Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Nach diesem allgemeinen Gemälde werden uns in geschichtlichen Begebenheiten die charakteristischen Züge dieser Reiche vorgeführt, welche den Zustand kennzeichnen, in den sie durch ihr Abweichen von Gott geraten. Zuerst und vor allem handelt es sich um Babylon.

In Kapitel 3 finden wir den ersten bezeichnenden Zug des Menschen, der mit der höchsten irdischen Macht bekleidet, dessen Herz aber fern von Gott ist, welche Entfernung gerade durch den Besitz der Macht nur noch vergrößert wird. Er will seinen eigenen Gott haben, der von dem Willen des Menschen abhängig ist, und zwar in diesem Falle abhängig von dem, der die höchste irdische Macht besitzt. Das ist die Weisheit des Menschen. Seine religiösen Triebe werden von der obersten Staatsgewalt aus befriedigt; die Einflüsse der Religion werden aufgeboten, um durch das stärkste Band alle Bewohner des Reiches ohne Unterschied zu einer einzigen zusammenhängenden Masse um das Haupt her zu verbinden, ohne dass dieses seine Autorität geltend zu machen scheint. Denn die religiösen Bedürfnisse des Menschen werden auf diese Weise mit seinem eigenen Willen in Verbindung gebracht und ohne dass er es weiß, ist sein Wille dem Mittelpunkt der Macht unterworfen. Andernfalls würde die Religion, die die mächtigste Triebfeder des Herzens bildet, zu einem auflösenden Element im Reiche werden. Doch der Wille des Menschen kann keinen wahren Gott zustande bringen; folglich verlässt Nebukadnezar Jehova, obgleich er bekannt hatte, dass keiner dem Gott der Juden gleich wäre, und macht sich selbst einen Gott. Die heidnische Regierung verwirft Gott, die Quelle ihrer Macht, und der wahre Gott wird nur noch durch einen treuen Überrest, der durch Leiden gehen muss, anerkannt. Das Reich verfällt dem Götzendienst.

Das ist der erste große Charakterzug, der die Herrschaft Babels kennzeichnete. Die Treue aber, die gegen dieses kluge System auftritt, durch welches die mächtigste Triebfeder des ganzen Volkes mit dem Willen des Hauptes verknüpft und das Volk selbst zur Anbetung um das, was das Haupt ihm darbietet, geschart wird - eine solche Treue tastet die Hauptquelle all dieses Tuns an. Das Götzenbild ist keineswegs Gott; so mächtig der Mensch auch sein mag, er kann keinen Gott schaffen. Der Mann des Glaubens, der, wie wir gesehen haben, dem König unterworfen ist, weil dieser seinen Platz von Gott erhalten hat, beugt sich nicht vor dem falschen Gott, den der König aufrichtet, wobei er den wahren Gott, der ihm seine Machtstellung gab und der durch den Mann des Glaubens noch anerkannt wird, verleugnet. Indessen liegt die Macht in des Königs Händen, und man soll wissen, dass sein Wille obenan steht.

Sadrach, Mesach und Abednego werden in den Feuerofen geworfen. Doch gerade in den Leiden Seines Volkes erscheint Gott am Ende als Gott. Er erlaubt, dass da, wo das Böse besteht, die Treue der Seinigen auf die Probe gestellt werde, damit sie da, wo Sein Wesen und Seine Macht sich völlig offenbaren - sei es nun auf dieser Erde oder in noch herrlicherer Weise im Himmel - in dem Genuss wahrer Glückseligkeit bei Ihm sein möchten.

Beachten wir, dass Glaube und Gehorsam ebenso bestimmt und unbedingt sind wie der Wille des Königs. Nichts könnte schöner und ruhiger sein als die Antwort der drei Gläubigen. Gott vermag zu erretten, und Er wird erretten, aber, mag geschehen, was da wolle, sie werden Ihn nicht verlassen. Der König fordert in seinem Grimm Gott heraus: „Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?“ Gott lässt ihn auf seinem Wege vorangehen. Die Folge seines ungestümen Zornes ist nur, dass die Vollstrecker seines Rachebefehls durch die Glut der Flammen, welche für die treuen Hebräer zugerüstet waren, umkommen. Letztere werden in den Ofen geworfen, und des Königs Wille ist (äußerlich wenigstens) erfüllt. Aber dies dient nur dazu, die Macht und Treue Gottes, der Sich sogar mitten in das Feuer begibt, um den Anteil, den Er an der Treue Seiner Knechte nimmt, an den Tag zu legen, in desto hellerem Lichte erscheinen zu lassen. Für Seine Knechte hat das Feuer nur die Wirkung, dass ihre Bande verzehrt werden und dass Der persönlich unter ihnen weilt, dessen Gestalt selbst dem König, der Seine allmächtige Kraft geleugnet hatte, wie die eines Göttersohnes erscheint. Die Folge ist, dass der ganzen Welt verboten wird, ein Wort wider den Gott der Juden, die Herrlichkeit jenes schwachen und gefangenen Volkes, zu sprechen.

Man beachte hier, dass Kennzeichen des Überrestes seine Treue und sein Gehorsam sind. Er beweist seine Treue darin, dass er keinen anderen Gott haben will, als nur den seinigen; er gibt in nichts nach, denn das hieße Ihn verleugnen. Denn nur der erkennt den wahren Gott an, der Ihn einzig und allein anerkennt. Die Wahrheit ist nichts anderes als die volle Offenbarung Seiner Selbst; sie kann daher auch nichts anderes anerkennen als sich selbst. Sie mit der Lüge auf eine Stufe stellen, würde heißen, sie sei nicht mehr die Wahrheit.

Wir sehen, wie bei dem Überrest drei unterscheidende Merkmale hervortreten: Sie verunreinigen sich nicht durch Teilnahme an dem, was die Welt bietet, der Speise des Königs; sie besitzen Verständnis über die Gedanken und Offenbarungen Gottes, sie sind treu, indem sie durchaus keinen anderen Gott als den ihrigen, welcher der wahre Gott ist, anerkennen wollen. Das erstgenannte Merkmal ist ihnen allen gemeinsam. Das zweite ist der Geist der Weissagung, dem hier Daniel zum Gefäß dient. Das dritte ist das Teil eines jeden Gläubigen, mag auch der Geist der Weissagung nicht vorhanden sein. Je näher wir der Macht der Welt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir, wenn wir anders treu sind, werden leiden müssen. Wir dürfen indes nicht vergessen, dass alles dieses mit der Stellung und den Grundsätzen der Juden in Verbindung steht.

Es ist ferner zu beachten, dass der Wille und die Macht des Heiden Gott in doppelter Weise anerkennt und auch vermittels zweier Dinge hierzu gebracht wird, welche beide Vorrechte sind, die der Überrest genießt. Das erste dieser Vorrechte ist, dass er die Gedanken Jehovas kennt und die Offenbarung Seiner Absichten und Ratschlüsse besitzt. Dies bringt den Heiden dahin, den Gott Daniels als den Gott der Götter und den Herrn der Könige anzuerkennen. Das ist Seine Stellung allem dem gegenüber, was über die Erde erhaben war. Im Himmel und auf Erden war Er der oberste Herrscher. - Das zweite Vorrecht ist, dass Gott an dem armen Überrest Seines Volkes Anteil nimmt, und dass Er die Macht besitzt, sie in der Drangsal, welche eine empörerische und götzendienerischen (daher von Gott abgefallene) Macht über ihn bringt, zu erretten. Dies hat zur Folge, dass Er anerkannt wird und dass Seine Treuen errettet und erhöht werden. Die erste Wirkung ist von allgemeinerer Natur und bezieht sich auf die Heiden: sie selbst erkennen Gott an. Die zweite bedeutet die Errettung für den jüdischen Überrest.

Die Herstellung religiöser Einheit in gemeinsamem Götzendienst sowie der Hochmut menschlicher Macht, das sind die Züge, die hier bei Babel hervortreten. Von dieser Torheit, die von Gott nichts weiß, wird der ganze von dieser Macht bestimmte Zeitraum, „sieben Zeiten“, ausgefüllt. Am Ende derselben erkennt der Heide für sich selbst den Höchsten an und rühmt und preist Ihn. Wir finden daher in diesem Kapitel, wie die heidnische Macht selbst zu Gott steht, nicht nur wie sie sich zu dem Gott und Volk der Juden verhält. Aus diesem Grunde trägt Gott in Kapitel 4 den Namen: „Der Höchste, der über das Königtum der Menschen herrscht“, in Kapitel 3 ist Er für das Herz des treuen Überrestes „unser Gott“, und die Welt, die Zeugin der Errettung, nennt Ihn „den Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos“.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht