Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Ermahnungen Moses an das Volk

Betrachtungen über das fünfte Buch Mose

Satzungen und Rechte

„Und nun, Israel, höre auf die Satzungen und auf die Rechte, die ich euch zu tun lehre, damit ihr lebt und hineinkommt und das Land in Besitz nehmt, das der HERR, der Gott eurer Väter, euch gibt“ (V. 1).

In diesem Vers sehen wir den besonderen Charakter des fünften Buches Mose sehr deutlich. „Hört“ – und „tut“, damit ihr „lebt“ und „besitzt“. Dieser Grundsatz ist immer gültig, ob damals für Israel oder heute für uns. Der Weg des Lebens besteht in einfältigem Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes. Gott hat uns sein Wort nicht gegeben, um darüber zu spekulieren oder zu streiten, sondern um ihm zu gehorchen. Und insoweit wir den Geboten und Anordnungen unseres Vaters aufrichtig gehorchen, gehen wir auf dem hellen Weg des Lebens und genießen alles, was Gott in Christus für uns bereitet hat. „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren“ (Joh 14,21).

Es ist jedoch ein großer Irrtum, anzunehmen, dass sich alle Gläubigen wirklich über dieses Vorrecht freuen. Nur wer gehorsam ist, genießt es. Zwar könnten es alle genießen; aber nicht alle sind gehorsam. Zwischen einem Kind und einem gehorsamen Kind ist ein großer Unterschied. Ebenso ist es etwas ganz anderes, den Heiland zu lieben und seine Freude im Beachten seiner Gebote zu finden, als sich nur der Errettung bewusst zu sein.

Die Bestätigung hiervon können wir täglich in unserem Familienleben finden. Da sind zum Beispiel zwei Söhne. Der eine denkt nur daran, sich selbst zu gefallen und seine Wünsche zu erfüllen. Er fühlt sich nicht wohl in der Nähe seines Vaters und bemüht sich auch nicht, den Wünschen seines Vaters nachzukommen. Er kennt kaum etwas von den Gedanken und Plänen seines Vaters, oder sie sind ihm völlig gleichgültig. Dagegen nimmt er Kleider, Bücher und Geld an, kurz alles, was sein Vater ihm gibt, aber er bemüht sich nicht im Geringsten, durch eine Aufmerksamkeit seinen Vater zu erfreuen. Der andere Sohn ist das genaue Gegenteil. Er findet seine Freude daran, in der Nähe seines Vaters zu sein. Er liebt seinen Vater und die Unterhaltung mit ihm. Er benutzt jede Gelegenheit, die Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihn zu erfreuen. Er liebt seinen Vater nicht um der Geschenke willen, sondern um seiner selbst willen.

Es ist leicht zu verstehen, dass die Empfindungen des Vaters zu diesen beiden Söhnen nicht dieselben sind. Zwar sind beide seine Söhne, und er liebt deshalb beide. Aber außer der verwandtschaftlichen Liebe zu beiden gibt es noch eine besondere Freude an einem gehorsamen Kind. Ein Vater kann an dem eigenwilligen, egoistischen und leichtsinnigen Leben seines Sohnes unmöglich Freude haben. Er wird in mancher schlaflosen Nacht an ihn denken und für ihn beten, er wird bereit sein, alles für ihn zu tun, aber er hat kein Vertrauen zu ihm, kann sich ihm nicht öffnen und ihm auch nicht seine Gedanken mitteilen.

Allein auf dem Weg des Gehorsams können wir unserem himmlischen Vater und unserem Herrn Jesus Christus Freude bereiten. Der Gehorsam ist Gott wohlgefällig, „und seine Gebote sind nicht schwer“ (1. Joh 5,3). In seiner Gnade will der Herr sich demjenigen offenbaren und bei ihm wohnen, der sein Wort hält. Der Herr selbst sagt das auf die Frage des Judas. „Judas, nicht der Iskariot, spricht zu ihm: Herr, und was ist geschehen, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,22.23).

Hier wird deutlich, dass es sich nicht um den Unterschied zwischen der „Welt“ und „uns“ handelt, denn die Welt kennt weder dieses Verhältnis noch den Gehorsam. Sie wird deshalb in der Antwort des Herrn gar nicht berücksichtigt. Die Welt hasst Christus, weil sie ihn nicht kennt.

Ihre Sprache ist: „Weg mit diesem!“ (Lk 23,18). „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche!“ (Lk 19,14). So ist die Welt, wenn auch verfeinert durch Bildung und Sitte und sogar übergoldet mit dem Bekenntnis des Christentums. Unter all dem Glanz und dem Gold hegt sie heute noch denselben Hass gegen die Person und die Autorität unseres Herrn Jesus wie damals. Zwar hat sie ihrer Religion seinen heiligen Namen aufgeprägt, aber hinter dem Gewand des religiösen Bekenntnisses lauert ein Herz voll Feindschaft gegen Gott und seinen Christus.

Gesetz und Gnade

Doch der Herr spricht in obiger Stelle von der Welt. Er ist getrennt von ihr, „bei den Kindern Gottes“, und von ihnen spricht er. Würde Er sich der Welt offenbaren, so hätte das nur Gericht und ewige Zerstörung zur Folge. Aber Er offenbart sich den Seinen, die seine Gebote haben und sie halten, die ihn lieben und sein Wort bewahren. Selbstverständlich denkt der Herr, wenn Er von seinen Geboten und seinen Worten redet, nicht an die zehn Gebote oder das Gesetz Moses. Das Gesetz Moses mit den Geboten Christi zu verwechseln, bedeutet Judentum und Christentum, Gesetz und Evangelium miteinander zu vermischen und alles zu verwirren.

Manche lassen sich durch den Wortlaut irreleiten und glauben, wenn sie dem Wort „Gebote“ begegnen, müssten sie notwendig das Gesetz Moses darunter verstehen. Das ist aber ein Irrtum. Die ersten acht Kapitel des Römerbriefs und der ganze Galaterbrief belehren uns klar und unzweideutig, dass der Christ in keiner Weise unter Gesetz ist, weder um das Leben zu erlangen noch die Gerechtigkeit, weder in Bezug auf die Heiligkeit noch auf den Wandel oder irgendetwas anderes. Die Lehre des ganzen Neuen Testaments zielt darauf ab, klarzumachen, dass der Christ nicht unter Gesetz ist. Er ist nicht von der Welt, nicht im Fleisch und nicht mehr in seinen Sünden. Die unerschütterliche Grundlage von all diesem ist die vollendete Erlösung, die wir in Christus Jesus besitzen. Aufgrund dieser Erlösung sind wir versiegelt mit dem Heiligen Geist und deshalb für immer verbunden und einsgemacht mit dem auferstandenen und verherrlichten Christus, so dass der Apostel Johannes von allen Gläubigen, von allen Kindern Gottes sagen kann, „dass, wie er (Christus) ist, auch wir sind in dieser Welt“ (1. Joh 4,17). Das entscheidet die Frage für alle, die dem Wort Gottes gehorsam sein möchten.

Bevor wir diesen Gegenstand verlassen, möchte ich den Leser bitten, für einige Augenblicke zu einem Abschnitt der biblischen Geschichte zurückzukehren, der den Unterschied zwischen einem gehorsamen und einem ungehorsamen Kind Gottes zeigt. In 1. Mose 18 und 19 wird uns die Geschichte von zwei Männern berichtet. Lot war ebenso gut ein Gläubiger wie Abraham; denn Petrus sagt von Lot: Der „Gerechte quälte durch das, was er sah und hörte, Tag für Tag seine gerechte Seele mit ihren gesetzlosen Werken“ (2. Pet 2,8). Aber lasst uns den Unterschied zwischen diesen beiden Männern beachten! Der Herr selbst besuchte Abraham, setzte sich mit ihm nieder und nahm bereitwillig seine Gastfreundschaft an. Das war wirklich eine hohe Ehre, ein Vorrecht, das Lot nie kennenlernte. Der Herr besuchte ihn nie in Sodom. Er sandte lediglich seine Engel dorthin, die das Gericht ausführten. Auch die Engel weigerten sich anfangs entschieden, die Gastfreundschaft Lots anzunehmen; sie wollten lieber auf dem Platz übernachten als in sein Haus einkehren. Und als sie seinem eindringlichen Bitten endlich nachgaben, taten sie es nur, um ihn vor der Gewalttätigkeit der gottlosen Menge zu schützen und ihn aus den traurigen Umständen zu erretten, in die er sich um irdischen Gewinnes und Besitzes willen gestürzt hatte. Könnte der Unterschied krasser sein?

An Abraham fand der Herr seine Freude; Er offenbarte sich ihm, teilte ihm seine Gedanken mit und sagte ihm, was Er mit Sodom tun wollte (1. Mo 18,17–19).

Der Besuch des Herrn bei Abraham gibt eine deutliche Erklärung zu Johannes 11,21.23, obgleich dieser Besuch stattfand, zweitausend Jahre bevor jene Worte gesprochen wurden. Finden wir etwas Entsprechendes in der Geschichte Lots? Nein! Lot war nicht in der Nähe Gottes, kannte seine Gedanken nicht und hatte keine Einsicht in Gottes Vorhaben. Wie wäre das auch möglich gewesen? Wie hätte er, versunken in die Tiefen des Verderbens von Sodom, die Gedanken Gottes kennen können? Wie hätte er in der dumpfen Atmosphäre, welche diese verderbten Städte des Landes umgab, einen klaren Blick in die Zukunft haben können? Das war unmöglich! Ein Mensch, der mit der Welt verkettet ist, kann die Dinge des Lebens nur aus der Sicht dieser Welt betrachten und nach ihrem Maßstab und ihren Gedanken beurteilen. Daher kommt es, dass der Herr der Versammlung in Sardes droht, Er werde über sie kommen wie ein Dieb, anstatt dass Er sie trösten kann durch die Hoffnung auf seine Ankunft als der glänzende Morgenstern. Wenn die bekennende Christenheit zu dem Niveau der Welt herabgesunken ist (und leider ist sie es ja!), so kann sie die Zukunft nur von dort aus betrachten. Das erklärt den Schrecken, mit dem die meisten bekennenden Christen an die Ankunft des Herrn denken. Sie erwarten ihn wie einen Dieb, nicht aber als ihren geliebten Bräutigam. Wie gering ist die Zahl derer, die seine Erscheinung in Wahrheit lieb haben! Die große Mehrheit der bekennenden Christen findet ihr Spiegelbild eher in Lot als in Abraham. Die Versammlung hat die Grundlage der Schrift verlassen. Sie ist herabgestiegen von ihrem erhabenen Platz und hat sich mit der Welt vereinigt, die ihren abwesenden Herrn hasst und verachtet.

Doch Gott sei Dank! Es gibt selbst in Sardes noch „einige wenige Namen, die ihre Kleider nicht besudelt haben“ (Off 3,4), einige lebendige Steine inmitten der Trümmerhaufen eines toten Bekenntnisses, einige Lichtblicke inmitten der Finsternis eines kalten, weltlichen Christentums. Ja, selbst in dem Abschnitt der Versammlungsgeschichte, der durch Laodizea vorgebildet ist, wenn ein noch niedriger und trauriger Zustand herrscht, wenn der treue und wahrhaftige Zeuge im Begriff steht, die ganze bekennende Christenheit aus seinem Mund auszuspeien, selbst dann noch hören wir die eindringlichen Worte: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Off 3,20) 1.

Wir sehen also, dass Gott immer auf ein offenes Ohr und ein gehorsames Herz achtet, sei es nun in den Tagen der bekennenden Christenheit oder in den Tagen der Patriarchen, in der Zeit des Neuen Testaments oder des Alten Testaments. Abraham, der Fremdling, genoss das seltene Vorrecht, sich bei den Eichen Mamres mit dem Herrn der Herrlichkeit unterhalten zu dürfen – ein Vorrecht, das jedem unbekannt blieb, der seinen Wohnort und seinen Besitz in einer Umgebung wählte, die zerstört werden sollte.

Lasst uns das nicht vergessen! Reiche Segnungen und Vorrechte sind unser Teil, wenn wir gehorsam sind. Ob unter Gesetz oder Gnade, stets bleibt wahr: „Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist, und der da zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2). Dieser Grundsatz tritt uns sowohl am Anfang unseres Kapitels als auch in den Worten unseres Herrn in Johannes 14,21 entgegen: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“, und: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“ (Joh 14,23)2. Besonders klar stellt uns der Apostel Johannes diesen Grundsatz vor Augen, wenn er sagt: „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott, und was irgend wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun. Und dies ist sein Gebot, dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er uns ein Gebot gegeben hat. Und wer seine Gebote hält, bleibt in ihm, und er in ihm“ (1. Joh 3,21–24).

Könnte irgendetwas mehr Kraft geben als der Wunsch, dem Herzen unseres geliebten Herrn Freude zu bereiten? Welch einen Wert verleiht das jeder noch so kleinen Tat des Gehorsams! Wie weit ist das jedem gesetzlichen System überlegen! Der Gegensatz zwischen Gesetz und Christentum ist gleich dem Unterschied zwischen Tod und Leben, Gefangenschaft und Freiheit, Verdammnis und Gerechtigkeit, Zweifel und Gewissheit. Wie verkehrt ist daher jeder Versuch, diese beiden Dinge miteinander zu vermengen, sie zu einem System zu verschmelzen, als wären es nur zwei Äste aus demselben Stamm. Welch eine hoffnungslose Verwirrung würde das geben! Dieser Versuch steht in krassem Gegensatz zu der Lehre des ganzen Neuen Testaments.

„Ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“, sagt der Apostel unmissverständlich (Röm 6,14). Der Heilige Geist erklärt hier mit Nachdruck, dass die Christen nicht unter Gesetz sind. Wenn wir unter Gesetz wären, so würde die Sünde über uns herrschen. Wir finden in der Schrift beständig, dass „Sünde“, „Gesetz“ und „Fleisch“ miteinander verbunden sind. Jemand, der unter Gesetz steht, kann niemals das Glück kennenlernen, aus der Herrschaft der Sünde befreit zu sein. Schon hieran können wir erkennen, wie verkehrt es ist, jemandem das Gesetz aufzuerlegen. Man würde denjenigen in eine Stellung drängen, in der die Sünde mit unumschränkter Macht über ihn herrscht. Es ist ganz und gar unmöglich, Heiligkeit durch das Gesetz hervorzubringen. Wenden wir uns noch einen Augenblick Römer 7 zu. Wir lesen in Vers 4 dieses Kapitels: „Also seid auch ihr, meine Brüder“, das heißt also alle wahren Gläubigen, das ganze Volk Gottes, „dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht brächten.“ Es braucht kaum gesagt zu werden, dass wir nicht „dem Gesetz getötet“ und zugleich „unter dem Gesetz“ sein können.

Beachten wir dabei, dass der Apostel nicht sagt, das Gesetz sei getötet. Wir sind durch den Tod Christi aus dem Bereich des Gesetzes herausgenommen worden. Christus nahm unseren Platz ein. Er wurde geboren unter Gesetz und auf dem Kreuz für uns zur Sünde gemacht. Aber Er starb und wir mit ihm, und so hat Er uns dadurch aus der Stellung, in der wir unter der Herrschaft der Sünde und unter dem Gesetz standen, völlig herausgenommen und uns in eine ganz neue Stellung, in eine lebendige Gemeinschaft und Einheit mit sich selbst gebracht, so dass jetzt auch von uns gesagt werden kann:„… dass, wie er ist, auch wir sind in dieser Welt“ (1. Joh 4,17). Ist Er unter Gesetz? Nein. Dann sind auch wir nicht unter Gesetz. Hat die Sünde noch einen Anspruch an Christus? Nicht den geringsten. So hat sie auch keinen Anspruch mehr an uns. Was unsere Stellung betrifft, so sind wir, wie Er ist, in der Gegenwart Gottes. Würden wir uns daher wieder unter das Gesetz stellen, so wäre das eine vollständige Umkehrung unserer christlichen Stellung und ein Widerspruch gegen die Aussagen der Heiligen Schrift.

Wie könnte ein Leben in Heiligkeit gefördert werden, wenn die eigentlichen Grundlagen des Christentums beseitigt werden? Wie könnte die in uns wohnende Sünde niedergehalten werden, wenn man uns gerade unter das System zurückbringt, das der Sünde die Macht über uns gibt? Ein göttliches Ziel kann nur auf einem göttlichen Weg erreicht werden. Gottes Weise aber, wie Er uns aus der Herrschaft der Sünde befreit, besteht darin, dass Er uns aus dem Herrschaftsbereich des Gesetzes herausnimmt. Wir sind nicht mehr unter Gesetz, sondern unter Gnade. Wer daher einen Christen wieder unter das Gesetz stellen will, handelt im Widerspruch zu Gott. Doch hören wir, was der Apostel in Römer 7 weiter sagt: „Denn als wir im Fleisch waren, wirkten die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz sind, in unseren Gliedern, um dem Tod Frucht zu bringen. Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden, so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens“ (V. 5.6).

Auch diese Worte sind klar. Wenn der Apostel sagt: „Als wir im Fleisch waren“, so weist er damit doch auf die Vergangenheit hin, auf eine Stellung, in der wir uns nicht mehr befinden. Aber sind denn die Gläubigen nicht mehr im Fleisch? Nein, die Schrift erklärt das ausdrücklich. Will das sagen, dass sie nicht mehr im Leib sind? Keineswegs.

Sie sind noch in diesem Leib der Schwachheit, aber – wenn es sich um ihre Stellung vor Gott handelt – nicht mehr im Fleisch. Am klarsten wird das in Römer 8, 8.9: „Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen. Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt.“ Diese Worte stellen uns eine ernste Tatsache, zugleich aber auch ein herrliches Vorrecht vor Augen. „Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen.“ Sie mögen ehrbar, liebenswürdig und religiös sein, aber sie können Gott nicht gefallen. Ihre Stellung ist falsch. Die Quelle, aus der all ihr Tun entspringt, ist verderbt. Die Wurzel und der Stamm, von dem alle Zweige ausgehen, sind faul und hoffnungslos schlecht. Sie können nicht eine Frucht hervorbringen, die wirklich gut und Gott angenehm ist. „Sie vermögen Gott nicht zu gefallen.“ Sie müssen in eine ganz neue Stellung gebracht werden und müssen ein neues Leben empfangen.

Doch lasst uns auch das herrliche Vorrecht aller wahren Gläubigen nicht aus dem Auge verlieren: „Ihr aber seid nicht im Fleisch.“ Die Gläubigen sind nicht mehr in einer Stellung, in der sie Gott nicht gefallen können. Sie haben eine neue Natur, ein neues Leben empfangen. Der Heilige Geist ist die Kraft dieses Lebens, Christus der Ursprung, die Herrlichkeit das Ziel und der Himmel die Heimat. Er ist wohl wahr, dass der Gläubige irren kann, dass er geneigt ist, seinem eigenen Willen zu folgen und imstande ist zu sündigen. In ihm, das ist in seinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Aber seine Stellung ist auf das Fundament der Gnade gegründet, und für den Zustand des Gläubigen hat Gott in seiner Gnade vorgesorgt durch das vollgültige Opfer und die allmächtige Fürsprache unseres Herrn Jesus Christus. Er hat den Gläubigen für immer von dem schrecklichen System befreit, dessen hervorstechende Züge „Fleisch“, „Gesetz“, „Sünde“ und „Tod“ sind, und Er hat ihn auf den herrlichen Platz versetzt, der durch „Leben“, „Freiheit“, „Gnade“, „Friede“, „Gerechtigkeit“, „Heiligkeit“, „Herrlichkeit“, ja durch „Christus“ selbst charakterisiert wird (vgl. Heb 12,18–24).

Das gesetzliche System des Menschen steht der Lehre des ganzen Neuen Testaments total entgegen. Gegen dieses System und seine Verteidiger musste Paulus, der treue Knecht des Herrn, während seines ganzen Lebens kämpfen. Beständig warnte er davor. Denn die Gesetzeslehrer wollten überall seine gesegnete Arbeit untergraben, verderben und die Christen im Glauben irreführen.

In Verbindung damit sei noch auf einige Schriftstellen verwiesen, aus denen die moralische Herrlichkeit des Christentums, im Gegensatz zu der mosaischen Zeitperiode, besonders hervorleuchtet. „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Röm 8,1–4). Der erste Vers beschreibt den Platz, den jeder Christ einnimmt, seine Stellung vor Gott. Er ist „in Christus Jesus“. Das ordnet alles. Er ist nicht mehr im Fleisch, nicht unter Gesetz; er ist für ewig „in Christus Jesus“, daher kann es für ihn keine Verdammnis mehr geben.

Im vierten Vers handelt es sich um unseren Wandel – darum, dass das Recht erfüllt wird, das ist die gerechte Forderung des Gesetzes. Wer im Geist handelt, wie jeder Christ es tun sollte, erfüllt das Recht des Gesetzes. Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, und sie wird uns leiten, das zu tun, was die zehn Gebote nicht bewirken konnten, nämlich dass wir unsere Feinde lieben. Keiner, der die Heiligkeit liebt und der praktischen Gerechtigkeit nachstrebt, braucht einen Verlust zu befürchten, wenn er das gesetzliche System verlässt und seinen Platz auf der Grundlage des Christentums einnimmt, wenn er den Berg Sinai mit dem Berg Zion vertauscht, wenn er Mose verlässt und zu Christus kommt. Nein, er gelangt zu einer weit tieferen Quelle und einem ausgedehnten Bereich, den Heiligkeit, Gerechtigkeit und praktischer Gehorsam charakterisieren.

Wird dadurch das Gesetz nicht seiner Schönheit beraubt? Keineswegs! Im Gegenteil, die Vollkommenheit des Gesetzes konnte erst durch das wunderbare Werk, das die unerschütterliche Grundlage aller Vorrechte und Segnungen des Christentums bildet, gesehen werden. Der Apostel hat diese Frage schon früher beantwortet. „Heben wir denn“, sagt er, „das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir bestätigen das Gesetz“ (Röm 3,31). Wie konnte das Gesetz herrlicher bestätigt werden als in dem Leben und dem Tod unseres Herrn Jesus? Wird das Gesetz dadurch verherrlicht, dass der Christ sich darunter stellt? Gewiss nicht. Alle Gläubigen, die das Vorrecht haben, im Licht der neuen Schöpfung zu wandeln, kennen Christus als ihr Leben und ihre Gerechtigkeit, als ihre Heiligung, als ihr großes Vorbild. Er ist alles in allem. Sie finden ihren Beweggrund zum Gehorsam nicht in der Furcht vor den Flüchen eines gebrochenen Gesetzes, sondern in der Liebe Christi, in Übereinstimmung mit dem herrlichen Wort: „Die Liebe des Christus“ – nicht das Gesetz Moses – „drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist“ (2. Kor 5,14.15).

Hätte das Gesetz das hervorbringen können? Nein, niemals. Aber gepriesen sei der Gott aller Gnade! „Das dem Gesetz Unmögliche“ – nicht weil das Gesetz nicht heilig, gerecht und gut gewesen wäre, sondern – „weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dein Geist wandeln“ (Röm 8, 3.4). Wir sind auferstanden mit Christus und mit ihm verbunden durch die Macht des Heiligen Geistes, in der Kraft des neuen und ewigen Lebens. Das ist wahres praktisches Christentum.

In Galater 2 weist der Apostel Paulus noch einmal auf das christliche Leben und Betragen hin in Verbindung mit dem Tadel, den er öffentlich über den Apostel Petrus in Antiochien aussprach. Petrus hatte durch seine natürliche Schwachheit für einen Augenblick die Grundlage verlassen, auf die das Evangelium der Gnade Gottes den Gläubigen stellt. Die Verse 11–21 enthalten eine klare Darstellung des praktischen Christentums.

Bemerkenswert und schön ist die Weise, in der das Evangelium Gottes den Weg des wahren Gläubigen zeigt. Es bewahrt ihn vor den verhängnisvollen Irrwegen der Gesetzlichkeit auf der einen Seite und vor Falschheit und Nachlässigkeit auf der anderen Seite. Der 19. Vers enthält das göttliche Heilmittel gegen diese todbringenden Übel. All den heuchelnden Juden, mit Petrus an ihrer Spitze, und den Gesetzeslehrern aller Zeiten ruft der Apostel die Worte entgegen: „Ich bin dem Gesetz gestorben!“

Was hat das Gesetz einem toten Menschen noch zu sagen? Nichts. Es hat nur über den lebenden Menschen Autorität. Es verflucht und tötet den Menschen, weil er das Gesetz nicht gehalten hat. Obwohl das Gesetz immer noch in seiner ganzen Kraft und Majestät sowie in seiner unbeugsamen Strenge besteht, endet doch, sobald der Mensch tot ist, seine Anwendung. Ein gestorbener Mensch ist völlig aus dem Bereich des Gesetzes herausgenommen. Wie aber ist der Gläubige dem Gesetz gestorben? Der Apostel gibt selbst die Antwort: „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben.“ Das Gesetz hatte das Todesurteil in sein Gewissen gebracht. Das sehen wir auch in Römer 7: „Ich aber lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf; ich aber starb. Und das Gebot, das zum Leben gegeben, dieses erwies sich mir zum Tod. Denn die Sünde, durch das Gebot Anlass nehmend, betrog mich und tötete mich durch dasselbe“ (V. 9–11).

Doch das ist noch nicht alles. Der Apostel fährt fort: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19.20). Das ist die triumphierende Antwort des Christen an alle, die ihn wieder unter das Gesetz bringen wollen. „Ich bin dem Gesetz gestorben“, nicht um nun zügellos zu leben, sondern: „damit ich Gott lebe.“

Gibt es eine schönere Antwort auf die Gesetzlichkeit und zugleich auf die Zügellosigkeit? Das Ich ist gekreuzigt, die Sünde verdammt. Neues Leben in Christus ist unser Teil, ein Leben für Gott, durch den Glauben an den Sohn Gottes; und die Liebe Christi ist der Antrieb für dieses Leben! Was könnte höher und herrlicher sein? Wer will, angesichts dieser sittlichen Schönheit des Christentums, den Gläubigen wieder unter das Gesetz, unter das Urteil des Todes, in Knechtschaft, Finsternis, Fluch und Verdammnis zurückbringen? Wie betrübend ist es, Kinder Gottes, Glieder des Leibes Christi, Tempel des Heiligen Geistes, ihrer herrlichen Vorrechte beraubt zu sehen und dafür mit einem schweren Joch belastet, das, wie Petrus sagt, „weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten“ (Apg 15,10)! Wir bitten den gläubigen Leser, das zu überdenken und die Schrift auf diesen Punkt hin genau zu untersuchen. Was entbehren doch diejenigen, die diesem gesetzlichen System verhaftet sind und nicht in der Freiheit wandeln, für die Christus sein Volk freigemacht hat. Wie überstrahlt doch das Evangelium der Gnade Gottes das Gesetz, das der Mensch nicht halten konnte!

Lasst uns alle durch einen entsprechenden Wandel und im Umgang mit anderen beweisen, dass die Gnade das bewirkt, was das Gesetz nie vermochte! Lasst uns danach streben, so weit wir es vermögen, allen teuren Kindern Gottes eine klare Erkenntnis ihrer Stellung und Vorrechte in einem auferstandenen und verherrlichten Christus zu vermitteln! Möchte der Herr, in der Macht des Heiligen Geistes, sein Licht und seine Wahrheit mehr und mehr ausbreiten und sein geliebtes Volk um sich sammeln, damit es in der Freude der Errettung, in Reinheit und in dem Licht seiner Gegenwart wandelt und auf seine Ankunft wartet.

Der Gehorsam Jesu Christi

Es scheint, als ob wir zu weit von unserem Thema abgeschweift wären. Doch die Frage des Gehorsams, die durch den ersten Vers des vierten Kapitels aufgeworfen wurde, ist so wichtig, dass es notwendig war, sich grundsätzlich damit auseinander zu setzen. Wenn Israel berufen war, zu „hören“ und zu „tun“, wie viel mehr wir, die so reich gesegnet sind, ja, gesegnet „mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“! (Eph 1,3). Wir sind sogar berufen zum Gehorsam Jesu Christi, wie wir in 1. Petrus 1,2 lesen: „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi“. Wir sind zu demselben Charakter des Gehorsams berufen, der das Leben unseres Herrn selbst kennzeichnete. In ihm gab es freilich keine hindernden Einflüsse, wie sie leider in uns allen vorhanden sind. Aber der Charakter des Gehorsams ist derselbe.

Das ist ein erhabenes Vorrecht. Wir sind berufen, in den Fußstapfen Jesu zu wandeln. „Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist“ (1. Joh 2,6). Und wenn wir nun seinen Weg überdenken, sein Leben betrachten, so finden wir einen Wesenszug, der in besonderer Weise mit dem fünften Buch Mose in Verbindung steht. Ich denke an die Art und Weise, wie der Herr stets das Wort Gottes anwandte und den Gehorsam praktizierte. In diesem Buch nehmen die Aussprüche Gottes einen breiten Raum ein, als die einzige Richtschnur und die einzige Autorität für den Menschen. Gott befasst sich mit kleinen Dingen genauso wie mit großen. Er zeigt den Menschen in allen Umständen und Lagen des Lebens einen Weg. Und wir können sagen, dass gerade die Art und Weise, in der das fünfte Buch Mose Nachdruck auf die Aussprüche Gottes und die Pflicht eines unbedingten Gehorsams legt, ihm seinen besonderen Reiz verleiht.

