Der Prophet Daniel und seine Botschaft
alter Titel: Notizen zum Buch Daniel

Kapitel 10 - Vorbereitungen für die letzte große Weissagung

Der Prophet Daniel und seine Botschaft

Ein wenig bekanntes Kapitel

Daniel 10 gehört vielleicht zu den am wenigsten bekannten Kapiteln des ganzen Buches. Es enthält dennoch wichtige Mitteilungen, die für das Verständnis biblischer Prophetie wichtig sind.

Zum einen lernen wir, wie Gott auf die inneren Übungen seines Knechtes antwortet. Es fällt auf, dass Gott Daniel die Offenbarungen in Verbindung mit seinem eigenen Volk Israel (bzw. dem Überrest der Juden) als Antwort auf sein Gebet und seine Empfindungen gibt, während die Offenbarungen im Blick auf die Nationen eine göttliche Antwort auf den Ungehorsam und die Rebellion der Könige der Weltreiche sind.1

Zum anderen lüftet Kapitel 10 – wie kaum ein anderes Kapitel im Alten Testament – ein wenig den Vorhang und lässt uns hinter die Kulissen der Geschehnisse auf dieser Erde schauen. Wir lernen, wie hinter den zeitgeschichtlichen Ereignissen in dieser Welt im Hintergrund die Engel beteiligt sind und welchen Konflikt es zwischen den Engeln Gottes und den Engeln Satans gibt.

Ein vorbereitendes Kapitel

Die letzten drei Kapitel des Buches Daniel bilden offensichtlich eine Einheit und beinhalten die letzte große Vision, die dem Propheten gegeben wird. Daniel ist zu diesem Zeitpunkt ein alter Mann. Dennoch lebt er noch immer in enger Gemeinschaft mit seinem Gott und ist in einer gesunden geistlichen und geistigen Verfassung, um eine weitere göttliche Offenbarung zu bekommen.

Die letzte Offenbarung Gottes ist erneut etwas Besonderes. Im Gegensatz zu dem, was wir am Ende von Kapitel 9 gefunden haben, ist sie nicht knapp und gedrungen, sondern im Gegenteil sehr ausführlich:

  • Kapitel 10 ist eine Art Einleitung und zeigt die Umstände, unter denen Daniel diese Weissagung gegeben wurde, sowie den Hintergrund. Dabei geht es nicht nur um den zeitgeschichtlichen Hintergrund, sondern vor allem um den geistlichen Zustand, in dem Daniel sich befand.
  • Kapitel 11 zeigt eine prophetische Übersicht über Ereignisse im Land Palästina und den angrenzenden Gebieten, die vor allem mit den Königen des Nordens und des Südens zu tun haben. Aus Daniels Sicht war das alles zukünftig. Aus unserer Sicht hat sich ein großer Teil dieser Voraussagen bereits erfüllt (Kap 11,1–35), während sich der letzte Teil in der Zeit des Endes noch erfüllen wird (Kap 11,36–45). Dieser Überblick ist nicht komplett, denn zwischen den Versen 35 und 36 liegt eine große Zeitspanne, er ist jedoch in den Einzelheiten überaus präzise.2
  • Kapitel 12 beschäftigt sich vor allem mit dem Handeln Gottes mit dem treuen Überrest der Juden während der Zeit der großen Drangsal, d. h. während der letzten 3 ½ Jahre, bevor das Reich in Herrlichkeit auf der Erde gegründet wird.

Kapitel 10 zeigt die innere Seelenübung Daniels, durch die er ging, und wie übernatürliche – himmlische – Wesen erschienen, um zu ihm zu reden und ihn zu stärken. Dadurch wird er auf die eigentliche Weissagung vorbereitet, die in Kapitel 11 folgt. Kapitel 12 kann als eine Art Epilog oder Schlussakkord verstanden werden. Es schließt die Offenbarung der Gedanken Gottes in Verbindung mit dem Überrest aus Juda ab, den Gott treu bewahren wird. Dieses Kapitel beschäftigt sich nicht mehr mit den Nationen, sondern nur mit dem Überrest des alten Volkes Gottes. Er wird diesen Überrest retten und in den Segen des Reiches bringen.

Man kann diese drei Kapitel wie folgt einteilen:

  1. Einleitung: Kapitel 10,1–11,1
  2. Bereits erfüllte Prophetie (von Darius bis Antiochus Epiphanes): Kapitel 11,2–11,35
  3. Noch nicht erfüllte Prophetie („Zeit des Endes“): Kapitel 11,36–12,4
  4. Das große Finale: Kapitel 12,5–13

Verse 1–3: Die moralische Vorbereitung Daniels

Im dritten Jahr Kores

Die Ereignisse von Kapitel 9 fanden im ersten Jahr des Königs Darius statt (537/538 v. Chr.). Jetzt befinden wir uns ca. im Jahr 536 v. Chr. In Kapitel 9 stand die Rückkehr des jüdischen Überrestes nach Jerusalem kurz bevor und wurde dann Realität (vgl. Esra 1,1.2). Kores hatte das getan, was Gott viele Jahre vorher vorausgesagt hatte (vgl. Jes 44,28). In Kapitel 10 – im dritten Jahr Kores – hatte der Überrest Babylon bereits verlassen und befand sich in Jerusalem. Insofern hatte ein gewaltiger Wechsel stattgefunden. Das Kapitel macht klar, dass Daniel die Heimkehrer nicht begleitet hat. Trotz seiner großen Liebe zum Haus Gottes, zur Stadt Gottes und zum Volk Gottes blieb er im Exil. Über die Gründe dieser Entscheidung sagt die Bibel nichts. Es mag sein, dass er für diese Reise zu alt war. Es mag sein, dass er seinem Volk im unmittelbaren Einflussbereich der heidnischen Herrscher nützlicher sein konnte. Es mag sein, dass er eine besondere Anweisung Gottes bekommen hatte. Wir wollen darüber nicht spekulieren, weil Gott darüber schweigt. Eins wird jedoch deutlich: An der Zuneigung und den Empfindungen für sein Volk hatte sich nichts geändert. Er liebte es nach wie vor mit großer Liebe und nahm inneren Anteil an dessen Ergehen.

Es mochte ruhig um den alten Propheten in Babylon geworden sein. Gute Freunde und Wegbegleiter mochten sich aufgemacht haben, um das Land ihrer Väter wiederzusehen. Doch Daniel blieb unverändert in Gemeinschaft mit seinem Gott.

Zwei Dinge fallen auf und könnten zu Fragen Anlass geben:

  1. In Kapitel 1,21 heißt es: „Und Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kores.“ Hier wird nun das dritte Jahr von Kores erwähnt. Hat sich der Chronist in Kapitel 1 geirrt? Sicherlich nicht. Die Antwort auf diesen scheinbaren „Widerspruch“ liegt darin, dass in Kapitel 1 gezeigt wird, dass Daniel die komplette Gefangenschaft in Babylon miterlebt hat. In Daniel 1 steht nicht, dass er im ersten Jahr von Kores starb oder seine Laufbahn beendete, sondern dass er bis zu diesem Zeitpunkt blieb. Hier lernen wir, dass Gott ihm darüber hinaus noch eine weitere Zeit gab3.
  2. Daniel wird hier mit seinem heidnischen Namen „Beltsazar“ genannt. Es ist das einzige Mal im zweiten Teil des Buches Daniel, dass dieser Name vorkommt. Warum ist das so?
    a.) Eine erste mögliche Antwort ist, dass der Geist Gottes gerade an dieser Stelle – nachdem der Überrest Babylon verlassen hatte – daran erinnern möchte, dass die Juden gleichwohl unverändert unter der Herrschaft der Nationen standen und – neben der Vorsehung Gottes – von der Willkür heidnischer Herrscher abhingen. Nehemia formuliert diesen Gedanken am Ende seines beeindruckenden Gebets in Nehemia 9 so: „Siehe, wir sind heute Knechte; und das Land, das du unseren Vätern gegeben hast, um seine Früchte und seine Güter zu genießen – siehe, wir sind Knechte darin! Und seinen Ertrag mehrt es für die Könige, die du um unserer Sünden willen über uns gesetzt hast; und sie herrschen über unsere Leiber und über unser Vieh nach ihrem Wohlgefallen, und wir sind in großer Bedrängnis“ (Neh 9,36.37).
    b.) Eine zweite mögliche Antwort ist, dass der Geist Gottes möglichen Angriffen auf das Buch Daniel vorbeugen will. Wir sahen in der Einleitung, dass Bibelkritiker vorgebracht haben, der zweite Teil des Buches sei nicht von Daniel, sondern einem anderen Verfasser geschrieben worden. Hier nun wird deutlich, dass wir es genau mit dem Daniel zu tun haben, der ganz am Anfang der Gefangenschaft von Nebukadnezar den Namen „Beltsazar“ bekam (Dan 1,7). Der junge Mann aus Kapitel 1 ist hier ein alter Mann, doch immer noch im engen Kontakt zu seinem Gott.

Eine neue Offenbarung

Daniel wird nun eine Sache offenbart, die erstens wahr ist und die zweitens eine große Mühsal betrifft. Die offenbarte Sache selbst finden wir erst in den folgenden Kapiteln 10 und 11. Hier wird Daniel zunächst darauf vorbereitet. In Vers 21 ist von dem „Buch der Wahrheit“ die Rede. Wenn Gott etwas offenbart, ist es immer wahr. Dem menschlichen Verstand erscheint es unmöglich, zukünftige Dinge mit einer solchen Präzision wie in diesem Gesicht kundzutun, doch für Gott ist das ein Kleines. Ihm ist jedes Detail kommender Ereignisse vorher bekannt, und wenn es Ihm gefällt, es mitzuteilen, können wir sicher sein, dass es wahr ist. Gott kann nicht lügen.

Die „große Mühsal“ hat mit der Zeit des Endes zu tun. Obwohl der Überrest der Juden nun nach Jerusalem zurückgekehrt war und die 70 Jahre im babylonischen Exil ein Ende gefunden hatten, lag immer noch eine „große Mühsal“ oder ein „großer Kampf“ vor ihnen. Wir haben das am Ende von Kapitel 9 gesehen. Die Rückkehr nach Jerusalem war nicht die endgültige Rettung, sondern eine vorübergehende Erweckung.

J. N. Darby übersetzt hier: „Die festgelegte Zeit der Prüfung ist lang.“ Dabei liegt die Betonung nicht so sehr auf bestimmten Ereignissen – die es tatsächlich geben wird –, sondern vielmehr auf der Not der Juden, die sie in dieser Zeit haben werden. Zum einen ist fast die gesamte Zeit der Juden bis heute eine „Mühsal“ gewesen, dennoch bezieht sich der Ausdruck hier konkret auf die Zeit des Endes. Kapitel 12,1 erwähnt „eine Zeit der Drangsal, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht, bis zu jener Zeit“. Es geht um die letzten 3 ½ Jahre der letzten Jahrwoche aus Kapitel 9, die hier „große Mühsal“ genannt werden. Das wird Daniel hier klar, darüber trauert er und hat tiefe Empfindungen.

Verstand und Verständnis

Wir haben Daniel als einen weisen und verständigen Mann kennengelernt (vgl. Hes 28,3). Dennoch war er in der Deutung der Träume der Könige von Babel auf göttliche Hilfe angewiesen. In Kapitel 8 hatte es eine weitere Situation gegeben, in der Daniel sich über das Gesicht entsetzt hatte, das niemand verstand (Kap. 8,27). In Kapitel 12,8 werden wir erneut eine Situation finden, in der Daniel etwas hörte und es nicht verstand. Hier heißt es, dass Daniel die Sache verstand und Verständnis bekam. Es ist erstens klar, dass es nicht um ein rein intellektuelles Verstehen geht. Es ist zweitens klar, dass ihm Verständnis gegeben werden musste. Daniel war erneut darauf angewiesen, dass ihm geholfen wurde. Wie einst Mose, bekam Daniel Kenntnis über die Wege Gottes (vgl. Ps 103,7). Mose wie Daniel sahen nicht nur die Taten Gottes – so groß sie sind –, sondern in Gemeinschaft mit ihrem Gott tat Er ihnen seine Wege kund.

Die Anwendung für uns liegt auf der Hand. Gott möchte uns Verstand und Verständnis über seine Gedanken geben. Dazu benötigen wir unseren Intellekt, aber mehr noch brauchen wir vor allem erleuchtete Augen der Herzen (Eph 1,18). Nur so können wir Dinge erkennen, die die Erkenntnis übersteigen (Eph 3,19). Der Verstand allein „bläht auf“ (1. Kor 8,1).

Die Trauer Daniels

Nachdem Vers 1 das Thema des Kapitels einleitet und von Daniel in der dritten Person spricht, lernen wir nun nach dem zeitgeschichtlichen Hintergrund den persönlichen Zustand Daniels kennen, in dem er sich befand und der gleichzeitig Voraussetzung für die neue Offenbarung war. Es klingt auf den ersten Blick überraschend, dass Daniel gerade „in jenen Tagen“ trauerte. Wenn er an die Rückkehr des Überrestes dachte, die in „jenen Tagen“ stattgefunden hatte, hätte man Freude erwarten können. Doch Daniel sah tiefer. Er wusste erstens um die große Schwachheit des Überrestes. Er wusste zweitens, dass die Rückkehr nach Jerusalem nicht die endgültige Befreiung seines Volkes war. Ihm war klar, dass der Messias noch nicht unmittelbar kommen konnte und dass Er, wenn Er kommen würde, nichts haben würde. Und er wusste um die große Mühsal, die auf das Volk wartete. Deshalb ist es auf den zweiten Blick durchaus verständlich, dass Daniel trauerte.4

Daniel trauerte nicht, weil er nicht mit nach Jerusalem reisen konnte. Er trauerte nicht, weil gute Freunde nun nicht mehr in Babel bei ihm waren. Der Grund seiner Trauer war nicht er selbst und seine eigenen Umstände, sondern das Volk Gottes. Ein echter Diener Gottes vergisst sich selbst und denkt an das, was Gott wichtig ist.

Daniel sah tiefer. Er schaute erstens in die Vergangenheit und war überwältigt von der Sünde seines Volkes, das Gott strafen musste. Er schaute zweitens in die Gegenwart und sah trotz der Erweckung durch Gottes Güte große Schwachheit. Er sah drittens in die Zukunft und wusste um die große Mühsal und die Drangsal, die auf sein Volk wartete. Das alles – besonders jedoch der dritte Punkt – löste bei ihm tiefe Empfindungen aus, die den Gedanken Gottes entsprachen. Daniel schätzte ganz sicher die Gnade, dass die 70 Jahre der Gefangenschaft vorbei waren. Dennoch gab er sich nicht der Freude darüber hin, sondern teilte als ein „heiliger Mann Gottes“ die Gedanken Gottes.

Jede Erweckung durch Gnade ist bei aller Freude immer eine Gelegenheit für geistliche Empfindungen der Trauer und für die Erinnerung, dass das Vollkommene noch nicht gekommen ist. Jede Erweckung wird deshalb – bei aller Freude – von Leuten, die tiefer sehen, mit Gebet, Bekenntnis und Eingeständnis der eigenen Schwachheit begleitet sein. Darüber freut Gott sich. H. Smith schreibt: „Je mehr Lärm und äußere Darstellung in einer Bewegung im Volk Gottes vorhanden ist, desto weniger ist von Gott zu sehen.“5

Die Trauer Daniels zeigte sich – der damaligen Kultur entsprechend – in äußeren Handlungen. Drei Wochen lang6 war er im Gebet, in Trauer und in Fasten, bis er eine Antwort auf sein Gebet bekam. Warum es so lange dauerte, erfahren wir später. Gott ließ es so zu. Er antwortet nicht immer sofort, sondern möchte geistliche Übung bei den Seinen sehen. Drei Dinge werden konkret genannt:

  1. Daniel aß keine köstliche Speise und kein Fleisch: Die köstliche Speise steht im Gegensatz zu dem „Brot des Elends“ (5. Mo 16,3). Dieses „Brot des Elends“ bestand aus ungesäuertem Brot. Es ist denkbar, dass Daniel komplett gefastet hat, es ist denkbar, dass er eben dieses ungesäuerte Brot gegessen hat.
  2. Daniel trank keinen Wein: Wein ist ein Bild der Freude dieser Erde (Ri 9,13; Ps 104,15). Er hatte bereits in der Jugend gelernt, darauf zu verzichten (Dan 1,8).
  3. Daniel salbte sich nicht: Das war in Israel ein typisches Zeichen der Trauer (vgl. z. B. 2. Sam 14,2). In Amos 6,6 lesen wir von Menschen, „die Wein aus Schalen trinken und sich mit den besten Ölen salben und sich nicht grämen über die Wunde Josephs“ (Amos 6,6).

Wir wollen daraus drei praktische Anwendungen für uns ableiten:

  1. Je mehr wir uns mit dem Leid im Volk Gottes identifizieren, umso mehr sind wir in Gemeinschaft mit Gott. Gott trauert darüber und Er freut sich, wenn wir diese Empfindungen mit Ihm teilen.
  2. Wenn wir von Gott belehrt und unterwiesen werden wollen und seine Gedanken verstehen möchten, ist der richtige Herzenszustand eine wichtige Grundvoraussetzung. Es genügt nicht, den Willen Gottes zu kennen, sondern Demut und das Eingeständnis der eigenen Schwachheit sind angesagt.
  3. Es gibt besondere Umstände, unter denen wir „geistlich fasten“, d. h. wir verzichten – zumindest zeitweise – auf gewisse Dinge, deren Gebrauch zeitliche und irdische Befriedigung und Freude bringt.7

Verse 4–9: Die Erscheinung des Mannes

Am Ufer des Hiddekel

Die Zeit- und Ortsangabe machen eindeutig klar, dass Daniel nicht mit dem Überrest der Juden nach Jerusalem zurückgekehrt war, sondern in Babel geblieben war. Manche Ausleger vermuten, dass er sich auf einer Reise nach Susan – der persischen Hauptstadt – befand und dabei am Fluss Hiddekel vorbei kam. Die Tatsache, dass er sich dort nicht allein befand, sondern Begleiter hatte, zeigt weiter, dass Daniel sich – anders als in Kapitel 8,2 – nicht nur „im Geist“ dort befand, sondern physisch dort war. Die Reisebegleiter waren nicht Teil des Gesichtes, sondern sie gehörten offensichtlich zu der Delegation, mit der Daniel unterwegs war8.

Der Hiddekel ist allgemein besser unter dem Namen Tigris bekannt. Er wird nur noch einmal genannt – und zwar in der Schöpfungsgeschichte. Er ist dort einer der vier Flüsse, in die sich der Strom im Garten Eden teilte (1. Mo 2,14).9

Eine übernatürliche Erscheinung

Daniels Aufmerksamkeit wird nun besonders auf einen Mann gerichtet, der jedenfalls kein normaler Mensch, sondern eine übernatürliche Erscheinung (ein Gesicht) war. Viele Kommentatoren haben darüber nachgedacht, wer dieser „Mann“ ist und sind zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Es ist augenscheinlich, dass es Parallelen zu der Beschreibung des Herrn Jesus in Offenbarung 1,12–16 gibt. Dennoch sieht eine Reihe von bibeltreuen und geschätzten Auslegern in diesem „Mann“ nicht den Herrn Jesus, sondern ein himmlisches Wesen, das zwar gewisse Charakterzüge des Herrn Jesus trägt, jedoch nicht Er selbst sein soll. Sie denken dabei vor allem an den Engel Gabriel, der schon vorher in Kapitel 8,16 und 9,21 erwähnt worden ist, bzw. an einen anderen mächtigen Engel, dessen Name nicht genannt wird. Ihr Argument lautet, dass Daniel in Vers 13 erfährt, dass die Stimme, die dort zu ihm redet, Widerstand durch den Fürsten des Königreichs Persien erfährt und dass Michael ihm zur Hilfe kam, um schließlich den Sieg zu erringen. Daraus folgern sie, dass der Messias im Kampf gegen feindliche Mächte niemals auf einen Engel – selbst nicht auf den Erzengel Michael – angewiesen sein kann. Dieses Argument ist nicht zu widerlegen, solange man davon ausgeht, dass der in Vers 13 Redende identisch ist mit dem „Mann“ aus Vers 5. Wenn man davon ausgeht, kann es sich in Vers 5 in der Tat nicht um den Messias, sondern wahrscheinlich um einen Engel handeln.

Andere Ausleger weisen darauf hin, dass der Text nicht ausdrücklich sagt, dass es sich in Vers 5 und Vers 13 um ein und dieselbe Person handelt. W. Kelly unterstreicht, dass gerade Kapitel 12,5.6 deutlich macht, dass Daniel mit mindestens drei verschiedenen Personen zu tun hatte. Deshalb identifizieren er und andere Ausleger den „Mann“ durchaus mit dem „Sohn des Menschen“ bzw. dem „Messias“. Ihr Argument fußt eben vor allem auf der Parallele zu Offenbarung 1, wo der Herr Jesus in seiner richterlichen Herrlichkeit als Sohn des Menschen beschrieben wird. W. Kelly schreibt: „Er, von dem wir in Vers 6 so eine wunderbare Beschreibung finden und den nur Daniel allein sieht, scheint nicht nur einfach ein Engel gewesen zu sein. Er mag in einigen Kennzeichen der Engelherrlichkeit gesehen werden, dennoch verstehe ich es so, dass es um den geht, der wiederholt in der Geschichte sowohl des Neuen als auch des Alten Testamentes erscheint – den Herrn der Herrlichkeit selbst. Er erscheint jetzt als Mensch, als einer, der tiefes Mitempfinden mit seinem Diener auf der Erde hat.“10

Die Parallelen zu Offenbarung 1 sind in der Tat nicht zu übersehen; andererseits gibt es deutliche Unterschiede. Auf diese Unterschiede verweisen diejenigen Ausleger, die in dem Mann eher ein Engelwesen sehen möchten.11 E. Dennett schreibt dazu: „Einige haben angenommen, dass es sich in den Versen 5–9 um eine göttliche Person handelt und in Vers 10 um einen Engel. Das scheint ein wenig weit hergeholt zu sein, selbst wenn es Merkmale in den Versen 5–9 gibt, die zu der Annahme führen könnten, dass es sich nicht um einen Engel handelt. Die Auslegung des Textes ist jedoch von dieser Frage unabhängig, so dass wir die Frage offen lassen können, um wen es sich tatsächlich handelt.“12

Ohne an dieser Stelle dogmatisch oder anmaßend zu werden, möchte ich mich nach Abwägen aller Argumente gern der Auslegung von W. Kelly und anderen13 anschließen und in dem „Mann“ einen Hinweis auf den Herrn Jesus sehen. Die Parallelen zu Offenbarung 1 sind zu deutlich, als dass man sie übersehen könnte. Sie sind jedenfalls deutlicher als die Unterschiede. Von den sieben Merkmalen weisen zumindest fünf eine deutliche Übereinstimmung auf. Hier ein kurzer Vergleich der übereinstimmenden Charakteristika:

Daniel 10Offenbarung 1

In Leinen gekleidet -  Ein bis zu den Füßen reichendes Gewand

Die Lenden mit Gold umgürtet – An der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel

Augen wie Feuerfackeln – Augen wie eine Feuerflamme

Arme und Füße wie leuchtendes Kupfer – Füße gleich glänzendem Kupfer

Eine Stimme wie die Stimme einer Menge – Eine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser

Es gibt noch ein weiteres Argument, das für diese Annahme spricht. In Vers 8 wird gerade diese Vision als ein „großes Gesicht“ bezeichnet. Dieser Ausdruck kommt nur noch in 2. Mose 3,3 vor, wo Mose den Herrn im brennenden Dornbusch sieht und ebenfalls von einem „großen Gesicht“ spricht.

Ähnlich wie Abraham und andere Gottesmänner im Alten Bund war Daniel bevorzugt, den zu sehen, der später als Mensch auf diese Erde kam, um in Demut zu leben und als Ausgestoßener am Kreuz zu sterben. Hier sieht Daniel Ihn jedoch nicht in seiner Niedrigkeit, sondern er sieht Ihn – ähnlich wie Johannes – in seiner richterlichen Herrlichkeit. Für Daniel muss das – gerade im Hinblick auf das, was sein Volk zu erwarten hatte – eine besondere Ermunterung gewesen sein. Der große Unterschied zwischen Daniel und Johannes liegt darin, dass Daniel Ihn sah, bevor Er Mensch wurde und das Werk am Kreuz tat, während Johannes Ihn nach seiner Menschwerdung, seinem Tod, seiner siegreichen Auferstehung und Himmelfahrt in den Himmel sah. Nur deshalb konnte zu Johannes gesagt werden: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades“ (Off 1,17.18). Solche Worte hörte Daniel nicht. Dennoch wurde er ebenfalls getröstet.

Die Beschreibung des „Mannes“

Die nun folgende Beschreibung der richterlichen Herrlichkeit des Herrn Jesus drückt Herrlichkeit, Majestät, Heiligkeit und Macht aus:

  1. In Leinen gekleidet: Leinen war im Altertum ein aus den Fasern von Flachs produzierter weißer Stoff, der vor allem zur Herstellung von Kleidern benutzt wurde. Die Kleidung spricht von dem, was man von außen sieht und symbolisiert daher in der Bibel oft das Zeugnis eines Menschen. Der weiße Leinenstoff spricht deshalb von der Reinheit im Zeugnis. Im Alten Testament trugen vor allem die Priester (2. Mo 28,39–43) leinene Kleidung. Im Neuen Testament finden wir erlöste Menschen (Off 19,14) und die Braut des Lammes so bekleidet (Off 19,8). Darüber hinaus werden Engel wiederholt mit Leinen in Verbindung gebracht (Hes 9,2.3.11; 10,2.6.7; Off 15,6). Als unser Herr ins Grab gelegt wurde, wickelte man Ihn in ein feines Leintuch (Mk 15,46). Wenn einer würdig war, mit Leinen umgeben zu sein, dann Er. Nie hat es einen Menschen gegeben, der in seinem Verhalten so rein und in seinem Zeugnis so perfekt gewesen wäre wie Er. Deshalb ist Er würdig, Richter zu sein. So finden wir Ihn z. B. in Hesekiel 9,2: „Und siehe, sechs Männer kamen ..., jeder mit seinem Werkzeug zum Zerschlagen in seiner Hand; und ein Mann war in ihrer Mitte, in Leinen gekleidet, mit einem Schreibzeug an seiner Hüfte.“
  2. Lenden umgürtet mit Gold von Uphas: Die Lenden sind häufig ein Bild für den Sitz von Kraft und Energie (vgl. Hiob 40,16, Spr 31,17). Sie werden in der Bibel mehrfach in Verbindung mit einem Gürtel genannt, der die Hüfte umspannt und die Kleidung zusammenhält (vgl. Jes 32,11; Hes 23,15; 1. Pet 1,13). Gold war immer schon ein begehrenswertes Material, das besonders wegen seiner Dauerhaftigkeit sehr geschätzt wurde. Es ist in der Welt zum Inbegriff von Reichtum, Schönheit und Herrlichkeit geworden. In Verbindung mit Gott spricht es von seiner Herrlichkeit, die besonders in seiner Gerechtigkeit – aber auch in Heiligkeit, Wahrheit und Liebe – gesehen wird. Im Haus Gottes – dem Wohnort der Herrlichkeit Gottes – war nach außen nur Gold zu sehen. Uphas wird in Verbindung mit Gold noch einmal in Jeremia 10,9 erwähnt.14 Wenn der Herr Jesus in Macht kommt, um Gericht zu üben, wird darin ebenfalls seine Herrlichkeit in Gerechtigkeit sichtbar. „Und Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein, und die Treue der Gurt seiner Hüften“ (Jes 11,5). Gericht ist – genauso wie Gnade – untrennbar mit Herrlichkeit verbunden. Im Gericht wird Er sich ebenso verherrlichen wie in seiner Gnade.
  3. Ein Leib wie ein Chrysolith: Während die Kleidung das symbolisiert, was man nach außen hin sieht, zeigt der Leib die innere Realität, d. h. die eigentliche Beschaffenheit. Edelsteine sind in der Bibel ein Bild der vielfältigen Herrlichkeit Gottes. Der Chrysolith (nach seinem Herkunftsort in Spanien manchmal Tarsis genannt) ist nicht mit dem heutigen Chrysolith identisch, sondern mit dem gelben Topas, der in größeren Mengen in Spanien gefunden wurde. Er ist ein transparenter Edelstein, der wie Gold glänzt. Man nennt ihn deshalb manchmal „Goldstein“. In der Bibel wird er insgesamt siebenmal erwähnt (außer Dan 10 noch in 2. Mo 28,20; 39,13; Hes 1,16; 10,9; 28,13 und Off 21,20). Der Herr Jesus ist nicht nur nach außen rein und heilig, sondern Er ist es in seinem tiefsten Wesen. Er hat nichts anderes gesagt als das, was Er war (Joh 8,25). So wird Er einmal als Richter erscheinen, um das gerechte Gericht zu vollziehen.
  4. Das Angesicht wie das Aussehen eines Blitzes: Blitz und Donner stehen für die Majestät und Größe des Schöpfers (2. Mo 19,16; Off 4,5), die sich u. a. im Gericht offenbart. Sie zeigen gleichzeitig die Schnelligkeit des Gerichtes. In Sacharja 9,14 wird eine Gerichtsszene mit den Worten beschrieben: „Und der Herr wird über ihnen erscheinen, und sein Pfeil wird ausfahren wie der Blitz; und der Herr, Herr, wird in die Posaune stoßen und einherziehen in Stürmen des Südens.“ Der Herr selbst beschreibt sein Kommen zum Gericht mit den Worten: „Denn ebenso wie der Blitz ausfährt vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein“ (Mt 24,27, vgl. weiter Off 4,5; 8,5; 11,19; 16,18).
  5. Augen wie Feuerfackeln: Das Auge nimmt Eindrücke von außen, gibt sie an das Innere des Menschen weiter und spiegelt sie wider. Es zeigt somit den Herzenszustand eines Menschen. Es gibt böse Augen (5. Mo 15,9; Mt 6,23) und gütige (gute) Augen (Spr 22,9). Wenn von Gottes Augen die Rede ist, spricht das von vollkommener Wahrnehmung und Erkenntnis. Dem Auge Gottes entgeht nichts, was auf dieser Erde passiert. Seine Augen durchlaufen die ganze Erde (2. Chr 16,9; Sach 4,10; vgl. weiter Off 5,6). Feuer hat mit der prüfenden Heiligkeit Gottes zu tun, die alles verzehrt, was nicht mit Ihm in Einklang ist (5. Mo 4,24; Jes 10,17; Heb 12,29). Das wird in Offenbarung 19 bestätigt, wo Er aus dem Himmel kommt, um zu richten und Krieg in Gerechtigkeit zu führen: „Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Diademe, und er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur er selbst“ (Off 19,12).
  6. Arme und Füße wie der Anblick von leuchtendem Kupfer: Der Arm Gottes spricht von Macht und Kraft (2. Mo 6,6). Die Füße sind ebenfalls ein Symbol der unbeugsamen Kraft, mit der der Richter beurteilt und bestraft (Off 10,1). Kupfer (oder Erz) steht in der Bibel häufig mit Feuer in Verbindung (leuchtend oder glänzend). Auf dem ehernen Altar wurden die Opfer vom Feuer verbrannt (2. Mo 27,1–8). Kupfer geht aus dem Feuer unbeschädigt hervor. Daher ist Kupfer ein Bild der Gerechtigkeit, die im Gericht erwiesen wird. Sein Gericht wird in Macht und Kraft ausgeübt und gerecht sein. Als Mensch besaß der Herr Jesus eine eigene Gerechtigkeit, die dem Feuer der Prüfung und des göttlichen Gerichts standhalten konnte.
  7. Die Stimme seiner Worte wie die Stimme einer Menge: Die Stimme des Richters ist gewaltig und majestätisch und übertönt alles andere. „Der Herr in der Höhe ist gewaltiger als die Stimmen großer Wasser, als die gewaltigen Wogen des Meeres“ (Ps 93,4). Vor Ihm wird die ganze Erde schweigen (Hab 2,20). Johannes hörte eine ähnliche Stimme: „Und ich hörte etwas wie eine Stimme einer großen Volksmenge und wie ein Rauschen vieler Wasser und wie ein Rollen starker Donner, die sprachen: Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat die Herrschaft angetreten“ (Off 19,6). Nach all dem Aufruhr der Menschen in der Zeit des Endes wird dann im Reich nur noch die Stimme Gottes zu hören sein.

Die Reaktion Daniels und seiner Begleiter

Die Reaktion Daniels und seiner Begleiter könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass es sich bei dem „Mann“ tatsächlich um den Herrn Jesus handelt. Dafür sprechen Vergleiche mit zwei neutestamentlichen Szenen:

  1. Als Johannes in Offenbarung 1 den Herrn Jesus in seiner richterlichen Herrlichkeit sieht, reagiert er ähnlich wie Daniel. Er fällt zu seinen Füßen nieder wie tot (Off 1,17). Johannes kannte der Herrn Jesus anders, als Daniel Ihn kannte. Er hatte sich als der „Jünger, den Jesus liebte“ an seine Brust gelehnt. Dennoch warf ihn die Herrlichkeit des Richters zu Boden.
  2. Als Saulus auf dem Weg nach Damaskus die Herrlichkeit des verherrlichten Herrn im Himmel sah, fiel er ebenfalls auf die Erde (Apg 9,4). Hinzu kommt, dass seine Reisebegleiter – ähnlich wie im Fall Daniels – wohl die Stimme hörten, aber niemanden sahen (Apg 9,7).

Es wird deutlich, wie herrlich diese Erscheinung gewesen sein muss. Daniel hatte im Lauf seiner politischen Karriere manche königliche Inszenierung erlebt und war Prunk und Glanz gewohnt. Was er hier jedoch sah, sprengte alle Dimensionen.

Seine Begleiter erschraken. Sie flohen und verbargen sich. F. B. Hole schreibt: „Der gefallene Mensch kann in der Gegenwart Gottes nicht bestehen. Sogar ein Heiliger – sei es Daniel im Alten Testament oder Johannes im Neuen Testament – fällt „betäubt“ oder „wie tot“ auf sein Angesicht. Wir kennen Gott als unseren Vater, aber wir sollen seine höchste Erhabenheit als Gott nie vergessen.“15

Die Reaktion Daniels wird in drei Punkten beschrieben, die uns zeigen, wie erschrocken Daniel war und wie er litt:

  1. Er war völlig kraftlos. Das wird sogar zweimal gesagt.
  2. Seine Gesichtsfarbe verwandelte sich bis zur Entstellung.
  3. Er sank wie betäubt auf das Angesicht mit seinem Angesicht zur Erde.

Daniel hatte als junger Mann seine Laufbahn als Diener Gottes begonnen und einen Herzensentschluss gefasst. Gott hatte ihm Weisheit, Kraft und Energie gegeben. Daniel hatte im Glauben gehandelt und war ein Glaubensheld. Er hatte gewaltige Offenbarungen empfangen. Doch jetzt erschien ihm der Gott der Herrlichkeit selbst in der Gestalt eines Mannes. Daniel war ein Vielgeliebter. Dennoch blieb er demütig und bescheiden. Er stand in der Gunst Gottes, und bildete sich doch nichts darauf ein. Er vertraute nicht auf sein Alter, auf seine Erfahrung, auf seine Treue oder auf das, was Gott ihm offenbart hatte. Nein, er war sich seiner eigenen Schwachheit voll bewusst. Wenn Gott sich in seiner Herrlichkeit offenbart, kann es nicht anders sein. Selbst ein gereifter und erfahrener Gottesmann wie Daniel fällt betäubt zu Boden.

Darin liegt eine Lektion für uns: Wir mögen viel wissen und auf manche Erfahrung verweisen können. Das ist gut so. Trotzdem muss uns eine innere Haltung der Demut kennzeichnen, wenn Gott sich uns offenbaren soll. Die in der Vergangenheit gelernten Lektionen verhindern nicht, dass wir neue Lektionen lernen müssen.

Verse 10–15: Das Geheimnis der verzögerten Antwort

Eine andere Erscheinung

Nachdem Daniel betäubt auf der Erde gelegen hatte, rührte ihn eine Hand an und er hörte eine Stimme reden. Der weitere Verlauf macht klar, dass es nicht mehr der „Mann“ aus Vers 4 sein kann, sondern jetzt handelt es sich offensichtlich um einen Engel, dessen Name nicht bekannt ist. Gott bemüht sich um seinen Propheten.

In dem Handeln und Reden des Engels werden drei Dinge deutlich:

  1. Daniel wird aufgeweckt und gestärkt: Die Hand, die ihn berührt und aufrichtet, spricht von göttlicher Kraft, die er nötig hatte.
  2. Daniel wird getröstet: Das Gesicht sollte ihn nicht furchtsam machen. Er war ein „Vielgeliebter“. Diese Worte hatte er bereits in Kapitel 9,23 gehört und sie werden wiederholt. Daniel war Gegenstand himmlischer und göttlicher Zuneigung und nicht des Gerichts.
  3. Daniel wird beruhigt: Er steht aufrecht – obgleich zitternd – und hört das tröstliche Wort: „Fürchte dich nicht.“ Er brauchte keine Angst zu haben.

Das alles redet zu unseren Herzen. Gott möchte uns immer stärken, trösten und beruhigen. Wie Daniel sind wir Geliebte. Wir kennen Gott als unseren Vater, der uns lieb hat. Die Frage ist, ob wir uns wie Daniel dieser Würde entsprechend verhalten.

Ein besonderes Zeugnis

Der Engel stellt Daniel nun ein besonderes Zeugnis aus. Erstens hatte er sein Herz darauf gerichtet, Verständnis zu erlangen. In Vers 1 hatten wir gefunden, dass Daniel etwas offenbart wurde. Das ist passiv. Hier ist er selbst aktiv und richtet sein Herz darauf, Verständnis zu erlangen. Weisheit und Verständnis sind Gaben Gottes, die Er uns gibt. Aber Er appelliert dabei gleichzeitig an unsere Verantwortung. Zweitens hatte Daniel sich vor Gott gedemütigt, d. h. er hatte anerkannt, dass er nichts war. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Wenn wir unser Herz darauf richten, Verständnis zu erlangen, wird das immer dazu führen, dass wir demütig sind, denn dem Demütigen gibt Gott Gnade (Spr 3,34). Daniel hatte das bereits als junger Mann erfahren (Dan 1,17). Diese Erfahrung wiederholt sich hier. Bei Esra finden wir es ähnlich. Er hatte sein Herz darauf gerichtet, „das Gesetz des Herrn zu erforschen und zu tun und in Israel Satzung und Recht zu lehren“ (Esra 7,10). Wenig später sehen wir diesen Gottesmann in Esra 9 im Gebet in tiefer Demütigung vor seinem Gott. F. B. Hole scheibt: „Es ist gefährlich, nach einer großen Erkenntnis der göttlichen Wahrheit zu trachten, bloß weil sie dem, der sie besitzt, Bedeutung und Ansehen verleiht. In Wirklichkeit demütigt uns jede Wahrheit, wenn sie mit dem Herzen erfasst wird.“16 Deshalb nennt Paulus sich gerade in Epheser 3, wo er über den unergründlichen Reichtum des Christus spricht, den „Allergeringsten von allen Heiligen“ (Eph 3,8). In 2. Korinther 12 spricht er davon, dass er in den dritten Himmel entrückt war, und anschließend bezeugt er, dass er nichts ist (2. Kor 12,11). Diese demütige Haltung ist eine notwendige Voraussetzung für ein tiefes Verständnis der Wahrheit.

Die verzögerte Antwort

Der Engel versichert Daniel, dass sein Gebet erhört worden ist und dass er gerade deshalb zu ihm gesandt worden war. Das hier für „erhört“ benutzte Wort bedeutet an vielen Stellen einfach „hören“. Es gab einen triftigen Grund, warum die Antwort sich verzögerte. Die Situation ist anders als in Kapitel 9. Dort antwortete Gott, bevor Daniel sein Gebet beendet und sich gedemütigt hatte. Hier muss Daniel drei volle Wochen warten. Gott ist in seinem Handeln immer souverän. Manchmal antwortet Er sofort, manchmal dauert es. Wir können da keine Schablone anlegen.

Dennoch liegt in den Worten des Engels eine große Ermunterung. Zum einen können wir sicher sein, dass Gott unsere Herzen und Empfindungen sieht. Er sah, worauf Daniel sein Herz gerichtet hatte. Zum anderen hört Gott unsere Gebete immer. Obwohl die Antwort nicht sofort kam, hatte Gott das Gebet gehört. Das ist ein großer Trost für die Gläubigen zu allen Zeiten. Wenn wir zum Thron der Gnade gehen, hört Gott immer. Deshalb müssen wir uns keine Sorge über die Antwort machen. Sie kommt früher oder später – nach Gottes Weisheit. Das Gebet der Seinen ist Gott nie gleichgültig. Sein Ohr ist offen, sein Auge und sein Herz ebenso.

Der Fürst des Königreichs von Persien

Die Ursachen für verzögerte Gebetsantworten mögen unterschiedlich sein. Häufig prüft Gott unseren Glauben und unsere Geduld, damit das „Ausharren ein vollkommenes Werk habe“ (Jak 1,4). Wir lernen, dass seine Wege und Gedanken andere sind als unsere (Jes 55,8.9). Hier gab es einen anderen, ganz konkreten Grund. Der Fürst des Königreichs von Persien hatte dem Engel drei Wochen lang widerstanden. Der Widerstand war so groß, dass die Hilfe des mächtigen Erzengels Michael nötig war, der ihm beistand. Erst dann konnte der Sieg errungen werden.

Die Frage stellt sich, wer dieser „Fürst des Königreichs von Persien“ ist. Der amtierende König des Königreichs Persien war Kores. Man wird dennoch nicht ernsthaft behaupten können, dass dieser Fürst Kores gewesen sei.17 Der Zusammenhang macht klar, dass er es nicht gewesen sein kann. Welcher irdische Herrscher – und sei er noch so mächtig – könnte einem gewaltigen und mächtigen Engel 21 Tage lang widerstehen? Wenn es kein Mensch ist, kann es nur ein Engelfürst sein, eine himmlische Gewalt. Genau davon müssen wir ausgehen.

Das Wort „Fürst“ kann ein irdisches oder himmlisches Wesen bezeichnen. Im Buch Daniel wird erstens der Messias so genannt (Kap. 8,25; 9,25). Dann die Führer des Volkes (Kap. 9,6), der Führer des kommenden römischen Reiches (Kap 9,26), und schließlich Michael, der Erzengel (Kap 10,21; 12,1). So ist es hier wohl ebenfalls zu verstehen. Es handelt sich bei dem Fürst des Königreichs Persien und später in Vers 20 bei dem Fürst von Griechenland um himmlische Wesen, um geistliche Mächte im Himmel, die das jeweilige Königreich „repräsentieren“.

Die Welt der Engel

Sehr viel wissen wir über die Welt der Engel nicht. Wir tun gut daran, uns nicht zu viel damit zu beschäftigen und unbedingt bei dem zu bleiben, was Gott uns darüber offenbart hat. Einige Einzelheiten wissen wir nämlich.18 Wir wissen, dass Engel geschaffene Wesen und Diener Gottes sind. Im Allgemeinen sind wir mit dem Gedanken vertraut, dass diese Engel Gottes es mit den Heiligen zu tun haben. Sie sind „dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die die Errettung erben sollen“ (Heb 1,14). Sie sind „Gewaltige an Kraft, Täter seines Wortes, gehorsam der Stimme seines Wortes“ (Ps 103,20). Engel sind in der Tat eine nicht zu unterschätzende Hilfe für die Gläubige. Ein Beispiel dafür ist die Befreiung von Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,6–11)19. Ebenso ist es wahr, dass die Engel Satans uns bisweilen angreifen und behindern. Ein Beispiel dafür ist der Apostel Paulus, der von einem Engel Satans geschlagen wurde (2. Kor 12,7).

Hier jedoch lernen wir, dass die Engel Satans ebenfalls versuchen, Einfluss auf die Geschicke der Geschehnisse unter den Völkern dieser Erde auszuüben, um so Gottes Pläne zu stören. Obwohl auf den ersten Blick die Könige der Weltreiche agieren, stehen dahinter böse Mächte (hier die Fürsten Persiens und Griechenlands), die sie dabei beeinflussen und steuern. Diese Engel hat Satan mit sich gerissen, als er sich gegen Gott erhob. Epheser 6,12 spricht von „Fürstentümern“ und „Gewalten“, von „Weltbeherrschern dieser Finsternis“ und „geistlichen Mächten der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (vgl. weiter Röm 8,38; Eph 1,21; Kol 1,16; 2,10; 1. Pet 3,22). Es gibt also im Himmel neben den Engeln und Diener Gottes böse Gewalten und Fürstentümer,20 die Einfluss auf die Geschehnisse auf dieser Erde nehmen. Das sollten wir nicht unterschätzen. Sie versuchen dabei – wie hier –, die Engel Gottes zu behindern.

Was hier unterstrichen wird, ist der große Einfluss, den Satan und seine Engel haben.21 Es ist für uns unmöglich, die Details zu erkennen. Manches bleibt geheimnisvoll und mysteriös und wir müssen nicht in alles eindringen. Einmal werden wir von dieser unsichtbaren Welt mehr verstehen. Jedenfalls trägt Satan Verantwortung für manche Kriege und Auseinandersetzungen, die hier auf dieser Erde stattfinden.22 Wenn es Konflikte auf dieser Erde gibt, so stehen diese Mächte dahinter. Einer davon ist der Fürst des Königreichs von Persien, des Königreichs also, das damals an der Macht war, als Daniel das Gesicht bekam. Satan ist der „Fürst der Gewalt der Luft“ (Eph 2,2), aber er delegiert seine Gewalt. Er steht jedenfalls dahinter und kontrolliert diese Geister. So war über dem Königreich von Persien ein gefallener Engel. Dieser böse Geist (Fürst) widerstand hier dem himmlischen Boten Gottes 21 Tage lang. Dabei ist völlig klar, dass der Teufel und seine Engel den Ratschluss Gottes nicht grundsätzlich verhindern können. Gott ist immer mächtiger und sein Plan wird vollzogen. Dennoch gestattet er dem Teufel in einem gewissen Rahmen Widerstand zu leisten.

Der Konflikt fand zwar im Himmel statt, er betraf jedoch die Erde. Viel schlimmer wird es einmal werden, wenn der Satan nicht mehr indirekt vom Himmel aus agiert, sondern auf die Erde geworden wird und dann – in der Mitte der letzten Jahrwoche – seine ganze Macht direkt durch die beiden Tiere aus Offenbarung 13 (den römischen Weltherrscher und den Antichrist) ausüben wird.

Michael, der Erzengel

Der Erzengel Michael – der einzige Erzengel, den die Bibel nennt – kam dem Engel, der mit Daniel sprach, zur Hilfe. Hier wird er zum ersten Mal in der Bibel erwähnt und „einer der ersten Fürsten“ genannt. In Vers 21 heißt es „eurer Fürst“ und in Kapitel 12,1 „der große Fürst“. Judas 1,9 nennt ihn den „Erzengel“. In Offenbarung 12,7 lesen wir von „Michael und seinen Engeln“. Das belegt, dass es in der Engelwelt tatsächlich Hierarchien gibt. Michael hatte – ebenso wie der Teufel – „seine Engel“, die natürlich Engel Gottes waren. Seine erste bekannte Aktivität fand viel früher statt, nur wird sie erst im Judasbrief offenbart. Da ging es um den Leib Moses und um eine Auseinandersetzung mit dem Teufel selbst (Jud 1,9). Die Aktivitäten Michaels stehen immer in enger Beziehung zu Gottes irdischem Volk. Daniel 12,1 macht das besonders deutlich. Er steht „für die Kinder deines Volkes“ auf. Michael bedeutet: „Wer ist wie Gott?“ Obwohl er sehr mächtig ist, zeigt sein Name schon, dass es einen gibt, der mächtiger ist als er. Das wird sehr schön in Jesaja 46,9 ausgedrückt: „„Erinnert euch an das Frühere von der Urzeit her, dass ich Gott bin, und sonst ist keiner, dass ich Gott bin und gar keiner wie ich“. Das ist eigentlich eine Erklärung für den Namen Michael.

Das Ende der Tage

In Vers 14 haben wir eine Kernaussage von großer Bedeutung: Der Engel war gekommen, um Daniel verstehen zu lassen, „was deinem Volk am Ende der Tage widerfahren wird; denn das Gesicht geht noch auf ferne Tage“. Wieder spricht Gott nicht von „seinem Volk“, sondern von dem „Volk Daniels“.23 Es geht um die Juden. Obwohl sie unter der Vorsehung Gottes wieder in Palästina sein konnten, bleibt Gott auf gewisser Distanz zu dem Volk (vgl. 5. Mo 9,12; Dan 9,24; Nah 3,13). Der Ausdruck „am Ende der Tage“ bezieht sich auf die letzte Jahrwoche aus Kapitel 9 und dabei besonders auf die zweite Hälfte. Das Gesicht spricht genau von dieser Zeit. Obwohl in Kapitel 11 zunächst sehr viel über die Zeit vorher (besonders über die Konflikte zwischen den Königen des Nordens und des Südens) gesagt wird, wird es doch mit Bezug auf das gesagt, was ganz am Ende mit den Juden geschehen wird. Das ist der Punkt, auf den alles hinzielt und der für Gott wichtig ist. Denn unmittelbar danach wird der Sohn des Menschen in Macht und Herrlichkeit erscheinen.

Wir kommen hier zu einem wesentlichen Kerngegenstand biblischer Prophetie. Was Gott wirklich wichtig ist, ist das Volk Israel. Es geht nicht primär um die Nationen, sondern um dieses alte Bundesvolk Gottes und um das Ende der Tage, wo Gott dieses Volk nach der großen Drangsal in den Segen des Tausendjährigen Reiches bringen wird. Selbstverständlich hat die Versammlung (Gemeinde oder Kirche) einen hohen Wert für Gott. Dennoch ist sie hier überhaupt nicht im Blickfeld. Ihr Charakter ist himmlisch. Prophetie hingegen hat mit der Erde zu tun. Dieser Vers gibt damit gleichzeitig den Schlüssel zum richtigen Verständnis der Kapitel 11 und 12.24

Es ist bemerkenswert, dass Gott schon ganz am Anfang der Geschichte Israels auf diese letzte Zeit hinweist. Im Segen Jakobs über seine Söhne heißt es: „Und Jakob rief seine Söhne und sprach: Versammelt euch, und ich will euch verkünden, was euch begegnen wird in künftigen Tagen“ (1. Mo 49,1). Man kann das allgemein auffassen, es hat aber jedenfalls einen unmittelbaren Bezug auf die letzten Tage, d. h. auf das Reich, wo Schilo – der Friedenschaffende – herrschen wird (1. Mo 49,10).

Daniels Reaktion

Erneut ist Daniel tief beeindruckt von dem, was er hört. Er richtet sein Angesicht zur Erde und nimmt wieder eine Haltung der Ehrerbietung, der Verehrung und der Demut ein. Er verstummt vor Erstaunen und Verwunderung. Daniel gehörte zu den Gottesmännern, die vor dem Wort des Herrn zitterten. Doch er wird erleben, welche Zusage Gott gerade solchen Menschen macht: „Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2). Obwohl wir die Reaktion Daniels nicht unmittelbar auf die Zeit der Gnade übertragen können, lernen wir doch, welchen Wert der Respekt vor Gott und seinem Wort hat. Das sollte uns immer kennzeichnen.

Verse 16–21: Der Prophet wird gestärkt

Weitere Engel

Wieder wird in Vers 16 jemand erwähnt, der „den Menschenkindern gleich“ ist und dann in Vers 18 einer „von Ansehen wie ein Mensch“. Es bleibt erneut offen, wer genau das war. Einige Ausleger denken im ersten Fall durchaus an den Herrn Jesus und im zweiten Fall an den Engel, der schon ab Vers 10 zu Daniel gesprochen hatte. Die zweite Schlussfolgerung liegt nahe, weil er später zurückkehren wollte, um gegen den Fürsten von Persien zu kämpfen. Jedenfalls wird hier sehr klar, dass Daniel es mit unterschiedlichen „Personen“ himmlischen Ursprungs zu tun hatte.

Daniel wird gestärkt

Daniel bleibt sprachlos. Deshalb werden zuerst seine Lippen berührt, damit er wieder reden konnte. Wir denken dabei an Jesaja 6,5–7, wo die Lippen Jesajas durch eine glühende Kohle gereinigt wurden. Dann folgen die ersten Worte Daniels in diesem Kapitel. Er bekennt seine große Schwachheit und dass er keine Kraft mehr hat. Er ist überwältigt durch heilige Ehrfurcht, so dass er sich völlig kraftlos fühlt. Dieser Platz der eigenen Schwachheit ist immer ein Platz des Segens. Paulus hörte die Worte Gottes: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“, und seine Reaktion darauf lautete: „Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, ... denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Kor 12,9.10).

Daniel spricht von „Wehen“, die ihn überfielen, und davon, dass kein Odem in ihm blieb. Wir erkennen deutlich, dass der Mensch – aus Geist, Seele und Körper bestehend – eine Einheit ist. Geistliche und seelische Übungen beeinflussen das körperliche Wohlbefinden. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.

Zum dritten Mal wird der Prophet angerührt. Beim ersten Mal in Vers 10 erwacht Daniel aus seinem Schlaf und ist in der Lage zu hören. Er wird gestärkt. Beim zweiten Mal in Vers 16 geht es um seine Lippen und er wird befähigt zu reden. Jetzt beim dritten Mal geht es erneut um Kraft, die er nötig hatte.

Darin liegt eine Belehrung für uns. Wir brauchen diese Verbindung mit Gott, damit wir richtig hören, reden und handeln können. Ohne Gottes Handeln in unserem Leben können wir nichts. Wir sind aus uns heraus nicht in der Lage, richtig zu hören. Gott muss uns das Ohr öffnen. Wir sind aus uns heraus nicht in der Lage, richtig zu reden. Gott muss uns eine „Zunge der Belehrten“ geben. Und wir sind aus uns heraus nicht in der Lage zu handeln, wenn Gott uns nicht die Kraft dazu gibt.

Eine Botschaft des Friedens und der Ermunterung

Noch einmal wird er als vielgeliebter Mann angeredet. Er sollte nicht vergessen, mit welchen Augen Gott ihn sah. Aber mehr noch: Er hört eine Botschaft des Friedens und der Ermunterung:

  • Fürchte dich nicht: Die gleiche Aufforderung hörte Johannes in Offenbarung 1,17. Den Sohn des Menschen in seiner richterlichen Herrlichkeit zu sehen, ist in der Tat furchterregend. Aber Menschen, die „Vielgeliebte“ sind, brauchen keine Angst zu haben. Für uns gilt: „Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1. Joh 4,18).
  • Friede dir: Trotz allem, was sein Volk erwartete, konnte Daniel in Frieden sein. Gott war nicht gegen ihn, sondern Er war für ihn. In einer Welt, die einem unruhigen Ende entgegengeht, können wir dennoch in dem Frieden Gottes ruhen.
  • Sei stark, ja sei stark: Die Aufforderung, stark zu sein, finden wir wiederholt in der Bibel. Zum ersten Mal wird es zu Josua gesagt (5. Mo 31,7), zum letzten Mal zu Timotheus (2. Tim 2,1). Doch nur zu Daniel wird es zweimal hintereinander gesagt. Er brauchte diese Kraft ganz besonders.

Die Folge blieb nicht aus. Daniel wurde gestärkt und das hatte er besonders nötig im Blick auf das, was er nun hören würde. Für uns gilt, was A. C. Gaebelein schreibt: „Das Kind Gottes, das sich in Unruhe befindet und nicht nahe beim Herrn ist, ist unfähig, das prophetische Wort zu verstehen. Und das ist einer der Gründe, warum wir so wenig den Wunsch haben, das kennenzulernen, was Gott uns über die Zukunft offenbart hat. Ein Herz, das sich nicht an dem Frieden Gottes erfreut, kann nicht die gesegneten Dinge genießen, die Gott uns in der Prophetie mitteilt.“25

Daniel erlebt hier vorab, was wir erleben, wenn wir unser Herz vor Gott ausschütten: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus“ (Phil 4,6.7).

Dann sagt Daniel: „Mein Herr möge reden, denn du hast mich gestärkt.“ Das ist die Haltung von Samuel: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört (1. Sam 3,10). Ab jetzt schweigt Daniel und Gott redet. Und Daniel bekommt gewaltige Dinge zu hören.

Der Fürst Griechenlands

Der Kampf mit dem Fürsten von Persien war nicht zu Ende, obwohl es bereits einen Sieg gegeben hatte. Wir erkennen, dass der Kampf mit den bösen Mächten im Himmel kontinuierlich ist. Deshalb kehrt der Engel nun zu diesem Kampf zurück. Nach Persien wird dann Griechenland erwähnt. Wir erinnern uns daran, dass das Griechische Reich dem Persischen Reich folgte. Die Erwähnung von Griechenland führt direkt zu Kapitel 11, wo es am Anfang gerade um den Konflikt zwischen diesen beiden Mächten geht. Das Persische Reich wurde durch das Griechische Reich ersetzt und die Nachfolger Alexanders des Großen haben sich erbittert bekämpft. Alle diese Auseinandersetzungen auf der Erde finden ihr himmlisches „Gegenstück“ in diesen Fürsten, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Letztlich geht es dabei immer um die Feindschaft gegen die Juden und gegen den Gott der Juden. Deshalb wird ganz am Ende noch einmal Michael, der „Fürst“ der Juden erwähnt, mit dessen Hilfe der redende Engel rechnen konnte.

Das Buch der Wahrheit

Vers 21 nennt „das Buch der Wahrheit“. Einige Ausleger beziehen das konkret auf das Buch Daniel, das er unter der Leitung des Heiligen Geistes schreiben würde bzw. zum Teil geschrieben hatte. Das ist gut möglich. Es wird betont, dass es sich um die Wahrheit handelt. Wer das Buch Daniel ablehnt als von Gott inspiriert, lehnt die Wahrheit ab. Man kann es ebenso auf die ganze Bibel anwenden, denn die Bibel ist ein Ausdruck der Wahrheit Gottes. „Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17).

Vielleicht ist die eigentliche Bedeutung dennoch eine andere. Der Satz wird nämlich mit dem Wort „doch“ (aber) eingeleitet und drückt damit einen Gegensatz zu Vers 20 aus. Gott macht damit klar, dass Er von Anfang an das Ende kennt (Jes 46,10). Was immer diese mächtigen und bösen Engelfürsten planen und tun, am Ende geschieht das, was im Ratschluss Gottes feststeht und in diesem „Buch (oder Schreiben) der Wahrheit“ verzeichnet ist. Dieses Buch ist nicht irgendein mysteriöses Verzeichnis, wie einige Ausleger annehmen, sondern es geht darum, dass Gott in seinem Ratschluss vorher festgelegt hat, was passieren wird. Das war für Daniel beruhigend und das ist für uns beruhigend. Gottes Ratschluss kommt ganz sicher zustande. Petrus schreibt: „Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, auf das zu achten ihr wohltut, als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (2. Pet 1,19). In einem ähnlichen Sinn lesen wir in Offenbarung 5 mehrfach von einem „Buch“, das nur der „Löwe aus dem Stamm Juda“ zu öffnen in der Lage war (Off 5,5.9). Petrus schreibt ebenfalls: „Ihr nun, Geliebte, da ihr es vorher wisst, so hütet euch, dass ihr nicht, durch den Irrwahn der Frevler mit fortgerissen, aus eurer eigenen Festigkeit fallt“. Gott hat uns gewisse Dinge vorher mitgeteilt, damit wir sie zur Kenntnis nehmen und wissen, um so nicht erschüttert zu werden.

Fußnoten

  • 1 Am Rande sei bemerkt, dass die Offenbarungen im Blick auf die Nationen in die Zeit des ersten Weltreiches (Babylon) fallen, die Offenbarungen im Blick auf die Juden dagegen vorwiegend in die Zeit nach dem ersten Weltreich.
  • 2 W. Kelly bezeichnet diese Weissagung „in einem gewissen Sinn als die bemerkenswerteste aller seiner (Daniels) Weissagungen“, weil sie eine Fülle von sehr präzisen Voraussagen enthält, die sich bereits erfüllt haben (vgl. Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com).
  • 3 Es gibt Ausleger, die aus dieser Aussage rückschließen, dass Daniel nur bis zum ersten Jahr Kores als Beamter am königlichen Hof gearbeitet hat und dann seine berufliche Tätigkeit beendete. Das ist denkbar, allerdings gibt der Bibeltext darauf keinen konkreten Hinweis.
  • 4 Etwa zur gleichen Zeit wurde in Jerusalem der Grund zum Tempel Gottes gelegt (Esra 3,10). Das hatte zur Folge, dass das ganze Volk mit lautem Jubel jubelte und den Herrn lobte. Gleichzeitig gab es dort von den Altersgenossen Daniels Priester und Leviten, die mit lauter Stimme weinten. Der Chronist berichtet: „Und das Volk konnte den Schall des freudigen Jubels nicht unterscheiden von der Stimme des Weinens im Volk; denn das Volk jubelte mit lautem Jubel, und der Schall wurde gehört bis in die Ferne“ (Esra 3,13). Es gab also Empfindungen von Jubel und Freude einerseits und Empfindungen der Trauer andererseits. Es scheint, dass beides zur gleichen Zeit angemessen war. Wer tiefer sah, konnte sich nicht nur freuen. Wer tiefer sah, erkannte zugleich die große Schwachheit des Überrestes.
  • 5 Smith, H.: The Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 6 Es versteht sich von selbst, dass es sich hier um reguläre Wochen von sieben Tagen und nicht etwa – wie in Kapitel 9 – um Jahrwochen handelt. Im Hebräischen wird dementsprechend ein anderes Wort verwendet.
  • 7 Es geht hier nicht um weltliche Begierden und Vergnügungen, von denen wir generell abstehen sollen, weil sie gefährlich sind, sondern es geht um die Dinge dieser Erde, die Gott uns gibt und die wir üblicherweise durchaus „gebrauchen“ dürfen. 1. Timotheus 6,17 erinnert daran, dass Gott uns alles reichlich darreicht zum Genuss.
  • 8 Es bleibt eine offene Frage, ob diese Reise beruflich bedingt war oder ob Daniel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Dienst des Königs war und „privat“ reiste. Beide Ansichten sind geäußert worden. Es gibt Ausleger die vermuten, dass Daniel mit Juden unterwegs war und die Gelegenheit am Fluss zu einem gemeinsamen Gebet genutzt wurde (vgl. Esra 8,21 wo ebenfalls an einem Fluss gebetet wurde).
  • 9 Der Tigris fließt heute durch die Länder Türkei, Syrien und Irak. Er entspringt im Osten der Türkei und mündet in den Persischen Golf. Die Länge des Flusses beträgt ca. 1.900 km. Er hat mehrere Nebenflüsse und durchfließt einige Großstädte und Stauseen. Zum Vergleich: Der Euphrat ist mit ca. 2.700 km deutlich länger und gilt als der größte Fluss in Vorderasien. Beide Flüsse vereinigen sich am Ende zum Schatt al-Arab, bevor sie in den Persischen Golf münden.
  • 10 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 11 Es fällt allerdings auf, dass einige dieser Ausleger in Verbindung mit der Beschreibung des „Alten an Tagen“ in Kapitel 7,9 – zu Recht – durchaus auf die Parallelen zu Offenbarung 1 hinweisen, obwohl diese Parallelen in Kapitel 7 deutlich geringer sind als hier in Kapitel 10.
  • 12 Dennett, E.: Daniel, the Prophet (www.stempublishing.com)
  • 13 Zwei weitere Ausleger, die diesem Gedanken folgen, sind A. C. Gaebelein und J. Muller.
  • 14 Es ist allerdings nicht klar, ob Uphas hier geographisch oder eher poetisch zu verstehen ist. Einige Ausleger bringen Uphas mit Ophir in Verbindung, wo ebenfalls von Gold die Rede ist (Jes 13,12). Es wird jedenfalls deutlich, dass es sich hier um besonders wertvolles Gold handelt.
  • 15 Hole, F. B.: Commentary on Daniel (http://www. biblecentre.org)
  • 16 Hole, F. B.: Commentary on Daniel (http://www. biblecentre.org)
  • 17 Dennoch nehmen manche kritische Autoren das an bzw. behaupten es. Sie sehen hier kein übernatürliches (Engel)Wesen, sondern eine irdische Macht, nämlich Kores. Sie sehen in dem Widerstand des Fürsten einen Hinweis darauf, dass Kores einige Zeit brauchte, bis er bereit war, als Werkzeug Gottes zu fungieren. Es macht wenig Sinn, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn zu diesem Zeitpunkt war das Dekret des Kores bereits erlassen worden und ein erster kleiner Überrest der Juden bereits nach Jerusalem zurückgekehrt.
  • 18 A. C. Gaebelein schreibt in seinem Buch „Die Welt der Engel“ darüber ausführlicher (www.bibelkommentare.de). In Bezug auf Satan selbst hat F. Jennings ein Buch mit dem Titel: „Satan, His Person, Work Place and Destiny“ geschrieben.
  • 19 Es ist natürlich völlig klar, dass wir unsere Hilfe nicht direkt von Engeln erwarten, sondern allein von unserem Herrn. Er ist unser Helfer und Retter. Wenn er jedoch Engel als „Diener“ benutzt, um uns zu helfen, wollen wir diese Hilfe gerne annehmen und nicht abweisen. Wie dieser „himmlischen Diener“ im Hintergrund wirken, bleibt uns ohnehin in der Regel völlig verborgen.
  • 20 Offensichtlich gibt es in der Welt der gefallenen Engel ebensolche Hierarchien wie in der Welt der Engel Gottes. Satan ist der „Gott“ und „Fürst“ dieser Welt“ (2. Kor 4,4; Joh 12,31; 14,30; 16,11). Seine Machtzentrale ist jetzt noch in dem geschaffenen Himmel (Hiob 1,6) und in den himmlischen Örtern (Eph 6,12). Von dort aus übt er seinen Einfluss über diese Erde aus und Gott lässt ihn bis zu einem gewissen Punkt gewähren.
  • 21 Satan ist mächtig und listig. Allerdings ist er weder allwissend noch allgegenwärtig oder allvermögend. Wir sollten ihn dennoch nicht unterschätzen, obwohl er ein besiegter Feind ist. Das Neue Testament warnt mehrfach vor ihm. Er hat nicht gelogen, als er zu dem Herrn sagte, dass ihm die Gewalt und die Herrlichkeit der Reiche des Erdkreises gegeben waren (Lk 4,3.4). Bis zum Kommen des Herrn in Macht und Herrlichkeit ist das tatsächlich so. Dann erst wird ihm diese Macht faktisch genommen und er wird für zunächst 1.000 Jahre gebunden sein.
  • 22 W. Kelly weist darauf hin, dass Satan wohl im Himmel und auf der Erde ein „Fürst“ ist, nicht aber in der Hölle. „Nirgendwo in der Bibel lesen wir, dass Satan in der Hölle ein Fürst ist. Das mag der Lieblingstraum einiger großer Dichter und Poeten sein, aber die Bibel sagt es so nicht. Sie zeigt uns, dass seine wirkliche Gewalt jetzt entweder in den Himmeln und oder auf der Erde ausgeübt wird. Wenn diese Macht gebrochen ist und er in den Abgrund geworfen wird, ist er kein „Fürst“ oder „König“ mehr, sondern der elendeste Gegenstand göttlicher Vergeltung“ (vgl. Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com).
  • 23 vgl. dazu die Hinweise in Kapitel 9
  • 24 Manche Ausleger sehen das leider nicht klar und kommen deshalb bei der Interpretation von Kapitel 11 zu sehr sonderbaren Erklärungen, wie z. B. dass es um die Zeit der Kirche geht und dass das Papsttum der Antichrist sein soll.
  • 25 Gaebelein, A. C.: Daniel, a Key to the Visions and Prophecies of the Book of Daniel (Kregel Publications)
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