Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Wiederholung der zehn Gebote

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

„Und Mose rief ganz Israel und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Satzungen und die Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede; und lernt sie, und achtet darauf, sie zu tun“ (V. 1). Hier begegnen wir wieder diesen vier Worten, die das fünfte Buch Mose in besonderer Weise kennzeichnen.

Das Erste, was ein Mensch tun muss, ist „hören“. „Hören will ich, was Gott, der HERR, reden wird“ (Ps 85,9). „Hört, und eure Seele wird leben“ (Jes 55,3). Das hörende Ohr ist der Ausgangspunkt für alles wahre christliche Leben. Es bringt einen Menschen in die einzige Stellung alles Segens.

Selbstverständlich sprechen wir hier nur von dem Hören des Wortes Gottes. Israel hatte auf die „Satzungen und Rechte“ des HERRN zu horchen, auf das Wort des lebendigen Gottes, der sie erlöst hatte aus dem Land der Knechtschaft, der Finsternis und des Todes. Sie sollten nicht auf die Überlieferungen und Lehren der Menschen hören. Ebenso ist es auch heute mit uns.

Wir sind zum Gehorsam berufen. Wir sind berufen, zu „hören“ und uns ehrerbietig einer Autorität zu unterwerfen. Der Weg eines unterwürfigen und demütigen Christen ist genauso weit vom Aberglauben wie vom Unglauben entfernt. Die vortreffliche Antwort, die Petrus einst dem Synedrium in Apostelgeschichte 5,29 gab, weist beide gleich entschieden zurück. Er sagte: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.“ Unsere Antwort auf den Unglauben in all seinen Erscheinungsformen ist: „Wir müssen gehorchen“, und auf den Aberglauben, in welches Gewand er sich auch kleiden mag: „Wir müssen Gott gehorchen.“

Das ist die Pflicht jedes wahren Christen. Er hat Gott zu gehorchen. Der Ungläubige mag über einen Mönch oder eine Nonne lächeln und sich wundern, wie ein Mensch seinen Verstand und seine Vernunft so vollständig einem anderen, der auch sterblich ist, unterwerfen und sich oft solch unnatürlichen Regeln und Übungen unterziehen kann. Dieser Ungläubige rühmt sich seiner geistigen Freiheit und hält seine Vernunft für den einzig gültigen Maßstab. Dabei weiß er nicht, dass er, während er sich mit seinem freien Willen brüstet, in Wirklichkeit von Satan, dem Fürsten und Gott dieser Welt, gefangen gehalten wird. Der Mensch ist geschaffen zu gehorchen und aufzublicken zu dem Einen, der über ihm steht. Der Christ ist geheiligt zum Gehorsam Jesu Christi, das heißt zu demselben Charakter des Gehorsams, wie er von unserem Herrn und Heiland selbst Gott gegenüber erfüllt wurde.

Das ist von fundamentaler Bedeutung für jeden, der wirklich erkennen möchte, worin wahrer christlicher Gehorsam besteht. Diesen Gehorsam zu kennen, ist das große Geheimnis, das von dem Eigenwillen des Unglaubens und von dem falschen Gehorsam des Aberglaubens befreit. Es ist nie richtig, unseren eigenen Willen zu tun. Es kann richtig sein, dem Willen eines Mitmenschen zu folgen, aber wir sind auf dem richtigen Weg, wenn wir den Willen unseres Gottes tun. Um diesen Willen zu tun, kam Jesus auf die Erde, und Er tat ihn vollkommen. „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ (Heb 10,9). „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“ (Ps 40,9). Zu demselben Gehorsam sind auch wir berufen. Wir sind „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi“ (1. Pet 1,1.2). In diesen Worten liegt ein unschätzbares Vorrecht, zugleich aber auch eine heilige und ernste Verantwortung für uns. Lasst uns nie vergessen, dass wir nicht nur der Blutbesprengung Jesu Christi teilhaftig geworden, sondern auch zu seinem Gehorsam abgesondert sind!

Vielleicht denkt jemand an die Ermahnung des Apostels in Hebräer 13: „Gehorcht euren Führern und seid fügsam; denn sie wachen über eure Seelen (als solche, die Rechenschaft geben werden), damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre euch nicht nützlich.“ Das ist gewiss ein sehr wichtiges Wort, mit dem wir noch eine andere Stelle aus 1. Thessalonicher 5 verbinden möchten: „Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die erkennt, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen, und dass ihr sie über die Maßen in Liebe achtet, um ihres Werkes willen“ (V. 12.13). Weiterhin lesen wir in 1. Korinther 16,15.16: „Ich ermahne euch aber, Brüder: Ihr kennt das Haus des Stephanas, dass es der Erstling von Achaja ist, und dass sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben – dass auch ihr euch solchen unterordnet und jedem, der mitwirkt und arbeitet.“ Und in 1. Petrus 5 ermahnt der Apostel die Ältesten, er, „der Mitälteste und Zeuge der Leiden des Christus und auch Teilhaber der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führt, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als solche, die über ihre Besitztümer herrschen, sondern die Vorbilder der Herde sind. Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen“ (V. 1–4).

Sprechen diese Stellen nicht gerade dafür, dass wir bestimmten Menschen gehorchen sollen? Mit welchem Recht verwirft man dann die menschliche Autorität? Die Antwort ist sehr einfach. Wo immer Christus eine Gabe des Geistes verleiht, sei es die Gabe des Lehrens oder die Gabe eines Hirten, da ist es die Pflicht eines Christen, die Gabe anzuerkennen und zu schätzen. Das nicht zu tun, bedeutet, die Segnungen und Gnadenerweisungen Gottes gering zu achten. Aber wir müssen in jedem Fall zu erkennen suchen, ob wirklich eine Gabe vorhanden ist, die Gott gegeben hat. Kein Mensch hat das Recht, sich ein bestimmtes Amt oder eine Stellung anzumaßen, oder sich von anderen zu einem solchen Amt berufen zu lassen. Das ist ein Eingriff in ein heiliges Gut und wird früher oder später das Gericht Gottes auf sich ziehen.

Jeder wirkliche Dienst kommt von Gott und gründet sich auf eine wirkliche Gabe, die von dem Haupt der Versammlung verliehen worden ist, so dass wir sagen können: ohne Gabe kein Dienst. In allen oben angeführten Stellen besitzen die genannten Personen eine Gabe und können sie daher ausüben. Wir sehen bei ihnen ein treues und warmes Herz für die Schafe und Lämmer der Herde Christi. In Hebräer 13 heißt es: „Gehorcht euren Führern.“ Wer unser Führer sein will, muss uns auf dem Weg vorangehen, den er uns führen will. Es wäre Torheit, sich den Titel eines Führers anzumaßen, ohne den Weg zu kennen oder willig und fähig zu sein, ihn zu gehen. Einem blinden, unwissenden Führer wird sich niemand anvertrauen.

Worauf gründet der Apostel seine Ermahnungen an die Thessalonicher, bestimmte Personen zu achten und anzuerkennen? Darauf, dass jemand sich einen Titel, ein Amt oder eine Stellung anmaßt oder von anderen annimmt? O nein, die Thessalonicher wussten wohl, dass diese Personen ihnen „vorstanden im Herrn“ und „sie zurechtwiesen“. Deshalb ermahnt er sie, sie „über die Maßen in Liebe zu achten“. Wegen ihres Amtes oder eines Titels? Keineswegs, sondern „um ihres Werkes willen“. Ebenso wurden die Korinther ermahnt, sich dem Haus des Stephanas zu unterwerfen, nicht um eines Titels oder eines angemaßten Amtes willen, sondern weil „sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet hatten“. Sie waren im Werk tätig. Sie hatten Gaben und Gnade von Christus empfangen und hatten ein Herz für sein Volk. Sie rühmten sich nicht ihres Amtes, sondern gaben sich mit willigem Herzen dem Dienst Christi hin.

Das ist der wahre Dienst, der ausgeübt wird in der Kraft, die Christus darreicht und in dem Bewusstsein, dass man ihm verantwortlich ist. Dieser Dienst findet die dankbare Anerkennung der Heiligen. Mag sich jemand als Lehrer oder Hirte ausgeben oder von anderen dazu ernannt werden, so ist doch alles Täuschung, Anmaßung und leere Form, wenn er nicht eine wirkliche Gabe von dem Haupt der Versammlung empfangen hat. Seine Stimme ist die eines Fremden. Die wahren Schafe Christi kennen sie nicht und sollten sie nicht anerkennen. 1

Findet sich dagegen ein von Gott begabter Lehrer, ein treuer, liebender und weiser Hirte, der über die Einzelnen wacht, für sie kämpft und fähig ist, zu sagen: „Jetzt leben wir, wenn ihr feststeht im Herrn“ (1. Thes 3, 8), so wird man ihn anerkennen und achten. Hat jemand eine Gabe, so ist er ein Diener. Hat er sie nicht, so kann keine menschliche Autorität ihn zu einem wahren Diener Christi machen. Man mag ihn als Diener einsegnen, und er selbst mag sich so nennen, doch jeder wahre Dienst hat seine Quelle in Gott. Er gründet sich auf die göttliche Autorität, und sein Zweck ist, die Gläubigen in die Gegenwart Gottes zu bringen und in Gemeinschaft mit ihm. Der falsche Dienst dagegen hat seinen Ursprung im Menschen und bezweckt, die Gläubigen an Menschen zu binden. Das zeigt den großen Unterschied zwischen beiden. Der erste Dienst führt zu Gott hin, der zweite von Gott weg. Der eine pflegt, nährt und kräftigt das neue Leben, der andere hindert den Fortschritt des Lebens in jeder Weise und bringt die Gläubigen in Zweifel und Finsternis. Mit einem Wort, der wahre Dienst ist von Gott, durch ihn und für ihn, der falsche Dienst von Menschen, durch sie und für sie. So sehr wir den einen schätzen, so vollständig verwerfen wir den Zweiten.

In allen Fällen aber, wo eine wirkliche Gnadengabe vorhanden ist, werden wir aufgefordert zu gehorchen und uns zu unterwerfen, insoweit wir Christus in der Person und dem Dienst seiner geliebten Knechte erkennen. Für einen geistlichen Menschen ist es nicht schwer zu erkennen, ob wirklich Gnade und Kraft vorhanden sind. Man sieht sehr bald, ob jemand in wahrer Liebe bemüht ist, uns mit dem Brot des Lebens zu nähren und uns in die Wege Gottes zu leiten, oder ob er sucht, sich selbst zu erheben und seinen eigenen menschlichen Interessen nachzugehen. Der Unterschied zwischen Kraft und Anmaßung ist zu groß, als dass er übersehen werden könnte. Ein wahrer Diener Christi wird nie mit seiner Autorität prahlen oder sich seiner Gaben rühmen. Er tut einfach sein Werk und lässt es für sich selbst reden. Der Apostel Paulus konnte den armen, irregeleiteten Korinthern, die unter dem Einfluss falscher Lehrer an seiner Apostelschaft zweifelten, zurufen: „Weil ihr einen Beweis sucht, dass Christus in mir redet … so prüft euch selbst“ (2. Kor 13,3–5).

Die Korinther selbst waren der lebendige Beweis seines Dienstes. Ihre Bekehrung und Segnung zeigten deutlich, dass der Dienst von Gott war, und das gab dem Apostel Freude, Trost und Kraft. Er war ein „Apostel, nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn aus den Toten auferweckt hat“ (Gal 1,1). Er konnte sich der Quelle seines Dienstes rühmen und im Blick auf dessen Charakter zahlreiche Beweise anführen, von denen jeder Einzelne genügte, ein aufrichtiges Herz zu überzeugen. Er konnte in Wahrheit sagen: „Meine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“ (1. Kor 2,4).

So muss es in jedem Fall sein. Es muss Kraft und Wirklichkeit vorhanden sein. Bloße Titel sind nichts. Die Menschen mögen wohl Titel und Ämter verleihen, aber sie haben kein Recht dazu.

Vielleicht wird man einwerfen, wir seien nicht befugt zu „richten“. Wie sollen wir uns denn „vor den falschen Propheten hüten“ (Mt 7,15) können, wenn wir nicht das Recht haben, sie zu beurteilen? Mit welchem Maß aber sollen wir sie in unserer Beurteilung messen? „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Kann das Volk des Herrn nicht unterscheiden zwischen einem Mann, der zu ihm kommt in der Kraft des Geistes, in heiliger, selbstverleugnender Gesinnung, begabt von dem Haupt der Versammlung, erfüllt mit Liebe zu den Gläubigen, und einem anderen, der einen Titel trägt, den er sich selbst beigelegt hat oder der ihm von Menschen verliehen ist, der in seinem Dienst und Leben aber jede Spur göttlichen oder himmlischen Wesens vermissen lässt? Ohne Zweifel kann und soll das Volk Gottes diesen Unterschied machen. Deshalb fordert der betagte Apostel Johannes auch die Gläubigen auf, nicht jedem Geist zu glauben, sondern die Geister zu prüfen, „ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen“ (1. Joh 4,1). Und in seinem zweiten Brief ermahnt er die „auserwählte Frau“; „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken“ (V. 10.11). Und was sollte sie beurteilen? Sollte sie untersuchen, ob die, welche in ihr Haus kamen, von irgendeinem Menschen oder einer Institution bevollmächtigt waren? O nein. Sie sollte einzig und allein prüfen, ob sie gesund in der Lehre waren. Brachten sie die wahre, göttliche Lehre des Christus nicht, die Lehre, dass Er im Fleisch gekommen ist, so sollte sie die Tür vor ihnen verschließen, ohne danach zu fragen, wer sie wären und woher sie kämen. Wenn sie die Wahrheit nicht brachten, so sollte sie sie trotz aller Vollmachten, die sie etwa vorzeigen mochten, mit Entschiedenheit abweisen.

Im zweiten Kapitel der Offenbarung wird die Versammlung in Ephesus gelobt, weil sie die geprüft hatte, welche sagten, sie seien Apostel, und waren es nicht. Wie konnte sie diejenigen prüfen, ohne ein Urteil zu bilden? Diese Beispiele zeigen, dass man die Worte des Herrn in Matthäus 7,1: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, und die Worte des Apostels in 1. Korinther 4,5: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit“, falsch anwenden und auslegen kann. Die Schrift widerspricht sich nicht, und daher können die Worte des Herrn oder des Apostels, was auch ihr Sinn sein mag, nicht im Widerspruch stehen mit der Verantwortung der Christen, die Gaben, die Lehre und das Leben all derer zu beurteilen, die den Platz eines Evangelisten, eines Hirten oder eines Lehrers in der Versammlung Gottes einnehmen.

Die Worte „richtet nicht“ und „beurteilt nichts“, verbieten uns einfach, die Beweggründe oder die verborgenen Quellen einer Handlung zu beurteilen und zu richten. Damit haben wir nichts zu tun. Wir können nicht ins Innere des Herzens eindringen, und, Gott sei Dank, sind wir auch nicht dazu berufen. Wir können die verborgenen Gedanken des Herzens nicht erraten. Aber andererseits dürfen wir uns nicht der Verantwortung entziehen, die zu prüfen, die in unserer Mitte irgendeinen Dienst ausüben.

Es wird immer das Ziel jedes wirklichen Dieners Christi sein, diejenigen, denen er dient, zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zu führen. Ein schönes Beispiel dafür sehen wir in Mose, diesem ausgezeichneten Knecht Gottes. Er war immer bemüht, der Gemeinde Israel die dringende Notwendigkeit eines schlichten Gehorsams gegenüber allen Geboten und Satzungen Gottes einzuprägen. Er suchte keine Autoritätsstellung für sich selbst. Sein großes Ziel von Anfang bis Ende war: Gehorsam, nicht gegenüber ihm, sondern gegenüber seinem und ihrem Herrn. Er wusste, dass dies das wahre Geheimnis ihres Glücks, ihrer Sicherheit und ihrer Kraft war. Er wusste, dass ein gehorsames Volk auch ein unüberwindbares Volk sein würde, und dass keine Waffe etwas gegen sie ausrichten konnte, solange sie sich vor dem Wort Gottes beugten. Mit einem Wort, er wusste und glaubte, dass es Israels Sache war, Gott zu gehorchen, so wie es Gottes Sache war, Israel zu segnen. Ihre Aufgabe bestand einfach darin, den offenbarten Willen Gottes zu „hören“, zu „lernen“, „darauf zu achten“ und ihn zu „tun“, und solange sie das taten, konnten sie mit vollem Vertrauen auf ihn rechnen als auf ihren Schild, ihre Kraft, ihren Beschützer und ihre Zuflucht. Der einzig wahre Weg für das Volk Gottes ist der schmale Weg des Gehorsams, auf den Gott immer mit Wohlgefallen herabsieht.

Verschiedene Grundlagen in den Beziehungen zwischen Gott und Menschen

Wir kehren jetzt zu dem fünften Kapitel des fünften Buches Mose zurück. Im zweiten Vers erinnert Mose das Volk an ihre Beziehung zu dem HERRN, die auf den Bund gegründet war. Er sagt: „Der HERR, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. Nicht mit unseren Vätern hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier alle am Leben sind. Von Angesicht zu Angesicht hat der HERR auf dem Berg, mitten aus dem Feuer, mit euch geredet – ich stand zwischen dem HERRN und euch in jener Zeit, um euch das Wort des HERRN zu verkünden; denn ihr fürchtetet euch vor dem Feuer und stiegt nicht auf den Berg“ (V. 2–5).

Wir müssen gut unterscheiden zwischen dem Bund am Horeb und dem Bund, den Gott mit Abraham, Isaak und Jakob machte. Diese Bündnisse unterscheiden sich wesentlich. Der Bund vom Berg Horeb war ein Bund der Werke, bei dem das Volk versprach, alles zu tun, was der HERR gesprochen hatte; der Bund mit den Erzvätern aber war ein Bund reiner Gnade, bei dem Gott sich selbst mit einem Eid verpflichtete, alles zu erfüllen, was er verheißen hatte. Der Unterschied ist in jeder Hinsicht von großer Bedeutung, sowohl was die Grundlage und den Charakter dieser Bündnisse als auch was die praktischen Ergebnisse betrifft. Der Bund am Horeb setzte das menschliche Vermögen voraus, alle seine Bedingungen zu erfüllen, und schon diese einzige Tatsache zeigte im Voraus, dass er gebrochen werden würde. Der Bund mit Abraham dagegen gründete sich auf die Verheißungen Gottes, alle seine Worte zu erfüllen, und daher ist es völlig unmöglich, dass ein einziges Jota oder ein Strichlein an seiner Erfüllung fehlen könnte.

Der Christ und das Gesetz

In den „Gedanken zum zweiten Buch Mose“ haben wir uns eingehender mit dem Thema „Gesetz“ beschäftigt und haben versucht, die Gedanken Gottes herauszustellen über seine Mitteilung des Gesetzes und über die Unmöglichkeit, dass ein Mensch durch das Halten des Gesetzes Leben und Gerechtigkeit empfangen konnte. Wir verweisen den Leser auf diese Ausführungen und auch auf die früheren Kapitel. Im Blick auf die verkehrten Anstrengungen des Menschen, den Christen wieder unter das Gesetz zu stellen, wollen wir noch einige Stellen zitieren. Der Jude stand einst „unter Gesetz“; aber er musste die Entdeckung machen, dass das Gesetz kein Ruhekissen war, auf dem er ausruhen konnte, und keine Decke, in die er sich einhüllen konnte. Der Heide war „ohne Gesetz“. Er stand wohl unter der Regierung Gottes, aber nie unter Gesetz. Die Gnade stellt beide Klassen auf denselben Boden. In Apostelgeschichte 15 wird gezeigt, wie die Apostel und die ganze Gemeinde in Jerusalem dem ersten Versuch widerstanden, bekehrte Heiden unter das Gesetz zu stellen. Die Frage war in Antiochien aufgekommen; aber Gott führte es in seiner Güte und Weisheit so, dass sie nicht dort entschieden wurde, sondern dass Paulus und Barnabas nach Jerusalem hinaufgehen mussten, wo dieses Thema öffentlich besprochen und durch den einmütigen Beschluss der zwölf Apostel und der ganzen Versammlung entschieden wurde.

Lasst uns Gott dafür danken. Die Entscheidung einer örtlichen Versammlung, wie die in Antiochien, obgleich sie von Paulus und Barnabas anerkannt wurde, hätte keineswegs dasselbe Gewicht gehabt wie eine Entscheidung der versammelten zwölf Apostel in Jerusalem. Aber der HERR sorgte dafür, dass jeder Feind verstummen musste und die Gesetzeslehrer aller Zeiten überzeugend belehrt wurden, dass es nicht nach den Gedanken Gottes ist, die Christen in irgendeinem Punkt unter das Gesetz zu stellen.

„Und einige kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr nicht beschnitten werdet nach der Weise Moses, so könnt ihr nicht errettet werden“ (Apg 15,1). Welch eine traurige Botschaft! Wie mussten sich diese Worte mit eisiger Kälte auf die Herzen derer legen, die durch die Rede des Apostels Paulus in der Synagoge in Antiochien bekehrt worden waren! „So sei es euch nun kund, Brüder“, hatte er gesagt, „dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr durch das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird durch diesen“ (ohne Beschneidung und ohne Gesetzeswerke irgendwelcher Art) „jeder Glaubende gerechtfertigt“ (Apg 13,38.39).

Das war die herrliche Botschaft, die durch den Mund des Paulus verkündigt worden war, eine Botschaft von der freien und vollkommenen Errettung, von der völligen Vergebung der Sünden und der vollkommenen Rechtfertigung durch den Glauben an den Herrn Jesus Christus. Nach der Lehre derer aber, die von Judäa herabkamen, war das alles unzureichend. Ohne Gesetz und ohne Beschneidung war Christus nicht genug. Wie muss das Herz des Apostels entbrannt sein, als er seine geliebten Kinder im Glauben durch diese Lehre beunruhigt sah! Die Annahme einer solchen Lehre ist gleichbedeutend mit der Preisgabe des ganzen Christentums. Musste dem Kreuz Christi die Beschneidung hinzugefügt werden, musste das Gesetz Moses die Gnade Gottes ergänzen, dann war alles vergeblich. Aber gepriesen sei der Gott aller Gnade! Er gebot der verderblichen Lehre Einhalt. „Als nun ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen und Paulus und Barnabas, ordneten sie an, dass Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage … Als sie aber nach Jerusalem gekommen waren, wurden sie von der Versammlung und den Aposteln und Ältesten aufgenommen, und sie berichteten alles, was Gott mit ihnen getan hatte. Einige aber von denen aus der Sekte der Pharisäer, die glaubten, traten auf und sagten: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten“ (Apg 15,2–5). Hatte Gott das geboten? Gewiss nicht. Er hatte in seiner unendlichen Gnade den Nationen die Tür des Glaubens geöffnet – ohne Beschneidung oder irgendein Gebot, das Gesetz Moses zu halten. Nein, es waren „einige Menschen“, die sich anmaßten, das zu gebieten, Menschen, die die Versammlung Gottes von jenem Tag an bis heute beunruhigt haben, „die Gesetzeslehrer sein wollen und nicht verstehen, weder was sie sagen noch was sie fest behaupten“ (1. Tim 1,7). Sie haben keinen Begriff davon, wie verwerflich ihre Lehre ist vor dem Gott aller Gnade, dem Vater der Barmherzigkeit.

„Die Apostel und die Ältesten versammelten sich, um diese Angelegenheit zu besehen. Als aber viel Wortwechsel entstanden war, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Brüder, ihr wisst, dass Gott vor längerer Zeit mich unter euch auserwählt hat, dass die Nationen durch meinen Mund“, nicht das Gesetz Moses, oder die Beschneidung, sondern „das Wort des Evangeliums hören und glauben sollten. Und Gott, Herzenskenner, gab ihnen Zeugnis, indem er ihnen den Heiligen Geist gab, wie auch uns; und er machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, indem er durch den Glauben ihre Herzen reinigte. Nun denn, was versucht ihr Gott, indem ihr ein Joch auf den Hals der Jünger legt, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?“ Es war nicht die Absicht Gottes, das, was sich als ein unerträgliches Joch für Israel erwiesen hatte, von neuem den Christen aus den Nationen aufzuerlegen. „Sondern“, fügt der Apostel der Beschneidung hinzu, „wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene“ (V. 6–11).

Es ist schön, diese Worte von den Lippen des Apostels der Beschneidung zu vernehmen. Er sagt nicht: „Sie werden in derselben Weise errettet werden wie wir“, sondern: „Wir werden errettet werden wie sie.“ Ein Jude war bereit, von seinem hohen Platz herabzusteigen und ebenso errettet zu werden wie die armen, unbeschnittenen Heiden. Wahrlich, diese Worte mussten mit überwältigender Kraft in die Ohren der Gesetzeslehrer dringen und sie von der Verkehrtheit ihrer Stellung und ihrer Forderungen überzeugen.

„Die ganze Menge aber schwieg und hörte Barnabas und Paulus zu, die erzählten, wie viele Zeichen und Wunder Gott unter den Nationen durch sie getan habe.“ Der Heilige Geist hat es nicht für gut befunden, uns mitzuteilen, was Paulus und Barnabas bei dieser denkwürdigen Gelegenheit gesprochen haben, und wir können auch darin seine Weisheit erkennen. Er gibt offensichtlich Petrus und Jakobus den Vorrang, weil ihre Worte für die Gesetzeslehrer mehr Gewicht haben mussten als die des Apostels der Nationen und seines Gefährten.

„Nachdem sie aber ausgeredet hatten, antwortete Jakobus und sprach: Brüder, hört mich! Simon hat erzählt, wie zuerst Gott darauf gesehen hat, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen. Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein“ – angesichts solcher Beweise mussten selbst die größten Eiferer für das Gesetz verstummen – „wie geschrieben steht“ (V. 12–15).

Somit wurde über diese wichtige Frage durch den Heiligen Geist, die zwölf Apostel und die ganze Versammlung endgültig entschieden. Wir müssen wohl beachten, dass in dieser bedeutenden Versammlung niemand nachdrücklicher und entschiedener sprach als Petrus und Jakobus; Petrus, der Apostel der Beschneidung und Jakobus, der Vertreter der jüdischchristlichen Gemeinde in Jerusalem. Durch seinen Dienst und seine Stellung bekamen seine Worte ein besonderes Gewicht für alle, die noch irgendwie auf jüdischem oder gesetzlichem Boden standen. Das Urteil dieser beiden hervorragenden Männer war klar und eindeutig, nämlich, dass die Bekehrten aus den Nationen nicht beunruhigt oder mit dem Gesetz belastet werden sollten. Sie bewiesen in ihren eindrucksvollen Ansprachen, dass es dem Wort, dem Willen und den Wegen Gottes schnurstracks entgegenlief, die Christen aus den Nationen unter das Gesetz zu stellen.

Die Zehn Gebote

Im weiteren Verlauf unseres Kapitels werden zunächst die zehn Gebote wiederholt. Aber hier begegnen wir verschiedenen charakteristischen Zügen, die wir im zwanzigsten Kapitel des zweiten Buches Mose vergeblich suchen. Dort werden uns lediglich die geschichtlichen Tatsachen mitgeteilt, hier aber ist mit der Geschichte auch ihre Anwendung verbunden. Mose stellt sittliche Beweggründe auf und wendet sich an das Gewissen des Volkes, wie es dort nicht möglich gewesen wäre. Also ist das eine Kapitel nicht eine nutzlose Wiederholung des anderen, wie der Unglaube es so gerne darstellen möchte.

Vergleichen wir zum Beispiel die beiden Kapitel bezüglich des Sabbats. In 2. Mose 20 lesen wir: „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen. Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebte Tag ist Sabbat dem HERRN, deinem Gott: Du sollst keinerlei Werk tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, und dein Vieh, und dein Fremder, der in deinen Toren ist. Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tag; darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn“ (V. 8–11). In dem vorliegenden Kapitel aber heißt es: „Halte den Sabbattag, dass du ihn heiligst, so wie der HERR, dein Gott, dir geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebte Tag ist Sabbat dem HERRN, deinem Gott: Du sollst keinerlei Werk tun, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd, und dein Rind und dein Esel und all dein Vieh, und dein Fremder, der in deinen Toren ist; damit dein Knecht und deine Magd ruhen wie du. Und erinnere dich daran, dass du ein Knecht gewesen bist im Land Ägypten, und dass der HERR, dein Gott, dich mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat; darum hat der HERR, dein Gott, dir geboten, den Sabbattag zu feiern“ (V. 12–15).

Die besondere Stellung des Sabbats

Der Leser wird auf den ersten Blick den Unterschied zwischen diesen beiden Stellen erkennen. In 2. Mose 20 gründet sich das Gebot, den Sabbat zu halten, auf die Schöpfung, hier in unserem Kapitel dagegen auf die Erlösung, ohne irgendeinen Hinweis auf die Schöpfung. Der Unterschied ist, wie auch an früheren Stellen, begründet durch den besonderen Charakter, den jedes der beiden Bücher trägt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Einsetzung des Sabbats völlig auf der unmittelbaren Autorität des Wortes Gottes beruht. Andere Gebote stellen bestimmte sittliche Pflichten vor. Jedermann weiß, dass Töten und Stehlen schlecht ist, aber die Beobachtung des Sabbats würde niemand als eine Pflicht betrachtet haben, wenn sie nicht durch göttliche Autorität deutlich so bezeichnet worden wäre. Das macht die außerordentliche Bedeutung des Sabbats aus. Sowohl in unserem Kapitel als auch in 2. Mose 20 steht er auf gleicher Linie mit all den großen sittlichen Pflichten, die von dem menschlichen Gewissen allgemein anerkannt werden. Und nicht allein das, sondern wir finden in verschiedenen anderen Stellen, dass der Sabbat besonders hervorgehoben und als ein bedeutendes Bindeglied zwischen dem HERRN und Israel dargestellt wird, als ein Siegel des Bundes zwischen ihm und dem Volk und als ein Prüfstein seines Gehorsams dem HERRN gegenüber. Jedermann war imstande, das Böse eines Diebstahls oder eines Mordes zu erkennen, aber nur solche, die den HERRN und sein Wort liebten, die ehrten und liebten auch den Sabbat (vgl. 2. Mose 16,22–30).

Ausschließlich für Israel

Am Schluss von 2. Mose 31 finden wir eine andere bemerkenswerte Stelle, die zeigt, wie wichtig der Sabbat ist und welch ein Interesse er in den Gedanken Gottes hat (vgl. V. 12–17). Diese Stelle beweist eindeutig den unveränderlichen Charakter des Sabbats. Die hier von Gott gebrauchten Ausdrücke: „ein Zeichen zwischen mir und den Kindern Israel auf ewig“, „ein ewiger Bund“, „ein Zeichen auf ewig“, beweisen ausreichend, dass der Sabbat für Israel war und dass er ferner nach den Gedanken Gottes eine bleibende Einrichtung sein sollte. Er wird nachdrücklich ein Zeichen zwischen dem HERRN und seinem Volk Israel genannt. Man findet nicht die geringste Andeutung in der Schrift, dass auch die Nationen den Sabbat halten sollten. Wir werden zwar weiterhin sehen, dass er zugleich ein Vorbild von der Zeit der Wiederherstellung aller Dinge ist, wovon Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten geredet hat, doch das berührt in keiner Weise die Tatsache, dass er eine ausschließlich jüdische Einrichtung ist. Man hat aus 1. Mose 2,2.3 zu beweisen versucht, dass der Sabbat mehr umfassen müsse als nur die jüdische Nation. Doch diese Stelle sagt: „Und Gott hatte am siebten Tag sein Werk vollendet, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, indem er es machte.“

Der Mensch wird hier überhaupt nicht erwähnt. Es wird auch nicht gesagt, dass der Mensch am siebten Tag ruhte. Man kann diesen Schluss vielleicht ziehen, aber die Stelle selbst sagt nichts davon. Wir suchen im ganzen ersten Buch Mose vergeblich nach irgendeinem Hinweis auf den Sabbat. Die erste Erwähnung des Sabbats in Verbindung mit dem Menschen finden wir in der angeführten Stelle in 2. Mose 16. Und diese Stelle zeigt deutlich, dass der Sabbat Israel gegeben wurde als einem Volk, das in Bundesbeziehung zu dem HERRN stand. Dass Israel die Bedeutung des Sabbats nicht verstand und ihn in seinem Wert nicht würdigte, ist ebenso klar. Doch wir reden jetzt davon, was der Sabbat in den Gedanken Gottes war, und Gott sagt uns, dass er ein Zeichen zwischen ihm und seinem Volk Israel sein sollte, ein Prüfstein für ihre sittliche Stellung und für den Zustand ihrer Herzen zu ihm hin. Der Sabbat war nicht nur ein Teil des Gesetzes, der unlösbar damit verbunden war, sondern immer wieder wird auf ihn hingewiesen als auf eine Einrichtung, die einen besonderen Platz in den Gedanken Gottes einnahm (vgl. auch Jes 56,2–7; 58,13.14).

Der Sabbat – unverstanden und entartet

Zum Schluss möchten wir noch auf eine Stelle hinweisen, die mit unserem Gegenstand in Verbindung steht: „Und der HERR redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Die Feste des HERRN, die ihr als heilige Versammlungen ausrufen sollt, meine Feste sind diese: Sechs Tage soll man Arbeit tun; aber am siebten Tag ist ein Sabbat der Ruhe, eine heilige Versammlung; keinerlei Arbeit sollt ihr tun; es ist ein Sabbat dem HERRN in allen euren Wohnsitzen“ (3. Mo 23,1–3).

Hier steht der Sabbat am Anfang der von dem HERRN angeordneten Feste, in denen wir die ganze Geschichte der Handlungen Gottes mit seinem Volk Israel vorgebildet finden. Der Sabbat ist der Ausdruck der ewigen Ruhe Gottes, in die Er nach seinem Vorsatz sein Volk noch einführen wird, wenn alle seine Arbeit und Mühe, seine Prüfungen und Trübsale vorüber sind, ein schönes Vorbild von der gesegneten Sabbatruhe, die für das Volk Gottes übrig bleibt. Auf mancherlei Weise hat Gott diese herrliche Ruhe seinem Volk vorzustellen gesucht. Der siebte Tag, das siebte Jahr, das Jubeljahr, alle diese Sabbatzeiten waren dazu bestimmt, die gesegnete Zeit vorzubilden, in der Israel wieder gesammelt und in sein eigenes, geliebtes Land gebracht sein wird, um den Sabbat der Ruhe zu feiern, wie er nie gefeiert worden ist.

Das bringt uns zu dem zweiten Punkt, zu der Beständigkeit des Sabbats. Ausdrücke wie „immer während“, „ein Zeichen auf ewig“, „bei allen Geschlechtern“, sind nicht auf eine zeitweilige Einrichtung anwendbar. Leider hat Israel nie den Sabbat Gott gemäß gehalten. Das Volk verstand nie seine Bedeutung und Segnung. Es brüstete sich nur damit als einer nationalen Einrichtung und missbrauchte ihn zu seiner Selbsterhebung; aber nie feierte es ihn in Gemeinschaft mit Gott. Wir reden natürlich von der Nation in ihrer Gesamtheit. Ohne Zweifel gab es zu allen Zeiten fromme Juden, die im Verborgenen sich des Sabbats freuten und die Gedanken Gottes darüber verstanden. Aber als Volk hat Israel den Sabbat nie in einer Gott wohlgefälligen Weise gefeiert. Darum ruft auch der Herr dem Volk durch den Mund des Propheten zu: „Bringt keine wertlose Opfergabe mehr! Räucherwerk ist mir ein Gräuel. Neumond und Sabbat, das Berufen von Versammlungen: Frevel und Festversammlung kann ich nicht ertragen“ (Jes 1,13).

Die schöne Einrichtung des Sabbats, den Gott dem Volk als ein Zeichen seines Bundes gegeben hatte, war also in ihren Händen zu einem verabscheuungswürdigen Gräuel geworden. Und wenn wir das Neue Testament öffnen, so finden wir die Obersten und Führer des jüdischen Volkes in fortwährendem Streit mit dem Herrn Jesus über den Sabbat.

In Lukas 6,1–11 gewinnen wir einen tiefen Einblick in die Hohlheit und Wertlosigkeit der Sabbatfeier des Menschen. Die religiösen Pharisäer hätten lieber gesehen, dass die Jünger vor Hunger umgekommen wären, als dass ihr Sabbat verletzt wurde. Es wäre ihnen lieber gewesen, wenn der Mensch seine dürre Hand bis zu seinem Ende getragen hätte, als dass er an ihrem Sabbat geheilt wurde. Ach, es war in der Tat ihr, nicht Gottes Sabbat. Seine Ruhe konnte sich nicht vertragen mit Hunger und dürren Händen. Die Schriftgelehrten verstanden nicht, dass alle gesetzlichen Anordnungen weichen müssen, sobald die göttliche Gnade der menschlichen Not begegnen will. Die Gnade erhebt sich in ihrer Herrlichkeit über alle gesetzlichen Schranken, und der Glaube erfreut sich daran. Äußere Religiosität aber stößt sich an den Handlungen der Gnade und der Unerschrockenheit des Glaubens. Die Pharisäer wussten nicht, dass der Mensch mit der dürren Hand ein Bild von dem sittlichen Zustand des ganzen Volkes war, ein lebendiger Beweis, dass sie von Gott entfernt waren. Wären sie in einem richtigen, Gott wohlgefälligen Zustand gewesen, so hätte es in ihrer Mitte keine dürre Hand zu heilen gegeben. Aber sie waren vollständig von Gott abgewichen, und daher war ihr Sabbat eine leere Form, eine kraftlose Regel.

