Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Rückblick auf die Ereignisse jenseits des Jordan

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Gott ist uns keine Rechenschaft schuldig

Die Anweisungen Gottes über den König von Basan waren denen über den König der Amoriter ganz ähnlich (V. 1–7). Um beide verstehen zu können, müssen wir sie im Licht der Regierung Gottes betrachten – ein wichtiger, wenn auch wenig verstandener Gegenstand. Wir müssen zwischen Gnade und der Regierung Gottes deutlich unterscheiden. Wenn wir die Regierungswege Gottes betrachten, so sehen wir, wie Er in Gerechtigkeit seine Macht entfaltet. Er bestraft die, die Böses tun, gießt seinen Zorn aus über seine Feinde, stürzt Reiche und errichtet neue Machtbereiche, zerstört Städte und vertilgt Nationen, Völker und Stämme. Er befiehlt seinem Volk, Männer, Frauen und Kindlein mit der Schärfe des Schwertes zu erschlagen, ihre Häuser zu verbrennen und ihre Städte zu verwüsten.

Andererseits hören wir aus seinem Mund die merkwürdigen Worte: „Menschensohn, Nebukadrezar, der König von Babel, hat sein Heer eine schwere Arbeit tun lassen gegen Tyrus. Jedes Haupt ist kahl geworden, und jede Schulter ist abgerieben; und von Tyrus ist ihm und seinem Heere kein Lohn für die Arbeit geworden, die er gegen es getan hat. Darum, so spricht der Herr, HERR: Siehe, ich gebe Nebukadrezar, dem König von Babel, das Land Ägypten, und er wird seinen Reichtum wegtragen und seinen Raub rauben und Beute erbeuten, und das wird der Lohn sein für sein Heer. Als seine Belohnung, für die er gearbeitet hat, habe ich ihm das Land Ägypten gegeben, weil sie für mich gearbeitet haben, spricht der Herr, HERR „ (Hes 29,18–20).

Diese Schriftstelle zeigt sehr klar die Regierung Gottes, die sich in allen Schriften des Alten Testaments wieder finden lässt. Ob wir uns zu den fünf Büchern Mose oder zu den geschichtlichen Büchern, den Psalmen oder zu den Propheten wenden, überall finden wir, wie der Heilige Geist Einzelheiten des Handelns Gottes in seiner Regierung aufzeichnet. In den Tagen Noahs zerstörte die Sintflut die ganze Erde und alle ihre Bewohner; mit Ausnahme von acht Menschen kamen alle um. Männer, Frauen, Kinder, Vieh, Vögel und Gewürm – alles wurde nach Gottes gerechtem Gericht unter den Wellen und Wogen begraben.

In den Tagen Lots zerstörte Gott die Städte des Tales Siddim, und die Männer, Frauen und Kinder starben in wenigen Stunden. Die Hand des allmächtigen Gottes ließ alles in den Wassern des Toten Meeres untergehen. Gott selbst war es, der jene schuldigen Städte, Sodom und Gomorra, „einäscherte und zur Zerstörung verurteilte und sie denen, die gottlos leben würden, als Beispiel hinstellte“ (2. Pet 2,6).

Wenn wir weiter im Wort Gottes forschen, finden wir die sieben Völker Kanaans – Männer, Frauen und Kinder – den Händen der Kinder Israel ausgeliefert; sie sollten schonungslos Gericht an ihnen ausüben. Wie viele Menschen kamen dort um!

Die Zeit fehlt uns, wenn wir alle Stellen vom ersten Buch Mose anfangend bis zur Offenbarung anführen wollten, die uns die ernsten Wege und Handlungen der Regierung Gottes vor Augen stellen. Sie beginnen mit der Sintflut und enden mit dem Verbrennen des gegenwärtigen Weltsystems. Die Frage ist nun: Sind wir in der Lage, die Regierungswege Gottes zu erklären, oder berechtigt, sie zu kritisieren? Können wir die tiefgründigen und erhabenen Geheimnisse der Absichten Gottes enträtseln? Sind wir imstande und auch dazu berufen, zu begründen, warum hilflose Kindlein in das Gericht ihrer schuldigen Eltern miteingeschlossen wurden? Der Unglaube verurteilt das und nimmt Anstoß daran, aber der Gläubige, der mit Ehrerbietung die Heilige Schrift liest und sich vor dem Wort beugt, antwortet einfach: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (1. Mo 18,25).

Das ist die einzig richtige Antwort auf solche Fragen, wenn Menschen im Blick auf die Regierungswege Gottes entscheiden wollen, was Gott zu tun und zu lassen hat. Solche Menschen haben keinen Begriff von Gott, und der Teufel hat gewonnenes Spiel. Denn er wünscht das Herz von Gott abzuziehen, und deshalb verführt er den Menschen, über Fragen und Dinge nachzudenken, die weit außerhalb des Bereichs seiner Erkenntnismöglichkeit liegen. Können wir Gott begreifen? Wenn wir es könnten, müssten wir selbst Gott sein.

Die Menschen, die überheblich die Ratschlüsse und Handlungen eines erhabenen Schöpfers und Regenten des Weltalls infrage stellen, werden früher oder später ihren verhängnisvollen Irrtum erkennen. Von ihnen sagt Gottes Wort: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmst gegen Gott? Wird etwa das Geformte zu dem, der es geformt hat, sagen: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?“ (Röm 9,20.21).

Wie einfach und doch unwiderlegbar! Wenn ein Töpfer den Klumpen Lehm, den er in der Hand hält, bearbeiten kann, wie er will, wie viel mehr Macht hat dann doch der Schöpfer aller Dinge über die Geschöpfe, die Er gebildet hat! Die Menschen mögen bis an ihr Ende darüber nachsinnen, warum Gott es zuließ, dass die Sünde in den Menschen hineinkam, warum Er nicht Satan und seine Engel mit einem Schlag vernichtete, warum Er der Schlange erlaubte, Eva zu versuchen, warum Er sie nicht zurückhielt, die verbotene Frucht zu essen. Auf alle diese Fragen gibt es nur eine Antwort: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmst gegen Gott?“ Ist es nicht ungeheuerlich, dass ein nichtiger Mensch sich herausnimmt, die unausforschlichen Gerichte und Wege des ewigen Gottes beurteilen zu wollen? Welch eine Torheit und Anmaßung ist es für ein Geschöpf, dessen Verstand durch die Sünde verfinstert ist (Eph 4,18), zu beurteilen, wie Gott in dem einen oder anderen Fall hätte handeln sollen! Ach, wie viele Menschen, die jetzt selbstsicher gegen die Wahrheit Gottes streiten, werden ihren verhängnisvollen Irrtum erst erkennen, wenn es zu spät ist, sich zu korrigieren.

Doch es gibt auch solche, die weit davon entfernt sind, sich auf den gleichen Boden mit den Ungläubigen zu stellen, nichtsdestoweniger aber die Regierungswege Gottes bezweifeln, so zum Beispiel die ewige Verdammnis 1. Ihnen möchten wir raten, den kurzen Psalm 131 aufrichtig zu untersuchen: „HERR, nicht hoch ist mein Herz, noch tragen sich hoch meine Augen; und ich wandle nicht in Dingen, die zu groß und zu wunderbar für mich sind. Habe ich meine Seele nicht beschwichtigt und still gemacht? Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie das entwöhnte Kind ist meine Seele in mir.“ In ähnlicher Weise spricht der Apostel Paulus zu den Korinthern: „Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen; indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2. Kor 10,3–5).

Mancher Philosoph, mancher Gelehrte und Denker mag darüber lächeln, dass eine so wichtige Frage in so kindlich-einfacher Weise behandelt wird. Aber ihr Urteil ist für einen Jünger Christi nicht maßgeblich. Der Apostel Paulus ist sehr schnell fertig mit der Weisheit und Gelehrsamkeit dieser Welt. Er sagt: „Niemand betrüge sich selbst. Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in diesem Zeitlauf, so werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott; denn es steht geschrieben: „Der die Weisen fängt in ihrer List! Und wiederum: ‚Der Herr kennt die Überlegungen der Weisen, dass sie nichtig sind'“ (1. Kor 3,18–20). Und an einer anderen Stelle: „Denn es steht geschrieben: ‚Ich will die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen will ich hinwegtun'“ (1. Kor 1,19).

„Wo ist der Weise? wo der Schriftgelehrte: wo der Schulstreiter dieses Zeitlaufs? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil ja in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte, so gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten“ (1. Kor 1,21).

Hierin liegt das große Geheimnis: Der Mensch muss erkennen, dass alle Weisheit der Welt Torheit ist. Eine demütigende, aber heilsame Wahrheit! Demütigend, weil sie den Menschen an seinen rechten Platz stellt, heilsam, weil sie die Weisheit Gottes hervorbringt. Es wird heutzutage viel über Wissenschaft und Philosophie geredet. Aber „hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht“? 2

Die Welt hat durch die Weisheit Gott nicht erkannt. Was hat die berühmte Philosophie Griechenlands für ihre Anhänger getan? Sie machte sie zu unwissenden Anbetern eines „unbekannten Gottes“. Die Inschrift auf ihrem Altar verkündigte der ganzen Welt ihre Unwissenheit und Schande. Und können wir nicht mit Recht fragen, ob die Philosophie für das Christentum Besseres geleistet hat als einst für Griechenland? Hat sie die Kenntnis des wahren Gottes vermittelt? Millionen von christlichen Bekennern wissen heute von dem wahren Gott kaum mehr als jene Philosophen, die in Athen mit Paulus zusammentrafen.

Wie lernen wir denn Gott kennen? „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Das ist eine einfache und göttlich klare Antwort. Jesus ist es, der uns Gott und den Vater offenbart. Wir sind nicht auf ein Geschöpf angewiesen, um zu lernen, wer Gott ist, obgleich wir in der Schöpfung seine Macht, Weisheit und Güte erkennen. Wir sind auch nicht auf das Gesetz angewiesen, obwohl wir darin seine Gerechtigkeit erkennen. Nein, wenn wir wissen wollen, wer und was Gott ist, so müssen wir Jesus Christus betrachten, den eingeborenen Sohn Gottes, der vor Grundlegung der Welt im Schoß des Vaters war als seine Wonne, den Er liebte und der der Mittelpunkt aller seiner Ratschlüsse ist. Getrennt von Jesus gibt es keine Erkenntnis Gottes. Aber „in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol 2,9). „Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2. Kor 4,6).

Das Teil der zweieinhalb Stämme

Im letzten Teil unseres Kapitels erinnert Mose die Versammlung daran, was sie mit den zwei Königen der Amoriter getan hatten und wie den zweieinhalb Stämmen auf der östlichen Seite des Jordan ihr Erbe zugeteilt worden war. Es ist bemerkenswert, dass er gar nicht davon redet, ob sie recht oder unrecht getan hatten, sich ihren Besitz außerhalb des verheißenen Landes zu erwählen. Ja, es scheint nach diesem Bericht so, als wenn die genannten Stämme nicht von sich aus den Wunsch dazu gehabt hätten (vgl. V. 12–20).

In unseren Betrachtungen über das vierte Buch Mose haben wir die Wahl des Wohnortes der zweieinhalb Stämme erörtert und gezeigt, dass sie nicht ans Ziel kamen, das Gott ihnen gesteckt hatte, indem sie sich ihr Erbe östlich des Jordan wählten. In diesem Kapitel aber wird nichts davon erwähnt, weil Mose hier der ganzen Gemeinde die überströmende Güte, Barmherzigkeit und Treue Gottes vor Augen stellt, die sie durch alle Gefahren und Schwierigkeiten der Wüste hindurchgeführt, ihnen großartige Siege über die Amoriter gegeben und sie schließlich in das schöne Land gebracht hatte. Dadurch sucht Mose dem Volk klarzumachen, dass der HERR Anspruch hatte auf ihren Gehorsam gegen seine Gebote. Es ist sehr schön zu sehen, dass in dieser Wiederholung nicht erwähnt wird, ob Ruben, Gad und der halbe Stamm Manasse unrecht taten, sich außerhalb des Landes der Verheißung ansässig zu machen. Dies ist nicht nur ein Beweis von der Gnade Gottes, sondern auch von der göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift.

