Die letzten Dinge

Der Richter - das geschlachtete und erhöhte Lamm

Die letzten Dinge

„Und ich sah in der Rechten dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, mit sieben Siegeln versiegelt“ (5,1).

Johannes, der Seher, sieht in der Rechten dessen, der auf dem Thron sitzt, ein versiegeltes Buch, eine Rolle, die, entgegen der Gewohnheit, beidseitig beschrieben ist. Dieses Buch enthält die Ansprüche Gottes an die Welt, die bis dahin vom „Fürsten der Finsternis“, dem „Gott der Welt“, Satan, beherrscht wurde, sowie die richterlichen Wege Gottes, die der Erfüllung der längst verheißenen Segnungen vorausgehen müssen. Dieses Buch, einer Pergamentrolle gleich, ist inwendig und auswendig, d. h. auch auf der Rückseite, beschrieben, was ganz ungewöhnlich ist, und bezeugt, wie übervoll das Maß dessen geworden ist, was Gott gegen die Welt hat. Die Anrechte Gottes, wie auch seine Gerichte, sind vollkommen. Solange die Brautgemeinde noch auf der Erde weilt, werden die Gerichte zurückgehalten; darum ist das Buch noch versiegelt, aber sobald jene ins Vaterhaus entrückt sein wird, ist den Gerichten freier Lauf gelassen.

„Und ich sah einen starken Engel, der mit lauter Stimme ausrief: Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu brechen? Und niemand in dem Himmel noch auf der Erde, noch unter der Erde vermochte das Buch zu öffnen noch es anzublicken. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen noch es anzublicken“ (5,2–4).

Die Verse 2–4 legen nun recht eindrücklich dar, wie trostlos die Lage der Welt geworden ist. Ein starker Engel sucht den, der würdig und imstande sei, das Buch und seine Gerichte in die Hand zu nehmen. Aber in der ganzen Schöpfung ist niemand, der zu antworten vermag, niemand aus der Menschheit und niemand aus der Engelwelt, der sich melden könnte. Die Menschen seufzen unter der Herrschaft Satans, und die Engel sind wohl zum Dienst, aber nicht zur Herrschaft berufen. Darüber ist der Seher sehr betrübt, weil er keine Möglichkeit mehr sieht, dass die verheißenen Segnungen in Erfüllung gehen können. Johannes, obwohl er zur Ekklesia gehört, nimmt hier sozusagen die Stellung des jüdischen Überrestes ein, der wohl Gottes Verheißungen kennt, aber erst noch durch Drangsale erkennen muss, dass Jesus Christus der Messias ist.

Aber einer der im Himmel versammelten und erhöhten Ältesten hilft ihm aus der Verlegenheit und gibt ihm, als zu diesem Kollegium gehörend, Auskunft. Auch wir Kinder Gottes werden zu diesem Kollegium gehören, Mitwisser der Ratschlüsse Gottes und bei allen Handlungen unseres Herrn zugegen sein. Die Antwort des Ältesten ist wohl kurz, aber sehr inhaltsreich. Es ist eine Mitteilung von etwas, das dem Apostel zwar bekannt war, aber dennoch eine neue und herrliche Offenbarung seines geliebten Herrn entfaltet. Wir hören die wunderbare Geschichte der Erniedrigung und Erhöhung des Sohnes Gottes kurz zusammengefasst:

„Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe, der aus dem Stamm Juda ist, die Wurzel Davids, das Buch zu öffnen und seine sieben Siegel“ (5,5).