Die Zeit, in der wir leben, ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch die Vernunft, sein eigenes Urteil und seinen Willen in den Vordergrund stellt. Man rühmt sich in stolzen Worten seines Verstandes und behauptet, dass jeder das Recht und die Fähigkeit habe, selbständig zu denken. Der Autoritätsanspruch der Bibel wird von den meisten Menschen heute verächtlich zurückgewiesen. An unseren Universitäten und Höheren Schulen kennt man die Bibel nicht mehr. Unsere Jugend wird angeleitet, allen Überlegungen wissenschaftliche Erkenntnisse und menschliche Vernunft zugrunde zu legen. Was sich über den engen Gesichtskreis des Menschen erhebt, wird verworfen.

Da Gott aber nun zu uns geredet hat, ist es unsere erste Pflicht, dieser Offenbarung Gottes aufrichtig und einfältig zu gehorchen. Der Weg des Gehorsams ist ein Weg herrlicher Vorrechte, der Ruhe und des Segens. Diesen Weg können die „Kindlein in Christus“ ebenso gut betreten wie die „Jünglinge“ und „Väter“. Es ist der einzig gesegnete Weg für alle. Zweifellos ist er schmal; aber er ist ein sicherer Weg, der durch die Erkenntnis Gottes erleuchtet ist. In diesem Licht findet der gehorsame Christ eine passende Antwort auf alle Einwände derjenigen, die laut von Gedanken- und Meinungsfreiheit, Fortschritt, Entwicklung und dergleichen reden. Ein gehorsames Kind Gottes hält sich nicht dabei auf, sondern geht unbeirrt seines Weges weiter. Es empfindet, dass es nicht seine erste Aufgabe ist, alles zu erklären, sondern einfach zu gehorchen. Auf diesem Weg des Gehorsams bleibt das geistliche Wachstum nicht aus. Das beste Zeugnis für die Wahrheit Gottes ist unser Leben.

Nichts hinzutun – nichts davon wegnehmen

Das vierte Kapitel enthält ernste Ermahnungen, die sich darauf gründen, dass Israel das Wort Gottes gehört hatte. Im zweiten Vers finden wir zwei beherzigenswerte Dinge: „Ihr sollt nichts hinzutun zu dem Wort, das ich euch gebiete, und ihr sollt nichts davon wegnehmen.“ Dem Wort Gottes darf nichts hinzugefügt werden, weil es vollkommen ist und nichts fehlt. Es darf aber auch nichts davongenommen werden, weil nichts überflüssig ist. Sonst wäre es eben nicht Gottes Wort. Wie wichtig ist das besonders heutzutage, wo man mit dem Wort Gottes sehr ungeziemend umgeht. Welch einen Schatz hat Gott uns da in die Hände gegeben! Nicht ein Satz, ein Jota, ein Strichlein muss ergänzt werden.3Genauso wenig konnte ein Mensch an jenem Morgen, als die Söhne Gottes jauchzten, untersuchen, ob die Schöpfung Gottes „sehr gut“ war. Andererseits darf aber auch kein Jota und kein Strichlein weggenommen werden. Man würde dadurch unterstellen, dass der Heilige Geist etwas Überflüssiges geschrieben habe. So ist das göttliche Buch nach allen Seiten hin geschützt und verwahrt, damit niemand seinen Inhalt verändern kann.

Jemand könnte fragen: „Glaubst du wirklich, dass jedes Wort vom Anfang des ersten Buches Mose bis zum Schluss der Offenbarung göttlich inspiriert ist? Glaubst du zum Beispiel, dass die lange Reihe von Namen in den ersten Kapiteln des ersten Buches Chronika von Gott selbst eingegeben ist? Dienen diese endlosen Geschlechtsregister zu unserer Unterweisung und Belehrung?“ Wir zweifeln nicht daran, dass sich die Bedeutung und der Nutzen dieser Aufzeichnungen für das Volk Israel noch erweisen wird. Und auch wir sehen in diesen Geschlechtsregistern einen deutlichen Beweis der Fürsorge Gottes für das Volk Israel. Er wacht über sein Volk von Generation zu Generation, wenn es auch zerstreut ist und für uns die Unterscheidung der einzelnen Stämme unmöglich geworden ist. Er kennt die „zwölf Stämme“, und Er wird sie zu seiner Zeit sammeln und sie in ihr bestimmtes Erbteil, in das Land Kanaan bringen, entsprechend den Verheißungen, die Er Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. Ist das nicht eine gesegnete Belehrung? Stärkt es nicht unseren Glauben, wenn wir die Fürsorge und die Aufmerksamkeit Gottes für sein irdisches Volk sehen? Ganz gewiss. Sollten wir nicht an allem teilnehmen, was das Herz unseres Vaters interessiert? Sollten wir nur daran Interesse haben, was uns selbst unmittelbar angeht? Wo ist ein Kind, das die Eltern liebt und nicht teilnimmt an allem, was den Vater bewegt, und sich nicht erfreut an jedem Satz eines Briefes, den der Vater geschrieben hat? Das heißt nicht, dass alle Teile des Wortes Gottes das gleiche Interesse und die gleiche Bedeutung für uns haben. Es ist offensichtlich, dass 1. Chronika 1 weniger bedeutsam für uns ist, als zum Beispiel Johannes 17 oder Römer 8. Wir behaupten aber, dass jedes Buch und jedes Kapitel im Wort Gottes göttlich inspiriert ist und dass auch 1. Chronika 1 und alle ähnlichen Stellen einen Platz ausfüllen, den Johannes 17 nicht ausfüllen kann und einen Zweck hat, den Römer 8 nicht haben kann.

Ein Zeugnis vor den Nationen

Wir nehmen jetzt den abgebrochenen Faden unserer Betrachtung wieder auf. Wir finden hier wieder, dass es im fünften Buch Mose nicht so sehr um Vorschriften, Gebräuche und Zeremonien geht, sondern mehr um die Bedeutung und Einzigartigkeit des Wortes Gottes selbst. „Siehe, ich habe euch Satzungen und Rechte gelehrt, so wie der HERR, mein Gott, mir geboten hat, damit ihr also tut inmitten des Landes, wohin ihr kommt, um es in Besitz zu nehmen.“ Das Verhalten des Volkes sollte in allen Dingen durch göttliche Gebote geregelt werden. Das ist ein Grundsatz, der zu allen Zeiten gültig ist! „Und so haltet sie und tut sie! Denn das wird eure Weisheit und euer Verstand sein vor den Augen der Völker, die alle diese Satzungen hören und sagen werden: Diese große Nation ist ein wahrhaft weises und verständiges Volk“ (V. 5.6).

Das Volk sollte mit Weisheit und Verstand die göttlichen Satzungen und Rechte bewahren. Ihre Weisheit sollte sich nicht in gelehrten Diskussionen und Beweisen entfalten, sondern in kindlichem Gehorsam. Die ganze Weisheit lag in den Satzungen und Rechten selbst, nicht aber in den Gedanken und Meinungen des Volkes darüber. Die tiefe und wunderbare Weisheit Gottes kam in seinem Wort zum Vorschein, und das war es, was die Nationen sehen und bewundern sollten. Die Gedanken Gottes sollten, indem sie aus dem Betragen und dem Charakter des Volkes Gottes widerspiegelten, die Bewunderung der Völker wachrufen, die um das Volk herum wohnten.

Doch wie ganz anders hat sich das Volk im Lauf der Zeit verhalten! Wie wenig konnten die Völker der Erde aus dem Verhalten Israels über Gott und sein Wort lernen! Sein Name wurde durch ihr Verhalten verlästert. Statt abgesondert und treu den Geboten Gottes zu gehorchen, begaben sie sich auf das niedrige Niveau der sie umgebenden Völker.

Sie nahmen ihre Gewohnheiten an, verehrten ihre Götzen und gingen auf ihren Wegen. So sahen die umliegenden Nationen nicht die hohe Weisheit und sittliche Schönheit der göttlichen Satzungen, sondern nur die Schwachheit und Torheit eines Volkes, dessen eitler Ruhm einzig und allein darin bestand, dass ihnen die göttlichen Aussprüche anvertraut waren – Aussprüche, durch die sie selbst verdammt wurden (vgl. Röm 2 und 3).

Und doch, gepriesen sei Gott! Sein Wort wird ewiglich bestehen. Wenn seine Kraft nicht in dem Verhalten seines Volkes zutage tritt, so wird sie in dem Urteil Gottes über diese Wege gesehen werden. Das Wort ist immer noch in der Lage, diejenigen zu leiten, zu trösten und zu segnen, die den Weg des Gehorsams zu gehen wünschen, wenn es auch in Schwachheit geschieht. Dessen ungeachtet sucht Mose, dem Volk das göttliche Wort in seiner ganzen Würde und Schönheit vor Augen zu malen. Er unterlässt es nicht, ihnen mit Nachdruck die Folgen des Gehorsams vorzustellen, um sie aber auch vor den Gefahren zu warnen, die beim Abweichen von den heiligen Geboten Gottes auf sie lauern. „Denn welche große Nation gibt es, die Götter hätte, die ihr so nahe wären, wie der HERR, unser Gott, in allem, worin wir zu ihm rufen? Und welche große Nation gibt es, die so gerechte Satzungen und Rechte hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“ (V. 7.8).

Hierin liegt das Geheimnis der Größe jedes Volkes, jeder Familie, ja, jedes Einzelnen. Welches Vorrecht ist es, dem lebendigen Gott so nahe zu sein, in allen Umständen zu ihm rufen zu dürfen, überzeugt zu sein, dass Er in seiner Macht und seiner Gnade unaufhörlich für uns da ist und dass Er mit Wohlgefallen auf uns sieht. Welch ein Vorzug ist es, wenn die gerechten Satzungen und heiligen Gebote unser praktisches Leben verändern und wir erfahren, dass Gott selbst sich uns offenbart und Wohnung bei uns machen will.

Welch eine Quelle von Segnungen ist das! Und doch sind sie in der göttlichen Gnade für jedes Kind Gottes auf der ganzen Erde vorhanden.

Doch nicht jedes Kind Gottes erfreut sich dieser Segnungen. Nur diejenigen kennen sie, die dem göttlichen Wort aufrichtig gehorchen. So war es damals in Israel, und so ist es auch heute noch in der Versammlung. Das Wohlgefallen Gottes ist der Lohn, der einem gehorsamen Kind Gottes in diesem Leben zuteilwird.

Persönliche und familiäre Verantwortung

Und doch können wir so schnell abirren, uns von mancherlei Dingen um uns herum beeinflussen und uns von dem schmalen Weg des Gehorsams abziehen lassen. Wir brauchen uns deshalb nicht zu wundern, dass Mose diese Ermahnungen wiederholt den Herzen und Gewissen seiner Zuhörer einzuprägen sucht. Er schüttet gleichsam sein Herz vor der Gemeinde aus. „Nur hüte dich und hüte deine Seele sehr, dass du die Dinge nicht vergisst, die deine Augen gesehen haben, und dass sie nicht aus deinem Herzen weichen alle Tage deines Lebens! Und tu sie deinen Kindern und deinen Kindeskindern kund!“ (V. 9).

Diese Worte enthalten zwei beachtenswerte Dinge, nämlich die persönliche Verantwortung und die Verantwortung für unser Haus einerseits und andererseits auch unser persönliches Zeugnis und das Zeugnis, das von unserem Haus ausgeht. Das Volk Israel sollte sich sorgfältig hüten, dass es die Worte Gottes nicht vergaß. Zugleich wurde es dafür verantwortlich gemacht, seine Kinder und seine Kindeskinder darin zu unterweisen. Sind wir nun mit dem helleren Licht und mit den größeren Vorrechten, die wir besitzen, weniger verantwortlich als Israel damals? Sicherlich nicht. Wir werden ermahnt, mit aller Sorgfalt das Wort Gottes zu lesen, zu erforschen und auf uns wirken zu lassen. Es genügt nicht, in unseren täglichen Andachten einige Verse, ein Kapitel oder einen Abschnitt zu lesen. Vielmehr sollte die Bibel der erste und wichtigste Gegenstand unseres eingehenden Studiums sein, das Buch, an dem wir uns erfreuen und durch das wir erfrischt und gestärkt werden.

Es ist leider nur zu wahr, dass manche unter uns das Lesen der Bibel als eine Pflichtsache ansehen, während sie ihr Vergnügen und ihre Erholung in Zeitungen und anderer leichter Lektüre finden. Wundern wir uns da über die schwache und seichte Erkenntnis der Schrift, die man bei solchen Christen antrifft? Wie können wir die lebendigen Tiefen und die Herrlichkeit eines Buches erfassen, das wir nur aus Pflichtgefühl zur Hand nehmen und aus dem wir von Zeit zu Zeit einige Verse lesen, während wir die Zeitung oder einen spannenden Roman buchstäblich verschlingen?

Was bedeuten die folgenden Worte, die an Israel gerichtet wurden: „Und ihr sollt diese meine Worte auf euer Herz und auf eure Seele legen und sie zum Zeichen auf eure Hand binden, und sie sollen zu Stirnbändern zwischen euren Augen sein“ (Kap. 11,18)? Das Herz, die Seele, die Hand und die Augen, alles sollte mit dem Wort Gottes in Verbindung stehen. Das Lesen des Wortes und das Halten der Gebote muss eine Herzenssache sein. Eine leere Form nützt gar nichts. „Und lehrt sie eure Kinder, indem ihr davon redet, wenn du in deinem Haus sitzt, und wenn du auf dem Weg gehst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst; und schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore“ (Kap. 11,19.20). Hat das Wort Gottes einen solchen Platz in unseren Herzen, in unseren Häusern und Gewohnheiten? Merken die, die in unseren Häusern oder in anderer Weise mit uns in Berührung, kommen, dass das Wort Gottes unsere Richtschnur ist?

Das sind ernste, herzerforschende Fragen. Die Art und Weise, wie wir mit Gottes Wort umgehen, ist ein Barometer für unseren geistlichen Zustand. Wenn wir es nicht gern lesen, nicht danach dürsten, uns nicht daran erfreuen können, nicht nach einer ruhigen Stunde verlangen, wo wir uns in seinen Inhalt vertiefen und uns seine erhabenen Lehren einprägen können, wenn wir nicht persönlich in der Stille darüber nachdenken und uns im Familienkreis darüber unterhalten, kurz, wenn wir uns nicht in seiner heiligenden Atmosphäre bewegen, dann ist es dringend notwendig, unseren geistlichen Zustand zu überprüfen, weil er nicht gesund ist. Die neue Natur liebt das Wort Gottes, sie sehnt sich danach, wie wir in 1. Petrus 2,2 lesen: „Wie neugeborene Kinder seid begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, damit ihr durch diese wachst zur Errettung.“ Wenn wir nicht begierig sind nach der reinen Milch des Wortes Gottes und uns nicht davon nähren, so befinden wir uns in einem niedrigen und gefährlichen Zustand. Es mag vielleicht an unserem äußeren Verhalten nichts Anstößliches zu bemerken sein und auch in unseren Wegen nichts vorhanden sein, durch das der Herr verunehrt wird, aber wir betrüben sein liebendes Herz, wenn wir sein Wort vernachlässigen. Es ist Selbstbetrug, uns für lebendige Christen zu halten, wenn wir sein Wort nicht lieben, noch danach leben. Es ist Selbstbetrug, sich einzubilden, das neue Leben könne in einem gesunden Zustand sein, während wir aus Gewohnheit das Wort Gottes persönlich und in der Familie vernachlässigen.

Es ist nicht unsere Meinung, dass man außer der Bibel kein anderes Buch lesen sollte. Dann hätten wir sicherlich diese „Gedanken“ nicht geschrieben. Aber wir müssen sehr wachsam sein bei der Frage, wie und was wir lesen sollen. Wir werden ermahnt, alles zu tun im Namen Jesu und zur Verherrlichung Gottes. Dazu gehört auch das Lesen.

Hat das Wort den richtigen Platz in unseren Herzen, so wird es ihn ohne Zweifel auch in unseren Häusern haben. Aber wenn es keine Anerkennung in der Familie findet, so ist es schwer zu glauben, dass es den richtigen Platz im Herzen hat. Jedes Familienhaupt sollte das ernstlich überdenken. Der Hausvater sollte seine Kinder und alle, die zum Haushalt gehören, täglich versammeln, um einige Verse aus dem Wort Gottes zu lesen und Worte des Gebets zum Thron der Gnade emporzusenden. Eine solche Gewohnheit stimmt sicher mit der Lehre des Alten wie des Neuen Testaments überein und ist nicht nur gesegnet und erbaulich, sondern ist auch Gott wohlgefällig.

Was halten wir von einem Christen, der nie betet und nie in der Stille Gottes Wort liest? Ist er ein wahrer Christ? Wir müssen daran zweifeln, ob er wirklich göttliches Leben hat. Das Gebet und das Lesen des Wortes Gottes sind notwendige Voraussetzungen für eine gesunde und kräftige Entwicklung des christlichen Lebens, so dass ein Mensch, der beides aus Gewohnheit vernachlässigt, in einem sehr gefährlichen Zustand ist. Wenn das nun für einen Einzelnen zutrifft, wie kann dann eine Familie in einem guten Zustand sein, wenn sie nie zu gemeinsamem Lesen und Gebet zusammenkommt? Was für ein Unterschied besteht zwischen einer solchen Familie und einem heidnischen Haushalt? Ist es nicht sehr betrübend, solche zu finden, die ein so erhabenes Bekenntnis ablegen und ihren Platz am Tisch des Herrn einnehmen, zugleich aber in grober Vernachlässigung des gemeinsamen Lesens des Wortes Gottes und des gemeinsamen Gebets dahinleben?

Welch ein Vorzug ist es doch, dass jeder, den Gott zum Haupt eines christlichen Haushaltes gesetzt hat, alle Glieder seines Hauses um das Wort versammeln und gemeinsam mit ihnen sein Herz vor Gott ausschütten darf! Ja, es ist sogar die besondere Pflicht eines Familienhauptes, das zu tun. Es ist durchaus nicht notwendig, einen langen ermüdenden Dienst daraus zu machen. Im Gegenteil, sowohl in unseren Häusern als auch in unseren öffentlichen Versammlungen wird ein kurzer, frischer und lebendiger Dienst mehr zur Erbauung dienen. Natürlich lässt sich hierüber keine Regel aufstellen. Könnten wir doch wie Josua sagen: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“ (Jos 24,15). Mögen dann andere tun, was sie wollen.

Damit soll nicht gesagt sein, dass das Gebet und das Lesen des Wortes im Familienkreis alles umschließt, was in diesen wichtigen Worten: „Wir wollen dem Herrn dienen“, enthalten ist. Dieser Dienst umfasst alles, was zu unserem persönlichen und häuslichen Leben gehört, selbst die scheinbar unbedeutendsten Einzelheiten. Aber wir sind überzeugt, dass in einem Haushalt nichts recht verlaufen kann, wenn das Lesen des Wortes und das Gebet vernachlässigt werden.

Man kann einwenden, dass es manche Familien gibt, die mit aller Pünktlichkeit morgens und abends ihre Bibel lesen und gemeinsam beten, deren häusliches Leben aber von früh bis spät in offenem Widerspruch zu ihrem Hausgottesdienst steht. Der Vater der Familie geht den Seinen nicht durch freundliches Verhalten als gutes Beispiel voraus, sondern ist mürrisch und launenhaft, barsch und ungenießbar zu seiner Frau und ist streng und hart zu seinen Kindern. Stets bemängelt er das, was auf den Tisch gebracht wird, nachdem er kurz vorher Gott dafür gedankt hat. Die Hausfrau und Mutter macht es auch nicht besser, und die Kinder folgen ihr darin. Im ganzen Haus gibt es nichts als Unordnung und Verwirrung. Mit einem Wort, der Ton des Hauses ist unchristlich und passt nicht zu dem Bekenntnis. Und so wie es in dem Haus einer solchen Familie aussieht, so steht es auch in ihrem Geschäft. Man findet nichts von Gott, nichts von Christus, nichts, was sie von den Kindern der Welt um sie herum unterscheidet; ja, deren Verhalten könnte sie oft beschämen und ihnen als ein Muster vorgehalten werden.

Unter solchen traurigen Umständen ist allerdings von dieser sonst so wertvollen Gewohnheit nichts zu halten. Dann ist alles nur eine leere Form. Das vermeintliche Morgen- und Abendopfer wird zu einer Morgen- und Abendlüge, ja, zu einer Verspottung und Beleidigung Gottes. In einem solchen Haus kann von einem gemeinschaftlichen Zeugnis für Gott keine Rede sein. Es fehlt die praktische Gerechtigkeit und Heiligkeit, die „feine Leinwand“, die, wie wir in Offenbarung 19,8 lesen, „die Gerechtigkeiten der Heiligen“ sind. Die ernsten Worte des Apostels in Römer 14,17 sind gänzlich in Vergessenheit geraten: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“

Wir haben damit ein düsteres Bild gezeichnet, wie es sich unter Gläubigen hoffentlich nur selten findet. Aber wenn es in unseren Häusern auch nicht gerade so traurig aussieht, so ist doch nicht selten ein großer Mangel an wahrer, praktischer Gerechtigkeit in unseren Familien festzustellen. Den Tag mit einem Familiengottesdienst zu beginnen und zu beenden, im Übrigen aber in Ungöttlichkeit, Leichtfertigkeit und Eitelkeit zu leben, gibt nichts anderes als ein hässliches Zerrbild. Es passt nicht zusammen, einen Abend mit weltlichen Dingen, mit Scherzen und Witzen auszufüllen und ihn dann mit ein wenig Religion in Form eines Gebetes oder des Lesens eines biblischen Abschnittes zu beenden.

Wie schade, wenn diese Dinge in Verbindung mit dem heiligen Namen Jesu Christi, mit seiner Versammlung oder mit der Teilnahme an seinem Tisch gefunden werden. Wir haben in unserem Privatleben, in unserem täglichen Umgang mit anderen, in unserem Beruf alles mit einem Maß zu messen, und dieses Maß ist Christus. Die einzig wichtige Frage im Blick auf unser Verhalten ist: „Wird der Herr, zu dem ich mich bekenne, dadurch verherrlicht?“ Wenn nicht, so lasst uns mit aller Entschiedenheit diesen Dingen den Rücken kehren. Lasst uns niemals fragen: „Was ist denn Böses dabei?“ Wer so fragt, beweist, dass Christus nicht alles ist, was sein Herz ausfüllt.

Wenn wir ein so hohes Bekenntnis haben, sollten wir mit allem Ernst über unsere Wege nachdenken und den Zustand unserer Herzen in ihrer Stellung zu Christus prüfen. Denn wenn das Herz nicht aufrichtig in diesem Punkt ist, so fehlt auch in unserem persönlichen Leben, in der Familie, im Beruf und auch in der Versammlung die rechte Gesinnung. Aber wenn das Herz wirklich aufrichtig ist, so ist auch alles andere in Ordnung.

Enthält die feierliche Erklärung des Apostels am Schluss seines ersten Korintherbriefes nicht eine ernste Belehrung für uns? „Wenn jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei verflucht; Maranatha!“ Im Verlauf dieses Briefes hat er sich mit verschiedenen Formen von Irrlehren und sittlichen Verderben auseinander gesetzt; aber anstatt abschließend sein Urteil darüber auszusprechen, wendet er sich mit heiliger Entrüstung an jeden Einzelnen, der den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat. Die Liebe zu Christus ist der einzige Schutz vor jeder Art von Irrtum und Bösem. Ein Herz, das mit Christus erfüllt ist, hat keinen Raum für etwas außer ihm; aber wenn keine Liebe zu ihm vorhanden ist, so ist allen Irrtümern der Zutritt geöffnet.

Die Erziehung der Kinder

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird das Volk besonders hingewiesen auf die ernsten Vorgänge am Berg Horeb, die sich tief und bleibend in ihre Herzen hätten einprägen sollen. „An dem Tag, als du vor dem HERRN, deinem Gott, am Horeb standest, als der HERR zu mir sprach: ‚Versammle mir das Volk, dass ich sie meine Worte hören lasse', – das ist stets das wichtige Ziel Gottes, sein Volk in unmittelbare, lebendige Verbindung mit seinem ewigen Wort zu bringen, – „die sie lernen sollen, um mich zu fürchten alle die Tage, die sie auf dem Erdboden leben, und die sie ihre Kinder lehren sollen …“ (V. 10).

Wir sehen hier, welch eine innige Verbindung zwischen dem Hören des Wortes Gottes und der Furcht vor seinem Namen besteht. Dies ist einer der Grundsätze, die sich nie ändern, nie ihre Kraft und Gültigkeit verlieren. Das Wort und der Name Gottes gehören immer zusammen, und ein Christ, der den Namen Gottes liebt, wird sein Wort ehren und sich in allen Dingen unter seine heilige Autorität beugen.

„Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht“ (Joh 14,24). „Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht. Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet“ (1. Joh 2,4.5). Jeder, der Gott wirklich liebt, wird sein Wort ins Herz aufnehmen, und wo das Wort lebendig ins Herz eingedrungen ist, da wird sein heiliger Einfluss auch im ganzen Leben, Charakter und Benehmen gesehen werden. Gott hat uns sein Wort gegeben, damit es unser Verhalten bestimmt und unseren Charakter bildet. Wenn sein Wort diese praktische Wirkung nicht auf uns ausübt, so ist es Heuchelei, von der Liebe zu ihm zu reden.

Beachtenswert ist auch die ernste Verantwortung Israels in Bezug auf die Kindererziehung. Die Israeliten sollten nicht nur „hören“ und „lernen“, sondern das Gelernte auch an ihre Kinder weitergeben. Diese Pflicht haben Eltern stets; vernachlässigen sie diese Pflicht, wird Gott sie nicht ungestraft lassen. Welche Bedeutung Gott diesem Punkt beimisst, können wir aus den Worten an Abraham entnehmen: „Denn ich habe ihn (Abraham) erkannt, dass er seinen Kindern und seinem Haus nach ihm befehle, damit sie den Weg des HERRN bewahren, Gerechtigkeit und Recht auszuüben, damit der HERR auf Abraham kommen lasse, was er über ihn geredet hat“ (1. Mo 18,19).

Gott hat immer Wohlgefallen gehabt an einem Familienleben in seiner Furcht und an einer sorgfältigen Erziehung der Kinder. Er wünscht, dass sie nach seinem heiligen Wort erzogen werden, „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4). Sie sollen nicht in Unwissenheit, Gedankenlosigkeit und Eigenwillen aufwachsen.

Manchmal lernt man Kinder christlicher Eltern kennen, die in großer Unwissenheit über göttliche Dinge, in Gleichgültigkeit und selbst in offensichtlichem Unglauben aufwachsen. Ermahnt man die Eltern solcher Kinder, so erwidern sie: „Wir können unsere Kinder nicht zu Christen machen. Wir würden sie zu bloßen Formchristen oder Heuchlern erziehen. Es muss ein göttliches Werk an ihnen geschehen, und wenn die von Gott bestimmte Zeit kommt, so wird Er sie schon berufen, falls sie wirklich zu der Zahl seiner Auserwählten gehören. Wenn nicht, so ist all unser Tun umsonst.“

Welch eine Torheit! Wenn ein Landwirt so dächte, würde er wohl kaum sein Feld bestellen. Denn er kann ja auch den ausgestreuten Samen nicht aufgehen lassen und befruchten. Jeder vernünftige Mensch weiß aber, dass Pflügen und Säen der Ernte vorausgehen müssen und dass es die größte Torheit ist, eine Ernte zu erwarten, wenn man nicht vorher gepflügt und gesät hat.

Genauso verhält es sich mit der Erziehung unserer Kinder. Es ist wahr, dass Gott unumschränkt ist. Auch bei unseren Kindern muss die Wiedergeburt stattfinden wie bei allen anderen. Diese Wiedergeburt ist ausschließlich ein Werk, das der Heilige Geist mittels des Wortes hervorbringt. Aber mindert das etwa die große Verantwortung christlicher Eltern, ihre Kinder von den ersten Augenblicken des Lebens an treu und hingebend zu erziehen und zu belehren? Ganz gewiss nicht. Wehe den Eltern, die aus irgendeinem Grund hier ihre Pflicht vernachlässigen! Es ist wahr, dass wir unsere Kinder nicht zu Christen machen können, und wir sollen sie auch nicht zu Formchristen und Heuchlern erziehen. Ja, sind wir überhaupt berufen, sie zu etwas zu machen? Nein, wir werden einfach aufgefordert, unsere Pflicht zu tun, das Weitere aber Gott zu überlassen. Wir werden ermahnt, unsere Kinder zu erziehen „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“.

Die ganze christliche Erziehung lässt sich in zwei kurzen Sätzen zusammenfassen: Rechne auf Gott für deine Kinder, und erziehe sie für Gott. Das Erste zu sagen, ohne das Zweite zu tun, ist Leichtfertigkeit, und das Zweite zu tun, ohne das Erste, ist Gesetzlichkeit, beides zusammen dagegen ist gesundes, praktisches Christentum. Es ist das besondere Vorrecht aller christlichen Eltern, für ihre Kinder mit voller Zuversicht auf Gott rechnen zu dürfen. Aber wir sollten wohl beachten, dass dieses Vorrecht mit Verantwortung untrennbar verbunden ist. Sprechen christliche Eltern davon, dass sie in Bezug auf die Errettung ihrer Kinder und in Bezug auf ihre zukünftige Laufbahn auf Gott rechnen, zugleich aber die Erziehung vernachlässigen, dann befinden sie sich in einer großen Selbsttäuschung.

