Der Prophet Daniel und die Zeiten der Nationen

Daniel 3

Das Bild Nebukadnezars und seine Einweihung

Das Bild aus Kapitel 2, das Nebukadnezar in seinen Träumen gesehen hatte, schattete nach der zuverlässigen Deutung Daniels den gesamten Verlauf der Zeiten der Nationen vor. Es handelt sich daher um ein generelles Bild, das jedoch in seiner Übersicht so eindeutig ist, dass niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, seine Bedeutung missverstehen kann. Wer wirklich nachforscht, kann den Charakter der Königreiche erkennen, die den Zeitraum zwischen der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und der Erscheinung Christi in Herrlichkeit überbrückt. Nach diesem allgemeinen Überblick wird unsere Aufmerksamkeit durch den Geist Gottes auf das gelenkt, was man die moralischen Eigenschaften der heidnischen Mächte nennen könnte, wie sie hauptsächlich in Babylon dargestellt werden. Doch auch wenn sie dort dargestellt werden, so sind die verschiedenen Eigenschaften doch typisch oder repräsentativ für das, was während der gesamten Zeit der heidnischen Herrschaft gesehen werden wird. In anderen Worten: Wir dürfen jetzt den Nutzen sehen, den die Nationen aus der ihrer Verantwortung anvertrauten Macht ziehen werden. Dies wird uns unvermittelt im ersten Vers dieses Kapitels vorgestellt:

„Der König Nebukadnezar machte ein Bild aus Gold: seine Höhe sechzig Ellen, seine Breite sechs Ellen; er richtete es auf in der Ebene Dura, in der Landschaft Babel“ (3,1).

So ist der Mensch. Nebukadnezar hatte von Daniel erfahren (wenn er es nicht bereits vorher gewusst hat), dass der Gott des Himmels ihm sein weltweites Königreich gegeben hatte, und er hatte bekannt, dass Daniels Gott ein „Gott der Götter und ein Herr der Könige“ war (2,47) – und dennoch nutzt er seine umfassende Macht, um sich selbst einen Gott zu machen, seinen eigenen Willen über die Gewissen seiner Untertanen in seinem gesamten Herrschaftsbereich geltend zu machen und so den Platz und die Autorität an sich zu reißen, die allein dem Gott des Himmels gebührte. Das bedeutet, dass er die ihm von Gott gegebene Macht missbrauchte, um Gott zu verleugnen und sich selbst an Gottes Stelle zu setzen, wenngleich dieser Grundzug im Folgenden auf eine noch deutlichere Art zu Tage tritt.

Ein solches Verhalten wäre völlig unerklärbar, wenn wir nicht mit den verborgenen Motiven vertraut wären, die das menschliche Herz anregen und regieren, und wenn wir vergessen, dass wir selbst oftmals die Segnungen, die uns von Gott gewährt wurden, zu unserem eigenen Vorteil und unserer Erhöhung benutzt haben. Tatsächlich mag Nebukadnezar einen starken Antrieb für den Gang der in diesem Kapitel dargestellten Ereignisse gehabt haben. Sein Herrschaftsgebiet muss eine ungeheuerliche Ansammlung von Völkern gewesen sein, bestehend aus zahllosen Sprachen (siehe Dan 3,4–8) und Religionen, die politisch gesprochen alle dahin tendierten, den Frieden seines Königreiches zu stören.1 Wenn also die verschiedenen Herrschaftsbereiche durch eine gemeinsame Religion geeint werden konnten, würde sein Imperium gestärkt und das Wohlergehen seiner Untertanen gefördert werden. Was auch immer seine Gedanken waren, dies war der Kurs, den er einschlug, und er machte die beeindruckende Statue, die er dazu bestimmte, als Gottheit zu dienen für alle „Völker, Völkerschaften und Sprachen“, die seiner Autorität untergeben waren.2

„Und der König Nebukadnezar sandte aus, um die Satrapen, die Befehlshaber und die Statthalter, die Oberrichter, die Schatzmeister, die Gesetzeskundigen, die Rechtsgelehrten und alle Oberbeamten der Landschaften zu versammeln, damit sie zur Einweihung des Bildes kämen, das der König Nebukadnezar aufgerichtet hatte. Da versammelten sich die Satrapen, die Befehlshaber und die Statthalter, die Oberrichter, die Schatzmeister, die Gesetzeskundigen, die Rechtsgelehrten und alle Oberbeamten der Landschaften zur Einweihung des Bildes, das der König Nebukadnezar aufgerichtet hatte; und sie standen vor dem Bild, das Nebukadnezar aufgerichtet hatte“ (3,2–3).

Als das Bild aufgerichtet wurde, wurden alle regierenden Autoritäten und Offiziere seines Herrschaftsgebietes nach Babylon versammelt, um bei der „Einweihung des Bildes ..., das der König Nebukadnezar aufgerichtet hatte“ anwesend zu sein. Versammelt „vor dem Bild“, wurde der Erlass durch einen Herold verkündet:

„Und der Herold rief mit Macht: Euch wird befohlen, ihr Völker, Völkerschaften und Sprachen: Sobald ihr den Klang des Horns, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute, der Sackpfeife und aller Art von Musik hören werdet, sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten, das der König Nebukadnezar aufgerichtet hat. Und wer nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden“ (3,4–6).

Der Erlass konnte leicht verstanden werden: Er war einfach und kurz, und die Strafe war klar. Auch wurde – menschlich gedacht – wenig gefordert. Ein Akt der Niederwerfung vor dem Götzen des Königs zu dem bestimmten Zeitpunkt, und das Ganze war vorbei. Doch der Erlass braucht eine kleine Begutachtung. Er war, wie bereits vorher beobachtet, das Eindringen des menschlichen Willens in den Herrschaftsbereich Gottes. Gehorsam gegenüber den bestehenden Mächten ist eine heilige Pflicht, wie hiernach ausführlich erklärt werden soll; doch Gehorsam gegenüber den bestehenden Mächten kann nur innerhalb des Kreises ihrer eigenen rechtmäßigen Autorität gezollt werden. Wenn sie diesen Kreis verlassen, wie die Herrscher Jerusalems es taten, als sie den Aposteln geboten, nicht in dem Namen Jesu zu predigen, muss ihnen gesagt werden, wie Petrus und Johannes antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Als absoluter Monarch, wie Nebukadnezar es war, trat er aus seinem eigenen Bereich heraus und beanspruchte mit dem Erlass dieses Befehls für sich selbst, was allein Gott gebührte.

Noch ein weiterer Punkt sollte bemerkt werden. Das Signal für die Anbetung des Bildes war das Erklingen aller Art von Musik von der besten Kapelle des gesamten Königreiches. Wenn keine religiösen Gefühle vorhanden waren, mussten sie durch die süßen und sinnlichen Töne der Harmonie erzeugt werden. Wie raffiniert sind die Listen Satans! Denn wir finden hier tatsächlich die Geschichte aller religiösen Musik. Es spricht das Fleisch an und erzeugt natürliche Gefühle; doch in diesen hat der Geist Gottes keinen Anteil, und die, die Gott anbeten, müssen ihn „in Geist und Wahrheit“ anbeten (Joh 4,23). All diese Hilfsmittel tun nichts als die Seelen irrezuführen durch den Genuss des Natürlichen, und gleichzeitig schalten sie Gott aus und verstecken darüber hinaus den geistlichen Zustand der vermeintlichen Anbeter.

Die Anklage gegen Sadrach, Mesach und Abednego und der Zorn Nebukadnezars

„Deswegen traten zur selben Zeit chaldäische Männer herzu, die die Juden anzeigten. Sie hoben an und sprachen zum König Nebukadnezar: O König, lebe ewig! Du, o König, hast den Befehl gegeben, dass jedermann, der den Klang des Horns, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute und der Sackpfeife und aller Art von Musik hört, niederfallen und das goldene Bild anbeten solle; und wer nicht niederfällt und anbetet, der solle in den brennenden Feuerofen geworfen werden. Nun sind jüdische Männer da, die du über die Verwaltung der Landschaft Babel bestellt hast: Sadrach, Mesach und Abednego; diese Männer, o König, achten nicht auf dich. Deinen Göttern dienen sie nicht, und das goldene Bild, das du aufgerichtet hast, beten sie nicht an.

Da befahl Nebukadnezar im Zorn und Grimm, Sadrach, Mesach und Abednego herbeizubringen. Da wurden diese Männer vor den König gebracht“ (3,8–13).

Es gab praktisch völlige Einstimmigkeit bezüglich des Gehorsams gegenüber dem königlichen Befehl. Lediglich drei Personen, soweit berichtet, weigerten sich, dem Befehl zu folgen. Der König wurde durch bestimmte Chaldäer auf sie aufmerksam gemacht, die zur selben Zeit herzutraten und die Juden anzeigten. Nachdem sie den königlichen Erlass mit der zugehörigen Strafe für Ungehorsam rezitiert hatten, verkündeten sie: „Nun sind jüdische Männer da, die du über die Verwaltung der Landschaft Babel bestellt hast. Sadrach, Mesach und Abednego; diese Männer, o König, achten nicht auf dich. Deinen Göttern dienen sie nicht, und das goldene Bild, das du aufgerichtet hast, beten sie nicht an.“

Wenn die Anklage auch raffiniert und in ihrer Form darauf angelegt war, den Zorn des Königs zu erregen, so ist ihr Motiv doch sehr offensichtlich. Der Neid ist groß darauf angeschrieben. „Nun sind jüdische Männer da“ - Männer einer fremden Rasse, die zu einer feindlichen Nation gehörten, die als Gefangene hierhergeführt worden waren, und die du über das Haupt deiner eigenen ergebenen Untertanen erhöht hast – diese sind es, die sich dem königlichen Befehl widersetzt haben. Hass ist selten weniger verborgen, denn bevor sie sie dafür anklagten, dass sie das Bild des Königs nicht anbeteten, sagen sie: „Deinen Göttern dienen sie nicht.“ Der König wusste dies wohl von Daniel und hatte sie dennoch in ihre ehrenhafte Stellung gesetzt. Doch die Chaldäer konnten es nicht dulden, dass die Diener des wahren Gottes so erhöht wurden, und nun endlich war ihre Gelegenheit gekommen, die Feindschaft ihrer Herzen auszudrücken und in der nun vorgebrachten Anklage auszudrücken. Es war für Sadrach, Mesach und Abednego glücklich, dass keine andere Anklage gegen sie erhoben werden konnte, außer (wie später in dem Fall Daniels) betreffend das Gesetz ihres Gottes.

Obgleich jedoch ich die Art der Anklage durch Neid und Hass motiviert war, so war sie doch gut durchdacht, um das Bewusstsein Nebukadnezars zu reizen. Die Erwähnung seiner Beförderung der drei Juden würde, so könnte man vermuten, dem König sicherlich jenen ereignisreichen Tag in Erinnerung rufen, an dem Daniel sein Geheimnis und dessen Bedeutung enthüllt hatte, zusammen mit dem Bekenntnis, das Daniels Worte seinem Lippen abgerungen hatte. Doch selbst wenn es so war, war er in seinem „Zorn und Grimm“ auf die Männer, die es gewagt hatten, seinen absoluten und gebietenden Willen zu missachten, alles vergessen. Die Erkenntnis, die Gott Daniel mitgeteilt hatte, war dem Wunsch des Königs in gewisser Hinsicht dienlich gewesen. Jetzt hingegen durchkreuzte die Treue Gott gegenüber seinen Willen und lehrte ihn, dass es einige gab, die glaubten und auch nach diesem Glauben handelten, dass Gott – um es mit den Worten des Königs zu sagen – „der Gott der Götter und der Herr der Könige“ war. Dies war für den gefühlslosen und kränkbaren Monarchen nicht zu dulden, und er befahl, dass Sadrach, Mesach und Abednego herbeigebracht werden sollten. „Da wurden diese Männer vor den König gebracht.“

„Nebukadnezar hob an und sprach zu ihnen: Ist es Absicht, Sadrach, Mesach und Abednego, dass ihr meinen Göttern nicht dient und das goldene Bild nicht anbetet, das ich aufgerichtet habe? Nun, wenn ihr bereit seid, zur Zeit, wenn ihr den Klang des Horns, der Pfeife, der Zither, der Sambuke, der Laute und der Sackpfeife und aller Art von Musik hört, niederzufallen und das Bild anzubeten, das ich gemacht habe – wenn ihr es aber nicht anbetet, sollt ihr sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden; und wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird? Sadrach, Mesach und Abednego antworteten und sprachen zum König: Nebukadnezar, wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern“ (3,14–16).

Moralisch gesprochen war es eine überaus beeindruckende Szene. Auf der einen Seite stand Nebukadnezar, der mächtigste Herrscher, den die Welt je gesehen hatte, umgeben von all dem Prunk und der Herrlichkeit seines Hofes und Reiches. Auf der anderen Seite standen drei Männer eines verachteten Volkes, ungeachtet der Position, die sie zu dieser Zeit in der Regierung innehatten. Und die Frage, die sich stellt, ist: Wer ist der Herr über das menschliche Gewissen – Gott oder der Mensch? Nebukadnezar selbst brachte sie auf. Zuerst fragte er sie, ob die Anklage der Wahrheit entsprach; und es ist darauf hinzuweisen, dass sie über seinen eigenen Erlass hinausging, indem Nebukadnezar die zusätzliche Anklage übernimmt, die die Chaldäer vorgebracht hatten, nämlich dass sie nicht den Göttern des Königs dienten. Als nächstes gibt er ihnen eine weitere Gelegenheit, ihre Ergebenheit zu beweisen, wenn der Klang der Musik ein weiteres Mal ertönen würde. Wenn sie dann bereit wären, „niederzufallen, und das Bild anzubeten, das ich gemacht habe – wenn ihr es aber nicht anbetet, sollt ihr sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden“. Schließlich wagte er es, in seinem Zorn über alle Grenzen hinausgetrieben, in Frage zu stellen, ob irgendjemand ihm überlegen wäre, und behauptete damit seine eigene Allmächtigkeit, denn er fügte hinzu: „Und wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?“ Dies war in der Tat eine Kampfansage, und der nun beginnende Kampf fand zwischen Nebukadnezar und Gott statt.

Die unerschütterliche Treue Sadrachs, Mesachs, und Abednegos

Die ruhige und gedämpfte Antwort Sadrachs, Mesachs und Abednegos ist überragend im Vertrauen auf Gott und auf seine Macht, die sie atmet, und in dem ruhigen Mut, den sie in ihrer Erklärung ausdrückt, lieber alles zu wagen und zu erdulden, als ihrem Gott untreu zu sein:

„Sadrach, Mesach und Abednego antworteten und sprachen zum König: Nebukadnezar, wir halten es nicht für nötig, dir ein Wort darauf zu erwidern. Ob unser Gott, dem wir dienen, uns aus dem brennenden Feuerofen zu erretten vermag – und er wird uns aus deiner Hand, o König, erretten – oder ob nicht, es sei dir kund, o König, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Bild, das du aufgerichtet hast, nicht anbeten werden“ (3, 16–18).

So wie Weisheit, göttliche Weisheit, bei dem Überrest in dem vorherigen Kapitel gefunden werden konnte, so wird nun Treue, unerschütterliche Treue, gegenüber Gott vorgestellt. Gnade gab ihnen sowohl das eine als auch das andere, denn Gott hatte seine Diener benutzt, um durch sie seine eigene Weisheit und Macht sichtbar zu machen.

