Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Gottes Regierung

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Gehorsam bringt Segen, Ungehorsam bringt Fluch

Der Inhalt dieses Kapitels darf nicht mit dem des vorhergehenden vermengt werden. Einige Ausleger haben, um das Fehlen der Segnungen in Kapitel 27 zu erklären, sie hier gesucht. Aber das ist ein großer Irrtum, der für das wirkliche Verständnis der beiden Kapitel äußerst verhängnisvoll ist. Die beiden Kapitel sind, sowohl was ihre Grundlage als auch was ihren Zweck und ihre praktische Anwendung betrifft, ganz und gar verschieden. Kapitel 27 behandelt den sittlichen Zustand des Menschen als eines ganz verderbten Sünders, der völlig unfähig ist, Gott auf dem Boden des Gesetzes zu begegnen. Kapitel 28 dagegen betrachtet Israel als eine Nation unter der Regierung Gottes. Ein Vergleich der beiden Kapitel wird den Unterschied bald zeigen. Welche Verbindung könnte zum Beispiel zwischen den sechs Segnungen unseres Kapitels und den zwölf Flüchen des vorhergehenden gefunden werden? Keine. Es ist nicht möglich, irgendeine Beziehung der beiden Kapitel zueinander festzustellen, während selbst ein Kind die innere Verbindung zwischen den Segnungen und den Flüchen des 28. Kapitels erkennen kann.

Wir führen einige Stellen zum Beweis hierfür an: „Und es wird geschehen, wenn du der Stimme des HERRN, deines Gottes, fleißig gehorchst“, – das ist der Schlüssel zum fünften Buch Mose, ein wichtiges, immer wiederkehrendes Stichwort – „dass du darauf achtest, alle seine Gebote zu tun, die ich dir heute gebiete, so wird der HERR, dein Gott, dich zur höchsten über alle Nationen der Erde machen; und alle diese Segnungen werden über dich kommen und werden dich erreichen, wenn du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchst.“ Das ist der einzige Schutz, das tiefe Geheimnis der Glückseligkeit, der Sicherheit, des Segens und der Kraft. „Gesegnet wirst du sein in der Stadt, und gesegnet wirst du sein auf dem Feld. Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes und die Frucht deines Landes und die Frucht deines Viehs, das Geworfene deiner Rinder und die Zucht deines Kleinviehs. Gesegnet wird sein dein Korb und dein Backtrog. Gesegnet wirst du sein bei deinem Eingang, und gesegnet wirst du sein bei deinem Ausgang.“

Ist es nicht einleuchtend, dass das nicht die Segnungen sind, die durch die sechs Stämme vom Berg Gerisim aus verkündigt werden sollten? Was uns hier vorgestellt wird, ist Israels nationale Würde, Wohlfahrt und Herrlichkeit, gegründet auf die fleißige Beobachtung aller Gebote dieses Buches. Nach dem ewigen Vorsatz Gottes sollte Israel auf der Erde vor allen Völkern den ersten Platz einnehmen, und dieser Vorsatz wird sicher erfüllt werden, wenn Israel auch in trauriger Weise in der Erfüllung jenes vollkommenen Gehorsams gefehlt hat, der die Grundlage seiner nationalen Vorrangstellung bilden sollte.

Die Segnungen Israels und die Segnungen der Versammlung

Wir dürfen diese Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Einige Ausleger haben versucht, die Segnungen Israels zu vergeistlichen und auf die Versammlung zu übertragen. Das ist aber ein verhängnisvoller Fehler. Allerdings lesen wir in Galater 3,14: „Damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen käme“. Aber wie heißt es dann weiter? Segnungen in der Stadt und auf dem Land? Oder Segnungen in unserem Korb und in unserem Backtrog empfingen? Nein, sondern „damit wir die Verheißung des Geistes empfingen durch den Glauben.“ Ebenso entnehmen wir dem Kapitel 4, dass es dem wiederhergestellten Israel gestattet sein wird, alle die zu seinen Kindern zu zählen, die während des christlichen Zeitalters nach dem Geist geboren sind. „Das Jerusalem droben aber ist frei, welches unsere Mutter ist. Denn es steht geschrieben: ‚Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst; brich in Jubel aus und rufe laut, die du keine Geburtswehen hast! Denn die Kinder der Einsamen sind zahlreicher als derjenigen, die den Mann hat'“ (Verse 26.27).

