Botschafter des Heils in Christo 1854

Mose stellt sich seinem Volk gleich

Der Glaube Moses zeigt sich darin, dass er allen Vorteilen der Stellung, worin Gott durch seine Vorsehung ihn versetzt hatte, entsagt. Sein Glaube, welcher wirksam war durch die Liebe, welche ihn mit Gott, und folglich auch mit dem, in der Drangsal befindlichen Volk Gottes verband, äußerte sich nicht in Hilfsleistungen und Erleichterungen, zu deren Erzeigung seine Stellung ihm Gelegenheit gegeben hätte. Sein Glaube tut besser; er nötigt ihn, sich mit dem Volk ganz gleich zu stellen, und zwar aus dem Beweggründe, weil es das Volk Gottes ist. Der Glaube schließt sich an Gott und das zwischen Ihm und seinem Volk geknüpfte Band an; er denkt nicht daran, den Gönner von oben herab zu machen, als hätte die Welt eine Autorität über das Volk Gottes, oder als wäre sie fähig, ihm zum Segen zu sein, sondern er erkennt die ganze Kraft dieses Bandes an. Er fühlt, – und dies ist es, was ihm so eigentümlich angehört, – dass Gott sein Volk liebt, und aus Liebe will er die Stellung dieses Volkes teilen, welches für Gott kostbar auf der Erde ist. Das ist es, was Christus getan hat. Der Glaube der Gläubigen besteht darin, Ihm auf seinem Weg der Liebe zu folgen, was sonst auch der Abstand seines Wandels sein möge.

Was für Gründe hätte nicht Moses gehabt, da zu bleiben, wohin die Vorsehung ihn gesetzt hatte? Ja, er hätte sogar dabei den Vorwand gehabt, den Kindern Israels auf eine nützlichere Weise zu dienen. Aber das hätte geheißen, sich auf die Macht Pharaos stützen, statt, das Band anzuerkennen, welches Gott mit seinem Volk vereinigte. Das Ergebnis hiervon würde für das Volk eine, von der Welt ihm gewährte Erleichterung, aber nicht eine, durch die Liebe und Macht Gottes vollbrachte Befreiung gewesen sein. Moses würde verschont, aber entehrt, Pharao geschmeichelt, und sein Ansehen über das Volk Gottes anerkannt worden sein, und Israel wäre in der Gefangenschaft geblieben, sich auf Pharao stützend, anstatt Gott in den herrlichen Beziehungen anzuerkennen, welche mit der Annahme Israels als Volk Gottes verbunden waren. Außerdem wäre Gott selbst nicht verherrlicht worden. Das ist es, was geschehen wäre, wenn Moses in seiner Stellung am Hof Pharaos geblieben wäre. Die menschliche Schlussfolgerung und die, aus den Wegen der Vorsehung geschöpften Erwägungen vereinigten sich, ihm diesen Nach zu geben. Der Glaube aber ließ ihn davon abstehen.

Moses stellt sich also mit dem Volk Gottes gleich. Die ersten Handlungen, durch welche er sich seinem Volk nähert, tragen vielleicht das Gepräge einer gewissen natürlichen Tätigkeit und des Bewusstseins einer Kraft, welche nicht rein von oben war; dennoch ist dies die erste Hingebung, welche vom heiligen Geist als eine schöne und annehmliche Frucht des Glaubens betrachtet wird (Heb 11,24.26).

Aber es war notwendig, dass seine Tätigkeit Gott völliger unterwürfig wurde, und dass sie keinen anderen Ausgangspunkt als Gott selbst, und den Gehorsam unter seinen ausdrücklichen Willen hatte. In diesem Sinn verfährt der Herr oft. Das Bedürfnis der Treue offenbart sich, aber Gott stellt uns für den Augenblick bei Seite, um uns zu lehren, unseren Dienst unmittelbar und gänzlich von Ihm abhängig zu machen.

Die Geschichte Jesu bietet uns etwas Ähnliches dar, hinsichtlich der Zeit der Untätigkeit, welche von seinem ersten Erscheinen im Tempel an, bis zu seinem öffentlichen Dienst verstrich, nur dass es für Ihn weder Versehen noch Irrtum, und von da an keine äußere Leitung der Vorsehung gab, welche zum Zweck hatte. Ihn zurückzuführen. Denn die Vollkommenheit des inneren Antriebs, wovon Er beseelt war, gab Ihm beständig das Bewusstsein, Wessen Sohn Er war, und unterwarf Ihn zugleich dem Willen seines Vaters in den Umständen, worin Er moralisch versetzt wurde.

Moses, noch scheu in seiner Treue, einerseits die Macht fürchtend, welche, vielleicht ihm selbst unbewusst, ihm eine gewisse Gewohnheit von Tatkraft verlieh, (denn man fürchtet das, woher man seine Kraft erhält), und andererseits durch die Ungläubigkeit derer zurückgestoßen, zu welchen seine Liebe und Treue ihn hingezogen (denn sie verstauten ihn nicht), floh in die Wüste, ein Vorbild des Herrn Jesus, welcher von dem Volk, das Er liebte, verworfen wurde. Dies Vorbild ist von dem des Joseph verschieden. Indem Joseph aus dem Gefängnis geht, wo er gleichsam dem Tod überliefert gewesen war, nimmt er die Stellung des erhöhten Jesu zur Rechten des höchsten Thrones unter den Heiden ein, und zuletzt empfängt er seine Brüder, von denen er getrennt gewesen war. Seine Kinder sind ihm ein Zeugnis des Segens, welcher ihm während dieser Trennung gewährt wurde. Er nennt sie Manasse, „denn Gott,“ sagt er, „hat mich vergessen lassen alle meine Schicksale und das ganze Haus meines Vaters;“ – und Ephraim, „denn Gott hat mich fruchtbar gemacht im Land meines Elends.“ Moses aber stellt Christus, getrennt von seinen Brüdern, vor; und obgleich Zippora als ein Vorbild der Kirche betrachtet werden kann, ebenso wie das Weib Josefs, nämlich als Gattin des, während seiner Trennung von Israel verworfenen Befreiers, so werden doch immer das Herz und die Gefühle Moses, welche sich in den Namen, die er seinen mindern gibt, ausdrücken, gänzlich von dem Gedanken beherrscht, dass er fern von Israel ist. Seine Bande, seine Ruhe, sein Vaterland sind mit diesem Volk; anderswo ist er ganz fremd. Moses ist das Vorbild Jesu, als Befreier Israels betrachtet Er nennt seinen Sohn Gersom, d. h. Fremdling, „denn,“ sagt er, „ich habe verweilt in einem fremden Land.“ Jitro stellt uns die Heiden dar, zu denen Christus mit seiner Herrlichkeit seine Zuflucht genommen hat, nachdem die Juden Ihn verworfen haben.

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