Das Kommen des Herrn

Gottes Regierungswege auf der Erde (Dan 2)

Gottes Regierungswege auf der Erde

Daniel 2

Der Abschnitt aus dem zweiten Kapitel des Buches Daniel vom 19. Vers an bis zum Schluss gibt uns die Umrisse einer Prophezeiung, deren Einzelheiten durch andere Schriftstellen ergänzt werden. Die unveränderliche Verheißung Gottes gibt der Kirche die feste und gewisse Hoffnung, entrückt zu werden, um für immer beim Herrn zu sein, bevor er kommt, um die Welt zu richten. Wenn das Herz wahrhaft auf Christus gerichtet ist, gibt das Sehnen und Verlangen nach seiner Wiederkunft dem Christen auf seinem Pfad eine lebendige und glückselige Ermunterung.

Bei unserer Betrachtung der bekennenden Christenheit in ihrer Stellung in dieser Welt haben wir gesehen, wie die sogenannte Kirche von Gott schließlich ganz verworfen, wegen ihres verderbten Zustandes auf schreckliche Weise gerichtet, und als verabscheuungswürdig aus dem Mund des Herrn ausgespieen wird. Betrachten wir die Wege Gottes mit der Erde, so finden wir, dass seine unmittelbare Herrschaft stets nur mit dem Volk der Juden als Mittelpunkt zur Ausübung kommt. Sein Regieren im Weg der Vorsehung bleibt dabei unangetastet. Denen, die ihn lieben, lässt er alle Dinge zum Guten mitwirken. Nicht ein Sperling fällt zur Erde ohne den Willen dessen, der unser Vater ist. Wenn es sich aber um die unmittelbare Herrschaft handelt, um die eigentlichen Wege mit den Menschen auf der Erde, die immer von ihrem eigenen Verhalten abhängig sind, und um das direkte und öffentliche Auftreten Gottes, um seine Wege auf der Erde zu erkennen zu geben, so haben wir es sogleich mit dem Volk der Juden zu tun, als dem Dreh- und Angelpunkt, der die Richtung aller dieser Wege bestimmt.

In ihrer vollen Auswirkung beeinflussen sie zwangsläufig auch selbst die sie umgebenden Heidenvölker und erfüllen die ganze Welt, von welcher, als Ganzes gesehen, sie solange unterdrückt worden waren. Die gleichen Schriftstellen, die auf die Juden Bezug haben, beziehen sich also auch auf die Nationen, die es ebenfalls mit Gott zu tun haben, wenn er die Herrschaft ausübt, bei welcher die Juden den ersten und wichtigsten Platz auf der Erde einnehmen. Wir wenden uns nun diesen Schriftstellen zu, von denen einige an anderer Stelle in ihrer Beziehung zu dem Volk der Juden bereits angeführt wurden.

Bevor wir dazu übergehen, sei darauf hingewiesen, dass wir es mit zwei verschiedenen Klassen von Heidenvölkern zu tun haben, wobei wir unter dieser Berücksichtigung in der Heiligen Schrift auch stets zwei deutlich voneinander unterschiedenen Arten von Prophezeiungen haben: Erstens solche, die Feinde des Judenvolkes waren, als Gott bei ihm auf der Erde war, als es von ihm anerkannt war, oder auch in Zukunft von Ihm als sein Volk anerkannt werden wird; und zweitens solche, die zur Zeit ihrer Verwerfung ihre Unterdrücker waren, da sie von Gott als Lo-Ammi, „Nicht-mein-Volk“, bezeichnet wurden und die Zeiten der Nationen ihren Anfang genommen hatten. Beide sind voneinander ganz und gar verschieden. Wir haben es mit gewissen Mächten zu tun, die außerhalb Israels stehen, die seine Feinde waren, solange Gott und sein Thron noch in der Mitte des Volkes gegenwärtig waren, deren Vertreter wir auch noch in den letzten Tagen finden, wenn Gott sich des Volkes Israel wieder angenommen haben wird. Als aber die Juden sich wieder dem Götzendienst zugewandt hatten, und wie groß auch Gottes Langmut – früh sich aufmachend und seine Propheten sendend – gewesen sein mochte, dafür keine Heilung mehr zu finden war, da sah er sich gezwungen, sie dem Gericht zu überlassen. Er setzte Nebukadnezar ein, die Zeiten der Nationen nahmen ihren Anfang, und diese dauern bis heute noch fort. Das Königtum ging von Babylon auf Persien über, von Persien auf Griechenland, und als der Herr auf die Erde kam, da waren die Juden Sklaven der Römer, als Sklaven den Heiden unterworfen. Die gottesdienstliche Verfassung war ihnen zwar belassen, aber die Regierungsgewalt lag in den Händen ihrer Unterdrücker. Diese Zeiten der Nationen werden andauern, bis der Herr kommt um das Gericht auszuführen, bis jene, die zur Zeit der Beiseitesetzung die Unterdrücker des Volkes Gottes waren, vernichtet werden; und wo die anderen, die außer den Unterdrückern auch seine Feinde sind, zu einer Zeit zunichte gemacht werden, da sie glauben, gewonnenes Spiel zu haben – und dann werden die Juden befreit werden.

Kurz gesagt, die Schrift zeigt uns, dass die Juden der Mittelpunkt der irdischen Regierungswege Gottes sind, und dass es für die Heiden zwei verschiedene Arten von Prophezeiungen gibt, wobei sich die eine Art auf die Unterdrücker des Volkes Gottes zur Zeit seiner Annahme und die andere auf dessen Feinde, wenn es beiseite gesetzt und verworfen ist, bezieht.

Die Grundlage aller Prophezeiungen ist im 32. Kapitel des fünften Buches Mose niedergelegt, und dieses Kapitel enthält auch den Ursprung aller Geschichte, die sich ereignet hat oder noch ereignen wird. Im 8. Vers wird uns gesagt, dass die Juden, wie wir bereits gehört haben, der Ausgangspunkt aller Regierungswege Gottes sind: „Als der Höchste den Nationen das Erbe austeilte, als er voneinander schied die Menschenkinder, da stellte er fest die Grenzen der Völker nach der Zahl der Kinder Israel.“ Machen wir, hiervon ausgehend, die Anwendung auf das allgemeine Gericht über die Heidenvölker. Der Prophet sagt zunächst voraus, dass nach seinem Abscheiden das Volk Israel sich wieder verderben wird und er erwähnt in Vers 21 die Gesetzlosigkeiten, die sich bis heute noch auswirken. Vom 26. Vers ab finden wir, dass Gott nicht mehr auf die Verderbnisses blickt, um sein Volk nicht der Vernichtung anheim geben zu müssen, sondern um zu erweisen, dass er Gott ist. Dann wendet sich der Prophet jener Zeit zu, da Gott aufstehen wird zum Gericht, und damit gelangen wir zu dem uns jetzt beschäftigenden Gegenstand.

Wenn Israel ganz und gar niedergebeugt ist, dann wird Gott allerdings sein Volk richten, aber er wird es sich auch über seine Knechte gereuen lassen. Seine Hand, wie es heißt, greift zum Gericht, um Rache zu erstatten seinen Feinden und Vergeltung zu geben seinen Hassern; denn als solche erweisen sich die heidnischen Mächte, und die abtrünnigen Juden ebenfalls. Er wird seine Pfeile berauschen mit Blut und sein Schwert wird Fleisch fressen. Aber dieses Gericht ist notwendig, um die Segnungen des Tausendjährigen Reiches einführen zu können, wenn die Nationen mit seinem Volk zusammen jubeln werden; denn er wird Rache nehmen wegen des Blutes seiner Knechte – eine Sache, die noch in der Zukunft liegt – und er wird sich an seinen Hassern rächen, und er wird – beachten wir den Ausdruck! – seinem Land und seinem Volk vergeben.

So also wird sein Volk gerichtet: seine Knechte werden gerächt, und seinen Feinden wird Vergeltung gegeben, aber sein Land und sein Volk Israel erhalten Vergebung, und die Heidenvölker werden mit ihnen zusammen jubeln. Das ist, mit einem Wort, das Gericht, die Vernichtung der Feinde Gottes, der Heiden sowohl als auch der abtrünnigen Juden. Seine Knechte werden gerächt, Israel wieder hergestellt, die Nationen werden zusammen mit den Juden des Segens Gottes teilhaftig, aber immer bleibt dabei Israel das Volk zum Besitztum.

Bevor wir nun den Unterschied herausstellen zwischen den Unterdrückern Israels zur Zeit ihrer Annehmung und ihren Feinden zur Zeit ihrer Verwerfung, wollen wir uns zunächst beschäftigen mit einem Zeugnis allgemeiner Art hinsichtlich des Gerichts über die Heidenvölker. Wir wenden uns zu diesem Zweck zu einer Schriftstelle aus dem letzten Kapitel des Buches Jesaja. Kapitel 66, 15: „Denn siehe, der Herr wird kommen im Feuer und seine Wagen wie der Sturmwind, um seinen Zorn zu vergelten in Glut und sein Schelten in Feuerflammen. Denn durch Feuer und durch sein Schwert wird der Herr Gericht üben an allem Fleisch.“ Das ist die große Tatsache des Gerichts über die Nationen im Allgemeinen. Betrachten wir dazu die vorhergehenden Verse 6 – 14, so sehen wir, dass die Juden als Volk wieder eingesetzt sind. „Denn so spricht der Herr“ (Vers 12): „Siehe ich wende ihr (d. h. Jerusalem) Frieden zu wie einen Strom, und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach.“ – Dann wird in Vers 17 von den gottlosen Juden gesprochen und von da ab bis zum 24. Vers haben wir die Einführung der Herrlichkeit des Herrn. Solche, die dem damit verbundenen Gericht entflohen sind, werden ausgesandt, um seine Herrlichkeit unter den Nationen zu verkündigen und die unter die Heiden zerstreuten Juden wieder nach Jerusalem zurückzuführen. So sehen wir uns also der einen großen Tatsache gegenüber, dass der Herr kommen wird, um alles Fleisch zu richten und alle diejenigen auszurotten, die sich gegen Israel aufgelehnt haben.

Betrachten wir nun kurz den 9. und den 10. Psalm, so finden wir darin die Anerkennung des Gerichts und die Vernichtung der Feinde Israels im Land. Der Psalmist fasst diesen gesamten Gegenstand in die Verse 4 – 6 zusammen: „Denn du hast ausgeführt mein Recht und meine Rechtssache; du hast dich auf den Thron gesetzt, ein gerechter Richter! Du hast die Nationen gescholten, die Gesetzlosen vertilgt; ihren Namen hast du ausgelöscht für immer und ewig!“ Und in den Versen 14 – 17 heißt es weiter: „Auf dass ich all dein Lob erzähle in den Toren der Tochter Zion, frohlocke über deine Rettung. Versunken sind die Nationen in die Grube, die sie gemacht; ihr Fuß ward gefangen in dem Netze, dass sie heimlich gelegt haben. Der Herr ist bekannt geworden: er hat Gericht ausgeübt, indem er den Gesetzlosen versteckt hat in dem Werk seiner Hände (Higgajon, Sela). Es werden zum Scheol umkehren die Gesetzlosen, alle Nationen, die Gottes vergessen.“ – Und dazu noch als Schlusswort den 16. Vers aus Psalm 10: „Der Herr ist König immer und ewiglich; die Nationen sind umgekommen aus seinem Land!“

So bringen die beiden Psalmen, nachdem in Psalm 8 die Verwerfung des Christus als König in Zion und danach der Antritt seiner Macht über die ganze Erde im Charakter des Sohnes des Menschen dargestellt ist, den Gesamtinhalt des ganzen Buches der Psalmen zum Ausdruck: den Zustand und die Gefühle des gläubigen Überrestes aus Israel in den letzten Tagen und die Ausführung des Gerichtes Gottes an den Heidenvölkern. Aus diesem Grund – beachten wir es wohl – finden wir in den Psalmen so oft das Herbeirufen der Gerichte und das Verlangen danach – ein Umstand der manchem ernsten Christen zu Schaffen gemacht hat, wenn er von Gegnern des Christentums in die Enge getrieben wurde. Die Psalmen können ihrem Inhalt nach nicht die Gefühle eines Christen zum Ausdruck bringen. Wir lassen diese Welt hinter uns und gehen in den Himmel ein. Keinesfalls haben wir die Vernichtung unserer Feinde herbeizuwünschen, um in die Herrlichkeit eingehen zu können. Israel aber kann auf dieser Welt nicht eher zur Ruhe gelangen, bevor nicht die Gesetzlosen vernichtet sind; und aus diesem Grund sehen wir sie das gerechte Gericht herbeiwünschen, da ihre Befreiung nur auf diesem Weg erfolgen kann.

Im weiteren Verlauf unseres Themas richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Jeremia 25. Es ist ein besonders bemerkenswertes Kapitel. Zuvor lesen wir aber noch die letzten Verse aus Jesaja 24, wollen aber, um die Beziehung zu Israel etwas deutlicher zu machen, mit dem 13. Vers beginnen: „Denn so wird es geschehen inmitten der Erde, inmitten der Völker: wie beim Abschlagen der Oliven, wie bei der Nachlese, wenn die Weinernte zu Ende ist. – Jene werden ihre Stimme erheben, werden jubeln. Ob der Majestät des Herrn jauchzen sie vom Meer her: Darum gebt dem Herrn Ehre im Osten, auf den Inseln des Meeres dem Namen des Herrn, des Gottes Israels! Vom Ende der Erde her hören wir Gesänge: „Herrlichkeit dem Gerechten!“ – Da sprach ich: Ich vergehe, ich vergehe, wehe mir! Räuber rauben und räuberisch rauben sie. Grauen und Grube und Garn über die Bewohner der Erde! Und es geschieht, wer vor der Stimme des Grauens flieht, fällt in die Grube; und wer aus der Grube heraussteigt, wird im Garn gefangen. Denn die Fenster in der Höhe tun sich auf, und es erbeben die Grundfesten der Erde. Die Erde klafft auseinander, die Erde zerberstet, die Erde schwankt hin und her, die Erde taumelt wie ein Trunkener und schaukelt wie eine Hängematte; und schwer lastet auf ihr ihre Übertretung: und sie fällt und steht nicht wieder auf.“

Unter der Furchtbarkeit des göttlichen Gerichts taumelt die Erde wie ein Trunkener, und alsdann (Verse 21 und 22) wird das Gericht an den geistlichen Mächten der Bosheit in den himmlischen Örtern, an dem Fürsten der Gewalt der Luft (vgl. Eph 6,12) und an seinen Engeln, und danach auch an den Königen der Erde auf der Erde, vollzogen. Dann wird der Herr der Heerscharen herrschen auf dem Berg Zion und in Jerusalem, und vor seinen Ältesten wird Herrlichkeit sein! In Jeremia 25,15 finden wir geschrieben: „Denn so hat der Herr zu mir gesprochen: Nimm diesen Becher Zornwein aus meiner Hand, und gib ihn zu trinken all den Nationen, zu welchen ich dich sende.“ Dann werden die Nationen alle einzeln genannt und in dem Abschnitt vom 29. bis zum 32. Vers wird das allgemeine Gericht über die Heidenvölker ausgesprochen und beschrieben, in welch furchtbare Weise die Gerichte des Herrn über sie hereinbrechen werden.

Wenden wir uns nun zu dem 5. Kapitel aus dem Buch Micha, wo es am Schluss heißt: „Und ich werde in Zorn und in Grimm Rache üben an den Nationen, die nicht gehört haben.“ Auch hier finden wir, dass Israel gesegnet und in Macht wiederhergestellt wird (Verse 7 und 8), und zwar in der Macht des Herrn, welcher groß sein wird bis an die Enden der Erde (Verse 3 und 4). „Und er wird dastehen und seine Herde weiden in der Kraft des Herrn, in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes; und sie werden (ungestört im Lande) wohnen; denn nun wird er groß sein bis an die Enden der Erde. Und dieser wird Friede sein! – Wenn Assyrien in unser Land kommen und in unsere Paläste treten wird, so werden wir sieben Hirten und acht Menschenfürsten gegen dasselbe aufstellen.“

In Joel 3,9–17 finden wir geschrieben: „Ruft dieses aus unter den Nationen, heiligt einen Krieg, erweckt die Helden: es sollen herankommen und heraufziehen alle Kriegsmänner! Schmiedet eure Pflugmesser zu Schwertern und eure Winzermesser zu Speeren; der Schwache sage: Ich bin ein Held! Eilt und kommt her, alle ihr Nationen ringsum und versammelt euch! Dahin, Herr, sende deine Helden hinab! Die Nationen sollen sich aufmachen und hinabziehen in das Tal Josaphat (d. h. Der Herr hat gerichtet); denn dort werde ich sitzen um alle Nationen zu richten ringsum. Legt die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt, stampft, denn die Kelter ist voll, die Kufen fließen über! Denn groß ist ihre Bosheit. Getümmel, Getümmel im Tal der Entscheidung; denn nahe ist der Tag des Herrn im Tal der Entscheidung. Die Sonne und der Mond verfinstern sich und die Sterne verhalten ihren Glanz. Und der Herr brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben. Und der Herr ist eine Zuflucht für sein Volk und eine Feste für die Kinder Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin, der auf Zion wohnt, meinem heiligen Berg. Und Jerusalem wird heilig sein, und Fremde werden es nicht durchziehen.“

Diese Schriftstelle ist insofern bedeutungsvoll, weil hier Jerusalem wieder in die Segnungen eingeführt wird, um nie wieder zertreten zu werden, dass dagegen die Heiden, die es in Trübsal gebracht hatten, für ewig vernichtet werden. Zur Zeit Nebukadnezars, als Jerusalem in Drangsal war, und auch als Titus es belagerte und einnahm, wurden die Heiden durchaus nicht vernichtet. Als Cyrus einen Überrest wieder nach Jerusalem entließ, blieben sie dennoch Gefangene, und selbst bis auf den heutigen Tag sind immer noch Fremde in Jerusalem.

Auch in Zephanja, Kapitel 3, Vers 8 bis zum Schluss, finden wir wieder die Nationen versammelt, die Heidenvölker vernichtet, und das Volk der Juden wieder eingeführt. Nach dem Vorsatz des Herrn werden alle Königreiche zusammengebracht, um durch die ganze Glut seines Zorns verzehrt zu werden. Ebenso finden wir hier, dass das Volk Israel nie wieder beiseite gesetzt wird. Er wird ihre Gefangenschaft wenden und sie zum Lob und zum Namen machen in allen Ländern ihrer Schmach. Ihre Feinde wird er hinwegfegen; sie werden kein Unglück mehr sehen. Gott selbst ist in ihrer Mitte: Er schweigt in seiner Liebe!

Führen wir noch eine weitere Schriftstelle an, bevor wir zu der Unterscheidung der zwei Arten von Israels Feinden kommen, und zwar aus Haggai 2,5–9: „Das Wort, welches ich mit euch eingegangen bin, als ihr aus Ägypten zogt, und mein Geist bestehen in eurer Mitte: fürchtet euch nicht! Denn so spricht der Herr der Heerscharen: Noch einmal eine kleine Weile ist es, da werde ich den Himmel erschüttern und die Erde und das Meer und das Trockene. Und ich werde alle Nationen erschüttern; und das Ersehnte aller Nationen wird kommen, und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen, spricht der Herr der Heerscharen. Mein ist das Silber und mein ist das Gold, spricht der Herr der Heerscharen. Die letzte Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die erste, spricht der Herr der Heerscharen; und an diesem Ort will ich Frieden geben, spricht der Herr der Heerscharen.“

Der Apostel führt diese Schriftstelle im Brief an die Hebräer an, wobei wir erkennen, dass ihre Verwirklichung bisher noch nicht gekommen sein kann: „Seht zu, dass ihr den nicht abweiset, der da redet! Denn wenn jene nicht entgingen, die den abwiesen, der auf der Erde die göttlichen Aussprüche gab: wie viel mehr wir nicht, wenn wir uns von dem abwenden, der von den Himmeln her redet“ (Heb 12,25). Er ermahnt sie, nicht auf die irdischen und erschaffenen Dinge zu vertrauen und zeigt dabei, dass die Erschütterung aller Dinge der ersten und vergänglichen Schöpfung noch in der Zukunft liegt, indem er ausführt, dass diese erschüttert und vergehen werden.

Wir kommen nun zu einem Überblick über die Schrift hinsichtlich der beiden verschiedenen Arten von Israels Feinden, die wir bereits erwähnt haben. Vor der Babylonischen Gefangenschaft, solange Israel von Gott noch anerkannt war, ist der Assyrer der Hauptfeind Israels gewesen. Zwar waren auch noch andere Feinde da, wie z. B. Syrien; aber Syrien wurde von den Assyrern unterworfen. Danach suchte Ägypten die Herrschaft der Welt an sich zu reißen; es zog hinauf, belagerte Juda und stieß mit der Streitmacht Babylons bei Karchemis am Strom Phrat zusammen (2. Chr 35,20 und 2. Kön 23,29). Aber seine Macht wurde gebrochen und so wurde Nebukadnezar, als das Haupt von Gold, der Herrscher über die ganze Erde. Die Zeiten der Nationen nahmen ihren Anfang; sie dauern noch an, bis der Herr seine große Herrschaft antreten und dann in Macht regieren wird.

Zwar sehen wir, dass die Juden, oder doch ein kleiner Überrest von ihnen, aus Babylon zurückkehrten und dass ihnen der Messias verheißen wurde. Aber sie waren so verderbt und so hoffnungslos dem Götzendienst ergeben, dass Gott sie eben deshalb in die Gefangenschaft hatte gehen lassen. Und selbst nach der Rückkehr in ihr eigenes Land, mussten sie weiterhin der Herrschaft der Heiden unterworfen bleiben; Gottes Herrlichkeit und sein Thron waren nicht länger mehr in ihrer Mitte. Mit ihrer Rückkehr haben sie die Schechina auch nie wieder erlangt; – die Schechina war die lichte Wolke, der Ausdruck der Gegenwart Gottes (siehe 2. Mose 40,34–35; vgl. hierzu auch Mt 17,5 mit der Anmerkung der Elberfelder Übersetzung). Weder die Bundeslade noch die Urim und die Thummim (Esra 2,63) waren mehr in ihrem Besitz. Alles was irgend mit dem Zeugnis der Gegenwart Gottes zusammenhing, war verlorengegangen und nie wieder sind diese Dinge wiederhergestellt worden.

Auch heute noch dauern diese Zeiten der Nationen an; sie werden im Bild der vier Tiere dargestellt und das ist, soweit es auf die Erde Bezug hat, von äußerster Wichtigkeit. Der Thron Gottes war nicht mehr auf der Erde. Die Prophezeiung, als solche, blieb allerdings bestehen, bis die äußere Ordnung wiederhergestellt war, aber es ist bemerkenswert, dass die Propheten aus der Zeit nach der Gefangenschaft das in Hosea ausgesprochene Urteil:  „Ihr seid Nicht-mein-Volk“ niemals umzustoßen wagen konnten. Niemals haben sie die Juden in ihrem damaligen Zustand als das Volk Gottes bezeichnet, sondern nur dann, wenn sie von den kommenden Tagen prophezeiten, da sie wieder in die Gunst Gottes eingesetzt werden, was aber auch jetzt noch in der Zukunft liegt. Und schließlich, als der Herr auf die Erde kam, wurde er verworfen, er sitzt jetzt auf dem Thron des Vaters, und alles, was göttliche Macht und Herrlichkeit ist, ist nur droben zu finden – ein Gegenstand des Glaubens für die gläubige Seele! Das Volk, das von Gott berufen war und Gottes Thron in der Mitte hatte, ist nun, obwohl es erhaben bleibt, gänzlich beiseite gesetzt. Mit dem Beginn dieser Zeiten der Nationen hatte der Thron Gottes aufgehört, auf der Erde zu sein. Daher haben wir in Daniel auch niemals den Gott der Erde, sondern immer nur den Gott des Himmels, weil er eben nicht mehr bei ihnen auf der Erde war.

Die Feststellung, dass Gott seine unmittelbare Herrschaft über die Erde mit Israel als Mittelpunkt – wobei sein Thron in ihrer Mitte war und er, wie es heißt, zwischen den Cherubim wohnte – tatsächlich einmal aufgegeben hatte, dann aber wiederkommen wird, um diese Herrschaft wieder zu übernehmen, ist von ganz besonderer Wichtigkeit. In Hesekiel haben wir das Gericht über Jerusalem. Gott kommt hernieder, und Nebukadnezar ist dabei sein Werkzeug; Er kommt auf den Fittichen der Cherubim und im Weg der Vorsehung – die Felgen der Räder waren hoch und furchtbar! Die Seinen werden besonders bezeichnet, der ganze übrige Teil aber der Vernichtung anheim gegeben. Er übt Gericht, lässt sie zurück und geht wieder hinauf gen Himmel. Unter dem Vorbehalt von Gottes Vorsehung und seines endgültigen Gerichts wird den Nationen die Herrschaft über Israel gelassen; Gottes Thron in ihrer Mitte ist hinweggetan. Vier große Reiche stehen nacheinander auf: Babylon, Persien, Griechenland und Rom.

Es gelingt dem Römischen Reich nicht, obwohl es alles um sich her zerstört, alle Nationen unter seine Herrschaft zu bringen; es bleibt aber als die große Weltmacht bis zu dem Tag des Gerichts bestehen, jedoch auf eine besondere Art und Weise. Zuletzt tritt der Assyrer wieder auf den Schauplatz; das ist, geographisch gesehen, die heutige asiatische Türkei und ein Teil von Persien; in den letzten Tagen aber tritt Assyrien in der Macht Russlands auf den Plan, in Übereinstimmung mit dem Zeugnis aus der Schrift aus Hesekiel, Kapitel 37 und 38 (diese Schriftstelle wurde von dem älteren Lowth schon vor fast zweihundert Jahren auf Russland gedeutet!), und die ganze, zu Israel und Gottes endgültigen, irdischen Vorsätzen in Beziehung stehende Welt wird eingeteilt in das Römische Reich, welches Westeuropa und das Becken des Mittelländischen Meeres umfasst, und das Russische Reich mit dem gesamten Osteuropa. Diese beiden Reiche werden in der Schrift stets deutlich auseinandergehalten. Das assyrische Reich war die Macht, die mit Israel zur Zeit seiner Annehmung durch Gott stets im Krieg war; das andere Reich ist die Macht, die Israel in der Zeit seiner Verwerfung unterdrückt und gefangen hielt.

In Jesaja und den Propheten aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft haben wir es stets nur mit dem Assyrer zu tun; das Tier wird kaum erwähnt. Einmal wird auf das Ende der Zeiten von einem herrschenden König gesprochen (Jes 19,4), aber dabei handelt es sich auch vermutlich nur um einen dem Tier unterworfenen Verbündeten. Im Buch Daniel dagegen finden wir den Assyrer überhaupt nicht, außer vielleicht einmal und nur unbestimmt und andeutungsweise in einem Kapitel. Dasselbe gilt auch von dem Buch Sacharja, außer dass hier, wie allerdings auch in dem Buch Daniel alle Nationen nur in allgemeinem Sinn erwähnt werden, gleichwie Garben auf der Tenne gedroschen werden, wenn sie sich gegen Jerusalem erheben.

Bisher haben wir nur das Gericht in seinem allgemeinen Charakter behandelt; wenn wir aber zur Unterscheidung der Tiere einerseits, und der assyrischen Macht andererseits gelangen, so werden wir auch die darauf Bezug habenden Schriftstellen unterschiedlich behandeln müssen. In Daniel haben wir es sehr deutlich und ausführlich mit den Tieren, nicht aber mit dem Assyrer zu tun. Untersuchen wir daher zunächst das angegebene Kapitel, Daniel 2.

Hier haben wir Nebukadnezar, als das Haupt von Gold, das persische Reich als das Silber; das Erz ist Griechenland und das Eisen ist Rom, wobei das Eisen mit Ton vermischt, den gegenwärtigen Zustand der Dinge andeutet. Nachdem diese letzten in Erscheinung getreten sind, reißt ein Stein sich los ohne Hände (d. h. ohne menschliches Zutun); es ist Gottes eigenes Werk: Er zermalmt das Bild und sie alle werden wie Spreu der Sommertennen und keine Stätte wurde für sie gefunden; und alsdann wurde der Stein, der das Bild geschlagen hatte, zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde. Wir finden keine Spur davon, dass überhaupt nur ein Versuch gemacht wird, bei den vorherigen einzelnen Teilen des Bildes auf eine Umwandlung oder Besserung ihres Charakters hinzuwirken. Es blieb vielmehr dem Christentum überlassen, sich auszubreiten und alle diese Länder zu durchdringen. Aber der Stein wächst nicht, bevor sie nicht gänzlich zerstört sind. Es ist keine Rede davon, dass auf sie irgendein Einfluss ausgeübt wird, irgend eine Umwandlung oder ein Wechsel mit ihnen vorgenommen wird. Der kleine Stein, der das Bild geschlagen hatte, ist es, der die ganze Erde erfüllt. Damit haben wir das Kommen des Reiches Christi zum Gericht vor uns; es führt eine gänzliche Vernichtung der Reiche, die seinem Erscheinen vorausgingen herbei. Durch sein Erscheinen wird das letzte der Reiche, und werden im besonderen die Zehen von Eisen und von Ton betroffen, also in ihrer letzten, in dem Bild dargestellten Form, hinsichtlich ihrer geographischen Verteilung über die Erde, und auch was den Zustand der einzelnen Teilreiche, die einen stark, die anderen schwach, betrifft. Was dieser Darstellung ihre ganz besondere Bedeutung gibt, ist der Umstand, dass der Stein überhaupt nicht zu wachsen beginnt, bevor er nicht alle diese Dinge zur Vollendung gebracht hat. Erst dann, wenn er das Gericht und das Werk der Zerstörung völlig ausgeführt haben wird, beginnt er zu wachsen und zu einem großen Berg zu werden.

Was wir jetzt erleben, ist aber etwas ganz anderes. Der Herr ist hinaufgestiegen in die Höhe, und, sitzend zur Rechten des Thrones des Vaters, während die Heiligen, seine Miterben, die Versammlung, bis zu dem nur Gott bekannten Augenblick aus der Welt herausgesammelt werden, wartet er im Geist der Gnade darauf, sich von des Vaters Thron zu erheben, um seine große Macht und Herrschaft anzutreten, – und dann werden seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt.

Machen wir nun die eigentliche Anwendung davon, die in dieser Hinsicht vollkommen klar und deutlich ist: Die Herrschaft über die Welt ist den Menschen in der Person Nebukadnezars übergeben worden. Drei andere Reiche folgen auf das seinige, und obwohl das letzte dieser Reiche durch besondere Stärke ausgezeichnet ist, weil es alles um sich her in Stücke schlägt und zur Unterwerfung bringt, wird es am Ende der Tage gerade in seiner letzten Phase durch einen starken Widerstreit der vorherrschenden Grundsätze gekennzeichnet (wobei es sich ohne Zweifel um den Gegensatz zwischen dem germanischen und romanischen Element handelt), und ist zum Teil stark, zum Teil schwach. Und dann kommt das Ende (Vers 44): „Und in den Tagen dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, welches ewiglich nicht zerstört, und dessen Herrschaft keinem anderen Volk überlassen werden wird; es wird alle jene Königreiche zermalmen und vernichten, selbst aber ewiglich bestehen.“

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