Solche Beweise der Vollkommenheit des Wortes erfreuen den Gläubigen. Aber nicht allein das. Je mehr die Herrlichkeit dieses Wortes und seine lebendigen und unerschöpflichen Tiefen sich uns erschließen, desto mehr werden wir erkennen, wie töricht die Angriffe der Ungläubigen sind. Das Wort Gottes braucht aber auch nicht von Menschen verteidigt zu werden. Es redet für sich selbst und enthält selbst überzeugende Beweise. Wir können mit dem Apostel Paulus sagen: „Wenn aber auch unser Evangelium verdeckt ist, so ist es in denen verdeckt, die verloren gehen, in denen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, der das Bild Gottes ist“ (2. Kor 4,3.4). Allein der Geist Gottes befähigt einen Menschen, an die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift zu glauben. Menschliche Beweise haben nur insoweit Wert, als sie manchen Gegner des Wortes zum Schweigen bringen, aber sie erreichen nicht das Herz. Sie sind nicht imstande, die lebenbringenden Strahlen der göttlichen Offenbarung in ihrer errettenden Kraft in die Seele zu senken. Das ist ein göttliches Werk. Solang dieses Werk nicht geschehen ist, bleibt ein Mensch trotz Beweise in der Finsternis des Unglaubens. Ist aber ein Mensch einmal durch den Geist Gottes erleuchtet, so ist ein menschliches Zeugnis zur Verteidigung der Bibel überflüssig. Äußere Beweise, so interessant sie auch sein mögen, können der Herrlichkeit der göttlichen Offenbarung nichts hinzufügen. Sie trägt auf jeder Seite, in jedem Satz den deutlichen Stempel ihres göttlichen Urhebers. So wenig, wie ein Blinder die Sonne sieht, so wenig erkennt ein unbekehrter Mensch die Kraft und Schönheit der Heiligen Schrift. Die Augen müssen mit himmlischer Augensalbe gesalbt sein, um die Vollkommenheit dieses Buches zu erkennen.

Gott hat bisher geholfen, Er wird es auch weiter tun

Wir verweilen noch einen Augenblick bei den letzten Versen unseres Kapitels, in denen wir noch manche Belehrung finden. Zunächst wiederholt Mose vor den Ohren des Volkes seinen Auftrag an Josua. „Und Josua gebot ich in jener Zeit und sprach: Deine Augen haben alles gesehen, was der HERR, euer Gott, diesen beiden Königen getan hat; so wird der HERR allen Königreichen tun, zu denen du hinüberziehen wirst. Fürchtet sie nicht! Denn der HERR, euer Gott, er ist es, der für euch kämpft“ (V. 21.22). Die Erinnerung an das, was der Herr in der Vergangenheit für uns getan hat, sollte unser Vertrauen zu ihm für die Zukunft stärken. Was wäre für einen Gott unmöglich gewesen, der seinem Volk einen so herrlichen Sieg über die Amoriter verliehen hatte, einen so mächtigen Feind wie König Og vernichtet hatte und das Land der Riesen in ihre Hände gegeben hatte? Sie konnten kaum mit einem mächtigeren König im Land Kanaan zusammenzutreffen, als Og es war, dessen Bett so groß war, dass Mose ausdrücklich davon spricht. Aber was war Og schon in der Gegenwart seines allmächtigen Schöpfers? Zwerge und Riesen sind vor ihm völlig gleich. Entscheidend ist, dass wir Gott selbst im Auge behalten. Dann verschwinden alle Schwierigkeiten. Wenn wir unseren Blick fest auf ihn gerichtet halten, so kann unsere Umwelt uns nicht beunruhigen. Das ist das Geheimnis des Friedens. „Deine Augen haben alles gesehen, was der HERR, euer Gott … getan hat.“ Und wie Er getan hat, so wird Er tun. Er hat errettet, Er rettet jetzt, und Er wird erretten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind gleicherweise durch die göttliche Errettung gekennzeichnet.

Befindest du dich in einer Schwierigkeit, mein lieber Leser? Liegt irgendein Druck auf dir? Bist du beunruhigt? Höre ein Wort der Ermutigung: „Fürchte dich nicht; glaube nur!“ (Mk 5,36). Er enttäuscht nie einen Menschen, der ihm vertraut. Benutze die Quellen der Hilfe, die in ihm für dich geöffnet sind. Lege dich selbst, alles, was dich umgibt, deine Furcht und deine Angst, lege alles in seine Hand, und da lass es ruhen.

Ja, lass es dort! Es nützt nichts, unsere Schwierigkeiten und Bedürfnisse in die Hände unseres Gottes zu legen, und sie im nächsten Augenblick wieder in unsere eigene Hand zu nehmen. Wie oft geschieht das! Wir kommen in irgendeiner Not oder Prüfung im Gebet zu Gott, werfen unsere Bürde auf ihn und fühlen uns erleichtert. Aber kaum haben wir uns von unseren Knien erhoben, so blicken wir von neuem auf die Schwierigkeiten, verweilen bei den traurigen Umständen, bis wir wieder an demselben Punkt ankommen, den wir soeben verlassen hatten. Wie sehr verunehren wir dadurch unseren Gott und Vater, und wir bleiben beladen und unglücklich. Er will unser Gemüt so frei von Sorgen haben, wie unser Gewissen frei ist von jeder Schuld. Sein Wort an uns lautet: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6).

In diesem Sinn suchte auch Mose, der treue Knecht des Herrn, seinen Mitarbeiter und Nachfolger Josua zu ermutigen im Blick auf das, was ihm bevorstand: „Fürchtet sie nicht, denn der HERR, euer Gott, ist es, der für euch kämpft.“ In ähnlicher Weise ermunterte auch Paulus sein Kind und seinen Mitstreiter Timotheus, auf den lebendigen Gott zu vertrauen, stark zu sein in der Gnade, die in Christus Jesus ist, sich mit unerschütterlichem Vertrauen auf den festen Grund Gottes zu stützen und sich so mit Fleiß und geistlichem Mut dem Werk zu widmen, zu dem er berufen war. Auch wir können einander ermuntern, in schlichtem Glauben an dem Wort festzuhalten, und es im Herzen zu bewahren als eine lebendige Macht und Autorität für uns. Das Wort erhält uns aufrecht, besonders auch im Alter, wenn alle menschlichen Stützen zerbrechen. „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen; das Wort des Herrn aber bleibt in Ewigkeit. Dies aber ist das Wort, das euch verkündigt worden ist“ (1. Pet 1,24.25).

Eine unerfüllte Bitte

Die Schlussverse dieses Kapitels berichten von einem Gespräch zwischen Mose und seinem Herrn. Auch dieser Bericht steht wieder in schöner Harmonie mit dem Charakter des ganzen Buches (vgl. V. 23–28). Es geht uns zu Herzen, wenn wir den treuen Knecht Gottes eine Bitte vorbringen hören, die Gott ihm doch nicht gewähren konnte. Er verlangte, das gute Land jenseits des Jordan zu sehen. Das Teil, das sich die zweieinhalb Stämme erwählt hatten, konnte ihn nicht zufriedenstellen. Er wünschte, das besondere Erbteil des Volkes Gottes zu betreten. Aber es sollte nicht sein. Er hatte unvorsichtig mit seinen Lippen an den Wassern von Meriba geredet und durch den unabänderlichen Beschluss der Regierung Gottes war ihm der Übergang des Jordan verwehrt.

Alles das wiederholt Mose in wirklicher Demut vor dem Volk. Er verheimlicht nicht die Tatsache, dass der Herr sich geweigert hatte, seine Bitte zu erhören. Wohl erinnert er sie, dass sie Schuld daran hatten. Es war notwendig, dass das Volk daran erinnert wurde. Dennoch bekennt er, dass der HERR zornig über ihn gewesen sei und ihm trotz seiner Bitte nicht erlaubt habe, den Jordan zu überschreiten, sondern ihn aufgefordert habe, sein Amt niederzulegen und einen Nachfolger einzusetzen.

Mose selbst legt dieses offene Bekenntnis ab. Wie schwer wird es uns oft, zu bekennen, wenn wir etwas Unrechtes getan oder gesprochen haben, vor unseren Brüdern einzugestehen, dass wir in diesem oder jenem Fall den Sinn verfehlt haben. Wir sind besorgt um unseren guten Ruf. Ist es nicht sonderbar, dass wir trotzdem oft betonen, dass wir schwache und irrende Geschöpfe sind und zu allem fähig, wenn wir uns selbst überlassen bleiben? Aber es ist etwas ganz anderes, ein allgemeines Bekenntnis abzulegen, als in einem bestimmten Fall anzuerkennen, dass man sich geirrt hat. Es gibt solche, die kaum einmal zugestehen, dass sie unrecht getan haben.

Nicht so Mose. Ungeachtet seiner erhabenen Stellung als der vertraute und geliebte Diener des HERRN, als der Führer der Gemeinde, dessen Stab einst alle Ägypter erzittern ließ, schämt er sich nicht, vor der Versammlung seiner Brüder zu stehen und seinen Irrtum zu bekennen, anzuerkennen, dass er Worte gesagt hatte, die er nicht hätte sagen dürfen, und dass er eine dringende Bitte vor den HERRN gebracht hatte, die ihm nicht gewährt worden war.

Schätzen wir deshalb Mose weniger? Im Gegenteil, unsere Achtung wächst. Es ist schön, sein Bekenntnis zu hören, zu sehen, wie er sich demütig unter die Regierungsabsichten Gottes beugt und wie selbstlos er dem Mann begegnet, der sein Nachfolger in dem hohen Amt werden sollte. Da findet sich keine Spur von Eifersucht und Neid, kein Ausbruch des beleidigten Stolzes. In Selbstverleugnung steigt Mose von seiner erhabenen Stellung herab, legt seinen Mantel um die Schultern seines Nachfolgers und ermuntert ihn, mit Treue die Pflichten dieses bedeutenden Amtes zu erfüllen.

„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14,11). Wie wird die Wahrheit dieses Wortes in der Geschichte Moses so deutlich! Er demütigte sich unter die mächtige Hand Gottes und nahm die Zucht an, die ihm die göttliche Regierung auferlegte. Er äußerte auch nicht ein unzufriedenes Wort darüber, dass seine Bitte nicht erhört worden war. Er beugte sich unter alles, und darum wurde er auch zu seiner Zeit erhöht. Gott erlaubte ihm in seiner Regierung nicht, das Land zu betreten, aber in seiner Gnade führte Er ihn auf die Höhe des Pisga, von wo aus Er ihm erlaubte, das gute Land in all seiner Schönheit zu sehen.

Es ist gut, den Unterschied zwischen Gnade und Regierung wohl zu überdenken. Dieser Unterschied wird in der Heiligen Schrift oft erklärt, aber wenig verstanden. Es mag uns schwer verständlich erscheinen, wie Gott seinem treuen und geliebten Knecht den Zutritt in das Land verwehren konnte. Doch wir sehen hier den ganzen Ernst der göttlichen Regierung. Es geziemt uns, das Haupt zu beugen und anzubeten. Wie bereits erwähnt, konnte Mose nicht nur aufgrund seines Amtes, als Vertreter des gesetzlichen Systems, Israel nicht in das Land bringen, sondern auch weil er unvorsichtig mit seinen Lippen geredet hatte. Er und sein Bruder Aaron hatten Gott nicht verherrlicht vor der Versammlung; aus diesem Grund „sprach der HERR zu Mose und zu Aaron: Weil ihr mir nicht geglaubt habt, mich vor den Augen der Kinder Israel zu heiligen, darum sollt ihr diese Versammlung nicht in das Land bringen, das ich ihnen gegeben habe“ (4. Mo 20,12). Und weiterhin lesen wir: „Und der HERR redete zu Mose und zu Aaron am Berg Hor, an der Grenze des Landes Edom, und sprach: Aaron soll zu seinen Völkern versammelt werden; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Kindern Israel gegeben habe, weil ihr meinem Befehl widerspenstig gewesen seid beim Wasser von Meriba. Nimm Aaron und Eleasar, seinen Sohn, und lass sie auf den Berg Hor hinaufsteigen; und zieh Aaron seine Kleider aus und lege sie seinem Sohn Eleasar an; und Aaron soll versammelt werden und dort sterben“ (4. Mo 20,23–26).

Das ist sehr ernst. Diesen beiden Männern der Gemeinde Israel, die Gott dazu gebraucht hatte, sein Volk mit mächtigen Zeichen und Wundern aus Ägypten zu führen, Männern, die von Gott hoch geehrt waren, wurde der Eintritt in das Land Kanaan verwehrt, „weil sie seinem Befehl widerspenstig gewesen waren“. Lasst uns diese Worte zu Herzen nehmen! Es ist etwas Schreckliches, widerspenstig zu sein gegen das Wort Gottes. Je höher die Stellung derjenigen ist, die sich dem Wort widersetzen, desto größer die Verantwortung und desto ernster und schneller erreicht sie das göttliche Gericht. „Denn wie Sünde der Wahrsagerei ist Widerspenstigkeit, und der Eigenwille wie Abgötterei und Götzendienst“ (1. Sam 15,23). Diese ernsten Worte wurden an Saul gerichtet, als er dem Wort des Herrn nicht gehorchte. So werden ein Prophet, ein Priester und ein König als Beispiele dafür vorgestellt, dass Gott in seiner Regierung wegen eines einmaligen Ungehorsams züchtigt. Die beiden ersteren durften das Land Kanaan nicht betreten, und der König verlor seinen Thron.

Wir sollen gehorchen und alles Übrige den Händen unseres Herrn überlassen. Es ist nicht die Sache eines treuen Dieners, über die Früchte seines Gehorsams nachzusinnen. Er tut das, was ihm aufgetragen ist. Die Früchte überlässt er seinem Herrn. Hätten Mose und Aaron dies bedacht, so würden sie den Jordan überschritten haben, und hätte Saul gehorcht, so würde er seinen Thron nicht verloren haben.

Schwächen wir diesen wichtigen Grundsatz nicht oft dadurch ab, dass wir sagen, Gott wisse und sehe alles voraus, was sich ereignen und was der Mensch im Lauf der Zeit tun werde? Doch was hat das Vorauswissen Gottes mit der Verantwortung des Menschen zu tun? Ist der Mensch verantwortlich oder nicht? Ohne Zweifel! Er ist berufen, dem Wort Gottes zu gehorchen. Er ist nicht verantwortlich, über Gottes Vorsätze und geheimen Ratschlüsse etwas zu wissen. Die Verantwortung des Menschen erstreckt sich auf das, was offenbart ist, und nicht auf das Verborgene. Was wusste zum Beispiel Adam über die ewigen Ratschlüsse und Vorsätze Gottes, als er in den Garten gesetzt wurde und Gott ihm verbot, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen? Wurde seine Übertretung durch die Tatsache gemildert, dass Gott gerade diese Übertretung dazu benutzen wollte, seinen wunderbaren Plan der Erlösung durch das Blut des Lammes zu entfalten? Sicher nicht. Adam empfing ein eindeutiges Gebot, das er beachten sollte, aber er war ungehorsam und wurde aus dem Paradies vertrieben.

Gott sei gepriesen! die Gnade ist in diese arme, sündige Welt gekommen und hält da eine Ernte, die auf den Feldern einer nicht gefallenen Schöpfung nie hätte gehalten werden können. Aber der Mensch wurde gerichtet wegen seiner Übertretung. Er wurde vertrieben durch die regierende Hand Gottes und gezwungen, im Schweiß seines Angesichts sein Brot zu essen. „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Gal 6,7).

Fußnoten

  • 1 Da viele über diese Frage beunruhigt sind, will ich sie hier etwas ausführlicher behandeln. Es gibt drei Punkte, die jeden Christen in dieser Lehre befestigen können: I. Das Wort „unaufhörlich“ oder „ewig“ kommt siebzigmal im Neuen Testament vor. Es wird angewandt auf das „Leben“, das die Gläubigen besitzen, auf die „Wohnungen“, in die sie aufgenommen werden und auf die „Herrlichkeit“, die sie genießen werden. Es findet sich in Verbindung mit „Gott“, mit der „Seligkeit“, deren Urheber der Herr Jesus ist, mit der „Errettung“, die Er für uns erworben hat, und endlich in Verbindung mit dem „Geist“. Von diesen siebzig Stellen gibt es sieben, in denen dasselbe Wort (aionios) angewandt wird auf die „Strafe“ der Gottlosen, auf das „Gericht“, das über sie kommen wird und das „Feuer“, das sie verbrennen wird. Nach welchem Prinzip oder mit welchem Recht kann man nun diese sieben Stellen aussondern und behaupten, dass hier das Wort aionios nicht in dem Sinn von „ewig“, in den übrigen dreiundsechzig aber wohl in diesem Sinn gebraucht wird? Eine solche Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Hätte der Heilige Geist ein anderes Wort gebraucht als in den übrigen Stellen, wenn Er von dem Gericht über die Gottlosen spricht, so müssten wir seine Bedeutung untersuchen. Aber Er verwendet durchaus dasselbe Wort, so dass mit der Leugnung der ewigen Ver dammnis auch notwendigerweise das ewige Leben, die ewige Herrlichkeit, den ewigen Geist, den ewigen Gott, kurz alles, was ewig ist, leugnen müssen. Wenn die Strafe nicht ewig ist, so ist nichts ewig. An dieser Wahrheit rütteln, heißt die ganze göttliche Offenbarung antasten. II. Den zweiten Beweis liefert uns die Tatsache der Unsterblichkeit der Seele. Wir lesen in 5. Mose 12, 7: „Und Gott der HERR bildete den Menschen, Staub vom Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebendige Seele.“ Schon diese eine Stelle zeigt, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat. Der Sündenfall ändert nichts daran. Gefallen oder nicht gefallen, unschuldig oder schuldig, bekehrt oder unbekehrt – die Seele existiert ewig. Die ernste Frage ist nur: „Wo wird sie leben?“ Gott kann in seiner Gegenwart die Sünde nicht dulden. „Du bist zu rein von Augen, um Böses zu sehen, und Mühsal vermagst du nicht anzuschauen“ (Hab 1,13). Wenn daher ein unbekehrter Mensch, ohne Vergebung seiner Sünden, stirbt, so kann er gewiss nicht dahin kommen, wo Gott ist. Ja, er wird nicht einmal wünschen, dahin zu kommen. Für ihn gibt es nichts als eine endlose Ewigkeit in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt. III. Wir glauben, dass die Wahrheit von der ewigen Verdammnis in enger Beziehung zu dem umfassenden Charakter des Versöhnungswerkes unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus steht. Wenn nur ein ewig wirkendes Opfer uns von den Folgen der Sünde befreien konnte, so müssen die Folgen ebenfalls ewig sein. Dieser Beweis mag vielleicht manchem unwesentlich erscheinen; aber für uns ist er überzeugend. Wir müssen die Sünde und ihre Folgen mit demselben Maß messen wie die Liebe Gottes und ihre Ergebnisse, nicht mit dem Maßstab des menschlichen Gefühls oder der menschlichen Vernunft, sondern allein mit dem Maßstab des Kreuzes Christi.
  • 2 Wir müssen unterscheiden zwischen aller echten Wissenschaft und der „fälschlich sogenannten Kenntnis“, zwischen den Tatsachen, die eine Wissenschaft ans Licht gebracht hat und den Schlüssen der Gelehrten. Die Tatsachen sind das, was Gott tut und getan hat. Aber wenn der Mensch sich daran begibt, aus diesen Tatsachen seine Schlüsse zu ziehen, so kann er in große Irrtümer geraten. Doch gibt es auch manche Wissenschaftler, die Gott den ihm gebührenden Platz geben und unseren Herrn Jesus Christus aufrichtig lieben.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht