Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Kapitel 22

Betrachtung über Offenbarung (Synopsis)

Überall ist zu sehen, dass die heilige Stadt mit der Erde in Verbindung steht, wiewohl sie sich nicht auf derselben befindet. Der Strom Gottes, der die Stadt durchfließt, bietet ihr Erquickung, und der Baum des Lebens, dessen stets reife Früchte den himmlischen Bewohnern der Stadt zur Speise dienen, trägt in seinen Flügeln Heilung für die Nationen. Nur diejenigen, welche sich in der Herrlichkeit befinden, essen stets von seiner immer neu wachsenden Frucht; das aber, was, wie die Blätter eines Baumes, nach außen hin sich zeigt und entfaltet, gereicht denen zur Segnung, die auf Erden sind. Es ist lieblich zu sehen, dass die Versammlung, auch wenn sie sich in der Herrlichkeit befindet, immer noch den Charakter der Gnade trägt. Die Nation und das Königreich, welche dem irdischen Jerusalem nicht dienen wollen, werden gewisslich untergehen; das Jerusalem hienieden bewahrt seinen irdischen Charakter königlicher Herrschaft. Aber so ist es auch mit der Versammlung; sie bewahrt gleichfalls ihren Charakter: die Blätter des Baumes, von welchem sie sich nährt, sind zur Heilung der Nationen. Keinerlei Fluch ist mehr. Der Thron Gottes und des Lammes ist in der Stadt. Das ist die Quelle von Segen, nicht von Fluch; und Seine Knechte dienen Ihm. Hier können sie es oft nicht so, wie sie es gern möchten. Man beachte hier auch wieder, dass Gott und das Lamm, wie dies beständig in den Schriften des Johannes geschieht, als eins erscheinen. Seine Knechte werden das völlig unbeschränkte Vorrecht Seiner beständigen Gegenwart genießen; sie werden Sein Angesicht sehen, und es wird allen offenbar sein, dass sie als die Seinigen Ihm angehören. Nacht ist nicht mehr und kein Bedürfnis nach Licht, denn der Herr, Gott, leuchtet über ihnen; und was ihren Zustand betrifft, so herrschen sie nicht nur für die tausend Jahre, wie dies der Fall ist, wenn es sich um Herrschaft über die Erde handelt, sondern von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Damit schließt die Beschreibung der himmlischen Stadt sowie der ganze prophetische Inhalt des Buches. Was jetzt noch folgt, sind teils Warnungen, teils der Endausdruck der Gedanken Christi über die Versammlungen und des Verhältnisses, in welchem Er zu ihr steht. Der Engel versichert, dass diese Dinge wahr seien, und dass der Herr Gott der Propheten - der hier nicht als der Gott und Vater des Herrn Jesu Christi erscheint, noch als Der, welcher durch den Geist in der Versammlung wohnt und sie unmittelbar belehrt - dass der Herr, der Gott der Geister der Propheten, Seinen Engel gesandt habe, um Seinen Knechten diese Ereignisse kundzutun. „Siehe“, sagt Christus, indem Er wie ehemals im prophetischen Geist redet, und das Zeugnis sich zu einem von Ihm persönlich abgelegten erhebt, „siehe, ich komme bald. Glückselig, der da bewahrt die Worte der Weissagung dieses Buches!“ Die Versammlung wird nicht als der Gegenstand der Weissagung betrachtet, sondern als das, „was ist“, ohne dass eine Angabe betreffs der Dauer ihres Bestehens gemacht, und noch weniger über zukünftige Tage geredet würde. Diejenigen, welche die Worte der Weissagung bewahren, sind es, um die es sich in dem Buche der Offenbarung vornehmlich handelt; an sie ergeht die Warnung, dass Christus bald erscheinen werde. Ohne Zweifel, können wir alle aus den Worten der Weissagung Nutzen ziehen; aber wir befinden uns nicht inmitten der Ereignisse und Szenen, welche sie schildern.

Johannes, von der erhabenen Erscheinung des Boten ergriffen, fällt nieder und will ihn anbeten. Aber die Heiligen, welche der Versammlung angehören, sollen auch dann nicht, wenn sie als Propheten benutzt werden, wieder in die Ungewissheit früherer Zeiten zurückkehren. Der Engel war ein einfacher Engel, der Mitknecht des Johannes und der seiner Brüder, der Propheten; Johannes sollte Gott anbeten. Auch sollten die Worte nicht, wie einst bei Daniel, versiegelt werden; die Zeit war nahe. Würde das Zeugnis, das in ihr abgelegt wurde, geschlossen, so würden die Menschen in dem Zustand, in welchem sie sich befänden, sei es zum Gericht, sei es zur Segnung, verbleiben. Und Christus würde bald kommen, und ein jeder würde empfangen, wie sein Werk sein würde. Vers 7 bildet eine Warnung, die Worte des Buches zu bewahren; sie wird in Gestalt eines Segens an diejenigen gerichtet, welche sich in den Umständen, von denen in dem Buche die Rede ist, befinden würden. Der 12. Vers aber redet von dem Kommen Christi zu dem allgemeinen Gericht über die Lebendigen.

