Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Es gibt nur einen Gott

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Der wahre Gott und die Götzen

„Und dies sind die Gebote, die Satzungen und die Rechte, die der HERR, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, damit ihr sie tut in dem Land, wohin ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen; damit du den HERRN, deinen Gott, fürchtest alle Tage deines Lebens, um alle seine Satzungen und seine Gebote zu halten, die ich dir gebiete, du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn, und damit deine Tage sich verlängern. So höre denn, Israel, und achte darauf, sie zu tun, damit es dir wohl ergehe, und ihr euch sehr mehrt – so wie der HERR, der Gott deiner Väter, zu dir geredet hat – in einem Land, das von Milch und Honig fließt! Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist ein HERR“  (V. 1–4).

Wir finden hier die große Grundwahrheit, die zu bewahren das Volk Israel ganz besonders berufen war, nämlich die Wahrheit, dass Gott ein einiger Gott ist. Diese Wahrheit bildete eigentlich die Grundlage des ganzen jüdischen Systems. So lange das Volk an dieser Wahrheit festhielt, war es glücklich und gesegnet; sobald es aber diese Wahrheit fallen ließ, war alles verloren. Diese Wahrheit zeichnete Israel vor allen Nationen der Erde aus. Das Volk war berufen, sie zu bekennen angesichts einer götzendienerischen Welt mit „ihren vielen Göttern und vielen Herren“. Es war Israels Vorrecht und seine heilige Pflicht, ständig Zeugnis von der Einheit Gottes abzulegen. Schon Abraham, ihr Vater, war berufen worden, aus seiner götzendienerischen Umgebung auszuziehen, um ein Zeugnis für den einen wahren und lebendigen Gott zu sein.

Im letzten Kapitel des Buches Josua finden wir einen ernsten Hinweis darauf, verbunden mit einer eindringlichen Ermahnung, die Josua in seiner letzten Ansprache an das Volk richtet. Wir lesen dort: „Und Josua versammelte alle Stämme Israels nach Sichem, und er rief die Ältesten von Israel und seine Häupter und seine Richter und seine Vorsteher; und sie stellten sich vor Gott. Und Josua sprach zu dem ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vor alters jenseits des Stromes, Tarah, der Vater Abrahams und der Vater Nahors, und sie dienten anderen Göttern. Und ich nahm Abraham, euren Vater, von jenseits des Stromes und ließ ihn durch das ganze Land Kanaan wandern, und ich mehrte seine Nachkommenschaft und gab ihm Isaak“ (Jos 24,1–3).

Sie hätten nie vergessen sollen, dass ihre Väter anderen Göttern gedient hatten. Die Erinnerung daran würde sie stets angespornt haben, mit Eifer über sich zu wachen, um nicht selbst in diese grobe und schreckliche Sünde hineinzugeraten, woraus Gott ihren Vater Abraham herausgeführt hatte. Sie würden erkannt haben, wie gefährdet sie waren, in dieselbe Sünde zu fallen, in der einst ihre Väter gelebt hatten.

Die Warnungen Josuas vor dem Götzendienst

Im weiteren Verlauf seiner Rede stellt Josua dem Volk noch einmal die wesentlichen Ereignisse ihrer Geschichte vor, von der Geburt Isaaks bis zu dem damaligen Zeitpunkt, und ermahnt es im Rückblick darauf: „Und nun fürchtet den HERRN und dient ihm in Vollkommenheit und in Wahrheit; und tut die Götter weg, denen eure Väter jenseits des Stromes und in Ägypten gedient haben, und dient dem HERRN. Und wenn es übel ist in euren Augen, dem HERRN zu dienen, so erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt, ob den Göttern, denen eure Väter gedient haben, die jenseits des Stromes wohnten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“ (Jos 24,14.15).

Wir finden wiederholt erwähnt, dass die Väter Israels falschen Göttern gedient hatten und dass das Land, in das der HERR das Volk gebracht hatte, von einem Ende bis zum anderen von den Gräueln des heidnischen Götzendienstes befleckt war. Josua, dieser treue Knecht des Herrn, suchte, geleitet durch den Heiligen Geist, dem Volk die große Gefahr vor Augen zu stellen, dass es diese bedeutende Grundwahrheit von dem einen wahren und lebendigen Gott verlieren und in den Götzendienst zurückfallen konnte. Hier musste eine eindeutige und aufrichtige Entscheidung getroffen werden: „Erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt.“ Nichts gleicht einer solchen bestimmten Entscheidung des Herzens für Gott. Sie gebührt ihm stets. Der HERR hatte bewiesen, dass Er für sie war, indem Er sie aus der Knechtschaft Ägyptens erlöst, in der Wüste ernährt und in das verheißene Land gebracht hatte. Daher war es ihre selbstverständliche Pflicht, sich auch mit ganzem Herzen für ihn zu entscheiden.

Wie tief Josua diese Zusammenhänge für seine Person empfand, geht klar aus seinen denkwürdigen Worten hervor: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“ Das Volk im Allgemeinen mochte von Gott abweichen, die persönliche Gottesfurcht in Haus und Familie brauchte aber hiervon nicht berührt zu werden. Durch Gottes Gnade gilt das überall und zu allen Zeiten. Gott sei Dank dafür! Lasst uns das nicht vergessen! „Ich und mein Haus“ ist die klare und fröhliche Antwort des Glaubens auf Gottes „du und dein Haus“. Mag der Zustand des bekennenden Volkes Gottes sein, wie er will, es ist und bleibt zu jeder Zeit das Vorrecht des aufrichtigen Gläubigen, sich wie Josua zu entscheiden und so zu handeln: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“

Allerdings kann nur durch die täglich dargereichte Gnade Gottes dieser Entschluss verwirklicht werden. Aber wir dürfen sicher sein, dass da, wo jemand dem Herrn aufrichtig folgen will, er auch Tag für Tag die nötige Gnade empfängt. Die ermutigende Antwort, die dem Apostel Paulus auf sein Flehen zuteilwurde, bleibt immer wahr: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9).

Die Folgen in der Geschichte Israels

Die Worte Josuas schienen für den Augenblick ihre Wirkung auf das Volk nicht zu verfehlen (V. 16–18). Das Volk verstand offenbar, dass der HERR Anspruch auf unbedingten Gehorsam hat. Das Volk konnte alle die mächtigen Taten Gottes aufzählen. Es verwahrte sich feierlich gegen jede Abgötterei und versprach, dem HERRN, seinem Gott, allein zu gehorchen. Aber wie bald zeigte sich, wie recht Josua hatte, als er dem Volk antwortete: „Ihr könnt dem HERRN nicht dienen; denn er ist ein heiliger Gott, er ist ein eifernder Gott; er wird eure Übertretungen und eure Sünden nicht vergeben“ (V. 19). Wie bald gaben sie sich dem bestrickenden Zauber des Götzendienstes hin, und wie schnell wichen sie ab von dem einen wahren Gott! Alle ihre Versprechungen, Vorsätze und Gelübde, die sie unter dem mächtigen Eindruck der Worte Josuas ausgesprochen hatten, blieben unerfüllt und wurden sehr bald vollständig vergessen (vgl. Ri 2,7–13).

Die traurige Geschichte des Volkes enthält auch für uns eine ernste Warnung. Solange Josua und die Ältesten lebten, wurde Israel durch ihre Gegenwart und ihren Einfluss vor offenem Abfall bewahrt. Aber kaum waren diese gestorben, so brach auch gleich die dunkle Flut des Götzendienstes herein und schwemmte die Grundlagen des israelitischen Glaubens hinweg. Der HERR Israels wurde ersetzt durch Baal und Astaroth. Menschlicher Einfluss ist immer eine schwache Stütze, ein lockerer Halt. Wenn wir nicht durch Gottes Macht bewahrt bleiben, so werden wir früher oder später abweichen. Der Glaube, der bloß in der Weisheit der Menschen und nicht in der Kraft Gottes gegründet ist, wird sich immer als arm, schwach und wertlos erweisen. Er wird in den Tagen der Trübsal nicht bestehen und das Feuer der Läuterung nicht ertragen.

Wir tun gut, das ernstlich zu bedenken. Ein Glaube aus zweiter Hand kann nicht genügen. Es muss ein lebendiges Bindeglied zwischen Gott und der Seele vorhanden sein. Wir müssen persönlich mit Gott in Verbindung stehen, sonst werden wir wanken und fallen, wenn die Zeit der Prüfung kommt. Menschliches Beispiel und menschlicher Einfluss haben an ihrem Platz ihren Wert. Es war gut und recht, auf Josua und die Ältesten zu blicken und ihre Treue nachzuahmen. Es ist ermunternd, von einer Zahl treuer, unterwürfiger Christen umgeben zu sein, und angenehm, von dem Strom gemeinsamer Treue zu Christus und zu seiner Person und seinem Werk mitgetragen zu werden. Aber wenn das alles ist, wenn die Quelle persönlichen Glaubens und persönlicher Erkenntnis fehlt, wenn nicht das göttlich gewirkte und unterhaltene Band der Gemeinschaft vorhanden ist, so werden wir, wenn die menschlichen Stützen brechen und ein allgemeiner Rückgang eintritt, dem Volk Israel gleich sein, das dem Herrn folgte, solange Josua und die Ältesten lebten. Wir werden das Bekenntnis seines Namens aufgeben und zurückkehren zu den Torheiten und Eitelkeiten der Welt, zu Dingen, die in Wirklichkeit nicht besser sind als Baal und Astaroth.

Wenn dagegen das Herz in der Wahrheit und Gnade Gottes fest gegründet ist und wir sagen können, wie es das Vorrecht jedes wahren Gläubigen ist: „Ich weiß, wem ich geglaubt habe, und bin überzeugt, dass er mächtig ist, das ihm von mir anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren“ (2. Tim 1,12), so werden wir, mögen sich auch alle um uns her von dem öffentlichen Bekenntnis Christi wegwenden und mögen wir uns von aller menschlichen Hilfe verlassen sehen, doch den „festen Grund Gottes“ sicher finden und den Weg des Gehorsams so klar vor uns liegen sehen, als ob Tausende ihn vor uns her in Entschiedenheit gingen.

Wir müssen beachten, dass Gott der bekennenden Christenheit in der Geschichte des Volkes Israel tiefgründige und ernste Belehrungen geben wollte. „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4). Und um uns diese Belehrung zunutze zu machen, brauchen wir keine künstlichen Vergleiche anzustellen oder weithergeholte Erläuterungen zu suchen. Viele haben das getan, und anstatt durch die Schriften ermuntert zu werden, haben sie sich in leere und törichte Gedanken verloren oder sind in verderbliche Irrtümer geraten. Wir haben es nur mit Tatsachen zu tun, die uns in der Schrift mitgeteilt sind. Über sie wollen wir nachdenken, und aus ihnen können wir die Lehren für unser praktisches Verhalten ziehen.

Parallelen in der Geschichte der Versammlung

Nehmen wir doch als Beispiel die Tatsache, dass Israel abwich von der Wahrheit: „Der HERR, unser Gott, ist ein HERR!“ Welche vorbildliche Bedeutung hat nun diese Tatsache für die Versammlung? Zweifellos hat sie eine sehr ernste Bedeutung. Verfolgen wir die Versammlung Gottes in ihrem öffentlichen Zeugnis für Christus auf der Erde, so begegnen wir denselben traurigen Erscheinungen wie bei Israels Abfall. Kaum war die Versammlung aufgerichtet und hatte die ganze Fülle der Segnungen und Vorrechte bekommen, die Gott für sie in Christus bereitet hatte, so begann sie, von den Wahrheiten abzuweichen, die sie bewahren und bekennen sollte. Gleich Adam im Garten Eden, gleich Noah auf der wiederhergestellten Erde, gleich Israel im Land Kanaan war auch die Versammlung kaum als die verantwortliche Verwalterin der Geheimnisse Gottes eingesetzt, als sie schon anfing zu straucheln und zu fallen. Sehr rasch wurden die großen Wahrheiten vergessen, die das Christentum vor allem Vorhergegangenen auszeichneten. Schon zu Lebzeiten der Apostel begannen das Böse und der Irrtum zu wirken, die die Grundlagen des Zeugnisses der Versammlung unterwühlt haben (vgl. Gal 1,6.7; 3,1; 4,8–11; 5,7–9; 2. Tim 1,15; 4,3.4 und andere Stellen).

Paulus hatte als ein weiser Baumeister den Grund der Versammlung gelegt. Welche Erfahrungen musste er machen! Er sah sich gleich seinem Meister von allen verlassen, die sich in der Frische und dem Eifer früherer Tage um ihn gesammelt hatten. Ihn erfüllte Trauer bei dem Gedanken an das Verderben, das sich schon überall zu zeigen begann. Judaisierende Lehrer waren an allen Orten beschäftigt, den wahren Grund des Christentums zu unterwühlen und den Glauben der Auserwählten Gottes zu erschüttern. Er weinte über die Vielen, die das Bekenntnis des Namens Christi im Mund führten, aber „Feinde des Kreuzes Christi waren“ (Phil 3,18). Er sah, wenn er aus dem Gefängnis in Rom auf die bekennende Christenheit schaute, nichts als hoffnungslosen Verfall. Er erkannte, dass es ihr geradeso ergehen würde wie dem Schiff, in dem er seine Reise nach Rom gemacht hatte, eine Reise, die ein treffendes Bild von der traurigen Geschichte der Versammlung in dieser Welt ist.

Die Versammlung in ihrer Verantwortlichkeit und die Einheit des Leibes Christi

Selbstverständlich denken wir dabei nicht an die Versammlung als den Leib Christi, sondern an ihren Charakter als verantwortliche Zeugin auf der Erde, als der Leuchter oder das Zeugnis Christi in dieser Welt. Die Versammlung als der Leib Christi ist durch die Gegenwart und das Innewohnen des Heiligen Geistes mit ihrem lebendigen und verherrlichten Haupt in den Himmeln verbunden und kann nie vergehen, nie gleich Paulus' Schiff durch die Stürme und Wogen dieser feindseligen Welt zertrümmert werden. Das Haupt und der Leib sind eins, unauflöslich miteinander verbunden. Keine Macht der Erde oder der Hölle, keine Macht der Menschen oder des Teufels kann je ein Glied dieses Leibes antasten. Sie alle stehen vor Gott, sie alle befinden sich vor ihm in der ganzen Fülle, Schönheit und Annehmlichkeit Christi selbst. Wie das Haupt, so sind auch die Glieder, alle Glieder zusammen, und jedes Glied insbesondere. Alle genießen die vollendeten, ewigen Ergebnisse des Werkes Christi, das Er am Kreuz vollbracht hat. Die Verantwortung der einzelnen Glieder wird hier außer Acht gelassen, denn der Herr selbst macht sich verantwortlich für die Glieder. Er genügt jedem Anspruch. Nichts bleibt übrig als Liebe – Liebe, so vollkommen wie das Werk Christi, so unwandelbar wie sein Thron.

Jede Beschuldigung, die je gegen eins oder gegen alle Glieder der Versammlung Gottes erhoben werden könnte, ist bereits am Kreuz vorgebracht und zwischen Gott und seinem Christus für ewig entschieden worden. Alle Sünden und Ungerechtigkeiten, alle Schuld jedes einzelnen Gläubigen – alles lag dort auf Christus und wurde von ihm getragen. Entsprechend seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit hat Gott dort alles in Ordnung gebracht, was jemals der Errettung, Segnung und Herrlichkeit eines Gliedes des Leibes Christi, der Versammlung Gottes, im Weg stehen konnte. Jedes Glied des Leibes Christi ist durchdrungen von dem Leben des Hauptes, jeder Stein des Baues durchdrungen von dem Leben des Ecksteins. Alle sind miteinander verbunden in der Kraft eines Bandes, das nie gelöst werden kann.

Natürlich dürfen wir die kirchlichen Systeme dieser Welt, alte und neue, griechische, römische oder protestantische, nicht verwechseln mit der Versammlung Gottes, dem Leib Christi. Es hat noch nie ein religiöses System gegeben und wird es auch nie geben, das einen Anspruch darauf haben kann, „der Leib Christi“ genannt zu werden. Daher ist es falsch, die Absonderung von einem solchen System ein Spalten oder Zerreißen des Leibes Christi zu nennen. Im Gegenteil ist es die Pflicht jedes Gläubigen, der die Wahrheit von der Einheit des Leibes verwirklichen und bekennen will, sich entschieden von allem abzusondern, was sich selbst fälschlich eine Versammlung nennt. Wenn sich aber jemand von solchen absondert, die sich klar und unzweifelhaft nach dem Grundsatz der einen Versammlung Gottes versammeln, so ist das eine Trennung.

Keine christliche Gemeinschaft kann Anspruch auf den Titel „Leib Christi“ oder „Versammlung Gottes“ erheben. Die Glieder dieses Leibes sind überall verstreut. Sie werden in all den verschiedenen religiösen Benennungen unserer Tage gefunden, soweit diese nicht die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus leugnen. Aber obgleich sich keine christliche Gemeinschaft rechtmäßig den Titel „Versammlung Gottes“ beilegen kann, so sind doch alle Christen verantwortlich, nach dem Grundsatz der einen Versammlung zusammenzukommen.

Und wenn nun gefragt wird: „Wie können wir diesen Grundsatz kennen?“ oder: „Wo wird er verwirklicht?“, so antworten wir: „Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Mt 6,22). „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist“ (Joh 7,17). Da ist „ein Pfad, den der Raubvogel nicht kennt und den das Auge des Habichts nicht erblickt hat; den die wilden Tiere nicht betreten, über den der Löwe nicht hingeschritten ist“ (Hiob 28,7.8). Das natürliche Auge kann diesen Pfad nicht erkennen, menschliche Kraft kann ihn nicht betreten. Wo ist dieser Pfad? Hier ist er: „Und zum Menschen“ – zu jedem Leser wie dem Schreiber dieser Zeilen – „sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28).

An dieser Stelle sei ein Ausdruck angeführt, den man häufig von Leuten hört, von denen man es nicht erwartet. Man spricht von einem „Abschneiden der Glieder vom Leib Christi“ 1. Aber das ist, Gott sei Dank, unmöglich. Nicht ein einziges Glied des Leibes Christi kann von dem Haupt getrennt oder von dem Platz entfernt werden, an den es, infolge des ewigen Vorsatzes Gottes und kraft des vollbrachten Opfers unseres Herrn Jesus Christus, durch den Heiligen Geist eingefügt ist. Die göttliche Dreieinheit hat sich verbürgt für die Sicherheit jedes Gliedes am Leib sowie für die Erhaltung der unauflöslichen Einheit des ganzen Leibes.

Es ist heute noch so wahr wie damals, als der Apostel das vierte Kapitel an die Epheser schrieb, dass es nur „einen Leib“ gibt, von dem Christus das Haupt und alle wahren Gläubigen Glieder sind. Dieser Leib ist seit dem Pfingsttag auf der Erde und wird bis zu dem Augenblick hier sein, wenn Christus kommt und ihn in das Haus seines Vaters einführen wird. Sicher fällt es manchem schwer, bei der gegenwärtigen Zerstreutheit der Glieder an die bleibende Einheit des Ganzen zu glauben und sie zu bekennen. Man fühlt sich geneigt, Epheser 4,4 nur auf die Zeit anzuwenden, in der der Apostel diese Worte schrieb, wo die Christen sichtbar eins waren und man nicht daran denken konnte, ein Glied dieser oder jener Versammlung zu sein, weil alle Gläubigen Glieder der einen Versammlung waren 2.

Aber wer gibt uns ein Recht, aus Epheser 4,4–6 einen Satz herauszunehmen und zu behaupten, dass er nur für die Zeit der Apostel gültig sei? Wenn ein Satz so eingeschränkt werden kann, warum dann nicht alle? Gibt es nicht auch heute noch „einen Geist, einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott und Vater aller“? Ganz gewiss! Daran zweifelt niemand. Daraus aber folgt, dass es ebenso gewiss auch nur einen Leib gibt. Diese Dinge sind so eng miteinander verknüpft, dass man nicht das eine antasten kann, ohne alle zu leugnen. Wenn man die Einheit des Leibes verwirft, so muss man auch folgerichtig das Dasein eines Gottes leugnen; denn dieselbe Schriftstelle, die das eine erklärt, behauptet auch das andere.

„Aber“, wird man einwenden, „wo befindet sich dieser eine Leib? Ist es nicht töricht, angesichts der fast zahllosen Benennungen in der Christenheit von einem Leib zu reden?“ Nein, wir können die Wahrheit Gottes nicht aufgeben, nur weil der Mensch sie nicht verwirklicht hat. Versagte Israel nicht vollständig, wenn es darum ging, die Wahrheit von der Einheit Gottes zu bekennen und zu verwirklichen? Und doch wurde diese herrliche Wahrheit durch das traurige Verhalten des Volkes nicht im Geringsten geändert. Als es in Jerusalem ebenso viele Götzenaltäre wie Straßen gab und aus jedem Haus der Weihrauch zu Ehren von Baal und Astaroth aufstieg, war es da nicht mehr wahr, dass Gott einer ist, wie zur Zeit, da Mose der ganzen Versammlung die feierlichen Worte zurief: „Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist ein HERR!“? Gepriesen sei Gott, seine Wahrheit ist unabhängig von den treulosen und törichten Wegen der Menschen. Sie ist unantastbar und unerschütterlich.

Aber wie wird die Wahrheit von der Einheit des Leibes praktisch verwirklicht? Dadurch, dass wir jeden anderen Grund der christlichen Gemeinschaft und des Zusammenkommens ablehnen. Alle wahren Gläubigen sollten sich einfach aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dem Leib Christi versammeln. Sie sollten sich am ersten Tag der Woche um den Tisch des Herrn scharen und als Glieder des einen Leibes das Brot brechen, nach den Worten des Apostels in 1. Korinther 10,17: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot.“ Das gilt heute noch so gut wie damals, als Paulus an die Versammlung zu Korinth schrieb. Allerdings gab es in Korinth Spaltungen, genauso wie es in der heutigen Christenheit unzählige gibt; aber das ändert nichts an der Wahrheit Gottes. Der Apostel tadelte die Korinther und nannte sie fleischlich. Er war keineswegs der Meinung, dass solche Spaltungen nützlich sind, weil sie, wie man heutzutage sagt, einen Wetteifer erzeugen sollen. Paulus betrachtete sie als eine traurige Frucht des Fleisches, als das Werk Satans. Mit Sicherheit hätte er auch die in unseren Tagen so weit verbreitete und gern angenommene Erklärung für die Spaltungen in der Versammlung nicht gutgeheißen. Man sagt nämlich, dass die verschiedenen Parteien mit ebenso vielen Regimentern einer Armee zu vergleichen wären, die, obgleich in Uniform und Waffen verschieden, doch unter einem Feldherrn kämpfen. Gegenüber dem klaren und unmissverständlichen Ausspruch Gottes: „Da ist ein Leib“, werden solche Ansichten als törichte Widersprüche offenbar und zerfallen in sich selbst.

Es gab also auch in Korinth Irrlehren, Spaltungen, Böses aller Art. Sollte aber deshalb die Wahrheit Gottes aufgegeben werden? Sollten sich die Korinther nach einem anderen Grundsatz versammeln, eine neue Einrichtung schaffen, sich um einen neuen Mittelpunkt versammeln? Gott sei Dank, nein! Seine Wahrheit durfte keinen Augenblick aufgegeben werden, und wenn auch Korinth in tausend Sekten zersplittert und sein Horizont durch tausend Ketzereien verdunkelt gewesen wäre. Der Leib Christi ist einer, und der Apostel entfaltet ganz einfach vor ihnen sein Banner mit der segensreichen Inschrift: „Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder im Einzelnen“ (1. Kor 12,27).

Diese Worte aber wurden nicht nur an die Versammlung in Korinth gerichtet, sondern auch an alle, „die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres Herrn“ (1. Kor 1,2). Die Wahrheit von der Einheit des Leibes ist daher bleibend und allgemein gültig. Jeder Christ ist verpflichtet, sie zu beachten und danach zu handeln, und jede Versammlung von Christen, wo sie auch zusammenkommt, sollte an diesem Ort die so wichtige Wahrheit verwirklichen. Kann denn von einer solchen örtlichen Versammlung gesagt werden: „Ihr seid der Leib Christi“? Wir erwidern hierauf: Gab es nicht zur Zeit des Apostels auch in Ephesus, Kolossä und Philippi Gläubige? Zweifellos, und hätte der Apostel an sie über dasselbe Thema geschrieben, so würde er auch zu ihnen gesagt haben: „Ihr seid der Leib Christi“, vorausgesetzt, dass sie an dem Ort, wo sie sich versammelten, der Ausdruck dieses Leibes waren. Zugleich aber standen alle Heiligen bis ans Ende der irdischen Laufbahn der Versammlung vor dem Geist des Apostels.

Unmöglich hätte er solche Worte an eine menschliche Einrichtung, welcher Art sie auch sein mochte, richten können. Selbst wenn alle derartigen Einrichtungen zu einer einzigen vereinigt würden, so könnte sie dennoch nicht „der Leib Christi“ genannt werden. Dieser Leib, das sollten wir klar verstehen, besteht aus allen wahren Gläubigen auf der ganzen Erde. Dass sie sich nicht alle nach diesem einzigen göttlichen Grundsatz versammeln, ist ein schwerer Verlust für sie und dient zur Verunehrung des Herrn. Aber diese herrliche Wahrheit „da ist ein Leib“ wird hiervon nicht berührt, und sie ist der göttliche Maßstab, mit dem alle kirchlichen Vereinigungen und religiösen Systeme gemessen werden müssen.

Der völlige Verfall der Kirche

Wir wollen jetzt die menschliche Seite unseres Themas betrachten: die Versammlung in ihrer Verantwortlichkeit auf der Erde. Wenn man vorurteilsfrei das Neue Testament liest, so erkennt man, dass die Versammlung in ihrem Zeugnis für Christus hier auf der Erde weit abgewichen ist und in sehr betrüblicher Weise versagt hat. Werfen wir nur einen Blick in das zweite und dritte Kapitel der Offenbarung. Dort wird uns die Versammlung als unter Gericht stehend vorgestellt. Diese ernsten Kapitel können wir wohl mit Recht eine göttliche Versammlung nennen. Sieben Versammlungen oder Gemeinden wurden ausgewählt, um die verschiedenen Zeitabschnitte der Geschichte der Versammlung zu veranschaulichen, von dem Tag an, da sie als ein verantwortliches Zeugnis auf der Erde aufgerichtet wurde, bis zu dem Augenblick, wo die Namenschristenheit aus dem Mund des Herrn ausgespieen werden wird. Beide Kapitel sind ohne Zweifel geschichtlich, d. h. die Sendschreiben richteten sich zunächst an damals bestehende Versammlungen und behandelten deren Zustände. Zugleich aber tragen sie einen deutlichen ausgeprägten prophetischen Charakter. Übersehen wir das, so entgehen uns wertvolle Unterweisungen.

Nehmen wir z. B. das Sendschreiben an die Versammlung in Ephesus. Es ist dieselbe Gemeinde, an die der Apostel Paulus seinen einzigartigen Brief geschrieben und darin die himmlische Seite verschiedener Grundsätze entwickelt hatte: Gottes ewigen Vorsatz bezüglich der Versammlung und ihrer Stellung, als angenommen in Christus und gesegnet in ihm mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern. Doch wie wir gesehen haben, gibt es eine irdische und auch eine himmlische, eine menschliche und auch eine göttliche Seite, einen Leuchter und auch einen Leib. Und das ist der Grund, weshalb wir in Offenbarung 2,4 die ernsten Worte lesen: „Ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ Wie ganz anders ist die Sprache hier als in dem Brief an die Epheser! Das Licht hat bereits begonnen, trübe zu werden. Kaum war es angezündet worden, so wurden schon Lichtschnäuzen nötig.

So zeigten sich bereits am Anfang die unverkennbaren Spuren beginnenden Verfalls vor dem durchdringenden Auge dessen, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt. Wenn wir die irdische Geschichte der Versammlung bis zu ihrem letzten Abschnitt verfolgen, wie sie uns in dem Sendschreiben an die Versammlung in Laodizea dargestellt wird, so finden wir keine Wiederherstellung mehr. Der Verfall ist hoffnungslos. Der Herr steht außerhalb der Versammlung: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an“ (Off 3,20). Hier heißt es nicht mehr wie bei Ephesus: „Ich habe gegen dich.“ Nein, die ganze Stellung ist falsch. Das ganze bekennende Zeugnis ist nahe daran, aufgegeben zu werden: Ich werde „dich ausspeien aus meinem Mund“ (V. 16). Der Herr zögert noch, gepriesen sei sein Name! Nur ungern verlässt Er den Platz der Gnade, um den Platz des Gerichts einzunehmen. Das erinnert uns an den Weggang der Herrlichkeit Gottes, wie sie uns in den ersten Kapiteln des Propheten Hesekiel vorgestellt wird. Die Herrlichkeit zieht sich langsam und zögernd zurück. Sie verlässt ungern den Tempel, das Land und das Volk. „Und die Herrlichkeit des HERRN hatte sich von dem Cherub auf die Schwelle des Hauses hin erhoben; und das Haus war von der Wolke erfüllt, und der Vorhof war voll von dem Glanz der Herrlichkeit des HERRN.“ – „Und die Herrlichkeit des HERRN begab sich von der Schwelle des Hauses weg und stellte sich über die Cherubim.“ Und zum Schluss: „Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich aus der Mitte der Stadt und stellte sich auf den Berg, der im Osten der Stadt ist“ (Hes 10,4.18; 11,23).

Wie auffallend ist der Gegensatz zwischen diesem langsamen Weggehen der Herrlichkeit Gottes und ihrem schnellen Eintritt, als Salomo den Tempel einweihte! (2. Chr 7,1). Der HERR war schnell bereit, seine Wohnung in der Mitte seines Volkes einzunehmen, aber nur zögernd verließ Er sie wieder. Er wurde, menschlich gesprochen, durch die Sünde und hoffnungslose Unbußfertigkeit seines betörten Volkes vertrieben.

Ebenso ist es mit der Versammlung. Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte wird uns der plötzliche Eintritt des Herrn in sein geistliches Haus beschrieben. Er kam gleich einem brausenden Wind, um das Haus mit seiner Herrlichkeit zu erfüllen. Im dritten Kapitel der Offenbarung erblicken wir ihn außerhalb des Hauses. Aber Er klopft an. Er zögert, nicht als ob Er eine Wiederherstellung der Versammlung als ein Ganzes erwartet, sondern Er klopft, ob vielleicht „jemand“ seine Stimme hört und ihm die Tür auftut. Die Tatsache, dass Er außerhalb der Versammlung steht, zeigt, was aus ihr geworden ist, und die Tatsache, dass Er anklopft, beweist, was Er ist.

Möchte jeder gläubige Leser diesen ernsten Gegenstand gründlich verstehen lernen! Von allen Seiten hört man falsche Ansichten über die gegenwärtige Stellung und die zukünftige Bestimmung der bekennenden Christenheit. Aber die Schrift belehrt uns unmissverständlich, dass die bekennende Christenheit in hoffnungslosem Verfall ist und dass das Gericht vor der Tür steht (vgl. 2. Pet 2 und 3, den 2. Brief an Timotheus und den Brief des Judas). Nichts anderes steht der Namenschristenheit bevor als der unvermischte Zorn des allmächtigen Gottes. Ihr Urteil finden wir bereits in den kurzen, aber ernsten Worten ausgesprochen: „Du wirst ausgeschnitten werden“ (Röm 11,22).

