Botschafter des Heils in Christo 1854

Über den Gottesdienst

Wenn wir die verschiedenen Seiten betrachten, in welchen der Herr Jesus uns vorgestellt wird, so ist es nützlich zu unterscheiden, was Er in seiner Person und was Er als Gott ist. Es ist so nützlich wie köstlich, Ihm von der Krippe in Bethlehem bis zu seiner Ankunft auf den Wolken des Himmels in der ganzen Fülle seiner Herrlichkeit zu folgen. Der Heilige Geist behandelt mit Freuden diesen Gegenstand, und offenbart uns, wie Er als ein niedriger Sprosse aus dem Stamm Isai, als eine schwache Pflanze ans dürrem Erdreich, zu der ganzen Fülle der Schönheit aufwächst (Jes 11,1–5; 3,2; Jer 33,15; Sach 3,8; 6,12; Lk 1,78). Es ist auch die besondere Aufgabe des Heiligen Geistes, Jesus zu verherrlichen; durch uns Zeugnis zu geben was Er im Himmel ist, nachdem Er von der Erde verworfen wurde. In der Annahme dieses Zeugnisses findet die Kirche in ihrem streitenden Zustand inmitten dieser Welt ihre große Kraft.

In seiner Dienstwürde ist Jesus Christus der Gesandte, Anführer und Hohepriester unseres Bekenntnisses. Er ist weit erhaben über Moses oder Aaron oder Josua. Aber seine Erhöhung, wahrhaft völlig in seinem Dienste, wird noch herrlicher durch die wesentliche Würde seiner Person. Gott hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Dies ist kein Titel des Dienstes, dies ist seine eigentliche, wesentliche und besondere Würde, die Er in einem Sinn besitzt, wie sie kein anderer hat, und wodurch Er sich von allen anderen unterscheidet. Es ist wahr, der Herr hat vorher vielen Würden verliehen, welche ohne diese nichts waren. Er hat sie dazu Verordnet und eingesetzt und wer sie darin nicht anerkannte, der verwarf Gott selbst. So ist es auch hier. Gott hat Jesus zu einem Herrn und Christ gemacht. Aber wer ist Er, der also von Gott verordnet und eingesetzt ist? Es ist der Sohn. Seine Dienstwürde übertrifft nicht seine wesentliche Herrlichkeit, die Er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war. Kein Dienst, mit welcher Würde er auch bekleidet wäre, kann seine Herrlichkeit in diesem Sinn erhöhen. Er offenbart in einem jeden Dienste seine göttliche Kraft und Würde, und in jedem Wort geben sich die Zeichen seiner göttlichen Person kund, aber wenn Er auch von seiner Dienstwürde entblößt wäre, so würde dennoch seine persönliche Würde und Herrlichkeit völlig bleiben. Dieses macht Ihn allein fähig, „die Ehre zu tragen,“ welche Gott auf Ihn gelegt hat. ... Als Gott andere mit verschiedenen Würden bekleidete, wie Moses, Aaron, David, Salomon usw., wurde immer ihre Untüchtigkeit, diese zu tragen, offenbar. Sie waren nur Menschen, die durchaus keine Macht in sich selber hatten, solche Dienste zu unterstützen. „Aber Jesus ist der Sohn, und in Ihm ist das Leben.“

Ein Dienst, welcher von Gott übertragen ist, fordert eine feierliche Verantwortlichkeit, sowohl von dem, der damit beehrt wird, als auch von denen, welche aufgefordert sind, ihn darin anzuerkennen. Wir sind ermahnt, die Obrigkeit als von Gott verordnet anzusehen. Ihrer Macht widerstehen, heißt Gott widerstehen. Menschen, welchen die obrigkeitliche Gewalt übertragen ist, können eine schlechte Gesinnung an den Tag legen, und dennoch muss ihre Würde als von Gott anerkannt werden. Wenn es nun strafbar ist, wo dies nicht geschieht, wie viel mehr ist es verwerflich und strafbar, wenn jemand die Würde und Dienste nicht völlig anerkennt, die Gott auf seinen eigenen Sohn gelegt hat. Aber ebenso schrecklich ist es auch, in die Rechte jemandes einzugreifen und sich solche Dienste und Würden anzumaßen. Das ist die letzte Form des Bösen, die sich in der gegenwärtigen Haushaltung offenbaren und das schreckliche Gericht Gottes herbeiführen wird. Es ist eine Verleugnung Jesu Christi als Gott und Herr; die Verleugnung seiner wesentlichen wie seiner verliehenen Herrlichkeit, als Vermittler Darum mögen wir uns wohl hüten, der Ehre, welche wir Jesu, dem Sohn Gottes, schuldig sind, Abbruch zu tun; denn wie unendlich erhaben ist er über alle, welchen Gott Würden verliehen hat. Gott wird einst die Menschen von aller Herrlichkeit, welche Er ihnen gegeben hat, entblößen, und was werden sie dann sein? Nichts. Und wenn der Mensch also erniedrigt sein wird, wird der Herr Jesus allein gepriesen werden (Jes 2).

Der 82. Psalm gibt uns einen kräftigen Beweis für diese Wahrheit, dass nur die von Gott verliehene Würde die Menschen aus der Verborgenheit zieht. Wird ihnen diese genommen, so verfallen sie wieder in ihr Nichts. Dagegen die Würde, welche dem Sohn Gottes gegeben, vergrößert seine persönliche Würde nicht. Wenn die Würde Ihm genommen oder von den Menschen nicht anerkannt wird, das führt nur seine Erhöhung durch Gott zu all den Diensten herbei, durch welche der Mensch gefehlt hat, „auf dass Er in allen Stücken den Vorrang habe.“ „ ... Ich habe gesagt: Ihr seid Götter und Söhne des Höchsten seid ihr alle; doch wie Menschen– sollt ihr sterben und wie andere Fürsten fallen. O Gott, stehe auf und richte die Erde; denn du sollst alle Nationen zum Erbteil haben“ (Ps 82,6–8).

Die Beziehung dieses Psalms auf den Herrn Jesus, gleich wie sie uns im 10. Kapitel Johannes gezeigt wird, ist sehr merkwürdig. Er hat hier aus die deutlichste Weise seine eigene Gottheit bestätigt: „Ich und mein Vater sind eins“ (V 30). Da sagten sie: Er macht sich selbst zu Gott (V 33). In Vers 38 bestätigt Jesus noch einmal dieselbe Wahrheit, und sie suchten ihn von neuem zu greifen. Er hatte aber vorher (V 34–35) Anspielungen auf diesen Psalm gemacht, um zu zeigen, dass sie Ihn in seiner gesetzmäßigen Macht und in seinem Dienst hätten anerkennen müssen. Seine Werke gaben Zeugnis von Ihm, dass Er der Gesandte des Vaters war. Nicht allein eine Person war Er, „an welche das Wort Gottes gerichtet war,“ sondern derjenige, welchen der Vater geheiligt, und in die Welt gesandt hatte; derjenige, welcher sagen konnte: „Ich bin der Sohn Gottes.“ Um seiner Werke willen hätten sie Ihm glauben müssen, denn Er tat die Werke seines Vaters; denn Er und der Vater waren eins. Was die Anderen betrifft, so war das Wort Gottes allein an sie gerichtet: – „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.“ Sie hatten in sich selbst keine Würde. Sie waren von der Erde, irdisch und von Gott zur Dienstwürde erhoben. Aber Jesus war der Sohn. Er war geheiligt und in die Welt gesandt worden; „Er war der Herr des Himmels.“ Wie unendlich verschieden war Jesus, der Sohn Gottes, von allen denen, zu welchen Gott gesagt hat: Ihr seid Götter! Von dem Augenblick an, wo ihnen die verliehene Würde genommen wird, müssen sie, wie alle Menschen, sterben. Sie haben keine erhabene oder bleibende Macht und Würde. Aber Er war eins mit dem Vater. Er war im Anfang mit Gott und auch nichts konnte wesentlich seine Würde erniedrigen, weil sie innerlich göttlich war. Er war in sich selbst tüchtig, gesandt zu werden und alles zu vollbringen, was auf Ihn gelegt war.

Die Übereinstimmung, welche zwischen der persönlichen Herrlichkeit und der Herrlichkeit des Dienstes des Herrn Jesus Christus stattfindet, ist der Hauptgegenstand der Brief an die Hebräer. In dem ersten Kapitel wird uns der Sohn dargestellt, und wie Er in Betreff seiner Person und seines Dienstes erhaben über die Engel ist. Und es ist der Sohn, welcher auch der Gesandte unseres Bekenntnisses ist. In dem zweiten Kapitel wird Er uns dargestellt als unser Hohepriester. Im dritten Kapitel sind wir ermahnt, „Jesus Christus als den Gesandten und Hohepriester unseres Bekenntnisses“ zu betrachten. Moses war groß, das ist wahr. Gott hatte ihn vor Pharao herrlich gemacht; dennoch war er nichts mehr als ein Diener, – ein Mensch, an welchen das Wort Gottes gerichtet war, obwohl Gott Marijam und Aaron vor ihm erniedrigte. Aber bemerkt wohl, es waren nicht allein seine Dienste, welche Jesus größer als Moses machten, sondern seine persönliche Große gab Ihm einen unendlichen Vorzug. „Dieser aber ist größerer Herrlichkeit wert geachtet denn Moses, je eine größere Ehre, denn das Haus, der hat, der es breitet. Denn ein jegliches Haus wird von jemanden bereitet, der aber alles bereitet, ist Gott“ (Heb 3,3–4). Moses war als Diener in dem Haus eines anderen treu; aber Christus, als Sohn, ist über sein eigen Haus. Und sogar, was die oberste Würde des Hohepriesters betrifft, so war Aaron der Hohepriester, aber Jesus ist der große Hohepriester, und Er war also auch, was den Dienst betrifft, erhabener denn Aaron. Aber das ist nicht alles; es ist „Jesus der Sohn Gottes“, persönlich noch unendlich erhabener, als wie Er es in Betreff des Dienstes ist. „Dieweil wir denn einen großen Hohepriester haben, der durch den Himmel gegangen ist“ (Heb 4,14).

In Hebräer 7. wird uns vornehmlich die Person des Hohepriesters dargestellt, welcher der Sohn Gottes ist, im Gegensatz von allen, welche einen Dienst überkommen hatten. Nach der Ordnung Aarons waren die Hohepriester Menschen, welche starben; aber nach der Ordnung Melchisedeks ist Er derjenige, welcher lebt, darum, weil Er das Leben in sich selber hat. Es ist wahr, dass Er es gelassen und wiedergenommen, damit Er in das Heiligtum Gottes treten könne, nachdem Er die Reinigung unserer Sünden vollbracht hatte. Noch mehr; die Ordnung Aarons wurde durch Erbfolge fortgesetzt. Es musste notwendig also sein. Aaron war ein Mensch im Fleisch, und nach seinem Tod musste sein Sohn die Dienstverrichtung übernehmen (3. Mo 16,32). Nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots musste das Hohepriestertum nach der Ordnung Aarons fortgesetzt werben. Die Erbfolge ist das einzige Mittel, welches der Mensch kennt, um etwas fortzusetzen, – und da ist notwendig eine menschliche Ordnung. Der König kann nicht sterben, sagt man, – Warum? Weil sein letzter Seufzer seinen Nachfolger auf den Thron setzt, damit die Regierung des Königreichs keinen Augenblick unterbrochen wird. Die Nachfolge ist notwendig nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots. Man darf sich darum nicht mehr wundern, dass die Menschen zu dieser Ordnung zurückgekehrt sind, weil sie die natürlichste und menschlichste ist. Aber Gott hat auf eine andere Weise für seine Kirche gesorgt. Seine Kirche kennt kein Priestertum nach der Erbfolge. Der Sohn ist zum Hohepriester gemacht, nicht nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots, sondern nach der Kraft eines unvergänglichen Lebens. Auch das, was Er in sich selber ist, gibt seinem Hohepriestertum den besonderen Charakter. Und das, was dieses Hohepriestertum charakterisiert, das charakterisiert ebenso die ganze Ordnung des Hohepriestertums in der Kirche, – sie ist nicht erblich. Die Stellung der Kirche in dieser Haushaltung ist in Leben und in Kraft. Ein fleischliches Gebot in Betreff des Hohepriestertums oder Gottesdienstes findet hier keinen Raum, weil das Hohepriestertum Christus im Himmel fortwährend in Ihm selber besteht. Keiner ist sein Nachfolger. – Er ist „der oberste Hohepriester für immer.“ Niemand kann den Heiligen Geist in der Kirche auf der Erde ersetzen: „Er ist ewiglich mit ihr.“ Wenn der Mensch den Menschen als Leiter in die Kirche einführen sollte, so wäre ein fleischliches Gebot notwendig; – denn ohne dies könnte die Ordnung nicht erhalten werden. Und dies hat der Mensch in die Kirche eingeführt und hat also die Kirche unter menschliche Leiter und fleischliche Autorität gestellt. Wie schrecklich ist dies. Gottes Ordnung für seine Kirche ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, aber der Mensch hat nach eigenem Gutdünken Gaben ausgeteilt! Wie sollte bei der göttlichen Ordnung Raum für ein fleischliches Gebot sein?

Es wundert mich nicht mehr, dass das vorige Kapitel (Kap 6) so ernst redet über die Sünde, sich von der Ordnung und der Hoffnung der Kirche abzuwenden, sowie über die schrecklichen Folgen, die notwendig daraus entstehen. Es ist dies ganz und gar ein Umsturz der Ordnung der Haushaltung. Dies heißt, Jesus von seiner Hohepriesterwürde entblößen; Ihn von neuem kreuzigen und der Verachtung aussetzen. In dieser Sache eine Erbfolge anstellen, das hieße notwendig, die Einheit der Gläubigen mit Jesu in der Kraft eines unvergänglichen Lebens, leugnen; denn eine solche Einheit ist ganz und gar nicht zu vereinbaren mit dem Gesetz eines fleischlichen Gebots.

Bemerken wir hier den Gegensatz: es ist nicht nach dem Gesetz, sondern nach der Kraft eines unvergänglichen Lebens. Das Königreich Gottes besteht in der Kraft; der Geist, welchen wir empfangen haben, ist ein Geist der Kraft. Der Abfall vom Glauben in den letzten Tagen, wovor wir gewarnt sind, wird immer darin bestehen: „Sie haben eine Form von Gottseligkeit, aber die Kraft leugnen sie.“ Es handelt sich heute nicht darum, eine Form oder, eine fleischliche Ordnung der anderen gegenüber zu stellen, sondern man muss die Kraft, das ist das Leben, allem anderen entgegensetzen. „Denn wir sind die Beschneidung, die wir Gott im Geist dienen, und rühmen uns Christus Jesus und verlassen uns nicht auf Fleisch“ (Phil 3,3).

