Der Prophet Daniel und seine Botschaft
alter Titel: Notizen zum Buch Daniel

Kapitel 8 - Das Gesicht von den Abenden und von den Morgen

Der Prophet Daniel und seine Botschaft

Die Überschrift mag auf den ersten Blick erstaunen. In vielen Bibelausgaben und Kommentaren findet sich für dieses Kapitel eine andere Überschrift, z. B. „Das Gesicht vom Widder und vom Ziegenbock“ oder ähnlich. Natürlich geht es in diesem Kapitel um die beiden Weltreiche, die durch den Widder und den Ziegenbock symbolisiert werden, aber die hier gewählte Überschrift ist dem Bibeltext selbst entnommen. In Vers 26 lesen wir von dem „Gesicht von den Abenden und von den Morgen“. Offensichtlich ist das ein Kernpunkt des Kapitels.

Ein Wechsel

Kapitel 8 ist von einem Wechsel markiert. Obwohl bereits mit Kapitel 7 der zweite Teil des Buches Daniel beginnt, fallen dem aufmerksamen Leser zwei Dinge auf:

  1. Die Sprache, in der Daniel schreibt: Ab Kapitel 8 benutzt Daniel wieder (wie bereits in Kapitel 1 und Kapitel 2,1–3) die hebräische Sprache. Ab Kapitel 2,4 bis zum Ende von Kapitel 7 schreibt Daniel in Aramäisch. Hebräisch war Daniels Muttersprache, die Sprache des Volkes Gottes. Aramäisch war die Sprache, die Daniel in Babel gelernt hatte und die er ebenfalls perfekt beherrscht haben wird.1 Kritiker haben das Buch Daniel deshalb diskreditiert oder daraus geschlossen, dass das Buch Daniel von zwei verschiedenen Autoren verfasst worden sei. Es gibt aber keinen Grund zu dieser Annahme. Daniel beherrschte beide Sprachen und der Geist Gottes veranlasste ihn, einen Teil in Hebräisch und einen anderen Teil in Aramäisch zu schreiben.
    Der Grund für den Gebrauch dieser beiden Sprachen liegt auf der Hand. Wenn es im Schwerpunkt um die Geschichte und Geschicke der Weltreiche geht, schreibt Daniel auf Aramäisch. Jeder in Babel konnte das lesen. Wenn es im Schwerpunkt um die Geschichte und Geschicke der Juden geht, schreibt er auf Hebräisch. Das konnten nur die Juden lesen. In den Kapiteln 2 bis 7 liegt der Schwerpunkt tatsächlich auf Weissagungen über die Weltreiche in der Hand der Nationen. Natürlich spricht Gott auch dort über die Juden, aber der Schwerpunkt ist ein anderer. Ab Kapitel 8 wird ebenfalls über die Weltreiche gesprochen, aber der Schwerpunkt ist hier das Volk der Juden und ihre Zukunft.2 In Kapitel 8 gibt der Geist Gottes uns zwar weitere Informationen über das zweite und dritte Weltreich, aber die eigentlichen Aussagen betreffen das Volk der Juden. Es geht um Jerusalem, den Tempel und die Opfer. Das wird dadurch unterstrichen, dass die beiden Weltreiche nicht als wilde und unreine Tiere beschrieben werden, sondern als Widder und Ziege, die beide für die Juden reine Tiere waren. Die Details, die beschrieben werden, sind für jemand, der sich nur aus säkularer Sicht mit der Weltgeschichte beschäftigt, von wenig Interesse. Für das Volk Gottes hingegen sind sie wichtig.
  2. Der Ort, an dem Daniel sich aufhält: Vers 2 sagt uns, dass er in der Burg Susan war, die in der Landschaft Elam ist. Es ist darüber nachgedacht worden, ob Daniel sich dort tatsächlich aufhielt oder ob er „im Geist“ dort war. Für beide Ansichten gibt es Argumente, aber es scheint doch so zu sein, dass er „im Geist“ dort war. Erstens ist es unwahrscheinlich, dass Daniel im dritten Jahr der Regierung Belsazars nicht in Babylon gewesen sein soll. Zweitens informiert uns der letzte Vers des Kapitels darüber, dass Daniel, nachdem er einige Tage krank war, aufstand und die Geschäfte des Königs verrichtete. Es steht außer Frage, dass er dies in Babylon getan hat.
    Elam3 wurde später eine der persischen Provinzen, deren Hauptstadt Susan war. Susan war eine Festung, die von den mesopotamischen Herrschern u. a. als Winterresidenz genutzt worden war. Zur Zeit der Perser galt die Stadt als eine der Hauptstädte des Reiches. Nehemia arbeitete dort am Hof des Königs (Neh 1,1). Im Buch Esther spielt Susan4 ebenfalls eine große Rolle.
    Die Tatsache, dass Daniel im Geist gerade in Susan war, ist nicht ohne Bedeutung. Das Babylonische Reich würde bald zu einem Ende kommen, und Daniel bekam nun ein Gesicht, das sich zunächst mit dem Folgereich – dem Medopersischen Reich – und dann mit dem nächsten – dem Griechischen Reich – beschäftigte. Die Tatsache, dass Daniel dieses Gesicht nicht in Babylon, sondern in Susan gesehen hat, scheint diesen Wechsel vom ersten auf das zweite Weltreich bereits anzudeuten.

Dennoch sind die Kapitel 7 und 8 miteinander verbunden. In beiden befindet Daniel sich in der Regierungszeit von Belsazar. Zum anderen sagt Vers 1 ausdrücklich, dass das Gesicht von Kapitel 8 nach dem Gesicht von Kapitel 7 erfolgte. Schwerpunkt in Kapitel 7 ist das vierte Weltreich. Schwerpunkt in Kapitel 8 ist das dritte Weltreich. Beiden Weltreichen ist gemeinsam, dass sie in der Endzeit zu den erbitterten Feinden des Überrestes von Juda gehören werden.

Der Widder und der Ziegenbock

Beim Lesen des Kapitels wird klar, dass es vor allem um zwei der vier Weltreiche geht, nämlich die Weltreiche mit den Bildern eines Widders und eines Ziegenbocks. Wen diese beiden Tiere symbolisieren, wird in Vers 20–21 erklärt. Der Widder steht für das Medopersische Reich und der Ziegenbock für das Griechische Reich. Beide Reiche sind Vergangenheit, wie wir aus der säkularen Geschichtsschreibung wissen.

Man könnte sich fragen, warum uns so viele Einzelheiten über zwei längst vergangene Weltreiche gegeben werden. Dabei müssen wir bedenken, dass beide in der Geschichte der Juden eine wichtige Rolle gespielt haben. Alles, was das irdische Volk Israel betrifft, ist Gott wichtig und sollte uns ebenfalls wichtig sein. Es geht immerhin um das Volk, durch das die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen auf dieser Erde einmal sichtbar werden wird und in dem sich der Ratschluss Gottes für den Segen der Nationen im Tausendjährigen Reich erfüllen wird (1. Mo 22,17.18).

Darüber hinaus haben wir in Daniel 7,12 gesehen, dass diese Reiche weiter existieren, selbst wenn ihnen die Macht genommen ist. In der Zeit des Endes haben wir wieder mit diesen Reichen zu tun, besonders mit dem dritten Reich. Gerade dieses Reich wird – als König des Nordens – erneut in tiefer Feindschaft zu den Juden sein. Das macht Daniel 8 zu einem wichtigen Baustein biblischer Prophetie. H. Smith schreibt: „Es gibt uns prophetisch die Geschichte dieser beiden Reiche in der Zeit ihrer Macht und ihrer Verbindung mit dem Volk Gottes – Prophezeiungen, die sich bereits erfüllt haben. Gleichzeitig schattet ihre vergangene Geschichte ihren Widerstand gegen Gottes Volk am Ende der Tage vor.“5

Werkzeuge in der Hand Gottes

Auffallend ist, dass diese Reiche hier völlig anders als in Kapitel 2 und Kapitel 7 beschrieben werden, obwohl es einige Überstimmungen gibt. Mit Kapitel 7 stimmt u. a. überein, dass sie als Tiere vorgestellt werden, der Unterschied liegt jedoch in der Art der Tiere. Bär und Leopard sind wilde Tiere, die ihre Beute töten und vertilgen. Widder und Ziegenbock hingegen sind Tiere von anderer Natur. Sie fressen keine anderen Tiere, sondern stoßen sie. Das finden wir in unserem Kapitel sehr deutlich. In Hesekiel 39,8 werden die „Fürsten der Erde“ mit Widdern und Böcken verglichen. Das könnte auf Herrschaft und Regierung hinweisen. Wir wollen uns auch erinnern, dass beide Tiere im Opferdienst der Juden verwendet wurden. Das lässt uns daran denken, dass Gott diese Weltreiche als Werkzeuge für seine Zwecke und Ziele benutzt. So wie ein Opfertier zu Gottes Ehre war, mussten diese Weltreiche – ob sie wollten oder nicht – den Plan Gottes ausführen. Es geht jedenfalls hier nicht um ihre Verdorbenheit wie in Kapitel 7. Das beschriebene kleine Horn in Kapitel 8 war ohne jede Frage völlig verdorben, aber dennoch ein Werkzeug in der Hand Gottes.

Es gibt verschiedene Stellen, die uns diesen Gedanken zeigen, dass Gott sogar böse Menschen und Feinde benutzt, damit sie das tun, was zur Erfüllung seiner Pläne dient. Diese Tatsache nimmt nichts davon weg, dass diese Weltreiche bzw. deren Regenten für das, was sie tun, die volle Verantwortung tragen. Wir müssen diese beiden Seiten deutlich voneinander unterscheiden. Ein Beispiel finden wir in Sacharja 6,1–8, wo es ebenfalls um die Weltreiche geht, die dort den Geist Gottes Ruhe finden lassen. Von dem Perserkönig Kores hatten wir bereits in Kapitel 6 gesehen, dass er der Hirte Gottes genannt wird, der „all mein Wohlgefallen ausführt“ (Jes 44,28). In Jesaja 46,11 wird das Medopersische Reich mit einem „Raubvogel“ verglichen und doch „Mann meines Ratschlusses“ genannt. Assyrien wird in Jesaja 10,5 als „Rute“ des Zorns Gottes über Israel bezeichnet (vgl. Amos 6,14). Das werden wir gerade in Daniel 8 bestätigt finden.6

Feindschaft gegen die Juden

Daniel 8 dokumentiert sehr deutlich die Feindschaft böser Mächte gegen das Volk der Juden. Diese Feindschaft wird am Ende der Tage in dreifacher Weise sichtbar werden. Dies zu unterscheiden, hilft zum Verständnis dieses Kapitels:

  1. Das wiederhergestellte Römische Reich unter der Führung des kommenden europäischen Weltherrschers – dargestellt in dem kleinen Horn in Daniel 7 – wird besonders dem gläubigen Überrest nachstellen und die Gläubigen verfolgen.
  2. Es wird den Antichristen geben, der ebenfalls diesen jüdischen Überrest verfolgt. Das wird uns speziell in Daniel 11,36–39 beschäftigen (vgl. Off 13,11–18). Dabei fällt auf, dass gerade das Alte Testament relativ wenig über den Antichristen sagt, während der König des Nordens im Neuen Testament kaum erwähnt wird.
  3. Es wird einen König aus dem Norden geben, der einen großen Hass auf die Juden hat und ihr Land einnehmen und überschwemmen wird. Das ist das kleine Horn in Daniel 8. Sein Hass richtet sich nicht nur gegen die Juden, sondern besonders gegen Gott. Dieser Feind – an anderen Stellen „der Assyrer“ genannt – wird in vielen Stellen des Alten Testaments ausführlich beschrieben.

Es ist wichtig, diese drei Bedrohungen und Mächte nicht zu verwechseln, was leider häufig geschehen ist. Erstens darf das kleine Horn in Kapitel 7 nicht mit dem kleinen Horn in Kapitel 8 verwechselt werden. In Kapitel 7 geht es um das europäisch-römische Reich und seinen Herrscher. In Kapitel 8 geht es um den König des Nordens (Syrien) und seinen Herrscher.7 Zweitens muss bedacht werden, dass der König des Nordens nicht der Antichrist ist. Wir finden diesen nicht in Kapitel 8.

