Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Kapitel 7

Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Wir kommen jetzt zu den Mitteilungen, welche Daniel selbst gemacht werden. Dieselben enthalten nicht nur allgemeine Grundzüge, sondern auch Einzelheiten, die sich sowohl auf das Volk Gottes als auch auf die Nationen beziehen, welche jenes bedrückten. Es sind geschichtliche Einzelheiten, die aber im voraus in prophetischer Weise mitgeteilt werden.

Der Hauptgegenstand von Kapitel 7 ist die Geschichte des vierten Tieres oder der letzten Gestalt des Reiches der Nationen, welches mit Babel seinen Anfang nahm, die Geschichte der großen westlichen Macht, in welcher völlig zum Ausdruck kommen sollte, wie sich der Mensch, im Besitz der Macht, Gott und den Treuen gegenüber verhalten würde. Zugleich wird in der Deutung des Gesichts das Verhältnis jener Macht zu den Heiligen angegeben. Indes wird zur Einführung dieses vierten Tieres das, was ihm vorherging, kurz mitgeteilt. Vier Tiere steigen aus dem Meere oder den unruhigen Wogen der Völker herauf. Diese Mächte werden hier nicht als von Gott errichtet, sondern in ihrem rein geschichtlichen Charakter betrachtet. Wir haben gesehen, wie das Reich unmittelbar von Gott in der Person Nebukadnezars errichtet wurde. Hier aber werden sie uns - obwohl zwar jede bestehende Macht von Gott errichtet ist - von ihrer rein geschichtlichen Seite aus vor Augen gestellt. Die Tiere steigen aus dem Meere herauf. Der Prophet sieht sie zunächst alle auf einmal aus der Bewegung der Nationen emporkommen. Dieser Teil des Gesichtes enthält charakteristische Züge, doch ohne Zeitangabe.

In Vers 4 erblicken wir Babel zuerst in Macht, und dann, wie es dieser Macht beraubt und unterjocht wird. Der Körper eines Löwen mit Adlerflügeln - eine Stärke, die nach menschlichen Begriffen die edelste und kraftvollste war, sowie ein in höchster Höhe und größter Schnelligkeit über die Nationen dahinschwebender Flug; das waren die Charakterzüge dieser ersten Kraftäußerung des Menschengeistes, nachdem der Wille Gottes ihm das Reich der Welt anvertraut hatte.

Das zweite Tier fraß viel, besaß aber weder die Kraft noch den schnellen Flug des ersten; seine Wirksamkeit bestand mehr darin, sich andere Königreiche einzuverleiben, als selbst ein Reich zu gründen. Während sich anfänglich seine Stärke in zweifacher Gestalt offenbarte, richtete es sich nachher auf der einen Seite mehr auf als auf der anderen. Es ist gefräßig, aber verhältnismäßig unbeholfen; es ist das medo-persische Reich.

Von dem dritten Tiere sagt dieses Kapitel nur wenig. Leichtigkeit und Rührigkeit kennzeichnen es, und Herrschaft wurde ihm gegeben. Es ist das von Alexander dem Großen gegründete Reich.

Das vierte ist der Gegenstand eines besonderen Gesichtes.

Ich möchte hier beiläufig bemerken, dass das Kapitel in drei Gesichte zerfällt, auf welche dann die dem Propheten gegebene Deutung folgt. Das erste Gesicht umfasst alle vier Tiere zusammengenommen, wobei das Kennzeichnende der ersten drei in kurzen Umrissen angedeutet wird. Das zweite Gesicht enthält das das vierte Tier Betreffende, jedoch mit weit mehr Einzelheiten. In dem dritten Gesicht endlich sehen wir Einen wie eines Menschen Sohn vor dem Alten an Tagen erscheinen. Die einzelnen Gesichte beginnen je mit dem ersten, dem siebenten und dem dreizehnten Verse; der Rest des Kapitels (von Vers 15 an) wird durch die Deutung ausgefüllt.

Die Charakterzüge des vierten Tieres werden deutlich und klar beschrieben. Es ist sehr stark; es frisst und zermalmt, und was übrigbleibt, zertritt es mit seinen Füßen. Es ist von anderer Beschaffenheit als die vorhergehenden Königreiche. Es hat zehn Hörner, d. h. seine Kraft sollte in zehn verschiedene Mächte zerteilt werden. Stärke und eine Raubgier, die weder Schonung noch Achtung für irgend etwas kennt, sich alles entweder aneignet oder es gewissenlos mit Füßen zertritt, das ist es, was moralisch das vierte Tier kennzeichnet. Seine Teilung in zehn Königreiche verleiht ihm eine besondere Gestalt. Die gleichförmige Einfachheit der anderen Reiche fehlt ihm. Doch das ist nicht alles. Noch ein anderer, sehr in die Augen fallender und eigentümlicher Zug erregte die besondere Aufmerksamkeit des Propheten. Während er auf die Hörner Acht gab, sah er ein anderes kleines Horn zwischen ihnen emporsteigen, vor welchem drei der ersten abfielen; dieses Horn besaß den durchdringenden Verstand und die Einsicht eines Menschen, und seine Anmaßungen waren sehr groß. So werden uns mit wenigen Worten die Geschichte und der Charakter dieses kleinen Hornes mitgeteilt.

Inmitten der zehn Hörner erhebt sich also eine Macht, welche drei von ihnen niederwirft. Diese Macht besitzt einen klaren Blick und eine durchdringende Einsicht. Sie verfügt nicht nur über Stärke, sondern hat auch eigene Gedanken und Pläne, die noch auf andere Dinge gerichtet sind als nur auf die Befriedigung ihres Ehrgeizes und die Vermehrung ihrer Herrschaft. Es ist ein Tier, welches durch Beeinflussung der Gemüter wirkt, sich mit Kenntnis und Wissen beschäftigt und mit hochmütigen, vermessenen Ansprüchen auftritt. Es offenbart den Charakter innerer und (im Bösen) systematischer Einsicht und nicht nur die Stärke eines Eroberers. „An diesem Horne waren Augen wie Menschenaugen, und ein Mund, der große Dinge redete“ (V. 8).

Nachher werden Throne aufgestellt, und der Alte an Tagen setzt sich. Es ist eine Gerichtssitzung, und der Thron des Gerichts Jehovas erscheint vor unseren Blicken. Wo diese Sitzung stattfindet, wird nicht gesagt, in Ausführung kommt das Gericht aber auf der Erde. Die Worte des kleinen Horns geben Anlass zur Vollstreckung des Gerichts. Dasselbe trifft das Tier, es wird zerstört und sein Leib den Flammen übergeben. Was die anderen Tiere betraf, so war ihre Herrschaft weggenommen, aber Verlängerung des Lebens ihnen gegeben worden, das vierte verliert mit der Herrschaft auch das Leben. Die Gerichtsszene bildet einen Teil des Gesichts von dem vierten Tier und hat auch auf letzteres besonderen Bezug.

Vers 13 redet von einem neuen Gesicht. Einer wie eines Menschen Sohn wird zu dem Alten an Tagen gebracht und empfängt das Königtum und die allgemeine Herrschaft - die Regierung Jehovas wird dem Menschen in der Person Christi anvertraut und an die Stelle des Königreichs des Tieres gesetzt. Man beachte, dass es sich hier nicht um die Ausführung des bereits erwähnten Gerichts handelt, sondern um die Übernahme des irdischen Königreichs; denn die Regierung der Erde ist bei diesem allem der im Vordergrunde stehende Gegenstand.