Bestimmte Regeln oder Anleitungen für die Erziehung der Kinder aufzustellen, ist unmöglich. Kinder können nicht nach trockenen Regeln erzogen werden. Wer ist auch imstande, in Regeln auszudrücken, was in einem einzigen Satz enthalten ist: „Ziehet sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“ In diesem Wort haben wir tatsächlich eine goldene Regel, die alles umfasst. Wirkliche christliche Erziehung beginnt mit den ersten Lebenstagen eines Kindes. Man denkt allgemein zu wenig daran, wie bald die Kinder anfangen zu beobachten und wie rasch sie alles in sich aufnehmen, was sie um sich her erblicken; sie sind besonders empfänglich für die sittliche Atmosphäre, die sie umgibt. Ja, unsere Kinder sollten täglich in der Atmosphäre der Liebe und des Friedens, der Reinheit und der praktisch Gerechtigkeit leben. Wir machen uns keinen Begriff davon, welch eine erstaunliche Wirkung es auf die Bildung ihres Charakters ausübt, wenn sie ihre Eltern in gegenseitiger Liebe und Harmonie sehen, wenn sie bemerken, wie sie in freundlicher und liebevoller Weise miteinander und mit anderen verkehren und stets ein offenes Herz und eine offene Hand für Arme und Kranke haben. Welch eine negative Wirkung muss es auf ein Kind haben, wenn es zum ersten Mal zornige Blicke und unfreundliche Worte zwischen Vater und Mutter sieht und hört. Wenn sogar Tag für Tag Streit und Zank da ist, wenn der Vater der Mutter widerspricht und die Mutter den Vater heruntersetzt – wie können in einer solchen Umgebung die Kinder gedeihen?

Bevor wir dieses wichtige Thema verlassen, möchten wir die Aufmerksamkeit aller christlichen Eltern noch auf einen Punkt lenken, der sehr wichtig ist, aber oft nicht beachtet wird: die Notwendigkeit, unseren Kindern die Pflicht eines unbedingten Gehorsams einzuprägen. Wir können nicht genug darauf dringen, denn es berührt die Ordnung und das Wohl unserer Familien und steht in unmittelbarer Verbindung mit der Verherrlichung Gottes und der Verwirklichung der Wahrheit, und das ist noch weitaus wichtiger. „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht.“ Und weiter: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn dies ist wohlgefällig im Herrn“ (Eph 6,1; Kol 3,20).

Wir sollten diesen Punkt nicht unterschätzen. Das Kind muss von den ersten Augenblicken seines Lebens an lernen zu gehorchen. Es muss lernen, sich der von Gott eingesetzten Autorität zu unterwerfen, und zwar, wie der Apostel hervorhebt, „in allem“. Wenn das nicht von vornherein geschieht, so werden wir erfahren, dass es später fast unmöglich ist. Wird dem Willen des Kindes einmal nachgegeben, so wächst der Eigenwille mit erschreckender Schnelligkeit, und je mehr er wächst, desto schwieriger ist es, ihn zu brechen. Daher sollten christliche Eltern mit Kraft und Ausdauer ihre Autorität behaupten. Zugleich können sie, ohne der Autorität Abbruch zu tun, zart und liebevoll mit den Kindern umgehen. Härte und Barschheit sind fehl am Platz. Gott hat die Zügel der Regierung und die Rute der Autorität in die Hände der Eltern gelegt, aber es zeugt von Unverstand und Schwäche, wenn die Eltern fortwährend an den Zügeln ziehen und die Rute schwingen. Wenn wir einen Menschen fortwährend von seiner Autorität sprechen hören, so können wir annehmen, dass es in diesem Punkt mit ihm schlecht bestellt ist. Wahre sittliche Kraft ist stets von Würde begleitet, die durchaus nicht missverstanden werden kann.

Falsch ist es auch, wenn Eltern ständig in unwesentlichen Dingen den Willen ihrer Kinder unterdrücken. Durch eine solche Behandlung kann wohl das Selbstbewusstsein eines Kindes gebrochen werden, nicht aber sein Wille; und den Eigenwillen zu zügeln, ist doch das Ziel jeder gesunden Erziehung. Ein Kind sollte von der Art und Weise, wie seine Eltern es behandeln, den Eindruck bekommen, dass sie nur sein Bestes suchen, und dass sie ihm nicht etwas verweigern oder untersagen, um seine Freude zu verderben, sondern dass sie auf sein Wohl bedacht sind. Darüber hinaus ist es wichtig, dass jedes einzelne Glied der Familie seine Vorrechte genießt und die auferlegten Pflichten erfüllt. Wenn es nun die Pflicht eines Kindes ist, zu gehorchen, so sind seine Eltern verantwortlich, darauf zu achten, dass diese Pflicht auch erfüllt wird; denn wenn sie vernachlässigt wird, dann müssen andere Glieder der Familie darunter leiden. Ein unartiges und eigenwilliges Kind ist sehr lästig. Ein solches Kind lässt auf eine schlechte Erziehung schließen. Sicherlich sind Kinder sehr verschieden an Gemüt und Geistesanlagen. Es gibt Kinder, die einen besonders starken Willen haben und daher schwierig zu behandeln sind. Aber das mindert in keiner Weise die Verantwortung der Eltern, auf unbedingten Gehorsam zu achten. Wenn Eltern auf Gott rechnen, so wird Er ihnen die nötige Gnade und Kraft schenken. Selbst eine verwitwete Mutter kann mit Zuversicht zu Gott aufblicken, und Er wird sie befähigen, ihren Kindern und ihrem ganzen Haushalt vorzustehen. Es darf in keinem Fall die elterliche Autorität in die Hände eines anderen gelegt werden.

Wie oft lassen sich Eltern durch falsche Zärtlichkeit verleiten, den Eigenwillen ihrer Kinder zu nähren; aber das ist eine Saat auf das Fleisch, und die Ernte wird Verderben sein. Es ist keine echte Liebe, wenn man den Eigenwillen eines Kindes mit Nachsicht behandelt; es dient nicht wirklich dem Glück des Kindes und bereitet ihm auch keine richtige Freude. Ein übermütiges und eigenwilliges Kind ist unglücklich und eine Plage für alle, die mit ihm zu tun haben. Kinder müssen angeleitet werden, an andere zu denken und deren Wohl und Glück zu suchen.

Um Frieden und Eintracht in einer Familie aufrechtzuerhalten, ist es vor allen Dingen nötig, dass „einer den anderen höher achtet als sich selbst“. Wir sind verantwortlich für das Wohl der anderen, die um uns her sind, und nicht für unser eigenes. Wenn alle daran dächten, dann sähe es anders in unseren Häusern aus. Jeder christliche Haushalt sollte den Charakter Gottes widerspiegeln. Ein himmlischer Wesenszug sollte ihn kennzeichnen. Doch wie ist das möglich? Einfach dadurch, dass alle in den Fußstapfen Jesu wandeln und seine Gesinnung offenbaren. Er gefiel nie sich selbst, suchte nie das Seine. Er tat allezeit das, was dem Vater wohlgefiel. Er kam, um zu dienen und zu geben. Er ging umher, „wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren“ (Apg 10,38). So war es stets bei unserem Herrn, dem gnädigen und liebenden Freund all derjenigen, die bedürftig, schwach und bekümmert waren. Wenn die verschiedenen Glieder aller christlichen Familien sich nach diesem vollkommenen Vorbild ausrichteten, so würden wir etwas von der Kraft eines persönlichen und häuslichen Christentums verwirklichen. Die Worte: „du und dein Haus“, enthalten einen Grundsatz, der sich von Anfang bis Ende durch das Wort Gottes zieht. Wir finden zu unserem Trost und unserer Ermunterung, dass in den Tagen der Patriarchen, des Gesetzes und des Christentums eine persönliche und auch häusliche Frömmigkeit Gott sehr wohlgefiel und zur Verherrlichung seines Namens beitrug.

Wir kommen jetzt zu der eindringlichsten Warnung vor dem Götzendienst, einer schrecklichen Sünde, zu der der Mensch in der einen oder anderen Form immer neigt. Um Götzendienst auszuüben, brauchen wir uns nicht vor einem geschnitzten Bild niederzubeugen. Wir sollten daher die ernsten Worte des ehrwürdigen Gesetzgebers überdenken. Sie sind zu unserer Belehrung aufgeschrieben worden.

Der unsichtbare Gott

„Da tratet ihr hinzu und standet unten am Berg; und der Berg brannte im Feuer bis ins Herz des Himmels: Finsternis, Gewölk und Dunkel. Und der HERR redete zu euch mitten aus dem Feuer;“ – wie ganz anders redet Er in dem Evangelium seiner Gnade! – „die Stimme der Worte hörtet ihr, aber eine Gestalt saht ihr nicht – nur eine Stimme“ (V. 11,12). Beachten wir wohl die Worte: „eine Gestalt saht ihr nicht – nur eine Stimme.“ „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort“ (Röm 10,17). „Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch zu tun gebot, die zehn Worte; und er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln. Und mir gebot der HERR in jener Zeit, euch Satzungen und Rechte zu lehren, damit ihr sie tätet“ – das Hauptthema des ganzen fünften Buches Mose, der Gehorsam, ob außer oder – „in dem Land, wohin ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen“ (V. 13–14). Die Warnung vor aller Abgötterei wurde dadurch begründet, dass sie nichts sahen. Gott zeigte sich dem Volk nicht. Er nahm keine sichtbare Gestalt an, wonach sie sich ein Bild hätten machen können. Er gab ihnen sein Wort, seine heiligen Gebote, und zwar so klar, dass ein Kind sie verstehen konnte. Das Volk hatte daher gar nicht nötig, sich ein Bild oder ein Gleichnis von Gott zu machen. Gerade das war die Sünde, vor der sie so ernst gewarnt wurden. Sie waren berufen, die Stimme Gottes zu hören, nicht seine Gestalt zu sehen, seinen Geboten zu gehorchen und nicht ein Bild von ihm zu machen. Der Aberglaube will Gott durch die Erstellung und Anbetung eines Bildes ehren. Der Glaube dagegen nimmt sein Wort auf und gehorcht in Gottesfurcht seinen heiligen Geboten. „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten.“ Das macht alles so einfach und klar. Wir sind nicht berufen, unsere Sinne anzustrengen, um uns eine Vorstellung von Gott zu machen, sondern sollen einfach sein Wort hören und seine Gebote halten. Wir können nur so weit einen Begriff von Gott haben, als Er sich uns offenbart hat. „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). „Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2. Kor 4,6).

Der Herr Jesus war, wie wir im Hebräerbrief lesen, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und der Abdruck seines Wesens. Er konnte sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Der Sohn offenbart also den Vater, und nur durch das Wort und den Heiligen Geist kennen wir etwas von dem Sohn. Jeder Versuch, sich durch Anstrengung des Geistes oder in der Phantasie ein Bild von Gott oder von Christus zu machen, ist daher Abgötterei. Auf einem anderen Weg zur Erkenntnis Gottes und Christi gelangen zu wollen als allein durch die Heilige Schrift, kann uns nur in Verwirrung bringen. Ja, noch mehr, wir begeben uns damit in die Hände Satans, der uns täuscht und verblendet.

So wie Israel nur auf die „Stimme“ Gottes hören sollte, sind auch wir allein auf das Wort Gottes angewiesen und werden eindringlich vor allem gewarnt, was uns davon abziehen will. Wir dürfen in diesem Punkt nicht den Eingebungen unseres eigenen Geistes und auch nicht den Meinungen anderer Gehör schenken. Wir sollen auf nichts anderes hören als auf die Stimme Gottes, die Heilige Schrift. Hier haben wir uneingeschränkte Gewissheit, so dass wir sagen können: „Ich weiß, wem“ – nicht nur was – „ich geglaubt habe, und bin überzeugt, dass er mächtig ist, das ihm von mir anvertraute Gut auf jenen Tag zu bewahren“ (2. Tim 1,12).

Warnung vor Götzendienst

In den folgenden Versen (15–20) wird uns eine wichtige Wahrheit vorgestellt: dass Israel sich selbst erniedrigte und verderben würde, wenn es sich irgendein Bild machte und sich vor ihm niederbeugte. Als das Volk das goldene Kalb gemacht hatte, sprach der Herr zu Mose: „Geh, steige hinab! Denn dein Volk, das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast, hat sich verdorben.“ Es kann nicht anders sein. Der Anbeter nimmt einen geringeren Platz ein als der Gegenstand seiner Anbetung. Wenn Israel daher ein Kalb anbetete, so hatte es sich unter die unvernünftigen Tiere gestellt. „Dein Volk … hat sich verdorben. Sie sind schnell von dem Weg abgewichen, den ich ihnen geboten habe; sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und sich vor ihm niedergebeugt und haben ihm geopfert und gesagt: Das ist sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben“ (2. Mo 32,7.8).

Aber hat das alles auch uns etwas zu sagen? Haben denn auch Christen etwas aus der Sache mit dem goldenen Kalb zu lernen? Ganz gewiss! „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist“ (2. Mo 32 und 5. Mo 4 miteingeschlossen), „ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“ (Röm 15,4). Und wenn es darum geht, ob wir in der Lage sind oder in Gefahr stehen, die schlimme Sünde der Abgötterei zu begehen, so finden wir eine treffende Antwort in 1. Korinther 10, wo der Apostel gerade dieses traurige Schauspiel am Berg Horeb als Warnung für die Versammlung Gottes benutzt.

In den ersten elf Versen von 1. Korinther 10 wird uns deutlich gezeigt, dass es keine Sünde, keine Torheit, keine Form sittlicher Verderbtheit gibt, in die wir nicht hineinstürzen könnten, wenn uns nicht die Macht Gottes zurückhielte. Es gibt keine Sicherheit für uns, außer in dem Schutz der Gegenwart Gottes. Wir wissen, dass der Geist Gottes uns nicht vor etwas warnt, das gar keine Gefahr für uns ist. Das Wort würde uns nicht ermahnen: „Werdet auch nicht Götzendiener“, wenn wir nicht fähig wären, Götzendienst auszuüben. Der Götzendienst nimmt die verschiedensten Formen an. Wir lesen zum Beispiel, dass die Habsucht Götzendienst und dass ein habsüchtiger, geiziger Mensch ein Götzendiener ist. Ein Mensch, der also mehr besitzen will, als Gott ihm gegeben hat, ist ein Götzendiener. Er macht sich tatsächlich der Sünde Israels am Berg Horeb schuldig. Darum sagt der Apostel den Korinthern und damit auch uns: „Meine Geliebten, flieht den Götzendienst!“ (1. Kor 10,14). Ist diese Warnung überflüssig? Was bedeuten die Schlussworte im ersten Brief des Johannes: „Kinder, hütet euch vor den Götzen“? Sagen sie uns nicht deutlich, dass wir in Gefahr sind, in Götzendienst zu verfallen? Ganz gewiss. Wir sind immer geneigt, von dem lebendigen Gott abzuweichen und einen anderen Gegenstand der Verehrung neben ihm aufzustellen, und was ist das anderes als Götzendienst? Was auch immer unser Herz erfüllt, ist ein Abgott, seien es nun die Vergnügungen dieser Welt, sei es Geld, Ehre, Macht oder etwas dergleichen. Daher ist es nicht umsonst, wenn der Heilige Geist uns so oft und so eindringlich vor der Sünde der Abtrünnigkeit warnt.

Eine weitere, sehr bemerkenswerte Stelle finden wir im vierten Kapitel des Briefes an die Galater, wo der Apostel auf diese Dinge Bezug nimmt. Die Galater hatten als Heiden den Götzen gedient, waren dann aber durch das Evangelium von den Götzen bekehrt worden, um dem lebendigen Gott zu dienen. Eine Zeit lang liefen sie gut. Als aber Männer kamen und sie lehrten, dass sie nicht gerettet werden könnten, wenn sie sich nicht beschneiden ließen und das Gesetz hielten, hörten sie auf sie und wurden unsicher. Was sagt nun der Apostel? Er bezeichnet ihr Verhalten eindeutig als Abgötterei, als ein Zurückgehen in die Dunkelheit und die sittliche Verderbtheit ihrer früheren Tage, und das alles, nachdem sie das Evangelium von der freien Gnade in Christus gehört und angenommen hatten. „Aber damals freilich, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind; jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid, wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt? Ihr beobachtet Tage und Monate und Zeiten und Jahre. Ich fürchte um euch, dass ich etwa vergeblich an euch gearbeitet habe“ (Gal 4,8–11).

Die Galater waren nicht in die heidnische Anbetung der Götzen zurückgefallen. Wahrscheinlich hätten sie eine solche Anklage entrüstet zurückgewiesen. Trotzdem fragt sie der Apostel: „… wie wendet ihr euch wieder um?“ Welchen Sinn hatte diese Frage, wenn die Galater nicht im Begriff standen, zum Götzendienst zurückzukehren? Und was lernen wir aus dieser Stelle? Einfach das, dass die Wiedereinführung der Beschneidung und des Gesetzes, die Beobachtung von Tagen, Monaten, Zeiten und Jahren, im Grunde nichts anderes war, als ein Zurückkehren zu ihrer früheren Abgötterei. Das Hervorheben besonderer Tage, wie auch die Anbetung falscher Götter war ein Abweichen von dem lebendigen und wahren Gott, von seinem Sohn Jesus Christus, von dem Heiligen Geist und von all den Wahrheiten, die das Christentum ausmachen.

Das ist für alle Christen von entscheidender Bedeutung. Gott will an allen Orten die Herzen und Gewissen seines Volkes aufrütteln, damit es seine Stellung, seine Gewohnheiten, seine Wege und Verbindungen prüft und untersucht, wie weit es dem Beispiel der Versammlungen in Galatien gefolgt ist. Es kommt ein Tag, an dem Tausenden die Augen geöffnet werden und sie sehen, was diese Dinge im Licht Gottes wert sind. Dann werden sie erkennen, was sie heute nicht erkennen wollen, dass nämlich die gröbste und finsterste Form des Heidentums wieder aufgelebt ist unter dem Namen des Christentums und in Verbindung mit den erhabensten Wahrheiten, die je den menschlichen Verstand erleuchtet haben.

Mose warnt, von Gott selbst belehrt, das Volk sehr vor der Sünde der Abgötterei. Er lässt nichts unversucht, um die Herzen zu erreichen und wiederholt seine Ratschläge und Ermahnungen so eindringlich, dass für sie keine Entschuldigung blieb. Sie konnten nicht sagen, dass sie nicht gewarnt worden waren, bei dem HERRN zu verharren. Denken wir zum Beispiel an die Worte: „Euch aber hat der HERR genommen und euch herausgeführt aus dem eisernen Schmelzofen, aus Ägypten, damit ihr das Volk seines Erbteils seiet, wie es an diesem Tag ist“ (V. 20).

Der HERR hatte sie in seiner unendlichen Gnade aus dem Land der Finsternis herausgeführt und sie als ein erlöstes und befreites Volk zu sich selbst gebracht, damit sie ihm ein Eigentumsvolk sein sollten vor allen Völkern der Erde, ein Gegenstand seiner besonderen Freude und Wonne. Wie hätten sie sich von einem solchen Gott abwenden, wie seinen Bund und seine Gebote übertreten können? Ach, leider haben sie es getan! Sie machten ein Kalb und sprachen: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben“ (2. Mo 32,4).

Sind wir besser als die Israeliten? Wir haben zwar mehr Licht und höhere Vorrechte; aber wir sind aus demselben Stoff gemacht, haben dieselben Neigungen und Veranlagungen. Unser Götzendienst mag eine andere Form haben; aber Götzendienst ist Götzendienst, mag er aussehen und sich nennen, wie er will. Je höher unsere Vorrechte sind, desto größer ist auch unsere Sünde. Wir wundern uns vielleicht, dass das Volk so töricht sein konnte, ein Kalb zu machen und es in lustigem Reigen zu umtanzen. Doch lasst uns nicht vergessen, dass ihre Torheit zu unserer Warnung niedergeschrieben ist und dass wir bei all unserer Erkenntnis, bei all unseren Vorrechten doch nötig haben, vor den Götzen gewarnt zu werden. Lasst uns Nutzen daraus ziehen! Unser ganzes Herz muss von Christus erfüllt sein. Dann haben wir keinen Raum für Götzen. Sobald wir uns aber von unserem teuren Heiland und Hirten entfernen, sind wir zu allen traurigen Dingen fähig. Licht, Erkenntnis, geistliche Vorrechte und kirchliche Stellung geben keine Sicherheit.

Nur die Gewissheit des Glaubens, dass Christus in unserem Herzen wohnt, kann uns sicher und glücklich erhalten. Bleiben wir in ihm und Er in uns, so kann uns der Böse nicht antasten. Wird aber diese persönliche Gemeinschaft unterbrochen, so sind wir den Versuchungen Satans und der Lust unseres Fleisches preisgegeben. Und je höher unsere Stellung ist, desto größer ist die Gefahr für uns und desto verhängnisvoller unser Fall. Es gab kein Volk, das so begünstigt und gesegnet war wie Israel am Berg Horeb, aber auch kein Volk, das sich tiefer erniedrigte und größere Schuld auf sich lud als Israel, als es sich vor dem goldenen Kalb beugte.

Mose darf nicht nach Kanaan

Im 21. und 22. Vers dieses Kapitels erinnert Mose das Volk zum dritten Mal an seine persönliche Sünde und die Folge davon. Er hatte, wie wir betrachtet haben, bereits im ersten und dritten Kapitel davon gesprochen, und jetzt sagt er: „Und der HERR war euretwegen über mich erzürnt, und er schwor, dass ich nicht über den Jordan gehen und nicht in das gute Land kommen sollte, das der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt; denn ich werde in diesem Land sterben, ich werde nicht über den Jordan gehen; ihr aber werdet hinüberziehen und werdet dieses gute Land besitzen.“

Warum spricht Mose dreimal von derselben Sache? Und warum erwähnt er jedes Mal, dass der HERR sich ihretwegen über ihn erzürnt hatte? Bestimmt war es nicht die Absicht Moses, die Schuld von sich auf das Volk zu wälzen. Vielmehr scheint es, dass er dadurch seinen Worten mehr Kraft und seinen Warnungen mehr Ernst geben wollte. Wenn der HERR zornig gewesen war über einen Mann wie Mose und ihm wegen einiger unbedachter Worte am Wasser von Meriba nicht erlaubt wurde, in das Land der Verheißung einzugehen – so brennend er es auch wünschte –, wie viel nötiger war es für sie, auf der Hut zu sein! Es ist ohne Zweifel ein gesegnetes Vorrecht, mit Gott in Verbindung zu stehen, zugleich aber ist es sehr ernst. Mose ist dafür ein Beispiel.

Die Züchtigung Gottes

Eine Bestätigung für diesen Beweggrund Moses scheint auch aus den Worten hervorzugehen: „Hütet euch, dass ihr nicht des Bundes des HERRN, eures Gottes, vergesst, den er mit euch geschlossen hat, und euch ein geschnitztes Bild macht, ein Gleichnis von irgendetwas, dass der HERR, dein Gott, dir verboten hat. Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer, ein eifernder Gott!“ (V. 23.24).

Wie ernst reden diese Worte zu uns! Lasst uns nicht versuchen, durch eine falsche Vorstellung von der Gnade die Heiligkeit Gottes abzuschwächen und den ernsten Ermahnungen des Wortes dadurch die Spitze abzubrechen, dass wir sagen: „Gott ist ein verzehrendes Feuer für die Welt.“ Ohne Zweifel wird Er das einmal für sie sein, heute aber handelt Er noch in Gnade und Geduld mit ihr. Der Apostel Petrus sagt uns: „Denn die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes, wenn aber zuerst bei uns, was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen!“ (1. Pet 4,17). Weiter lesen wir in Hebräer 12,29: „Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ Es wird hier nicht gesagt, was Gott einst für die Welt sein wird, sondern was Er jetzt für uns ist.

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer, ein eifernder Gott, und zwar, um das Böse aus uns und aus unseren Wegen zu entfernen. Er kann nichts in uns dulden, was ihm und seiner Heiligkeit und damit auch unserem echten Glück und unserem wirklichen und bleibenden Segen im Weg steht. Als der „heilige Vater“ handelt Er so mit uns, wie es seiner selbst würdig ist. Er züchtigt uns, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Der Welt erlaubt Er jetzt, ihre eigenen Wege zu gehen, und befasst sich nicht öffentlich mit ihr. Aber Er richtet sein Haus, Er züchtigt seine Kinder, damit sie völliger seinen Gedanken entsprechen und seinen Charakter darstellen. Ist das nicht ein gewaltiges Vorrecht? Ja wirklich, ein Vorrecht, das in der unendlichen Gnade unseres Gottes begründet ist. Er beschäftigt sich mit uns und ist an allem interessiert, was uns angeht. Er selbst befasst sich mit unseren Schwachheiten, Fehlern und Sünden, um uns davon zu befreien und an seiner Heiligkeit teilhaben zu lassen.

Der Anfang von Hebräer 12 behandelt in sehr verständlicher Weise denselben Gegenstand (Heb 12,5–11).

Wir können des Herrn Züchtigung auf dreierlei Weise aufnehmen: Wir können sie „gering achten“, sie als etwas Unangenehmes ansehen, das jedem passieren kann, und erkennen dann nicht die Hand Gottes darin. Zweitens können wir unter der Züchtigung „ermatten“, sie für unerträglich halten und für etwas, das über unsere Kräfte geht. Dann erkennen wir nicht die gnädigen Absichten des Vaters, der uns an seiner Heiligkeit teilhaben lassen will. Drittens können wir „durch sie geübt“ werden. Das ist der Weg, um dann „die friedsame Frucht der Gerechtigkeit“ zu ernten. Wir sollten nichts „gering achten“, worin wir die Spuren des Handelns und der Absichten Gottes sehen können. Wir brauchen nicht in einer Prüfung zu „ermatten“, in der wir das Herz eines liebenden Vaters erkennen. Er wird nie erlauben, dass wir scheitern. Der Herr befiehlt uns in Johannes 17 der Fürsorge des „heiligen Vaters“ an, damit Er uns in seinem Namen und in allem, was dieser Name in sich schließt, bewahren solle. Wir können sicher sein, dass jede Züchtigung ein Beweis seiner Liebe ist und eine Antwort auf dieses Gebet.

Wir können uns also der Züchtigung Gottes unterwerfen, uns ergeben oder aber uns darüber freuen. Diese drei Haltungen können wir einnehmen. Wo der eigene Wille gebrochen ist, da ist Unterwerfung. Kennt man die Absicht der Züchtigung Gottes, so findet sich stille Ergebenheit. Ist jedoch wirkliche Zuneigung zum Vater vorhanden, dann erfüllt Freude das Herz. Man zieht dann fröhlich seinen Weg weiter und erntet die friedsame Frucht der Gerechtigkeit zum Preis dessen, der es sich in seiner unergründlichen Liebe zur Aufgabe gemacht hat, für uns zu sorgen.

Wer diese Zusammenhänge versteht, gewinnt daraus Kraft für Prüfungen und Übungen. Wir sind in der Hand Gottes, dessen Liebe unendlich, dessen Weisheit unfehlbar, dessen Macht unbegrenzt ist und dessen Mittel zur rechtzeitigen Hilfe unerschöpflich sind. Warum sollten wir also jemals niedergeschlagen sein? Wenn Er uns züchtigt, so geschieht es, weil Er uns liebt und unser Bestes sucht. Wir mögen die Züchtigungen für schwer und bitter halten oder fragen, wie denn die Liebe uns solche Schmerzen und Leiden auferlegen kann. Doch wir dürfen daran denken, dass die göttliche Liebe weise und treu ist und dass sie uns Krankheit und Betrübnis nur zu unserem Nutzen und zu unserem Segen auferlegt. Wir beurteilen die Liebe sehr oft falsch. Warum legt zum Beispiel eine Mutter ihrem Kind, das sie liebt, ein Zugpflaster auf? Sie weiß, dass dieses Pflaster ihrem Kind Schmerzen verursachen wird, und doch legt sie es auf. Sie weiß, dass es notwendig ist. Sie weiß vielleicht auch, dass, menschlich gesprochen, das Leben ihres Kindes davon abhängt, und dass nach kurzem Schmerz die Gesundheit wiederkehren wird. Während das Kind mit den vorübergehenden Schmerzen beschäftigt ist, denkt die Mutter an das Wohl ihres Lieblings. Könnte das Kind die Gedanken der Mutter lesen, so wären die Schmerzen, die das Pflaster verursacht, nicht halb so schlimm.

Genauso ist es im Blick auf die Erziehungsweise unseres Vaters mit uns. Wenn wir das immer im Gedächtnis behielten, so würden wir leicht alles, was Er uns auferlegt, ohne Klagen ertragen. Wenn wir ein geliebtes Kind Gottes oder einen treuen Knecht des Herrn jahrelang unter schweren Leiden sehen, so mögen wir fragen, warum das so ist. Vielleicht ist der Leidende selbst nahe daran, unter der Last seines Leidens zusammenzubrechen. Vielleicht ruft er aus: „Warum muss ich so leiden? Kann das Liebe sein? Ist das die liebevolle Fürsorge des Vaters?“ Doch der Glaube antwortet: „Ja, das ist alles Liebe. Ich weiß, dass diese vorübergehenden Leiden eine ewige Segnung für mich bewirken. Ich weiß, dass mein liebender Vater mich durch diese Trübsal gehen lässt, um mich von den Schlacken zu reinigen und in mir sein Bild deutlicher hervorzubringen. Ich weiß, dass die göttliche Liebe das Beste für mich tut und dass daher auch das schwere Leiden am besten für mich ist. Ich weiß, dass mein Vater selbst am Schmelztiegel sitzt, um in seiner unendlichen Gnade und Geduld den Reinigungsprozess zu überwachen, und dass Er mich sogleich herausnehmen wird, wenn das Werk getan ist.“

Das ist der richtige Weg und der rechte Geist, in dem wir durch jede Züchtigung hindurchgehen sollten, mag sie nun in körperlichen Leiden, im Verlust geliebter Angehöriger, unseres Besitzes oder in niederdrückenden Umständen anderer Art bestehen. Entdecken wir in allem die liebende Hand unseres Gottes und die Spuren seiner Treue und Fürsorge für uns, so können wir inmitten der Trübsale überwinden und Gott verherrlichen. Jede Unzufriedenheit weicht dann. Unsere Herzen werden mit Ruhe und Frieden erfüllt und unser Mund wird loben und anbeten können.

In den verbleibenden Versen dieses Kapitels wendet sich der treue Knecht Gottes in Liebe mit Warnungen und Bitten an die Gewissen seiner Zuhörer, um ihnen von neuem die Notwendigkeit eines unbedingten Gehorsams vorzustellen. Wenn er sie an den eisernen Ofen Ägypten erinnert, aus dem der HERR sie in seiner Gnade errettet hatte, wenn er bei den mächtigen Zeichen und Wundern verweilt, die Gott getan hatte, wenn er ihren Blick auf die Herrlichkeit des Landes lenkt, in das sie kommen sollten, wenn er endlich die wunderbare Handlungsweise Gottes mit ihnen während der Wüstenreise schildert, so geschieht das alles nur mit der Absicht, die Ansprüche des HERRN auf ihren Gehorsam zu begründen. Die Schilderung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollte dazu dienen, in ihren Herzen eine völlige Hingabe an ihren Erretter zu bewirken. Sie hatten wirklich alle Ursache, zu gehorchen, und keine Entschuldigung rechtfertigte ihren Ungehorsam. Ein Rückblick auf ihre Geschichte, von Anfang bis Ende, konnte tatsächlich den Ermahnungen und Warnungen Moses eine überzeugende Kraft verleihen.

Die Zukunft Israels

Besonders ernst sind die Verse 23–28. Himmel und Erde wurden zu Zeugen aufgerufen. Und doch, wie bald hatten sie alles vollständig vergessen! Aber wie genau sind auch die angekündigten schweren Gerichte an dem Volk erfüllt worden. Trotzdem gibt es, Gott sei Dank, auch eine schönere Seite dieses düsteren Gemäldes, und Mose ist sehr bemüht, sie dem Volk vorzustellen. „Aber“, sagt er, „ihr werdet von dort den HERRN, deinen Gott, suchen; und du wirst ihn finden, wenn du mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele nach ihm fragen wirst“. Welche Gnade! „In deiner Bedrängnis“ – das ist die Zeit, in der man erfährt, wer Gott ist – „und wenn alle diese Dinge dich treffen werden am Ende der Tage, wirst du umkehren zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen. Denn ein barmherziger Gott ist der HERR, dein Gott; er wird dich nicht lassen und dich nicht verderben und wird den Bund deiner Väter nicht vergessen, den er ihnen geschworen hat“ (V. 29–31).

Gott erlaubt uns hier einen Blick in die Zukunft Israels zu werfen. Er zeigt uns ihr Abweichen von ihm und die daraus folgende Zerstreuung unter die Nationen, das Ende ihrer politischen Selbständigkeit und das Verschwinden ihrer nationalen Bedeutung. Doch es gibt, Gott sei gepriesen, etwas, das über all diesen Fehlern und Sünden, dem Verfall und dem Gericht steht. Blicken wir auf das Ende der traurigen Geschichte Israels, so begegnen wir heute der Entfaltung der Gnade, Güte und Treue des HERRN, des Gottes ihrer Väter. Wir können die Wege Gottes mit seinem irdischen Volk von zwei Seiten aus betrachten: von der geschichtlichen und der prophetischen. Die Geschichte zeigt den völligen Verfall des Volkes. Die Prophezeiung dagegen entfaltet eine herrliche Wiederherstellung. Israels Vergangenheit ist düster und traurig. Wir sehen darin die Verhaltensweise des Menschen. Sie zeigt deutlich, was der Mensch ist. Die Prophezeiungen aber zeigen uns das Handeln Gottes. Wenn wir beides im Auge behalten, verstehen wir die Geschichte dieses merkwürdigen Volkes, „das geschleppt und gerupft ist“, eines Volkes, „wunderbar, seitdem es ist und weiterhin“ (Jes 18,7).

Endgültige Erfüllung von Gottes Verheißungen

Wir verzichten an dieser Stelle auf weitere Zitate, um diese Anschauung über Israels Vergangenheit und Zukunft zu beweisen. Wir möchten nur die Aufmerksamkeit auf dieses interessante Thema lenken. Wie lebendig und treffend wird die Vergangenheit Israels in den wenigen Worten geschildert: „Wenn du Kinder und Kindeskinder zeugen wirst und ihr euch im Land eingelebt habt und ihr euch verderbt und euch ein geschnitztes Bild macht, ein Gleichnis von irgendetwas, und tut, was böse ist in den Augen des HERRN, deines Gottes, um ihn zu reizen …“ (V. 25). Die ganze Geschichte Israels ist hier in einem Satz zusammengefasst: „Sie haben Böses getan in den Augen des HERRN, deines Gottes, ihn zu reizen.“ Das eine Wort „Böses“ umfasst alles, von dem goldenen Kalb am Horeb bis zu dem Kreuz auf Golgatha. Wie schrecklich hat sich der Fluch des HERRN erfüllt! Israel ist ein fortwährendes Denkmal der unveränderlichen Wahrheit Gottes. Nicht ein einziges Strichlein von dem ist ausgefallen, was Gott zu ihnen gesprochen hatte. Das Volk ist vertrieben worden aus dem Land, in das sie einst über den Jordan eingezogen waren, um es zu besitzen. Ihre Tage sind „nicht verlängert, sondern gänzlich vertilgt“ (26) worden. Der HERR hat sie „unter die Völker zerstreut“, und übrig geblieben ist „ein zählbares Häuflein unter den Nationen“ (V. 27), wohin der HERR sie geführt hat.

Genau das ist eingetroffen. Israels Vergangenheit und Gegenwart bezeugen gleichermaßen die Wahrheit des Wortes Gottes. Und wenn das bei der Vergangenheit und der Gegenwart so ist, sollte für die Zukunft Israels eine andere Regel gelten? Sowohl die Geschichte als auch die Prophezeiungen sind beide durch denselben Geist aufgezeichnet worden. Wie uns die Geschichte Israels seine Sünde und Zerstreuung berichtet, so weissagen die Propheten von der Buße und Wiederherstellung des Volkes. Für den Glauben ist beides eine Tatsache. So unbestritten wie Israel damals gesündigt hat und jetzt zerstreut ist, so gewiss wird es in Zukunft Buße tun und wiederhergestellt werden. Außer Jona, der allein einen Auftrag an die Nationen hatte, haben alle Propheten von Jesaja bis Maleachi die herrliche Zukunft des Volkes Israel vorausgesagt. Wir überlassen es jedoch dem Leser, die entsprechenden Stellen zu diesem Thema aufzusuchen, und weisen besonders hin auf die letzten Kapitel des Propheten Jesaja.

Hier wird sehr ausführlich behandelt, was der Apostel Paulus mit den Worten ausdrückt: „… und so wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11,26). Alle Propheten stimmen damit überein, und die Lehre des Neuen Testaments steht in völligem Einklang mit den Aussagen der Propheten. Wenn man die Wahrheit von der Wiederherstellung Israels in dem Land Palästina sowie seine zukünftige Segnung unter der Regierung seines Messias infrage stellt, so tut man dem Zeugnis der Apostel und Propheten, die durch die Inspiration des Heiligen Geistes geredet und geschrieben haben, Gewalt an.

Kann ein aufrichtiger Christ eine so deutliche Wahrheit bezweifeln? Ja, es kommt vor. Vielfach werden Gottes Verheißungen an die alttestamentlichen Väter auf die Versammlung angewendet. Aber man darf sie nicht auf andere anwenden, als auf die, denen sie gegeben wurden. Wir können uns an den Verheißungen erfreuen und auch Trost und Ermunterung aus ihnen schöpfen. Aber das ist etwas anderes, als Prophezeiungen und Verheißungen auf die Versammlung oder die Gläubigen der neutestamentlichen Zeit anzuwenden, die nach den eindeutigen Belehrungen der Schrift nur auf Israel, auf die Nachkommen Abrahams nach dem Fleisch Bezug haben.

Die Anwendung auf die Versammlung ist den Gedanken Gottes entgegengesetzt. Obwohl die meisten Christen mit den Worten des Apostels in Römer 11 vertraut sind, werden sie doch nur wenig verstanden. Anknüpfend an den Ölbaum der Verheißung, sagt Paulus: „Auch jene (das Volk Israel) aber, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden! Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird;4und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: ‚Aus Zion wird der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde!' Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde, um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar. Denn wie ihr einst Gott nicht geglaubt habt, jetzt aber unter die Begnadigung gekommen seid durch deren Unglauben, so haben auch jetzt diese an eure Begnadigung nicht geglaubt, damit auch sie unter die Begnadigung kommen.“ Das heißt, dass sie anstatt aufgrund des Gesetzes oder der fleischlichen Abstammung unter die Begnadigung zu kommen, einfach aufgrund der unumschränkten Gnade hineinkommen werden, gerade wie die Heiden. „Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, um alle zu begnadigen“ (Röm 11,23–32).

Hier endet der Teil des Briefes, in dem der Apostel die göttlichen Geheimnisse über Israel mitgeteilt hat. Die überströmenden Gefühle seines Herzens drückt er in den herrlichen Worten aus: „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm“, als der Quelle, „und durch ihn“, als dem Kanal, „und für ihn“, als dem Gegenstand, „sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,33–36).

Dieser Abschnitt, ja, die ganze Heilige Schrift steht in vollkommener Übereinstimmung mit den Belehrungen des vierten Kapitels des fünften Buches Mose. Israels gegenwärtiger Zustand ist die Folge seines Unglaubens, seine zukünftige Herrlichkeit wird die Frucht der reichen, unumschränkten Gnade Gottes sein.

In den dann folgenden Versen (31–36) wird der Zweck aller Wege und Handlungen Gottes mit Israel dargelegt. Das Volk sollte erkennen, dass der HERR der einzig wahre und lebendige Gott war, und dass kein anderer neben ihm sein konnte. Es ist der Vorsatz Gottes, dass Israel auf der Erde ein Zeugnis für ihn sein soll. Israel wird das mit Sicherheit einmal sein, wenn es auch bis heute in trauriger Weise abgewichen ist. Nichts kann Gott hindern, seine Vorsätze auszuführen. Sein Bund steht ewig fest. Israel wird in Zukunft ein gesegnetes und wirkungsvolles Zeugnis auf der Erde sein und ein Kanal reicher Segnungen für alle Völker. Der HERR hat sein Wort hierfür als Pfand gesetzt, und keine Macht der Erde und der Hölle kann ihn hindern, alles vollkommen zu erfüllen, was Er vorausgesagt hat. Seine Herrlichkeit ist mit der zukünftigen Segnung Israels eng verbunden. Würde etwas fehlen an dem, was Er vorausgesagt hat, so würde Er verunehrt werden; das wäre eine Gelegenheit für den Feind, ihn zu lästern.

Die Liebe Gottes zu den Vorvätern

Es gibt in diesem Kapitel noch eine andere Wahrheit, die sehr interessant ist. Nicht allein die Herrlichkeit des HERRN ist mit der Wiederherstellung und Segnung des Volkes Israel verbunden, sondern auch seine Liebe, wie das aus den zu Herzen gehenden Worten zu ersehen ist: „Und weil er deine Väter geliebt und ihre Nachkommen nach ihnen erwählt hat, hat er dich mit seinem Angesicht, mit seiner großen Kraft aus Ägypten herausgeführt, um Nationen vor dir zu vertreiben, größer und stärker als du, um dich hinzubringen, damit er dir ihr Land als Erbteil gebe, wie es an diesem Tag geschieht“ (V. 37.38).

So sind die Wahrheit des Wortes Gottes, die Herrlichkeit seines Namens und seine Liebe alle beteiligt an seinem Handeln mit den Nachkommen Abrahams, seines Freundes. Obwohl Israel sein Gesetz gebrochen, seine Gnade verachtet, seine Propheten verworfen, seinen Sohn gekreuzigt und seinem Geist widerstrebt hat und als Folge davon aus dem Land vertrieben und über die ganze Erde zerstreut wurde und durch nie da gewesene Trübsal gehen muss, wird doch der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in der zukünftigen Geschichte seines irdischen Volkes seinen Namen verherrlichen, sein Wort erfüllen und seine unveränderliche Liebe offenbaren.

Gehorsam als Antwort auf Gottes Liebe

„So erkenne denn heute und nimm zu Herzen, dass der HERR der Gott ist im Himmel oben und auf der Erde unten, keiner sonst. Und halte seine Satzungen und seine Gebote, die ich dir heute gebiete, damit es dir und deinen Kindern nach dir wohl ergehe, und damit du deine Tage verlängerst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir für immer gibt“ (V. 39.40).

Wir sehen hier, dass Gottes Ansprüche an den Gehorsam ihrer Herzen sich auf die Art und Weise, wie Gott sich dem Volk offenbart hat, und auf seine Wege mit dem Volk, gründen. Sie waren verpflichtet zu gehorchen, trotz aller Gegenargumente, die in ihren Herzen aufsteigen mochten. Der Gott, der sie mit starker Hand und erhobenem Arm aus Ägypten herausgeführt und ihnen einen Weg durch die Fluten des Roten Meeres geöffnet hatte, der ihnen Brot vom Himmel sandte und Wasser aus dem Felsen hervorkommen ließ – alles zur Verherrlichung seines Namens, und weil Er ihre Väter liebte –, dieser Gott hatte sicherlich ein Anrecht darauf, dass sie ihm von ganzem Herzen gehorchen, wie viel mehr wir! Wenn der Grund für ihren Gehorsam und die Gegenstände ihres Glaubens so zwingend waren, wie viel mehr sind es die unseren! Lasst uns immer daran denken, dass wir nicht uns selbst gehören, sondern für einen Preis erkauft worden sind mit dem kostbaren Blut Christi. Suchen wir für ihn zu leben? Ist seine Verherrlichung der erste Gedanke unserer Herzen? Ist seine Liebe das, was uns treibt? Oder leben wir für uns selbst? Suchen wir in der Welt voranzukommen, in einer Welt, die unseren Herrn und Heiland verworfen und gekreuzigt hat? Sind wir nur darauf aus, Geld zu verdienen? Lieben wir das Geld um seiner selbst willen und um der Dinge willen, die wir davon kaufen können? Bestimmt das Geld unser Handeln? Suchen wir nach einer angesehenen Stellung in dieser Welt für uns und für unsere Kinder? Lasst uns unsere Herzen mit allem Ernst prüfen, in der Gegenwart Gottes und in dem Licht seiner Wahrheit, was unsere Ziele sind, was für uns Wirklichkeit ist, was unser Handeln bestimmt, woran wir hängen und wonach unsere Herzen verlangen.

Das sind herzerforschende Fragen, denen wir nicht ausweichen wollen. Wir wollen diese Fragen im Licht des Richterstuhls Christi überdenken. Unsere Zeit ist von einem beschrieben worden, der nie übertreibt, sondern Menschen und Dinge so darstellt, wie sie wirklich sind.

Angriffe gegen die Bücher Mose

Der zweite Brief an Timotheus zeichnet ein sehr düsteres Bild von dem Zustand der bekennenden Christenheit in unseren Tagen. Wie in 1. Timotheus 4 dem Aberglauben, so begegnen wir hier der krassen Form des Unglaubens. Beide Elemente sind um uns herum wirksam; doch der Unglaube wird bald vorherrschend sein, weil er in erschreckendem Maß zunimmt. Selbst die Lehrer der Christenheit scheuen sich heute nicht mehr, die Grundlagen des Christentums anzugreifen. Gar mancher von ihnen ist schamlos und frech genug, die Echtheit der fünf Bücher Mose und damit der ganzen Bibel infrage zu stellen, denn gewiss, wenn der Pentateuch nicht inspiriert ist, so stürzt das ganze Gebäude der Heiligen Schrift zusammen. Die Schriften Moses sind so eng mit den übrigen Teilen des göttlichen Buches verbunden, dass, wenn sie angetastet werden, alle dahinfallen. Wenn Mose, der Knecht Gottes, nicht vom Heiligen Geist inspiriert war, die fünf ersten Bücher der Bibel zu schreiben, so haben wir kein Fundament für unseren Glauben. Jede göttliche Autorität ist dahin, und wir haben nichts mehr, worauf wir bauen können. Die Pfeiler des Christentums sind dann umgestürzt, und unser Weg führt in hoffnungslose Verwirrung, mitten in widersprüchliche Meinungen ungläubiger Gelehrter, die die Inspiration leugnen.

Erscheint dir das zu streng, mein Leser? Glaubst du, man könne denen, die die Inspiration der fünf Bücher Mose leugnen, glauben und zugleich an der göttlichen Eingebung der Psalmen, der Propheten und des Neuen Testaments festhalten? Der Herr sagt einmal zu den Juden: „Meint nicht, dass ich euch bei dem Vater verklagen werde; da ist einer, der euch verklagt, Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Moses glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“ (Joh 5,45–47).

Wie bedeutsam sind diese Worte! Wer nicht an die Schriften Moses glaubt, der glaubt auch nicht an das Wort Christi und kann daher keinen gottgewirkten Glauben haben. Er ist überhaupt kein Christ.

Doch es gibt noch andere Stellen, die die göttliche Inspiration dieser fünf Bücher klar beweisen. Ich denke an die Stelle, wo der auferstandene Heiland die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus zurechtweist: „O ihr Unverständigen und trägen Herzens, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und von Moses und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf.“ Und zu den Elfen und zu denen, die bei ihm waren, sprach Er: „Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen“ (Lk 24,25–27.44).

Wir sehen also, dass der Herr Jesus das Gesetz in unmissverständlicher Weise als einen Teil des ganzen inspirierten Kanons anerkennt und so fest mit allen anderen Teilen des göttlichen Buches verbindet, dass es unmöglich ist, die Echtheit eines Teiles anzuzweifeln, ohne die Inspiration des Ganzen zu leugnen. Wenn Mose nicht mehr glaubhaft ist, so sind es auch die Propheten und die Psalmen nicht mehr. Sie stehen oder fallen miteinander. Aber das ist noch nicht alles. Entweder müssen wir den göttlichen Ursprung der fünf Bücher Mose anerkennen oder den Schluss, ziehen, der Herr Jesus habe einen Satz aus einem unechten Schriftstück kraft seiner Autorität bestätigt. Es gibt zwischen diesen beiden Dingen keinen Mittelweg.

Wir weisen noch hin auf eine weitere Stelle, und zwar aus dem Gleichnis von dem reichen Mann und dem armen Lazarus. Sie ist in diesem Zusammenhang sehr interessant. „Abraham aber spricht zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten; mögen sie auf diese hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht, so werden sie Buße tun. Er sprach aber zu ihm: Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht“ (Lk 16,29–31).

Denken wir dann noch an die Gelegenheit, wo der Herr in seinem Kampf mit Satan in der Wüste ihm nur mit Stellen aus den Schriften Moses antwortete, so haben wir nicht allein einen schlagkräftigen Beweis für die göttliche Eingebung der Schriften Moses, sondern es ist damit auch klar bewiesen, dass der Mensch, der die Echtheit der ersten fünf Bücher der Bibel infrage stellt, überhaupt keinen festen Grund für seinen Glauben haben kann.

Lasst uns deshalb treu an dem Wort Gottes festhalten! Lasst uns dieses Wort in unsere Herzen einschließen und es immer mehr unter Gebet erforschen. Nur so bleiben wir bewahrt vor den verderblichen Einflüssen des Zweifels und des Unglaubens. Unsere Seele wird durch die reine Milch des Wortes genährt und erquickt und bleibt beständig unter dem Schutz der Gegenwart Gottes. Das ist es, was wir brauchen.

Bevor wir die Betrachtung des vierten Kapitels abschließen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf den Bericht über die drei Zufluchtsstätten werfen.

Drei Zufluchtsstädte östlich des Jordan

„Damals sonderte Mose drei Städte diesseits des Jordan aus, gegen Sonnenaufgang, damit ein Totschläger dahin fliehe, der seinen Nächsten unabsichtlich erschlagen hat, und er hasste ihn vordem nicht – damit er in eine von diesen Städten fliehe und am Leben bleibe: Bezer in der Wüste, im Land der Ebene, für die Rubeniter, und Ramot in Gilead für die Gaditer, und Golan in Basan für die Manassiter“ (V. 41–43).

Die Gnade Gottes ist immer weitaus größer als alle menschlichen Schwachheiten und Fehler. Dadurch, dass die zweieinhalb Stämme sich ihr Erbe östlich des Jordan wählten, hatten sie sich selbst des eigentlichen Erbteils des Volkes Gottes beraubt. Das Erbteil Gottes war auf der anderen Seite des Todesstromes. Aber ungeachtet dieses Fehlers wollte Gott in seiner reichen Gnade einen armen Totschläger in seiner Not nicht ohne Zuflucht lassen. Wenn der Mensch auch nicht die Höhe der Gedanken Gottes erreichen kann, so kann doch Gott hinuntersteigen zu den Tiefen der menschlichen Bedürfnisse. Sein Segen besteht hier darin, dass Er den zweieinhalb Stämmen genauso wie allen übrigen Stämmen, die im Land Kanaan wohnten, die gleiche Anzahl Zufluchtsstädte gibt.

Das war wirklich eine große Gnade. Wie ganz anders würde ein Mensch gehandelt haben! Hätte Gott in gesetzlicher Weise mit den zweieinhalb Stämmen gehandelt, so hätte Er zu ihnen sagen müssen: „Wenn ihr euer Erbteil außerhalb der göttlichen Grenzen erwählt, wenn ihr mit weniger zufrieden seid als mit Kanaan, dem Land der Verheißung, so könnt ihr nicht erwarten, die Segnungen und Vorrechte dieses Landes zu genießen. Die Vorzüge Kanaans müssen auf Kanaan beschränkt bleiben. Eure Totschläger müssen versuchen, über den Jordan zu kommen, um dort eine Zufluchtsstätte zu finden.“ Doch die Gnade spricht und handelt anders. Es wäre schon eine bewunderungswürdige Gnade gewesen, wenn die zweieinhalb Stämme eine einzige Zufluchtsstadt bekommen hätten. Allein unser Gott tut immer viel mehr, als wir erbitten oder erdenken können. Daher wurde der verhältnismäßig kleine Bezirk östlich des Jordan von Gott genauso versorgt wie das ganze Land Kanaan. Beweist das, dass die zweieinhalb Stämme richtig gehandelt hatten? Nein, sondern es beweist, dass Gott gütig ist, trotz aller unserer Schwachheit und Torheit. Hätte Er einen armen Totschläger im Land Gilead ohne Zuflucht lassen können? Nein, Gott wollte sich verherrlichen. Wir lesen in Jesaja 46,13: „Ich habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht.“ Er sorgte dafür, dass die Zufluchtsstätte für den Totschläger „nahe“ war. Er wollte, dass seine reiche, überströmende Gnade dem Bedürftigen gerade an dem Ort zukam, wo er sich aufhielt. So handelt unser Gott stets, gepriesen sei sein heiliger Name ewiglich!

„Und dies ist das Gesetz, das Mose den Kindern Israel vorlegte; dies sind die Zeugnisse und die Satzungen und die Rechte, die Mose zu den Kindern Israel redete, als sie aus Ägypten zogen, diesseits des Jordan, im Tal, Beth-Peor gegenüber, im Land Sihons, des Königs der Amoriter, der in Hesbon wohnte, den Mose und die Kinder Israel schlugen, als sie aus Ägypten zogen. Und sie nahmen sein Land in Besitz, und das Land Ogs, des Königs von Basan, das Land der zwei Könige der Amoriter, die diesseits des Jordan waren, gegen Sonnenaufgang; von Aroer, das am Ufer des Baches Arnon ist, bis an den Berg Sion, das ist der Hermon; und die ganze Ebene diesseits des Jordan, gegen Sonnenaufgang, und bis an das Meer der Ebene unter den Abhängen des Pisga“ (V. 44–49).

Hiermit schließt die wunderbare Ansprache. Es ist die Freude Gottes, die Grenzen seines Volkes zu bestimmen und bei den kleinen Dingen zu verweilen, die in Verbindung mit der Geschichte des Volkes stehen. Er nimmt mit liebendem Interesse teil an allem, was sie betrifft, an ihren Kämpfen, Siegen, Besitzungen und Landesgrenzen. Auch bei den kleinen Dingen verweilt Er mit Teilnahme und erfüllt durch diese Gnade und Herablassung die Herzen mit Bewunderung, Dank und Anbetung. Der Mensch, in seiner Selbstüberhebung, hält es für unter seiner Würde, sich mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, aber unser Gott zählt die Haare auf unserem Haupt und kennt jede unserer Sorgen, jeden Kummer und jedes Bedürfnis. Es ist nichts zu klein für seine Liebe und nichts zu groß für seine Macht. Es gibt nicht einen einzigen, noch so unbedeutenden Umstand unseres Lebens, um den Er sich nicht kümmert.

Wir denken leider wenig daran, dass unser Vater an allen unseren kleinen Sorgen und Kümmernissen Anteil nimmt und dass wir zu ihm gehen dürfen mit allem, was uns bewegt und uns bedrückt! Wir denken oft, solche Kleinigkeiten seien zu gering für den Hohen und Mächtigen, der die Himmel bewohnt und über dem Erdkreis thront. Doch wie sehr werden wir dadurch unschätzbarer Segnungen in unserem täglichen Leben beraubt. Wir wollen daran denken, dass für unseren Gott die großen und die kleinen Dinge gleich sind. Er erhält das Weltall durch die Macht seines Wortes, und Er nimmt Kenntnis von dem Sperling, der vom Dach herunterfällt. Es ist für ihn nicht schwerer, eine Welt zu erschaffen, als für eine arme Witwe eine Mahlzeit zu bereiten. Die Größe seiner Macht und die Herrlichkeit seiner Regierung wie die liebevolle Fürsorge seines Herzens für die Kinder Gottes rufen in gleicher Weise unsere Bewunderung und Anbetung wach.

Fußnoten

  • 1 Das Sendschreiben Christi an die Gemeinde in Laodizea auf den Zustand des Sünders anzuwenden, ist nicht richtig. Es handelt sich hier nicht um den Zustand eines einzelnen Sünders. Christus klopft nicht an die Herzenstür eines Sünders, sondern an die Tür der bekennenden Christenheit. Wie ernst ist diese Tatsache im Blick auf die Versammlung! Wo ist sie hingekommen? Christus steht außerhalb. Aber Er klopft an, Er bittet um Einlass. Er wartet in Geduld und unveränderlicher Liebe und ist bereit, da einzukehren, wo sich noch ein Herz findet, das ihm öffnen will. „Wenn jemand!“ In Sardes konnte Er noch bestimmt von einigen wenigen Getreuen reden, hier aber in Laodizea ist es zweifelhaft, ob Er wohl einen finden wird. Aber wenn auch nur einer da ist, Er will zu ihm kommen und das Abendbrot mit ihm essen.
  • 2 Es besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen den „Geboten“ und dem „Wort“ des Herrn. Die Gebote fordern, was wir tun sollen, das Wort aber ist mehr der Ausdruck der Gedanken und der Gesinnung des Herrn. Wenn ich meinem Kind ein Gebot gebe, so verlange ich Gehorsam, und wenn es mich liebt, wird es mit Freuden gehorchen. Wenn ich aber einen Wunsch äußere, ohne dass ein ausdrückliches Gebot hinzugefügt wird, so freue ich mich weitaus mehr, wenn es hingeht und tut, was ich wünsche. Sollten wir nicht auch versuchen, das Herz des Herrn Jesus zu erfreuen? Sollten wir uns nicht „beeifern, ihm wohlgefällig zu sein“ (2. Kor 5,9)? Er hat uns vor Gott angenehm gemacht. Sollten wir nicht auf jede Weise suchen, ihm zu gefallen? Er hat seine Freude an einem Gehorsam, der aus der Liebe entspringt. Einen solchen Gehorsam brachte Er selbst dem Vater dar. „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“ (Ps 40,9). „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“ (Joh 15,10).
  • 3 Wir reden nicht von Übersetzungen, sondern von dem Urtext, so wie Gott uns ihn gegeben hat, von seiner eigenen, vollkommenen Offenbarung.
  • 4 Wir möchten noch auf den Unterschied aufmerksam machen, der zwischen „der Vollzahl der Nationen“ in Römer 11 und „den Zeiten der Nationen“ in Lukas 21 besteht. Die Vollzahl der Nationen sind diejenigen, welche zurzeit in der Versammlung gesammelt werden. Der Ausdruck „Zeiten der Nationen“ bezeichnet dagegen die Obe rherrschaft der Nationen, die mit Nebukadnezar begann und bis zu der Zeit währen wird, wo der Stein, „losgerissen ohne Hände“, in zermalmender Kraft auf das „große Bild“ fallen wird (vgl. Dan 2).
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