Aber so wahr das auch ist, so gibt es uns doch keine Berechtigung, die Verheißungen Israels auf die Gläubigen des Neuen Testaments zu übertragen. Gott hat sich selbst durch einen Eid verbürgt, die Nachkommen Abrahams, seines Freundes, zu segnen, und zwar mit allen irdischen Segnungen im Land Kanaan. Die Segnungen Israels sind eben irdischer, die der Versammlung aber himmlischer Natur. „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus!“ (Eph 1,3).

Ergebnis des Gehorsams und des Ungehorsams

Zum vorliegenden Kapitel muss nach der Feststellung, dass es sich von dem vorhergehenden durchaus unterscheidet, nichts Ausführliches mehr gesagt werden. Es zerfällt ganz natürlich und leicht erkennbar in zwei Teile. Der Erste enthält eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse des Gehorsams (V. 1–15), der Zweite eine ernste und ergreifende Schilderung der schrecklichen Folgen des Ungehorsams (V. 16–68), wobei der zweite Teil dreimal so lang ist wie der Erste. Die Segnungen füllen nur 15 Verse, die Flüche dagegen 53. Welch eine Sprache redet das zu unseren Herzen! Das ganze Kapitel ist eine eindringliche Erklärung der Regierungswege Gottes und eine Erläuterung der Tatsache, dass „unser Gott ein verzehrendes Feuer ist“. Die wunderbare Geschichte Israels steht vor allen Völkern der Erde als ein Zeugnis da, dass Gott den Ungehorsam bestrafen muss, und zwar zunächst an seinen Kindern. Und wenn Er sein eigenes Volk nicht verschont hat, was wird das Ende derer sein, die ihn nicht kennen? „Die Gesetzlosen werden zum Scheol umkehren, alle Nationen, die Gottes vergessen. – Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Ps 9,17; Heb 10,31). Es ist der Gipfel der Dummheit, wenn ein Mensch versucht, der Kraft solcher Stellen auszuweichen. Es wird ihm nie gelingen. Ein Vergleich des vorliegenden Kapitels mit der tatsächlichen Geschichte Israels wird ihm zeigen, dass, so sicher ein Gott auf dem Thron der Majestät in den Himmeln sitzt, so sicher auch die Übeltäter ihre Bestrafung finden werden, sowohl hier als auch in der Ewigkeit. Es kann nicht anders sein. Eine Regierung, die das Böse ungerichtet und ungestraft hingehen lassen könnte oder wollte, wäre keine vollkommene Regierung, wäre nicht die Regierung Gottes. Gewiss ist Gott gütig, barmherzig, gnädig, von großer Langmut und Treue. Aber Er ist auch heilig, gerecht und wahrhaftig. Und Er hat „einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat“ (Apg 17,31).

Israel, das Haupt der Völker

Abschließend sei noch auf einen sehr interessanten Punkt hingewiesen, der mit dem 13. Vers unseres Kapitels in Verbindung steht. „Und der HERR wird dich zum Haupt machen und nicht zum Schwanz, und du wirst nur immer höher kommen und nicht abwärts gehen, wenn du den Geboten des HERRN, deines Gottes, gehorchst, die ich dir heute zu halten und zu tun gebiete.“

Diese Worte beziehen sich ohne Zweifel auf Israel als Nation. Israel ist bestimmt, das Haupt aller Völker der Erde zu sein. Das ist der unwandelbare und ewig sichere Vorsatz Gottes. Mag das Volk auch jetzt tief gesunken sein, mag es zerstreut sein unter die Nationen, mag es die schrecklichen Folgen seines Ungehorsams tragen und „im Staub der Erde schlafen“, wie wir in Daniel 12,2 lesen, so wird es dennoch als Nation zu einer größeren Herrlichkeit erwachen als unter Salomo. 1

Alles das ist unzweideutig festgestellt durch eine Menge von Aussprüchen in den Büchern Moses, in den Psalmen, Propheten und dem Neuen Testament. Wenn wir die Geschichte Israels betrachten, werden wir einige treffende Beispiele finden, wo Personen durch die Gnade Gottes befähigt werden, sich die wertvolle Verheißung von Vers 13 anzueignen, und zwar gerade in den düstersten und niederdrückendsten Zeiten, als Israel den Schwanz und nicht mehr das Haupt der Nationen bildete. Diese Beispiele veranschaulichen zugleich einen Grundsatz von größter praktischer Wichtigkeit.

Das Beispiel Mordokais

Wenden wir uns für einige Augenblicke dem interessanten, aber so wenig verstandenen und geschätzten Buch Esther zu, das einen besonderen Platz einnimmt und eine Lehre für uns enthält, die wir vielleicht in keinem anderen Buch finden. Es gehört einer Zeit an, in der Israel wahrhaftig nicht das Haupt, sondern der Schwanz war. Trotzdem zeigt es uns einen Sohn Abrahams, der sich durch sein Verhalten die höchste Stellung erwarb und einen glänzenden Sieg über die erbittertsten Feinde Israels erzielte.

Israels Zustand war zur Zeit Esthers so tief gesunken, dass Gott sein Volk nicht mehr öffentlich anerkennen konnte. Deshalb wird auch sein Name in dem ganzen Buch Esther nicht ein einziges Mal erwähnt. Die Heiden herrschten über Israel, und das Verhältnis zwischen dem HERRN und Israel konnte nicht länger öffentlich anerkannt werden. Aber der HERR konnte sein Volk nie vergessen, und wir dürfen hinzufügen, auch das Herz eines treuen Israeliten konnte weder den HERRN noch sein heiliges Gesetz vergessen. Diese beiden Tatsachen sind es, die dieses Buch besonders kennzeichnen. Gott handelt für Israel gleichsam hinter der Szene, und Mordokai handelt für Gott frei und öffentlich. Es ist bemerkenswert, dass weder Israels bester Freund noch sein schlimmster Feind auch nur einmal in diesem Buch genannt werden, und doch ist das ganze Buch voll von den Handlungen beider. Während sich einerseits der Finger Gottes in der wunderbaren Kette der Ereignisse deutlich zeigt, tritt andererseits die bittere Feindschaft Amaleks in dem grausamen Anschlag des hochmütigen Agagiters zutage.

Wie wertvoll und wichtig ist die persönliche Treue, wenn alles im Verfall ist und in Trümmern liegt! Mordokai stand felsenfest für die Wahrheit Gottes ein und weigerte sich entschieden, Amalek anzuerkennen. Er versuchte das Leben des Ahasveros zu retten und beugte sich vor der Autorität des heidnischen Königs als dem Ausdruck der Macht Gottes, aber er wollte sich nicht vor Haman bücken. Sein Verhalten in dieser Sache wurde durch das Wort Gottes geleitet und gerechtfertigt, denn wir lesen in 5. Mose 25,17–19: „Erinnere dich daran, was Amalek dir getan hat auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt, wie er dir auf dem Weg entgegentrat und deine Nachzügler schlug, alle Schwachen hinter dir her, als du erschöpft und müde warst; und er fürchtete Gott nicht“. – Hierin liegt das Geheimnis – „Und wenn der HERR, dein Gott, dir Ruhe geschafft hat vor allen deinen Feinden ringsum, in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt, es zu besitzen, so sollst du das Gedächtnis Amaleks unter dem Himmel austilgen. Vergiss es nicht!“

Das war deutlich genug für ein „beschnittenes“ Ohr und ein gehorsames Herz. Und ebenso deutlich ist die Sprache in 2. Mose 17,14–16: „Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch, und lege in die Ohren Josuas, dass ich das Gedächtnis Amaleks ganz und gar unter dem Himmel austilgen werde. Und Mose baute einen Altar und gab ihm den Namen: Der HERR, mein Banner! Und er sprach: Denn die Hand ist am Thron Jahs: Krieg hat der HERR gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!“

Diese Stellen enthalten die Norm für das Verhalten Mordokais gegenüber dem Agagiter. Konnte ein treuer Israelit sich vor dem Glied eines Hauses bücken, mit dem der HERR Krieg führte? Unmöglich! Er konnte für sein Volk trauern, weinen und in Sack und Asche fasten, aber er konnte und durfte sich nicht vor einem Amalekiter niederbeugen. Wohl mochte man ihn deshalb der Anmaßung und Hartnäckigkeit beschuldigen, aber das kümmerte ihn nicht. Es mochte unverantwortlich dumm erscheinen, dem höchsten Würdenträger im Reich die gewöhnliche Ehrerbietung zu verweigern, aber dieser Würdenträger war ein Amalekiter, und das war genug für Mordokai. Seine scheinbare Dummheit war Gehorsam, und gerade das macht sein Verhalten so interessant und wichtig für uns. Nichts kann unsere Verantwortung, dem Wort Gottes zu gehorchen, aufheben. Für Mordokai genügte das Wort des HERRN: „Erinnere dich daran, was Amalek dir getan hat … vergiss es nicht“ (5. Mo 25,17). Wie lange war dieses Wort gültig? „Von Geschlecht zu Geschlecht.“ Der Krieg des HERRN mit Amalek sollte nicht aufhören, bis dessen Name und Gedächtnis unter dem Himmel ausgetilgt war. Wie hätte nun ein treuer Israelit sich jemals vor einem Amalekiter niederbeugen können? Unmöglich! Hätte Josua es tun können? Nein. Tat es Samuel? Nein, „er hieb Agag in Stücke vor dem HERRN in Gilgal“ (1. Sam 15,33). So konnte sich auch Mordokai nicht vor ihm beugen, auch wenn selbst ein Galgen schon für ihn aufgerichtet war. Man konnte ihn hängen, aber niemals dahin bringen, Amalek zu huldigen.

Und was war das Ergebnis? Ein herrlicher Triumph! Als der Nächste am Thron sonnte sich der stolze Amalekiter in den Strahlen der königlichen Gunst. Sich seiner Reichtümer, seiner Größe und Herrlichkeit rühmend, war er dabei, die Nachkommen Abrahams in den Staub zu treten. Der arme Mordokai dagegen lag in Sack und Asche am Boden. Was konnte er tun? Nichts anderes als Gott gehorchen. Er hatte weder Schwert noch Spieß, aber er besaß das Wort Gottes, und durch den einfachen Gehorsam zu diesem Wort errang er einen Sieg über Amalek, der auf seine Art ebenso entscheidend und glänzend war, wie der Sieg Josuas nach 2. Mose 17. Es war ein Sieg, den Saul zu seiner Zeit nicht erreichen konnte, obgleich er über die Kriegsheere der zwölf Stämme Israels verfügte. Haman versuchte Mordokai an den Galgen zu bringen, aber stattdessen wurde er gezwungen, wie ein Diener den verhassten Israeliten in königlichem Glanz und Gepränge durch die Straßen der Stadt zu führen (vgl. Est 6,7–12).

Hier war Israel eindeutig das Haupt und Amalek der Schwanz; nicht Israel als Nation, aber in der Person Mordokais. Doch das war nur der Anfang von Amaleks Niederlage und Israels Herrlichkeit. Haman wurde gerade an dem Galgen aufgehängt, den er für Mordokai errichtet hatte. „Und Mordokai ging vom König hinaus in königlicher Kleidung von purpurblauer und weißer Baumwolle, und mit einer großen goldenen Krone, und in einem Mantel von Byssus und Purpur; und die Stadt Susan jauchzte und war fröhlich“ (Est 8,15).

Die Wirkung von Mordokais wunderbarem Sieg breitete sich weit und breit über die 127 Provinzen des Reiches aus. „Und in jeder einzelnen Landschaft und in jeder einzelnen Stadt, überall, wohin das Wort des Königs und seine Anordnung gelangte, war Freude und Wonne bei den Juden, Gastmahl und Festtag. Und viele aus den Völkern des Landes wurden Juden, denn die Furcht vor den Juden war auf sie gefallen.“ Und als des Ganzen Krönung lesen wir: „Denn Mordokai, der Jude, war der Zweite nach dem König Ahasveros und groß bei den Juden und wohlgefällig der Menge seiner Brüder; er suchte das Wohl seines Volkes und redete zum Frieden seines ganzen Geschlechts“ (Est 8,17; 10,3).

Sind das nicht schlagende Beweise für die unermessliche Wichtigkeit der persönlichen Treue? Sollte uns das nicht anspornen, um jeden Preis für die Wahrheit Gottes einzustehen? Betrachten wir nur die wunderbaren Ergebnisse der Handlungen eines einzigen Mannes, dessen Verhalten von so vielen in der schärfsten Weise verurteilt worden sein mag. Aber Gott erkannte es an und schenkte Mordokai einen Sieg, dessen herrliche Früchte von seinen Brüdern nah und fern geerntet wurden.

Das Beispiel Daniels und seiner Freunde

Einen weiteren Beleg für diese Zusammenhänge liefern die Kapitel 3 und 4 des Propheten Daniel. Auch sie zeigen dem Leser die segensreichen Folgen persönlicher Treue gegen den wahren Gott zu einer Zeit, da die Herrlichkeit Israels verschwunden war und Jerusalem mit seinem Tempel in Trümmern lag. Die drei treuen Männer Sadrach, Mesach und Abednego weigerten sich, das goldene Bild Nebukadnezars anzubeten, trotz des Zorns des Königs und trotz der allgemeinen Stimme des Reiches. Ja, sie wollten lieber in den brennenden Ofen geworfen werden, als dem Gebot ihres Gottes nicht zu gehorchen. Sie konnten ihr Leben preisgeben, aber nicht die Wahrheit Gottes.

