Sei stark und mutig!

Kapitel 20

Die Zufluchtsstädte

Das Land war jetzt auf die Stämme Israels aufgeteilt (Jos 19,51). In den folgenden Kapiteln stellt uns der Geist Gottes zwei besondere Themen vor:

die Bestimmung der Zufluchtsstädte (Kapitel 20)

die Wohnstätten der Leviten inmitten des Volkes (Kapitel 21).

Danach wurde Israel in die Ruhe Gottes eingeführt und Gott bestätigte ihnen gegenüber seine Verheissungen (Jos 21,43-45).

Die Zufluchtsstädte stellten für das Volk im Blick auf ihre Verfehlungen ein wunderbares Mittel der Gnade Gottes dar. Das Thema der Zufluchtsstädte wird in den folgenden Textabschnitten behandelt: 2. Mo 21,13; 4. Mo 35,9-34; 5. Mo 4,41-43; 5. Mo 19,1-13.

Für uns sprechen die Zufluchtsstädte von Christus, zu dem wir geflohen sind, um die vor uns liegende Hoffnung zu ergreifen (Heb 6,18).

Sünde mit erhobener Hand und Sünde aus Versehen

Das Gesetz Moses bestätigte die Anordnungen für die Regierung der Welt, die Gott nach der Sintflut dem Menschen anvertraute: «Wer Menschenblut vergiesst, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden» (1. Mo 9,6). Diese Erklärung, die Gott bis heute nicht aufgehoben hat, wurde durch das Gesetz bestätigt: «Du sollst nicht töten» (2. Mo 20,13). Jede absichtliche Gefährdung des Lebens eines Menschen (das ist Sünde mit erhobener Hand) führte unausweichlich zum Todesurteil des Mörders. Das Motiv konnte Hass oder böse Absicht sein und der Mörder konnte bewusst ein gefährliches Werkzeug benutzt haben (4. Mo 35,16-21). Dafür gab es keine Entschuldigung und der Bluträcher sollte den Mörder töten.

Der Fall der unbeabsichtigten Sünde war anders, selbst dann, wenn diese den Tod zur Folge hatte (4. Mo 35,22.23). Dann griff Gott in Gnade ein, um das Leben des Schuldigen zu schonen, und erlaubte ihm zu gegebener Zeit in sein Haus (V. 6) und zu seinen Besitztümern zurückzukehren (4. Mo 35,28). Bis dahin sollte er sich in einer Zufluchtsstadt aufhalten.

Die sechs Zufluchtsstädte

Sechs Städte sind als Zufluchtsstädte geheiligt, d.h. beiseite gestellt, worden (V. 7.8). Um von Weitem gesehen zu werden, standen sie auf einem Berg. Zudem waren sie leicht zugänglich. Jeder Stadt wurde ein bestimmtes Gebiet zugewiesen und der Weg dahin zugerichtet (5. Mo 19,3). Ein Totschläger aus Versehen sollte eiligst in eine von diesen Städten fliehen (V. 4). Dort traf er am Eingang des Stadttores (am Ort, wo gewöhnlich Gericht gehalten wurde) auf die Ältesten der Stadt, und die Angelegenheit wurde vor die Gemeinde gebracht (4. Mo 35,12). Wenn nachgewiesen werden konnte, dass es sich um einen ungewollten Tod infolge eines Unfalls handelte, fand der Totschläger in der Stadt Zuflucht. Da war er für den Bluträcher unerreichbar. Er durfte nicht in dessen Hände ausgeliefert werden (V. 5; 4. Mo 35,25). Der Totschläger war dort in Sicherheit, aber er verlor für eine Zeit die Freude seines Erbteils bis zum Tod des Hohenpriesters. Dann durfte er in seine Stadt und in sein Haus zurückkehren (V. 6). Wenn er vorzeitig die Zufluchtsstadt verliess, verlor der Totschläger seinen Schutz (4. Mo 35,26.27).

Simei, Sohn von Gera, der David heftig geflucht hatte, genoss ein vergleichbares Mass an Gnade von Seiten des Königs Salomo. Später bezahlte er aber die Torheit, seine Zuflucht in Jerusalem zu verlassen, mit dem Tod (1. Kön 2,37-46).

Mit was für einer Sorgfalt wachte Gott darüber, dass sein Land nicht befleckt würde! Während sich das Gericht oder die Zuflucht auf einen identifizierten Totschläger bezog, konnte es auch vorkommen, dass ein Erschlagener in einem Feld gefunden wurde, ohne dass bekannt war, wer ihn getötet hatte. In diesem Fall musste das Opfer einer jungen Kuh an einen immer fliessenden Bach gebracht werden, damit Gott vergeben konnte und das unschuldig vergossene Blut nicht dem Volk anlasten musste (5. Mo 21,1-9).

All diese Anweisungen sprechen zu unseren Herzen von Christus und seinem Kreuz, zuerst hinsichtlich seines irdischen Volkes, aber auch zugunsten aller Menschen.

Die moralische Bedeutung für das Volk Israel

Zurückgekehrt aus dem Exil in Babel, befanden sich die Juden (d.h. die beiden Stämme Juda und Benjamin) in Jerusalem, um auf das Kommen des Messias zu warten. Aber anstatt Ihn anzunehmen, brachten sie Ihn um.

Die vorsätzliche und willentliche Tötung des Sohnes Gottes durch das Volk wird in der Bibel mit Nachdruck bezeugt (Mt 21,38; Lk 19,14; Joh 15,24). Trotzdem gewährte der Herr ihnen in überreicher Gnade das Vorrecht der Unwissenheit - damit ihnen ihre Sünde vergeben werden könnte. Er bat am Kreuz seinen Vater: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lk 23,34).

Die Antwort auf dieses Gebet wurde den Juden durch den Apostel Petrus gegeben (Apg 3,17). Viele nutzten diese Chance und nahmen Zuflucht zum Herrn Jesus. Sie wurden der Versammlung hinzugetan (Apg 4,4). Leider verhärtete sich die grosse Masse, angeleitet von den Obersten. Der Märtyrertod von Stephanus brachte schliesslich die Sünde des Volkes zum Vollmass. Die Zerstörung Jerusalems und die Zerstreuung der Juden in alle Welt sind eine teilweise Antwort Gottes als Gericht auf die Tötung seines Sohnes.

Seitdem bildet Gott für sich ein himmlisches Volk: die Versammlung. In der gegenwärtigen Zeit ist der Herr Jesus für das Volk Israel gleichzeitig wie eine Zufluchtsstadt und wie der gesalbte Hohepriester. Verborgen im Himmel, hinter dem Vorhang (Apg 3,21), führt Christus jetzt das Priestertum nach der Ordnung Aarons aus. Die Gerichtssitzung der Gemeinde der Ältesten (V. 6) hat in Bezug auf Israel noch nicht endgültig stattgefunden. Bei seiner Erscheinung wird Christus, der Sohn des Menschen (dem das ganze Gericht übergeben ist), die Sache seines Volkes in die Hand nehmen. Vom Himmel kommend wird Er dann sein königliches Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks ausüben.

Dieser Wechsel seines Priestertums von der Ordnung Aarons zur Ordnung Melchisedeks führt für Israel zur endgültigen Gerichtssitzung über die Sünde des Volkes, die Tötung des Messias:

Die Feinde des Christus, die dem Antichristen folgen werden, werden gerichtet werden: «Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringt her und erschlagt sie vor mir» (Lk 19,27).

Den Unwissenden dagegen wird vergeben werden und sie kehren in ihr Erbteil zurück: Sie werden sich am irdischen Königreich Christi erfreuen, das auf der Grundlage des neuen Bundes, der durch das Blut des Kreuzes besiegelt ist, aufgerichtet wird.

Die Zufluchtsstädte und der Brief an die Hebräer

Die Lehre der Zufluchtsstädte stellt die Gnadenquelle für den Christen vor (Heb 6,18-20). Durch Vergleich und Herausstellung der Gegensätze zeigt der Schreiber die Überlegenheit der himmlischen Dinge gegenüber den irdischen auf.

Der Ausdruck «denn es ist unmöglich», den er zweimal gebraucht (Heb 6,4.18), steht in Verbindung mit dem vorsätzlichen bzw. ungewollten Totschlag:

Das «unmöglich» in Vers 4 betrifft jene, die das Christentum ablehnen, nachdem sie seine äusserlichen Vorteile geschmeckt haben. Sie laden sich die Schuld auf, den Sohn Gottes für sich selbst zu kreuzigen und Ihn der Schmach preiszugeben. Sie sündigen also willentlich, nachdem sie die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben (Heb 10,26). Das Los ihrer Seele ist das schreckliche Erwarten des Gerichts. Das entspricht dem Tod des vorsätzlichen und schuldigen Totschlägers in Israel.

Jedoch werden auch die besseren und mit der Errettung verbundenen Dinge in Bezug auf die Glaubenden vorgestellt (Heb 6,9). Ihnen gilt das «unmöglich» in Vers 18. Gott, der treu ist und sich mit einem Eid verbürgt hat, gab eine Verheissung. Durch diese zwei unwandelbaren Dinge (die Verheissung und den Eid) wird die volle Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende eine Sicherheit für sie, die Jesus als sicheren und festen Anker im Himmel besitzen.

Das ist die Übereinstimmung zwischen der Zufluchtsstadt für den Israeliten und der Stellung jedes wahren Christen, der durch den Geist Zuflucht bei Christus im Himmel nimmt und die angebotene Hoffnung ergreift.

Die Zufluchtsstädte und die christliche Stellung

Der unabsichtliche Totschläger befand sich in einer unsicheren Stellung. Es war möglich, dass er vor dem Hohenpriester starb und niemals in sein Erbteil zurückkehren konnte. Im Gegensatz dazu ist die Stellung des Christen sicher und bestimmt. Er tritt schon jetzt in voller Gewissheit des Glaubens (Heb 10,19.22) in den Himmel ein, um dort das Erbteil - das Christus selbst ist - zu geniessen, bevor dieser sein königliches Priestertum ausübt.

Lasst uns, von der Liebe Christi erfüllt, die gute Botschaft des Heils verkündigen, indem wir schlicht, aber mit Kraft Jesus Christus als die einzige Zuflucht der Seele vorstellen, als Den, «der uns errettet von dem kommenden Zorn» (1. Thes 1,10).

Die Tore der himmlischen Zufluchtsstadt sind noch offen und der Weg zubereitet. Beten wir, dass viele Seelen dort einkehren, während die «angenehme Zeit ... und der Tag des Heils» (2. Kor 6,2) noch da ist.

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