Der Prophet Daniel und die Zeiten der Nationen

Daniel 2

Der Traum Nebukadnezars und die Unfähigkeit der Weisen Babylons

„Und im zweiten Jahr der Regierung Nebukadnezars hatte Nebukadnezar Träume, und sein Geist wurde beunruhigt, und sein Schlaf war für ihn dahin. Und der König befahl, dass man die Wahrsagepriester und die Sterndeuter und die Magier und die Chaldäer rufen sollte, um dem König seine Träume kundzutun; und sie kamen und traten vor den König. Und der König sprach zu ihnen: Ich habe einen Traum gehabt, und mein Geist ist beunruhigt, den Traum zu verstehen. Und die Chaldäer sprachen zum König auf Aramäisch: O König, lebe ewig! Sage deinen Knechten den Traum, so wollen wir die Deutung anzeigen“ (2,1–4).

Es ist offensichtlich, dass das eigentliche Thema des ersten Teils des Buches mit diesem Kapitel beginnt. Kapitel 1 ist einleitend, es stellt sozusagen die Hintergrundsituation dar und gibt eine Vorschau der verschiedenen Akteure der folgenden Ereignisse, zusammen mit deren jeweiligen Stellungen, während hinter allem Gott klar als der enthüllt wird, der alle Dinge wirkt nach dem Ratschluss seines Willens. So überlegen der Mensch auch zu sein scheint, wie beispielsweise Nebukadnezar in seinem eigenen Königreich, so muss immer im Gedächtnis behalten werden, dass Gott niemals die Zügel der Herrschaft aus der Hand gibt. Er mag direkt oder indirekt steuern, doch Er steuert sowohl die kleinsten als auch die größten Ereignisse, die sich auf der Erde zutragen. Somit waren es kein Zufall, dass Nebukadnezar im zweiten Jahr seiner Regierung Träume hatte, und dass „sein Geist ... beunruhigt [wurde], und sein Schlaf ... für ihn dahin“ war. Wir erinnern uns, dass Gleiches dem Pharao wiederfahren war, und es wurde gebraucht, um Joseph in den Aufmerksamkeitsbereich des Pharaos zu rücken und wurde in Gottes Hand das Mittel, um ihn zum Herrscher über ganz Ägypten zu machen. Auf diese Weise wurde er ein Vorbild auf die Verwerfung und Erhöhung Christi in seiner irdischen Herrlichkeit. Gleichermaßen waren die Träume Nebukadnezars die Gelegenheit für die Vorstellung Daniels vor dem König, sowie für seine Erhöhung als Herrscher über die ganze Provinz Babylon.

Doch der Mensch muss immer an die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten kommen, bevor er willig wird, sich für Hilfe und Führung an Gott zu wenden. Der König hatte für sich selbst festgestellt, dass die vier Freunde in Bezug auf Weisheit und Einsicht zehnmal besser waren als alle Magier und Sterndeuter, die sich in seinem gesamten Reich befanden. Dennoch wandte er sich in seiner Verlegenheit nicht an sie, um Hilfe und Rat zu erhalten, denn wir lesen: „Und der König befahl, dass man die Wahrsagepriester und die Sterndeuter und die Magier und die Chaldäer rufen sollte, um dem König seine Träume kundzutun; und sie kamen und traten vor den König.“ Alle weisen Männer seines Herrschaftsbereiches, einsichtsvolle und erfahrende Männer, alle Philosophen und Wissenschaftler der damaligen Zeit, wurden also versammelt, um den Befehlen Nebukadnezars zuzuhören. Die Forderung des Königs war einfach: Er hatte seinen Traum vergessen und wollte, dass sie ihm sagten, was er geträumt hatte, und dies dann deuteten. Man mag Mitgefühl für diese weisen Männer empfinden, die einer solchen Prüfung unterzogen wurden, wenn wir nicht wüssten, dass die Bekenner der okkulten Wissenschaften der damaligen Zeit beanspruchten, in der Lage zu sein, Geheimnisse zu enthüllen und in Sphären eindringen zu können, die dem normalen Auge verborgen sind. Darüber hinaus war das Ganze von Gott beabsichtigt, um die Weisheit der Weisen vor diesem absoluten Herrscher zunichte zu machen, ihnen ihre eigene List zu nehmen und somit Schande über den Stolz des Menschen zu bringen. Ihre Antwort war: „Sage deinen Knechten den Traum, so wollen wir die Deutung anzeigen.“

„Der König antwortete und sprach zu den Chaldäern: Die Sache ist von mir fest beschlossen: Wenn ihr mir den Traum und seine Deutung nicht kundtut, so sollt ihr in Stücke zerhauen werden, und eure Häuser sollen zu Kotstätten gemacht werden; wenn ihr aber den Traum und seine Deutung anzeigt, so sollt ihr Geschenke und Gaben und große Ehre von mir empfangen. Darum zeigt mir den Traum und seine Deutung an. Sie antworteten zum zweiten Mal und sprachen: Der König sage seinen Knechten den Traum, so wollen wir die Deutung anzeigen. Der König antwortete und sprach: Ich weiß zuverlässig, dass ihr Zeit gewinnen wollt, weil ihr seht, dass die Sache von mir fest beschlossen ist, dass, wenn ihr mir den Traum nicht kundtut, es bei eurem Urteil bleibt; denn ihr habt euch verabredet, Lug und Trug vor mir zu reden, bis die Zeit sich ändert. Darum sagt mir den Traum, und ich werde wissen, dass ihr mir seine Deutung anzeigen könnt. Die Chaldäer antworteten vor dem König und sprachen: Kein Mensch ist auf dem Erdboden, der die Sache des Königs anzeigen könnte, weil kein großer und mächtiger König jemals eine Sache wie diese von irgendeinem Wahrsagepriester oder Sterndeuter oder Chaldäer verlangt hat. Denn die Sache, die der König verlangt, ist schwer; und es gibt keinen anderen, der sie vor dem König anzeigen könnte, als nur die Götter, deren Wohnung nicht bei dem Fleisch ist.

Darüber wurde der König zornig und ergrimmte sehr, und er befahl, alle Weisen von Babel umzubringen. Und der Befehl ging aus, und die Weisen wurden getötet; und man suchte Daniel und seine Genossen, um sie zu töten“ (2,5–13).

Eine Deutung mochte leicht gegeben werden, die, wenn sie zukünftige Ereignisse beinhaltete, unbestritten bleiben konnte – denn bis zu der Zeit ihrer Erfüllung konnte niemand sagen, ob sie wahr oder falsch war. Die Absicht Gottes, die Nichtigkeit ihrer vorgetäuschten Fähigkeiten und Weisheit zu enthüllen, wäre demnach nicht erreicht worden. Der König wäre durch ihre Antwort nicht beruhigt worden. Indem sie durch verschiedene Belohnungsversprechungen und Drohungen weiter aufgestachelt wurden, waren sie gezwungen zu bekennen: „Kein Mensch ist auf dem Erdboden, der die Sache des Königs anzeigen könnte, weil kein großer und mächtiger König jemals eine Sache wie diese von irgendeinem Wahrsagepriester oder Sterndeuter oder Chaldäer verlangt hat. Denn die Sache, die der König verlangt, ist schwer; und es gibt keinen anderen, der sie vor dem König anzeigen könnte, als nur die Götter, deren Wohnung nicht bei dem Fleisch ist.“

Die aufgeworfene Fall war also entschieden, und die Weisen selbst wurden gezwungen, klar und deutlich ihre Unfähigkeit einzugestehen, das Geheimnis des Königs zu offenbaren, und erklärten gleichzeitig, dass die benötigte Erkenntnis außerhalb jeglicher menschlicher Kompetenz lag – dass allein die „Götter“ sie besaßen. Aus menschlicher Sicht war diese Antwort nicht unvernünftig; doch Nebukadnezar als ein absoluter und gebietender Herrscher wollte die Verwehrung seiner Wünsche nicht hinnehmen. Wutschnaubend befahl er, alle Weisen Babylon zu vernichten. „Und der Befehl ging aus, und die Weisen wurden getötet; und man suchte Daniel und seine Genossen, um sie zu töten.“

Die Radikalität des Menschen ist Gottes Gelegenheit. Daniel war nicht mit den Sterndeutern vor den König gerufen worden; doch da er allgemein unter die „Weisen“ gezählt wurde, wurde er in den königlichen Erlass eingeschlossen. Dies lenkte das Augenmerk auf ihn und brachte ihn in Kontakt mit dem Hauptmann, der mit seiner Hinrichtung beauftragt worden war. Es war Gottes Absicht, sein Zeugnis in der Person Daniels vor Nebukadnezar zu bringen. Die Tatsache, dass der König seinen Traum vergaß, sowie seine Wut über das Versagen seiner Weisen, ihn ihm zu offenbaren, waren nur die Werkzeuge zu seiner Erfüllung.

Daniels Kühnheit und Gottes Antwort

„Da erwiderte Daniel mit Verstand und Einsicht dem Arioch, dem Obersten der Leibwache des Königs, der ausgezogen war, um die Weisen von Babel zu töten; er antwortete und sprach zu Arioch, dem Oberbeamten des Königs: Warum der strenge Befehl vom König? Da teilte Arioch Daniel die Sache mit. Und Daniel ging hinein und erbat sich vom König, dass er ihm eine Frist gewähre, um dem König die Deutung anzuzeigen“ (2,14–16).

Als Daniel von Arioch den Grund für die Wut des Königs und für den erlassenen Befehl erfuhr, ging Daniel hinein „und erbat sich vom König, dass er ihm eine Frist gewähre, um dem König die Deutung anzuzeigen“. Was – so könnte man sich fragen – brachte Daniel dazu anzunehmen, dass ihm dieses Geheimnis kundgetan werden würde? Die Antwort ist: Vertrauen auf Gott und die Gewissheit, dass es um seine Ehre ging, sowie auch um die Sicherheit derer, die durch seine Gnade ihren Glauben und ihre Hoffnung auf Ihn inmitten der Verführungen des babylonisches Königshofes bewahrt hatten. Er würde es nicht verfehlen, in dieser Stunde der Gefahr für ihre Rettung einzutreten. Es war in Wahrheit ein erhabener Moment – ein Moment, in dem alle Weisheit der Welt ihr Versagen eingestanden hatte. Wenn Daniel also das Geheimnis des Königs offenbaren könnte, würde Gott öffentlich vor dem gesamten Königreich großgemacht werden.

„Hierauf ging Daniel in sein Haus; und er teilte die Sache seinen Genossen Hananja, Misael und Asarja mit, damit sie von dem Gott des Himmels Barmherzigkeit erbitten möchten wegen dieses Geheimnisses, damit Daniel und seine Genossen nicht mit den übrigen Weisen von Babel umkämen. Hierauf wurde Daniel in einem Nachtgesicht das Geheimnis offenbart. Da pries Daniel den Gott des Himmels“ (2,17–19).

Daniel nächster Schritt war, in sein Haus zu gehen und die Sache Hananja, Misael und Asarja, seinen Genossen zu erzählen, „damit sie von dem Gott des Himmels Barmherzigkeit erbitten möchten wegen dieses Geheimnisses, damit Daniel und seine Genossen nicht mit den übrigen Weisen von Babel umkämen“. Indem er auf Gott zählte, verband Daniel seine Genossen in dieser Bitte mit sich selbst. Es ist die erste Begebenheit gemeinsamen Gebetes, die in der Schrift aufgezeichnet ist; und die Tatsache, dass diese Kinder der Gefangenschaft darin Zuflucht nahmen, enthüllt uns das Geheimnis ihres heiligen und abgesonderten Wandels. Abhängigkeit von Gott im Verborgenen ist das Mittel aller Kraft im Leben und im Zeugnis, und es mag hinzugefügt werden, des Muts in der Gegenwart von Menschen und der Kraft Satans. Diese Vier, in einem solchen Augenblick vor dem Gott des Himmels kniend, liefern uns ein wundersames Schauspiel. Sie waren nichts als Fremdlinge in einem fremden Land, verbannt wegen der Sünden ihres Volks – und nun waren sie einem raschen Tod geweiht, es sei denn, dass der vergessene Traum wiedergegeben und gedeutet werden konnte. Doch sie wussten, mit wem sie es zu tun hatten, mit dem, der in ihren Schriften gesagt hatte: „Und rufe mich an am Tag der Bedrängnis: Ich will dich erretten und du wirst mich verherrlichen!“ (Ps 50,15). Und so warteten sie und flehten vor Ihm in Bezug auf dieses Geheimnis. Und ihr Vertrauen war nicht vergeblich: Gott hörte ihr rufen, und das Geheimnis wurde Daniel in einem Nachtgesicht offenbart.

Es sollte bemerkt werden, dass sie zu dem Gott des Himmels beteten. In Israel war Er als der Herr der ganzen Erde bekannt (2. Mo 8,22; Jos 3,11; 2. Kön 5,15) – denn in der Tat wohnte Er inmitten seines Volkes und hatte dort seinen Thron. Doch nun war es anders, denn Er hatte seinen Thron aus Jerusalem entfernt und die Herrschaft der Erde Nebukadnezar übergeben (2,37.38). Und so wandten sich die vier Freunde mit einem wahren Verständnis ihrer eigenen Position in Beziehung zu Gott an den Gott des Himmels. Es wird die Zeit kommen, wo Er seinen Titel als Gott der Erde wieder aufnehmen wird, und sein Anspruch als dieser wird der Gegenstand des Zeugnisses der beiden Zeugen im Buch der Offenbarung sein.1

Der Lobpreis Daniels

„Daniel hob an und sprach: Gepriesen sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! Denn Weisheit und Macht, sie sind sein. Und er ändert Zeiten und Zeitpunkte, setzt Könige ab und setzt Könige ein; er gibt den Weisen Weisheit, und Verstand den Verständigen; er offenbart das Tiefe und das Verborgene; er weiß, was in der Finsternis ist, und bei ihm wohnt das Licht. Dich, Gott meiner Väter, lobe und rühme ich, dass du mir Weisheit und Kraft gegeben und mir jetzt kundgetan hast, was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns die Sache des Königs kundgetan“ (2,20–23).

Daniels Herz war erfüllt mit Dankbarkeit für die Offenbarung des Geheimnisses des Königs. Der Charakter seiner Gottesfurcht und der Zustand seiner Seele können darin gesehen werden, dass er sich sofort mit Danksagung und Lobpreis an Gott wandte. Wenn Segnungen kundgetan werden, dann gibt es häufig die Tendenz, direkt in deren Genuss einzugehen, anstatt sie wie Daniel auf das Herz Gottes zurückzuverfolgen. Vers 19 gibt die bloße Tatsache an, dass Daniel Gott pries, und dann finden wir in den Versen 20–23 die genauen Worte, mit denen er seinen Dank ausdrückte.

Zuerst preist er den Namen Gottes für immer und immer. Er wünscht, dass sein Lobpreis unendlich sein möge, „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, was Ihm, dem es gefallen hatte, sich selbst seinem Volk zu offenbaren, gebührte. Dann führt er einen Grund an – „Weisheit und Macht, sie sind sein.“ Ein einfacher Satz, doch wie tiefgründig! Da Weisheit und Macht Gott gehören (vgl. Off 5,12), werden diese nirgendwo anders gefunden, und es ist vergeblich, irgendwo anders als bei Gott danach zu suchen. Weiter schreibt er Gott die absolute Souveränität zu. „Er ändert Zeiten und Zeitpunkte, setzt Könige ab und setzt Könige ein.“ Die Herrscher dieser Erde mögen für sich beanspruchen, absolute Macht auszuüben, und Menschen mögen durch die Kraft von Waffen oder sogar durch politische Bewegungen Monarchen absetzen und Regierungen aufrichten – doch weder die Macht noch die Weisheit gehört ihnen – sie sind nichts als blinde Werkzeuge des göttlichen Willens. Man erkenne einmal mit Daniel die Souveränität Gottes, und wie auch immer die Merkmale der Zeit, in der wir leben, oder die Bedroglichkeit öffentlicher Angelegenheiten, so dürfen wir doch in vollkommenem Frieden ruhen und wissen, wie auch Nebukadnezar bekennen musste, dass Gott „nach seinem Willen tut ... mit dem Heer des Himmels und mit den Bewohnern der Erde“ (4,32).

Darüber hinaus sagt Daniel: „Er gibt den Weisen Weisheit und Verstand den Verständigen.“ Überall finden wir den Grundsatz bestätigt, dass es einen bestimmten Herzenszustand benötigt, um etwas von Gott zu empfangen. Der Apostel betete entsprechend, dass die Kolosser mit „der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlicher Einsicht“ erfüllt würden (Kol 1,9). Gleicherweise lernen wir aus diesen Worten Daniels, dass göttliche Weisheit – also Weisheit nach den Gedanken Gottes (und die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang) – die Bedingung zum Empfangen von Weisheit ist. Dem der hat, wird gegeben werden, und das ist es, was Daniel bekundet, ob in Bezug auf Weisheit oder Einsicht. Er fährt daher fort: „Er offenbart das Tiefe und das Verborgene; er weiß, was in der Finsternis ist, und bei ihm wohnt das Licht.“ Er ist ein Gott der Allwissenheit, und alle Dinge sind bloß und offen vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben (siehe Ps 139).

Nach dieser Erhebung dessen, wer Gott in seiner Weisheit, Macht und Souveränität ist, bringt Daniel Dank für die besondere Barmherzigkeit, die er empfangen hatte. Und indem er dies tut, wechselt er von der Anrede „Gott des Himmels“ zu der persönlicheren Anrede „Gott meiner Väter“; denn der Gott, den seine Väter gekannt hatten und der sie aus ihrer Drangsal gerettet hatte, ist der, der sich hier wirksam für ihn erwies, und er dankt und preist Ihn entsprechend als den, der ihm nun „Weisheit und Kraft“ gegeben hatte.

Schließlich ist es schön zu bemerken, wie er seine Freunde mit sich selbst verbindet. Er sagt: Du hast „mir jetzt kundgetan, was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns die Sache des Königs kundgetan.“ Sie hatten gemeinsam die Hilfe ihres Gottes gesucht; und Daniel erkennt in völliger Identifikation mit seinen Brüdern an, dass die Antwort, die sie erhalten hatten, Gottes Reaktion auf ihr Rufen gewesen war.

Daniels Zeugnis vor dem König Nebukadnezar

„Deshalb ging Daniel zu Arioch hinein, den der König beauftragt hatte, die Weisen von Babel umzubringen; er ging hin und sprach zu ihm so: Bring die Weisen von Babel nicht um; führe mich vor den König, und ich werde dem König die Deutung anzeigen. Da führte Arioch Daniel schnell vor den König, und er sprach zu ihm so: Ich habe einen Mann unter den Weggeführten von Juda gefunden, der dem König die Deutung kundtun wird. Der König hob an und sprach zu Daniel, dessen Name Beltsazar war: Bist du imstande, mir den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung kundzutun? Daniel antwortete vor dem König und sprach: Das Geheimnis, das der König verlangt, können Weise, Beschwörer, Wahrsagepriester und Sterndeuter dem König nicht anzeigen. Aber es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; und er hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was am Ende der Tage geschehen wird. Dein Traum und die Gesichte deines Hauptes auf deinem Lager waren diese: Dir, o König, stiegen auf deinem Lager Gedanken auf, was nach diesem geschehen wird; und der, der die Geheimnisse offenbart, hat dir kundgetan, was geschehen wird. Mir aber ist nicht durch Weisheit, die in mir mehr als in allen Lebenden wäre, dieses Geheimnis offenbart worden, sondern deshalb, damit man dem König die Deutung kundtut und du die Gedanken deines Herzens erfährst“ (2,24–30).

Daniel ging sofort „Arioch hinein, den der König beauftragt hatte, die Weisen von Babel umzubringen; er ging hin und sprach zu ihm so: Bring die Weisen von Babel nicht um, führe mich vor den König, und ich werde dem König die Deutung anzeigen“. Arioch kam Daniels Bitte „schnell“ nach, und der König sprach zu Daniel: „Bist du imstande, mir den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung kundzutun?“ Daniels Antwort wird in drei Teilen wiedergegeben: Erstens in seiner Erklärung des Ursprungs und des Gegenstands der Offenbarung des Geheimnisses; zweitens in dem Traum selbst, und schließlich in seiner Deutung. Daniel beginnt in augenscheinlicher Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes damit, die Unfähigkeit menschlicher Weisheit mit den Worten eines anderen Propheten kundzutun: „Die Weisheit seiner Weisen wird zunichte werden, und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen“ (Jes 29,14). Indem er so, geleitet durch den Heiligen Geist, das Todesurteil über die Weisheit der Welt ausspricht, fährt Daniel damit fort, den Ursprung der Vision kundzutun. „Es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart“, und dieser war Daniels Gott, und es gefiel ihm, Ihn in der Gegenwart dieses absoluten und götzendienerischen Königs zu erheben. Dann kündigt er den Gegenstand des Traumes in Bezug auf Nebukadnezar an; nämlich ihm kundzutun, was am Ende der Tage geschehen wird.

Schließlich weist er jeden eigenen Verdienst von sich – er war nichts als das Gefäß des vergessenen Traums. Gott hatte sein Volk im Blick, den gläubigen Überrest, zu dem Daniel gehörte, als Er den Traum offenbarte; und Er beabsichtigte, dem König die Gedanken seines Herzens kundzutun. Daniel hielt sich also im Hintergrund – ein sicheres Zeichen dessen, dass er moralisch vorbereitet war, Zeugnis für Gott abzulegen. Je näher wir Gott sind, desto mehr verlieren wir uns selbst aus dem Blick, und desto besser sind wir in der Lage, seine Gedanken zu verstehen und weiterzugeben.

Die Verkündung des Traumes

„Du, o König, sahst: Und siehe, ein großes Bild; dieses Bild war gewaltig, und sein Glanz außergewöhnlich; es stand vor dir, und sein Aussehen war schrecklich. Dieses Bild, sein Haupt war aus feinem Gold; seine Brust und seine Arme aus Silber; sein Bauch und seine Lenden aus Kupfer; seine Schenkel aus Eisen; seine Füße teils aus Eisen und teils aus Ton. Du schautest, bis ein Stein sich losriss ohne Hände und das Bild an seinen Füßen aus Eisen und Ton traf und sie zermalmte. Da wurden zugleich das Eisen, der Ton, das Kupfer, das Silber und das Gold zermalmt, und sie wurden wie Spreu der Sommertennen; und der Wind führte sie weg, und es wurde keine Stätte für sie gefunden. Und der Stein, der das Bild geschlagen hatte, wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde“ (2,31–35).

Nachdem Daniel dem König die Quelle und den Gegenstand der Offenbarung seines Geheimnisses kundgetan hatte, fuhr er fort, den Traum zu berichten und seine Deutung anzuzeigen. Die Sprache, die er zur Beschreibung des Traumes benutzt, war so schlicht wie sie beeindruckend war. „Du, o König, sahst: Und siehe, ein großes Bild; dieses Bild war gewaltig und sein Glanz außergewöhnlich; es stand vor dir, und sein Aussehen war schrecklich.“ Die Details werden bei der Deutung vor uns kommen, doch es mag hier schon bemerkt werden, dass während das Bild die Zeiten der Nationen von den Tagen Nebukadnezars bis zur Errichtung des Königreiches Christi darstellt, es dennoch ein Bild ist, und zwar das Bild eines Mannes. Es ist also, wie bereits von anderen deutlich beobachtet wurde, eine Darstellung des „Menschen, der von der Erde ist“ (Ps 10,18), und zwar (wie hinzugefügt werden mag) des irdischen Menschen, wie er sich in Regierungen darstellt – wie wir später sehen werden, in all den verschiedenen Phasen seines verdorbenen und ungezügelten Willens. Der Mensch ist in der Tat nie völlig offenbart, bis alle Hemmnisse beseitigt sind und er die Freiheit sowie Neigung hat, seine eigenen Begierden zu befriedigen (siehe 2. Thes 2,6–12). Obwohl das Bild ein Ganzes ist, ist es in seiner Zusammensetzung doch in vier Teile geteilt:

  1. Der Kopf aus feinem Gold
  2. Seine Brust und seine Arme aus Silber
  3. Sein Bauch und seine Lenden aus Kupfer
  4. Seine Schenkel aus Eisen, seine Füße teils aus Eisen und teils aus Ton.

Es gibt also eine Wertminderung vom Kopf zu den Füßen, wie in der bildlichen Verwendung der jeweiligen Metalle gesehen werden kann. Schließlich wurde das Bild von einem Stein zermalmt, der „sich losriss ohne Hände“, und all seine verschiedenen Teile wurden „zermalmt, und sie wurden wie Spreu der Sommertennen; und der Wind führte sie weg, und es wurde keine Stätte für sie gefunden. Und der Stein, der das Bild geschlagen hatte, wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde“.

Das war der Traum, und die glaubwürdige Deutung Daniels folgte.

Die Deutung des Traumes

„Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt – du bist das Haupt aus Gold. Und nach dir wird ein anderes Königreich aufstehen, geringer als du; und ein anderes, drittes Königreich, aus Kupfer, das über die ganze Erde herrschen wird. Und ein viertes Königreich wird stark sein wie Eisen; ebenso wie das Eisen alles zermalmt und zerschlägt, so wird es, wie das Eisen, das zertrümmert, alle diese zermalmen und zertrümmern“ (2,37–40).

Der Kopf aus Gold war Nebukadnezar. Von allen Königreichen, die die Zeitperiode zwischen der Zerstörung Jerusalems und der Wiederherstellung des ewigen Reiches des Sohnes des Menschen ausmachen, ist Babylon das herausragendste. Diese Zeitperiode wird hier beschrieben. Das Königreich Nebukadnezars war eine direkte Gabe Gottes. Wie Daniel sagte: „Du, o König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat.“ Dies konnte von den drei folgenden Königreichen nicht gesagt werden. Sie treten durch seine Vorsehung in Erscheinung und sind von Gott nach seinem Befehl für die Regierung der Erde zugelassen – doch ihre jeweiligen Häupter waren keineswegs so mächtig wie Nebukadnezar. Er war Gott in diesem äußerlichen Sinn am nächsten, und seine Verantwortung war dementsprechend umso größer.

Der Charakter seines Königreiches war, wie Daniel beschreibt, bemerkenswert. Nebukadnezar war ein König der Könige – durch Gottes Anordnung der oberste Herrscher über alle Könige der Erde, denn Gott hatte ihm „das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre“ gegeben – alles wundervolle Worte, die die Majestät und Größe seiner Position und seines Reiches darstellen. Auch war seine Autorität nicht auf Menschen beschränkt, denn „überall, wo ... Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt“. Es wurde zuweilen ein Vergleich zwischen der Position Adams als dem Haupt der Schöpfung und der hier dem König von Babylon gegeben Position gezogen. Es wurde gesagt: „Obwohl es begrenzter ist, ist es ein Königreich, das von denselben Eigenschaften charakterisiert ist wie das von Adam. Es unterscheidet sich darin, dass Menschen unter seine Herrschaft gestellt werden; es ist begrenzter, da die Meere nicht in seine Souveränität eingeschlossen werden, doch es reicht bis zum jeden Ort, an dem das Vieh des Feldes und die Vögel des Himmels existieren.“2 Wenn man all diese verschiedenen Eigenschaften beachtet, kann leicht nachvollzogen werden, dass Nebukadnezar durch das Haupt aus Gold dargestellt werden sollte.3

Die nächsten beiden Königreiche, die durch das Silber und das Kupfer dargestellt werden, werden in der Deutung lediglich mit einer kurzen Erwähnung übergangen; doch in einem anderen Teil des Buches wird klar gesagt, dass es sich hierbei um das Medo-Persische und das Griechische Königreich handelt (8,20.21). Das vierte Königreich wird ausführlicher beschrieben, und glücklicherweise gibt es keine Schwierigkeiten, es zu identifizieren, sodass alle prophetischen Ausleger sich darin einig sind, dass es sich um das Römische Reich handelt. Die vier Königreiche sind also Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Und diese werden, wie wir sehen werden, die gesamte Zeitperiode der Zeiten den Nationen einnehmen.

Die Eigenschaften des vierten Königreiches, die von Daniel geschildert werden, sollten kurz betrachtet werden. Bevor wir dies tun, muss jedoch seine Dauer festgestellt werden. Es dauert klar und deutlich bis zur Errichtung des Königreiches Christi an (2,44); und doch müssen andere Schriftstellen hinzugezogen werden, um dies zu verstehen. Historisch besiegte das Römische Reich das Griechische, und, „stark wie Eisen“, zerbrach und unterwarf es alles. Es mag für die damalige Zeit unüberwindbar erschienen haben, und es errichtete sein Herrschaftsgebiet über den größten Teil der bekannten Erde.

All dies ist Geschichte, doch es stellt sich die Frage: Wenn dieses Römische Reich bis zum Erscheinen Christi aufrechterhalten bleiben soll, wo ist es dann jetzt, und wann wird es wieder in Erscheinung treten? Die Antwort auf diese Frage finden wir im Buch der Offenbarung. Dass die äußere Form dieses Königreiches verschwunden ist, ist klar ersichtlich; für das menschliche Auge ist es in der Tat nicht existent. Doch in den Augen Gottes ist es da, jedoch momentan verborgen, und wartet darauf, hervorzusprossen und die Welt mit seiner Wiedererscheinung in Erstaunen zu versetzen. Der Engel sagte zu Johannes in der Deutung über das „Geheimnis der Frau ... und des Tieres, das sie trägt, das die sieben Köpfe und die zehn Hörner hat ... Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen die Frau sitzt. Und es sind sieben Könige: fünf von ihnen sind gefallen, der eine ist, der andere ist noch nicht gekommen; und wenn er kommt, muss er eine kurze Zeit bleiben. Und das Tier, das war uns nicht ist, er ist auch ein achter und ist von den sieben und geht ins Verderben“ (Off 17,7–11). Und sogar noch präziser: „Das Tier, das du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buch des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird“ (Off 17,8).

Zwei Dinge werden in diesen Schriftstellen gelehrt: Erstens, dass das „Tier“ als die Fortführung dessen gesehen wird, was vorher existierte; und zweitens, dass es nach einer Zeit der scheinbaren Nichtexistenz wieder in Erscheinung tritt. Dieses „Tier“ stellt nun das Haupt dieses wiedererweckten Römischen Reiches in den letzten Tagen dar; und sein Ursprung und seine Eigenschaften, genauso wie die Quelle seines Thrones und seiner Autorität werden in Offenbarung 13,1–8 dargestellt. Wenn man Vers 2 dieser Schriftstelle mit Daniel 7,3–6 vergleicht, wird auch gesehen werden, dass dieses Tier der Nachfolger der drei vorherigen Königreiche ist, und dass es als solcher alle ihre moralischen Eigenschaften, die in den Bildern des Leoparden, des Löwen und des Bären dargestellt werden, miteinander vereint.

Das vierte Königreich, das Königreich in Macht, als unser gepriesener Herr hier auf der Erde war, und durch dessen Autorität in der Person des Pilatus zur Kreuzigung verurteilt wurde, ist daher das, das einmal wieder errichtet werden und fortdauern wird, bis es durch den Stein, losgerissen „ohne Hände“ zerschmettert werden wird.

In den Versen 41–43 richtet Daniel die Aufmerksamkeit auf eine Schwachstelle in dem, was sonst „stark wie Eisen“ war:

„Und dass du die Füße und die Zehen teils aus Töpferton und teils aus Eisen gesehen hast – es wird ein geteiltes Königreich sein; aber von der Festigkeit des Eisens wird in ihm sein, weil du das Eisen mit lehmigem Ton vermischt gesehen hast. Und die Zehen der Füße, teils aus Eisen und teils aus Ton: Zum Teil wird das Königreich stark sein, und ein Teil wird zerbrechlich sein. Dass du das Eisen mit lehmigem Ton vermischt gesehen hast – sie werden sich mit den Nachkommen der Menschen vermischen, aber sie werden nicht aneinander haften: so wie sich Eisen nicht mit Ton vermischt“ (2,41–43).

Wir sehen keinen Anlass, eine sehr übliche Auslegung des Tons zu bezweifeln, nämlich dass er die Vermischung populärer demokratischer mit absolutistischen Regierungsformen darstellt: Die Verbindung aus Absolutismus mit dem populären Zeitgeist, die wie diese unvereinbaren Elemente nie wirklich zusammenschmelzen können und daher genau durch ihren Versuch der Vereinigung zu einer Schwachstelle werden.

Eine weiterer Gedanke wird in Vers 43 angegeben. Er wurde von einem anderen folgendermaßen erklärt: „Die Nachkommen des Menschen sind, so denke ich, etwas außerhalb dessen, was die eigentliche Kraft des Reiches charakterisiert ... Es erscheint mir, dass hier möglicherweise der barbarische oder teutonische Aspekt hervorgehoben wird, der zu dem hinzugefügt wird, was ursprünglich das Römische Reich ausmachte.“4

Dass die zehn Zehen ebenfalls eine Symbolik beinhalten, kann aus Daniel 7 sowie Offenbarung 17 entnommen werden; doch sie sollen an dieser Stelle nicht weiter beschrieben werden, sondern das Thema muss warten, bis wir Kapitel 7 erreicht haben. Es soll lediglich bemerkt werden, dass sie die zehn Königreiche darstellen, die unter einem imperialistischen Haupt zusammengefasst sind und die endgültige Form des Römischen Reiches repräsentieren.

Es wird nun klar sein, dass in diesem Bild die verschiedenen Formen der Weltmächte dargestellt werden, und zwar von den Tagen Nebukadnezars bis zur der Zeit, wenn der Herr kommen und seine Souveränität über die gesamte Erde antreten und für immer und ewig regieren wird. Das Schaubild der Weltgeschichte, fortschreitend bis zum Ende, liegt offen vor den Augen Gottes. Die Menschen mögen handeln, planen, Regierungen errichten und stürzen, wie sie es für gut halten – in ihrer eigenen Kraft und nach ihrem eigenen Willen – doch die Prophetie lehrt uns, dass sie nur innerhalb der Grenzen des göttlichen Willens zum Erreichen des Beabsichtigten handeln können. Weiter sehen wir, dass menschliche Regierungen, wie stark auch die Bemühungen des ernsten, wenn auch missgeleiteten Menschen sind, verderben müssen, bis schließlich, wie uns ausführlich in der Apokalypse beschrieben wird, Satan der Ursprung und Erhalter der letzten Form menschlicher Regierung sein wird. Es ist daher gut für uns, wenn wir, wie vom Heiligen Geist gelehrt, die Zukunft überblicken und Gnade suchen, den Platz der Absonderung außerhalb der Angst du der Verwirrungen der Welt einhalten, während wir auf die Wiederkunft des Herrn warten.

„Und in den Tagen dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das in Ewigkeit nicht zerstört und dessen Herrschaft keinem anderen Volk überlassen werden wird; es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber in Ewigkeit bestehen“ (2,44).

Dieser Vers wird, wie Daniel ausdrücklich sagt, als Erklärung für den Stein gegeben, der sich von dem Berg losreißt ohne Hände und das Bild an seinen Füßen zerschmettert und in Einzelteile zerbricht. Der Ausdruck „in den Tagen dieser Könige“ weist, insbesondere in der Folge auf Vers 43, auf die an anderer Stelle ausdrücklich beschriebene Tatsache hin, dass das letzte der vier Königreich in zehn Königreiche unterteilt sein wird. Dies kennzeichnet auch die Zeit, in der der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten wird, das die letzte Form des Römischen Reiches zunächst zerstören und dann ersetzen wird. Dieses vom Himmel errichtete Königreich ist das Königreich Christi (siehe Daniel 7,1–14); und seine erste Handlung wird die sein, das Bild in Stücke zu brechen – und dann, wenn es offiziell aufgerichtet sein wird in der Macht Christi selbst, wird es sich ausbreiten, bis es die ganze Erde erfüllt; und es wird keinen Nachfolger haben, denn es wird für immer bestehen.

„Weil du gesehen hast, dass sich von dem Berg ein Stein losriss ohne Hände und das Eisen, das Kupfer, den Ton, das Silber und das Gold zermalmte. Der große Gott hat dem König kundgetan, was nach diesem geschehen wird; und der Traum ist gewiss und seine Deutung zuverlässig“ (2,45).

Als Daniel seine Deutung abschließt, fügt er zwei Dinge hinzu. Zunächst wiederholt er, dass der große Gott dem König mitgeteilt hat, was nach diesem geschehen wird, und zweitens versichert er dem König die Gewissheit des Traumes und seiner Deutung. Als ein geziemender göttlicher Botschafter war er von der Wahrheit seiner Botschaft überzeugt. Genau in diesem Punkt unterscheidet sich eine von Gott gegebene Offenbarung von menschlichen. Alles, was außerhalb der Bibel ist, alles was es wagt, in Konkurrenz dazu zu treten und die Ohren der Menschen herausfordert, ist nichts als eine ungeformte Masse von Meinungen und Schlussfolgerungen. Wie wohltuend ist daher die unabänderliche, für den Glauben in der unfehlbaren Schrift gelegte Grundlage für die Seele, ermattet auf der Suche nach einem festen Grund, auf dem sie im Blick auf den Tod und die Ewigkeit ruhen kann. Daniels Botschaft betraf nur zeitliche Aspekte (obwohl sie weiterreichte bis zum Ende aller Wege Gottes in der Regierung der Erde); doch da er den Ursprung kannte, aus dem sie kam, konnte er zuverlässig ankündigen, dass das von ihm Ausgesprochene gewiss erfüllt werden würde.

Das Bekenntnis Nebukadnezars und Daniels Erhöhung

„Da fiel der König Nebukadnezar nieder auf sein Angesicht und betete Daniel an; und er befahl, ihm Speisopfer und Räucherwerk darzubringen. Der König antwortete Daniel und sprach: In Wahrheit, euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse, da du vermocht hast, dieses Geheimnis zu offenbaren“ (2,46–47).

Nebukadnezar, obwohl er ein Götzendiener war, erkannte die Macht des Wortes an – ja er war gezwungen, sie anzuerkennen. Er fiel „nieder auf sein Angesicht und betete Daniel an; und er befahl, ihm Speisopfer und Räucherwerk darzubringen. Der König antwortete Daniel und sprach: In Wahrheit, euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Könige, und ein Offenbarer der Geheimnisse, da du vermocht hast, dieses Geheimnis zu offenbaren“. Es gab für den König keinen Ausweg aus dieser Schlussfolgerung. Nur er hatte nur den Traum, und daher konnte nur er Daniels Behauptung, dass Gott Geheimnisses offenbart, überprüfen; und daher war nach der Offenbarung des Geheimnisses die Schlussfolgerung unausweichlich, dass Daniels Gott über allen Göttern war. Das Bekenntnis war in der Tat bemerkenswert, denn er erkannte die Vorrangstellung Gottes im Himmel und auf der Erde an und berief sich auch auf seine Allwissenheit. Doch soweit dies auch ging, so scheint doch weder Nebukadnezars Gewissen noch sein Herz erreicht worden zu sein. Es war nichts als das Niederbeugen seines Geistes vor der gegebenen Beweislage, so wie die in den Tagen unseres Herrn, die an seinen Namen glaubten, als sie die Wunder sahen, die Er tat (Joh 2,23). Sein Verhalten in der Ehrerbietung Daniels und dem Befehl, ihm Opfer darzubringen, genauso wie sein nachfolgendes Verhalten zeigen dies – auch wenn er für den Augenblick in Gegenwart seines Hofes die Souveränität des Gottes Daniels auf Erden und im Himmel bezeugte.

„Darauf machte der König Daniel groß und gab ihm viele große Geschenke, und er setzte ihn als Herrscher ein über die ganze Landschaft Babel und zum Obervorsteher über alle Weisen von Babel“ (2,48).

Wie seinerzeit der Pharao spürte der König, dass ein „Mann, in dem der Geist Gottes ist“ (1. Mo 41,38) ein wertvoller Assistent in der Regierung sein würde; und folglich beförderte er ihn zu großer Ehre. Daniel hatte für sich selbst nichts gesucht noch erbeten; doch nun war er erhöht, und er „bat den König, und er bestellte Sadrach, Mesach und Abednego über die Verwaltung der Landschaft Babel. Und Daniel war im Tor des Königs.“

Auf diese Weise rettete Gott seine Diener, als das Todesurteil über sie ausgesprochen wurde, und erwirkte seine eigenen Absichten – sowohl in Bezug auf das Zeugnis als auch auf die Segnungen – und erwirkte sie im vollen Licht des Tages. sie waren in der Gefangenschaft Judas, doch nun hatten sie die herausragendsten Plätze in Babylon inne, denn der König erhob sie über all seine Hofbeamten und Adeligen in Bezug auf öffentliche Angelegenheiten, während Daniel sogar in einer noch höheren Position war, denn er „war im Tor des Königs“.

Fußnoten

  • 1 Die wirkliche Bezeichnung in Offenbarung 11 ist „der Herr der Erde“.
  • 2 Synopsis of the Books of the Bible, by J. N. Darby, vol. ii. New edition.
  • 3 Es sollte beachtet werden, dass es nicht nur Nebukadnezar selbst ist, der in dem Haupt aus Gold dargestellt wird, denn die Nachfolger seine Linie bis Belsazar sind darin eingeschlossen.
  • 4 Wer die historische Analyse dieser Aussage untersuchen möchte, wird grundlegende Ansätze über die Wirkung des Eindringens der Gothen nach Italien und der Eroberung der kaiserlichen Stadt finden in: GIBBON's Roman Empire, sowie in anderen Werken.
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