So redet die Schrift: „Du wirst ausgeschnitten“, du wirst „ausgespieen“ werden. Die bekennende Christenheit hat in ihrem Zeugnis für Christus völlig versagt. Die Wahrheit, die sie bewahren sollte, hat sie treulos verlassen. So wie Israel in Kanaan den HERRN für Baal und Astaroth aufgab, so hat auch die Versammlung die Wahrheit für kindische Fabeln und verderbliche Irrtümer preisgegeben. Und wie erschreckend schnell ist sie abgewichen! Die warnenden Worte, die der scheidende Apostel an die Ältesten von Ephesus richtete, erfüllten sich sehr bald (vgl. Apg 20,28–30).

Den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus folgten fast unmittelbar die „reißenden Wölfe“ und die Lehrer „verkehrter Dinge“. Die ganze Versammlung versank in dichte Finsternis. Das Licht der göttlichen Offenbarung verschwand mehr und mehr, und an seine Stelle trat kirchliche Verderbtheit und Priesterherrschaft mit all ihren schrecklichen Folgen. So kam es, dass die Geschichte der Versammlung, die Geschichte der Christenheit der traurigste Bericht ist, der je aufgeschrieben wurde. Allerdings hatte Gott immer ein Zeugnis. Wie in Israel, so erweckte Er auch in der Versammlung den einen oder anderen zu einem treuen Zeugen für sich selbst. Sogar inmitten der dichtesten Finsternis des Mittelalters erschien hier und da ein glänzender Stern am Horizont der Versammlung. Die Albigenser, Waldenser und andere wurden durch die Gnade Gottes befähigt, an seinem Wort festzuhalten und seinen Namen nicht zu verleugnen, trotz der schrecklichen Tyrannei Roms und seiner Gräueltaten.

Dann kamen die gnadenreichen Tage des sechzehnten Jahrhunderts, wo Gott Martin Luther und viele andere treue Männer mit ihm erweckte, um die wichtige Wahrheit von der Rechtfertigung aus Glauben aus dem jahrhundertealten Schutt kirchlichen Aberglaubens hervorzuziehen und dem Volk das Wort Gottes in seiner eigenen Sprache in die Hand zu geben. Es ist unmöglich, den Segen dieser denkwürdigen Zeit angemessen zu schildern. Tausende hörten die frohe Botschaft des Heils, glaubten und wurden errettet. Tausende, die jahrelang unter dem Joch Roms geseufzt hatten, begrüßten mit tiefer Dankbarkeit das himmlische Licht. Tausende strömten zusammen, um aus dem Quell göttlicher Offenbarung zu trinken, der durch päpstliche Unduldsamkeit jahrhundertelang verstopft gewesen war. Das gesegnete Licht der Wahrheit, das so lange unter dem Scheffel gestanden hatte, durfte von neuem seine Strahlen in die Finsternis hineinwerfen und unzählige Herzen erleuchten.

Doch so groß und herrlich die Ergebnisse und Segnungen des Zeitalters der Reformation auch waren, eine Wiederherstellung der Versammlung zu ihrem ursprünglichen Zustand brachte es nicht. Luther und seine Mitarbeiter haben die Gedanken Gottes über die Versammlung als den Leib Christi nie völlig verstanden. Die Einheit des Leibes, die Gegenwart des Heiligen Geistes in der Versammlung und sein Innewohnen in dem einzelnen Gläubigen blieben ihnen mehr oder weniger unbekannt.

Ebenso erkannten sie wenig von dem Charakter, von der Quelle der Kraft und der Verantwortlichkeit des Dienstes in der Versammlung. Sie gingen wohl nie über den Begriff einer menschlichen Autorität als Grundlage für den Dienst hinaus. Von der besonderen Hoffnung der Versammlung, der Ankunft Christi als dem glänzenden Morgenstern für sein Volk, finden wir nichts in ihren Schriften. Sie predigten die herrliche Wahrheit von der Rechtfertigung aus Glauben; sie gaben dem Volk die Heilige Schrift zurück und rissen die engen Schranken nieder, die der Aberglaube Roms um die Seelen gezogen hatte. Trotz der gelegentlichen Wiederbelebungen, die das Christentum im Lauf der Jahrhunderte erfuhr, trotz der glänzenden Lichter, die zu verschiedenen Zeiten am Horizont der Versammlung erschienen und die umso heller leuchteten, je dichter die Finsternis war, die sie umgab, trotz der vielen gnädigen Bemühungen des Geistes Gottes während des vergangenen und des gegenwärtigen Jahrhunderts bleibt es Tatsache, dass die bekennende Christenheit in Trümmern liegt und dass sie in eilender Hast dem ewigen Dunkel der Finsternis entgegeneilt, ja, dass jene hochbegünstigten Länder, wo so viel Wahrheit des Evangeliums gepredigt, Bibeln und Evangeliumsschriften zu Millionen verbreitet worden sind, dennoch über kurz oder lang völliger Finsternis und traurigen Irrtümer anheim fallen würden.

Der glückliche Augenblick kommt näher, wo alle wahren Heiligen, alle Glieder des Leibes Christi, teils auferweckt, teils verwandelt, ihrem wiederkommenden Herrn entgegengehen werden in die Luft, um für allezeit bei ihm zu sein. Dann wird das Geheimnis der Bosheit sich einen Anführer erwecken in der Person des Menschen der Sünde, des Gesetzlosen, des Antichristen. Aber dann wird der Herr Jesus kommen mit allen seinen Heiligen, um das Gericht auszuführen an dem Tier, dem wiedererstandenen Römischen Reich sowie an dem falschen Propheten, dem Antichristen. Schließlich folgt das Gericht der Lebendigen (Mt 25,31–46).

Nachdem alles Böse hinweggetan ist, beginnt die tausendjährige Regierung Christi in Gerechtigkeit und Frieden: eine herrliche und gesegnete Zeit, der wahre Sabbat für Israel und für die ganze Erde. Satan ist in den Abgrund hinabgeworfen und gebunden. Nach Verlauf der tausend Jahre wird er wieder losgelassen werden und in großer Wut eine letzte gewaltige Anstrengung gegen Gott und seinen Christus machen (Off 20,7–10). Dann folgt das Gericht über die Toten, das Gericht über alle, die in ihren Sünden gestorben sind, von den Tagen Kains bis zu dem letzten Abtrünnigen der tausendjährigen Herrlichkeit. Keine Zunge, keine Feder kann den furchtbaren Ernst dieser Szene schildern.

Danach beginnt dann der herrliche Zustand ewiger, unveränderlicher Segnung, und der neue Himmel und die neue Erde erscheinen, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Den HERRN und sein Wort lieben

Wir kehren jetzt zu unserem Kapitel zurück. Nachdem Mose der Gemeinde Israel die bedeutsame Grundwahrheit, dass Gott ein einiger HERR ist, vorgestellt hat, fährt er fort, sie an ihre Pflicht zu erinnern, die sie diesem einigen Gott gegenüber hatte. Nicht allein gab es einen Gott, sondern dieser eine Gott war auch ihr Gott. Er hatte sich in seiner herablassenden Gnade mit ihnen verbunden. Er hatte sie wie auf Adlersflügeln getragen und sie zu sich gebracht, damit sie sein Volk und Er ihr Gott sein sollte. Und jetzt sollte sich Israel in einer Weise verhalten, die einer solchen Verbindung würdig war. Doch wie war das möglich? Wie konnte ein solches Verhalten erreicht werden? Es konnte einzig und allein aus einem liebenden Herzen entspringen, und deshalb sagt Mose: „Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (V. 5). Darin liegt das Geheimnis aller wahren Religion. Ohne Liebe ist alles wertlos für Gott. „Gib mir, mein Sohn, dein Herz!“ (Spr 23,26). Wo das geschehen ist, da wird alles andere richtig stehen. Man kann das Herz mit dem Regulator einer Taschenuhr vergleichen. Dieser wirkt nacheinander über die Spiralfeder auf die Hauptfeder und auf die Zeiger, die sich auf dem Zifferblatt drehen. Wenn meine Uhr zu schnell oder zu langsam geht, so sind diese Mängel nicht dadurch zu beheben, dass ich die Zeiger verrücke. Ich muss den Regulator stellen. So ist das Herz gleichsam der Regulator des Menschen. Ist unser Herz in einem guten Zustand, so wird auch unser ganzes Verhalten gut sein. All unser Tun und Lassen wird immer mit dem Zustand unseres Innern übereinstimmen. Äußerliche Änderungen und Verbesserungen sind nicht von Dauer. Es muss wirklich Herzenssache sein. Gott blickt auf das Herz. Sein Wort an uns ist: „Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (1. Joh 3,18)!

