Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Kapitel 13

Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

In diesem Kapitel treten uns die Werkzeuge, deren Satan sich zur Ausführung seiner bösen Absichten bedient, in voller Deutlichkeit und Ausgestaltung entgegen. Es sind ihrer zwei - ein Tier, das zehn, und ein anderes, welches zwei Hörner besitzt. Dem ersteren gibt der Drache, der mit seinem Schwanze ein Drittel der Sterne auf die Erde wirft, d. i. Satan in Gestalt des Römischen Reiches, seinen Thron und große Gewalt 1. Das zweite übt nicht nur die Macht des ersten in verwaltender Weise vor ihm aus, sondern bildet selbst die tätige Macht des Bösen, welche die Menschen dahin leitet, das erste Tier und in demselben den Drachen anzuerkennen.

Das „Tier“ ist das ursprüngliche Römische Reich, doch in bedeutend veränderter Gestalt und auch in einem neuen Charakter. In Bezug auf Regierungsformen oder Häupter hat es zwar eine vollkommene Vollständigkeit, aber es besteht aus zehn Königreichen, wodurch, wie ich nicht bezweifle, angedeutet werden soll, dass es im Blick auf Verwaltung nur eine mangelhafte Vollständigkeit besitzt. Es hat sieben Köpfe, aber nur zehn, nicht zwölf Hörner; es ist also unvollständig. Sieben stellt eine Vollständigkeit von noch höherer Art dar als zwölf. Das Lamm hat sieben Hörner, während wir auf dem Haupte des Weibes zwölf Sterne erblickten (Off 12,1). Die Zahl „zwölf“ drückt eine Vollständigkeit aus, wie sie sich unter der Verwaltung des Menschen offenbart. Sieben ist die höchste Primzahl der ersten Zahlenreihe, d. h. man kann sie nicht durch Multiplikation erhalten. Zwölf dagegen ist diejenige Zahl, welche sich am vollständigsten zerlegen lässt; sie wird aus denselben Zahlen wie sieben gebildet, doch sind dieselben bei ihr miteinander multipliziert, nicht einfach addiert. So stellt auch die Zahl „vier“ eine begrenzte Vollkommenheit dar, wie wir diese in einem Quadrat und noch mehr in einem Würfel erblicken; beide gewähren von allen Seiten genau denselben Anblick, sind aber begrenzt. Das Tier trägt aber auf seinen Köpfen Namen der Lästerung. Es ist der offene Feind Gottes und Seines Christus. Es nimmt die früheren Reiche in sich auf und stellt sie in sich von neuem dar. Der Drache, das Bild der unmittelbaren Macht Satans, wie dieselbe in der Gestalt des aus den Nationen gebildeten Römischen Reiches zum Ausdruck kommt, gibt seinen Thron und seine Macht diesem neuen Tiere. Es ist nicht von Gott. Gott erkennt jetzt, da die Versammlung nicht mehr hienieden ist, keine Macht mehr auf Erden an, bis Er Seine eigene Macht an Sich nehmen wird. Die Erde befindet sich im Kriegszustand Ihm gegenüber.

Einer der Köpfe des Tieres (das Bild der kaiserlichen Regierungsform, wie ich nicht bezweifle) wird wie zum Tode geschlachtet gesehen, doch wieder geheilt. Das kaiserliche Haupt wird wiederhergestellt; die Welt ist in Verwunderung, und die Menschen beten den Drachen an als den, der dem Tiere seine Gewalt gab. In ihren Augen ist nichts dem Tiere gleich; von Gott sagt man sich auf Erden völlig los. Dem Tiere wird gegeben, in der Sprache, deren es sich Gott gegenüber bedient, und in den Lästerungen, die es gegen Ihn ausstößt, die größte Anmaßung zur Schau zu tragen. Es lästert Gott, Seinen Namen und Seinen Wohnort sowie die himmlischen Heiligen, d. h. also alle wahren Christen und den Gott derselben. Der Drache ist aus dem Himmel hinabgeworfen, und die entrückten Heiligen sind dort aufgenommen, so dass der Drache sie wohl lästern, aber ihnen weiter nichts mehr anhaben kann.

Was diejenigen betrifft, die auf der Erde wohnen (denn die Scheidung ist jetzt nicht nur eine geistliche), so beten alle, mit Ausnahme der Auserwählten (derer, die von Grundlegung der Welt an in das Buch des Lebens des Lammes eingeschrieben sind), das Tier an. Menschlicher Widerstand durch Anwendung von Gewalt ist nicht der Pfad des Gehorsams. Hier zeigen sich das Ausharren und der Glaube der Heiligen. Wer das Schwert nimmt, wird durch dasselbe umkommen. Es ist nie der Weg Christi, das Schwert zu nehmen. Dieser Weg besteht vielmehr im Ausharren, ohne Widerstand zu leisten. Das Tier jedoch, welches das Schwert zur Hand nimmt, wird umkommen. Das Tier ist also die kaiserliche Macht, eine durch Satan eingesetzte Macht der Lästerung. welche den Platz des alten Römischen Reiches einnimmt, während sie alle vier Weltreiche in sich zur Darstellung bringt (V. 2); obwohl sie eine gegen das frühere Römische Reich veränderte Gestalt hat, ist doch das kaiserliche Haupt wiederhergestellt.

Wir kommen jetzt zu dem zweiten Tiere. Dasselbe erhebt sich nicht, um als ein Reich dazustehen, aus der Masse der Völker (dem Meere), sondern aus der bestehenden Ordnung, die sich bereits gebildet hat, und mit welcher (als solcher) Gott Sich beschäftigt. Es hat die Gestalt, welche das Reich des Messias auf Erden kennzeichnet: es hat zwei Hörner wie ein Lamm; doch dient es als unmittelbares Werkzeug der Macht Satans. Wer mit einem göttlich belehrten Ohr es reden hört, vernimmt sofort die Stimme Satans. Die ganze Gewalt des ersten Tieres übt es vor ihm aus; es dient ihm mit dieser seiner Gewalt und macht, dass die Erde und die auf ihr wohnen, das Tier (d. h. das hinsichtlich seines Hauptes wiederhergestellte Römische Reich) anbeten. Es ist der Antichrist, der falsche Christus Satans, der die Erde dem satanischen Römischen Reiche unterwirft. Er tut große Zeichen, um den Menschen einen ebenso gültigen Beweis von den Ansprüchen, welche das Tier vor Menschen hat, zu geben, wie ihn seiner Zeit Elia von den Ansprüchen Jehovas gab. So finden wir auch in 2. Thessalonicher 2, dass der Mensch der Sünde dieselben Zeichen und Wunder, allerdings lügnerische, tut, durch welche Jesus einst bewies, dass Er der Christus war (vgl. Apg 2,22 mit 2.Thes 2,9). Er verführt die auf der Erde wohnen durch seine Wunder und veranlasst sie, dem Tiere ein Bild aufzustellen. Diesem Bilde gibt er Odem, so dass es redet und macht, dass alle die getötet werden, welche es nicht anbeten. Auch werden alle genötigt, ein Abzeichen oder Malzeichen anzunehmen, welches ausdrückt, dass sie in ihrer Arbeit oder ihrem öffentlichen Beruf dem Tiere dienen; und niemand darf irgendein Geschäft abschließen, der nicht den Namen des Tieres als Malzeichen trägt.

So ist die Macht beschaffen, die in ihrer äußeren Gestalt den Charakter des Reiches des Messias zur Schau trägt, aber von der voll ausgeprägten Energie des Teufels beseelt ist und, indem sie die von Satan in der Welt aufgerichtete öffentliche Gewalt anerkennt, von jedem verlangt, dass er sich vor ihr beuge, und die niemand irgendein Geschäft abschließen lässt, der sich nicht unterwirft. Und alle, mit Ausnahme der Auserwählten, werden dies tun; mit der antipriesterlichen Macht, die Satan einst in den Himmeln ausübte, ist es vorbei; Königtum und Prophetentum bleiben ihm noch übrig, um mit ihnen Christo, der noch nicht erschienen ist, entgegenzutreten. Er maßt sich dieselben an, setzt aber die Macht der Nationen nicht beiseite, vermag es auch nicht (das zu tun bleibt Christo überlassen), sondern gibt ihr den Platz einer in seinem Auftrag handelnden Macht, und die Juden (mit Ausnahme des auserwählten Überrestes) beugen sich, gleich ihren abtrünnigen Vorfahren vor alters, als Satans Werkzeuge vor dieser Macht und dienen ihr. So begegnen wir hier der Ausübung der ganzen Macht Satans. Indes ist er bei der Einführung seines Messias genötigt, Betrug zu üben; er leistet durch seine Wunder der Lüge der Macht, die er nicht beseitigen kann (der Macht der Nationen nämlich), Vorschub, bringt die Juden unter die Herrschaft des Götzendienstes und unter die Gewalt der Nationen, und unterwirft wiederum alle Nationen, die auf Erden wohnen, der Botmäßigkeit der Macht, die er mit seiner Autorität bekleidet hat - der Macht des ersten Tieres.

Welch ein einzigartiger Zustand der Dinge! Wie weit ist er davon entfernt, den Gefühlen der Juden oder den Hoffnungen, welche die Nationen heutzutage hegen, zu entsprechen! Aber es steht geschrieben, dass der unreine Geist des Götzendienstes in sein Haus zurückkehren werde. Mancherlei Zeichen, nicht aber die Wahrheit, werden dann den abergläubischen Sinn der Menschen beherrschen. Gott wird sie dahingeben, der Lüge zu glauben. Wiewohl der Antichrist hier in dem Charakter, den Christus in Seinem Reiche tragen wird, auftritt, wird doch hauptsächlich darauf hingewiesen, wie er auf die Nationen einwirken wird, indessen sind, wie wir das in Jesaja 66 und bei Daniel finden, die Juden dann mit den Völkern der Erde vermischt. Es wird eine liberale Zeit sein, zugleich aber auch eine Zeit, in welcher mit der denkbar größten Tyrannei gegen alle vorgegangen werden wird, die sich nie vor der Macht Satans und den von ihm eingeführten Gesetzen beugen. Das vollständige Fehlen der Wahrheit wird sie kennzeichnen.

Was die Zahl des Tieres betrifft, so zweifle ich nicht daran, dass dann, wenn das Tier da ist und damit die Zeit gekommen, um es geistlicher Weise zu beurteilen, es für die Gottesfürchtigen eine sehr einfache Sache sein wird, diese Zahl zu erkennen, und dass der Name des Tieres von bestimmendem Einfluss für das Verhalten derer sein wird, welche mit ihm zu tun haben werden. Solange diese Zeit noch nicht da ist, haben die Spekulationen der Menschen über Zahl und Namen wenig Wert; die Deutung Lateinos (der Lateinische, d. i. Römische), die Irenäus seiner Zeit dem Namen gab, ist so gut wie irgendeine andere.

Fußnoten

  • 1 Wir brauchen uns daher nicht zu verwundern, wenn das Tier, dem wir am Ende begegnen, nur ein örtlich begrenztes Reich hat, wiewohl Gott den Tieren ursprünglich allgemeine Herrschaft verliehen hatte; und es ist wohlbekannt, in welch weitem Umfang dieselbe ausgeübt wurde.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht