Die letzten Dinge

Das Sendschreiben an Smyrna

Die letzten Dinge

Smyrna bedeutet Bitterkeit. So bezeichnet der Heilige Geist die Periode von der Herrschaft des Kaisers Nero an, bis zum Regierungsantritt Konstantin des Großen, also die Zeit von ca. 65 bis 313 n. Chr., eine Zeit schwerer Verfolgungen der Christen, die unmittelbar auf die Apostel folgte, während der die Gläubigen große Leiden und Drangsale zu ertragen hatten. Da im alten Rom, ganz wie in den modernen Diktaturstaaten, Gewalt und Götzenkult sehr eng miteinander verquickt waren, galten die Christen, die natürlich weder den Götzen-, noch den Kaiserkult mitmachen konnten, als schädliche Staatsfeinde. Darum erlitten Tausende, vor allem die Führer – Bischöfe und Presbyter – Gefängnis, Verbannung und Tod. Doch der Herr hat diese Zeit zum Besten gewendet, vor allem darin, dass das Zeugnis dieser Christen mehr zur Ausbreitung des Christentums beitrug, als viele Predigten.

Unser Herr erlaubte dem Teufel dieses Wüten gegen die Seinen, weil Er auf diese Weise das für sie gesteckte Ziel viel besser erreichen konnte. Wir können sagen, dass es vor allem drei Ziele sind, die der Herr hier verfolgte. Zum ersten ist für ein gesundes inneres Christenleben nichts so gefährlich wie eine ungestörte, beschauliche Ruhe nach außen, denn „nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“. Bereits hier musste der Herr klagen, dass seine Versammlung die erste Liebe verlassen hatte, dass Er nicht mehr die Herzen der Gläubigen ganz erfüllte. Darum wollte Er durch die vielen Drangsale verhüten, dass dieses Abgleiten weiterging. Zum zweiten weiß Er wohl um die menschliche Neigung, sich gehen zu lassen und sich der Umgebung anzupassen und Ihn damit zu vergessen, den Blick von Ihm abzuwenden. Gegen dieses konnte nur die Feindschaft dieser Welt, die eine klare Entscheidung nötig machte, einen Damm aufrichten. Darum wollte der Herr drittens die Seinen üben, läutern, völlig in seine Nähe führen, frei machen vom eigenen Ich, das uns immer wieder betrügt. Wir wissen aus der Geschichte Hiobs, Petrus' und anderer, dass zu diesem Ziel, das sonst nicht erreicht werden würde, Wege der Schmerzen und zahlreiche Demütigungen nötig sind. Selbst der Apostel Paulus, der doch dem Herrn so ergeben war, dass er uns auffordern kann: „Seid meine Nachahmer, gleichwie ich des Christus“, hatte als Gegengewicht seiner herrlichen Erfahrung, als er in den dritten Himmel entrückt wurde, einen hemmenden Dorn im Fleisch nötig, durch den ihn ein Engel Satans quälen durfte. Darum erlaubte auch der Herr dem Teufel diese Sichtung der Heiligen, da diese in seiner eigenen Hand zu ihrem inneren Gewinn und Segen ausschlagen sollte. Das sollte auch uns Christen heute mehr bewusst werden, angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten und möglichen Gefahren, die vom deutlich wachsenden antichristlichen Geist drohen, damit auch wir unsere Blicke und unser Trachten immer mehr dem Herrn zuwenden und uns immer mehr auf das konzentrieren, was nötig ist: auf seinen Dienst und die Erwartung seines baldigen Kommens.

Unser Herr weiß dies alles im Voraus, auch was diese Belastung für unsere Schwachheit bedeutet. Darum enthält dieses Sendschreiben keine Vorwürfe, sondern ist vielmehr eine Ermunterung zum Durchhalten. Entsprechend stellt Er sich auch vor:

„Und dem Engel der Versammlung in Smyrna schreibe: Dieses sagt der Erste und der Letzte, der starb und wieder lebendig wurde“ (2,8).

Damit will Er erstens sagen, dass Er, der Schöpfer aller Dinge und Geschöpfe, auch Herr über alles ist, es souverän lenkt, ohne den nichts geschehen kann und der allem Geschehen die von ihm gewollten Schranken und Änderungen setzt, dem auch alles unweigerlich unterworfen ist, der darum auch als letzter Sieger triumphieren wird. Zweitens sagt Er aber auch, dass Er selbst den Weg des Feuerofens gegangen ist bis in den Tod, und zwar für uns, und daher alle unsere Leiden kennt, aber auch auferstanden ist und aufgrund dieser Tatsache auch für uns Leben und Herrlichkeit erstehen lassen wird (Heb 4,14–16). Darum geht Er auch mit den Seinen durch alle Leiden und Drangsale, ja durch den Tod. Welche Sicherheit gibt uns dies!

„Ich kenne deine Drangsal und deine Armut (du bist aber reich) und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind es nicht, sondern eine Synagoge des Satans“ (2,9).

Ja, unser Herr kennt und beurteilt nicht nur unsere Werke nach ihrem wahren Wert, sondern Er weiß und beachtet auch alles, was uns passiert, und lenkt es mit seiner Hand, so dass es trotz allem zu unserem Besten dienen wird (Röm 8,28). Von unseren Werken erwähnt Er hier nichts, weil es um Leiden und Ausharren geht, in ihrer Art auch Werke. Drei Dinge sind hier erwähnt, die dem Herrn nicht entgehen, die Er zur Ermunterung der Seinen anführt, zuerst: „deine Drangsal. Es gibt allerlei Drangsale in dieser Welt für die Kinder Gottes, die alle mehr oder weniger schwer zu tragen sind. Hier aber ist das Wüten des Teufels durch die feindselige Welt und Verfolgung bis zum Tod, für alle, die dem Herrn treu nachfolgen, gemeint; alles zusammen ein schwerer Druck für die Gläubigen. Aber der Herr sagt hier, dass Er alles wohl weiß und es mit uns trägt, mit uns hindurchgeht, und auch die nötigen Grenzen setzt: „Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt“ (1. Kor 10,13).

Sodann kennt der Herr: „deine Armut – du bist aber reich“. In dieser Welt waren damals die Christen äußerlich unbedeutend, an die Wand gedrückt als Staatsfeinde, weil sie den Staatskult nicht mitmachen konnten, obwohl sie sonst stille und gehorsame Bürger waren. Auch kamen sie zum größten Teil aus ärmeren Kreisen, weniger aus reicher und vornehmer Gesellschaft. Dennoch waren gerade sie im wahren Sinn reich, reich im Herrn und seinen Verheißungen, in seiner Gnade, innerlich reich an Seelengehalt und Seelenkraft und Freude, die sie siegreich durch Drangsal und Tod gehen ließ. Gerade diese, von der Welt getrennte Lage, gab dem Herrn die beste Gelegenheit, ihnen von seiner unerschöpflichen Kraft reichlich mitzuteilen. „Und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind es nicht, sondern eine Synagoge des Satans“. Ja, auch davon nimmt der Herr Notiz, und zwar genau und beurteilt diese als Lästerung an seinen Geliebten, als Ihm persönlich angetan, und er vergisst es nicht.

Die abtrünnigen Juden, die den Herrn einst verworfen und gekreuzigt hatten, waren damals die gehässigsten Feinde der Christen; sie waren es vor allem, die die Regierung gegen diese aufhetzten und zu deren Verfolgung antrieben, indem sie sie als Staatsfeinde anschwärzten. Wir können dies in der Apostelgeschichte verfolgen; in Ephesus, Thessalonich, Korinth usw. gaben die Juden den Anstoß, und im ersten Brief an die Thessalonicher (1. Thes 2,14–18) beklagt sich Paulus auch darüber. Dasselbe hat sich durch die ganze Geschichte der Kirche wiederholt; immer sind die bittersten Feinde der wahren Christusgläubigen diejenigen gewesen, die aus dem einst von Gott selbst offenbarten göttlichen Glauben eine tote, äußerliche Formreligion gemacht haben. Damals waren es die Juden, die weit von Gott abgewichen waren und nach ihrem ungeheuerlichen Justizmord an ihrem Messias Jesus Christus als Gottes Volk beiseite gesetzt wurden und es heute noch sind. Seitdem und heute ist es die ebenfalls abtrünnige Christenheit, in der Christus in weitem Maß keinen Raum mehr hat und bald gar keinen mehr haben wird. Allen diesen sagt der Herr hier, wie Er schon auf der Erde den feindlichen Juden gesagt hatte, dass Er sie nicht anerkennen konnte als das, was sie zu sein behaupteten, sondern dass sie „aus dem Vater, dem Teufel waren“ (Joh 8,44), ein Tempel Satans, seines Widersachers, womit auch ihr Gerichtsurteil mit ausgesprochen ist.

Diese bittere Feindschaft kommt daher, weil alle Menschenreligionen, einschließlich der aus der Gottesoffenbarung durch Untreue entstandenen jüdischen und namenchristlichen Systeme, ohne Ausnahme eine menschliche Gerechtigkeit aufrichten und darauf aufbauen. Der Glaube an die Offenbarung Gottes aber anerkennt im Gegensatz dazu, dass menschliche Gerechtigkeit vor dem heiligen Gott nichts gilt. Er anerkennt, dass es eine solche gar nicht gibt, sondern dass der Mensch der Sünde wegen verloren ist und nur durch die Gnade Gottes errettet und selig werden kann. Dies muss ja die Feindschaft dieser Religionen erregen und vor allem derjenigen, die glauben, sich auf einen ehemaligen, göttlichen Ursprung berufen zu können. Da diese Religionen gewöhnlich sehr eng mit der öffentlichen Staatsordnung, als ein Stück von dieser, verflochten sind, ist es für die Feinde dann leicht, den Staat gegen das wahre Zeugnis, als gegen ihn gerichtet, zu erregen.

„Fürchte nichts von dem, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet Drangsal haben zehn Tage. Sei getreu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben“ (2,10).

Nun ermuntert der Herr seine bedrängte Versammlung, sich wegen der Leiden, die auf sie warteten, nicht zu fürchten, wenn auch der Teufel durch seine Werkzeuge wüten würde, indem er veranlassen würde, dass viele von ihnen ins Gefängnis geworfen, verbannt, gemartert und getötet würden. Der Teufel war dennoch ein besiegter Feind, dem Er selbst das Schwert des Todes entrissen hatte. Zehn Tage lang würde dieser Feind sie drangsalieren können, so viel würde ihm zugelassen, aber mehr nicht. In der Tat gab es im alten römischen Reich unter zehn Kaisern Verfolgungen, die meistens mehr nur Teile des ungeheuren Reiches betrafen, und dazwischen gab es immer wieder längere oder kürzere Ruhepausen, die eine Erholung gewährten. Erst die letzten beiden unter den Kaisern Decius und Diokletian waren allgemein, das ganze Reich betreffende und systematisch betriebene Verfolgungen. Die allerletzte unter Diokletian und seinen Mitkaisern dauerte auch zehn Jahre lang. Alle diese hatten dem Zeugnis unseres Herrn als Ganzes keinen Schaden antun können, im Gegenteil, die Zeugnisbeispiele aller Märtyrer trugen sogar mehr zur Ausbreitung der göttlichen Wahrheit bei, als die Predigt. Den einzelnen Märtyrern aber ruft der Herr zu, getreu bis zum Tod zu sein; mehr als den Leib töten könne der Feind ja nicht, und sie würden dafür die Krone des Lebens erhalten, alle Herrlichkeit und alles Glück des ewigen Lebens.

„Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt! Wer überwindet, wird nicht beschädigt werden von dem zweiten Tod“ (2,11).

Auch hier schließt der Herr mit der Mahnung, zu hören und aufzumerken, damit man gewappnet ist und über das Wüten des Feindes hinaus die Stimme des Herrn, des guten Hirten, vernimmt und seine Ermunterung zum Herzen sprechen lässt. Auch hier gilt es, die Furcht vor dem schmerzvollen Tod und allem Wüten des Feindes, zu überwinden, um dem Herrn treu zu bleiben und zur Krone des Lebens zu gelangen. Man braucht in der Tat ein Überwinden, eine Kraftanwendung, um über das, was sich da als Hindernis in den Weg stellen will, hinwegzukommen und zum Ziel zu gelangen. Nicht beschädigt zu werden vom zweiten Tod, dem ewigen Gericht, von dem, was den zweiten Tod zum König der Schrecken macht, das ist in der Tat eine große Verheißung. Der Feind vermag ja nur diesen, ohnehin dem Tod verfallenen Körper, zu töten und dieses begrenzte Erdenleben abzukürzen, aber weiter reicht seine Macht nicht. Denn unser eigentliches Leben gehört zum unangreifbaren Machtbereich des Herrn. Zahllose Berichte vom Abscheiden christlicher Märtyrer, wie auch vieler anderer Kinder Gottes, bezeugen, wie dieses schon ein triumphierendes Vorausgenießen der Herrlichkeit des Lebens geworden ist.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht