Der Prophet Daniel und die Zeiten der Nationen

Daniel 8

Zwei Veränderungen kennzeichnen den Beginn dieses Kapitels. Von Daniel 2, 4 bis zum Ende von Kapitel 7, ist die verwendete Sprache Chaldäisch, von Daniel 8, 1 bis zum Ende des Buches Hebräisch. Als der Geist Gottes die Dinge enthüllte, welche die heidnischen Herrscher, ihre gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen, sowie das Wesen und den Verlauf ihrer verschiedenen Königreiche betreffen, benutzte er die Sprache des Landes in dem Daniel wohnte, aber sobald er von ihren Taten im Zusammenhang mit dem Land und dem Heiligtum spricht, kehrt er wieder zur heiligen Sprache zurück.1 Als Zweites hat sich der Schauplatz verändert. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Daniel in Babylon gewesen, aber hier „im dritten Jahr der Regierung des Königs Belsazar“, als ihm das Gesicht dieses Kapitels erschien, war er „in der Burg Susan, die in der Provinz Elam ist“, ein Land das an persisches Gebiet grenzte, und später scheinbar zu einer persischen Provinz wurde. Hier, „am Fluss Ulai“, sah Daniel „ein Gesicht“. Er sagt, „Und ich sah im Gesicht: Und es geschah, als ich sah, da war ich in der Burg Susan, die in der Landschaft Elam ist; und ich sah im Gesicht, und ich war am Fluss Ulai. Und ich erhob meine Augen und sah: Und siehe, vor dem Fluss stand ein Widder, der zwei Hörner hatte; und die zwei Hörner waren hoch, und das eine war höher als das andere, und das höhere stieg zuletzt empor. Ich sah den Widder nach Westen und nach Norden und nach Süden stoßen, und kein Tier konnte vor ihm bestehen, und niemand rettete aus seiner Hand; und er handelte nach seinem Gutdünken und wurde groß.“ (Verse 2–4) Dies ist eine sinnbildliche Beschreibung der „Könige von Medien und Persien“2(Vers 20) und steht für das geteilte Auftreten dieses Reiches, welches aus Medien und Persien bestand (siehe Dan 5, 28, Dan 6, 8), und die Tatsache, dass das zuletzt hervorkommende Horn höher als das andere war, spricht dafür, dass der persische Teil des Königreiches letztlich die Vorherrschaft erringt. Auf Darius, den Meder, folgte demnach Cyrus der Perser. Der Widder, der nach Westen, Norden und Süden stieß, in seinen Eroberungen unbesiegbar war, und „nach seinem Gutdünken“ handelte, zeigt dieses Königreich auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner Eroberungen, wahrscheinlich zur Zeit der Regentschaft des Cyrus. Beim Betrachten von Daniel 7, 5 wurde bereits auf die Raubgier dieses Reiches im Laufe seiner siegreichen Eroberungen hingewiesen. Dies war das zweite der vier heidnischen Königreiche, und demzufolge der Nachfolger von Babylon.

Daniel berichtet was er danach sah mit folgenden Worten: „Und während ich Acht gab, siehe, da kam ein Ziegenbock von Westen her über die ganze Erde, und er berührte die Erde nicht; und der Bock hatte ein ansehnliches Horn zwischen seinen Augen.“ (Vers 5) Der Ziegenbock stellt „den König von Griechenland“ dar, einen König der hier, wie so oft, der Ausdruck eines Reiches oder Königreiches ist. Demzufolge steht das „ansehnliche Horn“ für Alexander, dessen kriegerische Begabung, Tapferkeit und Siege in der Geschichte so groß gefeiert wurden. Die Schnelligkeit seiner Eroberungen, die ein auffälliges Merkmal seiner Feldzüge war, wird in dem Gesicht deutlich beschrieben: „ Da kam ein Ziegenbock von Westen her über die ganze Erde, und er berührte die Erde nicht.“ In ungefähr zehn Jahren, besiegte er beinahe alle Königreiche der zu jener Zeit bekannten Welt. In den Versen 6 und 7 werden uns die Angriffe von Alexander auf Persien im übertragenen Sinn beschrieben und trotz der bildlichen Sprache, könnte eine genauere Beschreibung seiner Eroberungen nicht vermittelt werden. Der Ziegenbock „kam bis zu dem Widder mit den zwei Hörnern, den ich vor dem Fluss hatte stehen sehen; und er rannte ihn an im Grimm seiner Kraft. Und ich sah, wie er zu dem Widder gelangte. Und er erbitterte sich gegen ihn, und er stieß den Widder und zerbrach seine beiden Hörner.“ (Verse 6 und 7) Schon die Worte, die hier benutzt wurden, drücken eine besondere Feindseligkeit seitens Persiens Angreifer aus. Dies war durchaus der Fall, denn Griechenland hatte die Invasion der persischen Armeen in ihr Land nie vergessen, und es brannte in ihnen, sich an ihren Feinden zu rächen. Nicht weniger bildlich wird die völlige Machtlosigkeit von Persien in der Gegenwart ihres Feindes dargestellt: „und in dem Widder war keine Kraft, um vor ihm zu bestehen. Und er warf ihn zu Boden und zertrat ihn, und niemand rettete den Widder aus seiner Hand.“ (Vers 7) Tatsächlich hatte die Herrschaft des persischen Reiches sein, von Gott bestimmtes, Ende erreicht, und das Königreich, dass er dazu bestimmt hatte diesem zu folgen, sollte nun die Vorherrschaft erlangen. Die Schlachten von Issos und Arbela gehören zu den entscheidendsten Kämpfen der Welt, und sie waren deshalb entscheidend, weil Gott Alexander „den Großen“ dazu benutzte, seine Absichten hinsichtlich der Regierung der Erde zu erreichen.

Der Sinn in der Erwähnung Persiens und Griechenlands an dieser Stelle, und zwar nur dieser zwei, wird in den folgenden Worten erläutert: „Die zwei Reiche Persien und Griechenland, oder die Reiche des Ostens, welche auf das babylonische folgten (unter dem die Weissagung gegeben wurde), werden nur zu dem Zwecke erwähnt, um die Länder zu bezeichnen, in welchen sich jene Ereignisse zutragen sollten, und um uns dieselben in ihrer geschichtlichen Reihenfolge sehen zu lassen. Das persische Reich wird durch den König von Griechenland niedergeworfen, und dessen Reich teilt sich nachher wieder in vier Königreiche, aus deren einem sich eine Macht erhebt, die den Hauptgegenstand der Prophezeiung bildet.“3 Dieser letzte Satz kann mit den zwei folgenden Versen erklärt werden: „Und der Ziegenbock wurde über die Maßen groß. Und als er stark geworden war, zerbrach das große Horn, und vier ansehnliche [Hörner] wuchsen an seiner statt nach den vier Winden des Himmels hin. Und aus dem einen von ihnen kam ein kleines Horn hervor; und es wurde ausnehmend groß gegen Süden und gegen Osten und gegen die Zierde“ (Verse 8,9) Eine lange Zeitspanne der Geschichte wird in dieser gekürzten Aussage zusammengefasst, die jedoch alle Punkte, die den prophetischen Gegenstand dieses Kapitels betreffen, beinhaltet. Zuerst wird die Tatsache der Gründung des griechischen Königreichs genannt, dann der Tod Alexanders inmitten seiner Erfolge – „als er stark geworden war“, die darauffolgende Aufteilung seines Reiches auf vier seiner Generäle, und zuletzt der Aufstieg des „einzelnen Horns“ aus einem von ihnen, das „zunächst klein“ war, dann aber „übermäßig groß“ wurde.

Es wird dem Leser überlassen, die Geschichte weiterfolgend zu überprüfen, wenn es ihm gefällt, und es soll hier genügen, anzugeben, dass die in Daniel 7 angeführten vier Königreiche, in die das Reich Alexanders letztendlich aufgeteilt wurde, Syrien, Ägypten, Griechenland und Thrakien waren. Die letzteren beiden erlagen bald der vorrückenden römischen Macht, aber die ersten zwei bestanden weiter bis ungefähr 50 vor Christus. Das Reich, aus dem das kleine Horn hervorkam, war Syrien, und, aus Gründen, die sich im Verlauf der Prophezeiung herausstellen werden, war dieses kleine Horn der König, der als Antiochus Epiphanes bekannt war. Wenn das, was vom kleinen Horn in Kapitel 7 gesagt wurde nicht vergessen wurde, wird zu sehen sein, dass die zwei kleinen Hörner vollkommen verschieden sind. Jenes aus Kapitel 7, welches drei Könige unterwirft und letztendlich die gesamte Macht des Reiches ausübt, gehört dem Westen an. Es besitzt die Herrschaft über das auferstandene römische Reich. Das kleine Horn aus Daniel 8 hat seinen Sitz und Thron in Syrien, weswegen es zu einer so erstaunlichen Andeutung der Person wird, die in den prophetischen Schriften oft Assur, oder der König des Nordens genannt wird.4

Dieses kleine Horn erweiterte sein Königreich, und „wurde ausnehmend groß gegen Süden,“ also gegen Ägypten, welches immer als „Süden“ bezeichnet wird, da es südlich von Palästina liegt, „gegen Osten,“ also gegen Parthien und Armenien, usw. und „gegen die Zierde,“ das ist Palästina. All dies sind, wie bereits gesagt wurde, wohlbekannte Fakten der Geschichte, und die vielen Feldzüge dieses berüchtigten Königs in diesen einzelnen Ländern wurden in geschichtlichen Aufzeichnung festgehalten.5

In den nächsten drei Versen sind seine Taten in Hinblick auf „die Zierde“ zu finden. Diese Taten, auf die unsere Aufmerksamkeit besonders gelenkt wird, sind von großer prophetischer Bedeutung: „Und es wurde groß bis zum Heer des Himmels, und es warf vom Heer und von den Sternen zur Erde nieder und zertrat sie.“ (Vers 10) Um diese Schilderung zu verstehen, ist es zunächst wichtig, festzustellen, was die Bedeutung des „Heer des Himmels“ ist. Man kann in einem der Psalmen erkennen, dass die Sonne, der Mond und die Sterne durch diesen Begriff angedeutet werden: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gemacht worden, und all ihr Heer durch den Hauch seines Mundes.“ (Psalm 33, 6) Es ist genauso deutlich in der Schrift, dass Sonne, Mond und Sterne sinnbildlich die regierenden Machthaber darstellen – die Sonne den Höchsten, der Mond dessen Abglanz, und die Sterne die unterstellten Obrigkeiten. Diese sinnbildliche Bedeutung wird der tatsächlichen Aufgabe der himmlischen Leuchtkörper entnommen. In 1. Mose lesen wir, „und Gott machte die zwei großen Lichter: das große Licht zur Beherrschung des Tages, und das kleine Licht zur Beherrschung der Nacht – und die Sterne.“ (1. Mo 1, 16) und in Psalm 136 steht, „den, der große Lichter gemacht hat...die Sonne zur Herrschaft am Tage...den Mond und die Sterne zur Herrschaft in der Nacht.“ (Verse 7–9) In Übereinstimmung mit der davon abgeleiteten sinnbildlichen Bedeutung, kommen Sonne, Mond und Sterne in Offenbarung 12, 1, und die Sterne in Vers 4 vor.6

Demzufolge kann mit ziemlicher Sicherheit die Schlussfolgerung gezogen werden, dass das „Heer des Himmels“ in unserer Stelle für herrschende Obrigkeiten steht. Wer sind sie also? Die Hinweise im folgenden Vers deuten zweifellos auf Jerusalem als den Ort hin, an dem sie zum angegebenen Zeitpunkt zugegen waren, also zu einem Zeitpunkt nachdem Persien von Griechenland besiegt worden war. Es ist unverzichtbar dies zu berücksichtigen, denn, wie wir von Esra und Nehemia erfahren, wurden der Tempel und die heilige Stadt während der Herrschaft Persiens wiederaufgebaut. Die Tempelleistungen wurden im genannten Zeitraum, unabhängig vom Zustand der Menschen und der Verdorbenheit in die sie geraten waren, durchgeführt. Auch für ihre Regierung war bis zu einem gewissen Grad Vorsorge gemäß den jüdischen Bräuchen und Anordnungen getroffen worden. Das „Heer des Himmels“ bezeichnet somit solche, die einen Rang der Macht in der jüdischen Ordnung besaßen, jene, die, durch welche Mittel es auch sei, Stellungen der Verantwortung in der Regierung des jüdischen Volkes innehatten. Sterne kommen, wie man sich erinnern wird, in Offenbarung 1–3 als Sinnbilder solcher zum Einsatz, die eine Stellung der Herrschaft in der Kirche, oder dem Gottesdienst haben und gleichermaßen bezeichnet das „Heer des Himmels“ diejenigen, denen in diesem Zeitabschnitt inmitten der Juden die Herrschaft anvertraut wurde.

Wir erfahren also aus unserer Schriftstelle, dass dieses kleine Horn, Antiochus Epiphanes (was er tat ist auch Gegenstand der Geschichte), die herrschenden Mächte unter den Juden angriff, Hochgestellte der verschiedenen Rangordnungen erniedrigte, sie „zertrat“, und sie Misshandlungen und Entwürdigungen aussetzte, bis hin zur Vernichtung.

Der nächste Vers führt uns noch etwas weiter, und gibt uns weitere Einzelheiten. Es sollte jedoch aufmerksam beobachtet werden, dass die Klammer von Anfang des Verses 11 bis zum Wort „Frevel“ in Vers 12 eine erklärende Zwischenbemerkung ist, so dass der Teil des Satzes nach diesem Wort an das Ende von Vers 10 anknüpft. In der Zwischenbemerkung lesen wir nun: „Auch bis zum Fürsten des Heeres tat er groß; und er nahm ihm das beständige [Opfer] weg, und die Stätte seines Heiligtums wurde niedergeworfen. Und eine [Zeit der] Mühsal wurde dem beständigen [Opfer] auferlegt, um des Frevels willen.“ [Anm. der Übersetzung: A.ü. in Vers 12: „ein Heer wurde in frevelhafter Weise über (o. gegen) das beständige Opfer gestellt, o. ein frevelhafter Opferdienst wurde gegen das beständige Opfer eingesetzt.“] (Verse 11,12) Der bereits hervorgehobene Wechsel vom „es“ zu „er“, scheint, wie schon angeregt wurde, darauf hinzudeuten, dass es der König in menschlicher Gestalt war, der hier auf diese Weise handelt – der König, der von dem kleinen Horn verbildlicht wird. Diese Anregung empfiehlt sich wegen der Tatsache, dass das kleine Horn allgemein gesprochen ein Ausdruck der Macht des Königreichs darstellen könnte. Des Weiteren erfahren wir, dass dieser König so verwegen war, dass er sich erdreiste sich offen und bekennend zum Widersacher dessen zu machen, der niemand geringerer als der Herr selbst war. Zumindest dem Bekenntnis nach, waren die jüdischen Herrscher Gottes Diener, und ihr Fürst, der eine, auf den sie warteten, wie auch immer ihre fleischlichen Erwartungen aussahen, war Israels Gott. Er war der eine, der später als der Herr Jesus in dieser Welt erschien, um sein Volk von ihrer Sünde zu retten.

Der nächste Abschnitt ist verwirrend, doch die Meisten sind sich darin einig, dass es heißen sollte, „und er nahm ihm das regelmäßige Opfer weg (nicht durch ihn)“ [Anm. der Übersetzung: dies trifft nur auf die engl. Bibelübersetzung zu. In der deutschen Übersetzung ist der Vers eindeutiger formuliert.] Dies bedeutet, dass es dem Herrn genommen wurde, dass es, nicht zugelassen wurde – wobei nicht gesagt wird von wem, doch der Zusammenhang weist deutlich auf das kleine Horn, bzw. den König selbst hin. Der Anfang des nächsten Verses enthüllt auch, dass, egal wie sündhaft der Ausführende auch war, er nur ein Werkzeug zur Strafe derer, die den Platz Seines Volkes einnahmen in den Händen Gottes war, denn „wegen des Frevels“ wurde es zugelassen, dass diesem sündhaften König seine Bemühungen gegen das tägliche Opfer gelangen. Zudem wurde „die Stätte seines Heiligtums...niedergeworfen.“ Alle jüdischen Bräuche und Opfer wurden zunächst abgeschafft, und Zion, der heilige Berg, wurde durch den heidnischen Unterdrücker entweiht.7 Darüber hinaus, „warf“ das kleine Horn (denn nun wird die Verbindung zu Vers 10 wieder aufgenommen) „die Wahrheit zu Boden ... und hatte Gelingen.“ Zusammen mit der Abschaffung der regelmäßigen Opfer, und der Entweihung und Zerstörung des Heiligtums, war die Wahrheit auf dem Marktplatz gestürzt wie Jesaja sagt, sie wurde durch die Gewalttätigkeit des Feindes „zu Boden geworfen“. Diese sündhafte Macht wurde durch Geschicklichkeit, Pläne, und Intrigen ausgeübt – und hatte Erfolg.8

An dieser Stelle des Gesichts hört Daniel „ einen Heiligen reden; und ein Heiliger sprach zu jenem, der redete: Bis wann geht das Gesicht vom beständigen [Opfer] und vom verwüstenden Frevel, dass sowohl das Heiligtum als auch das Heer zur Zertretung hingegeben ist? Und er sprach zu mir: Bis zu 2. 300 Abenden und Morgen; dann wird das Heiligtum gerechtfertigt werden.“ (Verse 13,14) Wir werden die Frage, ob dieser in der Antwort des Engels erwähnte Zeitabschnitt irgendeine prophetische Bedeutung hat, zunächst einmal beiseitelegen (da sie bei der Betrachtung der Auslegung noch einmal vor uns kommt), und es wird sich erst einmal darauf beschränkt zu sehen, dass es eine geschichtliche Anwendung gehabt haben muss. Das Opfer wurde genommen, der Ort des Heiligtums wurde von der Persönlichkeit, die als das kleine Horn bezeichnet wurde, entweiht, „niedergeworfen“. Der Tempel wurde nach einer gewissen Zeit wieder von den Makkabäern gereinigt, und die regelmäßigen Opfer wurden wieder aufgenommen, so dass es nicht zwingend eine Verbindung zwischen diesem Zeitraum und der in Daniel 12 genannten anderen Zeitspanne geben muss.

Der Prophet selbst verstand das Gesicht nicht, doch er „suchte Verständnis darüber.“ Der Wunsch seines Herzens fand Zustimmung bei Gott, denn er erfreut sich daran, der suchenden Seele seine Gedanken mitzuteilen. Und so war, kaum dass der Prophet den Wunsch nach der Bedeutung des Gesichts geäußert hatte, der Deuter schon in Reichweite. Daniel sagt, „und siehe, da stand [etwas] vor mir wie die Gestalt eines Mannes. Und ich hörte eine Menschenstimme zwischen [den Ufern des] Ulai, die rief und sprach: Gabriel, gib diesem das Gesicht zu verstehen!“ (Verse 15,16) Gabriel, dem Befehl, den er erhalten hatte, gehorsam, näherte sich der Stelle, an der Daniel stand. Dieser fürchtete sich in der Gegenwart seines engelhaften Besuchers, und fiel nieder auf sein Angesicht, doch er sagt weiter über Gabriel: „Und er sprach zu mir: Hör zu, Menschensohn, denn das Gesicht ist für die Zeit des Endes.“ Der überwältigte Daniel sank betäubt zur Erde auf sein Angesicht. „Er aber rührte mich an und stellte mich auf meinen [früheren] Standort.“ (Verse 17,18) So verlieh ihm Gabriel Erkenntnis und Kraft, die es ihm ermöglichten, die Deutung des Gesichts zu empfangen. Außerdem wird ihm der Name „Menschensohn“ verliehen, dessen Bedeutung den folgenden Bemerkungen bezüglich desselben Namens, der Hesekiel verliehen wurde, entnommen werden kann. „Daher redet die Stimme Gottes auch Hesekiel als einen „Menschensohn“ an, welche Bezeichnung dem Charakter des damaligen Zeugnisses Gottes entsprach, denn Er redete außerhalb Seines Volkes, als Einer, der nicht länger inmitten desselben wohnte, sondern im Gegenteil es von dem Throne Seiner unumschränkten Herrschaft aus richtete. Es ist der Titel Christi Selbst, wenn Er als von Israel verworfen und außerhalb desselben stehend betrachtet wird, obgleich Er ja nie aufhört, der Segnung dieses Volkes in Gnade zu gedenken. Auf diese Weise kommt der Prophet in Verbindung mit der Stellung Christi Selbst.“9

Bevor wir mit der Deutung des Gesichts fortfahren, wird es nützlich sein, nochmals die Verbindung einer göttlichen Auslegung zum Gegenstand der Auslegung festzustellen. Die Auslegung beschränkt sich niemals nur auf die Sache, die gedeutet werden soll, sondern fügt all das hinzu, was dazu erforderlich ist, die Gedanken Gottes in der vermittelten Angelegenheit verständlich zu machen. Ein einfaches Beispiel aus Johannes 14 wird diesen Grundsatz zeigen. Als der Herr davon gesprochen hatte, sich dem zu offenbaren, der seine Gebote hat und sie hält, fragte Ihn Judas warum er sich ihnen offenbaren wolle, und nicht der Welt. Als Antwort auf diese Frage, geht unser Herr weit über das hinaus was er zuvor gesagt hatte (zumindest in der Erklärung seiner Bedeutsamkeit). Statt sich selbst zu offenbaren, heißt es, „WIR (der Vater und der Sohn) werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ All dies kam zweifellos in seiner ersten Aussage vor, aber es wäre nicht verstanden worden, hätte er es nicht erklärt. Und in der Auslegung eines prophetischen Gesichts werden Ergänzungen und Anwendungen gemacht um die göttliche Bedeutung aufzudecken – eine Bedeutung, die sonst verborgen geblieben wäre.

Auch hier ist es so. Was Daniel sah, erfüllte sich geschichtlich durch Antiochus Epiphanes während der Zeit der Makkabäer, doch nun erfahren wir aus Gabriels Deutung, dass diese historische Erfüllung auch von prophetischer Bedeutung für eine andere Erfüllung war, und somit dass die volle Erfüllung des Beschriebenen erst nach der Entrückung der Kirche offenbar wird, wenn die Juden wieder in ihrem eigenen Land sind.10 So sagt der Engel schon mit seinen ersten Worten, „denn das Gesicht ist für die Zeit des Endes“ und wieder, „siehe, ich will dir kundtun, was in der letzten Zeit des Zorns geschehen wird; denn es [geht] auf die bestimmte Zeit des Endes.“ (Verse 17, 19) Im Propheten Jesaja gibt es einen bemerkenswerten Beweis dafür, dass die erwähnte Zeit auf die letzten Tage bezogen ist. Dort spricht er in einem ein Abschnitt von Assur, oder dem König des Nordens, den das „kleine Horn“, Antiochus Epiphanes, so eindrucksvoll darstellt: „Darum, so spricht der Herr, der Herr der Heerscharen: Fürchte dich nicht, mein Volk, das in Zion wohnt, vor Assur, wenn er dich mit dem Stock schlagen und seinen Stab gegen dich erheben wird nach der Weise Ägyptens! Denn noch eine ganz kurze [Zeit], so wird der Grimm zu Ende sein und mein Zorn [sich wenden] zu ihrer Vernichtung.“ (Jes 10, 24 und 25)

Dass sich diese Schriftstelle auf die Zukunft bezieht, kann an der Tatsache gesehen werden, dass der Apostel Paulus sie im unmittelbaren Zusammenhang anwendet (Röm 9: 28). Dies war der entscheidende Punkt den Daniel verstehen musste – dass dieses Gesicht mit der Erfüllung von Gottes Absichten des Segens für Sein geliebtes Volkes durch Leid und Verfolgung zu tun hatte. Es ist wahr, dass Antiochus noch nicht erschienen war, aber mit dieser glaubwürdigen Enthüllung des Gesichts, ist es jedem, der sich damit beschäftigt hat, unmöglich anzunehmen dass er die hier angekündigte Persönlichkeit ist, wie stark ihm Antiochus auch ähnelt – es sei denn, sein Erscheinen wäre zur Wiederherstellung und zum Segen des auserwählten Volkes.