Schließlich kündigt Sich Christus, nachdem Er in Vers 12 persönlich das Wort ergriffen hat, als das Alpha und das Omega an, als der Anfang und das Ende -, Er ist der Gott, welcher vor und nach allem besteht, und der auch die Zwischenzeit ausfüllt. Die Erlösten und Gereinigten (V. 14) können durch die Tore in die Stadt eingehen und sich von dem Baume des Lebens nähren; denn nach meinem Dafürhalten handelt es sich hier um die Frucht desselben. Draußen sind die Unreinen und die Gewalttätigen und die, welche die von Satan stammende Lüge und den Götzendienst lieben - alle also, welche gegen die Reinheit, gegen ihren Nächsten und gegen Gott sündigen und Satan folgen.

Damit schließen die an den Inhalt der Weissagung geknüpften Schlussworte. Der Herr Jesus offenbart Sich nun Selbst in Seiner eigenen Person, indem Er zu Johannes und den Heiligen redet. Er erklärt, wer Er ist, in welchem Charakter Er erscheint, um ihnen alles dies zu sagen. „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids“, d. h. sowohl die Quelle als auch der Erbe der zeitlichen Verheißungen, welche Israel einst gemacht wurden; aber Er ist noch weit mehr als das, Er ist der glänzende Morgenstern. Es handelt sich in beiden Beziehungen um das, was Er ist, bevor Er erscheint; nur steht im ersten Falle Sein Verhältnis zu Israel, als Der, welcher dem Fleische nach aus dem Samen Davids geboren ist, im Vordergrunde. So war Er einst hienieden; aber Er hat inzwischen einen anderen Charakter angenommen. Er ist noch nicht über diesem verfinsterten Erdball als die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen; doch für den Glauben dämmert bereits der Morgen, und die Versammlung erblickt Ihn in der nun weit vorgerückten Nacht als den Morgenstern; sie erkennt Ihn, während sie, Seinem Worte folgend, wacht, in diesem Seinem herrlichen, himmlischen Charakter - einem Charakter, der eine schlafende Welt zwar nicht aus ihrem Schlummer weckt, der aber die Freude und Wonne derer ausmacht, welche wachen. Wenn der Herr als die Sonne erscheint, wird Er in dieser Weise nicht gekannt werden, die Erde wird Ihn nie so kennen, so hell und schön der Tag auch sein mag. Solange Christus Sich in Seiner gegenwärtigen Stellung befindet, wohnt der Geist in der Versammlung hienieden, und die Versammlung selbst steht in dem ihr eigentümlichen Verhältnis. Sie ist die Braut Christi, und nach Ihm ist das Verlangen ihres Herzens.

Deshalb sagen der Geist und die Braut: „Komm!“ Nicht eine Warnung von Einem, der als Richter und Belohner kommt, sondern die Offenbarung Seiner Selbst ist es, welche das Verlangen der Braut wachruft, in Übereinstimmung mit dem Verhältnis, in welches die Gnade sie gesetzt hat. Es handelt sich hier auch nicht um ein bloßes Gefühl oder einen bloßen Wunsch; nein, der Geist, der in der Versammlung wohnt, leitet sie in diesem Gedanken und flößt ihr denselben ein. Aber dann wendet Sich der Geist sowie das Herz dessen, der sich dieses Verhältnisses erfreut, auch anderen zu: „Wer es hört“ - wer die Stimme des Geistes in der Versammlung vernimmt -, der stimme in den Ruf mit ein und „spreche: Komm!“ Es handelt sich um eine allen gemeinsame Hoffnung, darum sollte auch das Verlangen bei uns allen das gleiche sein; auch sollte das Gefühl von dem, was über die Erde kommt, sowie das Bewusstsein, dass das, was ist, sich verderbt hat (wiewohl das in Wahrheit ein niedriger Beweggrund ist), alle antreiben, in den Ruf mit einzustimmen.

Doch solange der Heilige hienieden ist, hat er noch einen anderen Platz. Nicht nur gehen seine Wünsche nach oben zu Gott und zu dem himmlischen Bräutigam, sondern er spiegelt auch den von ihm gekannten Charakter Gottes wider, indem er die Natur und den Geist Gottes hat, wie sich dieselben auch in der Liebe Christi geoffenbart haben, und indem er im Besitz des lebendigen Wassers (wiewohl noch nicht des Bräutigams) steht. Und so wendet er sich um und ladet andere ein: „Wen da dürstet, der komme!“ und ruft dann der ganzen Welt zu: „Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Es tritt also in diesem Verse die Stellung des himmlischen Heiligen, der sich des Platzes der Versammlung bewusst ist, nach allen Seiten hin ans Licht, von seinem Verlangen nach dem Kommen Christi an bis zu seiner Einladung an jeden, der da will.