Wenn wir den Gegensatz weiter verfolgen, so finden wir, dass die Hohepriester nach der Ordnung Aarons wohl von Gott berufen waren; aber Jesus ist als Hohepriester eingesetzt worden mit einem Eide, durch Denjenigen, welcher zu Ihm gesagt hat: „Der Herr hat geschworen und es soll Ihn nicht gereuen: Du bist ein Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks.“ Noch mehr; nach der Ordnung Aarons waren Hohepriester in großer Anzahl, weil der Tod sie hinderte, fortwährend zu bleiben. Das Hohepriestertum ging von einem zum anderen über; es war erblich. Aber Jesus, darum, dass er ewig bleibt, hat ein unwandelbares Priestertum. „Daher Er auch retten kann aufs völligste, die durch Ihn zu Gott kommen, als der da immerdar lebt und bittet für sie.“ Dies stellt notwendig und auf die einfachste Weise die Vollkommenheit des Hohepriestertums auf ewig fest: eine göttlich vollkommene Person ist dazu für immer geweiht.

Es ist bemerkenswert, dass allem, was unter dem Gesetz eines fleischlichen Gebots war, die Fortdauer mangelte; das betrifft sowohl die Opfer, die Personen, als auch die Vertretung. Aber jetzt, da die Fortdauer in Betreff der Person besteht, so findet sie auch statt in Betreff des Hohepriestertums, der Opfer und der Vertretung. Sobald aber das Priestertum geändert wurde, war auch eine ganze Änderung in dem Gesetz und in der ganzen Ordnung des Gottesdienstes notwendig. Jetzt zur alten Ordnung zurückkehren, ließe das nicht die persönliche Herrlichkeit des Sohnes Gottes leugnen, wie sein Werk und seinen Dienst kraftlos machen, und den Sohn Gottes mit Füßen treten? Dies muss notwendig die Gedanken von seiner Ordnung des Hohepriestertums abwenden zu einer anderen hin. Es hieße menschliche Nachahmungen von Bildern und Schatten, früher von Gott gegeben, wieder einführen, und man legt diesen Dingen eine Würde bei, welche nur den himmlischen gehört; ja es hieße, den Gottesdienst vom Himmel auf die Erde erniedrigen, und heiligen, was Gott als unheilig bei Seite gesetzt hat. Es ist eine Form einsetzen, wo nur die Kraft handeln soll; wo eine Gleichförmigkeit, welche dem Fleisch gefällt, gesucht, aber die Einheit des Geistes, die dem Fleisch immer fremd bleibt, geleugnet wird.

Betrachten wir mit Ernst, was der christliche Gottesdienst in Wirklichkeit ist. Sei es, dass wir unsere eigene Stellung betrachten, sei es, dass wir auf die Veränderung in dem Priestertum Acht haben; wir werden immer zu diesem Schluss kommen: Eine ganze Änderung in der Ordnung des Gottesdienstes ist durchaus notwendig geworden. Wir haben das Priestertum Aarons dem Gesetz anzupassen, und das von Christus, dem neuen Bunde. Das Hohepriestertum Aarons ist fürsprechend, das von Christus ist es auch. Die Kirche wird durch die fortwährende Fürsprache von Christus unterstützt, welche der Art ist, wie unser Bedürfnis es fordert und diesem Bedürfnis auf eine so bewunderungswürdige als erbarmende Weise entspricht. Wenn wir diese so gesegnete Wahrheit völlig erkannt haben, so verstehen wir auch das Wort: „Einen solchen Hohepriester ziemt uns zu haben.“

Und wenn die Kirche kein fürsprechendes Hohepriestertum mehr bedarf, wie es in der Herrlichkeit der Fall sein Wird, wird sie die ganze Fülle der Segnungen unaufhörlich genießen. Aber unsere Stellung ist in Wahrheit jetzt schon so erhaben, als sie dort sein wird. „Jetzt sind wir Kinder Gottes“ – und die Heiligen müssen von nun an den obersten Hohepriester kennen, wie es ihrer hohen Würde angemessen ist. Wir sind „heilige Brüder, Genossen des himmlischen Berufs.“ – Es ist hier nicht das Hohepriestertum Aarons, das solche Menschen, wie er selbst war, bedarf: „Es geziemt uns, einen solchen Hohepriester zu haben.“ Wer hat uns als heilige Brüder, Genossen eines himmlischen Berufs, eingesetzt? Gewiss, diese zwei Dinge, – dass der Sohn selbst unsere Sünden gebüßt hat, und dass „derjenige, welcher heiligt, und welche geheiligt sind, alle von einem kommen; darum hat Er sich nicht geschämt, sie Brüder zu heißen.“ Wenn in ihnen nicht dasselbe Leben war wie in Ihm selbst, konnte Er sie nicht Brüder heißen. „Denn ich lebe, sagte Er, und ihr sollt auch leben.“ Ist Er mit dem Heiligen Geist gesalbt, sie auch. So viele ihrer durch sein Blut gereinigt und als Auferweckte mit Ihm vereinigt sind, sind auch mit demselben Geist gesalbt.