Wie offenbaren diese Worte die Liebe seines Herzens! Er liebt uns in Tat und Wahrheit, und dasselbe erwartet Er von uns, sowohl ihm gegenüber als auch im Umgang miteinander. Alles muss unmittelbar aus dem Herzen kommen. „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein“ (V. 6). Das ist beachtenswert. Was im Herzen ist, kommt auch über die Lippen und wird offenbar im ganzen Leben. Wie wichtig ist es daher, das Herz mit dem Wort Gottes so ganz erfüllt zu haben, dass kein Raum mehr bleibt für die Eitelkeiten und Torheiten dieser Welt! Unsere Unterhaltungen werden dann allezeit in Gnade und mit Salz gewürzt sein. „Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34). Stets können wir nach dem, was aus dem Mund kommt, das Herz beurteilen. Die Zunge ist gleichsam das Organ des Herzens, ja, des ganzen Menschen. „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz Böses hervor“ (Mt 12,35). Wenn das Herz durch das Wort Gottes regiert wird, so zeigen sich die gesegneten Folgen im ganzen Charakter.

Die Heilige Schrift zeigt immer wieder, welchen Wert Gott auf einen guten Zustand des Herzens legt – im Blick auf sich selbst und auf sein Wort, was eigentlich dasselbe ist. Ist das Herz kalt und gleichgültig gegenüber Gott und seiner Wahrheit, so wird sich früher oder später ein Abweichen von dem Weg der Gerechtigkeit und der Wahrheit zeigen. Deshalb ermahnte Barnabas die Neubekehrten in Antiochien, „mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren“ (Apg 11,23). Wie nötig ist diese Ermahnung für alle Zeiten! Ein solcher Herzensentschluss hat allein Wert für Gott. Er gibt dem Charakter des Christen einen würdigen Ernst, den wir alle ernstlich begehren sollten. Er ist ein göttliches Heilmittel gegen Kälte, Gleichgültigkeit und totes Formenwesen, ja, gegen alles, was Gott verunehrt. Unser äußeres Verhalten mag korrekt und unser Bekenntnis glaubwürdig sein, aber wenn der ernste Entschluss des Herzens fehlt, wenn wir nicht mit unserem ganzen Sein bei Gott und dem Herrn Jesus verharren, dann ist alles wertlos.

Das Herz ist außerdem das Mittel, durch das der Heilige Geist belehrt. Deshalb betet der Apostel für die Heiligen in Ephesus, dass sie erleuchtet werden möchten an den Augen ihres Herzens und dass Christus in ihren Herzen wohnen möge durch Glauben. So stimmt die ganze Schrift mit der Ermahnung in unserem Kapitel überein: „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein.“ Wäre Israel dieser Ermahnung gefolgt, so wäre es in der Nähe seines Bundesgottes geblieben und vor allem Bösen, besonders aber vor der abscheulichen Sünde der Abgötterei, bewahrt worden. Hätten sie in Wahrheit des HERRN Wort in ihre Herzen eingeschlossen, so wären sie der Gefahr, Baal und Astaroth anzubeten, nicht erlegen. Beachten wir, wie der Charakter des fünften Buches Mose auch hier wieder in so lebendiger Weise hervortritt. Es ist nicht ein Buch der Zeremonien, sondern des Gehorsams. Das Wort Gottes ist sein erhabenes, wichtiges Thema, das Wort des HERRN in den Herzen des Volkes Israel. Wir finden in fast jedem einzelnen Teil die Belehrung, dass ein Herz, das das Wort Gottes liebt und ehrt, immer zum Gehorsam bereit ist, sei es, ein Opfer darzubringen oder einen bestimmten Tag zu halten. Ein Israelit konnte an einen Ort oder in Umstände kommen, wo ihm eine strenge Befolgung der Gebräuche und Zeremonien unmöglich wurde; aber nie konnte er in eine Lage geraten, in der er das Wort Gottes nicht lieben, ehren und ihm gehorchen konnte. Mochte er selbst als ein armer Gefangener bis an das Ende der Erde weggeführt werden, so konnte ihm doch nichts das hohe Vorrecht rauben, mit dem Psalmisten zu sagen: „In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige“ (Ps 119,11).

Ergreifende Worte! Sie enthalten den Hauptgrundsatz des göttlichen Lebens, wie er zu allen Zeiten gültig ist, der nie seinen Wert und seine Kraft verlieren kann. So zutreffend dieser Grundsatz in den Tagen der Patriarchen war, so zutreffend ist er heute für jeden einzelnen Gläubigen mitten im hoffnungslosen Ruin der Versammlung. Gehorsam gegenüber dem Schöpfer und seinem ewigen Wort ist immer die Pflicht und das Vorrecht des Geschöpfes. Gott hat uns sein Wort gegeben, und Er ermahnt uns, dieses Wort reichlich in unseren Herzen wohnen zu lassen und ihm zu erlauben, seinen heiligenden Einfluss auf unseren ganzen Wandel und Charakter auszuüben.

Das Wort Gottes in den Häusern

„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie zum Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen zu Stirnbändern sein zwischen deinen Augen; und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben“ (V. 6–9).

Fragen wir uns mit aufrichtigem Herzen: Unterweisen wir unsere Kinder so? Ist es unser beständiges Bemühen, ihren jungen, empfänglichen Seelen das Wort Gottes in seiner ganzen Anziehungskraft vorzustellen? Bemerken sie seinen gesegneten Einfluss auf unser tägliches Leben, auf unsere Gewohnheiten, Unterhaltungen und geschäftlichen Verrichtungen? Das ist zweifellos die geistliche Bedeutung der göttlichen Vorschrift, das Wort zum Zeichen auf unsere Hand zu binden, es zu Stirnbändern „zwischen unseren Augen“ zu haben und es „auf die Pfosten unseres Hauses und an unsere Tore“ zu schreiben. Es ist nutzlos, unsere Kinder in dem Wort Gottes zu unterweisen, wenn unser Leben ihm nicht entspricht. Es ist nicht gut, das Wort lediglich zu einem Schulbuch zu machen. Dann machen wir aus einem gesegneten Vorrecht eine lästige, mühsame Arbeit. Unsere Kinder sollten sehen, dass wir in der Atmosphäre des Wortes Gottes leben und dass es der Gegenstand unserer Unterhaltungen im Kreis der Familie und in unseren Mußestunden ist.

Ach, wie selten ist das der Fall! Müssen wir uns in der Gegenwart Gottes nicht schämen, wenn wir an den allgemeinen Charakter und den Ton unserer Unterhaltungen bei Tisch und im Familienkreis denken? Wie wenig finden wir von dem verwirklicht, was wir in 5. Mose 6,7 lesen! Wie viel dagegen von „albernem Geschwätz oder Witzelei, die sich nicht geziemen“ (Eph 5,4)! Wie viel übles Nachreden über unsere Brüder, unsere Nachbarn, unsere Mitarbeiter! Wie viel müßiges und wertloses Geschwätz! Und was ist der Grund dieser traurigen Erscheinungen? Der Zustand unserer Herzen. Das Wort Gottes, die Gebote und Reden unseres Herrn und Heilandes wohnen nicht in unseren Herzen, und daher können sie auch nicht in lebendigen Strömen der Gnade und der Erbauung hervorquellen. Lasst uns doch stets die ernste Ermahnung des Apostels beachten: „Kein faules Wort gehe aus eurem Mund, sondern was irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade darreiche.“ Und weiter: „Werdet mit dem Geist erfüllt, redend zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, singend und spielend dem Herrn in euren Herzen, danksagend allezeit für alles dem Gott und Vater im Namen unseres Herrn Jesus Christus, einander untergeordnet in der Furcht Christi“ (Eph 4,29; 5,18–20).

Wie weit lassen wir es an einer wirklich geistlichen Unterhaltung, vor allem im Kreis unserer Familien und in unserm täglichen Verhalten, fehlen. Wir haben daher die oben erwähnte Ermahnung sehr nötig. Offensichtlich hat der Heilige Geist dieses Bedürfnis vorausgesehen und ist ihm zuvorgekommen. Hören wir, was Er „den heiligen und getreuen Brüdern in Kolossä“ sagt: „Der Friede des Christus regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar. Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen, indem ihr in aller Weisheit euch gegenseitig lehrt und ermahnt mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern, Gott singend in euren Herzen in Gnade“ (Kol 3,15.16).

Ein schönes Bild des christlichen Lebens! Es ist nichts anderes als eine Weiterentwicklung von dem, was wir in unserem Kapitel finden, wo wir den Israeliten inmitten seiner Familie, in seinem täglichen Leben, in seinem Verhalten zu Hause und draußen, kurz, überall unter dem heiligenden Einfluss des Wortes des HERRN sehen.

Im Wohlstand darf Gott nicht vergessen werden

„Und es soll geschehen, wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land bringt, das er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, dir zu geben: große und gute Städte, die du nicht gebaut hast, und Häuser, voll von allem Gut, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Zisternen, die du nicht ausgehauen hast, Weinberge und Olivengärten, die du nicht gepflanzt hast, und du essen und satt werden wirst: So hüte dich, dass du den HERRN nicht vergisst, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft“ (V. 10–12).

Bei all den Segnungen und Vorrechten des Landes Kanaan sollten sie stets an den denken, der sie in seiner Güte und Treue aus dem Land der Knechtschaft erlöst hatte. Sie sollten nie vergessen, dass alle diese herrlichen Dinge Gaben seiner freien, unumschränkten Gnade waren. Das Land mit allem, was darin war, war ihnen geschenkt nach der ihren Vätern Abraham, Isaak und Jakob gegebenen Verheißung. Große Städte und eingerichtete Häuser, fließende Brunnen, fruchtbare Weinberge und Ölgärten, alles war bereit für sie. Es blieb ihnen nur übrig, das Land mit all seinen Schätzen in schlichtem Glauben in Besitz zu nehmen und den wohltätigen Geber im Herzen und im Gedächtnis zu behalten. In seiner erlösenden Liebe sollten sie stets den Antrieb zu einem Leben in Gehorsam und Liebe zu ihm finden. Wohin sie auch blickten, sahen sie die Zeichen seiner großen Güte, die reichen Früchte seiner wunderbaren Liebe. Jede Stadt, jedes Haus, jeder Brunnen, jeder Weinstock, jeder Ölbaum und jeder Feigenbaum redete zu ihren Herzen von der überströmenden Gnade des HERRN und gab ihnen einen Beweis von der unfehlbaren Treue zu seinen Verheißungen.

Ehrfurcht vor Gott

„Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm dienen, und bei seinem Namen sollst du schwören. Ihr sollt nicht anderen Göttern nachgehen, von den Göttern der Völker, die rings um euch her sind; denn ein eifernder Gott ist der HERR, dein Gott, in deiner Mitte: damit nicht der Zorn des HERRN, deines Gottes, gegen dich entbrenne, und er dich vom Erdboden weg vertilge“ (V. 13–15). Zwei wichtige Dinge sollten also die Gemeinde Israel in ihrem Verhalten leiten: „Liebe“ (Vers 5) und „Furcht“ (Vers 13). Beide Dinge finden wir wiederholt in der Schrift, und wir können nicht genug auf ihre Bedeutung hinweisen. „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang“ (Ps 111,10). Wir werden ermahnt, „den ganzen Tag in der Furcht des HERRN zu wandeln“. Sie ist ein großer Schutz gegen alles Böse. „Und zu dem Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28). Die Heilige Schrift enthält eine Menge von Aussprüchen, die uns die Furcht Gottes vor Augen stellen. „Wie sollte ich“, sagt Joseph, „diese große Bosheit tun und gegen Gott sündigen?“ (1. Mo 39,9). Wer bewusst in der Furcht Gottes lebt, bleibt vor jeder Art des sittlich Bösen bewahrt. Das beständige Bewusstsein der Gegenwart Gottes ist der wirksamste Schutz gegen jede Versuchung. Wie oft erfahren wir, dass die Gegenwart einer geistlich gesinnten Person ein wohltuendes Hindernis ist gegen leichtfertiges und törichtes Handeln und Reden. Wenn schon ein Mensch einen solchen Einfluss ausüben kann, wie viel mehr die Gegenwart Gottes!

Geliebter Leser! Lasst uns diesem Gegenstand unsere ernste Aufmerksamkeit schenken und in dem Bewusstsein zu leben suchen, dass wir uns immer in der Gegenwart Gottes befinden. Nur so werden wir vor allem Bösen bewahrt bleiben, zu dem wir leider sehr neigen. Die Furcht des HERRN wird sich als eine Schranke gegen das Böse jeder Art erweisen. Sie wird all unserem Reden und Tun Aufrichtigkeit verleihen. Ach, wie oft sprechen wir leere, nichtssagende Worte! Wie oft reden wir weit mehr, als wir empfinden! Wir sind dann nicht ehrlich. Wir reden nicht die Wahrheit mit unserem Nächsten. Wir geben Empfindungen Ausdruck, die wir gar nicht in unseren Herzen haben. Das ist Heuchelei.

Das beweist nur zu deutlich, wie wenig wir in der Gegenwart Gottes leben. Wir würden uns oft anders verhalten, wenn wir uns stets bewusst wären, dass Gott uns hört und sieht, dass Er jedes unserer Worte hört, jeden Gedanken kennt und alle unsere Wege sieht! Wir würden mehr über unsere Gedanken, über unsere Gefühle und über unsere Worte wachen. Reinheit des Herzens wäre die Folge. Welche Wahrheit und Aufrichtigkeit unserem Nächsten gegenüber! Oh, lasst uns danach ringen, mehr im Bewusstsein der Gegenwart Gottes zu leben und täglich, ja, stündlich in der Furcht des Herrn unseren Weg zu gehen.

Welch ein heilsamer Einfluss würde dann das Bewusstsein und der Genuss seiner Liebe auf uns ausüben! Dann leitet uns diese Liebe an, alles das zu tun, was Er wünscht. Wir finden unsere einzige Freude daran, Gutes zu tun. Wir erfahren die große Freude, andere Herzen glücklich zu machen und immer nur daran zu denken, was Gott erfreut. Wenn wir recht nahe an der Quelle der göttlichen Liebe bleiben, sind wir erfrischende Ströme inmitten der durstigen Wüste um uns her, strahlende Lichter inmitten der sittlichen Finsternis, die uns umgibt! „Denn die Liebe des Christus“, sagt der Apostel, „drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist“ (2. Kor 5,14.15).

Lasst uns das mehr verwirklichen, damit diese Furcht und diese Liebe ständig in unseren Herzen wohnen und sie leiten kann. Dann wird unser tägliches Leben zur Verherrlichung unseres Gottes und zum Nutzen, Trost und Segen für alle sein, die mit uns in Berührung kommen!

Gott nicht versuchen

Die Ermahnung im sechzehnten Vers unseres Kapitels: „Ihr sollt den HERRN, euren Gott, nicht versuchen, wie ihr ihn bei Massa versucht habt“, fordert unsere besondere Aufmerksamkeit, denn der Herr Jesus berief sich darauf, als Satan ihn verführen wollte, sich von der Zinne des Tempels herunterzustürzen. „Dann nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt' (Mt 4,5.6). Diese Stelle beweist, wie selbst Satan die Schrift anzuführen weiß, wenn es seinen Zwecken dient. Doch er lässt in seiner Anführung einen wichtigen Satz aus. Der Vers lautet buchstäblich: „Er wird seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen …“ (Ps 91,11.12). Es gehörte aber nicht zu den Wegen Christi, sich von der Zinne des Tempels herunterzustürzen. Er hatte kein Gebot von Gott empfangen, so etwas zu tun, und deshalb weigerte Er sich, das zu tun. Er hatte nicht nötig, Gott auf die Probe zu stellen. Er hatte als Mensch vollkommenes Vertrauen auf Gott und war völlig überzeugt, dass er ihn bewahren würde.