Ein anderes Beispiel finden wir in Lukas 13,10–16, in der Geschichte der Frau, die „achtzehn Jahre einen Geist der Schwäche hatte“.

Welch ein vernichtender Tadel! Welch eine Bloßstellung der Verderbtheit des ganzen jüdischen Systems! Man beachte nur den auffallenden Gegensatz: ein Sabbat und eine achtzehn Jahre von der grausamen Hand Satans gebundene Tochter Abrahams! Es gibt nichts, was den Geist so verblendet, das Herz so verhärtet und den ganzen Menschen so verdirbt wie eine Religion ohne Christus. Die täuschende und erniedrigende Macht einer solchen Religion kann nur im Licht der Gegenwart Gottes richtig erkannt werden. Was kümmerte den Synagogenvorsteher jene arme Frau? Sie mochte seinetwegen ihr Leben lang krank und ein trauriges Zeugnis von der Macht Satans sein. Er war zufrieden, wann er nur seinen Sabbat halten konnte. Nicht die Macht Satans rief seine Entrüstung hervor, sondern die Macht Christi, die sich in der Befreiung der Frau aus der Gefangenschaft Satans offenbarte. Aber die Antwort des Herrn war passend und niederschmetternd. „Und als er dies sagte, wurden alle seine Widersacher beschämt, und die ganze Volksmenge freute sich über all die herrlichen Dinge, welche durch ihn geschahen“ (Lk 13,17). Welch ein Gegensatz! Auf der einen Seite werden die Verfechter einer wertlosen Religion entlarvt, beschämt und verwirrt, auf der anderen Seite freut sich die Volksmenge über die herrlichen Werke des Sohnes Gottes, der in ihre Mitte gekommen war, um sie zu befreien aus der Verderben bringenden Macht Satans und um ihre Herzen mit Freude über die Erlösung Gottes und ihren Mund mit seinem Preis zu füllen!

Die wichtige Frage bezüglich des Sabbats wird auch in Johannes 5 berührt. Dort wird uns in treffender Weise der damalige Zustand Israels geschildert. Der Teich Bethesda zeigte deutlich das ganze Elend, in das der Mensch allgemein, und insbesondere Israel, versunken war. In seinen fünf Säulenhallen „lag eine Menge Kranker, Blinder, Lahmer, Dürrer, die auf die Bewegung des Wassers warteten“. Eine treffende Darstellung des sittlichen Zustandes des Menschen vom göttlichen Standpunkt aus gesehen! „Blind, lahm und dürr“, das ist der wirkliche Zustand des Menschen.

Unter diesen vielen Kranken lag ein Mensch, so schwach und hilflos, dass selbst das Wasser von Bethesda seinem Elend nicht abhelfen konnte. „Es war aber ein gewisser Mensch dort, der achtunddreißig Jahre mit seiner Krankheit behaftet war. Als Jesus diesen daliegen sah und wusste, dass es schon lange Zeit so mit ihm war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?“ – Welch eine Fülle von Gnade und Macht liegt in dieser Frage! Sie ging weit über die Gedanken des armen Kranken hinaus. Er dachte nur an menschliche Hilfe oder an seine eigene Fähigkeit, in den Teich hinabzusteigen. Er wusste nicht, dass der, der mit ihm sprach, mehr Macht hatte als der Teich mit seiner gelegentlichen Bewegung, dass Er über allem Dienst der Engel, über allen menschlichen Hilfsquellen stand, ja, dass Er alle Macht im Himmel und auf der Erde besaß. Deshalb antwortete er ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, dass er mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich wirft; während ich aber komme, steigt ein anderer vor mir hinab.“

Das ist ein genaues Bild von denen, die ihr Heil in äußeren Einrichtungen und Gebräuchen suchen. Jeder denkt nur an sich und sucht sich so gut wie möglich zu helfen. Keiner denkt an den anderen. Jeder hat mit sich selbst genug zu tun. Wie ganz anders handelt die Gnade: „Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging umher. Es war aber an jenem Tag Sabbat.“

Hier begegnen wir wieder dem Sabbat des Menschen. Es war gewiss nicht Gottes Sabbat. Die Menge der Elenden, die sich in den Hallen von Bethesda drängten, bewies nur zu deutlich, dass Gottes vollkommene Ruhe noch nicht gekommen und das herrliche Gegenbild des Sabbats noch nicht über dieser sündigen Welt angebrochen war. Wenn dieser gesegnete Tag kommt, dann wird es keine Blinden, Lahmen und Dürren mehr unter dem Volk geben. Gottes Sabbat und menschliches Elend sind unvereinbar miteinander.

Der Sabbat war nicht mehr das Zeichen des Bundes zwischen Gott und die Nachkommen Abrahams, wie er es einst gewesen war und in Zukunft sein wird, sondern das Merkmal der Selbstgerechtigkeit des Menschen. „Die Juden nun sagten zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, und es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen … Und darum verfolgten die Juden Jesus und suchten ihn zu töten, weil er dies am Sabbat tat.“ Welch ein Schauspiel! Die religiöse Menge, sogar die Leiter und Führer des bekennenden Volkes Gottes, suchen den Herrn des Sabbats zu töten, weil Er einen Menschen am Sabbat gesund gemacht hatte! Doch was antwortet ihnen der Herr? Seine Worte sind sehr beachtenswert. Er sagt: „Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke“ (Joh 5,10–18). Diese Antwort legt die Wurzel der ganzen Sache bloß. Sie zeigt uns den traurigen Zustand der menschlichen Gesellschaft, stellt uns aber auch das Geheimnis des Lebens und des Dienstes unseres Herrn vor. Er kam nicht in diese Welt, um zu ruhen. Wie konnte Er ruhen? Wie hätte die göttliche Liebe angesichts eines solchen Zustandes der Dinge ruhen können? Unmöglich! Auf dem Schauplatz der Sünde und des Elends kann die Liebe nicht anders als tätig sein. Sobald der Mensch fiel, begann der Vater zu wirken. Dann erschien der Sohn, um das Werk fortzusetzen, und jetzt ist der Heilige Geist wirksam. In einer Welt wie diese ist nicht Ruhe, sondern Wirken die göttliche Ordnung. „Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig“ (Heb 4,9).

Unser Herr ging umher und tat Gutes am Sabbat wie an jedem anderen Tag, und nachdem Er sein Werk der Erlösung vollendet hatte, brachte Er den Sabbat im Grab zu, aus dem Er am ersten Tag der Woche, als der Erstgeborene aus den Toten und als Haupt der neuen Schöpfung, auferstand. In dieser neuen Schöpfung sind alle Dinge von Gott, und wir dürfen wohl hinzufügen, dass auf die neue Schöpfung Begriffe wie „Tage und Monate und Zeiten und Jahre“ nicht angewendet werden können. Wer die Bedeutung des Todes und der Auferstehung Christi versteht, wird die Beobachtung von Tagen nicht anerkennen. Der Tod Christi machte dieser ganzen Ordnung ein Ende, und seine Auferstehung führt uns in einen ganz neuen Bereich ein, wo es unser großes Vorrecht ist, in dem Licht und der Macht der ewigen Wirklichkeiten zu leben, die in Christus Jesus unser sind und die in krassem Gegensatz stehen zu den abergläubischen Gebräuchen und Zeremonien einer fleischlichen und weltlichen Religiosität.

Der Sabbat und das Christentum

Wir kommen jetzt zu einem anderen höchst interessanten Punkt, der mit diesem Gegenstand in Verbindung steht, nämlich zu dem Unterschied zwischen dem Sabbat und dem Tag des Herrn oder dem ersten Tag der Woche.

Es ist bereits erwähnt worden, dass unser Herr den Sabbat im Grab zubrachte. Das ist eine bedeutungsvolle Tatsache. Sie zeigt, dass der alte Zustand der Dinge beseitigt und dass es unmöglich ist, in einer Welt der Sünde und des Todes einen Sabbat zu halten. Die Liebe konnte in einer solchen Welt nicht ruhen. Sie konnte nur wirken und sterben. Das ist die Überschrift über der Gruft, in der der Herr des Sabbats begraben lag.

Aber was bedeutet der erste Tag der Woche? Ist er nicht der Sabbat auf einer neuen Grundlage, der christliche Sabbat? Im Neuen Testament wird er nie genannt. In der Apostelgeschichte werden diese beiden Tage deutlich unterschieden. Am Sabbat finden wir die Juden in ihren Synagogen versammelt, um das Gesetz und die Propheten zu lesen, und am ersten Tag der Woche die Christen zum Brechen des Brotes. Diese beiden Dinge sind so klar voneinander unterschieden wie Judentum und Christentum. Die Schrift bietet nicht den geringsten Anlass zu dem Gedanken, dass der Sabbat auf den ersten Tag der Woche verlegt worden sei. Der Sabbat ist nicht bloß irgendein siebter, sondern der siebte Tag. Das ist wohl zu beachten, da manche meinen, es sei im Alten Bund eben nur ein Siebtel der Zeit zur leiblichen Ruhe und zur öffentlichen Ausübung der religiösen Satzungen vorgesehen worden, und es tue gar nichts zur Sache, welchen Tag man dazu benutze. Wir brauchen nicht zu sagen, dass dies verkehrt ist. Der Sabbat im Paradies war der siebte Tag, und der Sabbat für Israel war ebenfalls der siebte Tag. Aber der achte Tag lenkt unsere Gedanken vorwärts in die Ewigkeit, und im Neuen Testament wird er „der erste Tag der Woche“ genannt, um den Anfang jener neuen Ordnung der Dinge zu bezeichnen, von der das Kreuz die Grundlage und der auferstandene Christus das verherrlichte Haupt ist. Diesen Tag etwa den „christlichen Sabbat“ zu nennen, heißt, irdische und himmlische Dinge miteinander zu vermengen, den Christen aus seiner erhabenen Stellung, als vereinigt mit einem auferstandenen und verherrlichten Haupt in den Himmeln, herabzuziehen und ihn mit der abergläubischen Beobachtung von Tagen zu beschäftigen, einer Sache, die der Apostel an den Galatern so ernst rügt.

Die Versammlung, obwohl auf der Erde, ist nicht von dieser Welt, wie auch Christus nicht von dieser Welt ist. Ihr Ursprung ist himmlisch; und darum sind auch ihr Charakter, ihre Grundsätze, ihr Wandel und ihre Hoffnung himmlisch. Sie steht gleichsam zwischen dem Kreuz und der Herrlichkeit. Die beiden Eckpunkte ihres Bestehens auf der Erde sind der Pfingsttag, an dem der Heilige Geist herniederkam und sie bildete, und die Ankunft des Herrn, um sie aufzunehmen.

Alles das ist im Wort Gottes klar und verständlich dargestellt. Jeder Versuch, der Versammlung Gottes die gesetzliche oder abergläubische Beachtung von „Tagen und Monaten und Zeiten und Jahren“ vorzuschreiben, ist eine Verfälschung der christlichen Stellung, ein Angriff auf die Vollständigkeit der göttlichen Offenbarung und eine Beraubung des Christen, denn dadurch werden ihm der Platz und das Teil genommen, die ihm durch die unendliche Gnade Gottes und das vollbrachte Werk Jesu Christi gehören. Dass dieses Urteil nicht zu hart und zu streng ist, beweist die bekannte Stelle aus Kolosser 2,16–23, die mit unauslöschlicher Schrift in unser aller Herzen eingegraben sein sollte.

Das Verständnis dieser Schriftstelle wirft nicht nur Licht auf den Charakter des Sabbats, sondern auch auf das ganze System, das damit zusammenhängt. Wenn ein Christ seine Stellung wirklich versteht, so ist er für immer fertig mit allen Fragen über Speise und Trank, Tage und Monate, Zeiten und Jahre. Er weiß nichts von besonderen Zeiten und Orten. Er ist mit Christus den Elementen der Welt gestorben und deshalb befreit von allen Satzungen einer überlieferten Religion. Er gehört zum Himmel, wo von Neumonden, besonderen Tagen und Sabbaten keine Rede mehr ist. Er gehört der neuen Schöpfung an, in der alle Dinge von Gott sind. Worte wie: „berühre nicht, koste nicht, betaste nicht“ haben für ihn keine Bedeutung mehr. Für uns gilt vielmehr: „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit. Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind“ (Kol 3,1–5).

Das ist wirkliches, lebendiges Christentum. Das christliche Leben besteht nicht im Halten gewisser Regeln, Gebote und Überlieferungen der Menschen, sondern darin, dass Christus im Herzen wohnt und im täglichen Leben gesehen wird durch die Kraft des Heiligen Geistes. Es ist der neue Mensch, der gebildet ist nach dem Vorbild Christi selbst und der sich in den kleinen Dingen des täglichen Lebens offenbart, in der Familie, im Beruf, in unserem Umgang mit anderen und in unserem Wesen, in unserer Unterhaltung und unseren Verhaltensweisen. Es ist nicht eine Sache bloßen Bekenntnisses oder wechselnder Meinungen und Gefühle. Es ist eine unveränderliche, lebendige Wirklichkeit. Es ist gleichsam das in dem Herzen aufgerichtete Reich Gottes, das seinen belebenden und gesegneten Einfluss ausübt auf unser ganzes Wesen und Denken sowie auf die Umwelt, in der wir uns täglich bewegen müssen. Es ist der Christ, der in den Fußstapfen Christi geht, der nicht für sich selbst, sondern für andere lebt, dessen Freude es ist, zu dienen, zu geben und Mitgefühl zu zeigen und Trost zu bringen, wo immer es nötig ist.

Der Sabbat und der Tag des Herrn

Bevor wir nun diesen interessanten Gegenstand verlassen, wollen wir noch einige Worte über den Platz sagen, den der Tag des Herrn oder der erste Tag der Woche im Neuen Testament einnimmt. Wenn er auch nichts mit dem Sabbat, besonderen Tagen und Neumonden zu tun hat, so nimmt er doch einen bedeutenden Platz im Christentum ein, was viele Stellen in den Schriften des Neuen Testaments beweisen.

An diesem Tag ist unser Herr aus den Toten auferstanden. An diesem Tag erschien Er wiederholt seinen Jüngern. An diesem Tag kamen der Apostel Paulus und die Brüder in Troas zusammen, um das Brot zu brechen (Apg 20,7). Der Apostel belehrt die Korinther und alle, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, dass sie an jedem ersten Wochentag etwas für die Kollekte zurücklegen sollen, und zeigt uns somit deutlich, dass der erste Tag der Woche der besondere Tag war, an dem das Volk des Herrn sich versammelte, um das Abendmahl des Herrn zu feiern, und dass die Anbetung, die Gemeinschaft und der Dienst zur Auferbauung mit diesem Tag in Verbindung stehen. Der Apostel Johannes sagt uns ausdrücklich, dass er an diesem Tag im Geist war und die wunderbare Offenbarung empfing, die den Schluss des göttlichen Buches bildet.

Der erste Tag der Woche ist also für den wahren Christen weder der jüdische Sabbat noch der heidnische Sonntag, sondern der Tag des Herrn, an dem sich sein Volk dankbar an seinem Tisch versammelt, um das bedeutsame Fest zu feiern, durch das sie seinen Tod verkünden, bis Er kommt. Mit dem ersten Tag der Woche ist nicht eine Spur gesetzlicher Knechtschaft verbunden. Wir haben kein ausdrückliches Gebot, das uns die Beachtung dieses Tages zur Pflicht macht; aber die oben angeführten Schriftstellen werden jeden geistlich gesinnten Christen überzeugen, und die göttliche Natur wird ihn anleiten, den Tag des Herrn zu lieben, zu ehren und ihn von den übrigen Tagen zu unterscheiden, weil er zur Anbetung und zur eigenen Auferbauung bestimmt ist. Kann jemand bekennen, Christus zu lieben und dabei den Tag des Herrn zu allerlei unnötigen Geschäften und Verrichtungen benutzen? Wir halten es für ein besonderes Vorrecht, uns so viel wie möglich von den Zerstreuungen der alltäglichen und irdischen Dinge zurückzuziehen und die Stunden am Tag des Herrn ihm selbst und seinem Dienst zu weihen.

Jemand könnte einwenden, dass der Christ doch jeden Tag dem Herrn weihen solle. Das ist sicher wahr, denn wir gehören dem Herrn, ja, alles, was wir haben und sind, gehört ihm. Wir sind berufen, alles in seinem Namen und zu seiner Verherrlichung zu tun. Wir sollten die ganze Woche hindurch nichts anfangen, wozu wir nicht den Segen des Herrn erflehen könnten. Trotzdem aber werden wir im Neuen Testament belehrt, dass der Tag des Herrn einen besonderen Platz einnimmt und dass er eine Bedeutung hat, die auf keinen anderen Tag der Woche übertragen werden kann. Wir halten es daher für unsere heilige Pflicht, uns am Tag des Herrn von allen Beschäftigungen zurückzuziehen, soweit sie nicht unvermeidlich sind, und wir dürfen es gewiss mit Dank gegen Gott anerkennen, dass der Tag des Herrn schon durch menschliche Gesetze angeordnet wird.

Welch ein Geschenk ist der Tag des Herrn, an dem wir uns gänzlich von weltlichen Dingen abwenden können! Welch eine gesegnete Unterbrechung der mühsamen Beschäftigungen der Woche! Wie erfrischend sind die ruhigen Stunden für ein geistliches Gemüt! Wie erhaben die Versammlung um den Tisch des Herrn zu seinem Gedächtnis, um seinen Tod zu verkünden und ihm Preis und Anbetung darzubringen! Wie erfreulich sind die verschiedenen Dienste am Tag des Herrn, seien es die der Evangelisten, der Hirten, der Lehrer, der Sonntagschulhalter oder der Kolporteure! Wer ermisst, wie groß Wert und Nutzen dieser Dienste sind? Der Tag des Herrn ist für seine Diener mehr als ein Tag körperlicher Ruhe. Er ist in Wirklichkeit oft anstrengender als jeder andere Tag der Woche. Aber es ist eine gesegnete Anstrengung, die ihren herrlichen Lohn empfangen wird in der Ruhe, die dem Volk Gottes noch bleibt.

