Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Kapitel 4

Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Ehe wir auf die nähere Betrachtung dieses Kapitels eingehen, müssen wir untersuchen, von welchem Zeitpunkt ab es das Walten Gottes schildert. Es ergibt sich nicht mit Notwendigkeit, dass Laodicäa dann bereits aus dem Munde Christi ausgespieen ist. Die Androhung, dass es geschehen werde, war erfolgt, aber das Gericht über Sardes, ja selbst das über Thyatira, war auch noch nicht eingetreten. Indes hat Christus bei Beginn des 4. Kapitels aufgehört, Sich mit der bekennenden Kirche als solcher zu beschäftigen und sie als den Lichtträger, den Er vor die Welt hingestellt hat, zu betrachten. Welchen Namen sie sich selbst noch beilegen mag, wird nicht gesagt; jedenfalls beschäftigt Er Sich nicht mehr mit ihr. Ein offener Abfall wird eintreten. Der Zeitpunkt, wann dies geschieht, wird nicht geoffenbart, ebenso wenig wie uns eine Mitteilung darüber gegeben wird, wann die Entrückung stattfindet. Ich entnehme aber aus 2.Thes 2, dass die Entrückung dem Abfall vorangehen wird.

Das Ergebnis, zu welchem wir gekommen sind, ist also folgendes: Wenn jede Beschäftigung mit den Versammlungen seitens Christi aufgehört hat, dann nehmen Seine Handlungen mit der Welt, von denen die Offenbarung berichtet, ihren Anfang. Die Versammlungen sind das, „was ist“, was darauf folgt, ist: „was nach diesem geschehen wird“ (vgl. Off 1,19; 4,1). Christus wird jetzt nicht mehr als in ihrer Mitte wandelnd erblickt; Er ist das Lamm inmitten des Thrones. Johannes sieht Ihn nicht mehr an jenem Platze, wo er Ihn vorher sah, noch empfängt er Botschaften an die Versammlungen, sondern er wird in den Himmel hinauf gerufen, von wo aus nun alle Wege Gottes ihren Ausgang nehmen, und zwar Seine Wege mit der Welt, nicht mit der Versammlung. Außerdem erblicken wir hier den Thron, nicht den Priester in langem Gewande. Die Könige und Priester, von denen wir im 1.Kapitel lesen, sind nun droben. Andere mögen nach ihnen kommen; sie sind aber bereits in den himmlischen Örtern, sitzen auf Thronen oder beten an oder bringen ihre Schalen voll Räucherwerk dar. Andererseits ist der Herr noch nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern steht im Begriff, das Erbteil zu empfangen. Demnach werden die Heiligen, die Christo entgegengerückt werden sollen, hier nur droben erblickt, sie gehören dem Himmel an. Sie sind nicht länger ein Gegenstand der Beschäftigung auf Erden, sondern nehmen den ihnen eigenen Platz im Himmel ein.

Die Verbindung zwischen den beiden Teilen der Offenbarung ist folgende: Christus, der vorher inmitten der bekennenden Kirche Gericht ausübte, wird jetzt droben gesehen, und zwar wie Er das Buch öffnet, in welchem das Gericht dieser Welt, die Er öffentlich als Sein Erbe in Besitz nehmen will, verzeichnet ist. Von dem Schauplatz, auf dem das Gericht vollzogen werden soll, sind die Heiligen weit entfernt. Der Apostel hört von nun an auf, sich mit der Versammlung zu beschäftigen. Das ist sehr beachtenswert; denn der Heilige Geist muss Sich so lange mit der Kirche beschäftigen, wie die Heiligen sich noch in ihr auf Erden befinden. Johannes wird jetzt in den Himmel aufgenommen und erblickt dort Gott als Den, der mit der Schöpfung im Bunde steht, aber auf einem Throne der Regierung sitzt, den ein Regenbogen rings umgibt. Die vier lebendigen Wesen preisen Ihn als den Schöpfer, als Den, für welchen alle Dinge erschaffen worden sind. Der Thron ist nicht ein Gnadenthron, sondern die Zeichen der Macht und des Gerichts gehen von ihm aus; rings um den Thron her aber sitzen diejenigen, welche die bei Christi Kommen aufgenommenen Heiligen darstellen. Sie sitzen auf Thronen rund um den Thron her. Kein Opferaltar zeigt sich, wie zurzeit, da man Gott nahen konnte. Das eherne Meer ist mit seinem Inhalt (Wasser) zu Glas geworden. Es ist das Bild einer fest bestehenden, vollendeten Heiligkeit. Von Fußwaschung ist keine Rede mehr. Die Ältesten tragen Kronen. Die Zahl vierundzwanzig erinnert an die Priesterabteilungen, denen wir im Alten Testament begegnen. Die sieben Geister Gottes werden hier im Tempel gesehen, nicht als im Besitz Christi zum Wohl der Versammlung oder als in die Welt ausgesandt, sondern als die zu den Eigenschaften Gottes gehörenden Vollkommenheiten, die Seine Handlungen in der Welt kennzeichnen. Durch sie wird jetzt Licht in die Welt hineingetragen.

Außerdem erblicken wir vier lebendige Wesen innerhalb des Bereichs des Thrones und um den Thron her. Sie können betrachtet werden als selbst den Thron bildend oder auch als von ihm unterschieden, wiewohl mit ihm als einem Mittelpunkt verbunden. Sie tragen einige Charakterzüge der Cherubim, einige der Seraphim, sind aber in gewisser Beziehung von beiden verschieden. Sie sind voller Augen vorn und hinten, um alle Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht; außerdem sind sie auch inwendig voller Augen und haben sechs Flügel, das heißt: sie sind im Blick auf inneres, aber ihnen verliehenes Wahrnehmungsvermögen, sowie im Blick auf die Schnelligkeit ihrer Bewegungen vollkommen. Ferner vereinigen sie in sich die vier Arten der auf der geordneten Erde vorkommenden Geschöpfe: Mensch, Haustiere, wilde Tiere und Vögel des Himmels. Diese, als Symbole für die Kräfte oder Eigenschaften Gottes dienend, werden von den Heiden bekanntlich angebetet, erscheinen jedoch hier nur als Werkzeuge des Thrones. Den, der auf demselben sitzt, kennen die Heiden nicht. Wie an anderen Stellen, so kommen auch hier die Einsicht, Festigkeit, Kraft und Schnelligkeit der Ausführung, über die Gott verfügt, durch sie zur Darstellung. Sie sind Symbole. Die Tätigkeit, als deren Ausdruck sie dienen, mag durch Werkzeuge verschiedener Art ausgeübt werden. Aber wiewohl sie im Allgemeinen den Cherubim ähnlich sind, d. h. eine in Gericht und Regierung sich kundgebende Macht darstellen, tragen sie doch einen besonderen Charakter.

Die Cherubim im Tempel hatten je zwei Flügel, diese bildeten den Thron; ihre Angesichter waren auf den Bund gerichtet. Zugleich waren sie von reinem Golde, trugen also denselben Charakter göttlicher Gerechtigkeit wie der Thron, dem man nahen musste. Bei Hesekiel erscheinen sie als die Träger der Ausdehnung, über der Sich der Gott Israels befand, wodurch ein Thron, von dem aus Gericht vollstreckt werden sollte, gebildet wurde. Sie waren dort gleich glänzendem Metall und gleich Feuer - ein Symbol, von dessen Bedeutung wir bereits gesprochen haben. Sie hatten vier Flügel: zwei zum Fliegen und zwei, um sich damit zu bedecken. Aus Hesekiel 10 ist zu ersehen, dass sie voller Augen waren, doch heißt es dort nicht „inwendig“; sie besaßen die Fähigkeit, das äußerlich Sichtbare den Gedanken Gottes gemäß zu regieren, nicht aber göttliche Einsicht innerlich. Die Seraphim oder „die Brennenden“ in Jesaja 6 haben sechs Flügel, wie die lebendigen Wesen hier; sie befinden sich über dem Thron und rufen wie diese: „Heilig, heilig, heilig!“ Sie reinigten die Lippen des Propheten mit einer brennenden Kohle und befinden sich, wie gesagt, über dem Throne.

Die angeführten Stellen dienen zum besseren Verstehen der hier benutzten Symbole. Die lebendigen Wesen befinden sich innerhalb des Thrones und um ihn her; denn es handelt sich hier um einen Thron ausübender Gewalt, mit welchem die Eigenschaften der Cherubim verbunden sind. Es ist aber nicht, wie einst bei Israel, nur ein unter der Vorsehung Gottes auf Erden vollzogenes Gericht, ein Sturmwind, der von Norden her kommt (vgl. Hes 1,3). Es handelt sich vielmehr um die Regierung der ganzen Erde und um ein Gericht, das in Übereinstimmung mit der Heiligkeit der Natur Gottes zur Ausführung kommen soll 1. Die lebendigen Wesen besitzen hier nicht nur ein vollkommenes Wahrnehmungsvermögen in Bezug auf alle Dinge, sondern auch ein innerliches Wahrnehmungsvermögen in sittlichem Sinne. Indes gibt es keinen aus Gold bestehenden Sitz, dem man zu nahen hat, wie im Zelte der Zusammenkunft. Die durchdringende Heiligkeit Gottes offenbart sich hier im Gericht. Er bringt in der ganzen Schöpfung Seine Natur und Seinen Charakter zur Geltung. Das Walten der Vorsehung Gottes wird nicht länger ein Rätsel sein. Ihre vereinigten Eigenschaften, wiewohl in besonderen Verhältnissen zur Geltung kommend, sollen nicht mehr gleichsam unlöslich erscheinen; von nun an soll jede einzelne Handlung ihren besonderen Charakter offenbaren.