Mit dem Wissen, dass die Erfüllung dieses Gesichts also noch zukünftig ist, können nun die Einzelheiten der Deutung des Engels betrachtet werden. Da jedoch, im Umgang mit dem Gesicht selbst, notwendigerweise bereits vieles davon vorgegriffen wurde, genügt es ihre Bedeutung und ihren Zusammenhang darzulegen. In den Versen 20 bis 23 wird uns zuverlässig erklärt, dass die zwei Königreiche, die vom Widder und vom Ziegenbock dargestellt werden (Verse 3–7) Persien und Griechenland sind, und, wie man sich erinnern wird, dass diese zwei Königreiche nur zu dem Zweck in diesem Kapitel eingebracht werden, um den Zusammenhang des Erscheinens des kleinen Horns aufzuzeigen. Griechenland tritt die Nachfolge von Persien als Weltherrschaft an, das auffällige Horn von Griechenland, Alexander der Große, zerbricht, und „vier Königreiche werden aus dieser Nation aufstehen, aber nicht mit seiner Macht.“ (Vers 22) Diese Königreiche wurden bereits erwähnt, der Engel fügt jedoch noch eine Einzelheit hinzu, dass sie nicht mit der Macht ihres Vorgängers auftreten werden. Dann, den Zwischenabschnitt über das Bestehen dieser vier Königreiche bis zur „Zeit des Endes“ (Vers 17) überspringend – denn zu diesem Zeitpunkt wird Assur, der König des Nordens, bereits erschienen sein, und seine Herrschaft in denselben Gebieten wie das kleine Horn aus den Versen 9 und 10 ausüben – fährt Gabriel fort: „Und am Ende ihres Königtums, wenn die Frevler das Maß voll gemacht haben werden, wird ein König aufstehen mit frechem Angesicht und ränkekundig.“ (Vers 23) Dies ist die Personenbeschreibung des Widersachers von Israel in den letzten Tagen, von dem Jesaja so oft als Assur spricht.11 Stolz und Grausamkeit scheinen sein Aussehen zu prägen und dazu eine Art übernatürliche Weisheit („ränkekundig“), die ihn dazu befähigt, in die Bedeutung geheimnisvoller Sprachformen einzudringen, wird ihm Einfluss auf die Gedanken der Menschen geben, und ganz besonders auf die der Juden, die Gott entfremdet sind. Er selbst wird kein mächtiger König sein, denn seine Kraft wird nicht „mit seiner eigenen Macht“ sein, sondern das heißt, er wird in seinem Reich von einem mächtigeren Herrscher, als er es selbst ist, aufrechterhalten.12

Als nächstes werden die Taten dieses harten Königs beschrieben: „und er wird erstaunliches Verderben anrichten und Gelingen haben und handeln; und er wird Starke und das Volk der Heiligen verderben.“ (Vers 24) Es sollte nicht vergessen werden, dass der Standort dieses Königs, wie das seines Vorbilds, in Syrien, im Norden Palästinas, sein wird, darum auch seine Bezeichnung als König des Nordens in diesem Buch (Daniel 11). Und er wird, an dessen Grenze, übermäßig groß gegen die Zierde, wie wir in Vers 9 erfahren. Dies erklärt die Aussage unseres Verses in Bezug auf seine todbringende Feindseligkeit gegenüber den Juden. Wie ein anderer schrieb: „Er wird große Verwüstung anrichten, wird erfolgreich sein und handeln; er wird die Starken, oder eine große Anzahl von Menschen, vernichten, ganz besonders 'das Volk der Heiligen', das sind die Juden (Dan 7, 27). Er ist geschickt, und seine Gerissenheit hat Erfolg. Er wird sich selbst in seinem Herzen verherrlichen, und wird viele durch eine falsche und religiöse Sicherheit vernichten.“ Im Ganzen ist es das furchteinflößende Bild von jemandem, der ein fähiger Handlanger Satans sein wird, und dennoch ein Werkzeug in der Hand Gottes zur Bestrafung der gottlosen Juden. Er wird ein Mann mit entschlossenem Willen und raffinierter Grausamkeit sein, ein Meister des okkulten Wissens, mit so entschlossenen Absichten, dass er nichts erlauben wird, sich der Ausführung seiner eigenen selbstsüchtigen Pläne in den Weg zu stellen. Sein einziges Ziel wird seine eigene Verherrlichung und Erhöhung sein. Nachdem sie ihrem eigenen Land wieder zugeführt wurden, und trotz ihres Unglaubens, vor der Erscheinung ihres Messias in Herrlichkeit, den Tempel wiederaufgebaut haben, wird er einer der mächtigen Feinde der Juden sein.

Aber sein Werdegang des Wohlstands wird sein Verderben sein. Von seinem eigenen Erfolg getäuscht und mit erhobenem Herzen, wird er es wagen, sich „gegen den Fürsten der Fürsten“ aufzulehnen, „aber ohne eine Menschenhand wird er zerschmettert werden.“ Es wird nur die Tatsache erwähnt, dass dieser irdische Fürst es wagt dem als offener Widersacher entgegenzutreten, der bald seinen Namen als König der Könige und Herr der Herren geltend machen wird, und dass er auf irgendeine Weise, „ohne eine Menschenhand“ sofortige Zerstörung erleben wird. In Daniel 11, 45 wird vermutlich auf dasselbe Ereignis hingewiesen, wenn es heißt, „und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen.“ Doch da sein Aufhalten in der „Zierde“ hier mit mehr Einzelheiten beschrieben wird, als die angemessene Bestrafung ihn einholt, wird es passender sein, weitere Bemerkungen zurückzustellen bis dieser Abschnitt betrachtet wird.

Gabriel bestätigt letztlich die Richtigkeit des Gesichts, das Daniel empfangen hat, und befiehlt ihm sie geheim zu halten, „denn es sind noch viele Tage bis dahin.“ Unter der Last dieser göttlichen Botschaft wurde Daniel ohnmächtig, und war einige Tage krank (Vers 27). Das Gefäß wurde von dem hineingegossenen Inhalt, der auf so viel Leid und Trübsal hinwies, stark belastet, und war so eine Zeit lang beeinträchtigt. „Dann stand ich auf,“ spricht er, „und verrichtete die Geschäfte des Königs“ (stets seinem irdischen Herr treu); „und ich war entsetzt über die Erscheinung, und niemand verstand es.“ Wer mit „niemand“ gemeint war, wird nicht erklärt, obwohl wir uns sicher sein können, dass diese unter den Gefährten Daniels in Gefangenschaft waren. Selbst das Volk Gottes hört nicht bereitwillig vom Propheten vom kommenden Leid, während der Prophet, der keine Schwierigkeiten verkündet, immer Gehör findet. Daher ist es so, dass eine Seele im Geheimnis der göttlichen Gedanken damit zufrieden sein muss, nicht gewürdigt zu werden, und seinen Weg allein zu gehen.

Fußnoten

  • 1 Wir sagen „kehrt zurück“, denn Kapitel 1 bis 2:1-3 ist Hebräisch.
  • 2 Es wird gesagt, dass ein Widder als Wahrzeichen ihres Königreichs von den Persern selbst verwendet wurde, und eine Ziege von den Mazedoniern.
  • 3 Synopsis of the Books of the Bible, von J. N. Darby, 2. Band, neue überarbeitete Auflage
  • 4 Siehe, zum Beispiel, Jes. 10, 24; Jes. 14, 25; Jes. 31, 8; Micha 5, 5; Dan. 11, 6 und 8 usw.
  • 5 Seine Taten im Hinblick auf die Zierde werden in 1. Makkabäer erzählt, welches, obwohl es kein Teil der Heiligen Schrift ist, als im Wesentlichen zutreffend beurteilt wird. Diese Bemerkung lässt sich nicht auf die anderen Bücher der Makkabäer übertragen, mit möglicher Ausnahme vom zweiten Buch, bis zu einem gewissen Grad.
  • 6 Siehe The Visions of John in Patmos (auf deutsch: Die Visionen von Johannes auf Patmos) für weitere Erläuterungen zu diesem Thema
  • 7 Siehe 1.Makkabäer 1 für weitere geschichtliche Einzelheiten
  • 8 Als Erläuterung zur Lage der Dinge zu dieser Zeit in Jerusalem kann Psalm 79 gelesen werden.
  • 9 Synopsis of the Books of the Bible, von J. N. Darby, 2. Band
  • 10 Dr. Arnold, aus Rugby, zog in einer Ausgabe von veröffentlichten Reden besondere Aufmerksamkeit auf diesen prophetischen Grundsatz, dass eine Erfüllung in Gottes Hand zum Schatten einer tieferen Erfüllung wird.
  • 11 Es könnte von Interesse sein, sich, als Beweis dafür, dass Assur ein zukünftiger Feind ist, das in Erinnerung zu rufen, was des Öfteren bereits bemerkt wurde, dass Assur in der Geschichte Babylon erlag, während, prophetisch gesehen, Assur, nach der Wiedereinsetzung Israels ins eigene Land, ihr letzter Widersacher von außen war.
  • 12 Zwei Dinge werden oft im Zusammenhang mit dieser Aussage zusammengefügt, nämlich dass der Sitz der Herrschaft dieses Königs in der asiatischen Türkei sein wird, und außerdem, dass Russland, wie in Hesekiel 38 und 39 deutlich gezeigt wird, der letzte Feind Israels sein wird, nach ihrer Niederlassung im Land, im Segen ihres Messias. Dann wird der Schluss daraus gezogen, dass die Macht hinter diesem König des Nordens Russland sein wird. Das wäre möglich, aber wenn die Schrift nicht eindeutig ist, kann eine Vermutung nur als Möglichkeit angenommen werden.
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