Gliederung

Wir folgen einer Gliederung in drei Teile:

  1. Verse 1–8: Das Gesicht über den Widder und den Ziegenbock
  2. Verse 9–14: Das kleine Horn
  3. Verse 15–27: Die Auslegung des Gesichts und die Reaktion Daniels

Wichtig ist zu bemerken, dass sich in diesem Kapitel – aus unserer Perspektive – erneut sowohl erfüllte bzw. teilerfüllte Prophetie als auch noch nicht erfüllte Prophetie findet. Die Verse 1–14 haben sich zu einem großen Teil bereits erfüllt, während die Auslegung des Gesichts (Verse 15–26) ausdrücklich für die „Zeit des Endes“ gegeben ist und sich bis heute nicht erfüllt hat.8

Verse 1–8: Das Gesicht über den Widder und den Ziegenbock

Daniel in der Burg Susan

Das Gesicht in Kapitel 7 datierte aus dem ersten Jahr Belsazars, während das Gesicht in Kapitel 8 Daniel wenige Jahre später gegeben wurde. Das 3. Jahr von Belsazar datieren die meisten Ausleger auf die Zeit um 548/547 v.Chr, d. h. es würde noch einige Jahre dauern, bis das Babylonische Reich endgültig zu Ende kommen sollte. Einige Ausleger nehmen an, dass Daniel diese Vision im Jahr 539 v. Chr.– also unmittelbar vor dem Ende Babels – bekommen hat, aber es spricht mehr dafür, dass es vorher war.9

Den Grund, warum Daniel dieses Gesicht gerade in Susan bekam, haben wir in der Einleitung erläutert. Susan würde später eine der Hauptstädte des Persischen Reiches sein, befand sich aber zum Zeitpunkt des Gesichts vermutlich noch im Besitz des Babylonischen Reiches.

Daniel stand vor dem Fluss. Wenn er von der Stadt aus zum Fluss sah und den Widder wahrnahm, schaute er Richtung Osten. Gerade von dort würden wenige Jahre später die Feinde angreifen. Das stimmt mit der Voraussage Gottes überein: „… der ich einen Raubvogel rufe von Osten her, aus fernem Land den Mann meines Ratschlusses. Ich habe geredet und werde es auch kommen lassen; ich habe entworfen und werde es auch ausführen“ (Jes 46,11).

Die einleitenden Verse betonen, dass Daniel etwas sah. Er wurde ein Augenzeuge. Später finden wir, dass er etwas hörte. So wurde er ein Ohrenzeuge. Das alles beeindruckte ihn tief und er schrieb es auf. Wir können sicher sein, dass sein Zeugnis wahr ist.

Der Widder

Daniel nahm zuerst einen Widder wahr, der zwei Hörner hatte, die hoch waren. Allerdings war das eine Horn höher als das andere und stieg zuletzt empor. Vers 20 zeigt, dass es sich um die Könige von Medien und Persien handelt, über deren Reich wir bereits in den Kapiteln 2 und 7 gelesen haben. Was wir dort fanden, wird hier – wenn auch unter einem anderen Blickwinkel – bestätigt. Es handelt sich um ein Doppelreich. Beide Völker dieses Reiches waren mächtig. Das wird in den Hörnern angedeutet.10 Dennoch waren die Perser unter Kores das stärkere Element und die Meder von ihnen abhängig. Das Bild des Widders ist sehr zutreffend, denn der Widder ist ein bekanntes Symbol, das sich auf persischen Monumenten und Gebäuden und offiziellen Dokumenten findet.

Mit knappen Worten beschreibt Gott die etwas über 200 Jahre lange Geschichte dieses zweiten Weltreiches:

  1. Es dehnte sich in die drei genannten Himmelsrichtungen Westen, Norden und Süden aus: Die Zahl 3 mag ein Hinweis auf die drei Rippen sein, die in Kapitel 7,5 in dem Maul des Bären waren. Im Westen wurden z. B. Babylonien, Mesopotamien, Syrien, Kleinasien und Mazedonien unterworfen, im Norden waren es Länder wie Thrakien, Armenien, Gebiete in Turkestan und am Kaspischen Meer. Im Süden nennen wir Palästina, Äthiopien, Ägypten und Libyen. Der Osten wird nicht erwähnt. In der Tat gab es keine größeren Eroberungszüge, die sich in diese Richtung wandten.
  2. Kein anderes Reich hatte Bestand: Das bestätigt die Geschichte ebenfalls. Widerstand gegen die Aggressoren war völlig sinnlos. Es gab keine andere Macht, die sich gegen den Eroberungsdrang der Medoperser wehren konnte. Ihre kühnen Eroberungszüge waren von Erfolg gekrönt.
  3. Es handelte nach seinem Gutdünken: Obwohl speziell Kores in der Hand Gottes als Werkzeug benutzt wurde, handelten die Herrscher dieses Reiches dennoch nach eigenem Gutdünken, d. h. sie taten ihren eigenen Willen.11 Gott bestimmte allerdings die Zeit, in der sie das tun konnten.
  4. Es wurde groß: Das Medopersische Reich wurde sehr schnell zur führenden Macht im Nahen Osten, bis es gut 200 Jahre später von Alexander dem Großen besiegt wurde. Wir müssen bedenken, dass das aus Daniels Sicht alles noch zukünftig war. Wenn wir die Bücher Esther, Esra und Nehemia lesen, wird uns deutlich, wie groß die Herrschaft der Könige dieses Reiches tatsächlich war.

Die Könige dieses Reiches verhielten sich so, wie sich viele Menschen verhalten. Sie missbrauchten die ihnen von Gott gegebene Autorität und taten das, was ihnen selbst gefiel. Sie erhoben sich und wollten immer größer werden. Dabei hatten sie scheinbar Erfolg. Aber Gott bestimmte wie immer das Ende.

Der Ziegenbock

Daniel war mit dem Widder beschäftigt, als er einen Ziegenbock sah, der den Widder vernichtete. Vers 21 spricht von einem zottigen Ziegenbock und nennt ihn den „König von Griechenland“. Das ist ohne Frage Alexander der Große, der große Eroberer aus Mazedonien, der in wenigen Jahren die medopersische Macht brach.

Erneut ist die göttliche Beschreibung knapp, aber äußerst zutreffend. Es ist schon faszinierend zu sehen, wie Gott die Geschichte im Voraus beschreibt und wie alles genauso in Erfüllung geht, wie Er es vorausgesagt hat. Wir wissen, dass die Bibel göttlich inspiriert ist und wir keine externen Beweise für ihre Glaubwürdigkeit brauchen. Aber es ist offenkundig, dass Gott es in seiner Weisheit von Zeit zu Zeit gefällt, uns an konkreten Ereignissen klar zu machen, wie zuverlässig sein Wort immer eintreffen wird. So auch hier in der Beschreibung des Ziegenbocks:

  1. Er war zottig: Alexander war ein junger und eher wilder Mann. Die Geschichte berichtet von manchen Eskapaden dieses Königs, der einen ausschweifenden Lebenswandel geführt haben soll. Es ist immer wieder zu lesen, dass sein früher Tod – aus menschlicher Perspektive – u. a. auf dieses ausschweifende Leben zurückzuführen sei.
  2. Er kam von Westen: In der Tat haben wir es in der Geschichte zum ersten Mal mit einer westlichen Macht zu tun, die starken Einfluss auf die östliche Welt ausübte. Alexander brach von Westen her in das Persische Reich ein. Wenn wir die Bibel lesen, fällt uns auf, dass sich die Geschichte, angefangen vom Paradies über Noah, Abraham, die Geschichte Israels und auch die der ersten beiden Weltreiche, im Osten abspielt. Im Osten war die Zivilisation weit fortgeschritten, während im Westen die Barbaren wohnten. Aber jetzt greift erstmals eine westliche Macht in das Geschehen ein.
  3. Er hatte eine große Geschwindigkeit: Das wird in Vers 4 angedeutet. Er war so schnell, dass er die Erde nicht berührte. Es ist in der Tat beeindruckend zu sehen, in welch einer Geschwindigkeit Alexander sein Reich vergrößerte.
  4. Er hatte ein ansehnliches Horn: Vers 21 sagt, dass es ein großes Horn war. Das ist Alexander der Große, der Gründer des Reiches. Er war der Sohn des mazedonischen Königs Philippus. Dieser hatte zuvor Griechenland erobert und aus Mazedonien und Griechenland ein Reich gemacht. Alexander bekam dieses Reich im Jahr 336 v. Chr im jungen Alter von 20 Jahren als Erbe und war Alleinherrscher über dieses Reich. Im Jahr 323 v. Chr. starb er in Babylon.
  5. Er vernichtete den Widder: Er rannte ihn an im Grimm seiner Kraft, er stieß ihn, zerbrach seine beiden Hörner, warf ihn zu Boden und zertrat ihn. Das zeigt, wie vollständig die Medoperser vernichtet wurden. Obwohl deren Truppen um ein Vielfaches größer waren als die griechischen Truppen, wurden sie wiederholt vernichtend besiegt. Dies geschah in den geschichtsträchtigen Schlachten am Granikos (334 v. Chr.), bei Issos (333 v.Chr.) und Gaugamela (331 v. Chr.).
  6. Niemand rettete den Widder aus seiner Hand: Die Nachbarländer konnten keine Hilfe sein. Im Gegenteil, sie wurden selbst von Alexander eingenommen.
  7. Er wurde überaus groß: Alexanders Eroberungsdrang war ungebremst. Zu seinem Reich gehörten später Länder wie Griechenland, Mazedonien, Bulgarien, Türkei, Syrien, Jordanien, Israel, Libanon, Zypern, Ägypten, Libyen, Irak, Iran, Kuwait, Afghanistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan, Pakistan sowie Teile der Ukraine, Rumäniens, Albaniens, Armeniens, Aserbaidschans und Indiens. In Ägypten gründete er einen Flottenstützpunkt an der Nilmündung und legte die Gründung zu der Stadt Alexandria, die später zu einem Handelszentrum und zu einer Hauptstätte von Kunst und Wissenschaft wurde.

Als Motiv für die Aggression wird in Vers 7 eine „Erbitterung“ der Griechen gegen die Medoperser genannt. Das ist in dieser Form besonders. Es gab wohl Streit und Krieg (Medopersien gegen Babylon, Römer gegen Griechen), aber das hier war mehr.12 Es gab eine besondere Feindschaft zwischen Griechen und Persern, die die Perser verursacht hatten, indem sie (etwa 150 Jahre vorher) verheerende Einfälle in das damalige Griechische Reich unternommen hatten.13 Seitdem hatten die Griechen einen unauslöschlichen Hass gegen die Perser, der sich von einer Generation zur anderen vererbt hatte. Der eigentliche Grund für den Feldzug Alexanders war Rache für das, was seinem Volk angetan worden war.

Vier ansehnliche Hörner

Alexander starb 323 v. Chr. in Babylon. Die Todesursache wird unterschiedlich angegeben (vgl. die Hinweise in Kapitel 7). Er hatte zu diesem Zeitpunkt keinen männlichen Erben. Sein Sohn wurde erst nach seinem Tod geboren, so dass seine Feldherren um die Nachfolge stritten. Seine Heerführer kamen an die Macht (vgl. Kap 7,6) und die „Diadochenreiche“14 entstanden. Die vier Hörner entsprechen den vier Köpfen des Leoparden (Kap 7,6). Daniel 11,3–4 spricht ebenfalls davon: „Und ein tapferer König wird aufstehen, und er wird mit großer Macht herrschen und nach seinem Gutdünken handeln. Und sobald er aufgestanden ist, wird sein Reich zertrümmert und nach den vier Winden des Himmels hin zerteilt werden. Aber nicht für seine Nachkommen wird es sein und nicht entsprechend der Macht, mit der er geherrscht hat; denn sein Reich wird zerstört und anderen zuteil werden, unter Ausschluss von jenen.“ Es dauerte einige Zeit, bis die Aufteilung perfekt war, aber nach der Schlacht bei Ipsos (301v. Chr.) bildeten sich die vier Hauptreiche15, und zwar in jede Himmelsrichtung:

  • Im Westen: Mazedonien unter Antipatros bzw. dessen Sohn Kassander
  • Im Norden: Kleinasien unter Lysimachus
  • Im Osten: Syrien unter Seleukus
  • Im Süden: Ägypten unter Ptolemäus

Zwei dieser Reiche (Syrien und Ägypten) haben in der weiteren Geschichte der Juden eine große Rolle gespielt, und das wird in der Endzeit wieder so sein. Es sind bereits heute zwei sehr wichtige Nachbarstaaten Israels, mit denen es seit 1948 einige militärische Auseinandersetzungen gegeben hat. Das Verhältnis zu Syrien gilt dabei als besonders angespannt.16

Gott bleibt nicht lange bei dem stehen, was uns Menschen wichtig erscheint und womit wir ganze Bücher füllen können. Gott beschreibt das, was Ihm wichtig ist. Das ist sein Volk. Das dürfen wir nicht vergessen. Wenn Gott allerdings etwas über die Geschichte sagt, ist das immer zuverlässig und sicher. Gott kann sich niemals irren.

Verse 9–14: Das kleine Horn

Antiochus IV. Epiphanes

Aus der Sicht Daniels war alles, was er sah, zukünftig. Wenn wir heute diese Verse lesen, erkennen wir schnell, dass alles, was bisher gesagt wurde, eine geschichtliche Erfüllung gefunden hat. Ab Vers 9 ändert sich das. Vordergründig geht es immer noch um Ereignisse, die sich bereits erfüllt haben. Aber in Verbindung mit Vers 17 erkennen wir, dass diese Ereignisse ebenfalls Licht auf die letzten Tage werfen, d. h. auf die Zeit, bevor der Sohn des Menschen sichtbar erscheinen wird, um sein Reich zu gründen. Einige Handlungen dieses „kleinen Horns“ werfen Licht auf zukünftige Ereignisse. Das müssen wir gut unterscheiden und erkennen.

Es ist offensichtlich, dass dieses „kleine Horn“ aus einem der vier Diadochenreiche hervorgeht. Die Beschreibung macht auch klar, aus welchem Reich. Es geht um einen König in dem östlichen Seleukidenreich. Dass dieses Horn zunächst „klein“ ist, bedeutet nicht, dass es unbedeutend ist. H. Smith schreibt: „Der Ausdruck kleines Horn mag darauf hindeuten, dass der so symbolisierte Mensch aus der Masse aufsteht und, abgesehen von seinem Genie, völlig unbedeutend wäre.“17 Dieses Horn wird jedoch ausnehmend groß, und zwar gegen Süden (Ägypten) und gegen Osten (Mesopotamien) und gegen die Zierde (Israel). Objektiv gesehen lag dieses Reich im Osten, aus der Perspektive Israels aber im Norden. Deshalb wird der König dieses Reiches später auch der „König des Nordens“ (sechsmal in Daniel 11) oder „Assyrer“ (Syrien) genannt. Es geht um eine Macht, die nördlich von Palästina liegt.18

Etwa um 200 v. Chr. gewann Antiochus III. im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen mit den Ptolemäern die Oberhand über Palästina und Ägypten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann die Hellenisierung19 der Juden, d. h. die griechische Kultur und Religion sollte auch von den Juden übernommen werden. Das musste zwangsläufig zu Konflikten führen, weil viele Juden das nicht einfach akzeptierten. Viele Juden übernahmen dennoch den griechischen Lebensstil, der dem des Alten Testamentes völlig entgegen war. Das musste den Zorn Gottes auf diese Juden herabziehen.

Das „kleine Horn“, das ausnehmend groß wurde, ist der König Antiochus IV. Epiphanes20. Sein Name scheint Programm gewesen zu sein, denn Epiphanes bedeutet „der Strahlende“ oder „der in Herrlichkeit Erscheinende“. Er regierte als achter König der Seleukiden von 175–163 v. Chr. und entwickelte einen besonderen Hass gegen die Juden. Im Jahr 168 v. Chr. kämpfte er gegen Ägypten und erlitt am Ende eine Niederlage.21 Von dort zog er nach Palästina weiter, als wäre man dort an seiner Niederlage schuld und wandte sich in seiner Wut und seinem Hass gegen die Juden. Er verbrannte Teile der Stadt und vor allem entweihte er den Tempel. Hinzu kam, dass es Zwistigkeiten unter den Priestern in Jerusalem gab, die Antiochus als Revolte gegen seine Herrschaft auslegte. Allerdings gab es in Jerusalem offensichtlich auch Kollaborateure dieses Königs.

Das Horn wandte sich nach Süden und nach Osten, d. h. nach Ägypten und nach Mesopotamien. Dann wird hinzugefügt „und gegen die Zierde“ (oder „das angenehme Land“22). Dieser Ausdruck ist bemerkenswert, weil Jerusalem zum Zeitpunkt des Gesichts Daniels in Schutt und Asche lag und es keinen Tempel dort gab. Dennoch hat Gott diese Sichtweise. Für Ihn bleibt es „die Zierde“. In Hesekiel 20,6 wird das Land eine „Zierde von allen Ländern genannt“. In Jeremia 3,19 ist es „ein kostbares Land“, „die herrlichste Zierde der Nationen“. Gott hatte seinem Volk zugesichert, dass die Augen des Herrn beständig auf das Land gerichtet sein würden (5. Mo 11,12). Das ist immer die Sichtweise Gottes.23

Groß bis zum Heer der Himmel

Zwei Dinge werden zunächst gesagt:

  1. Das Horn wurde groß bis zum „Heer des Himmels“: Diesen Ausdruck müssen wir gut verstehen. Er wird in der Bibel unterschiedlich gebraucht. An manchen Stellen (z. B. Ps 33,6; Jer 33,22) sind damit tatsächliche Himmelskörper (Sonne, Mond und Sterne) gemeint. An manchen Stellen symbolisieren oder repräsentieren sie regierende Gewalten, wie z. B. die Engel (1. Kö 22,19) oder die himmlischen Gläubigen, die mit Christus auf die Erde kommen (Off 19,14). Die Sonne ist die höchste Autorität, der Mond besitzt abgeleitete Autorität, und die Sterne haben eine untergeordnete Autorität. Der Gedanke der Regierung geht auf 1. Mose 1,16 zurück (vgl. Ps 136,7–9). Als Joseph in seinem Traum diese Himmelskörper sah, war seinen Brüdern und seinem Vater sofort klar, was damit gemeint war. In der Zeit nach dem babylonischen Exil hat es in Jerusalem immer politische und religiöse Autoritäten gegeben, auch wenn sie gleichzeitig unter der Macht der Könige der Weltreiche standen. Konkret werden mit dem „Heer des Himmels“ hier vor allem die Priester und Leiter des Synedriums gemeint sein. W. Kelly schreibt: „Damit sind, soweit ich es verstehe, die gemeint, die in einer Stellung der Ehre und Herrlichkeit vor dem jüdischen Volk standen … Das „Heer des Himmels“ nimmt Bezug auf Personen, die einen Platz der Autorität in der jüdischen Politik innehatten.“24 Dabei dürfen wir nicht davon ausgehen, dass dieses „Heer der Himmel“ auch die „Herrschaft des Himmels“ anerkannt hätte. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Der Zusammenhang macht klar, dass sie sich nicht in einem guten Zustand befanden, denn wegen ihrer Übertretung brachte Gott das Gericht über Jerusalem. Es geht um ihre Stellung und nicht um ihren Herzenszustand. Sie standen in einer äußeren Verbindung zu Gott, und danach wurden sie beurteilt. Das ist immer die Weise Gottes: Er urteilt nach dem Bekenntnis und nach der Stellung, in der sich jemand befindet – selbst wenn er dieser nicht entspricht.25
  2. Es warf von dem Heer und von den Sternen zur Erde nieder und zertrat sie: Die Sterne bilden ein Teil des Heeres des Himmels. Der Ausdruck „Heer“ mag eher kollektiv zu verstehen sein, während der Ausdruck „Sterne“ eher persönlich verstanden werden kann. Wenn das Horn von den Sternen zur Erde niederwarf und sie zertrat, bedeutet das zum einen, dass er sie degradierte, und zum anderen, dass er viele tötete. Genauso ist es geschehen, als Antiochus IV. Epiphanes in Jerusalem wütete. Es muss in dieser schrecklichen Zeit viel Blut geflossen sein. Geschichtsschreiber nennen die Zahl von 100.000 Menschen, die ihr Leben lassen mussten.26

Eine wichtige Einschaltung

Die Vers 11 und 12a bilden eine Einschaltung, bevor der Hauptgedanke in Vers 12b wieder aufgenommen wird.27 Es geht immer noch um das „Horn“, also um Antiochus IV. Epiphanes, aber jetzt ist nicht mehr die Rede davon, dass „es“ etwas tut, sondern dass „er“ etwas tut. „Es“ ist im Hebräischen weiblich und bezieht sich auf das Horn. „Er“ hingegen ist männlich. Das macht völlig klar, dass es nicht einfach um eine politische Macht geht, sondern darum, dass eine Person etwas tut.

Es fällt auf, dass in der Erklärung des Gesichtes in den Versen 23 bis 25 nichts von dem wiederholt und erklärt wird, was in diesem Klammersatz steht. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass das, was Antiochus IV. Epiphanes mit dem Heiligtum und den Opfern getan hat, keine prophetische Erfüllung in dem kommenden „König des Nordens“, dem syrischen Feind der Endzeit, finden wird. Jedenfalls gibt uns das prophetische Wort darauf keinen Hinweis.28

Vier Dinge werden zunächst gesagt:

  1. Er tat groß bis zu dem Fürsten des Heeres: Dieser Fürst – darin sind sich wohl alle bibeltreuen Ausleger einig – ist der Herr selbst (vgl. Jos 5,13.14). Obwohl das „Heer“ (d. h. die Juden) sich in der Masse von dem Gott ihrer Väter abgewandt hatte, nennt Gott sich doch der „Fürst des Heeres“. Antiochus IV. Epiphanes vernichtete also nicht nur einen Teil des jüdischen Volkes und seiner religiösen und politischen Führer, sondern er trieb seine Anmaßung so weit, dass er sich bis zu Gott selbst erhob und groß tat. Das zeigt die ganze Überheblichkeit und Anmaßung des bösen und stolzen menschlichen Herzens. Es folgt dem Beispiel seines „geistigen Vaters“ (dem Teufel), der genau das getan und sich bis zu Gott erhöht hat. Er wollte seinen Sinn „dem Sinn Gottes“ gleichstellen (Hes 28,6; vgl. auch Hes 28,13–15), wollte „hinauffahren auf Wolkenhöhen“ und sich „gleichmachen dem Höchsten“ (Jes 14,14). Wenn es hier heißt: „bis zum Fürsten des Heeres“, so geht das weiter als nur „gegen den Fürsten des Heeres“. Die Präposition macht klar, dass er sich Gott gleichmachen wollte.29
  2. Er nahm ihm das beständige Opfer weg: Die Geschichte berichtet darüber, wie dieser syrische König im Jahr 167 v. Chr. den Tempel entweihte und verunreinigte und dem jüdischen Opferdienst für eine Zeit ein Ende machte. Aus dem Brandopferaltar machte er einen Altar heidnischer Götter und ließ Schweine darauf opfern. Schweine waren für die Juden unreine Tiere. Das muss eine besondere Provokation für sie gewesen sein. Aber hier geht es nicht so sehr um die Provokation der Juden, sondern vielmehr um die Provokation Gottes. Das beständige Opfer (2. Mo 29,38–46) gehörte niemand anderes als Gott. Es spricht von dem Wohlgeruch des Opfers des Herrn Jesus, das beständig – Tag und Nacht – vor Gott ist. Das ist hier der gravierende Punkt. Das, was Gott gehörte, wurde Ihm weggenommen.30
  3. Die Stätte seines Heiligtums wurde niedergeworfen: Interessanterweise wird hier nicht direkt gesagt, wer das getan hat, obwohl klar ist, dass es Antiochus IV. Epiphanes war. Aber es ist denkbar, dass der Heilige Geist hier besonders andeuten möchte, dass es eine Strafe Gottes war, die Er an seinem Volk ausübte. Antiochus IV. Epiphanes war – ohne dass es ihm bewusst war und ohne dass er es gewollt hätte – ein Werkzeug (eine „Zuchtrute“) in der Hand Gottes. Erneut fällt auf, dass es nicht um das „Heiligtum der Juden“ und um „ihren Tempel“ geht – was vordergründig durchaus der Fall war –, sondern um sein Heiligtum. Das Ziel ist, Gott selbst zu schaden. Der Hass richtet sich gegen Ihn. Obwohl es im Allgemeinen nur ein äußerer Gottesdienst war und die Juden einer bloßen Form folgten, nennt Gott das Opfer sein Opfer, und den Tempel sein Heiligtum.31
    Dass die Stätte des Heiligtums niedergeworfen wurde, muss nicht unbedingt bedeuten, dass der Tempel zerstört wurde. Es geht wohl eher darum, dass er entweiht wurde und der priesterliche Gottesdienst zu einem Ende kam.
  4. Dem beständigen Opfer wurde eine Zeit der Mühsal – oder eine Mühsal – auferlegt, um des Frevels willen: In Matthäus 24,15 spricht der Herr Jesus von dem Gräuel der Verwüstung, der einmal an heiligem Ort stehen wird, und bezieht sich auf eine Weissagung Daniels. Einige Ausleger bringen das deshalb mit Daniel 8 in Verbindung. J. N. Darby weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass hier nicht von dem „verwüstenden Gräuel“ die Rede ist, sondern von einer Mühsal, die dem beständigen Opfer wegen des Frevels auferlegt wird.32 Matthäus 24,15 nimmt also vielmehr Bezug auf Daniel 9,27, wo wir von der „Beschirmung der Gräuel“ lesen, um derentwillen ein Verwüster kommen wird. In unserem Vers geht es darum, dass das beständige Opfer aufhören würde als eine Strafe Gottes für das abgefallene Volk. Der Frevel, der hier erwähnt wird, ist nicht der Frevel der Feinde, sondern bezieht sich auf das Verhalten der Juden. Der zurückgekehrte Überrest hatte sich gegen Gott versündigt und Gott das vorenthalten, was Ihm gehörte. Obwohl der Gottesdienst äußerlich weiterging, war er zu einer äußeren Sache degeneriert, an der Gott keine Freude haben konnte. Aber Er gab das Volk nicht auf und kümmerte sich – wenn auch in Züchtigung – weiter um sie. Gott erlaubte den Aggressoren aus Syrien wegen der Übertretung des Volkes, das beständige Opfer wegzunehmen.

Die Wahrheit zu Boden geworfen

Hier endet der Klammersatz, d. h. Vers 12b schließt an das Ende von Vers 10 an. Die hier erwähnte „Wahrheit“ ist das jüdische Gesetz, die Offenbarung des Willens Gottes im Alten Testament. Es wurde außer Kraft gesetzt. In einem anderen Zusammenhang sagt Jesaja 59,14: „Und das Recht ist zurückgedrängt, und die Gerechtigkeit steht von fern; denn die Wahrheit ist gestrauchelt auf dem Markt, und die Geradheit findet keinen Einlass“ (Jes 59,14). Das beschreibt sehr gut, was damit gemeint ist, wenn die Wahrheit zu Boden geworfen wird. Nicht nur, dass Antiochus IV. Epiphanes viele Schriftrollen vernichten ließ. Er tat mehr: Er verbot das Halten jüdischer Feiertage. Sie wurden in heidnische Feste umgewandelt.33 Er verbot die Beschneidung der männlichen Juden, das äußere Kennzeichen, das Gott seinem Volk gegeben hatte, um sie von den Nationen zu unterscheiden.

Bei alledem hatte dieser König Gelingen. Gott gestatte es ihm, erfolgreich zu sein. Allerdings bestimmt Er auch den Zeitraum des Erfolges. Das werden wir später noch deutlich sehen.34

Ein Gespräch unter Heiligen

Bisher war Daniel ein Augenzeuge. Er sah Dinge, die ihn entsetzt haben müssen. Jetzt kommt der Moment, wo er zusätzlich ein Ohrenzeuge wird. Er hört einen Heiligen reden, der mit einem anderen Heiligen spricht. Was die beiden miteinander bereden, beantwortet eine Frage Daniels, ohne dass er sie gestellt hat. Das geht aus Vers 14 hervor, wo der eine Heilige nicht zu dem anderen redet, sondern direkt zu Daniel spricht. Gott wusste genau, was im Herzen seines Propheten vorging, und deshalb ließ Er ihn Ohrenzeuge dieser kurzen Unterhaltung werden.

Wir zweifeln nicht daran, dass es sich bei den genannten „Heiligen“ um Engel handelt. Engel werden wiederholt mit Heiligkeit verbunden (Mk 8,38; Apg 10,22; Off 14,10). Diese Heiligen nahmen sehr wohl war, was sich auf dieser Erde und speziell in Jerusalem abspielte. Wir lernen hier, dass Engel Wesen mit unterschiedlichem Wissen sind. Der eine „Heilige“ fragt, der andere gibt Antwort. Das zeigt klar, dass sie nicht – wie Gott – allwissend sind (vgl. 1. Pet 1,12). Aber sie haben ein großes Interesse an dem, was die Erde betrifft. In Kapitel 4 haben wir etwas Ähnliches gesehen. Dort war von dem „Wächter“ die Rede (Kap 4,10.14.20). Engel sahen damals zu, sie werden es in Zukunft tun, und sie tun es auch heute. Sie sahen, was Antiochus IV. Epiphanes tat. Sie sehen heute, was in der Christenheit – und auch in der Versammlung Gottes – passiert.

Bis wann?

Es geht um die wichtige Frage, bis wann das Gesicht von dem beständigen Opfer und dem verwüstenden Frevel geht. Erneut ist von dem beständigen Opfer und dem verwüstenden Frevel die Rede und nicht von dem Gräuel der Verwüstung (den der Antichrist aufstellen lassen wird). Es geht immer noch um die Strafe, die Gott über das Volk bringen wird. Das wird dadurch unterstrichen, dass nicht von einer Person die Rede ist, die das tut, sondern davon, dass das Heiligtum und das Heer zur Zerstörung „hingegeben ist“. Es ist die Vorsehung Gottes, die dafür sorgt.

„Bis wann?“ ist eine Frage, die gottesfürchtige Menschen – und besonders der Überrest Israels – immer wieder gestellt haben und stellen werden (vgl. z. B. Ps 6,4; 74,9.10; 80,5; 89,47; 94,3). Der Glaube kann es nicht ertragen, wenn das Böse triumphiert und Gott verunehrt wird. Deshalb bewegt ihn diese Frage sehr.

Die Antwort, die Daniel bekommt, scheint unter der Herrschaft der Seleukiden in dem Angriff von Antiochus IV. Epiphanes eine tatsächliche Erfüllung gefunden zu haben, denn es waren die Makkabäer, die den Tempel schließlich „gerechtfertigt“, d. h. gereinigt haben. Das taten sie, indem sie die Voraussetzungen schafften, dass im Tempel wieder Gottesdienst geübt und auf dem Altar geopfert werden konnte.

Interessanterweise erfolgt die Angabe in der Antwort nicht in „Tagen“, sondern in „Abenden und Morgen“. Dabei gibt es keinen plausiblen Grund, diese Zahl symbolisch oder als Wochen oder gar Jahrwochen anzusehen, was einige Ausleger getan haben und dabei teilweise zu sehr merkwürdigen Erklärungen gekommen sind. Für die genannten 2.300 „Abende und Morgen“ gibt es zwei unterschiedliche Erklärungen:

  1. Man kann die Formulierung „Abende und Morgen“ sprachlich als komplette Tage auffassen, d. h. es geht um eine Zeitperiode von 2.300 Tagen, das sind etwas mehr als sechs Jahre. Ausleger, die dieser Erklärung folgen, weisen darauf hin, dass Antiochus IV. Epiphanes im Jahr 170 v.Chr. zum ersten Mal nach Jerusalem kam. Gut sechs Jahre später – im Jahr 164 v. Chr. – reinigte Judas Makkabäus den Tempel und weihte ihn neu ein.
  2. Man kann daran denken, dass es sich um 2.300 Opfer handelte. Da an jedem Tag ein Morgen- und ein Abendbrandopfer gebracht wurden, kommt man somit auf eine Zeitperiode von insgesamt 1.150 Tage oder etwas mehr als drei Jahre. Ausleger, die diese Erklärung bevorzugen, weisen darauf hin, dass die Entweihung des Tempels tatsächlich erst Ende 167 v. Chr. erfolgte und bis Ende 164 v. Chr. bzw. Anfang 164 v. Chr. andauerte,35 bis zu dem Zeitpunkt, wo der jüdische Gottesdienst tatsächlich wieder aufgenommen wurde36 und die Juden ihre religiöse Unabhängigkeit wieder erlangt hatten. Wenn man dieser Erklärung folgt, darf man diese 1.150 Tage allerdings nicht mit Daniel 12,11 verwechseln, wo eine Zeit von 1.290 Tagen genannt wird, in denen der Antichrist das beständige Opfer abschaffen und den verwüstenden Gräuel aufstellen wird. Wir sahen schon, dass beide Ereignisse voneinander zu unterscheiden sind.37

Die zweite Erklärung scheint die vorzüglichere zu sein, weil es Gott gerade darum geht zu zeigen, was Ihm angetan worden ist, indem man Ihm beständige Opfer weggenommen hat. Gott zählt jedes einzelne Opfer, das Ihm vorenthalten worden ist, und jedes einzelne dieser nicht gebrachten Opfer schmerzt Ihn, weil die Opfer von dem sprechen, was sein Sohn auf Golgatha tun würde.

Wie lange der König des Nordens in Zukunft das Volk bedrücken wird, wissen wir nicht. Aber jedenfalls wird diese Zeit von Gott begrenzt werden. Danach wird es Befreiung, Reinigung und Rechtfertigung geben. Davon schreibt Jesaja: „Nicht wird man ferner von Gewalttat hören in deinem Land, von Verheerung und Zertrümmerung in deinen Grenzen; sondern deine Mauern wirst du Rettung nennen und deine Tore Ruhm“ (Jes 60,18).

Verse 15–26: Die Auslegung des Gesichts

Daniel sucht Verständnis

Daniel sah das Gesicht, aber es blieb ihm unverständlich. Deshalb wollte er gerne mehr wissen. Der weitere Verlauf zeigt, dass ihm diese Bitte gewährt wurde. Wir erkennen hier einen Grundsatz, der bis heute gilt. Wer aufrichtig Einsicht in Gottes Gedanken sucht, wird sie bekommen. Voraussetzung ist, dass wir bereit sind, den Willen Gottes nicht nur zu erkennen und unser Wissen zu bereichern, sondern wir müssen den Willen Gottes tatsächlich tun. Der Herr Jesus sagt: „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede“ (Joh 7,17). Im Alten Testament wird von Gott gesagt: „Du kommst dem entgegen, der Freude daran hat, Gerechtigkeit zu üben“ (Jes 64,4). Wenn wir aufrichtig suchen, lässt Gott sich finden. Wenn wir mehr wissen wollen, wird Gott es uns offenbaren.

Im Verlauf der Erklärung des Gesichts finden wir das bestätigt, was wir bereits in Kapitel 7 gesehen haben, dass nämlich die Auslegung immer über das eigentliche Gesicht hinausgeht. Die Auslegung wiederholt nicht nur, sondern sie fügt in der Regel weitere Details hinzu bzw. lässt – wie in diesem Fall – auch einmal bewusst etwas weg. Was Daniel gesehen hatte, hat sich geschichtlich weitgehend erfüllt. Was er nun hören sollte, ist noch zukünftig. Es wird ausdrücklich gesagt: „Das Gesicht ist für die Zeit des Endes“ (Vers 17). Vers 19 spricht von „der letzten Zeit des Zorns“ und von der bestimmten „Zeit des Endes“. Wir werden noch sehen, was diese Ausdrücke genau bedeuten, aber es ist offenkundig, dass es um eine prophetische Komponente in Verbindung mit der Endzeit geht.

Im Übergang zu der Auslegung des Gesichts möchte ich gerne J. N. Darby zitieren, der Folgendes bemerkt: „Das Gesicht redet besonders von den Seleukiden, den Nachfolgern Alexanders des Großen in Asien, und wie ich nicht zweifle, sind es ihre Taten, vor allem die des Antiochus Epiphanes, die in dem Gesicht erwähnt werden, obwohl, wie schon bemerkt, Vers 11 und die erste Hälfte von Vers 12 für sich dastehen. Es ist daher nicht notwendig, die 2.300 Abende und Morgen auf irgendetwas anderes als die Taten der Seleukiden zu beziehen, was Vers 26 bestätigt. Die Deutung (Verse 23–25) bezieht sich nur auf die letzten Tage. Es ist darin keine Rede von dem Heiligtum, sondern nur von der Zerstörung des Volkes der Heiligen (der Juden) und von der Auflehnung gegen den Fürsten der Fürsten.“38 Es ist wichtig, dass wir das bei der Deutung gut im Auge behalten.

Eine Menschenstimme und der Engel Gabriel

Zum ersten Mal in der Bibel wird der Engel Gabriel erwähnt. Sein Name bedeutet „Mann Gottes“ oder „Kraft Gottes“. Wir werden ihn später noch einmal in Daniel 9,21 finden. Im Neuen Testament wird er in Lukas 1,19 und 26 in Verbindung mit der Geburt von Johannes dem Täufer erwähnt.39 Obwohl er im Volksmund manchmal ein „Erzengel“ genannt wird, bezeichnet die Bibel ihn nicht so.40 Allerdings ist Gabriel ein gewaltiger Engel, der von sich selbst ausdrücklich sagt: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht“ (Lk 1,19). Inwieweit Daniel das erkannt hat, wissen wir nicht. Jedenfalls fiel er auf seine Füße, weil die Erscheinung des Engels ihn sehr beeindruckt haben muss. Ähnlich erging es dem Seher Johannes in Offenbarung 19. Er bekam gewaltige Mitteilungen, die ihn veranlassten, zu den Füßen dessen niederzufallen, der sie machte, um ihn anzubeten (Off 19,10). Der Engel in Offenbarung 19 verwies ihm das mit deutlichen Worten, und auch hier sehen wir, wie Gabriel den erschrockenen Daniel aufrichtete und ihn auf seinen früheren Standort stellte. Engel folgen der Anweisung Gottes, aber sie lassen sich von Menschen keine Anbetung bringen. Sie wissen sehr wohl, dass Anbetung allein Gott gebracht werden darf.

Daniel hörte eine Stimme, die diesem gewaltigen Engel eine Anweisung gab. Wir hätten damit rechnen müssen, dass dies die Stimme Gottes ist. Umso erstaunlicher ist es, dass Daniel eine „Menschenstimme“ hörte. Die Lösung dieses Rätsels kann nur darin liegen, dass es Gott selbst war, der mit einer Menschenstimme redete, weil Daniel Ihn sonst nicht hätte verstehen können. Wir mögen darin einen erneuten Hinweis auf den „Sohn des Menschen“ sehen, den wir in Kapitel 7 vor uns haben und der dort niemand anderes als der „Alte an Tagen“ – Gott selbst – ist.

Menschensohn

In Vers 17 wird Daniel als Menschensohn angeredet. Dieser Titel ist für Daniel einmalig. Der Prophet Hesekiel wird auffallend oft so angeredet, aber ansonsten ist es nur Daniel, der so genannt wird. Die Ansprache „Menschensohn“ ist nicht damit zu verwechseln, dass der Herr Jesus der „Sohn des Menschen“ ist. Weder Daniel noch Hesekiel werden deshalb als „Menschensohn“ angeredet, weil sie ein Vorausbild auf den wahren „Sohn des Menschen“ wären.41 Der Grund scheint vielmehr darin zu liegen, dass Gott auf den großen Unterschied zwischen Ihm und einem von einer Frau geborenen Menschen aufmerksam machen möchte. Das macht die erste Stelle klar, in der dieser Ausdruck vorkommt. Gott sagt von sich selbst: „Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch ein Menschensohn, dass er bereue. Sollte er sprechen und es nicht tun, und reden und es nicht aufrechterhalten?“ (4. Mo 23,19). Der Kontrast zwischen der Größe und Souveränität Gottes und der „Kleinheit“ (Nichtigkeit) eines Menschen könnte nicht größer sein. Dennoch lässt Gott sich hier dazu herab, einem „Menschensohn“ wie Daniel ein Bild der Zukunft zu geben.

Die letzte Zeit

Auf diesen Ausdruck haben wir bereits kurz hingewiesen. Der Engel spricht von „der Zeit des Endes“, von „der letzten Zeit des Zorns“ und der „bestimmten Zeit des Endes“. Das macht völlig klar, dass das, was Antiochus IV. Epiphanes damals getan hat, ein prophetischer Hinweis auf jemand ist, der in der Zukunft noch kommen wird. Das, was sich im 2. Jahrhundert vor Christus in Jerusalem abgespielt hat, ist nur eine Vorerfüllung von dem, was in der Zeit des Endes geschehen wird.

Das Buch Daniel gebraucht unterschiedliche Ausdrücke, die alle in dieselbe Richtung weisen:

  • Kapitel 7,25; 12,7: „eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit“.
  • Kapitel 8,17.19; 11,35.40; 12,4.9: „die Zeit des Endes“.
  • Kapitel 8,19: „die letzte Zeit des Zorns“.
  • Kapitel 8,26; 10,14: „viele Tage“ bzw. „ferne Tage“.
  • Kapitel 9,26; 11,27; 12,6: „das Ende“.
  • Kapitel 12,13: „das Ende der Tage“.

Es fällt auf, dass diese Ausdrücke besonders ab Kapitel 8 vorkommen, wo es speziell um Juda und die Zukunft des Überrestes in der großen Drangsal geht. Diese Ausdrücke sind deshalb identisch mit den letzten 3½ Jahren („Zeiten, eine Zeit und eine halbe Zeit“), den „1.260 Tagen“ in Offenbarung 11, 3 und 12, 6, oder den „42 Monaten“ in Offenbarung 11, 2 und 13, 5. Es geht konkret um die Zeit der großen Drangsal Jakobs oder um die letzte Hälfte der siebzigsten Jahrwoche Daniels, die uns in Kapitel 9 näher beschäftigen wird.

Es ist die Zeit, in der das Römische Reich die Weltherrschaft ausübt. Das Tier aus dem Meer (Off 13,1) wird die dominierende Macht sein und mit dem Antichristen (dem jüdischen Führer) kooperieren. In dieser Zeit wird es aber auch die alten Mächte wie Griechenland, Syrien (König des Nordens), Ägypten (König des Südens), Irak (Babylon) und Iran (Persien) geben. Sie werden zwar nicht mehr die Macht haben, die sie einmal hatten, aber sie existieren und werden für den Staat Israel eine besondere Bedrohung darstellen. Besonders der König des Nordens (Syrien) wird eine große Gefahr und ein Feind Israels sein. So wie damals Antiochus IV. Epiphanes in das „Land der Zierde“ einbrach, um es zu verwüsten, wird es in der Zukunft ähnlich sein. Es wird eine Invasion aus dem Norden geben, die Israel in die größte Bedrängnis bringen wird.

Der Ausdruck „Ende“ meint offensichtlich nicht das Ende von Antiochus IV. Epiphanes. Es geht nicht unmittelbar um den Zorn und das Gericht Gottes über ihn. Es geht vielmehr um die Zeit, in der der „Zorn des Lammes“ über diese Erde kommen wird (Off 6,16). Gemeint ist der Grimm Gottes über sein Volk Israel und in der Folge dann ebenso über seine Feinde in einer noch zukünftigen Zeit. Gott hat allen Grund, über sein Volk zu zürnen. Der eigentliche Grund für seinen Zorn wird hier nicht angegeben, aber er liegt auf der Hand. Es geht um eine „alte Sünde“ des Volkes Israel, nämlich um den Götzendienst. Im Tempel selbst wird ein von dem Antichristen – einem Juden – aufgestelltes Götzenbild stehen, das in Daniel 9,27 ein Gräuelgötze genannt wird (vgl. dort die Fußnote in der Elberfelder Bibel).

Die letzte Zeit des Zorns

Durch Mose hatte Gott seinem Volk sagen lassen, was passieren würde, wenn sie sich von Ihm abwenden und wie die Nationen werden und leben würden: „Da entbrannte der Zorn des Herrn über dieses Land, so dass er den ganzen Fluch darüber gebracht hat, der in diesem Buch geschrieben ist; und der Herr hat sie herausgerissen aus ihrem Land im Zorn und im Grimm und in großem Unwillen und hat sie in ein anderes Land geworfen, wie es an diesem Tag ist“ (5. Mo 29,26.27). Durch den Propheten Jeremia lässt Gott ausrichten: „Darum, so spricht der Herr, Herr: Siehe, mein Zorn und mein Grimm wird sich über diesen Ort ergießen, über die Menschen und über das Vieh und über die Bäume des Feldes und über die Frucht des Landes; und er wird brennen und nicht erlöschen“ (Jer 7,20).

Besonders durch den Propheten Jesaja hat Gott wiederholt über seinen „Zorn“ oder „Grimm“ gesprochen; zum einem von seinem Zorn über das Volk, zum anderen von seinem Zorn über die Feinde, die Er benutzen wird, um sein Volk zu züchtigen. Sehr deutliche Hinweise dazu finden wir in Jesaja 10. Gott sagt z. B.: „Wehe, Assur, Rute meines Zorns! Und der Stock in seiner Hand ist mein Grimm. Gegen eine ruchlose Nation werde ich ihn senden und ihn gegen das Volk meines Grimmes entbieten, um Raub zu rauben und Beute zu erbeuten und es der Zertretung hinzugeben wie Straßenkot“ (Jes 10,5.6). „Darum, so spricht der Herr, der Herr der Heerscharen: Fürchte dich nicht, mein Volk, das in Zion wohnt, vor Assur, wenn er dich mit dem Stock schlagen und seinen Stab gegen dich erheben wird nach der Weise Ägyptens! Denn noch eine ganz kurze Zeit, so wird der Grimm zu Ende sein und mein Zorn sich wenden zu ihrer Vernichtung“ (Jes 10,24.25). Beide Verse zeigen einerseits, dass Gott Assur als Zuchtrute für sein Volk benutzen wird, weil sie sich von Ihm abgewandt haben. Andererseits wird deutlich, dass Assur die volle Verantwortung für den Missbrauch der Macht trägt und deshalb ebenfalls von Gott gerichtet wird. So war es damals, als Antiochus IV. Epiphanes sich gegen das Volk wandte und so wird es in der Zukunft sein, der „letzten Zeit des Zorns“. Gott wendet sich im Zorn und Grimm zuerst gegen sein eigenes Volk und dann gegen die Zuchtrute – Assyrien – selbst. Wenn der König des Nordens kurz vor der sichtbaren Wiederkunft des Sohnes des Menschen in Palästina und Jerusalem wüten wird, so geschieht das unter der ausdrücklichen Billigung Gottes, der sein Volk richten wird. Gottes Zorn ist auf dem Volk und bleibt auf ihm, bis der Messias kommen wird. Erst dann wendet sich sein Zorn, und Er wird sich Israel – bzw. dem Überrest – in Barmherzigkeit zuwenden.

Die beiden ersten Tiere und ihr Ende

Die Verse 20–22 geben zunächst eine sehr knappe Erklärung, die aber alles Wesentliche zu der Geschichte der ersten beiden Tiere beinhaltet. Es besteht kein Zweifel, wer in diesen Tieren und Hörnern zu sehen ist. Dabei werden die genannten Reiche – Medopersien und Griechenland – personifiziert, das heißt im ersten Fall geht es um mehrere Könige (die Könige von Medien und Persien), und im zweiten Fall um einen ganz bestimmten König, nämlich Alexander den Großen. Sein Reich zerbrach und wurde – wie wir bereits gesehen haben – unter seinen Generälen aufgeteilt. Es wird hinzugefügt, dass keiner der Nachfolger Alexanders eine solche Macht hatte wie er. Das bestätigte sich in der Geschichte. Unter seinen Nachfolgern gab es mächtige und grausame Könige, aber an die Größe dessen, der „der Große“ genannt wurde (Alexander), kamen sie alle nicht heran.