Auch ist zu beachten, dass wir hier nicht, wie in dem ersten Kapitel, dem Gott begegnen, „der da ist“, wiewohl Er als Solcher ebenfalls Vergangenheit und Zukunft in Sich schließt, nicht dem, was Gott in Sich Selbst ist, sondern dem Gott der Zeitalter, „der da war und der da ist und der da kommt“. Dennoch finden wir alle die Namen, die Er im Alten Testament trägt: Jehova, Elohim und Schaddai. Die lebendigen Wesen verherrlichen diesen Seinen vollen Namen, indem sie Ihn als den Heiligen bezeichnen, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit - als Den, dessen Macht oder dessen Wesen nie vergeht, wie es bei dem Menschen der Fall ist, der selbst in den besten Verhältnissen nur Nichtigkeit ist. Und dann fallen die Heiligen vor dem Throne nieder. Sie beugen sich vor dem Platz, den Er in Herrlichkeit einnimmt, beten Ihn an in Seinem unendlichen Dasein und legen die ihnen verliehene Herrlichkeit vor Seiner über allem stehenden und Ihm eigenen Herrlichkeit nieder, indem sie alle Herrlichkeit nur Ihm, der ihrer allein würdig ist, zuschreiben; indes bezeichnen sie Ihn, entsprechend dem Charakter, den die Erhebung Seiner Herrlichkeit hier trägt, als den Schöpfer, um deswillen alle Dinge sind. Dies bleibt bei allem Wechsel der Dinge immer wahr.

Der Leser wird hier bemerken, dass die lebendigen Wesen einfach Ihn preisen und erklären, wer Er ist, während die Ältesten Ihm mit Verständnis Anbetung darbringen. Überall, wo wir in der Offenbarung den Ältesten begegnen, geben sie den Grund an, weshalb sie anbeten. Sie sind im Besitz geistlicher Einsicht.

Beachten wir ferner, dass wenn Donner und Blitze und Stimmen, die Zeichen der Schrecken des Gerichts, aus dem Throne hervorgehen, die Ältesten ruhig auf ihren Thronen sitzen bleiben. Wenn der Thron des Gerichts erscheint, befinden sie sich auf Thronen rings um denselben her. Das ist der Platz, den sie vor Gott einnehmen, wenn es sich um die Vollziehung von Gericht handelt. Wann irgend Er das Gericht in die Hand nimmt, ist dies die Stellung, die sie einnehmen. Sie bilden einen Teil der Herrlichkeit, sind gleichsam Beisitzer des Thrones, aus welchem der Schrecken desselben hervorgeht. Sobald aber Er, der auf dem Throne sitzt, gepriesen wird, sind sie in reger Tätigkeit, schreiben Ihm alle Herrlichkeit zu, liegen auf dem Angesicht und werfen ihre Kronen vor Ihm nieder, indem sie sich in der Anerkennung Seiner Herrlichkeit glücklicher fühlen, als in dem Besitz ihrer eigenen.

Den Vater finden wir hier nicht; es ist Jehova. Sollten wir freilich fragen, in wem Er Sich persönlich offenbart, so würde die Antwort lauten: hier, wie immer, in dem Sohne. Indessen ist Der, den wir erblicken, an und für sich einfach der Jehova des Alten Testaments.

Fußnoten

  • 1 Denn das Endgericht steht wohl mit der Regierung Gottes in Verbindung, indem es die Geschichte der Erde abschließt, trägt aber neben dem Charakter der Cherubim auch den der Seraphim, indem es in Übereinstimmung mit Gottes Heiligkeit und Natur ausgeführt wird. Dies entspricht in besonderer Weise dem, was wir in Jesaja 6 finden, wo ein in Israel gekannter Gott Seine Heiligkeit und Natur zur Geltung bringt.
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