Die letzten Dinge

Szenen aus der großen Drangsal

Die letzten Dinge

Die 144 000 auf dem Berg Zion

„Und ich sah: Und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm 144.000, die seinen Namen und den Namen seines Vaters an ihren Stirnen geschrieben trugen“ (14,1).

In Kapitel 13 haben wir gesehen, wie das Böse seinen Höhepunkt erreicht hat, so dass sich die Frage erhebt: „Wo bleibt denn Gott?“ Kapitel 14 gibt nun die Antwort. Wir sehen die Endresultate von Gottes Wirken, indem Er sowohl tröstende und ermunternde Botschaften an die Seinen richtet, als auch Warnungen ernstesten Charakters an die Übrigen, die Ihn verwerfen. Auch hier, wie in Kapitel 7, sehen wir, dass Gott und nicht die Feinde als Sieger das ganze Feld beherrscht. In seiner Gnade und Fürsorge aber bleibt Er in der schwersten aller Zeiten für die Seinen ununterbrochen tätig. Andererseits bleibt Er gerecht in all seinem Tun; Er lässt die Bösen nicht ungewarnt, wenn Er auch zulässt, dass ihre Bosheit zur vollen Reife kommt, damit sie ohne Entschuldigung seien.

In den ersten fünf Versen zeigt uns nun der Seher Johannes zuerst das siegreiche Lamm Gottes, und zwar nicht im Himmel, sondern auf dem Berg Zion, dem Mittelpunkt seiner Herrschaft und Herrlichkeit auf der Erde, umgeben von den 144 000 Erlösten. Es ist bezeichnend und kostbar, feststellen zu dürfen, dass der Seher, unmittelbar nachdem die beiden gräulichen Hauptwerkzeuge des Widerstandes Satans ins Blickfeld treten, Gott als endgültigen Sieger mit den Seinen vereint sieht, das Zeugnis davon, dass jene schreckliche Macht nur eine kurze, vorübergehende sein wird. Es ist dabei wichtig, zu beachten, dass hier, wie überall in der Offenbarung, für das Lamm im griechischen Urtext das Wort „arnion“ gebraucht wird, womit zugleich das geschlachtete, aber auch siegreich erhöhte Lamm bezeichnet wird, die unumgänglich notwendigen Grundpfeiler seiner ewigen Herrschaft. Der Ausdruck „arnion“ bedeutet überall die Feststellung und Behauptung der Rechte des Herrn Jesus Christus zur Ausübung der Gerichte und seiner Herrschaft auch über die Erde. Dies ist gerade hier, angesichts der schrecklichsten satanischen Tiere von allergrößter Bedeutung. Ihm allein gehört die Herrschaft, und durch seinen Sieg wird Er sie auch für immer behaupten, wie dies in den prophetischen Stellen des göttlichen Wortes immer wieder vorausgesagt war. (Ps 2 und 110 und andere Stellen) Heute ist dies, wie wir schon bemerkten, noch zukünftig (Heb 2; 8; 9), aber in unserem Kapitel wird diese Herrschaft als angetreten betrachtet. Darum wird das Lamm hier in Gemeinschaft mit einer großen Schar Erlöster gezeigt, die aus der großen Drangsal kommen, deren Urheber die beiden Tiere sind; es ist eine Drangsal, die in besonderer Weise über die beiden Stämme des Königreiches Juda kommen wird.

