklichung der Pläne des HERRN im Blick auf die Nachkommen seines Freundes Abraham entgegenzutreten.

Aber Israel sollte sich nicht nur daran erinnern, was der HERR an Ägypten und dem Pharao, sondern auch unter ihnen selbst getan hatte. Wie demütigend war für sie die Erinnerung an das Gericht, das über Dathan und Abiram und ihre Häuser ergangen war! Wie furchtbar war der Gedanke, dass die Erde ihren Mund aufgetan und sie verschlungen hatte, weil sie sich gegen die göttliche Verordnung empört hatten! In der Erzählung dieser Begebenheit im vierten Buch Mose spielt Korah, der Levit, die wichtigste Rolle. Hier aber wird er ausgelassen, und es werden nur die beiden Rubeniter, zwei Glieder der Versammlung, genannt, weil Mose das ganze Volk beeindrucken will, indem er ihnen die schrecklichen Folgen des Eigenwillens bei zwei Männern aus ihrer Mitte vorstellt. Dathan und Abiram waren Männer aus dem Volk, wie wir sagen würden, und nicht bevorzugte Leviten.

Ob die Aufmerksamkeit Israels im Blick auf das Tun Gottes nach innen oder nach außen gelenkt wurde, es geschah nur zu dem Zweck, ihnen ein tiefes Gefühl von der Wichtigkeit des Gehorsams einzuprägen. Das war das Ziel aller Wiederholungen, Erklärungen und Ermahnungen des treuen Dieners Gottes, der so bald von ihnen scheiden sollte. Deshalb überspringt er in seinen Reden, geleitet durch den Geist Gottes, Jahrhunderte ihrer Geschichte und wählt nur die Ereignisse aus, die geeignet waren, ihre Herzen und Gewissen zu beeindrucken. Die Reise nach Ägypten, der Aufenthalt dort, die ernsten Gerichte über Pharao, der Auszug, der Durchgang durch das Rote Meer, die Szenen der Wüste und vor allem das schreckliche Gericht über die beiden Rubeniter, alles das dient mit wunderbarer Kraft und Klarheit dazu, die Ansprüche des HERRN auf den unbedingten Gehorsam des Volkes herauszustellen.

Wie wird man stark?

„So haltet das ganze Gebot, das ich dir heute gebiete, damit ihr stark seid und hineinkommt und das Land besitzt, … das der HERR euren Vätern geschworen hat, ihnen und ihrer Nachkommenschaft zu geben, ein Land, das von Milch und Honig fließt“ (V. 8.9).

Der Leser sollte die schöne innere Verbindung dieser beiden Ausdrücke beachten: „haltet das ganze Gebot“, und: „damit ihr stark seid“. Ein bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes verleiht große Kraft. Wir sind so leicht geneigt, unter den Geboten und Vorschriften Gottes eine Auswahl zu treffen und nur solche anzunehmen, die uns angenehm erscheinen. Aber das ist Eigenwille. Woher nehmen wir das Recht, eine Vorschrift des Wortes anzunehmen und die andere zu vernachlässigen? Tun wir es, so ist es grundsätzlich nur Eigenwille und Auflehnung gegen Gott. Kann ein Knecht bestimmen, welchen Geboten seines Herrn er gehorchen will? Jedes Gebot trägt die Autorität seines Herrn und verpflichtet ihn deshalb, es zu beachten. Je pünktlicher der Knecht gehorcht, und je ungeteilter er seine Aufmerksamkeit jedem noch so unangenehmen Auftrag seines Herrn widmet, umso mehr Vertrauen und Achtung wird er sich erwerben und seine Stellung festigen. Jeder Herr liebt und schätzt einen gehorsamen und ergebenen Knecht.

Sollten wir nicht bestrebt sein, das Herz unseres hochgelobten Herrn durch willigen Gehorsam gegen alle seine Gebote zu erfreuen? Er hat uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben! Ist es nicht wunderbar, dass arme Geschöpfe wie wir das Herz Jesu erquicken können? Es ist eine Freude für ihn, wenn wir seine Gebote halten, und der Gedanke daran sollte uns anspornen, sein Wort zu erforschen, um seine Gebote immer besser zu verstehen und zu tun.