Auch hier war ein glänzender Sieg das Ergebnis. Sie gingen mit dem Sohn Gottes in dem Feuerofen umher und entstiegen ihm als Zeugen und Knechte des höchsten Gottes. Alles das war die Folge ihres Gehorsams. Welch ein Verlust wäre es für sie gewesen, wenn sie sich der Menge angeschlossen und sich vor dem Götzenbild gebeugt hätten, um dem glühenden Feuerofen zu entgehen! Aber sie bekamen Kraft, an dem Bekenntnis des einen wahren Gottes festzuhalten, an einer Wahrheit, die selbst während der herrlichen Regierung Salomos mit Füßen getreten wurde. Und das Zeugnis von ihrer Treue ist uns durch den Heiligen Geist bewahrt worden, um uns zu ermutigen, ebenfalls mit festem Schritt den Weg der Treue zu gehen, angesichts einer Welt, die Gott hasst und Christus verworfen hat, und angesichts einer Christenheit, die die Wahrheit vernachlässigt.

Die gleiche Wirkung muss das Lesen des 6. Kapitels des Propheten Daniel erzeugen, das ein eingehendes Studium wert ist. Auch dieses Kapitel enthält eine gesegnete Lehre für die Zeit eines oberflächlichen, selbstgefälligen Bekenntnisses, wo man ohne viel Selbstverleugnung den Wahrheiten des Christentums zustimmen kann, aber so wenig bereit ist, mit ganzem Herzen dem verworfenen Christus zu folgen.

Wie belebend erscheint einer solchen Gleichgültigkeit gegenüber die Treue Daniels! Unerschrocken hielt er an seiner Gewohnheit fest, täglich dreimal zu seinem Gott zu beten, während die Fenster seines Zimmers nach Jerusalem hin geöffnet waren, obgleich er wusste, dass er sich deshalb der Gefahr aussetzte, den Löwen vorgeworfen zu werden. Leicht hätte er die Fenster schließen, sie mit Vorhängen zuziehen, sich in ein verborgenes Gemach zurückziehen oder warten können bis Mitternacht, so dass niemand ihn gesehen oder gehört hätte. Aber nein, dieser geliebte Diener Gottes wollte sein Licht nicht unter das Bett oder unter den Scheffel stellen. Es ging um einen wichtigen Grundsatz.

Daniel wollte nicht nur zu dem einen lebendigen und wahren Gott beten, sondern er wollte es auch tun mit Fenstern, die nach Jerusalem hin geöffnet waren, weil Jerusalem der von Gott erwählte Mittelpunkt für sein irdisches Volk war. Aber Jerusalem lag doch in Trümmern! Vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet war es allerdings mit Jerusalem vorbei. Aber für den Glauben und von dem göttlichen Standpunkt aus gesehen war und blieb Jerusalem der von Gott erwählte Mittelpunkt für sein Volk. Ja, selbst sein Schutt ist wertvoll für Gott. Daniel handelte daher in vollkommenem Einklang mit den Gedanken und dem Wort Gottes, wenn er seine Fenster öffnete und nach Jerusalem hin betete. Er hatte das Wort Gottes für sich, wie wir es in 2. Chronika 6,38 finden: „… und sie kehren zu dir um mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele im Land ihrer Gefangenschaft, wohin man sie gefangen weggeführt hat, und sie beten zu ihrem Land hin, das du ihren Vätern gegeben, und der Stadt, die du erwählt hast, und zu dem Haus hin, das ich deinem Namen erbaut habe …“

Das war die Norm, nach der Daniel handelte, ohne Rücksicht auf menschliche Meinungen und Drohungen, ja, selbst ungeachtet der Aussicht auf einen qualvollen Tod. Er wollte lieber in die Löwengrube geworfen werden, als die Wahrheit Gottes preisgeben, lieber mit einem guten Gewissen zum Himmel gehen, als mit einem bösen Gewissen auf der Erde bleiben.

Und wieder war das Ergebnis ein glänzender Triumph. „Und Daniel wurde aus der Grube herausgeholt; und keine Verletzung wurde an ihm gefunden, weil er auf seinen Gott vertraut hatte“ (Dan 6,24).

Welch ein gesegneter Diener und edler Zeuge! Auch er war bei dieser Gelegenheit das Haupt und seine Feinde waren der Schwanz, und wodurch? Nur durch den Gehorsam gegen das Wort Gottes. Sicher können wir die ernste Bedeutung dieser für unsere Zeit so wichtigen Tatsachen nicht genug hervorheben und nicht zu oft auf solche Beweise persönlicher Treue hinweisen, die zu einer Zeit geliefert wurden, in der die nationale Herrlichkeit Israels im Staub lag. Ist es nicht überaus ermunternd und anregend, gerade in den düstersten Zeiten der Geschichte Israels die glänzendsten Beispiele persönlichen Glaubens und hingebender Treue zu finden? Möchten sie uns anspornen, auch jetzt der Wahrheit entschieden zu folgen, wo der allgemeine Zustand der bekennenden Christenheit so entmutigend auf uns wirkt! Wir sind in großer Gefahr, wegen des allgemeinen Zustandes um uns her das Banner persönlicher Treue sinken zu lassen und den göttlichen Maßstab zu erniedrigen. Aber das ist ein verhängnisvoller Fehler und das Werk des Feindes.

Der Bund Gottes mit Israel im Land Moab

Dieses Kapitel schließt den zweiten großen Abschnitt unseres Buches ab. Es enthält einen ernsten Appell an das Gewissen der Gemeinde und ist sozusagen eine Zusammenfassung und praktische Anwendung aller vorhergehenden Ermahnungen.

„Das sind die Worte des Bundes, den der HERR im Land Moab Mose geboten hat, mit den Kindern Israel zu schließen, außer dem Bund, den er am Horeb mit ihnen geschlossen hatte“ (Kap. 28,69). Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, dass diese Stelle einen der vielen Beweise für den Unterschied zwischen diesem und den vorhergehenden Büchern Mose liefert. Doch sie erfordert auch nach einer anderen Seite hin unsere Aufmerksamkeit. Sie redet von einem besonderen Bund, der mit den Kindern Israel im Land Moab gemacht wurde und kraft dessen sie in das Land gebracht werden sollten. Dieser Bund unterscheidet sich von dem am Sinai geschlossenen Bund ebenso wie von dem, der einmal mit Abraham, Isaak und Jakob errichtet worden war. Wir begegnen hier weder nur dem Gesetz noch der reinen Gnade, sondern vielmehr einer in unumschränkter Barmherzigkeit ausgeübten Regierung.

Es liegt auf der Hand, dass Israel aufgrund des am Sinai oder Horeb geschlossenen Bundes nicht in das Land eintreten konnte, da es ihn durch die Anbetung des goldenen Kalbes völlig gebrochen hatte. Es hatte alle Rechte und Ansprüche auf das Land verloren und wurde nur aufgrund einer unumschränkten Barmherzigkeit vor der augenblicklichen Vernichtung bewahrt, und zwar durch die Vermittlung und ernste Fürbitte Moses. Ebenso klar ist es, dass die Kinder Israel nicht durch den mit Abraham geschlossenen Gnadenbund in das Land gekommen sind, denn dann würden sie auch im Land geblieben sein. Weder die Ausdehnung noch die Dauer ihrer Besitznahme entsprachen dem mit ihren Vätern geschlossenen Bund. Vielmehr sind es die Bedingungen des „Bundes im Land Moab“, durch die sie in den nach Zeit und Raum begrenzten Besitz des Landes eingetreten sind. Und da sie unter diesem Bund ebenso versagt haben, wie unter demjenigen vom Berg Horeb, unter der Regierung ebenso sehr wie unter dem Gesetz, sind sie nach den Wegen der Regierung Gottes aus dem Land vertrieben und über die ganze Erde zerstreut worden.

Aber doch werden die Nachkommen Abrahams, des Freundes Gottes, einmal das Land Kanaan nach dem herrlichen Wortlaut des ursprünglichen Bundes besitzen. „Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.“ Gnadengaben und Berufung dürfen niemals mit Gesetz und Regierung vermengt, und der Berg Zion darf nie dem Berg Horeb oder dem Land Moab gleichgestellt werden. Der neue und ewige Bund der Gnade, bestätigt durch das kostbare Blut des Lammes, wird allen Mächten der Erde und der Hölle zum Trotz buchstäblich erfüllt werden (vgl. Heb 8,8–13).

Fußnoten

  • 1 Dies wurde im 19. Jhdt. geschrieben (Anmerkung des Herausgebers).
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