Ein großer Zeitsprung

Vers 23 beginnt mit den Worten: „Und am Ende ihres Königtums...“. Wie bereits bemerkt bezieht sich das nicht auf das historische Ende von Antiochus IV. Epiphanes, sondern weist auf die Endzeit kurz vor dem Kommen des Herrn Jesus auf diese Erde hin. Der inspirierte Bericht macht plötzlich einen großen Zeitsprung über viele Jahrhunderte hinweg und führt uns direkt an das Ende der Zeiten der Nationen. Dabei wird vor allem die Haushaltung der Gnade (die sogenannte Gnadenzeit, in der wir leben) ausgeklammert und übersprungen.42 Es ist wichtig, dass wir das gut verstehen, sonst werden wir nur zu falschen Schlussfolgerungen kommen können. Es geht in diesen Kapiteln um die Zukunft Israels (bzw. Judas) und nicht um die Versammlung oder die Christenheit. Wenn man diesen Gedanken hier hineinbringt, wird man den Sinn des Gesichtes nicht verstehen können.

In der Zeit des Endes wird es einen anderen König geben, der aus dem Norden in das Land Palästina einfällt. Er kommt dann, wenn die Frevler – das sind die ungläubigen Juden in ihrem Land und in Jerusalem unter der Herrschaft des Antichristen – das Maß vollgemacht haben. In Jeremia 5,28 sagt Gott sogar, dass sie das „Maß der Bosheit“ überschreiten. Gott ist ein Gott des Maßes. Er hat sehr viel Geduld. Manchmal wartet Er so lange, bis das Maß tatsächlich voll oder gar überschritten ist. Er lässt sich manches „gefallen“ von seinem irdischen Volk (und ebenso von den Menschen heute). Aber der Augenblick kommt, wo Menschen das Maß selbst vollgemacht haben. Dann kommt das Gericht.

Der Frevel meint hier nicht den generellen Abfall der letzten Tage, sondern konkret den Frevel der abgefallenen Juden, die sich völlig von dem Gott ihrer Väter entfernt haben und stattdessen den Antichristen als ihren König angenommen haben. Damit machen sie das Maß in der Tat voll.

Das Auftreten des Königs des Nordes

Gott benutzt diesen König, der aus dem Norden – aus Syrien – kommt, um seinen Zorn über das Volk zu bringen. Er ist – wie wir schon gesehen haben – die Zuchtrute Gottes über das abgefallene und götzendienerische Volk. Während der Antichrist von innen her sein Unwesen treibt, handelt es sich hier um einen Einfluss, der von außen kommt. Er ist seit jeher ein erbitterter Feind der Juden und wird nun ganz am Ende noch einmal seine Chance kommen sehen.43

Diese Gefahr aus dem Norden wird an manchen Stellen im Alten Testament erwähnt. Dabei gewinnen wir den Eindruck, dass dieser König zunächst versucht, sich mit List und Tücke das Vertrauen der Juden (oder zumindest einer Gruppe von Juden) im Land zu erwerben, indem er sie verführt. Wenn ihm das gelungen ist, wird er ganz am Ende über Palästina herfallen und es in einer Art Blitzkrieg erobern. Details dazu werden besonders in Jesaja 28 beschrieben. Wir werden darauf zurückkommen.

Dieser König wird nun beschrieben als jemand, der einen eisernen Willen hat, der gleichzeitig raffiniert und geschickt und dennoch äußerst brutal ist, der eine klare Zielvorstellung hat und nicht erlauben wird, dass ihm jemand in der Ausübung seines Willens und seiner Ideen im Weg steht. Sein großes Ziel ist, sich selbst zu erheben und Einfluss zu gewinnen:

  1. Er hat ein freches Angesicht: Dieser König kennt keine Scham und keine Zurückhaltung. Er wird frech und dreist auftreten. In Jesaja 33,19 wird das ganze Volk der Assyrer als ein „freches Volk“ bezeichnet.
  2. Er wird ränkekundig sein: Ausleger bringen das Wort „Ränke“ mit „dunklen Sprüchen“ in Verbindung und weisen darauf hin, dass dieser Mann offensichtlich über okkulte Fähigkeiten verfügt. Das muss uns nicht wundern, denn ganz sicher steht Satan hinter ihm.
  3. Seine Macht wird stark sein, allerdings nicht durch seine eigene Macht: Das unterscheidet diesen König von dem römischen Machthaber, der seine Macht direkt von Satan bekommt und der von keinem anderen Menschen abhängig ist. Hier wird es anders sein. Der König des Nordens ist das Werkzeug einer fremden Macht, die ihn unterstützt. Die meisten vermuten hier die Macht im „äußersten Norden“ (vgl. Hes 38,6.15; 39,2) und denken dabei an Russland.44
  4. Er wird erstaunliches Verderben anrichten und Gelingen haben und handeln: Worin das Verderben besteht, wird nicht konkret gesagt, aber es scheint sich auf die erfolgreiche Verführung zu beziehen. Gott lässt ihn in seiner Vorsehung Gelingen haben. Er stoppt ihn vorerst nicht, sondern lässt ihn gewähren.
  5. Er wird Starke und das Volk der Heiligen verderben: Die „Starken“ sind – wie in Kapitel 7 – die Herrscher und Richter der Juden. Das „Volk der Heiligen“ sind die Juden. Sie werden nicht „die Heiligen“ genannt, sondern „das Volk der Heiligen“. Wir müssen davon ausgehen, dass der allergrößte Teil dieses Volkes dem Antichristen folgt, so dass sie selbst keine „Heiligen“ sind. Das „Volk der Heiligen“ steht hier im Gegensatz zu den Nationen. Der Ausdruck kommt in dieser Form sonst an keiner Stelle vor.
  6. Durch seine Klugheit wird der Trug in seiner Hand gelingen: Das ist die erste Waffe, die dieser Feind benutzt. Er wird trügerisch und verführerisch handeln und so das Volk der Juden in Sicherheit wiegen.
  7. Er wird in seinem Herzen großtun: In Jeremia 48,42 ist von dem Großtun Moabs die Rede und das wird mit Überheblichkeit verbunden. So ist es hier auch. Es geht diesem König um die eigene Person. Allerdings scheint er das zunächst in seinem Herzen zu verbergen. Seine wahren Absichten sind zunächst nicht klar.
  8. Unversehens wird er viele verderben: Das Wort „unversehens“ weist darauf hin, dass niemand damit rechnet. Es geschieht, während sie in Frieden sind.45 Offensichtlich ist es ihm geligen, die Juden so sehr in Sicherheit zu wiegen, dass niemand mit einem plötzlichen militärischen Eingreifen rechnet. Aber genauso wird es kommen. Der militärische Angriff kommt plötzlich. Jeremia spricht von dem „Volk aus dem Land des Nordens“ und sagt dann: „Denn plötzlich wird der Verwüster über uns kommen“ (Jer 6,26). Jesaja beschreibt diesen Angriff der Assyrer in Jesaja 28 ausführlich und erwähnt mehrfach die „überflutende Geißel“, die kommt und das Land „durchfährt“ (Jes 28,15.18.19). Dass es eine „Geißel“ ist, zeigt noch einmal, dass Gott ihn benutzt, um das abtrünnige Volk der Juden zu strafen.

Zusammenfassend erkennen wir einen Mann, der zuerst als Verführer und dann als Verderber auftritt, um den Juden zu schaden. Er kombiniert Weisheit auf der einen Seite mit Macht und Gewalt auf der anderen Seite. Er tritt nicht nur als Eroberer, sondern als Lehrer und Verführer auf. Er übt List und verspricht einen trügerischen Frieden. Er wird sich in die religiösen Angelegenheiten der Juden mischen, sie in Frieden wiegen und dann überfallen.

Das Ende des Königs des Nordens

Der militärische Einfall des Königs des Nordens46 wendet sich vordergründig gegen das Volk der Juden, das er vernichten wird. Aber dahinter steckt seine Auflehnung gegen den „Fürsten der Fürsten“. Der Ausdruck erinnert an den „König der Könige“ und „Herrn der Herren“ (1. Tim 6,15; Off 17,14; 19,16). Es ist Christus selbst, gegen den dieser König sich erhebt. Die Feindschaft Satans richtet sich in letzter Konsequenz immer gegen Gott und gegen seinen Christus. Das sehen wir sowohl bei dem römischen Weltherrscher (Dan 7,25), dem Antichristen (Dan 11,36) als auch bei dem König des Nordens (Dan 8,25). In ihrem Größenwahn gleichen alle drei Protagonisten der Endzeit dem Teufel. Sie erheben sich gegen den Herrn Jesus und deshalb werden sie auch alle drei von Ihm selbst gerichtet werden.

Als „Fürst der Fürsten“ gehört Christus alle Macht und alle Herrschaft und genau gegen diese Oberhoheit lehnt dieser König sich auf. Sobald er das tut, ist das Maß voll. Fast abrupt wird sein Ende beschrieben: „Aber ohne Menschenhand wird er zerschmettert werden.“ Das macht klar, dass Gott in der Person des Herrn Jesus diesen König selbst richten wird. Schon Elihu hatte Folgendes erkannt: „Sagt man zu einem König: Belial, zu Edlen: Gottloser? Wie viel weniger zu ihm, der die Person der Fürsten nicht ansieht und den Vornehmen nicht vor dem Geringen berücksichtigt! Denn sie alle sind das Werk seiner Hände. In einem Augenblick sterben sie; und in der Mitte der Nacht wird ein Volk erschüttert und vergeht, und Mächtige werden beseitigt ohne Menschenhand“ (Hiob 34,18–20). Daniel 11 beschreibt das Ende dieses Königs wie folgt: „Und er wird seine Palastzelte aufschlagen zwischen dem Meer und dem Berg der heiligen Zierde. Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen“ (Dan 11,45). Jesaja sagt: „Und Assur wird fallen durch ein Schwert, nicht eines Mannes; und ein Schwert, nicht eines Menschen, wird es verzehren“ (Jes 31,8). Das zeigt die Bedeutung der Aussage „ohne Menschenhand“. Es wird das Schwert Gottes selbst sein, das der Herr Jesus benutzt, um diesen Feind zu vernichten. „Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesprochen: Ja, wie ich es zuvor bedacht habe, so geschieht es; und wie ich es beschlossen habe, so wird es zustande kommen: dass ich Assyrien in meinem Land zerschmettern und es auf meinen Bergen zertreten werde. Und so wird sein Joch von ihnen weichen, und seine Last wird weichen von ihrer Schulter. Das ist der Ratschluss, der beschlossen ist über die ganze Erde; und das ist die Hand, die ausgestreckt ist über alle Nationen. Denn der Herr der Heerscharen hat es beschlossen, und wer wird es vereiteln? Und seine ausgestreckte Hand – wer könnte sie abwenden?“ (Jes 14,24–27). Der Herr selbst wird Assyrien zerschmettern und zwar im Land Palästina.

Der Herr Jesus wird es sich nicht nehmen lassen, die drei großen Feinde der Endzeit selbst zu richten:

  • den Antichristen (2. Thes 2,8; Off 19,20)
  • den römischen Weltherrscher (Off 19,20)
  • den König des Nordens (Dan 8,25)

Das bestätigte und verschlossene Gesicht

Am Ende bekommt Daniel erstens eine Bestätigung dessen, was er gesehen hat. Zweitens wird er aufgefordert, das Gesicht zu verschließen.

Daniel mochte über das, was er gesehen hatte, so erstaunt sein, dass er – in die Realität des Lebens zurückgekehrt – glauben könnte, der Traum sei keine Wirklichkeit. Deshalb wird ihm ausdrücklich gesagt, dass das Gesicht Wahrheit ist. Ähnlich erging es dem Seher am Ende der Offenbarung. Er hörte Folgendes: „Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig, und der Herr, der Gott der Geister der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss“ (Off 22,6). Der erste Teil deckt sich mehr oder weniger mit dem, was Daniel hörte, während der zweite Teil einen Gegensatz darstellt – Daniel sollte das Gesicht verschließen, Johannes sollte das ausdrücklich nicht tun: „Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches; denn die Zeit ist nahe“ (Off 22,10).

Die Realisierung dessen, was Daniel sah, lag noch in weiter Zukunft. Es würden noch viele Tage bis dahin sein, d. h. das Gesicht war für eine spätere Zeit. Bei Johannes heißt es dagegen: „Die Zeit ist nahe.“ Die vielen Tage, von denen Daniel hörte, beziehen sich nicht auf die Zeit von Antiochus IV. Epiphanes (selbst wenn es bis dahin noch Jahrhunderte dauern würde), sondern auf die Zeit des Endes der Zeiten der Nationen. Das verschlossene Gesicht weist darauf hin, dass die Juden die wirkliche Bedeutung erst erfassen können, wenn ihre Erfüllung kommt. Bis heute verstehen sie diese Gesichte Daniels nicht. Wenn es aber soweit ist, dass die Syrer in das Land einfallen, dann werden sie diese Worte verstehen und Trost darin finden.

Vers 27: Die Reaktion Daniels

Gott hatte Daniel befohlen, das Gesicht zu verschließen, weil die Erfüllung noch viele Tage dauern würde. Daniel wusste also, dass das beschriebene Unglück über sein Volk nicht in seinen Tagen kommen würde. Deswegen hätte er beruhigt sein können. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Daniel war ein echter Mann Gottes mit Empfindungen für sein Volk. Das Ungemach seines Volkes ließ ihn nicht gleichgültig. Es griff ihn nicht nur seelisch, sondern gleichzeitig körperlich an. Er war erschöpft und sogar einige Tage krank. Am Ende von Kapitel 2 ängstigten sich seine Gedanken und seine Gesichtsfarbe veränderte sich vor Schrecken. Hier geht es noch ein Stück weiter. Es wird deutlich, dass der Mensch aus Geist, Seele und Körper besteht und dass geistige/geistliche Not und seelischer Druck sich in einer körperlichen Krankheit äußern können. Der Mensch – von Gott geschaffen – ist ein sehr komplexes „Gebilde“ und die einzelnen „Teile“ können nie isoliert voneinander betrachtet werden.

Jerusalem war zerstört. Daniel lebte weit weg in Babel und war ein alter Mann. Dennoch liebte er sein Volk, sein Land, die Stadt Jerusalem, den Tempel – und vor allem liebte er den, dessen Volk sie gewesen waren. Deshalb war es für ihn ein großer Schock, dieses Gesicht zu sehen und seine Erklärung zu hören. Ähnliche Empfindungen hatte Jahre später– wenn auch ohne ein Gesicht bekommen zu haben – Nehemia. Er sagte zu dem König: „Warum sollte mein Angesicht nicht traurig sein, da die Stadt, die Begräbnisstätte meiner Väter, wüst liegt und ihre Tore vom Feuer verzehrt sind?“ (Neh 2,3). Diese Gottesmänner litten mit dem Volk Gottes und geben damit ein Beispiel für jeden, der den Text liest.47

Aber Daniel blieb nicht bei seinem Schmerz stehen. Er war ein treuer Mann und kannte seine Pflicht. Er wusste genau, dass Belsazars Reich nicht mehr lange bestehen würde. Trotzdem stand er auf und verrichtete seinen Dienst. Darin ist er erneut ein Beispiel für uns. Treue im Berufsleben ist ein Merkmal echter Gottesmänner. Bei aller Trauer über Zustände und Entwicklungen im Volk Gottes dürfen wir uns nicht davon ablenken lassen, unsere täglichen Aufgaben treu und zuverlässig zu tun.

Der Text schließt mit dem Hinweis, dass Daniel entsetzt war und dass es niemand verstand. Es geht wohl um die Zeitgenossen Daniels. Es ist gut möglich, dass seine drei Freunde zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebten, denn Daniel war ja bereits ein alter Mann.

Wir schließen das Kapitel mit einem weiteren praktischen Hinweis. Es ist möglich, dass wir manches in dem prophetischen Wort nicht auf den ersten Blick verstehen, aber wenn wir aufrichtig sind und uns damit beschäftigen, wird Gott uns Einsicht geben. Salomo schreibt: „Wenn du dem Verstand rufst, deine Stimme erhebst zum Verständnis, wenn du ihn suchst wie Silber und ihm nachspürst wie nach verborgenen Schätzen, dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden. Denn der Herr gibt Weisheit; aus seinem Mund kommen Erkenntnis und Verständnis“ (Spr 2,3–6). Erkenntnis und Weisheit werden hier mit der Furcht Gottes verbunden. Das gilt auch für Einsicht in die prophetischen Aussagen des Buches Daniel.

Fußnoten

  • 1 Aramäisch war die alte Sprache Syriens und war identisch mit der chaldäischen Sprache Babels. Es war die offizielle Amtssprache, die seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. im Nahen Osten verbreitet war.
  • 2 Es könnte eingewandt werden, dass auch Kapitel 7 – obwohl in Aramäisch geschrieben – schon über Israel spricht. Das stimmt natürlich, allerdings fällt auf, dass die Gesichte in Kapitel 7 hauptsächlich mit den Weltreichen zu tun haben. Erst in der Erklärung des Gesichts tritt Israel in den Vordergrund. Das könnte ein Grund sein, warum Kapitel 7 noch nicht auf Hebräisch geschrieben wurde.
  • 3 Elam liegt östlich des Tigris im heutigen Iran. Seine Geschichte ist äußerst wechselhaft und kann bis zum Jahr 3000 v. Chr. zurückverfolgt werden. Elam wurde wiederholt von verschiedenen Mächten (Sumerer, Akkader, Babylonier, Assyrer) erobert und wieder verloren. Im 6. Jahrhundert v. Chr. eroberten die Perser Elam, und so wurde es eine persische Provinz. Einige Ausleger sehen Elam hier sogar als Synonym für Persien.
  • 4 Die Burg lag am Fluss Ulai (ein Nebenfluss des Tigris). Das stimmt mit der geographischen Lage des heutigen Schusch am Fluss Shapur im Iran überein. Es gibt dort ausgedehnte Ruinen, die Rückschlüsse auf einen großen Palast zulassen. Nachdem Alexander der Große Persien besiegte hatte, verfiel die Burg. Eine Inschrift zeigt, dass die Burg von einem Darius gegründet und von Artaxerxes fertiggestellt wurde. Man mag dies als Hinweis auf die im Buch Esther wiederholt erwähnte Burg werten.
  • 5 Smith, H.: The Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 6 Auch im Neuen Testament finden wir dieses Prinzip bestätigt. Der Tod des Herrn Jesus war zu 100 % die Schuld derer, die Ihn umbrachten. Gleichzeitig sagt Petrus, dass diese Menschen das taten, was die Hand und der Ratschluss Gottes zuvor bestimmt hatten (Apg 4,27.28). In der Offenbarung lesen wir von dem teuflischen Handeln der beiden Tiere der Endzeit. Aber selbst sie werden Werkzeuge in der Hand Gottes sein, „um seinen Sinn zu tun“, indem sie z. B. das Gericht an Babylon ausführen werden (Off 17,16.17).
  • 7 W. Kelly nennt das Horn in Kapitel 7 eine „Geißel im Westen“ und das Horn in Kapitel 8 eine „Geißel im Osten“. Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com).
  • 8 Es führt zwangsläufig zu Fehlinterpretationen, wenn man hier die Zeit sieht, in der wir heute leben. Es gibt Ausleger, die in dem kleinen Horn in Kapitel 7 das Papsttum sehen (vgl. die Anmerkungen in Kapitel 7). Es gibt ebenso Ausleger, die in dem kleinen Horn in Kapitel 8 den Islam sehen. Beides entbehrt jeder Grundlage und zeigt nur, dass man die Haushaltungen nicht unterscheidet und die großen Linien der Prophetie nicht kennt.
  • 9 Die Problematik liegt darin, den Regierungsbeginn von Belsazar eindeutig zu bestimmen, weil er einige Zeit gemeinsam mit seinem Vorgänger Nabonidus regiert hat (vgl. die Einleitung zu Kapitel 5).
  • 10 vgl. dazu die Erklärungen in Kapitel 7
  • 11 Wir werden dieses Merkmal speziell in Kapitel 11 bei anderen Herrschern wiederfinden (vgl. Dan 11,3.7.16.36).
  • 12 Das Wort kommt in Daniel 11,11 noch einmal vor, wo die Könige des Südens und des Nordens aufeinandertreffen.
  • 13 Die Kriege zwischen Griechenland und den Persern sind als „Perserkriege“ bekannt und fanden in den Jahren 492–449 v. Chr. statt. 480 fiel ganz Mittelgriechenland in die Hand der Perser und Athen wurde zerstört. 449 wurden die Perserkriege durch den Kalliasfrieden formell beendet. Nach dem Peloponnesischen Krieg nahmen die Perser trotzdem beträchtlichen Einfluss auf die Auseinandersetzungen innerhalb der griechischen Staaten.
  • 14 „Diadochen“ bedeutet so viel wie „Nachfolger“.
  • 15 Das allein macht schon völlig klar, dass es in Kapitel 8 nicht um das Römische (westeuropäische) Reich gehen kann, das wir in Kapitel 7 mit zehn Königen gesehen hatten. Hier sind es vier Könige und nicht zehn.
  • 16 Die Spannungen zwischen Israel und Syrien sind seit der Staatsgründung Israels vorhanden (z. B. Unabhängigkeitskrieg 1948; Sechstagekrieg 1967; Jom-Kippur-Krieg 1973).
  • 17 Smith, H.: The Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 18 Der erste König Syriens nach der Teilung des Reichs von Alexander war Seleukus I. Nikator, der von 312–281 v.Chr. regierte. Sein Reich umfasste territorial natürlich eine deutlich größere Fläche als das heutige Syrien (wir müssen große Teile des Irak, Iran und anderer Staaten hinzuzählen).
  • 19 Unter „Hellenisierung“ versteht man im Allgemeinen die Beeinflussung und Durchdringung eines nicht-griechischen Volkes mit der antiken griechischen Kultur.
  • 20 Er wurde 215 v. Chr. als jüngster Sohn von Antiochus III. geboren und starb 164 v. Chr.. Als er 175 v. Chr. unter zweifelhaften Umständen an die Macht kam, wurde er von der Bevölkerung Syriens gefeiert, die ihm den Beinamen „Epiphanes“ gaben. Antiochus ließ sich später als „Theos Epiphanes“ („erscheinender Gott“) propagieren.
  • 21 Zunächst sah bei dieser Auseinandersetzung alles nach einem Sieg von Antiochus aus. Allerdings griff dann Rom in die Auseinandersetzung ein, weil es die Bildung eines anderen Großreiches nicht akzeptieren wollte. Auf eine besonders demütigende Art und Weise wurde Antiochus von den Römern zum Rückzug aus Ägypten aufgefordert. Antiochus blieb nichts anderes übrig, als diese Forderung zu akzeptieren und er zog sich zurück. In der Folge davon etablierte sich Rom in dieser Zeit als dominierende Macht im östlichen Mittelmeerraum.
  • 22 So in der englischen Bibelübersetzung von J. N. Darby: In einer Fußnote weist er darauf hin, dass sich der Ausdruck auf das Land oder den Tempel beziehen kann.
  • 23 Wenn wir an die Versammlung Gottes denken, ist das nicht anders. Aus unserer Sicht und wegen unserer Schuld mag sie heute in Trümmern liegen, an der Sichtweise Gottes ändert das nichts. Sie ist und bleibt der „Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim 3,15), und des „Hades Pforten werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Wir sollten uns dieser Sichtweise Gottes mehr zu eigen machen.
  • 24 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 25 In der Christenheit ist das nicht anders. Gott urteilt nach dem Bekenntnis eines Menschen. Wer den Namen „Christ“ trägt, wird danach beurteilt, ob er sich wie ein Christ verhält oder nicht. Das ist der Maßstab Gottes. Wer getauft ist, gehört dazu, und Gott urteilt entsprechend der Verantwortung, die dieses Bekenntnis mit sich bringt. Wer sich in dem „großen Haus“ (2. Tim 2,20) befindet, ist ein „Gefäß“. Das gilt für alle. Eine andere Frage ist, ob wir ein „Gefäß zur Ehre“ sind oder nicht. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“ (2. Tim 2,19).
  • 26 Darunter werden auch solche gewesen sein, die ihrem Gott treu bleiben wollten. F. B. Hole äußert zu ihnen folgenden Gedanken: „Wir glauben, dass viele der Einzelheiten, die in Hebräer 11,35–38 erwähnt werden, sich auf die Gläubigen jener Tage beziehen“ (vgl. Hole, F. B.: Commentary on Daniel, http://www. biblecentre.org).
  • 27 Man beachte die Klammern in dem überarbeiteten Text der üElbÜ. Die Klammern sind zwar nicht im hebräischen Grundtext vorhanden, aber die Übersetzer haben erkannt, dass es hier um eine Einschaltung geht, die durch die Änderung von „es“ in „er“ unterstrichen wird. Außerdem wird – für den deutschen Leser nicht zu erkennen – eine andere Zeitform gewählt.
  • 28 Es gibt Ausleger, die darauf hinweisen, dass wir in seinem Handeln aber Charakterzüge finden, die mehr auf den Antichristen hinweisen. Das ist in moralischer Hinsicht ohne Frage so, allerdings sollten wir festhalten, dass Antiochus im Allgemeinen kein Bild des Antichristen ist, sondern des kommenden „Königs des Nordens“. Diese beiden gilt es zu unterscheiden.
  • 29 Auch hier denken einige Ausleger an das frivole Handeln des Antichristen, der ein abtrünniger Jude sein wird. Paulus nennt ihn den „Mensch der Sünde“ und den „Sohn des Verderbens“ und sagt: „…der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei“ (2. Thes 2,4). Das wird die große Anmaßung dieses Mannes sein. Er wird sich als Gott anbeten lassen. Hier ist es jedoch nicht der Antichrist, sondern der König des Nordens.
  • 30 Wenn wir die Zeit des Endes vor uns haben, finden wir in der Bibel keine Hinweise darauf, dass der „König des Nordes“ Vergleichbares tun wird. Dann wird es der Antichrist sein, der den jüdischen Opferdienst stoppt. Wir werden in Daniel 9 ausführlich über die Gräueltaten dieses Mannes in Verbindung mit dem jüdischen Opferdienst im Tempel informiert, wo wir lesen: „Und er wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche; und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen“ (Dan 9,27).
  • 31 Wir finden in der Bibel wiederholt, dass Gott den Tempel „sein Haus“ nennt, obwohl Menschen ihn verunehrt und entweiht haben. Selbst in der kommenden Zeit des Endes spricht Gott von dem „Tempel Gottes“, in den sich z. B. der Antichrist setzt, um sich selbst verehren zu lassen (2. Thes 2,4). Der Herr Jesus nennt den Tempel einmal das „Haus meines Vaters“, obwohl die Juden es zu einem Kaufhaus gemacht hatten (Joh 2,16). Einerseits waren der Tempel und die Opfer zu einer reinen Formsache verkommen und wurden zum Teil sogar missbraucht, andererseits sind und bleiben es Dinge, die Gott für sich beansprucht.
  • 32 Darby, J. N.: Studies on the Book of Daniel (www.stempublishing.com). Der Ausdruck ist wohl sehr schwierig zu übersetzen.
  • 33 Die Parallele zu unserer Zeit ist augenscheinlich. Selbst wenn die sogenannten „christlichen Feiertage“ nicht von Gott gegeben sind, ist es doch bemerkenswert, dass es aktuell immer wieder Bemühungen gibt, diese „christlichen Feiertage“ in „heidnische/weltliche Feste“ umzuwandeln. Es wundert uns auch nicht, dass der Sonntag (der Tag des Herrn) schon lange nicht mehr der „erste Tag der Woche“ in unseren Kalendern ist, sondern zum „letzten Tag der Woche“ geworden ist.
  • 34 Die Geschichte berichtet darüber, dass der Eindringling aus dem Norden Jerusalem nach einiger Zeit verlassen musste. Das hatte – wenn wir einmal von der Hand Gottes absehen – zwei ganz natürliche Gründe. Zum einen übten die Römer einen gewissen Druck auf ihn aus. Zum anderen gab es erfolgreichen Widerstand durch die Juden. Einzelheiten dazu sind besonders dem ersten Buch der Makkabäer zu entnehmen. Dieses (apokryphe) Buch ist zwar nicht göttlich inspiriert und gehört nicht dem Kanon der Heiligen Schrift an, ist aber historisch durchaus interessant, weil es uns gerade in diese Zeit führt. Historisch enthält es viele Tatsachen und Hintergründe der damaligen Zeit. In der Hauptsache geht es um die Geschichte der Unabhängigkeitskämpfe der Juden gegen die Seleukiden und speziell gegen Antiochus IV. Epiphanes. Anführer dieses Aufstands war ein Priester mit Namen Mattatias zusammen mit seinen Söhnen. Einer von ihnen hieß Judas und wurde „der Hammer“ (maggaba) genannt. Daraus leitet sich das Wort „Makkabäer“ ab.
  • 35 Die exakten Daten können dem ersten Makkabäerbuch entnommen werden. Die erneute Einweihung des Tempels spielte für die Juden eine große Rolle und sie haben dieses Ereignis jährlich gefeiert. Im Neuen Testament wird darauf an einer Stelle sogar Bezug genommen. Johannes 10,22 spricht von dem „Fest der Tempelweihe“ und erwähnt ausdrücklich, dass es Winter war.
  • 36 Das war der Zeitpunkt, an dem die Juden unter den Makkabäern tatsächlich eine gewisse politische Eigenständigkeit erlangten, bevor sie dann wenige Jahre später unter die Herrschaft des aufstrebenden Römischen Reiches kamen.
  • 37 Die 1150 Tage sind auch nicht mit den 1260 Tagen gleichzusetzen, die in Offenbarung 11,3 und 12,6 erwähnt werden und die sich auf die große Drangsal beziehen. Die Zeitangabe in Daniel 8 hat sich geschichtlich erfüllt und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es eine weitere prophetische Erfüllung geben wird. Deshalb wird sie in der Erklärung des Bildes nicht mehr genannt.
  • 38 Darby, J. N.: Studies on the Book of Daniel (www.stempublishing.com). W. Kelly merkt an: „Ich denke, das bezieht sich nicht auf Antiochus Epiphanes, sondern auf die Person, die er typologisch vorschattet“ (Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com).
  • 39 Seine Botschaft ist – besonders im Lukasevangelium – eine Botschaft der Gnade. Hier scheint es auf den ersten Blick anders zu sein, denn er spricht von Zorn. Dennoch gibt es auch hier Gnade, denn die Zeit des Zorns über Israel ist begrenzt und wird ein Ende haben.
  • 40 Nur Michael wird als Erzengel bezeichnet (Jud 9).
  • 41 Es gibt allerdings Ausleger, die diesen Gedanken bei Daniel äußern. Sie sagen, dass Daniel als Prophet im fremden Land hier in Verbindung mit dem Überrest tatsächlich ein Bild von dem Herrn Jesus ist, der sich mit diesem Überrest identifiziert. Wir haben diesen Gedanken zwar in Kapitel 6 vor uns gehabt, als Daniel in der Löwengrube war, aber es scheint gleichwohl etwas „weit hergeholt“, das hier zu sehen. Es gibt allerdings eine andere Beziehung zu dem Titel „Sohn des Menschen“, den der Herr Jesus trägt. J. N. Darby schreibt dazu in seiner Auslegung zu dem Propheten Hesekiel: „Es ist ein Titel, der dem Zeugnis Gottes entspricht, der nun außerhalb seines Volkes redet, denn Er ist nicht länger in ihrer Mitte. Im Gegenteil, Er richtet von dem Thron seiner Souveränität aus. Es ist der Titel von Christus selbst, so wie Er, als von Israel abgelehnt, sich außerhalb befindet – obwohl Er nie aufhört daran zu denken, sein Volk in Gnade zu segnen. Das bringt den Propheten in Verbindung mit der Stellung Christi selbst“ (Darby, J. N.: The Prophet Ezekiel, in: Synopsis of the Bible).
  • 42 Wir werden das z. B. in Daniel 9 erneut finden, wo es um die 70 Jahrwochen Daniels geht. Dort wird ebenfalls die aktuelle Haushaltung der Gnade nicht erwähnt, sondern übersprungen. Einige Ausleger sprechen hier von dem „Phänomen der Zeitraffung“.
  • 43 Wir finden diese „doppelte Gefahr“ häufig, d. h. einerseits Gefahren, die sich aus dem Inneren heraus ergeben, und zum anderen solche, die von außen kommen. Heute ist das nicht anders. Paulus warnte z. B. die Ältesten von Ephesus vor Männern, die von außen kommen würden, und vor solchen, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen würden (Apg 20,29.30).
  • 44 E. Dennett schreibt dazu: „Es wird die Schlussfolgerung gezogen, dass die Macht, die hinter dem König des Nordens steht, Russland ist. Es mag so sein, aber wenn die Schrift das nicht eindeutig sagt, kann diese Mutmaßung nur als eine Möglichkeit angesehen werden.“ Er schreibt allerdings weiter, dass der große und – der Zeit nach – letzte Feind Israels vor der endgültigen Ruhe des Reiches Russland ist, so wie in Hesekiel 38 und 39 beschrieben (Dennett, E.: Daniel, the Prophet, www.stempublishing.com). Es ist im Übrigen heute schon deutlich, dass Syrien in sich selbst nicht über eine sehr große Macht verfügt, aber durch Russland gestützt wird.
  • 45 Vgl. dazu eine Fußnote in der englischen Bibelübersetzung von J. N. Darby, der an dieser Stelle anmerkt: „In ihrer Sicherheit wird er viele verderben“.
  • 46 Daniel 8 beschreibt diesen Einfall nicht näher. Er wird ausführlich in Jesaja 28 und 29 beschrieben. Wir erkennen im Vergleich mit anderen Stellen (z. B. Jer 4,5–9; Dan 11,44.45; Joel 2,9–11; Sach 14,1–5), dass es offensichtlich einen zweifachen Einfall in Palästina geben wird, der am Ende der letzten Jahrwoche Daniels stattfindet (Jesaja 28 berichtet von dem ersten und Jesaja 29 vom dem zweiten Einfall). Der König des Nordens wird Israel besetzen, und das Bündnis mit Westeuropa (dem Römischen Reich) wird nicht helfen (vgl. Jes 28,15.18). Der Antichrist wird fliehen und das Volk im Stich lassen (Sach 11,17). Die syrischen Heere werden nach Ägypten weiterziehen. Als Reaktion auf die Besetzung Palästinas werden Europas Truppen aufmarschieren, um für Befreiung zu sorgen. Dabei werden sie in Harmagedon von dem Herrn Jesus selbst besiegt. Antichrist und römischer Herrscher werden in den Feuersee geworfen werden (vgl. Off. 16,12–16; 19,19–21). Die syrischen Armeen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Ägypten befinden, bekommen Kenntnis von dem Truppenaufmarsch der römischen Armeen und kehren nach Palästina zurück, um Jerusalem erneut zu belagern (Dan 11,42–44). Dort werden sie ihr Ende finden und von dem auf die Erde zurückkehrenden Messias vernichtet werden. Bei dem ersten Einfall in Palästina werden die Syrer Jerusalem einnehmen, beim zweiten Einfall werden sie vorher von dem Herrn Jesus selbst gerichtet werden.
  • 47 Es gibt Ausleger, die in der Krankheit Daniels ein Handeln Gottes in Erbarmen sehen. Sie sagen, dass Gott Daniel diese Krankheit schickte, um ihn auf diese Weise für einige Tage an die Seite zu nehmen, weg von allem, was ihn hätte ablenken können. Sie verweisen auf das Beispiel von Saulus, der nach seiner Begegnung mit dem verherrlichten Sohn des Menschen einige Tage blind wurde, um in Ruhe nachdenken zu können. In der Tat können solche Zeiten für Diener Gottes ein besonderer Segen sein, um innere Kraft für neue Aufgaben schöpfen zu können.
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