Doch diese Antwort der drei Kinder Judas an Nebukadnezar muss genauer betrachtet werden, um seine vollständige Bedeutung zu erfassen. Zunächst also erklärten sie, dass sie es nicht für nötig hielten, dem König in dieser Sache zu antworten. Dies bedeutet ohne Zweifel, dass wenn der König Gott herausforderte, Er allein es war, mit dem er es zu tun hatte, und dass sie völlig mit seinem Eingreifen rechneten, seine hochmütige und gotteslästerliche Behauptung zurechtzuweisen und seinen eigenen Namen und seine Erhabenheit zu verteidigen. Dann fuhren sie ruhig damit fort, ihren Glauben an die Macht ihres Gottes zu bekennen, sie zu befreien, wenn Nebukadnezar seine Drohung wahrmachen würde, sie in den Feuerofen zu werfen, sowie ihr Vertrauen darauf, dass Er sie aus seiner Hand erretten würde. Weiter fügten sie hinzu, dass wenn Er sie nicht befreien würde, ihr Beschluss feststand, dem Befehl des Königs nicht Folge zu leisten. Sie wussten, wem sie geglaubt hatten, und dass Er mächtig war, sie vor dem Zorn des Königs zu bewahren; doch wenn es sein Wille wäre, so waren sie bereit, als Märtyrer für seinen Namen zu sterben. Wie einmal jemand bemerkte: Ihr Glaube und ihr Gehorsam war genauso absolut wie der Wille des Königs.

Die Haltung von Sadrach, Mesach und Abednego beschreibt, wie bereits bemerkt, exakt die wahre Position des Gläubigen in Bezug auf die bestehenden Mächte. Überall im Neuen Testament wird eindringlich zu Unterwerfung unter sie ermahnt, und davon sollte der Weg des Christen inmitten der politischen Unruhen und Verwirrungen gekennzeichnet sein. Er sollte weder Fragen aufwerfen, noch die Rechtmäßigkeit eingesetzter Autoritäten beurteilen. Es ist ihm genug, dass sie in Macht sind, und er verfolgt in Frieden seinen Weg, während er den geforderten Gehorsam leistet. Doch wenn diese Autoritäten, seien sie nun Herrscher, Könige oder Richter, außerhalb ihres Bereiches treten, wie Nebukadnezar es tat, und durch ihren Willen das Wort Gottes ersetzen und diesen Willen den Gewissen ihrer Untertanen aufzwingen – wodurch sie sich faktisch auf den Platz Gottes stellen –, dann ist der Gläubige in völliger Treue zu Gott, wie diese drei Kinder der Gefangenschaft, gebunden, ungehorsam zu sein, koste es was es wolle. Die Grenze seines Gehorsams gegenüber Königen ist der Gehorsam Gott gegenüber. In dem Moment, in dem er aufgefordert wird, Gott durch die Einhaltung der Forderung eines Herrschers ungehorsam zu sein, muss er, wenn er ein gutes Gewissen vor Gott behalten möchte, die geforderte Unterwerfung verweigern, selbst um den Preis des Lebens. Dies war der Boden, der im Kampf zwischen Nebukadnezar und diesen drei Untertanen seines Reiches eingenommen wurde.

„Da wurde Nebukadnezar von Grimm erfüllt, und das Aussehen seines Angesichts veränderte sich gegen Sadrach, Mesach und Abednego. Er hob an und befahl, den Ofen siebenmal mehr zu heizen, als zur Heizung nötig war. Und er befahl Männern, den stärksten Männern in seinem Heer, Sadrach, Mesach und Abednego zu binden, um sie in den brennenden Feuerofen zu werfen“ (3,19–20).

Dies war für den Herrscher der Welt etwas völlig Neues. Er hatte absolute Autorität über alle Königreiche der Erde, und nun wurde ihm durch diese drei Juden radikal und öffentlich widerstanden – von Mitgliedern eines Volkes, das er erobert hatte? So etwas konnte auch nicht einen Moment lang toleriert werden. Und so wurde er „von Grimm erfüllt, und das Aussehen seines Angesichts veränderte sich gegen Sadrach, Mesach und Abednego“; und er „hob an und befahl, den Ofen siebenmal mehr zu heizen, als zur Heizung nötig war. Und er befahl Männern, den stärksten Männern in seinem Heer, Sadrach, Mesach und Abednego zu binden, um sie in den brennenden Feuerofen zu werfen.“

Es musste ein öffentliches Beispiel aus diesen Rebellen gegen den königlichen Befehl gemacht werden, und ein einprägsamer Eindruck auf alle Repräsentanten der Regierung erzeugt werden. In gewisser Weise kann man den Zorn dieses tyrannischen Herrschers verstehen. Er hatte ein Mittel entwickelt, um die Einheit zwischen den verschiedenen Völkern seines Reiches sicherzustellen, und es schien wahrscheinlich, dass es erfolgreich sein würde. Nicht eine Hand oder ein Fuß erhob sich gegen das Vorhaben, als plötzlich drei Juden, die bis dahin das besondere Wohlgefallen des Königs genossen, vor ihn gebracht und des Widerstands gegen seine Befehle angeklagt wurden.3 Sein kompletter Plan war somit gefährdet, und daher rührt der ungezügelte Zorn, mit der er befahl, die Rebellen der grausamsten Strafe auszusetzen, die nur irgend erdacht werden konnte.

Gottes Rettung der drei Freunde und ihre vorbildliche Bedeutung für den Überrest zukünftiger Tage

„Da wurden diese Männer in ihren Mänteln, Röcken und Mützen und ihren übrigen Kleidern gebunden und in den brennenden Feuerofen geworfen. Darum, weil das Wort des Königs streng und der Ofen außergewöhnlich geheizt war, tötete die Flamme des Feuers jene Männer, die Sadrach, Mesach und Abednego hinaufbrachten. Und diese drei Männer, Sadrach, Mesach und Abednego, fielen gebunden in den brennenden Feuerofen“ (3,21–23).

Seinem Befehl wurde sofort Folge geleistet, und „weil das Wort des Königs streng und der Ofen außergewöhnlich geheizt war, tötete die Flamme des Feuers jene Männer, die Sadrach, Mesach und Abednego hinaufbrachten“. Was war das menschliche Leben für diesen willensstarken, tobenden König? Doch Gott lehrte ihn durch genau diesen Kontrast, dass das, was für Gottes Feinde den Tod bedeutete, die nicht antasten kann, die unter seinem Schutz stehen (vgl. 2. Mo 14; Markus 16,18).

Sadrach, Mesach und Abednego fielen gebunden in den brennenden Feuerofen – und ihr Gewissen vor Gott wurde verteidigt, indem sie nicht verletzt wurden. Die Männer, die sie in den Ofen geworfen hatten, wurden von den lodernden Flammen überwältigt und getötet; doch sie selbst waren sogar inmitten des Ofens unverletzt. Ihr Gott war mächtig, sie zu erretten. Doch es gab noch etwas, was den König mit Erstaunen erfüllte:

„Da erschrak der König Nebukadnezar, und er stand schnell auf, hob an und sprach zu seinen Räten: Haben wir nicht drei Männer gebunden ins Feuer geworfen? Sie antworteten und sprachen zum König: Gewiss, o König! Er antwortete und sprach: Siehe, ich sehe vier Männer frei umhergehen mitten im Feuer, und keine Verletzung ist an ihnen; und das Aussehen des vierten gleicht einem Sohn der Götter“ (3,24–25).

Zwei Wunder beeindruckten den König: Die Tatsache, dass seine beabsichtigten Opfer frei und unverletzt waren, und die Gegenwart eines übernatürlichen Begleiters, dessen Gestalt nach seiner Beschreibung „einem Sohn der Götter“ glich.4 Nicht, dass er seine eigene Rede verstand, doch wir mögen schlussfolgern, dass der Geist Gottes, wie oft in der Schrift, ihn lenkte und dazu brachte, diese Wahrheit auszusprechen. Jesaja hatte, redend im Namen des HERRN, zu Israel gesagt: „Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir ... wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt werden; und die Flamme wird dich nicht verbrennen“ (Jes 43,2). Diese Verheißung wurde nun an diesem gläubigen Überrest erfüllt, wie es auch für den Überrest zukünftiger Tage der Fall sein wird, von denen diese drei Kinder ein Vorbild sind. Der Herr war mit seinen treuen Dienern in dem Ofen, um sie zu erhalten, zu trösten und vor Verletzung zu schützen. Direkt vor den Augen des Königs, der ihn unfähig und gottlos herausgefordert hatte, aus seiner Hand zu retten, verteidigt Er ihr Vertrauen auf Ihn und ihre Treue gegenüber seinem Namen. Hat Er uns nicht auch gesagt: „Ich will dich nicht versäumen und dich nicht verlassen; so dass wir kühn sagen können:,Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?¢“ (Heb 13,5.6).

Nebukadnezar hatte den Kampf provoziert, indem er den Gott Sadrachs, Mesachs und Abendnegos herausgefordert hatte. Gott griff ein, und stellte still seine Macht vor dem wütenden König zur Schau; und er wird besiegt! Er vergisst nun alles andere außer dem sich vor seinen Augen zutragenden Schauspiel und bekennt, sogar ungeachtet seiner öffentlichen Demütigung, seine Niederlage mit völlig veränderter Miene und Haltung:

„Da trat Nebukadnezar an die Öffnung des brennenden Feuerofens, hob an und sprach: Sadrach, Mesach und Abednego, ihr Knechte des höchsten Gottes, geht heraus und kommt her! Da gingen Sadrach, Mesach und Abednego aus dem Feuer heraus“ (3,26).

Es sollte bemerkt werden, dass niemand neben Nebukadnezar den göttlichen Begleiter von Sadrach, Mesach und Abednego sah. Seine Augen wurden für einen Moment geöffnet, um zu sehen, was natürlicherweise unsichtbar ist, damit er seine eigene Torheit darüber erkannte, mit dem Gott des Himmels in Konfliktgetreten zu sein. Was für eine Geduld und Langmut seitens Gottes angesichts der schwachen Gottlosigkeit seiner eigenen Geschöpfe! Glücklich ist es für den Menschen, ja für uns alle, dass Er es nie zulässt, dass seine Absichten durch unsere waghalsigen Anmaßungen und Widersetzungen durchkreuzt werden.

„Und die Satrapen, die Befehlshaber und die Statthalter und die Räte des Königs versammelten sich; sie sahen diese Männer, dass das Feuer keine Macht über ihre Leiber gehabt hatte: Das Haar ihres Hauptes war nicht versengt, und ihre Mäntel waren nicht verändert, und der Geruch des Feuers war nicht an sie gekommen“ (3,27).

Dem Befehl des Königs wurde nun Folge geleistet, und diese „Knechte des höchsten Gottes“ kamen heraus. Die Wahrheit ihrer Bewahrung – das gewirkte Wunder – wurde bezeugt durch die „Satrapen, die Befehlshaber und die Statthalter und die Räte des Königs“, die versammelt waren – wie es scheint, um die Realität dieser wunderbaren Bewahrung zu untersuchen. Und sie sahen „diese Männer, dass das Feuer keine Macht über ihre Leiber gehabt hatte: Das Haar ihres Hauptes war nicht versengt, und ihre Mäntel waren nicht verändert, und der Geruch des Feuers war nicht an sie gekommen“.

Die Befreiung war absolut und vollständig, denn dem Feuer wurde nur zugelassen, die Stricke zu verbrennen, mit denen sie gebunden worden waren: Schließlich waren sie, obwohl sie gebunden worden waren, frei in Begleitung ihres Erretters und Beschützers umherlaufen gesehen worden. Überwältigt von der gelieferten Evidenz, die nicht zu leugnen war, sagte Nebukadnezar, indem er seine eigene Unfähigkeit und seine Niederlage vor einem solchen Gott anerkannte:

„Nebukadnezar hob an und sprach: Gepriesen sei der Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, die auf ihn vertrauten und das Wort des Königs übertraten und ihre Leiber hingaben, um keinem Gott zu dienen oder ihn anzubeten, als nur ihrem Gott!“ (3,28).

Er erwies Gott damit Ehre, der seine Diener vor dem Zorn des Königs errettet hatte, und er rechtfertigte diese, die sich in Treue gegenüber „ihrem Gott“ geweigert hatten, das Bild anzubeten, dass er aufgerichtet hatte. Er machte darüber hinaus einen neuen Erlass:

„Und von mir wird Befehl gegeben, dass jedes Volk, jede Völkerschaft und Sprache – wer Unrechtes spricht gegen den Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos, in Stücke zerhauen werden soll und dass sein Haus zu einer Kotstätte gemacht werden soll; weil es keinen anderen Gott gibt, der auf solche Weise zu erretten vermag“ (3,29).

Noch eine weitere Sache wird aufgezeichnet:

„Darauf beförderte der König Sadrach, Mesach und Abednego in der Landschaft Babel“ (3,30).

Der gewährte Sieg war vollständig, denn Gott vereitelte nicht nur die Pläne des Königs, sondern auch die der neidischen und heimtückischen Feinde seiner Diener. Sie hatten die Zerstörung dieser treuen Männer im Sinn; doch das Ergebnis war ihre weitere Beförderung und Erhöhung.

Soweit die aufgezeichnete Geschichte. Doch ist dies nur Geschichte? Dies zu denken, würde das Hauptziel des Erzählers verfehlen. Diese Tatsachen fanden statt, doch sie wurden gewählt, um darzulegen, was in den letzten Tagen geschehen wird. Wie das erste heidnische Königreich götzendienerisch wurde, so wird es auch das letzte werden, wie wir aus Offenbarung 13 lernen können; und wie der gläubige Überrest Gottes der Gegenstand der Feindschaft und Verfolgung unter dem König von Babylon war, so wird es auch unter dem letzten Haupt des Römisches Reiches wieder sein (siehe Off 12,13–17; Off 13,6–8.15, usw.). Doch wie wir im selben Buch lesen, wird Daniels Volk, wie heiß auch der Ofen, in den sie zu dieser Zeit geworfen werden, „errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“ (12,1). Es mag Satan erlaubt werden, zu wüten und das Volk Gottes zu sichten, doch nicht ein Haar kann ohne die Erlaubnis Gottes von ihren Häuptern fallen. Die Geschichte von Sadrach, Mesach und Abednego ist daher voller Ermutigung – insbesondere für den gläubigen jüdischen Überrest in den letzten Tagen, aber auch für die Heiligen Gottes in jedem Zeitalter, wenn sie von dem Feuer der Verfolgung umgeben sind, wenn Satan als ein brüllender Löwe sucht, wen er verschlingen kann. Und die Lektion ist klar und deutlich: „Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt“ (1. Kor 10,13).

Fußnoten

  • 1 Die Schwierigkeiten in der Regierung Indiens, die den religiösen Unterschieden entspringen, illustrieren dies.
  • 2 Es ist häufig vorgeschlagen worden, dass das Bild aus seinem Traum die Vorlage für den Götzen lieferte. Es ist sicherlich bemerkenswert, dass das eine so dicht auf das andere folgte und dass er seinen Götzen aus Gold machte, wie der Kopf der Statue, die sein Königreich darstellte, aus Gold war. Es mag eine gedankliche Verknüpfung zwischen den beiden gegeben haben, doch das Erstaunliche ist, wie wir bereits gesehen haben, dass die Eindrücke, die er durch die Offenbarung seines Geheimnisses erhielt, und die Deutung, die Daniel ihm gegeben hatte, so schnell wieder erloschen waren. Dennoch wissen wir alle, wie schwankend die tiefsten Gefühle sind, wenn der Heilige Geist kein gutes Werk in der Seele vollbringt.
  • 3 Bezüglich der Abwesenheit Daniels bei dieser Szene wurden viele Überlegungen angestellt. Dass er seinen Glauben nicht aufgab, dass er genauso treu war wie seine Genossen, wird durch die darauffolgende Geschichte deutlich. Warum er in diesem Kapitel nicht auftaucht, wird nicht offenbart.
  • 4 Ob die Übersetzung übernommen wird, wie sie dort steht, oder als „Göttersohn“, so bleibt dennoch die Bedeutung dieselbe. Er erkannte an, dass jemand bei ihnen im Ofen war, der nicht sterblich ist.
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