Die Zahl 144 000 ist dabei als symbolische Zahl zu bewerten, wie wir dies schon in Kapitel 7 sahen: die absolute Vollzahl dieser Kategorie Überwinder. Es ist allerdings zu bemerken, dass sich diese Zahl dort auf die Erlösten und Versiegelten aus allen Stämmen Israels bezieht; hier in Kapitel 14 sind es nur diejenigen, die aus der großen Drangsal kommen, also aus Juda, aus dem Teil des Volkes, der sich in besonderer Weise des Justizmordes an seinem Messias schuldig gemacht hat. In diesem Überrest dürfte auch die in Psalm 45 und im Lied der Lieder besungene Königsbraut zu suchen sein. Der Überrest ist durch die schweren Leiden der großen Drangsal hindurchgegangen, aber infolge der Versiegelung von Seiten des Herrn darin bewahrt geblieben; auch dürfen sie jetzt den kostbaren Namen des Herrn, ihres Messias und Gottes, an ihren Stirnen leuchtend tragen. Es ist zu beachten, dass hier gesagt wird, den Namen seines – des Lammes – Vaters, nicht ihres Vaters; dies bedeutet, dass sie zwar innig mit ihrem König und Messias verbunden sind, aber dennoch nicht die Vorrechte als Kinder Gottes wie die Erlösten der Brautgemeinde genießen, zu der wir aus Gnaden gehören dürfen. Sie sind nicht Teilhaber der himmlischen Herrlichkeit, wie wir, sondern Teilhaber der Glückseligkeit seines Königreiches auf der Erde, gemäß der Israel gegebenen Verheißungen.

„Und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel wie das Rauschen vieler Wasser und wie das Rollen eines lauten Donners; und die Stimme, die ich hörte, war wie von Harfensängern, die auf ihren Harfen spielen. Und sie singen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebendigen Wesen und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen als nur die 144.000, die von der Erde erkauft waren“ (14,2.3).

Es ist ein wunderbarer Lobgesang, den unser Seher hier aus dem Himmel hört, und der von mächtigem Harfenklang begleitet ist. Auch dieses Lied ist ein neues, das bisher auf der Erde weder gehört noch bekannt war. Es wird auch erst nach dem völligen Sieg über das Böse gesungen werden können. Wer die Sänger sind, wird nicht gesagt; jedenfalls ist es nicht die verherrlichte Brautgemeinde, denn das Lied derselben in Kapitel 5 ist ein ganz anderes, innigeres, und sie wird ja in unserer Stelle als Zuhörer, nicht als Sänger, erwähnt. Wahrscheinlich ist es die in Kapitel 15 genannte Volksmenge, also wohl in der Hauptsache Gläubige aus Israel, die ihre Treue mit ihrem Tod besiegelt haben. Das Lied wird sich inhaltlich auf die Erfüllung der Israel gegebenen Verheißungen in Bezug auf das 1000-jährige Reich beziehen.

Es wird das „Lied Moses“ genannt, weil es ein eigentliches Befreiungslied ist, wie jenes, das Mose mit dem Volk am jenseitigen Ufer des Roten Meeres nach der völligen Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens sang. Auch in jenem Lied Moses geht der prophetische Blick bis zur endgültigen Wiederherstellung Jerusalems, die im Alten Bund nur unvollkommen und nur vorübergehend erreicht und gesehen worden war. Hier nun haben wir die wirkliche und vollkommene Erreichung des herrlichen Zieles, das eben nur durch den Sieg des Lammes möglich geworden war. Darum wird dieses Lied das „Lied des Lammes“ genannt. Nur die auf dem Berg Zion Versammelten werden es lernen können, weil es eben diese allein angeht.

„Dies sind die, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind Jungfrauen; dies sind die, die dem Lamm folgen, wohin irgend es geht. Diese sind aus den Menschen erkauft worden als Erstlinge für Gott und das Lamm. Und in ihrem Mund wurde keine Lüge gefunden; denn sie sind untadelig“ (14,4.5).

Welches herrliche Zeugnis, das Gott selbst über den Überrest abgibt! Trotz des äußeren Druckes und der furchtbaren Leiden seitens des Bösen, hält er sich voll und ganz, wie einst Henoch, an seinen Gott und Messias Jesus Christus. Er lässt sich in keiner Weise mit der Welt ein, sondern folgt einfach dem Lamm und niemand anders. Der merkwürdige erste Satz in Vers 4 weist auf seinen Charakter als die Braut des Messias hin, die jegliche Buhlerei mit der Welt, im Gegensatz zum alten Volk Israel, vermeidet, das anderen Göttern nachgegangen ist, wie das besonders der Prophet Hosea strafend berichtet. Der Ausdruck „erkauft worden als Erstlinge für Gott und das Lamm“ deutet wohl an, dass dieser Überrest aus Juda der Same und der Grundstock einer großen Menge sein wird, der auf seine Predigt vom nahen Kommen des Königreiches hin, auch glauben und dasselbe ererben wird.

Der Engel mit dem „ewigen Evangelium“

„Und ich sah einen anderen Engel inmitten des Himmels fliegen, der das ewige Evangelium hatte, um es denen zu verkündigen, die auf der Erde ansässig sind, und jeder Nation und jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk, indem er mit lauter Stimme sprach: Fürchtet Gott und gebt ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen; und betet den an, der den Himmel und die Erde gemacht hat und das Meer und die Wasserquellen“ (14,6.7).

In den Versen 6–13 richtet Gott verschiedene Botschaften an die Menschen. Vorerst haben wir die Botschaft des „ewigen Evangeliums“, das in der schweren Zeit der großen Drangsal verkündigt werden wird. Es ist nicht mehr die „gute Botschaft der Gnade“, denn diese hat mit der Entrückung der Brautgemeinde und der Rückkehr des Heiligen Geistes in den Himmel ihren Abschluss gefunden. Es ist auch nicht das Zeugnis vom Kommen des Reiches des Messias, wie es einst Johannes der Täufer und der Herr selbst verkündigt haben. Es ist vielmehr die jener finsteren, gesetzlosen Zeit angepasste Botschaft, die von der ersten Verheißung des Erlösers in 1. Mose 3,15 an gültig gewesen ist, und zwar für die ganze Menschheit. Es ist ein dreifaches Zeugnis, das erste: das Zeugnis von der Schöpfung, die Offenbarung der Allmacht Gottes; das zweite: das Zeugnis des Gewissens, die Kundmachung des heiligen und gerechten Gottes, des Richters der Welt, und das dritte: die Verheißung eines Erlösers, der die Macht der Sünde und des Todes brechen würde. Diesen Zeugnissen haben die Patriarchen, wie Henoch und Noah, geglaubt und ihm Ausdruck gegeben. Die kommende dunkle Endzeit wird wieder den gleichen Charakter, wie die Zeit vor der Sintflut, haben und zwar in einer viel ausgeprägteren Weise. Es geht erneut um das Entweder – Oder, um die einfache Entscheidung für Gott oder für die Sünde.

Mit der Auserwählung Israels sind die schon Abraham gegebenen Verheißungen befestigt und weiter ausgebaut worden. Sie fanden in Christus Jesus, dem Sohn Gottes, der auf die Erde kam und Mensch wurde, die vollkommene Offenbarung Gottes im Evangelium der Gnade, das heute noch verkündigt wird. Diese höchste Verheißung, die eine himmlische Vereinigung der Gläubigen mit ihrem Herrn zum Gegenstand hat, wird mit der Entrückung ihren endgültigen Abschluss finden. Der Erfüllung des Evangeliums vom messianischen Königreich, das das herrliche Teil des gläubigen Überrestes aus Israel auf der Erde verheißt, wird die Läuterung dieses Überrestes in der großen Drangsalszeit vorausgehen. Die übrige Menschheit wird unter der Herrschaft der beiden Tiere die volle Reife der Bosheit erreichen, so wie die Menschen vor der Sintflut Gott zum großen Gericht durch die Wasserfluten herausforderten. Diesen Menschen wird das „ewige Evangelium“ gelten, aber es wird ihnen keine lange Frist zur Besinnung gewährt. Es gilt, sich sofort – für oder gegen Gott – zu entscheiden, denn die angedrohten Gerichte werden unverzüglich ausgeführt werden.

Die Ankündigung der Gerichte

„Und ein anderer, zweiter Engel folgte und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, die von dem Wein der Wut ihrer Hurerei alle Nationen hat trinken lassen.

Und ein anderer, dritter Engel folgte ihnen und sprach mit lauter Stimme: Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet und ein Malzeichen annimmt an seine Stirn oder an seine Hand, so wird auch er trinken von dem Wein des Grimmes Gottes, der unvermischt in dem Kelch seines Zorns bereitet ist; und er wird mit Feuer und Schwefel gequält werden vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und wenn jemand das Malzeichen seines Namens annimmt. Hier ist das Ausharren der Heiligen, die die Gebote Gottes und den Glauben Jesu bewahren“ (14,8–12).

Die erste Ankündigung betrifft das endgültige Gericht über die christuslose Christenheit, die sich anmaßt, weiter ein christlich religiöses Zeugnis zu sein, aber in Wirklichkeit sich längst vom Bekenntnis zu Jesus Christus abgewandt hat. Sie hat nur noch eine Form der Gottseligkeit, verleugnet aber deren Kraft, die Lebensgemeinschaft mit dem Herrn. Nicht nur das; anstatt die Seelen zum Herrn zu führen, hat dieses von Gott gelöste System sich die Herrlichkeit und Herrschaft dieser Welt angeeignet und ist zum Feind des wahren Glaubens geworden. Diese Vorhaltung wird der Christenheit schon in dem Sendschreiben an Thyatira, der „Weihrauchspenderin“, gemacht. Doch der Geist Gottes sieht inmitten dieser religiösen Verdorbenheit einen wahren gläubigen Überrest. Mit der Entrückung entschwindet dieser aber mit Christus in den Himmel, und auf der Erde bleibt nur das gottfeindliche Babylon. Dieser Name ist sehr bezeichnend; denn er erinnert an die Rolle, die die große Stadt Babel in der Geschichte der Menschheit gespielt hat, nämlich der Ausgangspunkt der Erhebung der Menschen gegen Gott, um sich selbst einen großen Namen zu machen, der Anfang und Ursprung alles Götzendienstes. Dasselbe wird sich in der Endzeit mit der abtrünnigen Christenheit wiederholen, und darum wird sie Babylon gescholten. Es wird hier aber absichtlich diese volle Form Babylon gebraucht, nicht Babel, wie jene Stadt im Alten Testament immer genannt wird, dies wohl, damit man nicht etwa an die alte Stadt in Mesopotamien denkt. Dies liegt nämlich nahe, da Projekte bestehen, diese Stadt in jener von Natur überaus gesegneten Gegend wieder aufzubauen; aber daraus wird kaum etwas werden, denn der Herr hat durch den Propheten vorausgesagt, dass Babel nicht wieder aufgebaut wird, sondern zur völlig gemiedenen Wüste werden muss (Jes 13,19–22; Jer 51), und genauso ist es heute.

Aber auch über das Babylon des Neuen Testaments wird ein ebenso schauerliches Gericht angekündigt, wie über das Babel im Alten Testament. Wir finden es im 17. Kapitel beschrieben. Beachtenswert ist hier der Ausdruck: „Babylon, die große“, den der Heilige Geist für die Kirche verwendet, der Er höchste Herrlichkeit im Himmel zugedacht hatte, die sie aber, um irdischer Größe und Macht willen, verschmäht und verscherzt hat. Gerade aus ihr wird schließlich die schrecklichste und ruchloseste Form der Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit erstehen, ebenso wie aus dem hocherhobenen Volk Israel letzten Endes der Antichrist erstehen wird, die große Nachäffung des Christus, dem aber die Masse des jüdischen Volkes folgen wird. Der Geist Gottes kann diese furchtbare Tatsache nur mit den stärksten Ausdrücken bezeichnen.

Dieses furchtbare Gericht wird durch den von Satan angestifteten Römischen Kaiser und seine Mitregenten ausgeführt werden, Werkzeuge, die in sich selbst wieder satanisch sind. Die heutige Babylon-Kirche hält immerhin noch in einem gewissen Maß an der Anbetung Gottes fest. Aber dieses Tier, der Kaiser, wird Gott und Christus und alles, was an Ihn erinnert, mit seinen Füßen zertreten, wird aber dafür die Anbetung seiner eigenen Person und seines Standbildes, das er an heiliger Stätte errichten wird, fordern, wie auch die Annahme eines Malzeichens an Hand und Stirn. Dies bedeutet aber nichts weniger, als sich dem Tier – in Wahrheit dem Teufel selbst – mit Leib und Seele zu verschreiben. Darum ergeht jetzt durch einen dritten Engel die eindringliche Warnung an die Menschen, dieses Malzeichen nicht anzunehmen, das sie an das Tier ketten und alle, die es annehmen, in dessen eigenes Gericht mitreißen würde, dessen Furchtbarkeit und Qual ausdrücklich angegeben sind. Die Gefahr ist sehr groß, da sich die Menschen durch dieses Mal vor dem antichristlichen Terror gesichert glauben, was aber eine völlige Täuschung ist. Satan wird nicht eines seiner Versprechen halten. Manche Vorgänge in der Weltgeschichte zeigen dies heute schon klar und deutlich. Die Entscheidungsfrage dürfte klar genug sein: wer sich nicht für Gott, sondern für das Tier entscheidet, identifiziert sich mit dessen Schuld und wird darum auch mit ihm das furchtbare Gericht teilen.

Eine besondere Glückseligpreisung

„Und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel sagen: Schreibe: Glückselig die Toten, die im Herrn sterben, von nun an! Ja, spricht der Geist, damit sie ruhen von ihren Arbeiten, denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (14,13).

Unmittelbar auf oben genannte Warnung ruft nun eine Stimme, ohne Frage die des Herrn selbst, den Überwindern ein „Glückselig!“ zu. Welche Ermunterung für die Überwinder! Dieses „Glückselig!“ wird vielfach auf die angewendet, die heute im Glauben an den Herrn Jesus sterben. In einem allgemeinen Sinn mag dies ja zutreffen, aber an dieser Stelle ist hiervon nicht die Rede, sondern sie hat die ganz besondere Situation derjenigen Gläubigen im Auge, die unter der satanischen Gewalt des römischen Tieres, um des Glaubens willen, den Tod erleiden müssen. Diese haben im Glauben auf das messianische Reich gewartet und sehen sich nun durch den Tod von dieser Hoffnung abgeschnitten. Darum werden ihre Augen durch dieses Wort auf ein noch herrlicheres Teil gerichtet, das ihnen allerdings nicht auf der Erde, sondern im Himmel zuteilwerden wird. Sie werden wieder auferweckt werden, wie ihr Herr selbst, und nach aller Unruhe zur ewigen Ruhe in den Himmel entrückt werden. Sie brauchen also nicht erst auf das Königreich auf der Erde zu warten; ihr Teil ist gleich dem der beiden großen Zeugen in Kapitel 11. Sie kommen also denen, die auf der Erde gesegnet werden, noch zuvor. Sie dürfen nun von ihren Mühen und Leiden im Himmel im Schauen und Lobsingen triumphieren und dort ihren Lohn empfangen. Diese alle, samt den Seelen, die im 6. Kapitel noch unter dem Altar gesehen werden, gehören zur ersten Auferstehung (vgl. Off 20,4) und werden mit der großen Volksmenge vor dem gläsernen Meer das im 15. Kapitel mitgeteilte Lied singen.

Die Ernte der Erde

„Und ich sah: Und siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer gleich dem Sohn des Menschen, der auf seinem Haupt eine goldene Krone und in seiner Hand eine scharfe Sichel hatte. Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel hervor und rief dem, der auf der Wolke saß, mit lauter Stimme zu: Schicke deine Sichel und ernte; denn die Stunde des Erntens ist gekommen, denn die Ernte der Erde ist überreif geworden. Und der, der auf der Wolke saß, legte seine Sichel an die Erde, und die Erde wurde abgeerntet“ (14,14–16).

Dieses Gesicht von der Ernte der Erde, wie das nachfolgende von der Weinlese, sind Visionen der nun sofort erfolgenden Gerichte über die schuldige Menschheit, und zwar von Gottes Seite aus gesehen. Die Ausführung wird eine vielfältige sein, wie dies in den nachfolgenden Kapiteln gezeigt werden wird. Gottes Langmut und Gnade, so groß diese waren und so lange sie auch währten, nehmen doch schließlich ein Ende, und zwar ein radikales, ein plötzliches und ein unerbittliches. Der so lange zurückgehaltene Grimm Gottes wird nun über das Meer des Bösen in seiner ganzen heiligen und gerechten Macht und Kraft losbrechen und durch nichts aufgehalten werden können.

In der Ernte der Erde sieht Johannes zuerst Christus als König und Richter auf der Wolke der Herrlichkeit sitzend, so wie die Menschen Ihn später zum Gericht auf die Erde herabkommen sehen werden. Er ist der königliche Richter, so wie Er sich damals, als Er in Niedrigkeit vor dem Synedrium stand, seinen Richtern angekündigt hat (Mt 26,64). Er trägt hier den Titel „Sohn des Menschen“, in dem Er sich den Juden vorgestellt hatte, aber verworfen wurde. Dennoch wird Er als König und Richter wiederkommen und in diesem Doppelcharakter von seinem Volk erkannt und anerkannt werden. Er hat eine scharfe Sichel in seiner Hand, um das nun fällige Gericht vorzunehmen.

Der Zuruf des Engels dürfte einfach die in diesem Buch angemessene Form der vom Herrn hienieden so oft betonten Unterordnung unter den Willen Gottes des Vaters andeuten, indem Er sich in allem Werk und auch in allen Zeitpunkten allein von diesem bestimmen ließ (vgl. Mk 13,32; Joh 5,19–20).

So legt also der Sohn des Menschen die Sichel zur Ernte an die Erde, an die Welt, denn nach dem zweiten Gleichnis in Matthäus 13 ist der Acker die Welt, also die Nationen. Es handelt sich hier also um die Säuberung der Erde von allem Bösen, das „überreif“ genannt wird. Es ist höchste Zeit, das Unkraut zu vertilgen, denn der Weizen ist bereits eingesammelt (vgl. Mt 13,24–43). Nach dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13 ist hier noch Raum zu einer gewissen Ausscheidung von solchen, die dem „ewigen Evangelium“ geglaubt haben. Beiläufig erwähnt, finden die im Gleichnis genannten Unkrautbündel eine interessante Illustration in den heutigen Großbildungen von Parteien, Interessengemeinschaften, Verbänden, Trusts usw. in denen heute schon ein Großteil der Menschen zusammengefasst und gefesselt sind.

Die Weinlese

„Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel hervor, der in dem Himmel ist, und auch er hatte eine scharfe Sichel. Und ein anderer Engel, der Gewalt über das Feuer hatte, kam aus dem Altar hervor, und er rief dem, der die scharfe Sichel hatte, mit lauter Stimme zu und sprach: Schicke deine scharfe Sichel und lies die Trauben des Weinstocks der Erde, denn seine Beeren sind reif geworden. Und der Engel legte seine Sichel an die Erde und las die Trauben des Weinstocks der Erde und warf sie in die große Kelter des Grimmes Gottes. Und die Kelter wurde außerhalb der Stadt getreten, und Blut ging aus der Kelter hervor bis an die Gebisse der Pferde, 1.600 Stadien weit“ (14,17–20).

Die in diesen Versen gezeigte Vision vom geernteten Weinstock zeigt eine andere Charakterseite des Gerichts, denn der Weinstock, der nur saure Frucht brachte (Jes 5), ist ein bekanntes Symbol von dem ungehorsamen Volk Israel. Auch zeigt die Erwähnung von Tempel und Altar an, dass der Herr seine Verbindung mit Israel offiziell wieder aufgenommen hat, und jetzt mit seinem Volk Abrechnung hält. Es gibt nun keine Auslese mehr, sondern nur noch ein schonungsloses Gericht, da der gläubige Überrest bereits ausgesondert und versiegelt worden ist (Off 7). Es geht hier somit nur um das abtrünnige Volk, das aber nicht nur vom Weinstock abgeschnitten wird, sondern in der Kelter des Grimmes Gottes völlig zertreten wird. Das so oft erwähnte Gericht der großen Drangsal Jakobs wird nun ausgeführt. Dieses Gericht wird einen überaus blutigen Charakter tragen, hervorgerufen durch die Wut der „überflutenden Geißel“, des Assyrers, des Königs von Norden, wie ihn Jesaja in seinen Prophezeiungen darstellt. Das Gesicht sagt auch, dass diese Kelterung außerhalb Jerusalems stattfinden wird, was auf Jesaja 63 hinweisen dürfte. Die Ausdehnung des Blutsees von 1600 Stadien macht nach dem Kirchenvater Hieronymus gerade das ganze Längenmaß des Landes Palästina aus, also ein Gericht, das in großer Tiefe – bildlich bis an die Gebisse der Pferde – das ganze jüdische Land umschließt.

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