Außerdem dachte Er nicht daran, den Weg des Gehorsams zu verlassen und dadurch Gottes Sorge für ihn zu erproben. Hierdurch gibt Er auch eine sehr bedeutsame Unterweisung. Wir können stets mit Gottes Schutz rechnen, wenn wir uns auf dem Weg des Gehorsams befinden. Gehen wir aber auf eigenen Wegen, die wir uns ausgedacht haben, und verfolgen unsere eigenen Interessen und Ziele, dann ist es geradezu vermessen, von Vertrauen auf Gott zu reden. Unser Gott ist zweifellos sehr gütig und gnädig, ja, seine Güte hört selbst dann noch nicht auf, wenn wir uns von dem Weg des Gehorsams abgewandt haben. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir nur mit dem Schutz Gottes rechnen können, wenn wir uns auf einem Weg des Gehorsams befinden. Ist solch ein Weg auch eng, rau und mühsam, so wird er doch überschattet von den Flügeln des Allmächtigen und von ihm erleuchtet.

Bevor wir dieses Thema verlassen, möchten wir noch darauf hinweisen, dass unser Herr in seiner Erwiderung auf die verstümmelte Anführung der oben erwähnten Stelle nicht eingeht. Statt Satan zu belehren: „Du hast einen sehr wichtigen Satz ausgelassen“, beruft Er sich für sein eigenes Verhalten einfach auf eine andere Schriftstelle. Auf diese Weise überwand Er den Versucher und gab uns damit ein wunderbares Beispiel. Er besiegte den großen Feind nicht durch seine göttliche Macht. Hätte Er das getan, so wäre es kein Beispiel für uns gewesen. Nein, Er gebrauchte als Mensch das Wort Gottes als seine einzige Waffe und errang damit einen herrlichen Sieg über Satan. Das ermuntert und tröstet unsere Herzen und belehrt uns zugleich, wie auch wir uns im Kampf verhalten sollen. Der Mensch Jesus Christus überwand den Versucher nur durch die Abhängigkeit von Gott und durch unbedingten Gehorsam gegenüber seinem Wort.

Satan konnte ihm nichts anhaben, da Er nur aufgrund der göttlichen Autorität und in der Kraft des Geistes handelte. Jesus tat nie seinen eigenen Willen, obgleich sein Wille vollkommen war. Er kam vom Himmel herab, wie Er uns in Johannes 6 selbst sagt, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hatte. Er war vom Anfang bis zum Ende der vollkommene Diener. Die Richtschnur für sein Verhalten war das Wort Gottes, seine Kraft der Heilige Geist, und der einzige Beweggrund für sein Handeln der Wille Gottes. Daher hatte der Fürst dieser Welt nichts in ihm. Satan konnte ihn trotz all seiner listigen Versuche nicht bewegen, auch nur für einen Augenblick den Weg des Gehorsams oder den Platz der Abhängigkeit zu verlassen.

Tun, was gut und recht ist

Der letzte Abschnitt unseres Kapitels hat eine besondere Fülle, Tiefe und Kraft. Er kennzeichnet wieder in treffender Weise den Charakter des ganzen fünften Buches Mose (V. 17–25).

Es war der Zweck und das einzige Ziel des Gesetzgebers, das Wort Gottes dem Herzen des Volkes so wertvoll wie möglich zu machen und ihm die Notwendigkeit und auch den Segen eines aufrichtigen, ernsten Gehorsams einzuschärfen. „Ihr sollt fleißig die Gebote des HERRN, eures Gottes halten.“ Und weiter: „Du sollst tun, was recht und gut ist in den Augen des HERRN.“ Diese ernsten Grundsätze haben sich nicht geändert. Kein Wechsel der Haushaltung, kein Wechsel der Zeit, des Ortes oder der Umstände kann sie je verändern. „Was recht und gut ist“, das muss allgemeine und bleibende Gültigkeit behalten. Es erinnert uns an die Worte des Apostels Johannes in dem Brief an seinen Freund Gajus: „Geliebter, ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute“ (3. Joh 11). Die Versammlung war vielleicht in einem beklagenswerten Zustand. Vielleicht zeigte sich vieles, was Gajus übte und niederbeugte. Was sollte er tun? Einfach dem folgen, was recht und gut war, sein Herz, seine Hand und sein Haus jedem öffnen, der die Wahrheit brachte.

Und das, was Gajus in seinen Tagen tun sollte, erwartet der Herr von jedem wahren Gläubigen zu allen Zeiten und in allen Umständen. Wenden sich auch viele von uns ab, wenn wir den verleugnungsvollen Weg des Gehorsams gehen, dennoch müssen wir stets dem folgen, was gut und recht ist, koste es, was es wolle. Wir werden ermahnt, uns abzuwenden von der Ungerechtigkeit, uns zu reinigen von den Gefäßen der Unehre und uns wegzuwenden von den bloßen Bekennern. Und dann? Nachjagen der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen (vgl. 2. Tim 2,22).

Fußnoten

  • 1 Dieser Ausdruck wird gewöhnlich auf Fälle angewendet, in denen die Versammlung Zucht ausübt. Aber die Anwendung auf solche Fälle ist so falsch wie der Ausdruck selbst. Die Zucht der Versammlung hat nichts mit der Einheit des Leibes zu tun. Ein Glied des Leibes kann einen so schlechten Wandel führen oder in der Lehre so irren, dass die Versammlung genötigt ist, diesen Bruder vom Tisch des Herrn auszuschließen; aber das berührt seinen Platz im Leib Christi nicht. Diese beiden Dinge sind völlig verschieden voneinander.
  • 2 Die Einheit der Versammlung kann mit einer Kette verglichen werden, die über einen Fluss gespannt ist und deren Enden an jeder Seite des Flusses gesehen werden, während sie in der Mitte im Wasser hängt. Obgleich so ein Stück der Kette unsichtbar ist, so ist sie doch nicht unterbrochen. Wir sehen das Mittelstück nicht, aber wissen, dass die Kette nicht unterbrochen ist. So wurde auch die Versammlung Gottes am Pfingsttag in ihrer Einheit gesehen und wird in der Herrlichkeit in ihrer Einheit wieder gesehen werden, und obgleich sie jetzt für uns verborgen ist, so sind wir doch von ihrem Bestehen überzeugt. Die Einheit des Leibes hat eine wichtige praktische Bedeutung; denn wir müssen die Folgerung ziehen, dass der Wandel und der Zustand jedes einzelnen Gliedes auf den ganzen Leib wirken. „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ Ein Glied wovon? Von einer örtlichen Versammlung? O nein, sondern ein Glied des Leibes. Wir dürfen den Leib Christi nicht auf einen Ort beschränken. „Aber“, könnte jemand fragen, „können wir durch etwas berührt werden, das wir weder sehen noch wissen?“ Gewiss. Sind wir berechtigt, die große Wahrheit von der Einheit des Leibes und alle ihre praktischen Auswirkungen auf das Maß unserer persönlichen Erfahrung und Erkenntnis zu beschränken? Die Gegenwart des Heiligen Geistes verbindet die Glieder des Leibes mit dem Haupt und untereinander, und daher wirken der Wandel und die Wege des einzelnen Gliedes auf den ganzen Leib. Selbst im Alten Bund, wo es keine leibliche, sondern nur eine nationale Einheit gab, heißt es im Blick auf die Sünde Achans: „Israel hat gesündigt“, und die ganze Gemeinde wurde ge demütigt wegen einer Sünde, von der sie nichts wusste.
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