Die letzten Dinge

Das Sendschreiben an Sardes

Die letzten Dinge

Sardes bedeutet Überrest und zeigt den Anfang einer neuen Linie in der Entwicklung des Zeugnisses Jesu Christi an, die aus dem Überrest in Thyatira herausgewachsen ist. Dieser Überrest – denken wir an die Waldenser, die Hussiten und andere größere und kleinere Kreise in der Vorreformationszeit – ist in der Tat ein Vorläufer und Saatgut der großen Reformation des 16. Jahrhunderts gewesen. Daraus sind dann die protestantischen Kirchen entstanden, leider nicht die einfache Gemeinschaft der Gläubigen nach der Heiligen Schrift, wie sie ursprünglich errichtet worden war. Zwar hatten die Reformatoren das Licht des einfachen Evangeliums wieder auf den Leuchter gestellt und dem biblischen Grundsatz der alleinigen Rechtfertigung aus Glauben an den Herrn Jesus Christus wieder Geltung verschafft. Da aber das Losreißen von Rom unter dem Schutz und der Mitwirkung der weltlichen Regierungen, oder in Frankreich wenigstens durch eine starke politische Partei erfolgte, ist damit auch viel unbekehrtes, nur äußerlich rechtgläubiges Volk übergetreten. Dadurch ist wiederum ein schließlich lebloses Staatskirchentum entstanden, dessen Leitung und Autorität die weltliche Regierung übernahm. So hat nun bei Sardes, im Gegensatz zu Thyatira, wo die Kirche Roms die Herrschaft der Welt beanspruchte, die irdische Regierung die Herrschaft über die Kirche an sich gezogen, wie dies schon bei Pergamus in einem gewissen Sinn der Fall war. Dadurch ist auch der grundlegende Satz der Reformatoren: „Rechtfertigung aus Glauben allein“ zur bloßen theoretischen Bekenntnisformel ohne Leben geworden, und die Kirche ist zu einem toten Namenchristentum erstarrt. Die Vorhaltungen des Herrn als Richter sind daher auch im Grund weit ernstere, als bei den vorigen Sendschreiben, denn es handelt sich hier um mehr, als durch Irrungen verursachte Verdorbenheit; es geht hier direkt um das Fahrenlassen der Lebensbedingungen selbst.

„Und dem Engel der Versammlung in Sardes schreibe: Dieses sagt der, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne:Ich kenne deine Werke, dass du den Namen hast, dass du lebst, und du bist tot“ (3,1).

Der Herr stellt sich vor als derjenige, der immer noch unverändert die alleinige volle Kraft und Macht des Heiligen Geistes besitzt und sie dem glaubenden Menschen mitteilen kann und auch will, wenn man Ihm den gebührenden Platz gibt; Er hat auch fortwährend Macht über sein Zeugnis beansprucht und ist sein wahrer Träger, wiewohl äußerlich weltliche Regenten die Autorität über die Kirche an sich gerissen haben. Deswegen sagt Er hier nicht, wie bei Ephesus: „der die Sterne in seiner Rechten hält“, sondern nur: „der sie hat“; durch die Autoritätsausübung der Menschen ist Ihm in der Tat die Kirche als Gesamtsystem aus der Hand genommen.

Welches furchtbare Urteil! Zwar waren ja diese Kirchen der Lehre nach äußerlich richtig und gesund, standen sie doch, im Vergleich zu dem Götzendienst und den Missbräuchen der römischen Kirche, auf dem Grundsatz der Rechtfertigung und des ewigen Lebens aufgrund des Glaubens an Jesus Christus. Aber gerade dadurch, dass die weltlichen Herren die Autorität und Führung übernahmen, wurde bald aus der Rechtgläubigkeit eine bloße theoretische Formel ohne lebendige Wirklichkeit, ohne Buße und Bekehrung, eine bloße Kopfsache. Das kirchliche Leben erstarrte zur toten Dogmatik und Buchstabenreiterei; die Pfarrer wurden mehr Handlanger der Regierungen, als Lehrer der Wahrheit; es nahmen geistlicher Tiefstand und Leere überhand. Das ist ganz logisch, denn geistliche Kraft und wahres Leben kann eben nur vom Heiligen Geist mitgeteilt werden, dessen Tätigkeit hier sozusagen an die Wand gedrückt wurde. Kein Wunder, wenn diese Kirchen im 18. Jahrhundert in die seichte, ungläubige und nichtssagende „Aufklärung“ und schließlich in den Umsturz der Revolutionszeit mündeten!