Die oben angeführten Worte Moses erinnern uns an das Gebet des Apostels für die „heiligen und treuen Brüder in Christus, die in Kolossä sind“ (Kol 1,2). In beiden Fällen zeigt sich die Schönheit eines bereitwilligen Gehorsams. Ein solcher Gehorsam ist wertvoll für den Vater, für Christus und für den Heiligen Geist. Das sollte genügen, um in uns den Wunsch zu wecken oder zu kräftigen, erfüllt zu sein mit der Erkenntnis seines Willens, um würdig des Herrn zu wandeln, zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk fruchtbringend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes. Es sollte uns zu einem fleißigeren Erforschen des Wortes Gottes anregen, um so die Gedanken und den Willen unseres Herrn mehr und mehr zu erkennen und, gestützt auf seine Gnade, das vor ihm Wohlgefällige zu tun.

Regen des Himmels über Kanaan

In den Versen 10–12 beschreibt Mose dem Volk das verheißene Land. Groß ist der Unterschied zwischen Ägypten und Kanaan. Dort gab es keinen Regen vom Himmel. Alles musste durch menschliche Anstrengungen erzeugt werden. Nicht so im Land des HERRN. Dort hätte der Fuß des Menschen nichts ausrichten können, und es war auch nicht nötig; denn dort kam der segensreiche Regen des Himmels auf das Land. Der HERR Selbst wachte über das Land und tränkte es mit dem Früh- und Spätregen. Während das Land Ägypten auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen war, war das Land Kanaan ganz und gar abhängig von Gott, von dem, was vom Himmel herabkam. Die Sprache Ägyptens lautete: „Mein Strom ist mein“, die Hoffnung Kanaans war „der Strom Gottes“.

Wir finden in Psalm 65,10–14 eine schöne Darstellung der Verhältnisse im Land des HERRN, wie sie der Glaube sah. Gott tränkt die Furchen der Erde und ebnet ihre Schollen. Er lässt sich herab, gleichsam das Werk eines Landmannes für sein Volk zu tun! Es ist seine Freude, über die Hügel und Täler seines geliebten Volkes seine Sonnenstrahlen und erfrischenden Regenschauer auszugießen. Und es dient zum Preis seines Namens, wenn der Weinstock, der Feigen- und Olivenbaum blühen, die Täler mit wogenden Getreidefeldern und die üppigen Weiden mit grasenden Herden bedeckt sind.

So hätte es immer sein sollen und sein können, wenn Israel nur im Gehorsam gegen das heilige Gesetz Gottes gelebt hätte (V. 13–15). Es war Israels hohes und heiliges Vorrecht, den HERRN zu lieben und ihm zu dienen, und es war des HERRN Vorrecht, Israel zu segnen und zu beglücken. Glückseligkeit und Fruchtbarkeit sollten die sicheren Folgen des Gehorsams sein. Das Volk und sein Land waren ganz von Gott abhängig. Ihre Versorgung geschah allein vom Himmel aus. So lange sie daher in willigem Gehorsam lebten, gab der Himmel seinen Tau, der Regen befeuchtete ihre Felder und Weinberge, und die Erde war voll Fruchtbarkeit und Segen.

Wenn Israel jedoch den HERRN vergessen und seine kostbaren Gebote verlassen würde, so würde der Himmel zu Erz und die Erde zu Eisen werden. Dürre, Unfruchtbarkeit, Hungersnot und Elend waren die Folge des Ungehorsams. Wie hätte es anders sein können? „Wenn ihr willig seid und hört, so sollt ihr das Gute des Landes essen. Wenn ihr euch aber weigert und widerspenstig seid, so sollt ihr vom Schwert verzehrt werden. Denn der Mund des HERRN hat geredet“ (Jes 1,19.20).

Hierin liegt eine tiefe praktische Belehrung für die Versammlung Gottes. Obwohl wir nicht unter dem Gesetz stehen, sind wir doch zum Gehorsam berufen, und wenn wir durch Gnade in einem bereitwilligen Gehorsam leben, werden wir geistlich gesegnet werden. Unsere Seelen werden erfrischt und gestärkt werden, und wir werden die Frucht der Gerechtigkeit hervorbringen, die durch Jesus Christus ist zur Herrlichkeit und zum Preis Gottes.

Frucht bringen

Es ist interessant und nützlich, diesen wichtigen Punkt mit Johannes 15,1–10 zu vergleichen. Dieser Abschnitt ist für jedes aufrichtige Kind Gottes sehr wichtig. Christus nimmt hier als der wahre Weinstock die Stelle Israels ein, das für den HERRN die ausgeartete Pflanze eines fremden Weinstocks geworden war. Der Schauplatz dieses Gleichnisses ist die Erde, denn man kann sich weder einen Weinstock noch einen Weingärtner im Himmel denken. Zudem sagt der Herr: „Ich bin der wahre Weinstock“. Das Bild ist sehr deutlich. Es ist nicht die Rede von einem Haupt und seinen Gliedern, sondern von einem Weinstock und seinen Reben. Auch geht es hier nicht um das ewige Leben, sondern um das Fruchtbringen. Würde das mehr beachtet, so würde diese so oft falsch ausgelegte Stelle bedeutend besser verstanden. Das Gleichnis vom Weinstock und seinen Reben zeigt uns, dass das Geheimnis des Fruchtbringens darin besteht, in Christus zu bleiben, d. h. in ständiger Abhängigkeit von ihm und in ununterbrochener Gemeinschaft mit ihm zu leben. Das Geheimnis, in Christus zu bleiben, besteht darin, dass man seine Gebote hält. „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“. Das macht alles so einfach. Um zur rechten Zeit Frucht zu bringen, ist es nötig, in Christus und in seiner Liebe zu bleiben. Das geht nur, wenn wir seine Gebote lieben, in unseren Herzen bewahren und sie in willigem Gehorsam ausführen.

Es herrscht viel Missverständnis über diesen Punkt, und sicher wird vieles für Frucht gehalten, was in der Gegenwart Gottes nicht als solche anerkannt wird. Denn Gott kann nichts als Frucht anerkennen, was nicht aus der Gemeinschaft mit Christus hervorkommt. Wir mögen uns einen großen Namen unter den Menschen machen und für entschiedene und fromme Christen gelten. Wir mögen großen Fleiß im Werk des Herrn an den Tag legen und beredte Prediger sein, mögen einen Ruf als Wohltäter und Förderer christlicher und menschenfreundlicher Bestrebungen haben, ja, erhebliche Summen dafür opfern und dennoch keine Frucht hervorbringen, die für das Herz des Vaters annehmbar wäre.

Andererseits mag es unser Los sein, die Zeit unserer Wanderschaft auf der Erde in stiller Verborgenheit verbringen zu müssen, unbemerkt und unbeachtet von der Welt. Aber wenn wir in Christus und in seiner Liebe bleiben, wenn wir sein Wort in heiligem und bereitwilligem Gehorsam bewahren, werden wir zur rechten Zeit unsere Frucht bringen. Unser Vater wird verherrlicht werden, und wir werden wachsen in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes.

Die Folgen des Ungehorsams

Werfen wir nun noch einen Blick auf den Rest unseres Kapitels, wo Mose wieder in eindringlichen Worten die Versammlung zur Wachsamkeit und Sorgfalt im Blick auf die Satzungen und Rechte des HERRN auffordert. Wie unser Herr den Jüngern das ernste Gericht vorstellt, das die unfruchtbaren Reben treffen wird, so warnt auch Mose das Volk vor den schrecklichen Folgen des Ungehorsams. „Hütet euch, dass euer Herz nicht verführt werde und ihr abweicht und anderen Göttern dient und euch vor ihnen niederbeugt!“ (V. 16). Welch ein trauriger Fortschritt im Bösen! Zuerst wird das Herz verführt. Das ist der Anfang alles Abirrens von den Wegen des Herrn. Die Füße folgen sicher dem Herzen. Es ist daher vor allen Dingen nötig, über das Herz zu wachen. Es ist gleichsam die innere Burg unseres ganzen sittlichen Wesens, und so lange es für den Herrn bewahrt bleibt, kann der Feind keinen Sieg erringen. Hat es sich aber einmal durch etwas anderes einnehmen lassen, so ist alles verloren. Das geheime Abweichen des Herzens zeigt sich bald im Leben. Man dient „anderen Göttern“ und beugt sich vor ihnen nieder, und mit großer Schnelligkeit geht es weiter bergab.

Aber beachten wir die unausbleiblichen und ernsten Folgen: „…und der Zorn des HERRN gegen euch entbrennt, und er den Himmel verschließt, dass kein Regen sei und der Erdboden seinen Ertrag nicht gebe, und ihr bald aus dem guten Land vertilgt werdet, das der HERR euch gibt“ (V. 17). Welch eine Unfruchtbarkeit und Verödung muss eintreten, sobald der Himmel verschlossen ist! Kein erfrischender Regen fällt, kein Tautropfen benetzt das dürre Land, jede Verbindung zwischen Himmel und Erde ist gleichsam abgebrochen. Wie oft hat Israel dies erfahren müssen! „Er macht Ströme zur Wüste und Wasserquellen zu dürrem Land, fruchtbares Land zur Salzsteppe, wegen der Bosheit derer, die darin wohnen“ (Ps 107,33.34).

