Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Gerisim und Ebal: Segen und Fluch

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Brandopfer lieblichen Geruchs

Der Anfang und der Schluss des 27. Kapitels bilden einen auffallenden Gegensatz. In den ersten dreizehn Versen sehen wir Israel in das Land der Verheißung ziehen, in das schöne und fruchtbare Land, das von Milch und Honig floss. Wir sehen es auf dem Berg Ebal einen Altar errichten, um Brandopfer zu opfern. Doch lesen wir hier nichts von Sünd- und Schuldopfern. Das Gesetz musste in seinem vollen Wortlaut „deutlich“ auf die mit Kalk bestrichenen Steine geschrieben werden, und das Volk musste im Bewusstsein des Bundesverhältnisses auf dem Altar Opfer lieblichen Geruchs als Ausdruck der Anbetung und der heiligen Gemeinschaft darbringen. Es ist hier keine Rede von dem Übertreter oder dem Sünder von Natur, der mit einem Schuld- oder Sündopfer dem kupfernen Altar naht, sondern vielmehr von einem Volk, dass völlig befreit, angenommen und gesegnet tatsächlich seine Beziehung und sein Erbteil genießt.

Zwar waren sie Übertreter und Sünder und brauchten als solche den ehernen Altar. Aber es ist ebenso klar, dass dies nicht der Gegenstand unseres Abschnittes ist. Der Leser wird den Grund dafür verstehen. Wenn wir das Volk Gottes in völligem Bewusstsein des Bundesverhältnisses den Besitz seines Erbes antreten sehen, während der offenbarte Wille seines Bundesgottes klar und deutlich vor ihm aufgeschrieben und es selbst von den reichen Segnungen des Landes umgeben ist, so müssen wir daraus schließen, dass jede Frage bezüglich der Sünden und Übertretungen geklärt war, und dass für ein so bevorzugtes und gesegnetes Volk nichts anderes übrig blieb, als sich um den Altar ihres Gottes zu scharen und ihm die Opfer lieblichen Geruchs darzubringen, Opfer, die ihm wohlgefällig und für sie passend waren.

Die ganze Szenerie, die die erste Hälfte unseres Kapitels vor unseren Blicken entfaltet, ist von vollendeter Schönheit. Israel besitzt den HERRN als seinen Gott, und der HERR hat Israel zu seinem Eigentumsvolk gemacht und über alle Nationen erhoben zum Ruhm, zum Namen und zum Schmuck. Es ist ein heiliges Volk dem HERRN, seinem Gott, im vollen Besitz des herrlichen Landes und der Gebote Gottes. Was hätten sie anderes tun können, als in Anbetung gemeinschaftlich die Opfer des Lobes und der Danksagung darzubringen?

Nur der Fluch

Aber die letzte Hälfte unseres Kapitels zeigt uns etwas ganz anderes. Mose bestimmt jeweils sechs Stämme, von denen die einen auf dem Berg Gerisim stehen sollten, um das Volk zu segnen, und die anderen auf dem Berg Ebal zum Fluchen. Aber wenn wir die Tatsachen betrachten, hören wir kein Wort von den Segnungen, sondern nur von zwölf schrecklichen Flüchen, deren jeder durch ein feierliches „Amen“ von der ganzen Gemeinde bestätigt wurde.

Welch ein trauriger Gegensatz! Er erinnert uns an 2. Mose 19 und liefert die beste Erklärung zu den Worten des Apostels in Galater 3,10: „Denn so viele aus Gesetzeswerken sind“ – so viele auf dem Boden des Gesetzes stehen – „sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben:“ – und hier führt er 5. Mose 27,26 an – „Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun“.

Mit diesen Worten wird der wirkliche Sachverhalt deutlich gemacht. Israel stand nach seinem tatsächlichen Zustand auf dem Boden des Gesetzes, und daher zeigen uns, obgleich der Anfang unseres Kapitels ein liebliches Bild der Gedanken Gottes über Israel bildet, die Schlussverse das traurige und demütigende Ergebnis dieses wirklichen Zustandes Israels vor Gott. Nicht ein Laut, nicht ein Wort der Segnung ertönt von dem Berg Gerisim her. Stattdessen dringt Fluch auf Fluch an die Ohren des Volkes.

Wie hätte es auch anders sein können? Mag der Mensch es noch so sehr bestreiten, stets bleibt es eine ewige Wahrheit, dass der Fluch über alle kommt, die „aus Gesetzeswerken sind“. Es heißt nicht nur: „So viele das Gesetz nicht halten, sind unter dem Fluch“, obgleich das völlig zutrifft. Nein, der Heilige Geist erklärt, dass alle, seien es Juden, Heiden oder Namenschristen, alle, die auf dem Boden der Gesetzeswerke stehen, nichts anderes als den Fluch zu erwarten haben.

Es fällt uns deshalb nicht schwer, das tiefe Schweigen zu verstehen, das auf dem Berg Gerisim in den Tagen von 5. Mose 27 herrschte. Denn wäre auch nur ein einziger Segen von dort gehört worden, so stünde das im Widerspruch mit der ganzen Lehre der Heiligen Schrift bezüglich des Gesetzes.

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