„Sei wachsam und stärke das Übrige, das sterben will; denn ich habe deine Werke nicht für vollkommen befunden vor meinem Gott“ (3,2).

Für die geistlichen Bedürfnisse der Seelen hatten die „Geistlichen“ des 17. und 18. Jahrhunderts nichts zu bieten, ja sie hinderten und verfolgten sogar diejenigen, die selbst zum Wort Gottes griffen, um für ihre persönlichen Bedürfnisse daraus zu schöpfen; sie bestraften und vertrieben sie, und viele wurden Opfer der zahlreichen damaligen ungesunden Strömungen, der sog. „Inspirierten“ (Leute, die sich mehr auf ihre innere Stimme, als auf Gottes Wort stützten). Ja, die Sardeskirchen waren in der vollen Bedeutung des Wortes „schlafende Kirchen“ geworden, die der Herr ermahnen musste, „wachsam“ zu sein, leider aber vergebens. Das 17. und 18. Jahrhundert waren auch für die protestantischen Kirchen eine Zeit geistlicher Finsternis.

Der Anfang der Reformation war eine wirkliche Rückkehr zu Gottes Wort gewesen; dasselbe war durch die Reformatoren wieder zu einem allgemeinen Volksgut geworden, und die gute Botschaft des Heils wurde klar verkündigt und verhalf manchem zum ewigen Heil. Aber es kam bei der Reformationskirche nicht zu einer völligen Trennung von allem menschlichen Formenwesen, noch zu einer wirklichen Absonderung von der unbekehrten Welt und heiligen Gemeinschaft der Gläubigen untereinander, wie sie zu den Zeiten der Apostel verwirklicht wurden und wie sie Gottes Wort darstellt. Wie wäre dies auch möglich gewesen, wenn wir bedenken, dass sich die Reformatoren weitgehend auf fleischliche Mittel stützten, ja sogar zu fleischlichen Waffen griffen! Unter dem Schutz von Fürsten und Regierungen kam auch viel unbekehrtes Volk mit hinaus aus dem römischen System, und damit wurde das wahre biblische Ziel vereitelt. Der Feind gibt sich eben nie geschlagen und greift immer wieder von einer unerwarteten Seite an. Lasst uns darum stets ein wachsames Auge haben! Wohl hatten die Reformatoren den Kampf mit Rom siegreich ausgetragen, aber die Gefahren, die aus den eigenen Reihen kamen, nicht genügend erfasst. Doch wollen wir uns hüten, Steine auf sie zu werfen, angesichts der schwierigen Lage, in der sie sich befanden! Wie würden wohl wir in jenen Umständen ausgeharrt haben?

„Gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tu Buße. Wenn du nun nicht wachst, so werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde“ (3,3).

Der Herr lässt nun eine sehr ernste Mahnung an Sardes ergehen, sich doch in ernstlicher Prüfung an das Zeugnis, Wirken und Leiden der Reformatoren zu erinnern und den Vergleich mit seinem gegenwärtigen Zustand zu ziehen, um zu erkennen, wie weit es abgeirrt war. Es ist dieselbe Ermahnung, wie das Wort in den Briefen des Johannes: „Was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch.“ Es war immer wieder notwendig für die Gläubigen aller Zeiten und besonders in den heutigen Tagen des Verfalls und Niedergangs, aufgerüttelt zu werden, weil wir in ständiger Gefahr des Abgleitens von dem sind, was der Herr uns zu Beginn übergeben hat. Der große Feind, Satan, weiß daraus Kapital für seine Verführungen zu schlagen! Darum wird in diesem Sendschreiben so viel Gewicht, einerseits auf das Bewahren dessen, was man hat und anderseits auf das Buße tun, gelegt, die Umkehr in Beugung vor dem Herrn und zu dem, was Er gegeben hat.

Sardes tat nicht Buße, sondern verharrte auf seinem Weg und schlief weiter, bis die Drohung des Herrn Tatsache wurde. Zu einem Teil ist diese schon im 18. Jahrhundert durch die ungläubige, sogenannte „Aufklärung“ Wirklichkeit geworden, die dann zum blutigen Umsturz der französischen Revolution führte. Aber das endgültige Gericht steht noch bevor. Was wird dann von dieser Kirche ohne Leben übrig bleiben, nachdem der Herr, durch seine Ankunft, die Seinen von der Erde, und damit das Salz der Erde und das Licht der Welt, weggenommen haben wird? Es wird eine ganz leere Schale ohne Inhalt und Gehalt sein, die der römischen Kirche, und mit ihr dem Gericht durch das Tier, anheimfallen wird.

„Aber du hast einige wenige Namen in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; und sie werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind es wert“ (3,4).

Auch in der Sardeszeit hat es in den protestantischen Kirchen inmitten allen geistlichen und sogar moralischen Tiefstandes manche treue Zeugen gegeben, deren Namen so gut bekannt sind, dass sie nicht genannt zu werden brauchen. So haben die sogenannten „Pietisten“ das lebendige Zeugnis des Herrn Jesus Christus unermüdlich hochgehalten und wirklich lebendig erhalten. Sie sind eigentliche Leuchten in der Finsternis geworden, nicht nur in der Christenheit, sondern auch Bannerträger des Lichts weit in die Heidenwelt hinaus, Bahnbrecher und Vorboten der Mission unter den farbigen Völkern. Gerade sie hatten von der Kirche viel Anfechtung, Ablehnung und Beiseitesetzung erfahren; aber der Herr selbst bekennt sich zu ihnen und verleiht ihnen die weißen Kleider ihrer vor Gott gültigen Gerechtigkeit (vgl. Off 19,8). Es waren damals, gegenüber der großen ungläubigen Masse, nur einzelne leuchtende Sterne, auf die Sardes aber hingewiesen wird, als auf diejenigen, die der Herr anerkennen kann.

„Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens, und ich werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln“ (3,5).

Das ist ein Merkmal aller großen Kirchen der vergangenen Zeiten und wird auch weiterhin so sein, dass es immer nur Einzelne sind, die das Hindernis der menschlichen Organisationen überwinden, wirkliches Leben aus Gott bekommen und damit den Heiligen Geistes und dessen Kraft in sich wohnend haben, obwohl heute durch die meisten Kirchen mehr oder weniger ein allgemeines Erwachen geht. Der Herr stellt hier fest, dass Er nur den, den Er selbst in das Buch des Lebens eingeschrieben hat, wirklich anerkennen kann. Man kann in den menschlichen Kirchenbüchern eingeschrieben sein oder durchgestrichen werden, das ist nicht maßgebend für den Eintrag ins wahre Buch des Lebens.

„Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt!“ (3,6).

Auch diese ernste Warnung ist, wie alle andern ebenso, an uns gerichtet und auch für uns höchst notwendig. Denn unsere Natur neigt dazu, auf dem Wissen der Errettung aus Glauben ruhen zu wollen und sich, in Bezug auf das Übrige, schlafen zu legen. Aber man vergisst so leicht, was Leben in Wirklichkeit bedeutet, dass es nicht bloß meint, wiedergeboren zu sein, sondern sich durch sichtbare Betätigung erweisen muss. Es ist im geistlichen Leben genauso, wie im natürlichen in der Schöpfung. Wahres, gesundes Leben zeigt sich durch Bewegung und Tätigkeit und darin, dass es wieder neues Leben hervorbringt. Ist es nicht ganz naturgemäß, dass ein Baum, ein Tier, das unfruchtbar bleibt, als unnütz und seinem Zweck nicht entsprechend abgewertet wird? Und wenn wir wahrnehmen, dass es auf dem Gebiet des Glaubens an wirklichem Leben und Frucht mangelt, sollte uns dies nicht zur Besinnung bringen? Sollten wir nicht daran denken, was wir einst empfangen haben und uns in Beugung zurückwenden zu dem, „was wir von Anfang gehört haben“? Denn wenn es mangelhaft bei uns steht, ist dies ein Beweis, dass wir eben doch nicht mehr ganz dort stehen, wo der Herr uns hingestellt hat. Darum ist die Befolgung der Mahnung in Vers 2: „Sei wachsam, und stärke das Übrige, das sterben will“, eine tägliche Notwendigkeit für uns. Lasst uns über uns selbst wachen – mehr als über andere – dass wir nicht stillstehen, sondern uns fortwährend aufraffen, um vor- und aufwärts zu gehen; denn wir wissen, dass Stillstand sicherer Rückgang bedeutet, und, wenn wir das Steuer nicht sofort herumreißen, der Weg zum inneren Ersterben führt.

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