Sehen wir nicht in dem dürren Land und in der Wüste das treffende Bild einer Seele, die wegen ihres Unglaubens gegen die Gebote Christi keine Gemeinschaft mit ihm hat? Sie genießt nicht die aus unserer Verbindung mit dem Himmel hervorgehenden Segnungen, keine Erfrischungen von oben, nichts von der Entfaltung der Herrlichkeiten Christi. Die Bibel erscheint ihr als ein versiegeltes Buch. Alles ist öde und trostlos. Nichts ist trauriger als der Zustand einer solchen Seele.

„Und ihr sollt diese meine Worte auf euer Herz und auf eure Seele legen und sie zum Zeichen auf eure Hand binden, und sie sollen zu Stirnbändern zwischen euren Augen sein. Und lehrt sie eure Kinder, indem ihr davon redet, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst; und schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore, damit eure Tage und die Tage eurer Kinder sich mehren in dem Land, das der HERR euren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, wie die Tage des Himmels über der Erde“ (V. 18–21).

Wie sehr wünschte Mose, dass das Volk viele solcher Tage genießen möchte! Und wie einfach waren die Bedingungen! Den Kindern Israel wurde kein schweres Joch aufgelegt, sondern das schöne Vorrecht zuteil, die Gebote des HERRN, ihres Gottes, in ihren Herzen aufzubewahren und die reine Luft seines Wortes einzuatmen. Alles hing von der Erfüllung dieser Bedingung ab. Alle Segnungen Kanaans, dieses guten Landes, das von Milch und Honig floss, auf dem die Augen des HERRN mit stetem Interesse und liebender Fürsorge ruhten, seine herrlichen Früchte und seltenen Vorzüge sollten ihr bleibendes Gut sein: Es gab nur eine einfache Bedingung: kindlicher Gehorsam gegenüber dem Wort ihres Bundesgottes. Zugleich wurde ihnen dann ein vollständiger Sieg über alle Feinde, die Bewältigung aller Hindernisse und ein Triumphzug in das verheißene Erbteil zugesichert (V. 22.23).

Wie wird das Land erobert werden?

„Jeder Ort, auf den eure Fußsohle treten wird, wird euer sein: Von der Wüste und dem Libanon und vom Strom, dem Strom Euphrat, bis an das hintere Meer wird eure Grenze sein. Niemand wird vor euch bestehen; euren Schrecken und eure Furcht wird der HERR, euer Gott, auf das ganze Land legen, auf das ihr treten werdet, so wie er zu euch geredet hat“ (V. 24.25).

Hier wird die göttliche Seite gezeigt. Das ganze Land lag vor ihnen. Sie sollten es einfach als die freie Gabe Gottes in Besitz nehmen. Sie brauchten nur im Glauben das schöne Erbteil zu betreten, das die Gnade für sie bestimmt hatte. In Josua 11 sehen wir alles bestätigt: „Und so nahm Josua das ganze Land ein, nach allem, was der HERR zu Mose geredet hatte; und Josua gab es Israel zum Erbteil, nach ihren Abteilungen, nach ihren Stämmen. Und das Land hatte Ruhe vom Krieg“ (V. 23).1

Aber es gab auch eine menschliche Seite. Die Verheißung Kanaans durch den HERRN, sowie die Inbesitznahme des Landes durch den Glauben Josuas und die tatsächliche Inbesitznahme durch Israel waren zwei verschiedene Dinge. Daher der große Unterschied zwischen dem Buch Josua und dem Buch der Richter. Im Buch Josua sehen wir die unfehlbare Treue Gottes bezüglich seiner Verheißung, im Buch der Richter die traurigen Fehler Israels von Anfang an. Gott hatte sein Wort gegeben, dass niemand vor ihnen bestehen sollte, und das Schwert Josuas, der das Vorbild des großen Anführers unserer Errettung ist, bestätigte diese Verheißung. Aber das Buch der Richter berichtet uns die traurige Tatsache, dass Israel die Austreibung des Feindes unterließ und sich die göttliche Verheißung nicht zu eigen zu machen wusste.

Was nun? Ist die Verheißung Gottes kraftlos? Das nicht, aber die völlige Unfähigkeit des Menschen ist offenbar geworden. Während in Gilgal das Siegesbanner über den zwölf Stämmen mit ihrem unüberwindlichen Anführer an der Spitze wehte, beweinte Israel in Bochim seine Niederlage.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen ist leicht einzusehen. Sie finden sich immer wieder in der Heiligen Schrift. Der Mensch schafft es nicht, sich zu der Höhe der göttlichen Offenbarung zu erheben, oder das in Besitz zu nehmen, was die Gnade gibt. Das bestätigt die Geschichte der Versammlung ebenso sehr wie die Israels. Dieses Versagen zeigt sich auch in der Geschichte jedes einzelnen Gliedes der Versammlung. Welcher Christ lebt auf der Höhe seiner geistlichen Vorrechte? Welches Kind Gottes hätte nicht über einen demütigenden Mangel in der Verwirklichung der Berufung Gottes zu klagen? Aber macht dies die Wahrheit Gottes wirkungslos? Nein. Sein Wort bleibt unveränderlich in seiner ganzen göttlichen Vollkommenheit und ewigen Festigkeit bestehen. Wie im Fall Israels das Land der Verheißung in seiner ganzen Ausdehnung und der ihm von Gott verliehenen Schönheit vor ihnen lag, und so wie das Volk bezüglich der Inbesitznahme des Landes auf die Treue und Macht Gottes rechnen konnte, ebenso ist es mit uns. Wir sind in Christus mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet. Der Genuss der mit unserer Stellung verbundenen Vorrechte ist nur eine Frage des Glaubens, der von allem Besitz ergreift, was die Gnade Gottes uns in Christus geschenkt hat.

Der Christ kann und soll auf der Höhe der göttlichen Offenbarung leben. Es gibt keine Entschuldigung für oberflächliche Erfahrungen oder unangemessenes Verhalten. Auch ist die Auffassung verkehrt, dass wir den Besitz der Fülle unseres Erbes in Christus nicht verwirklichen könnten, dass der Maßstab und die Vorrechte zu hoch seien, als dass wir in unserem gegenwärtigen unvollkommenen Zustand diese wunderbaren Segnungen und Würden genießen könnten.

Eine solche Sprache verrät Unglauben. Wenn die Gnade Gottes uns diese Vorrechte geschenkt und wenn uns der Tod Christi ein Anrecht auf sie gegeben hat, warum sollten wir sie dann nicht genießen? Von Gottes Seite steht dem nichts im Weg. Es ist sein Wunsch, dass wir die Fülle unseres Erbes in Christus genießen.

Das wunderbare Gebet des Apostels in Epheser 1,15–23 zeigt uns, wie sehr der Geist Gottes wünscht, dass wir die herrlichen Vorrechte der wahren christlichen Stellung verstehen und genießen. Er ist stets bemüht, unsere Herzen durch seinen Dienst in dieser erhabenen Stellung zu bewahren; aber leider betrüben wir ihn wie Israel durch unseren Unglauben und berauben uns selbst unschätzbaren Segens.

Trotzdem wird Gott seine Worte in jedem Punkt erfüllen, sowohl bezüglich seines irdischen als auch seines himmlischen Volkes. Israel wird einmal alle ihm durch den ewigen Bund zugesicherten Segnungen vollkommen genießen, und die Versammlung wird in den Genuss alles dessen gelangen, was die göttliche Liebe nach ihren ewigen Ratschlüssen in Christus für sie bestimmt hat. Aber der Heilige Geist ist fähig und bereit, jedem einzelnen Gläubigen schon jetzt den Genuss der Hoffnung der herrlichen Berufung Gottes, die praktische Kraft dieser Hoffnung, zu schenken, indem Er das Herz von den sichtbaren Dingen trennt und es für Gott in wahrer Heiligkeit und lebendiger Hingebung absondert.

Segen und Fluch

Mit diesem Kapitel endet der erste Abschnitt unseres Buches, der die Reden Moses an die Gemeinde Israels enthält. Sie sind sozusagen die Abschiedsworte des geliebten Dieners Gottes, in denen er seine letzten Wünsche ausdrückt und deren einziger Zweck es ist, das Volk zu einem entschiedenen Gehorsam zu ermuntern (V. 26–32).

Alles wird hier noch einmal zusammengefasst. Mit dem Gehorsam ist Segen verbunden, mit dem Ungehorsam Fluch. Der Berg Gerisim steht dem Berg Ebal gegenüber, die Fruchtbarkeit der Unfruchtbarkeit. In Kapitel 27 werden wir sehen, dass der Berg Gerisim und seine Segnungen gänzlich übergangen werden. Nur die Flüche Ebals tönen erschreckend an die Ohren Israels, während auf dem Berg Gerisim ein unheimliches Schweigen herrscht. „So viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluch“ (Gal 3,10). Der Segen Abrahams kann nur auf die kommen, die auf dem Boden des Glaubens stehen. Darauf werden wir später zurückkommen.

Fußnoten

  • 1 Ohne Zweifel nahm Josua das ganze Land im Glauben ein. Denn wenn es sich um den tatsächlichen Besitz handelt, lesen wir in Josua 13,1, dass noch viel Land in Besitz zu nehmen blieb.
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