Der Prophet Daniel und seine Botschaft
alter Titel: Notizen zum Buch Daniel

Kapitel 6 - Aus der Löwengrube gerettet

Der Prophet Daniel und seine Botschaft

Einleitung

Mit Kapitel 6 sind wir beim letzten Kapitel des historischen Teils des Buches Daniel angekommen. Es stellt zugleich einen Höhepunkt dar, sowohl in der Historie selbst als auch in der prophetischen Auslegung. Die Begebenheit von Daniel in der Löwengrube ist vielen Bibellesern bekannt und hat seit vielen Generationen ältere und jüngere Leser fasziniert. Die ersten fünf Kapitel des Buches Daniel behandeln ausführlich das erste Weltreich unter Nebukadnezar und Belsazar. Kapitel 6 behandelt das zweite Weltreich, das der Meder und Perser, das unter Kores seinen Anfang nahm. Daniel ist erneut in einer hohen Position am königlichen Hof. Er ist hier bereits ein alter Mann, der jedenfalls über 80 Jahre alt ist.

Die geschichtliche Einordnung

  1. Das Medopersische Reich

Das Medopersische Reich war ein Doppelreich, das aus Medern und Persern bestand. Das Buch Daniel spricht mehrfach von diesem Doppelreich, in dem zuerst die Meder und dann die Perser die Oberherrschaft hatten. In dem Traum Nebukadnezars in Kapitel 2 wird es in der Brust und den beiden Armen aus Silber vorgestellt. Die beiden Arme sprechen von den beiden Völkern dieses Reiches. In Kapitel 7 wird es als Bär beschrieben, der sich zuerst auf der einen Seite aufrichtete. In Kapitel 8 wird dieses Reich im Bild eines Widders mit zwei Hörnern (Könige von Medien und Persien) gezeigt. Das Horn, das zuletzt wuchs (Persien), war höher als das andere Horn, das zuerst da war (Medien). Es handelt sich also um ein Reich, aber mit zwei verschiedenen Völkern.

  • Die Meder waren ein sehr altes Geschlecht. Ihre Geschichte kann bis auf Madai, den Sohn Japhets, zurückverfolgt werden (vgl. 1. Mo 10,2). Sie besetzten ein sehr großes Gebiet um das Kaspische Meer im Nordosten, Armenien im Nordwesten, Parthien im Osten, Persien im Süden und Assyrien im Westen. Das Alte Testament erwähnt die Meder nicht sehr oft. In 2. Könige 17,6 und und, lesen wir von den Städten Mediens. Im Buch Esther werden sie zweimal erwähnt (Est 1,19; 10,2). In Jesaja 13,7 kündigt Gott das Gericht über Babylon an, das von den Medern ausgeführt werden sollte. Ansonsten werden die Meder nur noch im Buch Daniel erwähnt.1 Das Medische Reich wurde durch Kyaxeres2 gegründet und ausgeweitet. Das Reich wurde Reich der „Meder und Perser“ genannt (Dan 5,28; 6,9.12.16; 8,20). Wenig später übernahmen die Perser die Vorherrschaft, und das Reich wurde als Reich der „Perser und Meder“ bezeichnet (Est 1,3.14,18).
  • Die Perser waren ursprünglich zwischen Medien und dem Persischen Golf angesiedelt. Bis zur Zeit Kores ist über ihre Geschichte wenig bekannt. Anscheinend handelte es sich um mehrere Stämme, die sich zusammengeschlossen hatten. Kores war der erste mächtige König dieses Reiches, der dann bald die Vorherrschaft im Medopersischen Reich übernahm. Aber er unterjochte die Meder nicht vollständig, sondern überließ einen Teil der Regierung Darius, dem Meder. In Daniel 6,29 werden beide Könige gleichzeitig erwähnt.

Das Medopersische Reich war, was die Ausübung von Macht und Autorität angeht, schwächer als das Babylonische Reich. Das wird beim Lesen von Kapitel 6 unmittelbar deutlich (vgl. auch Est 8,8). Allerdings war die Ausdehnung dieses Reiches deutlich größer, und es existierte deutlich länger. Erst nach etwas über 200 Jahren wurde es durch das Griechische Reich abgelöst.3

Die prophetische Linie

Um die prophetische Linie richtig zu erfassen, müssen wir sehen, dass wir sowohl in Darius als auch in Daniel ein doppeltes prophetisches Bild vor uns haben.

a.) Darius

In der ersten Hälfte des Kapitels ist Darius ein viertes und letztes Bild der Herrschaft der Menschen während der „Zeiten der Nationen“. Dabei sind Ähnlichkeiten und Parallelen besonders zu Kapitel 3 unübersehbar.

  • In Kapitel 3 sahen wir die Einführung des Götzendiensts und die Ignoranz im Blick auf die Rechte Gottes.
  • In Kapitel 4 waren es Selbstüberhebung und Arroganz, indem der König die ihm von Gott verliehene Macht missbrauchte.
  • In Kapitel 5 erkennen wir offene Gottlosigkeit und Verhöhnung (Herausforderung) des Gottes Israel. Die heiligen Geräte werden entweiht und der Gott des Himmels gelästert.
  • In Kapitel 6 haben wir eine schreckliche Schlussszene, die einen traurigen Höhepunkt bietet. Der König macht sich selbst zum Gott und nimmt dessen Stelle ein.

Auf den ersten Blick mag uns die Aussage überraschen, dass Darius das Übel seiner Vorgänger noch übertraf. Aber trotz der scheinbar positiven Charakterzüge dieses Mannes ist das, was er tat, schlimmer als das, was seine Vorgänger getan hatten. W. Kelly merkt dazu an: „Nicht dass Darius diese Dinge persönlich getan hätte. Ich spreche davon, was die Handlung seines erlassenen Gebotes in den Augen Gottes bedeutete. Die Frage ist, was Gott über die Sünde des Darius dachte, in die er hineingezogen worden war – und das als Bild dessen, was in der Zukunft geschehen wird.“4 Die Tatsache, dass Darius betrogen wurde, nimmt nichts davon weg, dass er ein Bild dessen ist, der sich einmal selbst zum Gott machen wird. Letztlich war es Darius selbst, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte das Dekret unterschrieben hatte.

In Kapitel 3 sollte ein goldenes Bild angebetet werden. In Kapitel 6 nimmt ein Mensch die Stelle Gottes ein. Das ist nichts anderes als offener Abfall (Apostasie). Genau das wird am Ende der Zeiten der Nationen stattfinden. Der kommende Herrscher des Römischen Reiches und der Antichrist werden gemeinsam versuchen, jede Erinnerung an den Gott des Himmels auszulöschen. „Das Hinweggehen über die Rechte Gottes, die Erhöhung des Menschen, die offene Missachtung Gottes, die bereits vor unseren Augen vorübergezogen sind, enden in dem schrecklichen Versuch, alle Erkenntnis Gottes auf Erden auszumerzen, indem Gott entthront und der Mensch an seiner Stelle auf den Thron gesetzt wird.“5 Wir finden das deutlich in 2. Thessalonicher 2,4, wo Paulus davon schreibt, dass der Antichrist sich über alles erhöht, „was Gott heißt ..., so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei“. In Offenbarung 13,12 lesen wir: „Und die ganze Gewalt des ersten Tieres [des römischen Weltherrschers] übt es [das zweite Tier, der Antichrist] vor ihm [dem römischen Weltherrscher] aus, und es [der Antichrist] bewirkt, dass die Erde und die, die auf ihr wohnen, das erste Tier [den römischen Weltherrscher] anbeten, dessen Todeswunde geheilt wurde.“6

Die „Zeiten der Nationen“ werden also durch Selbsterhöhung, Stolz, Gottlosigkeit, Gotteslästerung, Hass, Verfolgung, Grausamkeit und schließlich Vergötterung des Menschen gekennzeichnet. Das lehrt uns die Geschichte der Könige im Buch Daniel.

Im zweiten Teil des Kapitels wechselt das Bild. Dort eilt Darius zur Löwengrube und freut sich von Herzen darüber, dass Daniel gerettet ist. Darin repräsentiert Darius die Völker und Nationen, die sich einmal freuen werden, wenn das Reich Gottes in Macht auf der Erde gegründet wird. Jetzt geht es nicht mehr um Empörung und Vergötterung, sondern hier haben wir eine Art „Bekehrung“7. Darius wird durch die Rettung Daniels überzeugt und anerkennt freudig den Gott Daniels.

b.) Daniel

Daniel ist zunächst ein Bild des jüdischen Überrestes. Durch seine große Treue kommt er in eine lebensbedrohliche Lage und wird schließlich in die Löwengrube geworfen, aber auf wunderbare Weise gerettet. Das spricht von dem Überrest, der am Ende durch das mächtige Eingreifen Gottes und durch Glauben gerettet werden wird. So wie Daniel aus der Löwengrube herauskam, wird Gott seinen Überrest kommender Tage aus dem „Rachen des Löwen“ retten. Die Parallelen zu Kapitel 3 sind unübersehbar. Dort waren es die drei Freunde Daniels, die den jüdischen Überrest im Feuer der Drangsal darstellen. Daniel wird in diesem Kapitel nicht genannt. In Kapitel 6 ist es die drohende Gefahr durch wilde und ausgehungerte Löwen, ein Bild der kommenden Drangsal. Erst nach der Rettung Daniels wird der Perserkönig Kores erwähnt. Wir werden sehen, dass er ein Bild des Messias ist, der im Tausendjährigen Reich herrschen und den Überrest in die Ruhe dieses Reiches bringen wird.

Dennoch geht Kapitel 6 weiter als Kapitel 3. Daniel ist nicht nur ein Bild des jüdischen Überrestes, sondern er erinnert uns ohne Frage an unseren Herrn, der sich am Kreuz ebenfalls der Macht und Gewalt des Todes (dargestellt in dem Rachen des Löwen) konfrontiert sah. Mehr als Daniel war Er vollkommen und perfekt. Mehr als Daniel wurde Er ohne Grund zum Tod verurteilt. Sein Richter (Pilatus) wurde ebenso wie der Richter Daniels (Darius) durch den Neid und die Eifersucht anderer dazu verleitet, ein ungerechtes Urteil zu sprechen. Wie Daniels „Grab“ versiegelt wurde, wurde das Grab des Herrn versiegelt. Und so wie Daniel lebend aus seinem vermeintlichen Grab ans Tageslicht kam, ist der Herr Jesus tatsächlich aus dem Grab auferstanden. Anders als Daniel musste Er jedoch tatsächlich durch den Tod gehen.8

Viele Stellen in den Psalmen machen uns klar, dass der Messias sich mit den Empfindungen des leidenden Überrestes identifiziert, weil Er selbst Leiden erduldet hat. Wir werden das im Lauf der Betrachtung näher sehen.

Die praktische Belehrung

In der praktischen Belehrung erkennen wir in Darius zunächst das Bild eines schwachen Menschen, der sich durch die Schmeichelei anderer und durch eigene Unachtsamkeit in eine Situation hineinbrachte, aus der es für ihn keinen Ausweg gab. Darin ist er ein warnendes Beispiel für uns.

Daniel ist im Gegensatz dazu ein Mut machendes und positives Beispiel. Was er als junger Mann am Hof von Nebukadnezar gelernt hatte, kennzeichnete ihn auch jetzt als alten Mann: Festigkeit, Treue, Entschiedenheit, Mut und ein unerschütterlicher Glaube an Gott. Als junger Mann hatte er einen Herzensentschluss gefasst. Er wollte treu zu seinem Gott stehen und sich nicht von der Masse mitreißen lassen. Kompromisse an der falschen Stelle waren für Daniel ein Fremdwort. „Der Jüngling, der sich im Palast des Königs Nebukadnezars in seinem Herzen vornahm, sich nicht mit der Tafelkost des Königs zu verunreinigen, besaß als Mann dieselbe Gesinnung, dieselbe Furcht Gottes in seinem Inneren.“9 Mit Recht sagt der Liederdichter P. B. Bliss:

„Fest und treu, wie Daniel war nach des Herrn Gebot,
sei der Kinder Gottes Schar in der größten Not.“

Verse 1–4: Die neue Organisation der Verwaltung

Die Historizität von Darius

Der Name von Darius ist in der säkularen Geschichtsschreibung nicht zu finden. Es ist deshalb nicht eindeutig nachzuweisen, wer dieser Mann war. Dass er gelebt hat, steht für jeden aufrichtigen Bibelleser außer Frage. Es gibt keinen historischen Fund oder Beweis, die der Tatsache widersprechen würden, dass es eine Person mit Namen Darius gegeben hat, die über das ehemalige Babylonische Reich regiert hat.

Daniel 9,1 wirft mehr Licht auf die Zeitverhältnisse: „Im ersten Jahr Darius‘, des Sohnes Ahasveros‘, aus dem Geschlecht der Meder, der über das Reich der Chaldäer König geworden war...“ Darius war ein Meder, kein Perser. Aber er regierte nicht in Medien, sondern war über das Reich der Chaldäer (Babylonier) König geworden. Dieses Königtum hatte er „bekommen“ (Dan 6,1). Der mächtige Mann im Reich war zu diesem Zeitpunkt bereits der Perser Kores. Er war es, der Darius den babylonischen Teil des Reiches gab, um dort zu regieren. Er integrierte die Meder in die Verwaltung seines großen Reiches. Darius herrschte also nicht über das ganze Medopersische Reich, sondern nur über einen Teil. Es war der Teil, den wir in den ersten fünf Kapiteln unseres Buches gefunden haben. Aus Keilschriftfunden geht hervor, dass Kores nicht unmittelbar nach der Eroberung Babels den Titel „König von Babylon“ angenommen hat. Daraus wird bereits deutlich, dass es in Babel einen anderen König gegeben hat, dem die Regierungsgeschäfte übertragen wurden. Einige Historiker identifizieren ihn mit Gubaru (oder Gobryas)10. Andere identifizieren ihn mit dem Namen Astyages11. Es ist vermutet worden, dass Darius nicht sein eigentlicher Name ist, sondern sich von „Dereios“ (der Mächtige, der Erhalter) ableitet. Dann wäre Darius kein Name, sondern ein Titel12. Letztlich sind diese Fragen allerdings von untergeordneter Bedeutung. Wie lange Darius als König regiert hat, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden.

Der Beginn der Regierung von Darius

Es ist zunächst bemerkenswert, dass der Name Darius am Anfang von Kapitel 9 und 11 noch einmal erwähnt wird. In beiden Kapiteln geht es um das erste Jahr der Regierung dieses Königs. In beiden Kapiteln finden wir etwas, das uns in Kapitel 6 ebenfalls begegnet. Kapitel 9 beschreibt uns das überaus bemerkenswerte Gebet Daniels. Kapitel 6 zeigt uns, wie die Feinde gerade das Gebet Daniels zum Anlass nahmen, um ihn in eine Falle zu locken und ihn ein für alle Mal zu beseitigen. Betende Christen sind für den Teufel das größte Ärgernis und Hindernis. Er wird alles tun, um sie vom Beten abzuhalten. Zu Beginn von Kapitel 11 haben wir den besonderen Zuspruch eines Engels zugunsten Daniels, und auch das finden wir in Kapitel 6 wieder. In Vers 23 erwähnt Daniel einen Engel, den sein Gott gesandt hatte, um den Rachen der Löwen zu verschließen. Das Gebet einerseits und die Macht Gottes andererseits sind zwei mächtige Waffen zur Bewahrung des Gläubigen.

Daniel in der Regierungsverantwortung

Darius war kein junger Mann mehr, als ihm das Königtum über das ehemalige Territorium des Babylonischen Reiches gegeben wurde. Er war aber offensichtlich ein erfahrener Mann und hatte genaue Vorstellungen darüber, wie er die Verwaltung neu organisieren wollte. Es war für ihn kaum möglich, das Reich mit seinen verschiedenen und heterogenen Völkerschaften alleine zu regieren. Er brauchte eine funktionierende Verwaltung. Deshalb setzte er die Satrapen ein, die vor Ort die Verantwortung für einen geregelten Ablauf trugen.13 Satrapen waren Statthalter oder Provinzgouverneure. Sie waren angestellt, um die politische Stabilität zu sichern und die Steuern einzutreiben. An deren Spitze standen drei Minister, die als Art Zentralregierung unter dem König fungierten. Die Satrapen berichteten an diese drei Minister. Auf diese Weise hatte Darius die Regierungsgewalt klug organisiert und delegiert. Was die genaue Aufgabe dieser Regierungsvertreter war, wird nicht gesagt, spielt auch für die Auslegung keine besondere Rolle. Ihre Verantwortung wird jedenfalls groß gewesen sein. Die Gefahr von Unregelmäßigkeiten, Verschiebungen, Korruption und Machtmissbrauch war groß, so dass diverse Kontrollmechanismen nötig waren, um Schaden für den König und sein Reich zu verhindern.

Es überrascht nicht, dass Darius die Verwaltung komplett neu organisierte. Was sehr wohl überrascht, ist die Tatsache, dass Daniel dabei eine herausragende Stellung einnahm. Denn es war eher ungewöhnlich, dass hohe Staatsdiener eines besiegten Königs übernommen wurden, wenn sein Reich erobert war. Alte „Seilschaften“ wurden sicherheitshalber gekappt und bisherige Verwaltungsbeamte durch Leute des Vertrauens ersetzt. Daniel bildete eine Ausnahme. Das mag einer der Gründe für Neid und Missgunst gewesen sein, die man ihm entgegenbrachte. Er wurde einer der drei Minister (Vorsteher), und Darius dachte sogar darüber nach, ihn über das ganze Königreich zu stellen. Offensichtlich hatte er schnell Vertrauen zu Daniel gefasst. Darius hatte anscheinend Kenntnis von der Weisheit, den außergewöhnlichen Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Mannes, die er sich gern zu Nutzen machte.

Daniel hatte sich nicht danach ausgestreckt, diesen hohen Posten zu bekommen. Er hatte nicht dafür gekämpft und sich sicherlich ebenfalls nicht gegen andere Kandidaten auf unehrliche Weise durchgesetzt. Er war und blieb ein Fremder, der seinen Weg mit Gott ging. Wir erinnern uns daran, dass er bereits ein alter Mann war. Es ist möglich, dass Christen heute in hohe Positionen in der Gesellschaft kommen. Im Bereich der Politik wird das eher selten der Fall sein, aber in Bereichen der Verwaltung, in Unternehmen, Instituten usw. ist das durchaus denkbar.14 Das Problem ist nicht die Position an sich, sondern vielmehr die Frage, wie man dorthin gekommen ist und wie man sich dort verhält. Daniel ist uns darin ein gutes Beispiel. Er hatte keine Ambitionen auf diesen Posten gezeigt, aber als er ihn bekam, verhielt er sich vorbildlich und loyal. Der weitere Verlauf des Kapitels zeigt, dass er trotz seiner hohen Intelligenz und seiner erfolgreichen Karriere treu und bescheiden blieb. Davon können wir lernen.

Ein außergewöhnlicher Geist

Der Text in Vers 4 sagt ausdrücklich, dass Daniel alle Vorsteher und Satrapen übertraf, weil ein „außergewöhnlicher Geist“ in ihm war. Das sind zwei bemerkenswerte Aussagen. Ohne Frage überzeugte Daniel durch seine moralische Integrität. Er war intelligent, hatte Führungsqualitäten, Erfahrung und Weisheit, aber vor allem war der Geist Gottes auf ihm und wirkte durch ihn.

Daniel erinnert hier an unseren Herrn. Er hat alle Menschen übertroffen, die je auf dieser Erde gelebt haben. Er war einzigartig und unvergleichlich. Selbst die Diener der Feinde des Herrn mussten zugeben: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch“ (Joh 7,46). Der Pharao sagte über Joseph: „Werden wir einen finden wie diesen, einen Mann, in dem der Geist Gottes ist?“ (1. Mo 41,38). Auf unserem Herrn ruhte in der Tat ein außergewöhnlicher Geist. Es war kein menschlicher Geist, sondern der Heilige Geist. Nicht nur, dass Er vom Heiligen Geist gezeugt war (Mt 1,20), sondern anlässlich der Taufe am Jordan kam der Heilige Geist auf Ihn und blieb auf Ihm (Lk 3,22). Jesaja sagte voraus: „Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“ (Jes 11,2).

Verse 5–10: Die Verschwörung gegen Daniel

Daniel in hoher Position ohne Anklagegrund

Viele Christen machen ähnliche Erfahrungen wie Daniel. Die geistlichen und moralischen Qualitäten eines konsequenten Lebens als Christ müssen kein Hinderungsgrund für beruflichen Erfolg und Karriere sein. „Wenn die Wege eines Mannes dem Herrn wohlgefallen, so lässt er sogar seine Feinde mit ihm in Frieden sein“ (Spr 16,7). So war es bei Daniel, der bis in höchste Ämter der Verwaltung kam.

Für die Satrapen und Vorsteher war das Verhalten Daniels eine ungewollte Provokation. Erfolg und Gelingen in dieser Welt rufen schnell die Neider auf den Plan. Es war für die heidnischen Vorsteher und Satrapen unerträglich, dass der König diesen Daniel über das ganze Königreich stellen wollte. Das war ein Posten, den jeder von ihnen sicher gerne gehabt hätte. Hinzu kam, dass Daniel anders war als sie. Er war korrekt und ehrlich und überdies ein „Fremder“, ein Jude mit einer anderen Religion. Deshalb wollte man ihn so schnell wie möglich loswerden.

Der hier beschriebene Konflikt zwischen Gläubigen und Ungläubigen tritt häufig im Berufsalltag auf, vor allem dann, wenn wir versuchen, unserem Herrn treu zu dienen. Was die Vorsteher und Satrapen hier tun, bezeichnen wir heute als Mobbing übler Art. Das Mittel, zu dem sie greifen, ist bis heute ein probates Mittel, um jemand loszuwerden, der unerwünscht ist. Man versucht, ihm – oder ihr – etwas am Zeug zu flicken. Aber bei Daniel gab es nichts. Keine Frauengeschichten, keine Steuerhinterziehung, keine Nachlässigkeit im Dienst, keine Bestechlichkeit, keine schwarzen Konten usw. Daniel war ein vorbildlicher Beamter – ein mustergültiger Staatsdiener, dem man nichts in die Schuhe schieben konnte. Weder in seinem persönlichen Leben noch in seinem Berufsleben gab es wunde Punkte. Der Bibeltext erwähnt ausdrücklich „keinen Anklagegrund“ und „keine schlechte Handlung“. Daniel war nicht nur treu, sondern er war gerecht und unbestechlich. Er war treu in seiner Aufgabe und gleichzeitig konsequent auf der Seite Gottes. Darius bestätigte später, dass er seinem Gott ohne Unterlass gedient hatte. Daniel tat das, was für uns eine besondere Herausforderung ist. Er war einerseits zu 100 % beruflich engagiert, und gleichzeitig diente er zu 100 % seinem Gott. Daniel gehörte nicht zu denen, die wegen ihrer Karriere Kompromisse machen oder gar Gott ganz den Rücken zukehren. Er gehörte auch nicht zu denen, die ihren Glauben nur im Herzen tragen und sich nach außen möglichst nichts anmerken lassen.

So sehr seine Feinde nach einem Anlass suchten, sie fanden nichts. Das erinnert erneut an unseren Herrn. Auch bei Ihm war nichts zu finden. Im Gegenteil: Er war der einzige Mensch, von dem Gott sagen konnte, dass Er keine Sünde tat und dass kein Trug in seinem Mund gefunden wurde (1. Pet 2,22). Man konnte suchen, wie man wollte – es gab keinen wirklichen Angriffspunkt für seine Feinde.

Daniel ist hier ein Vorbild für uns – unabhängig davon, ob wir uns in höherer beruflicher Position befinden oder nicht. Gerade im Berufsleben können wir zeigen, wie konsequent wir als Christ leben. Treue in unseren täglichen Aufgaben kann den Hass und die Feindschaft der Menschen provozieren und ist doch gleichzeitig ein helles Zeugnis in der Welt. Paulus schreibt den Philippern: „... damit ihr untadelig und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr scheint wie Lichter in der Welt“ (Phil 2,15). Unser Verhalten im Berufsleben soll ein Zeugnis für unseren Herrn sein: „Die Knechte ermahne, sich ihren eigenen Herren unterzuordnen, in allem wohlgefällig zu sein, nicht widersprechend, nichts unterschlagend, sondern alle gute Treue erweisend, damit sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem“ (Tit 2,9.10). „Ihr Knechte, gehorcht in allem euren Herren nach dem Fleisch, nicht in Augendienerei, als Menschengefällige, sondern in Einfalt des Herzens, den Herrn fürchtend. Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen, da ihr wisst, dass ihr vom Herrn die Vergeltung des Erbes empfangen werdet; ihr dient dem Herrn Christus. Denn wer unrecht tut, wird das Unrecht empfangen, das er getan hat; und da ist kein Ansehen der Person“ (Kol 3,22–25). Gott schätzt es, wenn wir in unserem Beruf treu und fleißig sind und uns nichts zuschulden kommen lassen. Gleichzeit sollten wir nicht vergessen, dass wir in allem unserem Herrn Christus dienen (Kol 3,24).

Obwohl – bzw. gerade weil – Daniel treu war, wurde er angegriffen und sollte beseitigt werden. Daniel litt, aber er litt nicht, weil er sich unkorrekt verhalten hätte, sondern weil er korrekt war. Darüber schreibt Petrus: „Dass doch niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde Sachen mischt; wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht“ (1. Pet 4,15.16).

Ein Anklagegrund im Gesetz Gottes

Der Heilige Geist gebraucht wiederholt den Ausdruck „diese Männer“ oder „jene Männer“ (vgl. Verse 6.12.16.25). Es ist ein verächtlicher Ausdruck. Sie mussten anerkennen, dass sie in Daniels Leben keinen Anklagegrund finden konnten. Deshalb griffen sie zu einem anderen Mittel, zu einer List. Zum einen wussten sie, dass Daniel ein „Frommer“ war, zum anderen kannten sie die Schwachstelle ihres Königs anscheinend sehr gut. Diese beiden Dinge versuchten sie, miteinander zu kombinieren.

Die Feinde wussten genau, dass Daniel treu war. Dabei galt seine Treue zuerst seinem Gott und dann seinem König. Sie erkannten an, dass es keine schlechte Handlung bei ihm gab. Seine Treue zeigt, was Daniel in seinem Charakter war. Das Fehlen jeder schlechten Handlung zeigt, wie sein Verhalten war. Beides gehört zusammen.

Wie Daniel stehen auch wir unter Beobachtung. Gerade im Berufsleben ist das der Fall. Es stellt sich die Frage, ob unsere Arbeitskollegen (Schulkameraden, Kommilitonen oder auch Nachbarn) uns ein ähnliches Zeugnis ausstellen können. Wir haben die Chance und die Verantwortung, in unserem Leben zu zeigen, was einen Christen auszeichnen sollte. Wir können es uns nicht leisten, von dem „Gesetz des Christus“ abzuweichen (Gal 6,2). Genau in diesem Gesetz – für Daniel damals das „Gesetz seines Gottes“ – suchten sie nun den Anklagegrund. Wenn man moralisch nichts fand, musste man etwas suchen oder konstruieren. Wenn es auf dem politischen Parkett nicht gelang, musste das religiöse Parkett herhalten. Man wusste ja, wes Geistes Kind Daniel war. Er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er eine Beziehung zu dem Gott im Himmel hatte. Daniel war einer, der Flagge gezeigt hatte – in jungen Jahren wie im hohen Alter.

Die Neider planten deshalb, dem König ein Gesetz vorzuschlagen, das es Daniel unmöglich machte, dem Gesetz seines Gottes treu zu sein ohne gleichzeitig das Gesetz des Königs zu übertreten. Sie wussten, dass Daniel sich dem Gesetz seines Gottes verpflichtet fühlte.

Es ist gut, wenn die Welt uns prüft und in den Einzelheiten unseres Lebens nichts findet, was man uns vorwerfen könnte. Wir sollen ja „unbescholtene Kinder Gottes“ sein. Wir sollten ihr in unserer Lebensführung keinen Anlass geben, mit Fingern auf uns zu zeigen. In der Regel weiß sie sehr gut, wie man sich als Christ verhalten sollte und stellt Fehlverhalten schnell fest.

Zudem leben wir in einer Zeit, in der die wahren christlichen Werte selbst in den ehemals christlichen Ländern mehr und mehr in Misskredit geraten. Das zeigt sich deutlich in der Gesetzgebung. Solange es „nur“ Gesetze sind, die das Böse erlauben, können wir uns davon noch relativ fernhalten. Wir müssen aber davon ausgehen, dass es zunehmend Gesetze geben wird, die uns Dinge auferlegen werden, zu denen wir als Christen konsequent Nein sagen müssen. Es mag sogar sein, dass diese Gesetze – wie im Fall Daniels – direkt wegen und gegen Christen gemacht werden. Das Gesetz, das die politische Elite dem König vorschlug, war ja ausschließlich gegen Daniel gerichtet. In den Satrapen und Vorstehern erkennen wir ein Bild satanischer Mächte, die sich ausdrücklich gegen Christus und seine Jünger wenden. Nach der Entrückung der Gläubigen wird das im Blick auf den Überrest Israels besonders deutlich werden. Sie werden im Dienst ihres Gottes behindert werden. Es wird Gesetze geben, die diesen Gottesdienst für sie unmöglich machen.

Das Tatmotiv: Neid und Hass

Das primäre Tatmotiv der Feinde Daniels liegt auf der Hand. Es war das gleiche Motiv, das die Brüder Josephs hatten. Sie waren neidisch auf Daniel und hassten ihn.

Neid und Hass sind immer abscheulich. Das gilt besonders, wenn sie religiös oder rassistisch motiviert sind. Beides war bei Daniel der Fall. Sie hassten ihn nicht nur, weil er beruflich und politisch erfolgreich war, sondern weil er ein Jude und ein „Frommer“ war. Dass ein solcher Mann ihr Vorgesetzter werden sollte, erschien ihnen ein unerträglicher Gedanke zu sein. Wir erkennen eine klare Form von Antisemitismus15, der in der Zeit der großen Drangsal einen traurigen Höhepunkt erreichen wird.

Neid und Eifersucht sind immer schlechte Berater. Die Bibel zeigt viele Beispiele davon. Der erste Mord hatte genau diese Ursache. Kain war eifersüchtig auf seinen Bruder Abel (1. Mo 4,5). Saul war eifersüchtig auf David, weil dieser erfolgreicher war als Saul (1. Sam 18,9). Die Juden waren neidisch auf den Herrn Jesus, weil das Volk Ihm anhing und Ihn zum König machen wollte. Pilatus wusste das genau, als er Ihn dennoch zum Tod verurteilte. „Er hatte erkannt, dass die Hohenpriester ihn aus Neid überliefert hatten“ (Mk 15,10). Neid ist etwas, das in jedem Menschen steckt. Der natürliche Mensch ist „voll von Neid“ (Röm 1,29). Titus 3,3 sagt, dass wir unser Leben in „Bosheit und Neid“ führten, „verhasst und einander hassend“. Jakobus schreibt: „Denn wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat“ (Jak 3,16). Das bewahrheitete sich in der Geschichte Daniels ebenso wie im Leben unseres Herrn. Es bewahrheitet sich heute noch, und der Überrest kommender Tage wird es ebenfalls erleben. Salomo schreibt: „Grimm ist grausam und Zorn eine überströmende Flut; wer aber kann bestehen vor der Eifersucht?“ (Spr 27,4).

Auch Hass ist eine hässliche Erscheinungsform der alten Natur. Salomo schreibt in den Sprüchen ebenfalls mehrfach darüber. Hier drei Beispiele:

  • Sprüche 10,12: „Hass erregt Zwietracht.“
  • Sprüche 10,18: „Wer Hass verbirgt, hat Lügenlippen; und wer Verleumdung verbreitet, ist ein Tor.“
  • Sprüche 26,24: „Der Hasser verstellt sich mit seinen Lippen, aber in seinem Innern hegt er Trug.“

In den Psalmen wird der Hass auch häufig erwähnt. Dort erkennen wir die prophetische Komponente sowohl im Blick auf den Überrest aus Juda als auch im Blick auf die Empfindungen unseres Herrn auf dieser Erde. Hier einige Beispiele:

  • Psalm 9,14: „Sei mir gnädig, Herr! Sieh an mein Elend von Seiten meiner Hasser, indem du mich emporhebst aus den Toren des Todes.“
  • Psalm 25,19: „Sieh an meine Feinde, denn sie sind zahlreich, und mit grausamem Hass hassen sie mich.“
  • Psalm 38,20: „Meine Feinde aber leben, sind stark, und zahlreich sind die, die ohne Grund mich hassen.“
  • Psalm 41,8: „Miteinander raunen gegen mich alle meine Hasser; Böses ersinnen sie gegen mich.“
  • Psalm 69,5: „Mehr als die Haare meines Hauptes sind die, die ohne Ursache mich hassen; mächtig sind meine Vertilger, die mir ohne Grund feind sind; was ich nicht geraubt habe, muss ich dann erstatten.“
  • Psalm 109,3: „Mit Worten des Hasses haben sie mich umgeben und haben gegen mich gekämpft ohne Ursache.“

Die Vorgehensweise: List und Bosheit

Der Text offenbart uns die Methode dieser Menschen. Sie handelten mit satanischer List und wurden dabei ohne Frage von satanischen Mächten angetrieben. Sie hatten Daniel kennengelernt und wussten, dass seine Treue zu seinem König ihre Ursache in seiner Treue zu seinem Gott hatte. Im Zweifelsfall würde er seinem Gott mehr gehorchen als seinem König. Das eine bedingte das andere. Seine Treue zu seinem Gott würde ihm – aus menschlicher Sicht – zum Verhängnis werden. Denn es war ja klar, dass sie nicht wirklich davon ausgingen, dass Daniel dem von ihnen vorgeschlagenen Gesetz Folge leisten würde. Außerdem kannten seine Kläger ihren König. Sie wussten, dass er eitel war und gerne mit schmeichelnden Worten umgeben wurde. Genau an dieser Stelle setzen sie nun den Hebel erfolgreich an. Sie konnten relativ sicher sein, dass ihr Plan funktionieren würde.

Ihre Anklage war daher voller List und Tücke. Es war schon nicht wahr, was sie zum König sagten: „Alle Vorsteher des Königreichs, die Befehlshaber und Satrapen, die Räte und Statthalter, haben beschlossen...“ Schon hier hätte der König stutzig werden müssen, dass einer der drei Vorsteher – nämlich Daniel – gar nicht dabei war. Aber dann ist auch der Inhalt ihrer Worte scheinheilig und trickreich. Sie tun das, was David schreibt: „Denn in ihrem Mund ist nichts Zuverlässiges; ihr Inneres ist Verderben, ein offenes Grab ihr Schlund; ihre Zunge glätten sie“ (Ps 5,10). „Sie reden Falschheit, jeder mit seinem Nächsten; ihre Lippen schmeicheln, mit doppeltem Herzen reden sie“ (Ps 12,3). Das hat Daniel erfahren. Das mag auch unsere Erfahrung sein, und der Überrest Judas wird es erleben. Bei unserem Herrn war es auch nicht anders: „Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List greifen und töten könnten“ (Mk 14,1; vgl. Mt 26,4).

An Gottes Stelle

Der Vorschlag, mit dem sie dann zum König gingen, besagte, dass der König ein Gesetz erlassen sollte, dass jeder, der innerhalb von dreißig Tagen von irgendeinem Gott oder Menschen etwas erbat außer vom König, in die Löwengrube geworfen werden sollte. Es war natürlich bekannt, dass Daniel in der Gunst des Königs stand. Deshalb musste die Sache dem König so mundgerecht präsentiert werden, dass es ihm schmeichelte und er dem Plan zustimmte. Deshalb appellierten sie an seine Eitelkeit. Das Manöver war geschickt. Der König wurde in die Falle gelockt, dass er Gottes Stelle einnehmen sollte. Der König hörte die schmeichelnden Worte gerne und fiel in die Grube hinein. Er unterzeichnete das Dekret, das in der Tat nicht zurückgenommen werden konnte (vgl. auch Est 1,19; 8,8).16 Der Vorschlag der Verräter schmeichelte der Eitelkeit des Königs und machte ihn so zu einem Sklaven der Feinde Daniels. Er geriet in eine Falle, aus der er nicht mehr herauskam.

J. N. Darby und W. Kelly weisen darauf hin, dass das Gebot einzig und allein unter dem Vorwand erlassen wurde, „dem Willen und der Weisheit des Fürsten den Charakter der Unveränderlichkeit und Unfehlbarkeit, die allein Gott zukommt, zu verleihen“, während man augenscheinlich nur damit beabsichtigte, die Untertanen vor den Launen des Königs zu schützen.17 Durch das Gebot setzte Darius Gott an die Seite und nahm selbst seine Stelle ein. Jeder Gedanke an den wahren Gott sollte beseitigt werden. Jede Beziehung zu Ihm sollte aufgehoben und jede Abhängigkeit von Ihm geleugnet werden. Das ist Anmaßung und Hochmut in höchster Potenz. Adam und Eva wurde eingeredet, dass sie sein würden „wie Gott“ (1. Mo 3,5). Hier geht es weiter. Darius sollte nicht sein „wie Gott“, sondern die Stelle Gottes selbst einnehmen. Das ist es, was letztlich im Herzen des Menschen steckt und was in der Zukunft einmal offen sichtbar werden wird. Der Mensch möchte Gott vom Thron stürzen und sich selbst dort hinsetzen. Er will die absolute Hoheit im Himmel und auf der Erde haben. Das geht weiter als das, was wir bei Nebukadnezar sahen. Er hatte ein Götzenbild verehren lassen. Aber nun wird der Mensch selbst zum Gott. Das ist der totale Abfall von allem, was mit Gott zu tun hat.

Darius besaß bereits eine große politische, wirtschaftliche und militärische Macht. Nun griff er auch nach der religiösen Krone. Genau das werden der kommende römische Herrscher und der Antichrist in sich vereinigen. Dabei werden sie durch Satan selbst angeleitet sein. Von dem Antichrist lesen wir: „... der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei“ (2. Thes 2,4). Das wird in Daniel 11 bestätigt. Dort heißt es: „Und der König [das ist der Antichrist] wird nach seinem Gutdünken handeln, und er wird sich erheben und sich groß machen über jeden Gott, und gegen den Gott der Götter ... Und auf den Gott seiner Väter wird er nicht achten, und weder auf die Sehnsucht der Frauen noch auf irgendeinen Gott wird er achten, sondern er wird sich über alles erheben“ (Dan 11,36.37).

In der Einleitung zu diesem Kapitel wurde bereits darauf hingewiesen, dass wir uns nicht wundern dürfen, dass Darius hier ein Hinweis auf die gottlosen Personen der Endzeit ist, weil er als ein Mann erscheint, der sich hinters Licht führen ließ. Bibeltreuer Ausleger weisen darauf hin, dass es wichtig ist, an dieser Stelle zu beachten, dass dies nicht so sehr in der Person von Darius begründet liegt (anders als bei Nebukadnezar und Belsazar), sondern vielmehr in seiner Handlungsweise. Darius erscheint sogar zum Teil als liebenswerter Mensch, was ein Hinweis darauf sein mag, dass der kommende Herrscher und auch der Antichrist vielleicht in den Augen vieler Menschen durchaus etwas Anziehendes haben mögen.

Darius war eigentlich ein törichter Mensch. Er hätte das Gesetz nicht unterschreiben müssen. Er tat es doch, und dafür trug er die volle Verantwortung. In den beiden babylonischen Königen (Nebukadnezar und Belsazar) sehen wir mehr ein Bild der Bosheit und des Stolzes des Menschen, während Darius uns die Schwachheit des natürlichen Menschen zeigt, der sich leicht verführen lässt. Durch die Schmeichelei der Ankläger wurde er letztlich ein Sklave dieser Menschen. Der natürliche Mensch ist nicht nur böse und hochmütig, sondern er ist zugleich ein Sklave böser Mächte. Das wird in der Zukunft nicht anders sein. Die Nationen werden unter der Leitung des römischen Herrschers, und auch der Antichrist in seinem Hass gegen den jüdischen Überrest, von bösen Mächten und schließlich von Satan selbst angeleitet werden.

Eiliges Handeln

Darius ließ sich verleiten. Er entschied sich sehr zügig dafür, das Gesetz zu unterzeichnen. Damit unterschrieb er – wenn auch ungewollt – das Todesurteil Daniels. Er war unachtsam und überblickte die Konsequenzen seines Handelns nicht. Wir lernen für uns, dass wir wichtige Entscheidungen nicht treffen sollten, wenn wir erstens unter (Zeit)Druck stehen und zweitens nur einseitig informiert sind. Darius hätte die Frage stellen sollen, wo denn Daniel war. Er hätte Daniels Meinung zu dem Gesetz einholen können. Wir sollten lernen, bei wichtigen Entscheidungen nicht nur eine Seite anzuhören. Schnelle Entscheidungen können oft für uns und für andere weitreichende und manchmal nicht zu revidierende Folgen haben.

Vers 11: Daniels Gottesfurcht

Daniels Reaktion

Es war Daniel nicht unbekannt, dass die Schrift aufgezeichnet und das Gesetz erlassen worden war. Er kannte den Inhalt genau. Seine Reaktion geschah nicht in Unkenntnis der Sachlage, sondern er handelte in vollem Bewusstsein der Bosheit seiner Feinde und der angekündigten Strafe.

Daniel hätte mindestens zwei Möglichkeiten gehabt, auf die Vorschrift zu reagieren:

  1. Er hätte seine diplomatischen Beziehungen nutzen und mit dem König reden können. Er tat es nicht, weil ihm ohne Frage klar war, dass es sinnlos war und er den König nur in eine unangenehme Situation gebracht hätte. Daniel kannte ja die Unwiderruflichkeit des medopersischen Gesetzes. Es muss nicht immer verkehrt sein, Beziehungen zu nutzen, aber jedenfalls müssen wir im Einzelfall prüfen, ob es dem Willen Gottes entspricht oder nicht. In manchen Fällen mag es besser sein, Ungemach zu tragen, als menschliche Beziehungen zu nutzen, um möglicherweise Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Wir stehen leicht in der Versuchung „Fleisch zu unserem Arm“ zu machen und auf Menschen zu vertrauen (vgl. Jer 17,5).
  2. Er hätte den Weg des Kompromisses wählen können. Das Gebot galt ja nur für eine kurze Zeit, und in dieser Zeit hätte er seine Gewohnheiten etwas ändern können. Er hätte leise beten können. Er hätte die Fenster schließen können. Er hätte einen anderen Ort oder eine andere Gebetszeit wählen können. Sein Verstand hätte ihm tausend gute Argumente liefern können, seine Gebetsgewohnheiten etwas anzupassen. Er tat es nicht. Die Konsequenz, die ihn und seine Freunde in jungen Jahren ausgezeichnet hatte, bewies er auch im hohen Alter. Er handelte nach dem Motto: „Sei ganz Sein, oder lass es ganz sein.“

Die Umstände hatten sich verändert. Die Lebensprinzipien Daniels hingegen blieben so unverändert, wie Gottes Grundsätze unverändert bleiben. Daniel provozierte nicht und knickte auch nicht ein. Er handelte wie immer. Er blieb bei seinen guten Gewohnheiten. Das Gebot des Königs machte ihn weder aggressiv noch resignativ. Er geriet nicht in Panik und verlor auch nicht den Kopf. Er handelte ruhig und besonnen und war bereit, die Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Festigkeit, Standhaftigkeit und Treue zeichneten ihn hier erneut aus.

Das Beispiel Daniels ist richtungsweisend. Wir haben bereits bei der Betrachtung von Kapitel 3 gesehen, dass wir als Christen zwar den Gesetzen unserer Regierungen verpflichtet sind (vgl. z. B. 1. Pet 2,13–17), dass es aber gilt, Gott mehr zu gehorchen als Menschen (Apg 5,29). In der Zukunft wird es die Treue und Standhaftigkeit des Überrestes aus Juda sein, die sie in schwere Drangsal und Not hineinbringen werden.

Daniels Gebetsleben

Daniel war ein Mann des Gebets. Auch darin ist er ein Vorbild für uns. Die Bosheit der Menschen und das Gebot des Königs änderten nichts an seiner guten Gewohnheit zu beten. Seine enge Beziehung zu Gott, die von Gemeinschaft und Abhängigkeit geprägt war, wurde durch die neu entstandene Situation in keiner Weise beeinträchtigt. Er sah nicht auf die Umstände, sondern sein Blick ging nach oben zu seinem Gott, der ihm helfen konnte. Unerschüttert durch äußere Umstände überließ er die Sache Gott, indem er wie immer zu Ihm betete und Ihn pries. A. C. Gaebelein schreibt: „Der Glaube sieht weg von den Umständen dieser Erde hin zu dem allmächtigen Herrn.“18

Daniel handelte einerseits so, wie seine Ankläger es von ihm erwartet hatten. Er gab ihnen den gewünschten Anlass zur Klage vor dem König. Aus menschlicher Sicht handelte er dumm und lieferte sich selbst „ans Messer“. Aus göttlicher Sicht tat er genau das, was richtig war und gab Gott eine Gelegenheit, sich auf eine außerordentliche Weise zu verherrlichen.

Besehen wir einige Details:

  1. Daniel ging in sein Haus: Er machte aus seinem Gebetsleben keine öffentliche Demonstration oder Show. Er hat einen Bereich, wohin er sich zurückzog. Das war sein eigenes Haus. Dass er dort betete, war nicht unbekannt. Sind wir in dieser Welt als Beter bekannt? Wie Daniel müssen wir unser Gebetsleben nicht unnötig öffentlich machen, aber es muss auch nicht unbekannt sein, dass wir beten.
  2. Daniel hatte ein Obergemach, in das er sich zurückzog: Er stand mit beiden Beinen im Berufsleben. Er tat seine Aufgaben treu und zuverlässig. Insofern war er durchaus „geerdet“. Dennoch hatte er gleichzeitig diesen Rückzugsort, wo er seinem Gott nahe war. Kennen wir einen solchen Ort, wo wir außerhalb des täglichen Getriebes und unserer beruflichen und sonstigen Verpflichtungen die Gemeinschaft mit unserem Gott pflegen?
  3. Das Obergemach hatte offene Fenster nach Jerusalem hin: Das beweist, dass Daniel nicht nur ein Mann des Gebets war, sondern dass er das Wort Gottes (für ihn damals die vorhandenen Schriften des Alten Testaments) kannte. Salomo hatte davon gesprochen, dass die Kinder Israel in der Gefangenschaft zu dem Land hin beten sollten, das Gott ihren Vätern gegeben hatte. Damit waren konkrete Zusagen verbunden (vgl. 1. Kön 8,46–51). Daniel betete im Glauben und Vertrauen auf die Zusagen Gottes – und das, obwohl Jerusalem in Trümmern lag und es keinen Tempel gab. Wenn wir beten, wissen wir, dass Gott uns nicht alle Wünsche erfüllt, wohl aber, dass Er seine Zusagen erfüllt. Viele Menschen beginnen und schließen den Tag mit dem Blick auf ihre eigenen Interessen und die Welt. Der Christ hingegen schaut auf den Herrn und auf seine Verheißungen. Er beginnt, füllt und schließt den Tag im Glauben mit dem Blick auf Ihn.
  4. Daniel betete auf seinen Knien: Die Bibel schreibt an keiner Stelle eine äußere Gebetshaltung vor. Dennoch ist das Beten auf den Knien biblisch begründet. Es ist ein Ausdruck von Demut (vgl. Mt 17,14; Mk 1,40; Lk 5,8). Der Herr Jesus hat selbst gekniet (Lk 22,41), und Paulus auch (Eph 3,14). Im Alten Testament lesen wir: „Kommt, lasst uns anbeten und uns niederbeugen, lasst uns niederknien vor dem Herrn“ (Ps 95,6). Einmal wird sich jedes Knie vor Ihm beugen (Röm 14,11; Phil 2,10). Wir wollen lernen, unsere Knie jetzt schon freiwillig vor Ihm zu beugen. Die würdige Form sollte uns wichtig sein, weil wir zu der höchsten Autorität beten, die es gibt. Allerdings darf unser Gebet dabei nicht zu einer reinen Formsache werden.
  5. Daniel betete und lobpries: Daniels Gebetsleben bestand nicht nur aus Bitten, sondern auch aus Lobpreis19. Das sind die zwei Seiten des Gebets, die wir auch wiederholt bei Paulus finden. Wir stellen das beim Lesen seiner Briefe häufig fest. Daniel fand trotz schwieriger Umstände im Exil, trotz heidnischer und feindlicher Umgebung, trotz der Zerstörung Jerusalems und auch trotz seines hohen Alters immer noch Grund, seinen Gott zu preisen. Wir wollen von Daniel lernen, dass wir uns ein dankbares Herz erhalten – selbst dann, wenn die Umstände anscheinend gegen uns sind. Allerdings trug Daniel hier den besonderen Umständen Rechnung, indem er nicht nur betete und lobpries, sondern auch flehte. Besondere Umstände erfordern besondere Gebete.
  6. Daniel betete vor seinem Gott: Menschen konnten ihm zuhören, aber er sprach seine persönlichen Gebete nicht vor Menschen, sondern vor Gott. Von Paulus lesen wir, dass er seine Knie „vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus“ beugte (Eph 3,14). Wir sollten beim Beten nie vergessen, dass ein Gebet keine Predigt vor Menschen ist, sondern dass wir uns an die höchste Instanz – an unseren Gott – wenden.
  7. Daniel betete laut: Auch wenn es sich um ein persönliches Gebet handelte, betete Daniel laut. Die Bibel schreibt das an keiner Stelle vor. Es gibt durchaus Gebete, die wir im Stillen an unseren Gott richten (vgl. Neh 2,4). Wenn im Berufsleben ein plötzliches Problem auftaucht, können wir jederzeit ein kurzes Gebet nach oben richten. Aber es ist eine gute Gewohnheit, das persönliche Gebet laut zu sprechen. Es hilft uns jedenfalls, die Konzentration nicht so leicht zu verlieren.
  8. Daniel betete der Gewohnheit nach: Er tat, wie er vorher getan hatte – nicht mehr und nicht weniger. Geistliche Gewohnheiten sind gut, solange es nicht „nur“ Gewohnheiten sind. Der Herr Jesus hatte die Gewohnheit, in die Synagoge zu gehen, wo das Wort Gottes gelesen wurde (Lk 4,16). Außerdem hatte Er die Gewohnheit, an den Ölberg zu gehen (Lk 22,39), und dort finden wir Ihn im Gebet. Wir sollten auch „der Gewohnheit nach“ beten, aber es muss gleichwohl mehr als „nur“ eine Gewohnheit sein. Daniels Gewohnheit bestand außerdem darin, dass er dreimal am Tag kniete und betete. Auch dazu gibt es keinerlei Vorschrift, aber wir lernen, dass es gut ist, das Gebetsleben fest in unseren Tagesablauf zu integrieren und feste Gebetszeiten für uns zu reservieren.

Verse 12–18: Daniel wird verklagt und verurteilt

Die Anklage gegen Daniel

Die Kläger verlieren keine Zeit. Zuerst laufen sie eilig zu Daniels Haus und finden ihn so, wie sie es erwartet hatten. Nachdem sie ihn auf frischer Tat ertappt haben, treten sie unverzüglich vor den König. In Vers 7 „laufen sie eilig“. In Vers 10 „laufen sie eilig herbei“. In Vers 16 laufen sie erneut „eilig“ zum König. Paulus schreibt über solche Menschen: „Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen“ (Röm 3,15–18). Sie haben nur eines in Sinn: Daniel muss so schnell wie möglich verurteilt und in die Löwengrube geworfen werden. Salomo schreibt über solche Leute:

  • „... die sich freuen, Böses zu tun, über boshafte Verkehrtheit frohlocken“ (Spr 2,14)
  • „Verkehrtheiten sind in seinem Herzen; er schmiedet Böses zu aller Zeit, streut Zwietracht aus“ (Spr 6,14)
  • „Wer darauf sinnt, Böses zu tun, den nennt man einen Ränkeschmied“ (Spr 24,8)

Zunächst lassen sie sich zu ihrer eigenen Sicherheit noch einmal bestätigen, dass der König es mit dem Erlass wirklich ernst nimmt. Sie stellen ihm eine Frage, die er zu ihrer Zufriedenheit beantwortet. Darius war ihren Machenschaften gegenüber wirklich blind und bekräftigt sogar mit Nachdruck die Unumkehrbarkeit des erlassenen Gesetzes. Erst danach lassen die Kläger die Katze aus dem Sack und nennen Ross und Reiter. Es ging ihnen nur um den einen, den „Weggeführten“. Und Darius wird sehr schnell gemerkt haben, in welche Falle er getappt war.

Die Kläger nennen Daniel nicht einen der „Vorsteher“, sondern einen der „Weggeführten“. Für sie ist er nur ein Ausländer. Fremdenfeindlichkeit ist kein Phänomen der Neuzeit. Außerdem ist er ein religiöser Fanatiker, der trotz des Verbotes „sein Gebet dreimal am Tag verrichtet“. Daniel war und blieb selbst nach mehr als 60 Jahren in Babel ein Fremder. Sie hassten ihn, weil er ihnen weit voraus war. Sie hassten ihn, weil er Jude war, und sie hassten ihn, weil er eine Verbindung zu dem Gott des Himmels hatte und dabei blieb. Obwohl sie um seine Integrität wussten, wollten sie ihn beiseiteschaffen.

Konkret werfen sie Daniel zwei Dinge vor, die formal gesehen stimmen mochten, aber dennoch nicht der Wahrheit entsprachen. Sie sagen:

  1. Er achtet nicht auf dich: Damit suggerieren sie eine persönliche Beleidigung des Königs. Erneut schmeicheln sie Darius und werfen Daniel vor, ihn zu missachten.
  2. Er achtet nicht auf das Verbot, das du hast aufzeichnen lassen: Damit unterstellen sie Daniel eine Missachtung der Autorität des Königs.

Keinen Ausweg

Dem König gingen auf einmal die Augen auf. Er wurde sehr traurig und dachte intensiv darüber nach, wie er Daniel retten könnte. Er befand sich in einer misslichen Lage, in die er sich selbst hineinbugsiert hatte. Die Aussage, dass er „sehr betrübt“ wurde, bedeutet eigentlich: „Er missfiel sich selbst sehr.“20 Der König wollte anders und konnte nicht. Sein eigenes Gesetz stand ihm im Weg und er fand keinen Ausweg. Die ränkevollen Pläne seiner Fürsten wurden zu einer Falle, aus der er nicht mehr herauskommen konnte. Er musste die bitteren Folgen tragen, weil er vorher nicht aufgepasst und nachgedacht hatte. Darius‘ Reaktion zeigt, wie sehr er die Treue, Loyalität und Integrität von Daniel schätzte. Die Lösung des Problems lag aber außerhalb von ihm.

Darius handelt hier nicht in Macht und Kraft, sondern er zeigt den natürlichen Menschen in seiner Schwachheit. Darius war mächtig und zugleich schwach. Er rang bis zum Abend, um sich aus den Ketten seines eigenen Gebotes zu befreien. Er konnte es nicht. Schon bald standen die Kläger erneut vor ihm und hielten ihm sein eigenes Gebot vor. Sie hatten in der Tat das Gesetz hinter sich. Darius war zum Sklaven seiner eigenen Verordnungen und zum Ankläger Daniels geworden. Er musste Daniel in die Löwengrube werfen lassen. Es ging kein Weg daran vorbei.

Wir können daraus folgende Lektionen lernen:

  1. Es gibt einen unüberbrückbaren Kontrast zwischen Gesetz und Gnade. Das Gesetz fordert das Recht, aber es übt keine Barmherzigkeit. Das gilt auch in Bezug auf den Menschen als Sünder: Gott ist heilig und kann deshalb den Sünder nur verurteilen. Dennoch „fand“ Gott – anders als Darius – einen Ausweg. Die Liebe Gottes strafte einen anderen an unserer Stelle. Fluch und Tod trafen nicht uns, die wir schuldig waren, sondern unseren Herrn, der unschuldig war. Genau darin ist Gottes Liebe zu uns offenbart worden (1. Joh 4,9.10). Gott hat so eine gerechte Grundlage gefunden, Sünder anzunehmen (Röm 3,26).
  2. Bis heute sind die Regierungen der Nationen nicht wirklich in der Lage, für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. Darius war klar, dass das Urteil einen Unschuldigen traf, er konnte es jedoch nicht mehr verhindern. Recht und Gerechtigkeit sind aber die einzige Grundlage, auf der Kontinuität und Stabilität möglich sind. Weil das so ist, wird jede menschliche Regierung an diesem Punkt scheitern – so sehr sie sich auch im Einzelfall bemühen mag. Erst im öffentlichen Reich Gottes wird es einen König geben, der tatsächlich in Gerechtigkeit regiert (vgl. Jes 32,1).
  3. Wir können uns durch eigenes Fehlverhalten und unüberlegte Entscheidungen manchmal in Situationen bringen, die wir selbst nicht lösen können und wo wir darauf angewiesen sind, dass ein anderer das löst, was wir verschuldet haben.

Die prophetische Bedeutung

Es liegt auf der Hand, was dieses Urteil des Darius bedeutet. Zum einen denken wir an unseren Herrn, der wie Daniel unschuldig verurteilt wurde. In diesem Urteil und in seinem Vollzug hat der Herr Jesus das erlebt, was der Überrest einmal erleben wird, wenn er verfolgt und bedrängt werden wird. Sein reines und heiliges Leben stellte die Bosheit der religiösen und politischen Führer der Juden umso mehr heraus. Darum wollte man Ihn unbedingt loswerden. Bei dem Überrest wird es nicht anders sein. Es ist ergreifend, wenn wir – besonders in den Psalmen – lesen, wie sehr die Empfindungen des Herrn Jesus mit den Empfindungen des Überrestes übereinstimmen. Er kannte ihre Gefühle mehr als 2.000 Jahre vorher. David hat einige Psalmen gedichtet, als er vor Saul auf der Flucht war. Gerade in diesen Psalmen verbinden sich immer wieder die Empfindungen des leidenden Messias mit denen des bedrängten Überrestes kommender Tage. Dazu zählen die Psalm 18; 52; 54; 57; 59. Ein weiteres Beispiel ist Psalm 69, obwohl wir die Begleitumstände dieses Psalms nicht genau kennen.

Als der Herr Jesus verurteilt wurde, stand Er zum einen vor Herodes, der ein Bild des Antichrists ist. Zum anderen stand Er vor Pilatus, dem Vertreter des Römischen Weltreiches in Jerusalem. Beide wurden an diesem Tag Freunde (Lk 23,12) und bildeten eine Allianz gegen unseren Herrn. Pilatus glaubte, die Macht zu haben, mit dem Angeklagten nach Belieben verfahren zu können. Formal war das auch so. Aber erstens sagte der Herr Jesus ihm, dass er diese Macht von oben erhalten hatte, und zweitens hatte Pilatus das römische Recht gegen sich. Die Juden bezichtigten Jesus auf geschickte Weise, ein „König“ und damit ein Aufrührer zu sein. Das war für die Römer Hochverrat. Eine Ausführungsbestimmung des römischen Kriegsrechtes lautete: „Wer einen Tumult erregt und das Volk verhetzt, wird, je nach Personenstand, gekreuzigt, den Zirkusbestien vorgeworfen oder auf eine Insel verbannt.“ Das galt auch für jemand, der „eine neue Sekte oder eine unvernünftige Religion einführt“.21 Als die Juden merkten, dass Pilatus einen Weg suchte, Jesus freizulassen, sagten sie: „Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich selbst zum König macht, spricht gegen den Kaiser“ (Joh 19,12). Diesem Argument hatte Pilatus nichts entgegenzusetzen. Seinen eigenen Posten wollte er wegen dieses Angeklagten ganz sicher nicht verlieren.

Historiker berichten außerdem, dass Pilatus und Kajaphas offensichtlich ein gewisses Abkommen miteinander geschlossen hatten. Pilatus, der zuvor durch einige Ungeschicklichkeiten den Unmut der Juden provoziert hatte, fand in dem Hohenpriester einen zuverlässigen Partner.22 Auch das mag einer der Gründe für das ungerechte Urteil von Pilatus gewesen sein. Das Urteil mochte gegen seine eigene innere Überzeugung gewesen sein, dennoch konnte er nicht anders, als es zu fällen. Er trägt dafür die volle Verantwortung.

Ein besonders Zeugnis

Bevor Daniel endgültig in die Löwengrube geworden wurde, stellte Darius ihm ein besonderes Zeugnis aus. Er sagte: „Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, er möge dich retten!“ Ob Darius wirklich an diese Möglichkeit geglaubt hat, bleibt offen. Dennoch ist die Aussage an sich bemerkenswert. Darius hatte Daniel als treuen Staatsdiener kennengelernt, aber er hatte dabei trotzdem gemerkt, dass Daniel einen höheren Dienstherrn hatte.

  • dein Gott: Darius erkannte die persönliche Beziehung zu einem Gott an, den er selbst nicht kannte, der aber Daniels Gott war. Erkennen die Menschen an uns auch, dass wir eine persönliche Beziehung zu unserem Gott haben?
  • ohne Unterlass: Darius hatte gesehen, dass Daniel nicht nur ab und zu, oder wenn es ihm gerade passte, ein Diener Gottes war, sondern er wusste, dass er Ihm ständig gedient hatte. Ein Christ ist immer im Dienst seines Herrn. Kennen uns die Menschen als solche, die nur Sonntagschristen sind, oder sind wir als solche bekannt, die Gott stets dienen?
  • Daniel hatte gedient: Das bedeutet, dass er seinem Gott treu zur Verfügung gestanden hatte. Einerseits diente Daniel einem irdischen Herrn, andererseits hatte der himmlische Herr immer Priorität. Kennen uns die Menschen als solche „Diener Gottes“?
  • Er möge dich retten: Daniel muss von seinem Vertrauen auf seinen Gott gezeugt haben. Sonst hätte Darius diese Hoffnung nicht geäußert. Darius konnte auf diese Hilfe nur hoffen – mehr nicht. Aber was er wünschte, trat tatsächlich ein. Gott würde sich – angesichts des ungerechten Urteils – in der Rettung Daniels auf eine ganz besondere Weise verherrlichen.

In der Löwengrube

Es war eine für die Perser typische Todesstrafe, dass man den Verurteilten den Löwen zum Fraß vorwarf. Im Gegensatz zu den Babyloniern hätten die Perser keinen Menschen verbrannt, weil ihnen das Feuer „heilig“ war und sie es anbeteten. In der Zeit der Perser war es dagegen eine Art „Sport“ mancher Herrscher, Löwen zu fangen und sie zu halten. Sie wurden in einer Grube gehalten und dienten unter anderem zur Exekution von Menschen, die man töten wollte. Wie solche Löwengruben genau beschaffen waren, wissen wir nicht. Jedenfalls handelte es sich um eine unterirdische Grube, aus der es keinen Ausgang gab, die aber mit einer Art Falltür versehen war, durch die die Todeskandidaten in die Grube geworfen wurden.

Der Löwe wird nicht ohne Grund der „König der Tiere“ genannt. Er symbolisiert Kraft und Gewalt. Die Bibel nennt den Teufel einen „brüllenden Löwen“ (1. Pet 5,8). Der Teufel hat die Macht des Todes (Heb 2,14). Die Grube, in die Daniel geworfen wurde, ist daher ein treffendes Bild des Todes, dem Daniel ausgeliefert wurde.

Daniel selbst gebraucht in Vers 23 den Ausdruck „Rachen der Löwen“. Er verdient unser besonderes Augenmerk. Er ist erstens eng mit der prophetischen Sichtweise im Blick auf den Überrest verbunden, zweitens findet er Bedeutung in Verbindung mit unserem Herrn, und drittens kann er praktisch angewandt werden.

  1. In Verbindung mit dem Überrest: Zum ersten Mal lesen wir in 1. Samuel 17,34.35 von dem „Rachen der Löwen“. Dort erklärt David, dass er das Kleinvieh seines Vaters beschützte und die Tiere dem Rachen von Löwe und Bär entriss. David ist ein Bild des guten Hirten, der seine Schafe vor allen Gefahren beschützt und sie vor dem mächtigen Feind bewahrt. Er hat den Feind besiegt und ihm die Macht genommen. Einen weiteren Hinweis im Blick auf den kommenden Überrest finden wir in Amos 3. Dort heißt es zunächst: „Brüllt der Löwe im Wald, wenn er keinen Raub hat? Lässt der junge Löwe seine Stimme aus seiner Höhle erschallen, außer wenn er einen Fang getan hat?“ (Amos 3,4). So wird es in der großen Drangsal sein, wenn der Drache aus dem Himmel geworfen wird und weiß, dass er wenig Zeit hat (Off 12,12). Offenbarung 12,13–17 beschreibt die Bemühungen des Teufels, den Überrest gewaltsam zu vernichten. Er wird brüllen und alles tun, den Überrest als Beute zu bekommen. Aber es wird ihm nicht gelingen. In Amos 3,12 lesen wir dann: „So spricht der Herr: Wie der Hirte zwei Beine oder einen Ohrzipfel aus dem Rachen des Löwen rettet, so werden die Kinder Israel gerettet werden.“ Es ist wahr, dass viele Juden ihr Leben lassen werden, aber ein Überrest (zwei Beine und ein Ohrzipfel) wird gerettet werden.
  2. In Verbindung mit dem Herrn Jesus: Wie sehr der Herr Jesus in die Empfindungen des Überrestes eingeht, machen viele Psalmen deutlich. Der bereits erwähnte Psalm 22 spricht in Vers 22 ausdrücklich von dem „Rachen des Löwen“. Am Kreuz wurde der Herr Jesus mit der Macht des Todes konfrontiert. Der Tod blieb Ihm nicht erspart. Er hat ihn „geschmeckt“ (Heb 2,9). Er wurde von Gott „in den Staub des Todes“ gelegt (Ps 22,16). Was das für Ihn bedeutete, können wir nicht nachvollziehen. Aber gerade durch den Tod hat Er dem die Macht genommen, der die Macht des Todes hat (Heb 2,14). So kann Er die befreien, „die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,15). Weil Er selbst einmal in der „Löwengrube“ gewesen ist, ist Er in der Lage, seine Schafe zu retten und zu befreien. Im Gegensatz zu Daniel musste der Herr allerdings darüber klagen, dass Gott Ihn verlassen hatte. Wie Daniel nennt Er Ihn „mein Gott“, aber Er stellt die Frage: „Warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2). Diese Frage brauchte Daniel nicht stellen. Nur der Herr hat erlebt, was es bedeutet, von Gott verlassen zu sein.
    Auch die Tatsache, dass es eine „Grube“ war, in die Daniel geworfen wurde, lässt uns an den Herrn Jesus denken. Die erste Grube in der Bibel ist die Grube, in die man Joseph warf. Es war eine Grube ohne Wasser (1. Mo 37,24). Die „Grube“ unseres Herrn war eine Grube voll Wasser und Schlamm. Wir hören Ihn klagen – und vernehmen gleichzeitig die Stimme des Überrestes: „Denn ohne Ursache haben sie mir ihr Netz heimlich gelegt, ohne Ursache meiner Seele eine Grube gegraben“ (Ps 35,7). „Lass die Flut der Wasser mich nicht überströmen und die Tiefe mich nicht verschlingen; und lass die Grube ihren Mund nicht über mir verschließen!“ (Ps 69,16). Aber, wiederum anders als bei Joseph und Daniel, nahm der Herr diese Grube aus der Hand Gottes selbst. Er sagte in größter Not: „Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen. Auf mir liegt schwer dein Grimm, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt“ (Ps 88,7.8). Das blieb unserem Herrn im Gegensatz zu Daniel nicht erspart.
  3. In Verbindung mit uns: Am Ende seines Lebens spricht Paulus von dem „Rachen des Löwen“. Als er sich vor dem Kaiser Nero, dem Herrscher des Römischen Reiches, verantworten musste, sagt er: „Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, ... und ich bin gerettet worden aus dem Rachen des Löwen“ (2. Tim 4,17). Der Rachen des Löwen kann sich in diesem Vers einerseits auf Nero beziehen, hat aber andererseits einen Bezug auf den Teufel selbst, der bis heute wie ein „brüllender Löwe“ umhergeht. Bei Paulus war es nicht ein Engel, der ihm beistand, sondern der Herr selbst. Viele Christen haben es heute mit der Macht und Grausamkeit der Herrscher dieser Welt zu tun, die mehr und mehr ihren wahren Charakter zeigen, der dem eines Löwen gleicht. Sie dürfen damit rechnen, dass der Herr ihnen beisteht und dass sie jedenfalls nicht von dem brüllenden Löwen verschlungen werden – selbst wenn sie den leiblichen Tod erleiden. Wenn viele von uns das bisher nicht erlebt haben, wollen wir dafür dankbar sein. Aber auch für uns gilt, dass der Herr uns vor den Angriffen des Teufels bewahren wird.

Das versiegelte Grab

Nachdem Daniel in die Löwengrube geworfen worden war, wurde ein Stein auf die Öffnung gelegt, die der König mit seinem Siegelring und dem Siegelring seiner Gewaltigen versiegelte, damit in Bezug auf Daniel nichts verändert wurde. Niemand hätte es gewagt, diese Siegel zu brechen. Die Löwengrube sollte Daniels Grab werden, aus dem es ganz sicher kein Entrinnen gab. Für die Welt war Daniel tot. Nie wieder würde er das Licht der Sonne sehen, denn die Löwen waren hungrig und würden ihn unmittelbar töten und fressen.

Unsere Gedanken gehen zum Grab unseres Herrn, das mit römischer Autorität versiegelt wurde. „Sie aber gingen hin, und nachdem sie den Stein versiegelt hatten, sicherten sie das Grab mit der Wache“ (Mt 27,66). H. G. Moss schreibt: „Die Menschen mochten ihren Stein auf das Grab wälzen, Pilatus mochte es versiegeln und eine Wache bestellen, aber nichts konnte die Hand Gottes aufhalten, die Ihn aus den Toten auferweckte.“23 E. Dennett kommentiert: „In beiden Fällen versuchten die Menschen das Ende zu sichern und eine Intervention und Rettung unmöglich zu machen. Gott existierte in ihrer Gedankenwelt nicht, aber was kann der Mensch ausrichten, wenn er es wagt, gegen Gott zu kämpfen?“24 Das erlebten die Juden, und das erlebten die Römer am Grab unseres Herrn. Das werden die Feinde am Ende erkennen müssen, wenn der Herr seinen Überrest aus dem Rachen des Löwen befreit. Und das dürfen wir heute erleben. Bei Gott ist und bleibt kein Ding unmöglich.

Verse 19–25: Die Befreiung Daniels und das Gericht über die Feinde

Eine unruhige Nacht

Bei allen Parallelen zu dem Bericht in Kapitel 3 erkennen wir deutliche Unterschiede. Nebukadnezar war von Wut erfüllt, als man sein Gebot übertrat, und er fand seine Freude daran, die drei „Rebellen“ in den Feuerofen zu werfen. Darius hingegen war traurig und verbrachte die Nacht fastend und wachend. Er verzichtete bewusst auf alle Annehmlichkeiten, die ihm als König jederzeit zur Verfügung standen. Er aß nicht und ließ auch keine Frauen zu sich kommen. Sein Gewissen war belastet, und er sehnte den Morgen herbei. Wir mögen beim Lesen an die Frau des Pilatus denken, die eine unruhige Nacht verbrachte und im Traum deshalb litt, weil sie wusste, dass ein Unschuldiger zum Tod verurteilt werden sollte (Mt 27,19).

Mit welchen Empfindungen Daniel die Nacht verbracht hat, wird uns nicht gesagt. Jedenfalls wusste er um den Engel, der es verhinderte, dass die Löwen ihm etwas antaten. Während Darius im Palast ein schlechtes Gewissen hatte, brauchte sich Daniel nichts vorzuwerfen. So sehen wir auch Petrus in der Nacht vor seiner geplanten Exekution ruhig schlafen – und das, obwohl er mit zwei Ketten gefesselt zwischen zwei Wachsoldaten lag (Apg 12,6).

Der frühe Morgen

Als der Morgen anbrach, ging Darius schnell zur Löwengrube. Vorher waren die Feinde eilig zum König gelaufen, jetzt eilte der König. Es ist ein veränderter Darius, dem wir jetzt begegnen. Er ist im prophetischen Bild nicht länger der Repräsentant der Weltreiche, sondern er wird ein Zeuge der wunderbaren Rettung Daniels, die ein deutlicher Hinweis auf die Rettung des Überrestes einerseits und auf die Auferstehung des Herrn Jesus andererseits ist.

Darius rief mit trauriger Stimme. Das zeigt klar, dass er wenig Hoffnung hatte, Daniel lebend vorzufinden. Dennoch schien es ihm offensichtlich nicht gänzlich ausgeschlossen. Und Daniel antwortete ihm. Der Mann, der eigentlich hätte tot sein müssen, wünscht dem König das Leben: „Lebe ewig.“ Die Aussage macht zugleich deutlich, dass Daniel die Form der Höflichkeit wahrte und die negative Erfahrung seine Ehrerbietung vor dem König nicht verändert hatte. Davon können wir lernen.

So wie Darius zu dem vermeintlichen Grab Daniels eilte, gingen am ersten Tag der Woche nach der Kreuzigung einige wenige Menschen zum Grab des Herrn. Und wie Darius machten sie die Entdeckung ihres Lebens. Darius lernte, dass Daniel lebte, und die Jünger am Grab erfuhren, dass das Grab leer war. Der Tod konnte Ihn nicht halten. Der frühe Morgen erinnert aber auch an die Morgenröte, die einmal für die Nationen aufgeht, wenn sie nach der Rettung des Überrestes an dem Reich teilhaben werden. Dann werden ihre Augen für das Licht und die Herrlichkeit des Messias geöffnet sein. Von diesen Nationen ist Darius jetzt ein Bild.

Daniel gerettet

Die Rettung Daniels war menschlich gesprochen ein Ding der Unmöglichkeit. Gott machte sie dennoch möglich. Er griff in die Natur so ein, wie Er es in Kapitel 3 getan hatte. Es ist ein Naturgesetz, dass Feuer einen menschlichen Körper verbrennt, wenn er hineingeworfen wird. Es ist ein Naturgesetz, dass wilde und hungrige Löwen einen Menschen töten und fressen, wenn er ihnen wehrlos ausgeliefert ist. Aber diese Ordnungen sind von Gott eingesetzt, und wir brauchen nicht nach anderen Erklärungen suchen, wenn Er sie außer Kraft setzt. Wenn Gott es will, kann weder das Feuer verbrennen, noch können Löwen einem Menschen etwas antun. Was Gott damals tat, kann Er heute noch tun. Allerdings ist ein solches Handeln Gottes in der Haushaltung der Gnade eher die Ausnahme.

Gott hätte verschiedene Möglichkeiten gehabt, Daniel zu retten. Er hätte den Löwen befehlen können, Daniel unversehrt zu lassen. Aber wie in Kapitel 3 schickt Er einen Engel. Der Engel hielt nicht nur die wilden Bestien in Schach, sondern er leistete Daniel in der Nacht Gesellschaft. So konnte Daniel ruhig sein, weil der Engel bei ihm war. „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und er befreit sie“ (Ps 34,8). „Denn er wird seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen“ (Ps 94,11). Das können wir auch auf uns anwenden. Selbst wenn wir nicht immer unmittelbare Rettung aus einer Not erleben, wissen wir dennoch um die tröstliche Gegenwart unseres Herrn selbst. „Auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles, denn du bist bei mir“ (Ps 23,4).

So wie Daniel gerettet wurde, wird einmal der jüdische Überrest gerettet werden. Aus menschlicher Sicht scheint jede Rettung unmöglich und der Untergang sicher zu sein. Gott wird sie dennoch retten und befreien. Er tut es nicht – wie bei Daniel – durch einen Engel, sondern durch die machtvolle Erscheinung des Messias. David sagt in Psalm 18,49: „... der mich errettete von meinen Feinden. Ja, du erhöhtest mich über die, die gegen mich aufstanden.“ In Psalm 69,15 heißt es: „Zieh mich heraus aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke! Lass mich errettet werden von meinen Hassern und aus den Wassertiefen!“ Beide Zitate machen erneut klar, wie eng die Empfindungen des Herrn am Kreuz mit denen des Überrestes verbunden sind. In Psalm 22,21–22a hören wir Ihn rufen: „Errette vom Schwert meine Seele, ... rette mich aus dem Rachen des Löwen!“ Und dann folgt die herrliche Antwort: „Ja, du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel“ (Ps 22,22b).

Zum ersten Mal sagt Daniel hier „mein Gott“ (vgl. später Dan 9,18.19). Diese Anrede ist typisch für den Überrest. Wir finden sie häufig in den Psalmen. Auch der Jünger Thomas, der diesen jüdischen Überrest symbolisiert, sagte zu dem auferstandenen Herrn: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).

Wir wollen uns in Verbindung mit der Rettung Daniels zwei wichtige Fragen stellen:

  1. Wodurch wurde Daniel gerettet? Auf diese Frage gibt es zwei unterschiedliche Antworten, die jedoch einander ergänzen. Einerseits war es das machtvolle Eingreifen Gottes. Daniel sagte selbst, dass Gott seinen Engel gesandt hatte, um den Rachen der Löwen zu verschließen. Andererseits sagt Vers 24, dass es durch Glauben geschah, „weil er auf seinen Gott vertraut hatte“. Hebräer 11,33 bestätigt das. Es war durch Glauben, dass Daniel den Rachen der Löwen verschloss. Beides ist wahr. Gott hat den Glauben Daniels belohnt. Petrus schreibt: „... die ihr durch Gottes Macht durch Glauben bewahrt werdet zur Errettung“ (1. Pet 1,5). Dieser Glaube wird auch den Überrest kennzeichnen, wenn er aus der großen Drangsal gerettet wird. Wenn wir es auf uns anwenden, dann wissen wir einerseits, dass Gott der Handelnde ist. Gleichzeitig liegt es an uns, auch konkret alle Hilfe von Gott zu erwarten, indem wir unser Vertrauen im Glauben auf Ihn setzen. Unser Glaube und Vertrauen gründen sich auf die Tatsache, dass der Herr Jesus für uns in der „Löwengrube“ war. Der Löwe – ein Bild des Teufels – kann zwar noch sehr eindrucksvoll brüllen (1. Pet 5,8) und uns Angst einjagen, aber er kann uns nicht mehr verschlingen.
  2. Warum wurde Daniel gerettet? Auch hier gibt es eine doppelte Antwort. Zum einen, weil vor Gott Unschuld an Daniel gefunden wurde, und zum anderen, weil Daniel vor dem König kein Verbrechen begangen hatte. Daniels Leben war sowohl vor Gott als auch vor dem König moralisch einwandfrei gewesen. Deshalb war er unschuldig. Er hatte zwar das Gebot des Königs übertreten, aber es war ein ungerechtes Gesetz, das sich gegen Gott wandte. Deshalb war das, was Daniel getan hatte, kein Verbrechen gegen den König. Wir lernen für uns daraus, dass sich unser Leben einerseits vor dem Auge Gottes abspielt, der alles beurteilt, zum anderen aber auch vor unseren Mitmenschen, die uns beobachten. Paulus schreibt: „Denn wir sind auf das bedacht, was ehrbar ist, nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen“ (2. Kor 8,21).

Die Unschuld Daniels lässt uns auch an die Unschuld des Herrn Jesus denken. In Daniel 9,26 lesen wir in Bezug auf den Messias, dass Er „nichts haben“ wird. Diesen Ausdruck kann man auch anders übersetzen, nämlich: „Es wird nichts gegen ihn sein.“ Mehr noch als Daniel war der Herr Jesus völlig unschuldig. Das mussten selbst seine Feinde anerkennen (Mt 27,19; Lk 23,4.47; Joh 19,6). Der Räuber am Kreuz sagte von Ihm: „Dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan.“ Trotzdem blieb Ihm der Tod nicht erspart. Er starb unschuldig für die Schuld anderer. Er fragte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2). Der Grund lag nicht bei Ihm, sondern bei uns. Dafür sei Ihm ewig Lob und Dank.

Der Herr Jesus musste in den Tod gehen, aber der Tod konnte Ihn nicht halten. Prophetisch lesen wir: „Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe“ (Ps 16,10; vgl. Apg 13,35). Daniel war ein gottesfürchtiger Mann, aber „der Fromme“ war nur einer. So wie an Daniel, als er aus der Löwengrube kam, keine Verletzung gefunden wurde, wurde an dem Herrn Jesus keine Verwesung – kein Geruch des Todes – gefunden. Der Tod konnte Ihm nichts tun. Gott hat „seinen Frommen“ zum Leben erweckt.

Psalm 57

Es ist in diesem Zusammenhang interessant, Psalm 57 zu lesen, denn die Parallelen zu Daniel 6 sind nicht zu übersehen. Es ist ein Psalm von David, den er einige Jahrhunderte vorher geschrieben hat. David war auf der Flucht vor Saul und hatte sich in einer Höhle versteckt (Vers 1). Was er dort schreibt, drückt erstens seine persönlichen Empfindungen aus. Zweitens spricht dieser Psalm von den Empfindungen des Überrestes in der Drangsal und Not kommender Tage. Saul als König Israels ist ein treffendes Bild des Antichrists. Drittens erkennen wir in den Aussagen etwas von den Empfindungen unseres Herrn am Kreuz, der sich auf diese Weise mit den Empfindungen des Überrestes vereinigt. Das Ende des Psalms erwähnt die Morgenröte und damit verbunden einen herrlichen Lobpreis.

  1. Verse 2–5: „Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn zu dir nimmt Zuflucht meine Seele, und ich will Zuflucht nehmen zum Schatten deiner Flügel, bis das Verderben vorübergezogen ist. Zu Gott, dem Höchsten, will ich rufen, zu dem Gott, der es für mich vollendet. Vom Himmel wird er senden und mich retten; er macht zum Hohn den, der nach mir schnaubt. – Sela. Senden wird Gott seine Güte und seine Wahrheit. Mitten unter Löwen ist meine Seele, unter Flammensprühenden liege ich, unter Menschenkindern, deren Zähne Speere und Pfeile sind und deren Zunge ein scharfes Schwert ist.“
    Der Bezug auf Daniel ist naheliegend. Was David symbolisch ausdrückt, wurde für Daniel – und in Kapitel 3 auch für seine Freunde im Feuerofen – bittere Realität. Dennoch haben sie auf Gott vertraut und Zuflucht zu Ihm genommen. Er hat sie nicht enttäuscht. Auch auf den Herrn Jesus treffen diese Verse zu, als Er nach Golgatha ging, und für den Überrest werden sie sich in der Drangsal bewahrheiten.
  2. Verse 6–7: „Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit! Ein Netz haben sie meinen Schritten bereitet, es beugte sich nieder meine Seele; eine Grube haben sie vor mir gegraben, sie sind mitten hineingefallen. – Sela.“
    Auch das hat sich bewahrheitet. Man hatte Daniel ein Netz bereitet und eine Grube gegraben, aber letztlich fielen seine Feinde selbst hinein. Der Herr Jesus kam sinnbildlich ebenfalls in eine Grube, und bei dem Überrest wird es nicht anders sein.
  3. Verse 8–9: „Befestigt ist mein Herz, o Gott, befestigt ist mein Herz! Ich will singen und Psalmen singen. Wache auf, meine Seele! Wacht auf, Harfe und Laute! Ich will die Morgenröte wecken.“
    Die Morgenröte erinnert an den frühen Morgen, als Darius zur Gruft kam. Es war die Morgenröte der Befreiung für Daniel. Der Ausdruck lässt uns ebenfalls an die Auferstehung des Herrn Jesus am ersten Tag der Woche denken. Auch für den Überrest wird diese Morgenröte anbrechen, wenn der Messias auf diese Erde zurückkehrt.
  4. Verse 10–11: „Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, will dich besingen unter den Völkerschaften; denn groß bis zu den Himmeln ist deine Güte, und bis zu den Wolken deine Wahrheit. Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit!“
    Das ist es, was wir am Ende in dem Lobpreis des Königs finden werden.

Wer anderen eine Grube gräbt

Nachdem Daniel unverletzt aus der Grube befreit worden war, erteilte der König einen neuen Befehl. In Vers 17 hatte er befohlen, Daniel in die Löwengrube zu werfen. In Vers 24 hatte er befohlen, Daniel aus der Grube herauszuholen. Nun befiehlt er, „jene Männer“ zu bringen, die Daniel angezeigt hatten, und sie mit ihren Kindern und Frauen in die Löwengrube zu werfen. Der König ist jetzt nicht länger ein Spielball dieser Männer, sondern trifft klare und konsequente Entscheidungen, die unmittelbar umgesetzt werden. Die Feinde fallen in die Schlinge, die sie selbst ausgelegt hatten. Das Gebot des Königs, zu dem sie ihn gedrängt hatten, war erfüllt. Daniel war tatsächlich in die Löwengrube geworfen worden. Mehr hatte das Gebot nicht gefordert. Die angekündigte Strafe war nicht der Tod, sondern die Löwengrube.

Die Tatsache, dass die Familien ebenfalls getötet wurden, mag uns fremd erscheinen. Im mosaischen Gesetz hatte Gott seinem Volk Israel eine solche Handlungsweise verboten (z. B. 5. Mo 24,16; Hes 18,20). Orientalische Despoten sahen das häufig anders. Sie rotteten in der Regel ganze Familien aus, denn es war für sie einfacher, deren Leichname zu bestatten, als auf potenzielle Attentäter zu achten. Eine solche Exekution sollte jedenfalls als abschreckendes Beispiel dienen.

Die Feinde hatten noch nicht den Boden der Grube erreicht, da waren sie schon eine Beute der Löwen geworden. Das zeigt, wie wunderbar die Rettung Daniels gewesen war. Jeder Versuch, die Rettung Daniels mit menschlichen Argumenten zu erklären, ist zum Scheitern verurteilt. Die Löwen waren weder zahm noch zahnlos oder satt, sondern sie verhielten sich so, wie sich Löwen im Normalfall verhalten. Ohne ein göttliches Wunder wäre es Daniel so ergangen, wie es jetzt seinen Feinden erging. So wird auch die Rettung des Überrestes aus der Drangsal mit menschlichen Argumenten nicht erklärbar sein. Es wird ein Wunder Gottes sein.

Salomo schreibt: „Wer eine Grube gräbt, fällt hinein; und wer einen Stein wälzt, auf den kehrt er zurück“ (Spr 26,27). Das bewahrheitete sich hier, und das wird in Zukunft an den Feinden des Überrestes wahr werden. „Er hat eine Grube gegraben und hat sie ausgehöhlt, und er ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat“ (Ps 7,16). „Versunken sind die Nationen in die Grube, die sie gemacht haben; ihr Fuß wurde in dem Netz gefangen, das sie heimlich gelegt haben. Der Herr hat sich kundgetan: Er hat Gericht ausgeübt, indem er den Gottlosen verstrickt hat in dem Werk seiner Hände“ (Ps 9,16.17). „Stimme eines Getöses von der Stadt her! Stimme aus dem Tempel! Stimme des Herrn, der Vergeltung erstattet seinen Feinden!“ (Jes 66,6).

Dieses Prinzip gilt auch im Blick auf Gläubige, die heute verfolgt werden. Paulus schreibt den Thessalonichern: „Wenn es denn bei Gott gerecht ist, denen, die euch bedrängen, mit Drangsal zu vergelten, und euch, die ihr bedrängt werdet, Ruhe mit uns zu geben bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her ..., wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus [Christus] nicht gehorchen; die Strafe erleiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2. Thes 1,6–9). Dann wird es, wie bei Daniel, einen Rollentausch geben. Diejenigen, die jetzt verfolgt werden, haben Ruhe, und diejenigen, die verfolgt haben, werden gerichtet. So ist es bei Gott gerecht. Das Buch Esther zeigt das gleiche Prinzip bei Haman auf, der die Juden verfolgt hatte und dann selbst an das Holz gehängt wurde, das er für Mordokai vorgesehen hatte (vgl. Est 7,10). Gott ist immer gerecht. Der Wille und Ratschluss Gottes werden sowohl in Gnade als auch im Gericht sichtbar.

H. Smith schreibt: „Das finale Ende des Abfalls des Menschen wird sein, dass das Böse mit ewigem Verderben bestraft wird. Die Gottesfürchtigen werden für alle ihre Leiden entschädigt werden, und Gott wird auf der ganzen Erde durch die Herrlichkeit Christi verherrlicht werden.“25

Salomo hatte auch gesagt: „Der Gerechte wird aus der Drangsal befreit, und der Gottlose tritt an seine Stelle“ (Spr 11,8). Das traf auf Daniels Feinde zu. Das traf ebenfalls auf den Pharao in Ägypten zu, als er im Roten Meer umkam. So wird es in der Zukunft wieder sein, wenn Israel befreit werden wird und die Feinde vernichtet werden. Nur bei unserem Herrn war es anders. In 1. Petrus 3,18 lesen wir, dass der Gerechte für die Ungerechten gestorben ist. Er wurde auf Golgatha nicht befreit, sondern war bereit, an die Stelle der Gottlosen zu treten.

Verse 26–28: Der Schlussakkord

Der erste Befehl Darius' in diesem Kapitel hatte den wahren Gott abschaffen wollen und den König auf dessen Thron gesetzt. In seinem letzten Befehl erkennt der König den wahren Gott an. Darin können wir einen deutlichen Sinneswandel erkennen. Wie tief das bei dem König wirklich ging, bleibt offen, ändert aber nichts an dem Bild, das wir hier vor uns haben. In seinem Bekenntnis weist Darius nämlich auf die Völker und Nationen hin, die einmal den Gott Israels als den wahren Gott anerkennen werden und mit Freude in das Tausendjährige Reich eingehen werden. J. N. Darby und W. Kelly schreiben: „Das Resultat des Gerichts (über die Feinde) wird dann ähnlich sein wie hier: Die Nationen werden den lebendigen Gott als den Gott Israels, dessen Königreich nie vergeht, anerkennen.“26

Das „Finale“ des Kapitels weist Parallelen zu dem in Kapitel 3 auf. Ein sorgfältiger Vergleich der Worte Darius mit denen von Nebukadnezar zeigt jedoch, dass Darius in seiner Aussage weiter geht. In Kapitel 3 geht es darum, dass nichts Unrechtes gegen den Gott der Freunde Daniels gesagt werden durfte (Dan 3,29). Darius hingegen sagt ausdrücklich, dass man höchsten Respekt vor dem Gott Daniels haben sollte. Er fordert ausführlich dazu auf, zu „beben“ und sich vor diesem Gott zu „fürchten“. Allerdings spricht er – wie Nebukadnezar – nicht von „seinem“ Gott, sondern er nennt ihn den „Gott Daniels“. Das mag einerseits auf eine gewisse Distanz hindeuten, die auch dieser König – trotz des tiefen Inhalts seiner Worte – nicht überbrücken konnte. Andererseits zeigt es uns prophetisch, dass die Nationen im Tausendjährigen Reich ebenfalls Gott als den Gott Israels anerkennen werden. Sie werden „nur“ einen mittelbaren Zugang zu Gott haben. Als die Königin von Scheba zu Salomo kam, sprach sie ebenfalls von dem Herrn, dem Gott Salomos, und nicht von „ihrem“ Gott (1. Kön 10,9).

In den Worten Darius' finden wir eine deutliche Anspielung auf die Einführung des kommenden Reiches. Das Ende des geschichtlichen Teils des Buches Daniel führt uns direkt in das Tausendjährige Reich hinein. Bei Nebukadnezar wird das bereits angedeutet, hier ist es jedoch deutlich klarer. Das, was Darius nun sagt, finden wir in ähnlichen Worten in Kapitel 7,14 wieder: „Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird“ (Dan 7,14).

Frieden in Fülle

Darius schrieb an „alle Völker, Völkerschaften und Sprachen, die auf der ganzen Erde wohnten“ und wünschte ihnen „Frieden in Fülle“. Gemeint sind nicht nur der Friede an sich, sondern auch die Ergebnisse des Friedens, wie Wachstum und Gelingen. Man könnte auch übersetzen: „Euer Wohlergehen mehre sich.“ Einen solchen Frieden haben die Nationen nie gekannt. Erst im Tausendjährigen Reich wird das wahr werden, wenn der Herr Jesus als Friedefürst regiert und „die Mehrung der Herrschaft und der Frieden ... kein Ende haben auf dem Thron Davids“ (Jes 9,6). Dann werden „die Sanftmütigen das Land besitzen und werden sich ergötzen an Fülle von Frieden“ (Ps 37,11). Gleichzeitig werden die Nationen „zu ihm strömen; ... und er wird richten zwischen den Nationen und Recht sprechen vielen Völkern. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern; nicht wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen“ (Jes 2,2.4).

Ein neuer Befehl

Sein eigentlicher Befehl richtet sich allerdings nur an die ganze „Herrschaft meines Königreichs“. Das zeigt, dass der Herrschaftsbereich von Darius eingeschränkt war. Es gab einen, der über ihm stand, und das war Kores.

Die Aussage von Darius enthält einige wesentliche Details:

  1. Er ist der lebendige Gott: Das steht im krassen Gegensatz zu den toten Götzen. Die Thessalonicher hatten sich von den Götzen zu dem „lebendigen und wahren Gott“ bekehrt (1. Thes 1,9). Gott ist der einzige, der Leben in sich selbst hat und in der Lage ist, dieses Leben anderen zu geben. Er ist der „ewig Lebende“ (Dan 4,31). Josua nennt Ihn in seiner Ansprache an Israel ebenfalls den „lebendigen Gott“ (Jos 3,10). Im Propheten Jeremia sagt Gott: „Aber der Herr ist Gott in Wahrheit; er ist der lebendige Gott und ein ewiger König.“ Hier wird die Aussage „lebendiger Gott“ ebenfalls mit dem Königreich Gottes verbunden.
  2. Er besteht ewig: Nebukadnezar hatte Ihn den „ewig Lebenden“ genannt (Dan 4,31). Damit wird ausgedrückt, dass dieser Gott keinen Anfang und kein Ende hat. Das konnte weder von einem Menschen noch von einem der Götter der Nationen gesagt werden. Das Tausendjährige Reich beweist, dass Gott ewig besteht und unveränderlich ist.
  3. Sein Reich wird nie zerstört werden: Diese Aussage ist zum einen das Eingeständnis, dass dies für alle menschlichen Reiche nicht zutrifft. Die Meder und Perser hatten soeben das Reich der Babylonier zu einem Ende gebracht, aber Darius muss geahnt haben, dass das Medopersische Reich ebenfalls keinen dauerhaften Bestand haben würde. Zum anderen ist der König sich dessen bewusst, dass das Reich des Gottes Daniels nicht zerstört werden kann und wird.
  4. Seine Herrschaft währt bis ans Ende: Auch das konnte von keinem der Reiche dieser Welt je gesagt werden, weil sowohl ihre Regenten als auch die Reiche selbst endlich waren. Im Gegensatz dazu wird die Herrschaft im Reich Gottes bis ans Ende währen. „Denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (1. Kor 15,25). Selbst danach wird die Herrschaft nicht aufhören. Als der siebte Engel in Offenbarung 11,15 posaunte, hören wir Stimmen, die sagen: „Das Reich der Welt unseres Herrn und seines Christus ist gekommen, und er wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Selbst wenn das Tausendjährige Reich einmal ein Ende findet, wird es doch auch in der Ewigkeit nach der Zeit noch „Herrschaft“ geben, wenn auch in einer etwas anderen Form als vorher, weil es dann keine Sünde mehr geben wird.
  5. Er rettet: Das hatte Darius soeben erlebt. Er konnte Daniel nicht retten, aber Gott konnte es. Er steht über dem Tod. Jemand zu retten bedeutet, ihn aus einer Gefahr herauszunehmen. Das hatte Daniel erlebt und das wird der gläubige Überrest Judas erleben, wenn der Herr ihn aus jeder Gefahr heraus retten wird. Es gibt viele Aussagen im Alten Testament, in denen Gott seine Rettung zusagt, z. B.: „Sagt zu denen, die zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt, Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten“ (Jes 35,4). Auch wenn wir als Christen nicht nach Rache rufen, dürfen wir dennoch wissen, dass Gott ein Gott ist, der rettet. Er hat uns gerettet, Er rettet uns in der Gegenwart und Er wird uns retten.
  6. Er befreit: Auch das hatte Darius selbst erlebt. Befreiung setzt eine Bindung voraus. Das traf sowohl auf Darius als auch auf Daniel zu. Darius hatte sich an seine eigenen Gesetze gebunden und keine Möglichkeit gehabt, sich aus der Falle zu befreien, in die er hineingetappt war. Aber Gott hatte es getan. Ebenso war Daniel unfähig, sich selbst aus der Löwengrube zu befreien. Ohne das mächtige Eingreifen Gottes wäre die Grube sein Grab geworden. Zweimal lässt Gott durch den Propheten Jesaja über den Überrest sagen: „Und die Befreiten des Herrn werden zurückkehren und nach Zion kommen mit Jubel, und ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; sie werden Wonne und Freude erlangen, und Kummer und Seufzen werden entfliehen“ (Jes 35,10; 51,11). Die Anwendung für uns liegt auf der Hand.
  7. Er tut Zeichen und Wunder: Nebukadnezar hatte bereits von diesen „Zeichen und Wundern“ gesprochen.27 Zeichen und Wunder weisen auf die übernatürliche Macht hin, die Gott hat. Ein Zeichen ist ein Hinweis auf etwas, worauf wir aufmerksam gemacht werden sollen. Ein Wunder ist etwas, das den gewohnten, gesetzmäßigen Lauf der Dinge unterbricht. Wir können es auf natürlichem Weg nicht erklären. Gott hatte hier in den Lauf der Natur eingegriffen und verhindert, dass die Löwen das taten, was sie sonst mit Sicherheit getan hätten. Gott ist in der Tat ein Gott, „der Wunder tut“ (Ps 72,18; 77,15), um die Menschen damit auf seine Allmacht aufmerksam zu machen.28
  8. Darius schließt seine Ansprache mit den Worten: „Denn er hat Daniel aus der Gewalt der Löwen errettet.“ Das erinnert an die Erkenntnis Jethros, des Schwiegervaters von Mose, als er sah, wie Gott das Volk Israel aus Ägypten gerettet und befreit hatte. Er sagte: „Gepriesen sei der Herr, der euch errettet hat aus der Hand der Ägypter und aus der Hand des Pharaos, der das Volk errettet hat unter der Hand der Ägypter weg! Nun weiß ich, dass der Herr größer ist als alle Götter; denn in der Sache, worin sie in Übermut handelten, war er über ihnen“ (2. Mo 18,10.11). Diese Erkenntnis hatte zwei Ursachen: Zum einen die Befreiung des Volkes und zum anderen das Gericht über die Feinde. Das wird im Tausendjährigen Reich nicht anders sein. Die Nationen werden zum einen mit Staunen die Rettung des Überrestes sehen, und zum anderen werden sie durch die Gerichte über die Gottlosen beeindruckt werden.

Vers 29: Das Gelingen Daniels unter Darius und Kores

Daniel hatte Gelingen

„Dieser Daniel“ steht in einem krassen Gegensatz zu „jenen Männern“, die nach seinem Leben getrachtet hatten. Das Leben Daniels in Babel begann unter dem Segen Gottes. Vor dem Obersten der Hofbeamten hatte Gott Gnade und Barmherzigkeit gegeben (Dan 1,9). Jetzt, am Ende seines langen Lebens, betont der Heilige Geist, dass Daniel Gelingen unter der Regierung von Darius und Kores hatte. Der erste Mann der Bibel, von dem wir Ähnliches lesen, ist Joseph: „Und sein Herr sah, dass der Herr mit ihm war und dass der Herr alles, was er tat, in seiner Hand gelingen ließ“ (1. Mo 39,3). Die Parallelen zwischen Joseph und Daniel sind augenscheinlich, und wir lernen, wie es möglich ist, ein Leben unter dem Segen Gottes zu führen. Seinem irdischen Volk hatte Gott in 5. Mose 28 sehr deutlich gezeigt, was dazu die Voraussetzung ist. Wenn sie der Stimme des Herrn nicht gehorchen würden, so würden sie kein „kein Gelingen haben“ auf ihren Wegen (5. Mo 28,29). Sprüche 28,13 sagt, dass der kein Gelingen haben wird, der seine Übertretungen verbirgt. Im Gegensatz dazu hatte Gott seinem Volk gesagt: „So haltet denn die Worte dieses Bundes und tut sie, damit ihr Gelingen habt in allem, was ihr tut“ (5. Mo 29,8; vgl. Josua 1,8). Das ist das Geheimnis eines Lebens unter dem Segen Gottes. „Gelingen“ oder „Erfolg“ zu haben bedeutet für uns nicht immer, dass alles glatt geht, wohl aber, dass Gott mit uns ist und alle Dinge zum Nutzen führt.

Das Gelingen Daniels weist darüber hinaus auf die Prosperität und das Gedeihen Israels im Tausendjährigen Reich hin, wenn Gott dieses Volk reichlich segnen wird. Dann werden sie „reichlich trinken von der Fettigkeit deines Hauses, und mit dem Strom deiner Wonnen wirst du sie tränken“ (Ps 36,9).

Kores, der Perser

Daniel ist ein Bild des Überrestes, Darius ein Bild der Nationen, und Kores ein Bild des Mannes nach dem Herzen Gottes, des Sohnes des Menschen, den wir in Kapitel 7 wiederfinden werden.

Bereits in Daniel 1,21 wird erwähnt, dass Daniel bis zum Regierungsbeginn von Kores (539 v. Chr.) über Babel blieb. Hier wird Kores gleichzeitig mit Darius erwähnt. Kores war es, unter dessen Regie Babel erobert wurde. Er setzte dem Neubabylonischen Reich ein Ende. In der Geschichtsschreibung ist er als persischer Großkönig Kyros II. (oft auch Kyros der Große genannt) bekannt. Er regierte von etwa 559 v. Chr. bis 530 v. Chr. Durch seine Expansionspolitik weitete er die Grenzen seines zuvor relativ kleinen Reiches deutlich aus, das unter seinen Nachfolgern von Indien über den heutigen Iran, Babylon, Kleinasien bis Ägypten reichte. 330 v. Chr. wurde dieses Reich von Alexander dem Großen erobert.

Im Alten Testament wird Kores häufig im Buch Esra erwähnt. Aus prophetischer Sicht ist von besonderem Interesse, was Jesaja über ihn zu sagen hat. Kores gehört zu den wenigen Personen, deren Namen von Gott bereits genannt wurden, bevor sie überhaupt geboren waren.29

  1. „... der von Kores spricht: Mein Hirte und der all mein Wohlgefallen ausführt“ (Jes 44,28).
  2. „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Kores, den ich bei seiner rechten Hand ergriffen habe, um Nationen vor ihm niederzuwerfen, und damit ich die Lenden der Könige entgürte...“ (Jes 45,1).
  3. „Den der Herr liebt, der wird sein Wohlgefallen vollführen an Babel und seine Macht an den Chaldäern. ... Ich habe ihn gerufen; ich habe ihn kommen lassen, und sein Weg wird gelingen“ (Jes 48,14.15).

Historisch hat sich das zum einen in der Eroberung Babels durch Kores erfüllt. Darüber hinaus war es Kores, der dem jüdischen Überrest die Rückkehr in sein Land ermöglichte. Es ist jedoch augenscheinlich, dass die vollständige Erfüllung noch zukünftig ist. Die Beschreibung von Kores lässt uns ohne Frage an den Messias denken, der einmal sein Volk aus dem Rachen des Löwen retten und in den Segen des Reiches bringen wird. Dann fordert der Mensch nicht mehr göttliche Ehre und Anbetung, sondern dann erscheint ein anderer „Kores“ auf der Bildfläche, größer als der historische Kores, der die zerstreuten Schafe Israels sammeln wird. Während Darius am Ende des Kapitels ein Hinweis auf die Völker unter der Herrschaft des Messias ist, weist uns Kores auf den König dieses Reiches, den Herrn Jesus, hin.

Kores wird genannt:

  1. Mein Hirte: Das weist auf den Herrn Jesus als den wahren Hirten Israels hin, so wie Er z. B. in Hesekiel 34 beschrieben wird. Er wird seine Schafe aus dem Rachen des Löwen reißen. Er wird sein zerstreutes und verfolgtes Volk sammeln und in ihr Land zurückbringen. Er wird sich um sie kümmern und ihnen alles geben, was sie nötig haben. „Und ich werde euch Hirten geben nach meinem Herzen, und sie werden euch weiden mit Erkenntnis und Einsicht“ (Jer 3,15).
  2. Mein Gesalbter: Das ist der „Messias“ (Hebräisch) oder der „Christus“ (Griechisch). Er ist sein Gesalbter (vgl. u. a. Ps 2,2; 89,21; 132,17; Jes 61,1; Heb 1,9), den Er hoch erhoben hat. Er ist derjenige, der alle Pläne und Ratschlüsse Gottes in Bezug auf die Regierung im Reich erfüllen wird.
  3. Er führt das Wohlgefallen Gottes aus: Niemand hat so zum Wohlgefallen Gottes gelebt wie der Herr Jesus (vgl. z. B. Ps 40,9; Jes 42,1; Mt 3,17; 17,5). Wenn Er Gericht über die abgefallene Christenheit und das letzte Weltreich übt, wird auch das zum Wohlgefallen sein. Und im Tausendjährigen Reich wird das Wohlgefallen des Herrn in seiner Hand „gedeihen“ (Jes 53,10).
  4. Er ist der, den der Herr liebt: Auch das weist eindeutig auf den Einen hin, der der Gegenstand der Liebe Gottes war und ist und immer sein wird (vgl. z. B. Mk 12,6; Mt 3,17; 17,5). Er ist der wahre David, der „Mann nach dem Herzen Gottes“.

So enden die sechs ersten Kapitel des Buches mit einem Hinweis auf den wahren Kores, auf Christus. Er wird nicht nur über ein Reich regieren, sondern über Himmel und Erde.

Resümee

Wir sind damit am Ende des ersten, geschichtlichen Teils des Buches Daniel angekommen. Der Name Daniel bedeutet: „Gott ist mein Richter“ oder „Gott wird mein Recht ausüben“. Daniel hat Ihm sein ganzes Vertrauen geschenkt. Gott hat sein Leben beurteilt; Er hat sein Recht ausgeführt, ihn in allen Gefahren bewahrt und gerettet. Daniel hat in den vielen Jahrzehnten, die er in Babel war, erlebt, was der Herr Jesus später in die Worte kleidete: „Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er in Bezug auf sie langsam?“ (Lk 18,7). Daniel ist darin ein Vorbild für uns. Gleichzeitig erkennen wir in seinem Leben prophetische Hinweise auf das, was der gläubige Überrest kommender Tage erleben wird. Sie werden Gott als den kennenlernen, der ihr Richter ist und ihr Recht ausübt. Er wird das Vertrauen dieses kleinen Überrestes nicht enttäuschen und ihn in die Ruhe des Tausendjährigen Reiches bringen.

In dem folgenden zweiten Teil des Buches geht es nicht mehr um geschichtliche Berichte, die allgemeine Grundsätze und Bilder für die Zukunft enthalten. Dort finden wir vielmehr Mitteilungen Gottes an Daniel, die uns konkrete Einzelheiten über kommende Ereignisse geben, die aber immer noch mit den Zeiten der Nationen und den Geschicken Israels in dieser Zeit zu tun haben. Dabei wird die bisher beibehaltene chronologische Reihenfolge durchbrochen. Kapitel 7 führt uns sogleich einige Jahre zurück in das erste Jahr des Königs Belsazar.

Fußnoten

  • 1 Im Neuen Testament finden wir dieses Volk noch einmal erwähnt, und zwar in Apostelgeschichte 2,9, wo unter den Anwesenden zu Pfingsten auch Meder waren.
  • 2 Dabei handelt es sich wohl um den Vater von Darius, der in Daniel 9,1 erwähnt und dort Ahasveros genannt wird (nicht zu verwechseln mit König Ahasveros – oder Xeres I. – im Buch Esther). Der Darius aus Daniel 6 ist ebenfalls nicht mit dem Darius zu verwechseln, der in den Büchern Esra, Haggai und Sacharja erwähnt wird. Hier handelt es sich um Darius Hystaspis, den König von Persien. Ein dritter Darius wird in Nehemia 12,22 erwähnt.
  • 3 Die meisten Historiker nennen die Zahl von 208 Jahren.
  • 4 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com). Kelly schreibt weiter, dass wir bei Darius ohne Frage bessere menschliche Züge als bei seinen Vorgängern erkennen. Er war nicht selbst der Initiator des bösen Plans, Daniel zu töten. Generell gilt aber bei der Betrachtung von Vorbildern aus dem AT, „dass es sich dabei nicht um den persönlichen Charakter oder Zustand dessen handelt, der dieses Vorbild darstellt“. Es gibt durchaus löbliche Eigenschaften bei Darius, aber er ist dennoch ein Bild dessen, der sich einmal auf den Platz Gottes setzt. Das Böse ist bei ihm nicht so offensichtlich wie bei seinen Vorgängern, aber dennoch vorhanden.
  • 5 Smith, H.: The Book of Daniel (http://www. stempublishing.com)
  • 6 Dabei sollten wir unbedingt sehen, dass Darius als ein Heide nicht direkt von dem Antichrist (der ein Jude sein wird) spricht, sondern vielmehr auf den letzten römischen Weltherrscher hinweist, wobei die Verbindung zwischen diesen beiden sehr eng sein wird.
  • 7 Wobei wir nicht wissen, wie tief die Umkehr und das Bekenntnis von Darius damals wirklich gingen. Das ist aber für die prophetische Sichtweise auch nicht der entscheidende Punkt, über den wir uns Gedanken machen müssen. Wir erkennen darin gewisse Parallelen zu dem Verhalten Nebukadnezars in Kapitel 3 und 4.
  • 8 Die Geschichte Daniels weist in diesem Punkt ebenfalls Parallelen zur Geschichte Josephs auf. Auch Joseph fand sein – vorläufiges – Ende in einer Grube. Allerdings war es keine Löwengrube, sondern eine leere Wassergrube. Wie bei Daniel waren Eifersucht, Neid und Hass das Motiv dieser gemeinen Tat. Wie Daniel kam Joseph lebend aus der Grube heraus.
  • 9 Darby, J. N./Kelly, W.: Der Prophet Daniel
  • 10 Vgl. z. B. Shea, W. H.: Darius The Mede: an Update.
  • 11 Vgl. Darius in Bibellexikon, www.bibelkommentare.de.
  • 12 Diese Variante ist aber weniger wahrscheinlich, da man den Namen „Darius“ auch auf Denkmälern gefunden hat. Das deutet an, dass es sich tatsächlich um einen Namen und nicht um einen Titel gehandelt hat. Auch wird er häufig „König“ genannt. Neben ihm gab es andere, die diesen Namen trugen.
  • 13 Wir finden diese Satrapen im Buch Esther ebenfalls (Kapitel 8,9; 9,3). Dort wird (vgl. auch Kap 1,1) die Anzahl der Landschaften mit 127 angegeben. Das muss kein Widerspruch zu den 120 Satrapen aus Daniel 6 sein, denn das Gesamtterritorium, von dem wir im Buch Esther lesen, muss keineswegs identisch mit dem im Buch Daniel sein. Außerdem ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich in den ca. 50 Jahren, die zwischen Daniel 6 und dem Buch Esther liegen, einiges im Reich der Meder und Perser verändert hatte.
  • 14 Es wäre ohne Frage eine falsche Belehrung, wollte man aus der Geschichte Daniels den Rückschluss ziehen, dass Gläubige sich aktiv in die Politik einmischen sollten. Das Neue Testament spricht hier eine eindeutige Sprache und zeigt uns, dass wir als Fremdlinge auf dieser Erde kein Bürgerrecht haben und es somit nicht unsere Sache ist, uns politisch zu engagieren.
  • 15 Als Antisemitismus bezeichnet man die Feindschaft gegenüber Juden. Es ist ein Phänomen, das es bereits seit der Antike gibt. Der Begriff Antisemitismus entstand aber erst im 19. Jahrhundert.
  • 16 Das macht klar, dass die Autorität von Darius nicht mit der von Nebukadnezar vergleichbar war. Für den babylonischen König gab es kein Gesetz, an das er sich selbst gebunden fühlte. Er war das Haupt von Gold, während Darius „nur“ durch das Material Silber gekennzeichnet war.
  • 17 Darby, J. N./Kelly, W.: Der Prophet Daniel
  • 18 Gaebelein, A. C.: Daniel
  • 19 Um jedes Missverständnis zu vermeiden sei bemerkt, dass dieser Lobpreis Daniels nichts mit dem zu tun hat, was man in der Christenheit heute vielfach unter modernen „Lobpreisgottesdiensten“ versteht.
  • 20 Ausleger weisen darauf hin, dass das aramäische Wort auch „stinken“ bedeutet. Der Grundbegriff des Wortes ist „böse“, „schlimm“ oder „schlecht“. Es wurde für etwas gebraucht, das schlecht riecht (vgl. z. B. Pred 10,1).
  • 21 Die Welt vom 06.10.2014: „Wer war der Mann, der Jesus zum Tod verurteilte?“
  • 22 Vgl. z. B. Demandt, A.: Pontius Pilatus, Verlag C. H. Beck 2012.
  • 23 Moss, H. G.: Der Prophet Daniel, CSV Hückeswagen)
  • 24 Dennett, E.: Daniel, the Prophet (www.stempublishing.com)
  • 25 Smith, H.: The Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 26 Darby, J. N./Kelly, W.: Der Prophet Daniel
  • 27 Vgl. dazu die Anmerkungen zu Daniel 3,32.
  • 28 Zeichen und Wunder müssen allerdings nicht notwendigerweise immer auf göttliche Macht hinweisen. Auch satanische Macht kann sich in Wundern und Zeichen äußern (vgl. z. B. 2. Thes 2,9). Allerdings kann Satan solche Zeichen und Wunder nur auf dieser Erde tun. Gott allein tut sie „im Himmel und auf der Erde“.
  • 29 Ein weiteres Beispiel ist der König Josia (vgl. 1. Kö 13,2).
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