Botschafter des Heils in Christo 1887

Geistliche Trägheit und das Mittel zur Wiederherstellung

Den Schlüssel zu diesem schönen Schriftabschnitt finden wir in den Worten: „Ich schlief, aber mein Geist wachte.“ Das Herz der Braut 1 war ihrem Geliebten treu geblieben; aber zu gleicher Zeit fand sich ein Mangel an Energie bei ihr vor, eine Neigung zum Wohlbehagen und zur Bequemlichkeit, infolge dessen sie in ihrer Wachsamkeit nachlässig geworden und in einen Zustand der Trägheit verfallen war. Wir ersehen dies aus dem Gegensatz, der zwischen ihren Umständen und denjenigen des Geliebten besteht. Während sein Haupt benetzt ist vom Tau, und seine Locken von den Tropfen der Nacht, liegt sie behaglich auf ihrem Bett. Die Heilige Schrift enthält eine Fülle solcher Gegensätze, so z. B. in der Geschichte des Petrus: er sitzt mit den Feinden Christi ruhig am Feuer und wärmt sich, während sein Herr und Meister den Schmähungen und Beschimpfungen seiner Verfolger ausgesetzt ist (Lk 22,55-64).

Ein solcher Seelenzustand zeigt immer, dass man den Einflüssen dieser Welt unterlegen ist, und der Herr kann denselben nie gleichgültig ansehen. Nein, Er liebt die Seinen viel zu innig, als dass Er ihnen erlauben könnte, in einem solchen Zustand zu beharren, und deshalb ist Er sogleich bemüht, sie aus ihrem Schlummer aufzuwecken. So ist es in dem vorliegenden Schriftabschnitt; denn die Geliebte wird es bald inne, dass ihr Geliebter Einlass begehrt. Sie sagt: „Die Stimme meines Geliebten – er klopft. Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene; denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht.“ Die Ausdrücke, welche Er gebraucht, die zärtlichen Namen, mit denen Er seine Geliebte ruft, waren sicherlich darauf berechnet, die Zuneigungen ihres Herzens zu wecken; denn sie bezeugen, wie teuer sie Ihm war, während sie zugleich anerkennt, dass sie Ihn nicht vergessen hatte. Immerhin aber liegt der Grund seines Rufens in dem schon erwähnten Gegensatz: Er war draußen, wach und wachend, sie war drinnen, in Wohlbehagen und Bequemlichkeit.

Wie war es möglich, dass sie die zärtliche Bitte ihres Geliebten abschlagen konnte? Ihre Antwort enthüllt das Geheimnis: „Ich habe mein Unterkleid ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder besudeln?“ Sie war mehr mit ihrer eigenen Bequemlichkeit als mit seinen Ansprüchen beschäftigt, und darum hätte es ihrerseits der Selbstverleugnung und Energie bedurft, um seinem Ruf zu folgen. Wie viele unter uns verlieren auf diese Weise den Genuss eines innigen Verkehrs mit Christus! Er steht in unserer Nähe und sucht sich uns völliger zu offenbaren, und seine Gegenwart ist uns nicht unbewusst; aber wir sind leider durch andere Dinge eingenommen, unsere Herzen sind zurzeit auf einen anderen Gegenstand gerichtet, und so verlieren wir den Genuss und die Gemeinschaft, die Er uns gewähren wollte. Gleich der Geliebten haben wir unser Kleid ausgezogen und vermögen es nicht wieder anzuziehen; wir haben vergessen, dass unsere Lenden stets umgürtet sein sollten; wir haben, um in der Sprache des Bildes weiter zu reden, unsere Füße gewaschen, und sind zu bequem, sie aufs Neue zu besudeln, obgleich es der Herr ist, der uns auffordert, die Tür zu öffnen.

Doch Er drängt sich Herzen, die nicht bereit sind, auf seine Stimme zu lauschen, niemals auf. Als Er entdeckte, dass Ihm die Tür verschlossen blieb, zog Er sich zurück. Die Geliebte war sich seiner Bemühungen, Einlass zu erlangen, wohl bewusst. Sie hatte seine Stimme gehört; seine Hand hatte auf dem Griff des Schlosses geruht und sich ihr von der Öffnung her entgegengestreckt. Endlich antwortete ihr Herz; ihr „Inneres ward um seinetwillen erregt.“ Ihre Trägheit weicht; sie steht auf und öffnet ihrem Geliebten; aber – „Er hatte sich umgewandt.“ Ach, sie hatte die Gelegenheit verscherzt. Als ihr Geliebter Einlass begehrte, hatte sie sich nicht soweit überwinden können, um Ihm zu öffnen, und jetzt, da sie Ihn empfangen will, muss sie entdecken, dass Er fort ist. Die Seele muss lernen, dass sie von des Herrn Wohlgefallen abhängig ist, und dass die Gemeinschaft und der Genuss eines innigen Umgangs mit Ihm nur einem Herzen möglich sind, welches seinem Ruf antwortet; mit einem Wort, sie muss lernen, dass sie nur dann an der Brust des Herrn ruhen kann, wenn Er, sie an diesen gesegneten Platz zieht. Der Geliebte hatte sich seiner Braut genähert und sich ihr in der ganzen Anziehungskraft seiner Liebe vorgestellt; sie aber machte sich des Genusses unaussprechlicher Segnungen verlustig, weil sie an einem Ort Ruhe suchte, wo Er bis dahin keine Ruhe gefunden hatte.

Bis zu diesem Augenblick war das Suchen sein Teil gewesen; nun kam an sie die Reihe, zu suchen und enttäuscht zu werden. Sie stand auf, um ihrem Geliebten zu öffnen, und entdeckte sogleich, wie viel sie verloren hatte; denn die wohlriechenden Spuren seiner Gegenwart waren zurückgeblieben. Als sie ihre Hände dahin legte, wo die Seinen gewesen waren, auf den Handgriff des Schlosses, da troffen sie von Myrrhe. Dann sagt sie: „Ich suchte Ihn, und fand Ihn nicht; ich rief Ihn, und Er antwortete mir nicht“ (V 6). Hatte denn der Geliebte seiner Liebe entsagt? Keineswegs! Er gab ihr nur eine notwendige Unterweisung und suchte ihre Seele wiederherzustellen, indem Er die Energie und die Wünsche ihres Herzens wachrief. Auf diese Weise enthüllte Er ihren wahren Zustand vor ihren eigenen Augen, und belehrte sie zugleich, dass Wiederherstellung nur auf dem Weg der Zucht möglich ist. Der Genuss der Gegenwart Christi kann in einem Augenblick verloren werden; aber es kann Tage dauern, und dauert oft Tage, bis wir diesen Genuss wiedererlangen. Die Vergebung folgt unmittelbar auf das Bekenntnis; aber die Wiederherstellung in die Gemeinschaft kann nur allmählich geschehen und bedarf der Zeit.

Dies wird uns durch die Erfahrungen der Braut bildlich dargestellt; betrachten wir dieselben etwas naher. Zuerst heißt es: „Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen; sie schlugen mich, verwundeten mich.“ Was hatte sie bei der Nacht, ohne ihren Geliebten, auf den Straßen der Stadt zu tun? Dass sie Ihn nicht finden konnte, offenbarte den treuen Wächtern ihren Zustand, und diese verschonten sie nicht; waren sie doch mit der Ausübung der Zucht und der Aufrechthaltung der Ordnung in der Stadt betraut. Wie gut ist es für die Versammlung, wenn treue Männer da sind, welche über die Seelen wachen, „als die da Rechenschaft zu geben haben“ (Heb 13,17); und welche nicht zögern, die Seelen zu erforschen und, wenn es nötig ist, sie in der Kraft des Wortes zu schlagen und zu verwunden. Die Kirche ruft laut nach solchen Männern, welche den Zustand der Seelen zu unterscheiden und ihren Bedürfnissen entgegen zu kommen vermögen, nach Hirten, welche fähig sind, die Herde Gottes zu weiden, die Irrenden und in ihren Herzen Abgewichenen wieder zurückzuführen.

Hernach stoßt die Braut auf „die Wächter auf den Mauern.“ Diese nehmen ihr den Schleier; sie stellen ihren Zustand, ihre Nacktheit bloß; denn sie war infolge ihrer Nachlässigkeit und Selbstsucht für den Augenblick ihres Geliebten beraubt. Wenn die Wächter in der Stadt ein Bild der Hirten sind, so dürfen wir wohl in den Wächtern auf den Mauern ein Bild derjenigen Personen erblicken, welche die Heiligkeit im Haus Gottes aufrecht zu halten suchen. Die Mauern schützen vor dem von außen kommenden Feinde; sie schließen das Böse aus, und sicheren denen, welche drinnen sind, Frieden und Schutz. Die Wächter auf den Mauern halten somit die Trennung von dem Bösen und die Absonderung für Gott aufrecht, indem sie mit Eifersucht alle fernhalten, welche kein Eintrittsrecht haben, und nur solchen Einlass gewähren, welche dieses Recht geltend machen können. Als diese nun des Nachts die Braut mit dem Suchen ihres Geliebten beschäftigt finden, nehmen sie ihr den Schleier denn es war ihre Pflicht, sich zu vergewissern, ob sie wirklich das sei, was sie zu sein vorgab.

Welch ein Gegensatz zwischen der Braut in Vers 1 und in Vers 7! Sie hatte gesagt: „Mein Geliebter komme in seinen Garten, und esse seine edlen Früchte“ (Kap 4,16); und Er hatte sogleich geantwortet: „Ich bin gekommen in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut! Ich habe meine Myrrhe gepflückt, samt meinem Gewürz, ich habe meine Honigscheibe gegessen mit meinem Honig, ich habe meinen Wein getrunken samt meiner Milch usw.“ Aber auf diese Zeit des höchsten Genusses folgte, wie dieses so oft in den Erfahrungen der Seelen der Fall ist, ein Rückschlag, und deshalb lesen wir unmittelbar nachher: „Ich schlief, aber mein Geist wachte.“ Und jetzt ist sie, die im Verkehr mit ihrem Geliebten so glücklich gewesen war, die in seinem Garten dessen Früchte genossen hatte, von den Wächtern der Stadt geschlagen und verwundet, und von den Wächtern auf den Mauern ihres Schleiers beraubt. Indes bezweckte das Tun der Wächter nur ihre Wiederherstellung. Diese Wächter sind die Diener des Geliebten; sie haben seinen Sinn, und Er ist es, der sie in ihrem Werk geleitet hat. Darum gibt sich auch die gnadenreiche Wirkung ihres Dienstes sogleich in dem inbrünstigen Verlangen der Braut nach ihrem Geliebten kund.

Dies geht deutlich aus ihrer Aufforderung an ihre Gefährtinnen, die Töchter Jerusalems, hervor. Sie ruft denselben zu: „Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was wollt ihr Ihm sagen? Dass ich krank bin vor Liebe.“ Ihr sehnendes Verlangen nach Wiederherstellung, wie es sich in diesen Worten kundgibt, ist überaus rührend. Und dennoch ist es schmerzlich, jemanden, der im Genuss der innigsten Liebe des Herrn gestanden hat, genötigt zu sehen, bei solchen, die diesen besonderen Platz nie innehatten, Nachfrage zu halten, wo ihr Geliebter wohl zu finden sei. Jene waren nie, gleich ihr, die Gegenstände seiner Zärtlichkeit gewesen; und da ihnen der Schmerz, der jetzt ihre Seele erfüllte, völlig fremd war, so konnten sie auch die Inbrunst ihrer Gefühle nicht verstehen. Sie hatte alles verloren, wie Maria, als man dieser, wie sie glaubte, ihren Herrn weggenommen, und sie nicht wusste, wo man Ihn hingelegt hatte. War Er verloren, so war die Welt nur eine weite Wüste, nein, ein Grab. Glücklich die Seele, welche etwas von dieser gesegneten Erfahrung kennt!

Die Töchter Jerusalems, deren Augen für die Schönheiten des Geliebten noch nicht geöffnet waren, und welche sich über die alles andere ausschließende Zuneigung der Braut verwundern, antworten: „Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten, o du Schöne unter den Weibern? Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten, dass du uns also beschwörst?“ (V 9) Diese Frage stellt die Wahrhaftigkeit ihres Herzens ans Licht, wie groß auch ihre vorübergehende Gleichgültigkeit gewesen sein mochte. Durch eine solche Frage in ihrer heftigen Liebe entbrannt, und verwundert, dass irgendjemand für die Vorzüglichkeit ihres Geliebten blind sein könne, sprudelt sie in einer glühenden Beschreibung seiner Schönheiten über, verweilt mit Wonne bei jedem einzelnen seiner Züge und verrät hierdurch, wie genau sie den kennt, von welchem sie redet; endlich fasst sie alles in den bekannten Worten zusammen: „Alles, was an Ihm ist, ist sehr köstlich.“ Dann wendet sie sich zu ihren Gefährtinnen und ruft aus: „Das ist mein Geliebter, ja, das ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems.“

Die Worte der Braut sind ein wunderschönes Zeugnis von dem Geliebten; und das Geheimnis dieses Zeugnisses, sowie seiner Kraft war ein überströmendes Herz. Das Herz der Geliebten wallte über von gutem Wort, und deshalb konnte sie ihre Gedichte dem König sagen (Ps 45,1). Das ist stets das Geheimnis der Fähigkeit, von Christus zu zeugen. Zunächst muss ich mit Ihm bekannt, und dann muss mein Herz mit Ihm selbst erfüllt sein, mit dem Gefühl seiner Liebe, seiner Gnade und seiner Vollkommenheit. Das ist der gute Wein, „der meinem Geliebten gerade hinuntergleitet und über die Lippen der Schlummernden schleicht“ (Kap 7,9).

Es gibt noch drei Punkte in dem vorliegenden Abschnitt, auf welche wir die Aufmerksamkeit des Lesers richten möchten. Der Erste ist die Wirkung des Zeugnisses der Braut. In den Töchtern Jerusalems wird der Wunsch rege, mit der Braut den Geliebten zu suchen. Gerade so wie die Jünger Johannes des Täufers, nachdem dieser mit einem Herzen voll Bewunderung auf Jesus geblickt und von Ihm gesagt hatte: „Siehe, das Lamm Gottes!“ ihren Meister verließen und Jesu nachgingen, von welchem er gezeugt hatte, so wurden auch die Gefährtinnen der Braut durch deren Zeugnis unwiderstehlich zu dem Geliebten hingezogen. Nichts übt einen so mächtigen Einfluss auf die Seelen aus, wie das Zeugnis eines überströmenden Herzens, abgelegt in der Kraft des Heiligen Geistes.

Zweitens ist die Wiederherstellung der Seele der Braut eine vollständige. Die Fragen der Töchter Jerusalems setzen ihre Seele in Bewegung, und indem sie sich mit Wonne über die Vorzüge ihres Geliebten ausspricht, geht ein Werk in ihr vor; ihre Liebe lebt auf, und sie entdeckt sogleich, wo der Gegenstand ihres Verlangens zu finden ist; sie kann zu ihren Gefährtinnen sagen: „Mein Geliebter ist hinabgegangen in seinen Garten zu den Gewürzbeeten, zu weiden in den Gärten und die Lilien zu sammeln.“ Alle Zweifel sind verschwunden, und mit unaussprechlicher Freude fügt sie hinzu: „Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein; Er weidet unter den Lilien.“ Möge der Leser diese göttliche Weise der Wiederherstellung sorgfältig beachten! So oft Seelen in einen kalten, leblosen Zustand verfallen sind, so oft sie einen Mangel an geistlicher Kraft bei sich entdecken, sollten sie sich mit den mannigfaltigen Vollkommenheiten und Gnaden Christi, wie diese in dem Wort offenbart sind, beschäftigen; und während sie über das nachsinnen, was Er für sie ist, sollten sie zugleich anderen seine Vorzüge und anziehenden Eigenschaften preisen. Sie werden dann die Erfahrung machen, dass ihre Herzen bald wieder glühen in dem wiederkehrenden Feuer der Liebe und sich in dem Genuss seiner Gegenwart und Liebe von neuem erfreuen.

Der dritte Punkt ist, dass der Geliebte, unmittelbar nach der Wiederherstellung der Seele seiner Braut, ihr bezeugt, wie kostbar sie in seinen Augen ist, und wie hoch Er ihre Liebe schätzt. Mit einem Wort: auf ihre Wiederherstellung folgt die Gemeinschaft der Liebe. – Möchten sowohl Schreiber als Leser dieser Zeilen mit nichts weniger sich begnügen, als mit einer bleibenden Gemeinschaft in der Liebe Christi!

Fußnoten

  • 1 Die Braut im Hohelied ist die irdische Braut Christi, der Überrest aus Israel, mit welchem der Herr sich am Ende der Tage wieder in Gnade verbinden, und in deren Herzen Er dann die innigsten Zuneigungen zu Ihm, „dem Geliebten“, „dem König.“, erwecken wird. Obwohl wir daher aus dem Hohelied kostbare moralische Belehrungen für uns, als einzelne Gläubige, ziehen können, wie es in dem obigen Abschnitt geschieht, so dürfen wir doch nicht die Braut im Hohelied mit der himmlischen Braut, dem Weib des Lammes, verwechseln. Die letztere steht, obwohl die Hochzeit des Lammes noch nicht gekommen ist, ans Grund der ihr gemachten Offenbarungen und ihres für ewig vollendeten Heils, schon jetzt in dem Genuss eines bereits gebildeten, gekannten und geschätzten Verhältnisses. Sie ist unauflöslich mit ihrem Geliebten verbunden, und wartet mit dem völligen Vertrauen einer über alles geliebten Braut auf ihren Herrn und Bräutigam, um mit Ihm einzugehen in die Herrlichkeit des Vaterhauses und für ewig bei Ihm zu sein.
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