Abschließend sei noch einem Einwand begegnet, den man heute oft hört: „Da wir nicht mehr unter Gesetz sind, so besteht auch keine Verpflichtung für uns, den Sonntag zu halten.“ Eine große Menge bekennender Christen nimmt diesen Standpunkt ein und verteidigt ihre Sonntagsvergnügungen als erlaubte Erholungen. Man will das Gesetz beseitigen, um sich Freiheiten zur Befriedigung des Fleisches zu verschaffen. Man versteht nicht, dass der einzige Weg zur Befreiung vom Gesetz darin besteht, dass man ihm gestorben ist, und wenn man dem Gesetz gestorben ist, muss man auch zwangsläufig der Sünde und der Welt gestorben sein. Der Christ ist, Gott sei Dank, frei vom Gesetz, aber nicht, um sich am Tag des Herrn oder an einem anderen Tag zu vergnügen und sich selbst zu befriedigen, sondern um Gott zu leben. „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“ (Gal 2,19). Das ist die christliche Grundlage. Auf dieser Grundlage stehen nur die, die aus Gott geboren sind. Und doch sind die Völker und auch der Einzelne so weit verantwortlich, wie ihr Bekenntnis geht. Die Völker, die das christliche Bekenntnis tragen, werden nicht nach dem Zeugnis, das durch die Schöpfung vorhanden ist, oder nach dem Gesetz gerichtet werden, sondern nach dem vollen Licht des Christentums, nach all den Wahrheiten, die in dem gesegneten Buch, der Bibel, enthalten sind. Die Heiden werden entsprechend dem Zeugnis von Gott durch die Schöpfung, die Juden aufgrund des Gesetzes, und die Namenschristen aufgrund der christlichen Wahrheiten gerichtet werden.

Das macht die Verantwortung aller bekennenden christlichen Völker sehr groß. Gott wird entsprechend ihrem Bekenntnis mit ihnen handeln. Es nützt nichts, zu sagen, dass sie nicht verstehen, was sie bekennen.

Warum bekennen sie denn, was sie nicht verstehen noch glauben? Tatsache ist, dass sie bekennen zu verstehen und zu glauben, und danach werden sie gerichtet werden. Wie ernst ist der Gedanke, nach dem Maßstab des Wortes Gottes gerichtet zu werden! Welch ein Gericht wird sie treffen! Was wird ihr Ende sein!

Ein Herz, um Gott zu fürchten

Wir wollen noch kurz auf die Schlussverse des fünften Kapitels eingehen. Nachdem Mose dem Volk noch einmal die zehn Gebote vorgestellt hat, fährt er fort, sie an die Begleitumstände der Gesetzgebung sowie an ihre eigenen Empfindungen und Äußerungen bei dieser Gelegenheit zu erinnern (V. 22–33).

Der Hauptgrundsatz des fünften Buches Mose erscheint hier wieder in sehr schönem Glanz. Er ist eingekleidet in zu Herzen gehende Worte, die den Kern dieser Stelle bilden: „Möchte doch dieses ihr Herz ihnen bleiben: mich allezeit zu fürchten und alle meine Gebote zu halten, damit es ihnen und ihren Kindern wohl ergehe auf ewig!“ (V. 29).

Welche Worte! Sie zeigen uns, dass die Quelle des Lebens in einfältigem, unbedingtem Gehorsam besteht. Dieses Leben sollen wir als Christen täglich offenbaren, indem wir den Herrn fürchten, nicht in einem knechtischen Geist, sondern mit wahrer, anbetender Liebe, die der Heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen hat. Ein solches Leben erfüllt das Herz unseres liebenden Vaters mit Freude. Sein Wort an uns ist: „Gib mir, mein Sohn, dein Herz!“ (Spr 23,26). Haben wir ihm unser Herz gegeben, so folgt alles andere von selbst. Ein Mensch, der Gott liebt, wird gerne alle Gebote Gottes beobachten und tun. Nichts hat Wert für Gott, was nicht aus der Liebe zu ihm entspringt. Das Herz ist der Ausgangspunkt des Lebens. Wird es von der Liebe Gottes regiert, so wird sich das in der Befolgung seiner Gebote äußern. Wir lieben seine Gebote, weil wir ihn lieben. Jedes Wort Gottes ist wertvoll für ein Herz, das ihn liebt. Jeder Befehl, jede Satzung, jedes Urteil, mit einem Wort, sein ganzes Gesetz wird geliebt und geehrt, weil sein Name und seine Autorität damit verbunden sind.

In Psalm 119 finden wir sehr schöne Erläuterungen hierfür und zugleich das ermunternde Beispiel eines Menschen, der seine tiefe und bleibende Freude an dem Gesetz gefunden hat. Genau hundertsechsundsiebzig Aussprüche über das Wort und das Gesetz finden wir in diesem wunderbaren Psalm. Einige davon lauten:

„In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige.“ „An dem Weg deiner Zeugnisse habe ich mich erfreut wie über allen Reichtum.“ „Über deine Vorschriften will ich sinnen und achthaben auf deine Pfade.“ „An deinen Satzungen habe ich meine Wonne; dein Wort werde ich nicht vergessen.“ „Zermalmt ist meine Seele vor Verlangen nach deinen Rechten zu aller Zeit.“ „Ich halte an deinen Zeugnissen fest.“ „Siehe, ich verlange nach deinen Vorschriften.“ „Ich harre auf deine Rechte.“ „Ich vertraue auf dein Wort.“ „Ich werde meine Wonne haben an deinen Geboten, die ich liebe.“ „Deine Satzungen sind meine Gesänge gewesen im Haus meiner Fremdlingschaft.“ „Besser ist mir das Gesetz deines Mundes als Tausende von Gold und Silber.“ „Ich habe auf dein Wort geharrt.“ „Dein Gesetz ist meine Wonne.“ „Alle deine Gebote sind Treue.“ „In Ewigkeit, HERR, steht dein Wort fest in den Himmeln.“ „Auf ewig werde ich deine Vorschriften nicht vergessen.“ „Wie liebe ich dein Gesetz! Es ist mein Sinnen den ganzen Tag.“ „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig meinem Mund!“ „Deine Zeugnisse habe ich mir als Erbteil genommen auf ewig, denn sie sind die Freude meines Herzens.“ „Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und gediegenes Gold.“ „Darum halte ich alle deine Vorschriften für recht.“ „Wunderbar sind deine Zeugnisse.“ „Ich habe meinen Mund weit aufgetan und gelechzt, denn ich habe verlangt nach deinen Geboten.“ „Wohlgeläutert ist dein Wort.“ „Gerechtigkeit sind deine Zeugnisse ewiglich.“ „Wohlgeläutert ist dein Wort.“ „Gerechtigkeit sind deine Zeugnisse auf ewig.“ – „Alle deine Gebote sind Wahrheit.“ „Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und alles Recht deiner Gerechtigkeit währt ewig.“ „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute findet.“ „Großen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben.“ „Meine Seele hat deine Zeugnisse bewahrt, und ich liebe sie sehr.“

Wie bedeutend ist das alles für uns! Wie belebend und ermutigend ist es zu sehen, wie der Herr selbst zu jeder Zeit sich auf die Schrift stützte, welchen Platz Er ihr gab und mit welcher Würde Er sie zitierte! Bei jeder Gelegenheit berief Er sich auf das Wort als auf eine göttliche Autorität, die alles entscheidet. Obgleich Er Gott war über alles, obgleich Er selbst das göttliche Buch gegeben hatte, nahm Er doch auf der Erde seinen Platz als Mensch ein und zeigte unzweideutig, dass es die Pflicht und das Vorrecht des Menschen ist, durch das Wort Gottes zu leben und sich in Ehrfurcht unter seine göttliche Autorität zu beugen.

Zugleich finden wir hier eine befriedigende Antwort auf die oft aufgeworfene Frage des Unglaubens: „Wie können wir wissen, dass die Bibel Gottes Wort ist?“ Alle, die an Christus glauben und bekennen, dass Er der Sohn Gottes ist, Gott offenbart im Fleisch, das heißt wahrer Gott und wahrer Mensch, werden tief beeindruckt davon sein, dass diese göttliche Person sich beständig auf die Schriften, auf Mose, auf die Propheten und die Psalmen berief. Er erkannte sie als das Wort Gottes an. Als Gott gab Er die Schriften, als Mensch empfing Er sie, lebte durch sie und erkannte ihre höchste Autorität in allen Dingen an. Welch eine niederschmetternde Tatsache ist das für die bekennende Christenheit und vor allem für die christlichen Theologen und Schriftsteller, die sich anmaßen, die große Grundwahrheit von der Inspiration der Heiligen Schrift und besonders der fünf Bücher Moses zu leugnen! Wie furchtbar ist der Gedanke, dass solche, die sich Lehrer der Versammlung Gottes nennen, nicht davor zurückschrecken, Schriften als unecht zu bezeichnen, die unser Herr und Meister selbst als göttlich anerkannte.

Wird die Welt sich bekehren?

Wohin ist die Christenheit gekommen! Und ach, das Zeugnis der Heiligen Schrift von Anfang bis zu Ende, Propheten und Apostel, beweisen einstimmig, dass der gegenwärtige Zustand sich nicht etwa allmählich bessern, sondern immer trauriger und schlechter werden wird, und dass, bevor die Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches die Erde erfreuen kann, das Schwert des Gerichts sein schreckliches Werk tun muss.

Damit soll nicht gesagt sein, dass wir dem Guten die Anerkennung versagen, das geschehen ist und noch geschieht. Wir danken Gott für jedes noch so kleine Werk. Wir freuen uns über jede Bemühung zur Ausbreitung des herrlichen Evangeliums der Gnade Gottes; wir danken für jede Seele, die der Gemeinschaft der Erlösten Gottes zugeführt wird. Wir freuen uns über die vielen Millionen Bibeln, die über die ganze Erde verbreitet sind. Wer könnte die segensreichen Folgen der Verbreitung des göttlichen Buches ausdenken? Aber trotzdem wird sich die Welt durch die Mittel, die heute angewandt werden, nicht bekehren. Die Schrift sagt uns, dass dann, wenn die Gerichte Gottes die Erde treffen, die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit lernen (Jes 26,9). Nicht durch Gnade, sondern durch Gericht wird das geschehen.

Aber was ist dann der Zweck des Evangeliums? Wozu wird es gepredigt, wenn nicht zur Bekehrung der Welt? Der Apostel Jakobus gibt in seiner Rede vor dem Konzil in Jerusalem eine eindeutige Antwort auf diese Frage. Er sagt: „Simon hat erzählt, wie zuerst Gott darauf gesehen hat, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen“, nicht aber, um die Nationen zu bekehren. Das führt uns den großen Zweck aller Missionsarbeit vor Augen, den jeder Missionar bei seiner Tätigkeit stets verfolgen sollte: „aus ihnen (den Nationen) ein Volk zu nehmen für seinen Namen“ (Apg 15).

Es ist völlig klar, dass die Apostel unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, als sie an die Arbeit gingen, nicht daran dachten, die Welt zu bekehren. „Geht hin in die ganze Welt und predigt der ganzen Schöpfung das Evangelium. Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,15). Die Welt war also das Wirkungsfeld der Zwölf. Ihre Botschaft war bestimmt für die ganze Schöpfung, konnte aber nur auf den angewendet werden, der glaubt. Es war eine ganz persönliche Sache. Die Zwölf hatten nicht den Auftrag, die Welt zu bekehren. Erst dann, wenn durch die Predigt des Evangeliums ein Volk für den Himmel gesammelt und dorthin versetzt ist, wird nach schrecklichen Gerichten die Zeit kommen, wo die „Erde voll sein wird der Erkenntnis des HERRN2. Am Pfingsttag kam der Heilige Geist vom Himmel hernieder, nicht um die Welt zu bekehren, sondern um sie zu „überführen“ von ihrer Schuld an der Verwerfung des Sohnes Gottes. Seine Gegenwart bewirkte die Überführung der Welt, und der wichtigste Zweck seines Kommens war es, einen Leib von Gläubigen aus den Juden und aus den Heiden zu bilden. Das war das Geheimnis, dessen Diener Paulus wurde und das er in solch gesegneter Weise im Epheserbrief entfaltet hat. Es ist unmöglich, diese Wahrheit zu kennen und trotzdem festzuhalten, dass die Bekehrung der Welt und die Bildung des Leibes Christi zu gleicher Zeit stattfinden können.

Was der besondere Gegenstand im Dienst des Apostels Paulus war, zeigen uns Schriftstellen wie Epheser 3,1–10 und Kolosser 1,23–29. Der Gedanke an eine Bekehrung der Welt kam ihm sicherlich nie in den Sinn. Er predigte das Evangelium in seiner ganzen Tiefe und Kraft „von Jerusalem an und ringsumher bis nach Illyrikum“; er verkündigte „unter den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus“, aber nie mit der Absicht, die Welt zu bekehren. Er wusste und lehrte, dass die Welt schnell dem Gericht entgegenreift, dass „böse Menschen und Gaukler im Bösen fortschreiten werden“ und „dass in späteren Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden, indem sie achten auf betrügerische Geister und Lehren von Dämonen, durch die Heuchelei von Lügenrednern, die betreffs des eigenen Gewissens wie mit einem Brenneisen gehärtet sind“ (1. Tim 4,1–3). Ferner lehrt dieser treue und göttlich inspirierte Zeuge, dass „in den letzten Tagen“, das heißt unmittelbar vor der Ankunft des Herrn, „schwere Zeiten eintreten werden; denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,1–5).

Welch ein Bild! Es erinnert uns an den Schluss von Römer 1, wo wir eine ähnliche Schilderung finden, nur mit dem Unterschied, dass dort die Gräuel des Heidentums aufgezeichnet sind, während es sich hier nicht um das Heidentum, sondern um das Namenschristentum, um „eine Form der Gottseligkeit“ handelt. Das ist also das Ende der Christenheit! Das ist die bekehrte Welt, von der man so viel redet! Ach, es gibt falsche Propheten rings um uns her. Sie rufen „Friede! Friede!“, und da ist doch kein Friede. Sie versuchen, die verfallenen Mauern des Christentums zu übertünchen. Aber all ihr Bemühen ist umsonst, all ihre Arbeit vergeblich. Das Gericht steht vor der Tür. Die bekennende Christenheit hat schrecklich gefehlt. Sie ist in trauriger Weise abgewichen von dem Wort Gottes und hat sich empört gegen die Autorität ihres Herrn. Es gibt auch nicht einen einzigen Hoffnungsstrahl für die bekennende Christenheit. Der Apostel Paulus sagt uns, dass das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ schon zu seiner Zeit wirksam war. Es ist also jetzt schon mehr als neunzehnhundert Jahre wirksam. „Nur ist jetzt der da, der zurückhält, bis er aus dem Weg ist, und dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft, ihn, dessen Ankunft nach der Wirksamkeit des Satans ist, in aller Macht und allen Zeiten und Wundern der Lüge und in allem Betrug der Ungerechtigkeit denen, die verloren gehen, darum dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, damit sie errettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit“ (2. Thes 2,7–12).

Welch ein schreckliches Los! Und alles das angesichts der Träume falscher Propheten, die den Zustand der Dinge schön und glänzend darzustellen suchen. Ja, gepriesen sei Gott, es gibt Herrliches für alle, die Christus angehören! Ihnen ruft der Apostel die ermunternden Worte zu: „Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus“ (2. Thes 2,13.14).

Hier haben wir die herrliche und glückselige Hoffnung der Kinder Gottes, den „glänzenden Morgenstern“ zu sehen. Auf dieses Ereignis warten alle Christen, die im Wort Gottes unterwiesen sind. Sie warten nicht auf eine verbesserte oder bekehrte Welt, sondern auf ihren kommenden Herrn und Heiland, der hingegangen ist, eine Stätte für sie in dem Haus seines Vaters zu bereiten, von woher Er wiederkommen wird, um sie zu sich zu nehmen, damit, wo Er ist, auch sie seien. Das ist seine eigene Verheißung, die jeden Augenblick in Erfüllung gehen kann. Er verzieht nur, wie Petrus sagt, in langmütiger Gnade, da Er nicht will, dass jemand verloren gehe, sondern dass alle zur Buße kommen. Aber wenn durch den Heiligen Geist dem Leib Christi das letzte Glied hinzugefügt ist, so wird die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, und alle Erlösten werden ihrem herniederkommenden Herrn begegnen „in der Luft“, um allezeit bei ihm zu sein.

Fußnoten

  • 1 Wir haben wiederholt bemerkt, dass sich im Neuen Testament nichts von einer menschlichen Anweisung findet, das Evangelium zu predigen, die Versammlung Gottes zu belehren oder die Herde Christi zu weiden. Die Ältesten wurden durch die Apostel oder deren Stellvertreter, Timotheus und Titus, eingesetzt, die Diakonen von den einzelnen Versammlungen gewählt; aber Evangelisten, Hirten und Lehrer sind nie gewählt oder eingesetzt worden. Wir müssen zwischen einer Gnadengabe und der Übertragung eines örtlichen Dienstes unterscheiden. Älteste und Diakonen konnten eine besondere Gabe besitzen oder nicht, aber das hatte nichts mit ihrem örtlichen Dienst zu tun. Zum besseren Verständnis dieses Gegenstandes verweisen wir den Leser auf 1. Korinther 12–14 und Epheser 4,8–13. In der ersten Stelle finden wir die Grundlage alles wahren Dienstes in der Versammlung Gottes, nämlich die göttliche Anordnung: „Gott hat die Glieder gesetzt“ (Kap. 12,18), dann den Beweggrund zu diesem Dienst: „Liebe“ (Kap.13), und endlich den Zweck: „damit die Versammlung erbaut werde“ (14,5). Aus Epheser 4,12.13 ersehen wir die Quelle alles Dienstes; den auferstandenen und aufgefahrenen Herrn, die Absicht: „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes“, die Dauer: „bis wir alle hingelangen … zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“. Mit einem Wort, der Dienst in all seinen Einzelheiten ist eine ausschließlich göttliche Einrichtung. Er ist nicht von Menschen, noch durch Menschen, sondern von Gott. Der Meister muss in jedem Fall die Gefäße füllen und ausrüsten. Die Behauptung, dass jedermann ein Recht habe, in der Versammlung Gottes zu dienen, entbehrt jeder Grundlage in der Schrift. Eine solche Freiheit des Menschen ist den Gedanken Gottes zuwider. Freiheit des Heiligen Geistes, zu gebrauchen, wen Er will, das ist es, was uns im Neuen Testament gelehrt wird. Möchten wir das lernen.
  • 2 Wir bitten den Leser, aufmerksam den 67. Psalm zu lesen. Er beweist neben vielen anderen Schriftstellen, dass die Segnung der Nationen erst auf die Wiederherstellung Israels folgt. „Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse sein Angesicht über uns leuchten, damit man auf der Erde deinen Weg erkenne, unter allen Nationen deine Rettung! … Gott wird uns segnen, und alle Enden der Erde werden ihn fürchten.“ Gibt es einen schöneren und zugleich kräftigeren Beweis dafür, dass nicht die Versammlung, sondern Israel zur Segnung der Nationen benutzt werden wird?
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