Um den Inhalt des Buches in seiner Vollständigkeit unversehrt zu erhalten, wird ein jeder, der es antasten will, mit dem Verlust seines Teiles an dem Baum des Lebens 1 und an der heiligen Stadt bedroht. Dann ermuntert Christus das Herz des Heiligen durch die Versicherung, dass Er bald kommen werde, und das Herz des wahren Heiligen erwidert mit aufrichtigem und ernstem Verlangen: „Amen; komm, Herr Jesus!“ Und dann schließt das Buch mit dem Gruß der Gnade und hinterlässt dem Herzen den Eindruck von dieser Verheißung und diesem Verlangen als den letzten Worten, die Jesus den Seinigen sagen lässt.

Der Leser möge hier beachten, dass wir sowohl am Anfang wie am Ende des Buches, sowohl vor wie nach den prophetischen Mitteilungen, die Stellung, in welcher die Heiligen stehen, sowie ihr Bewusstsein derselben, in wunderbarer Weise dargestellt finden.

In der ersten dieser beiden Stellen, am Eingang des ganzen Buches, finden wir die Segnung, die dem einzelnen durch das, was Christus getan hat, in bewusster Weise zuteil geworden ist, in der anderen wird uns die ganze Stellung gezeigt, welche die Versammlung einnimmt, und damit der Unterschied, der zwischen den Heiligen, die jetzt durch die Verkündigung des Evangeliums gesammelt werden, und denen besteht, deren Umstände ihnen selbst in diesem Buche auf prophetischem Wege mitgeteilt werden. „Dem, der uns liebt“, so lesen wir in der ersten Stelle, „und uns von unseren Sünden gewaschen hat in seinem Blute, und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater.“ Das Nennen des Namens Christi ist es, was in beiden Fällen zu den Erwiderungen der Heiligen Veranlassung gibt; hier ruft es in ihnen das Bewusstsein von der Liebe Christi und der Stellung wach, die sie selbst in Verbindung mit Ihm einnehmen. Sie sind bereits in Seinem Blute von ihren Sünden gewaschen und zu einem Königtum, zu Priestern Seinem Gott und Vater gemacht; ihr Platz und ihr Zustand sind fest gesichert, ehe irgendwelche Mitteilungen über prophetische Gegenstände erfolgen, und sie werden sich dieses Platzes in dem kommenden Reiche erfreuen - nicht eines Platzes der Segnung unter der Herrschaft Christi, sondern vielmehr der Vereinigung mit Ihm Selbst. Es handelt sich an dieser Stelle einfach um ihr Teilnehmen an dem Königtum und Priestertum, ein Vorrecht, das der einzelne aufgrund des ersten Kommens Christi besitzt. Sie werden geliebt, sind in Seinem Blute gewaschen und mit Ihm in dem Königtum verbunden.

Am Schluss des Buches wird Christus als der Morgenstern geoffenbart. Diese Stellung des Herrn gehört der Weissagung nicht an; es ist vielmehr die Stellung, in welcher die Versammlung, die Ihn erwartet hat, mit Ihm im Blick auf sich selbst und das Reich verbunden ist. (Vergleiche die Verheißung, die den Überwindern in dem Sendschreiben an Thyatira gegeben wird 2.) Diese Offenbarung hat die Wirkung, dass eine lebendige Liebe sich kundgibt (also nicht nur, wie im ersten Falle, die Anerkennung, dass wir geliebt, und die Beschreibung dessen, wozu wir gemacht sind) - eine Liebe, die sich zunächst, entsprechend der wohlbekannten Beziehung der Versammlung zu Christo, Ihm gegenüber äußert, dann sich an die Heiligen, die hören, und weiterhin an die Dürstenden und endlich an die ganze Welt wendet. Das Verlangen der Versammlung, als der Braut, mit welcher der Geist verbunden ist, ist auf das zweite Kommen Christi gerichtet, das zu ihrer Aufnahme stattfinden wird; sie verlangt danach, den Morgenstern zu besitzen. Dann wendet Sich der Geist an die Heiligen und richtet an sie die Aufforderung, mit ein zu stimmen in den sehnsüchtigen Ruf: „Komm!“  die Aufforderung, mit ein zu stimmen in den sehnsüchtigen Ruf: „Komm!“ Und da wir jetzt den Geist, aber noch nicht den Bräutigam, haben, so wird jeder Dürstende aufgefordert, zu kommen und zu trinken, und dementsprechend wird das Evangelium weit und breit verkündigt: „Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Es ist Liebe, die sich in dem Heiligen wirksam erweist im Blick auf alles, was ihn umgibt, von Christo an bis hin zu den Sündern in dieser Welt.

Fußnoten

  • 1 Die richtige Lesart an dieser Stelle ist „Baum“ und nicht „Buch“; doch will das Eingeschriebensein in das Buch des Lebens nicht sagen, dass man dadurch das Leben selbst habe, oder dass man deshalb endgültig eingeschrieben sei, es sei denn, dass der Name vor Grundlegung der Welt in dasselbe geschrieben worden wäre, aber selbst in diesem Falle ist das Eingeschriebensein noch etwas anderes als der Besitz des Lebens.
  • 2 Man vergleiche auch den Platz, den die lichte Wolke in Lukas 9 einnimmt. Dort ist es die Stimme des Vaters, die aus ihr ertönt.
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