Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Kapitel 20

Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Satan wird noch nicht in den Feuersee, sondern in den Abgrund geworfen, in welchen die Legion Dämonen einst nicht gesandt zu werden wünschte (Lk 8,31). Satan wird dort gebunden, damit er die Nationen tausend Jahre lang nicht mehr verführe. Während der tausend Jahre wird keine Verführung durch Satan stattfinden.

Nachdem so die Macht des Bösen beseitigt ist, kommen wir zu der friedlichen Ausübung richterlicher Gewalt, und diese wird den Heiligen übertragen. Der Prophet sieht nicht nur, wie in Daniel 7, Throne aufgestellt, sondern er erblickt auch solche, die auf den Thronen sitzen. Außer allen, welchen im allgemeinen Gericht gegeben ist, werden zwei besondere Klassen erwähnt, weil man hätte glauben können, sie wären zu spät gekommen oder ihres Anteils verlustig gegangen; es sind die, welche nach der Entrückung der Versammlung um des Zeugnisses Jesu willen enthauptet worden sind (denn es handelt sich um den Zeitabschnitt, den wir in der Offenbarung beschrieben finden), und die, welche das Tier nicht angebetet haben (vgl. Off 6,9-11; 13,15). Gleich anderen, früher verstorbenen Heiligen besteht ihr Teil darin, tausend Jahre mit Christo zu leben und zu herrschen. Alle aber, welche Christo nicht angehören, „die übrigen der Toten“, werden nicht lebendig, bis die tausend Jahre vergangen sind 1. Diese werden endgültig von dem zweiten Tode befreit. Den ersten Tod, den natürlichen Lohn der Sünde, hatten sie, wiewohl in Erweisung von Treue, erduldet; an dem zweiten Tode, dem Endgericht über die Sünde, werden sie nicht Anteil haben. Er hat keine Gewalt mehr über sie. Sie stehen im Gegenteil in einem besonderen Verhältnis zu Gott und Christo, sie sind Priester Gottes und des Christus und sollen mit Ihm herrschen tausend Jahre. Auch sie sind Priester und Könige. Der Leser wolle beachten, wie hier Gott und Christus (so ist es beständig in den Schriften des Johannes) in einem Gedanken zusammengefasst werden.

So befinden sich denn das Tier und der falsche Prophet im Feuersee, ihre Heere sind getötet, und Satan ist in dem Abgrund gebunden, während die auferstandenen Heiligen Gott und dem Christus Priester sind und mit Christo herrschen tausend Jahre. Man beachte, dass dieser Zustand oder die Wirkung desselben hier nicht näher geschildert werden. Es handelt sich vielmehr darum, den Platz zu bezeichnen, welchen die Heiligen und besonders diejenigen von ihnen, welche durch Leiden gehen mussten, während der Zeit einnehmen, von der in diesem Buche die Rede ist. Die übrigen Heiligen werden nur allgemein erwähnt, sie sitzen auf Gerichtsthronen; aber alle, die sich während der Zeit, von der die Weissagung handelt, treu erwiesen haben, werden besonders namhaft gemacht.

Wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird Satan wieder losgelassen. Er kommt auf die Erde zurück, steigt jedoch nicht wieder in den Himmel hinauf. Die Nationen müssen noch einmal durch seine Versuchung auf die Probe gestellt werden. Und nun zeigt es sich, dass selbst der Umstand, dass sie Christum gesehen und die Wirkungen Seiner Herrlichkeit genossen haben, keine Veränderung in ihnen zuwege gebracht hat. Keine äußeren Mittel, so mächtig sie auch sein mögen, sind imstande, dem Herzen des Menschen eine zuverlässige Festigkeit zu geben; und so fallen hier die Menschen, an Zahl wie der Sand des Meeres, sobald sie wieder versucht werden, Satan in die Hände. Sie haben den Segen genossen, solange die Untreue augenblicklichen Verlust zur Folge gehabt hätte (sie wären sonst vielleicht getötet worden) und keine Versuchung an sie herantrat; sobald sie aber wieder versucht werden und das Herz auf die Probe gestellt wird, beweisen sie ihre Untreue. Es ist die letzte Probe, welcher der Mensch unterworfen werden muss; sie ist deshalb erforderlich, weil der Mensch mit seinem natürlichen Herzen sich nicht endgültig Gottes erfreuen kann, und weil das natürliche Herz da, wo die Anerkennung eines gegenwärtigen, sichtbaren und verherrlichten Christus unmittelbar Segnung zur Folge hat, nicht auf die Probe gestellt wird. Die verführte Menge, die jetzt nicht auf ein Drittel der Erde oder ein besonders prophetisches Gebiet beschränkt ist, sondern die Breite der Erde einnimmt, zieht gegen das Heerlager der Heiligen herauf und umzingelt es samt der geliebten Stadt, d. h. Jerusalem. Es ist hier bemerkenswert, dass von keiner besonderen Gegenwart Christi inmitten der Heiligen die Rede ist. Sie werden scheinbar allein gelassen, um von ihren Feinden umzingelt zu werden. Der Herr lässt es zu, dass diese ganze Prüfung über sie kommt, damit die persönliche Treue offenbar werde und eine Scheidung sich vollziehe. Wäre Er bereits erschienen, so würden selbstverständlich diese feindlichen Scharen nicht heraufkommen können; aber es würde dann auch nicht die Treue der Heiligen, die den Verführungen Satans nicht Folge leisten wollen, durch diese gründliche Herzensprobe erwiesen werden. Obwohl von dem Feind bedrängt und umringt, bleiben sie treu. Nachdem diese Scheidung und volle Erprobung vollendet ist, fällt das Gericht Gottes vom Himmel auf die Feinde herab und vertilgt sie. Sodann wird der Teufel in den Feuersee geworfen, wo das Tier und der falsche Prophet bereits sind, und wo sie gepeinigt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Damit findet die Vollziehung des Grimmes Gottes, die Vertilgung der Ihm feindlichen Macht, ihren Abschluss. Ein wunderbares Gemälde! Denn ist es nicht wunderbar, dass Gott in dieser Welt Feinde haben sollte? - Jetzt tritt Seine richterliche Macht als solche, gleichsam in ihrem eigenen Rechte thronend, in Wirksamkeit. Ich möchte noch bemerken, dass die Ausübung dieser Macht an den Lebenden keinen Teil des Inhalts dieses Buches bildet. Die feindliche Macht des Tieres wird durch Den vertilgt, der richtet und Krieg führt, nachdem die himmlischen Heiligen bereits in die Herrlichkeit aufgenommen sind. Die Scharen von Abtrünnigen, die sich am Ende der tausend Jahre vorfinden, werden durch Feuer, das aus dem Himmel fällt, vertilgt. Aber das in Matthäus 25 erwähnte Gericht ist hier nicht zu finden, es sei denn, dass es sich mit dem Gericht in Verbindung bringen ließe, von welchem in Off 20,4 die Rede ist.

Es erfolgt nunmehr das Gericht der Toten. Von einem Kommen des Herrn wird hier nichts erwähnt. Ein großer weißer Thron wird aufgestellt; das Gericht wird entsprechend der Reinheit der Natur Gottes vollzogen. Es trifft nicht die Erde, oder die Macht des Bösen, sondern die einzelnen Seelen. Himmel und Erde - alles, was bloß als Schauplatz des Gerichts gedient hat - verschwinden. Die Geheimnisse der Herzen der Menschen werden von Dem gerichtet, der sie alle kennt. Himmel und Erde entfliehen vor dem Angesicht Dessen, der auf dem Throne sitzt, und die Toten, die Großen und die Kleinen (Geringen), stehen vor dem Throne. Das Gericht wird den Werken entsprechend vollzogen, dem gemäß, was in den Gedenkbüchern geschrieben steht. Doch noch ein anderer Punkt wird hier in Erinnerung gebracht. Unumschränkte Gnade allein hat, dem Ratschluss Gottes 2 gemäß, Heil und Rettung bewirkt. Es gibt ein Buch des Lebens. Wer nicht in demselben geschrieben steht, wird in den Feuersee geworfen. Das ist die ernste Schluss-Szene, welche die letzte Scheidung für das ganze Menschengeschlecht und diese Welt herbeiführt. Wiewohl ein jeder nach seinen Werken gerichtet wird, hat doch die unumschränkte göttliche Gnade, und sie allein, etliche errettet, und jeder, dessen Name nicht im Buch der Gnade gefunden wird, wird in den Feuersee geworfen. Das Meer gibt die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades geben die Toten, die in ihnen waren. Dann wird dem Tode und dem Hades durch das göttliche Gericht für immer ein Ende bereitet. Himmel und Erde vergehen, sollen aber wieder ins Dasein gerufen werden; Tod und Hades dagegen werden nie wieder erstehen. Für sie gibt es nur Gericht und Vernichtung von Seiten Gottes. Sie werden als die Macht Satans betrachtet. Er besitzt die Macht des Todes und die Pforten des Hades, und darum werden beide durch das Gericht für immer vernichtet. Sie werden nie wieder Macht erlangen. Tod und Hades werden hier als Personen dargestellt, aber natürlich dürfen wir nicht denken, dass sie in den Feuersee geworfen würden, um dort gepeinigt oder bestraft zu werden. Mit dem Teufel selbst ist es anders; wenn er in den Feuersee geworfen wird, so geschieht es zu jenem Zweck. Damit ist aber der Tod noch nicht aufgehoben; denn die gestorbenen Gottlosen sind dann noch nicht zum Gericht auferweckt. Jetzt aber wird dies geschehen, und so wird der letzte Feind hinweg getan. Das Bild, das wir hier vor uns haben, will uns also, wie ich nicht bezweifle, sagen, dass jetzt, wo alle Toten (alles, was sich in dem Hades befand) gerichtet und in den Feuersee geworfen sind, der Tod und der Hades (in welchem die Macht des Todes war), die nur in den Zuständen, welche sie bezeichnen, bestanden, auf gerichtlichem Wege ihr völliges Ende gefunden haben. Die Heiligen hatten Tod und Hades schon lange vorher verlassen, aber in den gestorbenen Gottlosen bestanden beide noch fort. Nun werden sie infolge des Gerichts, das von dem weißen Thron ausgeht, in den Feuersee, d. i. in den zweiten Tod, geworfen. Die Zahl der dem Gericht Entgehenden beschränkt sich auf diejenigen, welche im Buch des Lebens geschrieben stehen. Alles, was sich dort nicht findet, wird gerichtet.

Fußnoten

  • 1 Es mag hier die Bemerkung Platz finden, dass die Worte „Leben und Herrschen“ hier unzweifelhaft Auferstehung bedeuten. Denn es heißt: „Die übrigen der Toten wurden nicht lebendig, bis...“ usw., woraus folgt, dass mit den genannten Worten die „Auferstehung“ bezeichnet worden soll. Das wird auch durch die weiter folgenden Worte: „Dies ist die erste Auferstehung“, bestätigt.
  • 2 So werden der Ratschluss Gottes und die Verantwortlichkeit des Menschen nie miteinander vermengt, sondern gehen, von den zwei Bäumen im Garten an, immer nebeneinander her. In dem Gesetz wurde das Leben mit der Verantwortlichkeit in Verbindung gebracht, wobei die Verantwortlichkeit vorangestellt und so der Beweis geliefert wurde, dass der Mensch nicht vor Gott bestehen kann. Die Frage konnte nur in Christo gelöst werden, in Ihm, der unsere Sünden trug, für uns der Sünde starb und Selbst das Leben ist. Die Ratschlüsse Gottes und die Verheißung des Lebens in Christo stehen voran, dann kommt die Verantwortlichkeit, die auf dem Geschöpf auf Erden ruht, und endlich die Gnade, welche die göttlichen Ratschlüsse in Gerechtigkeit durch das Kreuz zur Ausführung bringt.
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