Die alte Ordnung schloss notwendig die heiligen Brüder von dem heiligen Orte aus und machte aus ihnen, welche Genossen des himmlischen Berufs waren, gemeine, irdische Anbeter. Und ist es wirklich das, was man heute sieht? Der Gottesdienst muss die Seele des Anbeters bis zu der Stufe erheben, dass sie nichts zwischen sich und Gott kennt, ausgenommen den obersten Hohepriester; aber statt dessen lässt die Kirchenordnung, welcher viele Heiligen unterworfen sind; deren Haupt wie ein Schilf hängen. – Doch gehen wir weiter. Einen Hohepriester mussten wir haben, „dem nicht täglich Not wäre, wie jenen Hohepriestern, zuerst für die eigenen Sünden Opfer zu tun, danach für des Volkes Sünden. Denn das hat Er getan einmal, dass Er sich selbst opferte. Denn das Gesetz bestellt Menschen zu Hohepriestern, die da Schwachheit haben; das Wort aber des Eides, welches nach dem Gesetz kam, setzt den Sohn auf ewig vollendet.“

Wie verschieden ist Jesus, unser großer Hohepriester von Aaron? Seine ganze gegenwärtige priesterliche Bedienung ist auf das einmal von Ihm geschehene Opfer gegründet. Das hat auf die Ordnung des Gottesdienstes Einfluss und verändert ihn ganz und gar. Denn unser Gottesdienst, so wie das Hohepriestertum Christi, ruht auf dem einmal vollbrachten Opfer. Wir sind noch in einem unheiligen Orte, wenn wir uns nicht Gott nahen, gegründet auf die Sühnung unserer Sünden, für immerdar durch Jesus geschehen. Solange wir dieses nicht erkennen, wissen wir auch sein Hohepriestertum nicht zu schätzen. Dies große Hohepriestertum besteht nur für diejenigen, welche durch Ihn zu Gott kommen. In welch hohe Stellung hat dies einige Opfer uns also gebracht? Kein Ort unter dem Himmel ist für den Dienst oder für unseren Gottesdienst geschickt. Der Eine wie der Andere sind eigentlich himmlisch. Darum muss der Gottesdienst immer da ausgeübt werden, wo Jesus ist, – der große Hohepriester, welcher durch die Himmel gegangen. Aaron war von Gott berufen, das Hohepriestertum in der Stiftshütte, mit Händen gemacht, auszuüben; aber Jesus ist von Gott in sein Priestertum in den Himmel, in der wahren Stiftshütte, berufen, und wir sind Genossen der himmlischen Berufung. Die Würde seiner Person und das Wesen seines hohepriesterlichen Dienstes, so wie der Ort, da Er es ausübt, vereinigen sich, die Notwendigkeit einer Veränderung in dem Gesetz und in der Ordnung des Gottesdienstes herbeizuführen. Das Gesetz stimmt völlig mit Einrichtung und der ganzen Ordnung des Gottesdienstes unter demselben überein; aber es hat nichts zur Vollkommenheit gebracht. Es trägt auf seiner Stirn augenscheinliche Zeichen von Schwäche. – In dem letzten Verse tritt uns ein großer Gegensatz entgegen; es sind nicht bloß Menschen im Gegensatz mit dem Sohn, sondern auch Menschen, die der Schwachheit unterworfen sind. Es ist also auch der Eid in einer bewundernswürdigen Übereinstimmung mit seinem Hohepriestertum und dessen Ordnung; aber beide Sachen untereinander mischen, wie die Kirche es getan hat und noch tut, heißt eine schreckliche Verwirrung einführen. Dadurch wird Jesus die Ehre, die Ihm gebührt, genommen und die Heiligen werden ihrer Freiheit beraubt.

Gedenken wir daran, dass unter dem levitischen Priestertum niemand war, weder Hohepriester noch Oberster, welcher jemand bevollmächtigen konnte, dem Aaron hinter den Vorhang zu folgen. Aaron hatte in dieser Beziehung keinen Mithelfer. Jetzt nimmt der Sohn auch Aarons Stelle ein. Er allein bringt das Blut ins Heiligtum. Er hat keine Mithilfe in irgend einem Teil des Dienstes seines Opfers, noch um Weihrauch darzubringen. Aber er hat Mitgenossen in dem Ort seiner Dienstverrichtung. „Wir sind Genossen des himmlisches Berufs.“ Aber unter dem levitischen Priestertum war keine Gemeinschaft zwischen dem Gottesdienst und dem Hohepriester, selbst was den Ort betrifft. Sie beteten an verschiedenen Orten an. Aber jetzt ist alles verändert, denn die gegenwärtig eingeführte Ordnung ist diejenige, wovon gesagt ist: „Derjenige, welcher heiligt, und diejenigen, welche geheiligt werden, sind eins.“ Wir sind eins im Leben, und demnach einverleibt, was unsere Stellung betrifft, mit Jesus Christus. Er kann selbst im Himmel sagen: „Hier bin ich, und die Kinder, welche Gott mir gegeben hat.“ – Aaron trug die Namen der Geschlechter Israels auf seiner Schulter und seiner Brust; aber da war keine wesentliche Einheit. Sie konnte nicht bestehen; und selbst, wenn sie hätte bestehen konnten, was für ein Vorteil wäre diese Einheit mit einem Menschen gewesen, welcher der Schwachheit unterworfen war? Aber jetzt, da wir den Sohn zum Hohepriester in der Macht eines unvergänglichen Lebens haben, und derjenige, welcher heiligt, und diejenigen, welche geheiligt werden, alle von einem sind, ist es offenbar, dass das Vorrecht, Jesus zu haben, nicht nur als Vertreter, sondern als den, mit welchem wir vereinigt sind, – eine ganze Veränderung in der Ordnung des Gottesdienstes hervorbringen muss.

Können wir eine Sprache finden, welche besser die Gefahr schildert, zu den Ordnungen zurückzukehren oder auf die Erde ein Priestertum, zwischen dem großen Hohepriester und seinen Mitgenossen, herzustellen, als die, welche sich in dem 6. und 10. Kapitel an die Hebräer findet? Sollten diese nicht mit Recht Eindruck auf Solche machen, welche sie in unseren Tagen hören? Und kann es während unserer Pilgerreise durch die Wüste, eine gesegnetere Beschäftigung je geben, die geeigneter wäre, unsere Seelen über den Staub zu erheben, und uns im Geist in die himmlischen Vorhöfe treten zu lassen, – als den Gesandten und Hohepriester unseres Bekenntnisses, Jesus Christus, zu betrachten.

Heilige Brüder, unser Gottesdienst ist nur dann wesentlich und annehmbar, wenn wir nichts zwischen unsere Seelen und unseren großen Hohepriester stellen. Wir haben nur zu betrachten, was Er ist und nicht, was wir sind. Und sind wir in Wirklichkeit etwas, wenn wir uns selbst erhöhen? Es gilt auch in diesem Sinne, dass, „wer sich selbst erniedrigt, soll erhöht werden.“

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