Der Herr wird hier im Bild eines Löwen eingeführt, der überwunden und den Widersacher besiegt hat; der Löwe ist das Symbol von königlicher und siegreicher Macht. Unter diesem Bild ist der Herr schon im Segen Jakobs angekündigt (1. Mo 49,8–10), der ersten Prophezeiung, die den Herrn als König Israels bezeichnet, und der als solcher aus Juda erstehen würde. Aber Er ist die Wurzel Davids, d. h. der Ewige, aus dessen Ratschluss das Haus Davids, die ganze Menschheit, ja die Schöpfung selbst hervorgegangen ist. Der Sohn Gottes ist es, der durch seinen Sieg den Fürsten dieser Welt überwunden und entthront hat. Durch seinen Opfertod hat Er sich die Anrechte an die ganze Schöpfung zurückerworben. Er selbst sagt dies im fünften Gleichnis in Matthäus 13, dass Er nicht nur den kostbaren Schatz im Acker, sondern den ganzen Acker, das heißt, die Welt, zu seinem Eigentum erkauft hat. Er allein hat das Anrecht und auch die nötige Macht zur Ausführung der Gerichte.

„Und ich sah inmitten des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten ein Lamm stehen wie geschlachtet, das sieben Hörner hatte und sieben Augen, die die sieben Geister Gottes sind, die gesandt sind über die ganze Erde. Und es kam und nahm das Buch aus der Rechten dessen, der auf dem Thron saß“ (5,6.7).

Das Seherauge Johannes' schaut nun diesen Löwen aus Juda und erblickt in Ihm ein Lamm, wie geschlachtet. So merkwürdig dies, oberflächlich gesehen, aussieht – der siegreiche Löwe als ein Lamm, und dazu noch wie geschlachtet – ist dies doch eine der herrlichsten Offenbarungen unseres Herrn. In den Evangelien und Briefen finden wir dies eingehend ausgeführt. Er hat sich als Gottes Opferlamm bis in den Tod hingegeben und ist am dritten Tag siegreich wieder auferstanden. An seinem Leib der Herrlichkeit aber trägt Er die Male der am Kreuz empfangenen Wunden als ewige Ehren- und Siegeszeichen; darum sieht Ihn Johannes „wie geschlachtet“. Das hier gebrauchte griechische Wort „arnion“ für Lamm, bedeutet das „erhöhte Lamm“, ein Ausdruck, der nur in diesem Buch und in Johannes 21,15 vorkommt. Dies ist sehr bedeutsam. Dieses Wort „arnion“ deutet die Erhöhung des auf der Erde aufs Tiefste erniedrigten und verworfenen Jesus, auf die höchste Stufe vor Gott, an. Zu ihrem Erschrecken werden die Menschen dies bei der Offenbarung des Christus zur Kenntnis nehmen müssen.

Aber es ist noch ein Umstand, der diese Erhöhung zum vollen Ausdruck bringt, nämlich, dass dieses Lamm nicht vor dem Thron wie eine dritte Person steht, sondern inmitten des Thrones, d. h. zum Thron selbst gehört. Dies ist eines der Beispiele in den Schriften des Johannes, in denen die Unterscheidung der drei Personen der göttlichen Dreieinheit in die göttliche Einheit übergeht. Diese deutliche Unterscheidung von Vater, Sohn und Heiliger Geist ist für uns Menschen auf der Erde notwendig, damit die entwickelten Gedanken für uns fassbar sind.

Das Lamm trägt die Zeichen göttlicher Vollkommenheit; „sieben Hörner“ sind die Insignien göttlicher Macht, und „sieben Augen“ die Zeichen der absoluten Allwissenheit Gottes, somit die Machtvollkommenheit des Heiligen Geistes, nicht der eine Geist der Gnade, sondern als der siebenfältige Geist des Gerichts.

Mit dieser separat dargestellten Übertragung der Buchrolle der Gerichte Gottes auf das Lamm, soll klar und deutlich nachgewiesen werden, dass die Ansprüche des Herrn auf die Erde nicht nur eine Sache der Autorität sind, sondern auf dem Fundament des Kreuzes ruhen.

„Und als es das Buch nahm, fielen die vier lebendigen Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und sie hatten jeder eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, welches die Gebete der Heiligen sind“ (5,8).

Sobald nun das Lamm sich anschickt, die göttlichen Gerichte zu eröffnen, gerät der ganze Himmel in Bewegung; sowohl die Ältesten, als auch die vier Cherubim fallen vor dem Thron und dem Lamm nieder, um in Anbetung und Jubel auszubrechen. Dabei sieht der Seher jetzt in den Händen der Ältesten Harfen und goldene Schalen voller Räucherwerk, Bilder der Gebete der Heiligen auf der Erde, die somit von den bereits verherrlichten Heiligen vor Gott unterstützt werden. Letzteres ist ein Zeugnis der besonderen Anteilnahme der Heiligen für die noch leidenden und vom Antichristen verfolgten Heiligen auf der Erde. Die Harfen aber zeugen vom ewigen Priesterdienst der Erlösten im Himmel.

„Und sie singen ein neues Lied: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation, und hast sie unserem Gott zu einem Königtum und zu Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen!“ (5,9.10).

Was Johannes nun hört, und auch wir hören dürfen, als Ausblick auf unsere eigene Zukunft im Vaterhaus, ist ein völlig neues Lied. Das Wort „neu“ bezeichnet in der Heiligen Schrift immer etwas, das zum Bisherigen in keinerlei Beziehung steht, in keiner Weise an Altes anknüpft und überhaupt neu ins Dasein gekommen ist. So redet dieses neue Lied im Himmel mit keiner Silbe von den Umständen auf der Erde. Alles was das „Heute“ kennzeichnet, gehört für immer der Vergangenheit an. Denn, obwohl der Inhalt ganz deutlich berichtet, was das Lamm für sie selbst getan und was es aus ihnen gemacht hat – denn sie allein werden Könige, Priester und Herrscher über die Erde sein –, so erwähnen sie dies gar nicht, sondern reden in der dritten Person, als ob es sie gar nichts anginge. Warum? Sie sehen eben nichts anderes als die Herrlichkeit des Lammes, und bewundern den Weg, auf dem das Lamm diese Herrlichkeit erworben und die Ratschlüsse Gottes erfüllt hat.

„Und ich sah: Und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron her und um die lebendigen Wesen und die Ältesten; und ihre Zahl war Zehntausende mal Zehntausende und Tausende mal Tausende, die mit lauter Stimme sprachen: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung. Und jedes Geschöpf, das in dem Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meer ist, und alles, was in ihnen ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm die Segnung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (5,11–13).

Weiter sieht der Seher die Menge der unzählbaren, himmlischen Engelscharen, dann im weiteren Kreis die gesamte Schöpfung, die ebenfalls das Lamm verherrlicht. Beide bringen dem Lamm Preis, Ehre, Macht und Herrlichkeit; sie haben wohl die großen Dinge mit Staunen bewundert, aber dieselben weder selbst erfahren, noch vermögen sie in deren Geheimnisse hineinzuschauen.

„Und die vier lebendigen Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an“ (5,14).

Die vier lebendigen Wesen geben darauf ihr zustimmendes Amen, d. h. „Ja, wahrlich, so ist es!“, worauf die Ältesten in staunender Anbetung niederfallen. Welche wunderbare, herrliche Szene! In wenigen Strichen skizziert sie unsere Zukunft im Vaterhaus. Zu bemerken ist noch, dass „unter der Erde“ nichts zu tun hat mit den „Unterirdischen“ in Philipper 2,10. Dort sind die Verdammten gemeint, die letzten Endes doch noch, wenn auch zähneknirschend, den viel geschmähten Namen Jesu anerkennen müssen, aber in ewigem Getrenntsein von Gott. Dies wird sich nach dem Verdammungsurteil vor dem großen weißen Thron erfüllen. Wir haben hier gewissermaßen, ehe die Gerichtsperiode beginnt, ein Präludium der Verherrlichung des Herrn. Da wird selbst die stumme Kreatur bis zur kleinsten Existenz im Erdboden den Schöpfer verherrlichen.

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