In der Deutung des Gesichts sind zwei Teile zu unterscheiden. Die Verse 17 und 18 sind allgemeiner Natur, in den Versen 19-28 folgt dann hinsichtlich des vierten Tieres eine mehr ins einzelne gehende Beschreibung. In dem allgemeinen Teil wird erklärt, dass jene vier Tiere vier Könige oder Königreiche seien, die von der Erde aufstehen würden, dass aber die Heiligen der höchsten Örter das Königtum empfangen und es bis in Ewigkeit besitzen würden. Das sind die beiden großen Tatsachen, die in diesem geschichtlichen Bilde dargestellt werden: das irdische Reich und dasjenige der Heiligen der höchsten Örter (wobei das erstere sich aus vier Königreichen zusammensetzt). Dann werden uns einige Einzelheiten hinsichtlich des vierten derselben mitgeteilt. Man wird hier bemerken, dass in der Deutung noch etwas hinzugefügt wird, was in dem Gesicht, zu welchem die Deutung gehört, nicht enthalten war, und was unsere größte Aufmerksamkeit verdient, ich meine das, was hier betreffs der Heiligen gesagt wird. Indem Gott dem Propheten die Bedeutung des Gesichts mitteilte, konnte Er die Heiligen nicht übergehen. Schon in Vers 18 werden sie den Reichen der Erde gegenübergestellt. In dem Gesicht sahen wir diese Reiche nach ihrem öffentlichen oder äußeren Charakter auftreten. Hier dagegen berichtet uns der Geist Gottes, was es war, wodurch ihr Verhalten selbst für das Herz Gottes zu einem Gegenstand des Interesses wurde, welches Interesse Er dem Propheten gegenüber an den Tag legen wollte. Die Heiligen treten sofort hervor, jedoch in einer leidenden Stellung. Das Horn führt Krieg wider sie (V. 21). Das ist der erste Charakterzug des kleinen Horns, sobald von seinen Handlungen die Rede ist.

Indessen erfordern die Verse 21 und 22 noch einige weitere Bemerkungen. Das kleine Horn führt nicht nur Krieg wider die Heiligen, sondern besiegt sie auch bis zu einer gewissen Zeit, bis nämlich der Alte an Tagen kommt. An dieser Stelle wird uns noch etwas mehr mitgeteilt als die bloße Tatsache, dass Gott die Vermessenheit des Menschen richten wird. Unsere Gedanken werden nicht mehr auf die äußere Geschichte oder auf allgemeine Grundsätze gerichtet, sondern auf Erklärungen, die für die Heiligen bestimmt sind und die der Prophet für sie empfängt. Das Kommen des Alten an Tagen ist es, welches der Gewalt, die das kleine Horn über die Heiligen ausübt, ein Ende macht. Die Wirkung dieses gewaltigen, durch das Einschreiten Gottes herbeigeführten Wechsels tritt außerdem noch in anderen wichtigen Ereignissen ans Licht: erstlich wird den Heiligen der höchsten Örter das Gericht gegeben, und zweitens empfangen die Heiligen das Reich. Man beachte hier die besondere Bezeichnung: „Heilige der höchsten Örter.“ Das kleine Horn verfolgt die Heiligen auf Erden und besiegt sie, bis der Alte an Tagen kommt. Aber das Gericht wird nur den Heiligen der höchsten Örter gegeben. „Wisset ihr nicht“, sagt der Apostel, „dass die Heiligen die Welt richten werden?“ Nichtsdestoweniger dürfen wir nicht über das hinausgehen, was hier geschrieben steht. Es heißt nicht: „Der Versammlung wird das Gericht gegeben“; das ist ein Gedanke, der sich in diesen Stellen nicht findet. Es sind die Heiligen, welche mit Gott, dem Höchsten 1, im Himmel verbunden sind, während die Erde sich in den Händen derer befindet, die Ihn nicht anerkennen wollen, und während die Macht Seiner Regierung sich nicht darin offenbart, dass Er die Heiligen vor Leiden und vor der Bosheit der Gottlosen schützt. Dem Grundsatz nach findet dies seine Anwendung auf alle Zeiten seit dem Sündenfall, bis der Alte an Tagen kommt. Indessen zeichnet sich ein Zeitraum besonders durch diesen Geist der Empörung aus, und das ist der, wenn das kleine Horn im Besitz seiner Macht steht. Weiterhin wird noch eine andere Klasse von Personen erwähnt, nämlich: das Volk der Heiligen der höchsten Örter. „Ihm wird das Königreich gegeben.“ Doch sagt der Geist in diesem Falle nicht „das Gericht“.

So heißt es auch in Vers 22, wenn des Reiches Erwähnung geschieht, nicht: „Die Heiligen der höchsten Örter“, sondern einfach: „Die Heiligen nahmen das Reich in Besitz.“ Wir sehen hier also, wie das kleine Horn seine Macht gegen die Heiligen gebraucht und sie besiegt, bis der Alte an Tagen ihr ein Ende macht. Die Erde ist der Schauplatz, auf welchem alles dieses geschieht. In Begleitung des letztgenannten Ereignisses finden wir zwei andere, welche die Folge von jenem sind und der ganzen Welt ein anderes Ansehen geben. Das Gericht wird den himmlischen Heiligen und das Reich den Heiligen gegeben. Das erstere dieser zwei Ereignisse beschränkt sich auf die himmlischen Heiligen. Das zweite ist allgemeiner; die Heiligen auf der Erde nehmen ihrer Stellung gemäß teil daran, ohne dass die Heiligen im Himmel von einer ihrer Stellung entsprechenden Teilnahme ausgeschlossen wären.

Von Vers 23 an werden die Einzelheiten der Geschichte des kleinen Horns mitgeteilt. Das vierte Tier wird in allgemeinen Zügen geschildert. Alles wird von ihm verzehrt, zertreten und unterjocht. Es ist nicht nur ein in sich abgeschlossenes Reich von bestimmter Ausdehnung; nein, es verwüstet die ganze Erde, als ob es ein Recht dazu hätte. Dann sehen wir, wie zehn Königreiche innerhalb des Reiches entstehen und sich in seine Macht teilen. Das ist der äußere und allgemeine Charakter dieses Tieres. Wenn aber die zehn bereits bestehen, tritt noch eine weitere Macht auf, die anders geartet ist als die zehn, und erniedrigt drei derselben. Dieses kleine Horn redet gegen den Höchsten; es erhebt sich selbst in Worten, die gegen Ihn gerichtet sind. In seiner Bosheit vernichtet es die Heiligen, deren Herzen mit dem Gott des Himmels verbunden sind und die Seinen Namen und Seine Herrschergewalt auf Erden bekennen. Es trachtet danach, die religiösen Feste und die Gesetze zu ändern, und sie werden drei und ein halbes Jahr lang in seine Hand gegeben. Dieser letztere Umstand lässt recht deutlich den Unterdrücker der Juden erkennen. Ihr ganzes System wird in seine Hände gegeben. Diese drei Charakterzüge sind klar und bestimmt genug: das Horn redet gegen den Höchsten; es verfolgt diejenigen, welche den im Himmel wohnenden Gott anerkennen und deren Herzen sich dorthin wenden (vgl. Ps 11, 4); und es beseitigt alles das, was von dem Bestehen der irdischen Religion Zeugnis ablegt.

Ich wiederhole noch einmal, dass es sich hier durchaus nicht um die Versammlung handelt, es sei denn in solch allgemeinen Ausdrücken, die auf alle Heiligen, welche auf Erden lebten und nach oben blickten, ihre Anwendung finden müssen. Auch ist beachtenswert, dass nicht die Heiligen (wie man gedacht hat) in die Hand des kleinen Horns gegeben werden, sondern vielmehr die äußeren Formen der jüdischen Religion. Gott mag zum Wohle der Heiligen es wollen und zulassen, dass Verfolgung entsteht; aber nie wird Er Seine Heiligen ihren Feinden ausliefern. Das könnte Er nicht tun. Er kann die Seinigen nicht versäumen noch verlassen. Mit einem Worte: Abgesehen von den allgemeinen Grundsätzen, die sich auf den ganzen Verlauf der verschiedenen Zeitalter anwenden lassen, bezieht sich diese Weissagung, was Inhalt und Zweck ihrer Offenbarung betrifft, gleich dem ganzen übrigen Buche, auf die Erde, welcher die Versammlung nicht angehört, sowie auf die Juden, zu welchen die Regierung Gottes auf Erden in besonderer Beziehung steht.

Wenn man dies verstanden hat, so erhält man über die drei Züge, die das kleine Horn kennzeichnen, Klarheit. Es empört sich gegen den Höchsten. Es redet große Worte gegen Gott und gegen alle Heiligen, die sich im Geist über die Erde erheben, den höchsten Gott im Himmel anerkennen und von Seiner Hand Errettung erwarten, deren Herzen bei Ihm Zuflucht suchen, wenn die Erde sozusagen den Händen der Gottlosen übergeben ist. Alle diejenigen, die in dieser Weise dem Menschen gegenüber, der sich alle Rechte auf Erden anmaßt und mit dem Himmel nichts zu tun haben will, ein wahres Zeugnis aufrechterhalten, werden von ihm verfolgt. Und wenn schließlich die Juden ihre regelmäßigen Feste und Satzungen wieder eingerichtet haben, so zerstört die Tyrannei des kleinen Horns, die außer sich keine Macht bestehen lassen will, jede Spur dieser Satzungen; waren dieselben auch, weil im Unglauben hergestellt, wertlos, so legten sie doch Zeugnis davon ab, dass es einen Gott der Erde gab. Doch das Gericht setzt sich, um von all diesem hochmütigen Treiben Kenntnis zu nehmen. Die Herrschaft des kleinen Horns wird vernichtet und zerstört. Beachten wir hier, dass am Ende das kleine Horn tatsächlich die höchste Gewalt in Händen haben wird. Es ist seine Herrschaft, die zerstört wird. Nachher wird dann das Königtum und die Herrschaft unter dem ganzen Himmel „dem Volke der Heiligen der höchsten Örter“ gegeben. Es scheint mir, dass die Bedeutung dieses Ausdrucks, so auffallend er auch sein mag, doch klar genug ist. Der Höchste regiert, doch Er tut es in Verbindung mit einem System, welches die Tatsache offenbar werden lässt, dass „die Himmel herrschen“ (wie es betreffs dieses Gegenstandes Nebukadnezar gegenüber hieß). Der Mann der Erde möchte Herrscher sein und spricht dem Himmel Hohn; seine Absicht ist, die Erde der Regierung Dessen, der im Himmel wohnt, zu entreißen und sie unabhängig von Gott zu besitzen. Doch das Gericht bringt seine Torheit ans Licht, und der Höchste regiert auf ewig. Den Heiligen, die Ihm Ehre gegeben haben, wird Gericht und die Herrlichkeit gegeben, und das Volk, das ihnen auf Erden angehört, empfängt die oberste Gewalt und regiert. Dies sind die Juden. Im Grunde aber ist es Gott, der regiert.

Ich zweifle nicht daran, dass das an dieser Stelle vorkommende Wort „die höchsten (Örter)“ Veranlassung zu dem Ausdruck „himmlische Örter“ im Epheserbrief gegeben hat, obwohl letzterer Ausdruck, gemäß der Offenbarung, die dort zu finden ist, eine viel weitergehende Bedeutung besitzt. Denn hier handelt es sich nur um Regierung, im Epheserbrief dagegen um die Dinge, welche den himmlischen Örtern angehören oder dort anzutreffen sind. Diese Auseinanderhaltung lässt uns den Unterschied zwischen der Versammlung (oder selbst den Christen) und den Heiligen der höchsten Örter in Daniel 7 verstehen. Was die Christen kennzeichnet, ist dies, dass sie (im Geiste wenigstens) die Segnungen der himmlischen Örter genießen, indem sie in Christo dort sitzen und wider die geistlichen Mächte der Bosheit, die sich dort befinden, kämpfen. Hier dagegen handelt es sich um die Anerkennung der Regierung, welche den Himmeln und Dem, der dort herrscht, rechtmäßiger Weise zukommt, und zwar angesichts einer Macht, die dies leugnet und sich dem widersetzt, indem sie nicht willens ist, einer anderen Macht auf Erden Anerkennung zuteil werden zu lassen, als nur sich selbst. Mit anderen Worten: es handelt sich hier um Ereignisse der letzten Tage und um die Regierung der Erde. Haben wir dies einmal verstanden, so ist der Sinn der Prophezeiung klar und leicht verständlich. Anzuerkennen, dass das Recht der Regierung den himmlischen Örtern zukommt, oder im Genuss der diesen Örtern eigentümlichen Segnungen dort zu sitzen, sind zwei sehr verschiedene Dinge. In den Gedanken Gottes herrscht vollkommene Ordnung, und jeder Gegenstand hat seinen bestimmten Platz.

In Summa haben wir also außer einer allgemeinen Schilderung der vier Tiere gefunden, dass die westliche Macht unter zehn geteilt wird, und dass schließlich das Reich in die Hände des kleinen Horns übergeht, welches drei der zehn Hörner erniedrigt, gegen Gott im Himmel auftritt und die Heiligen verfolgt und besiegt, indem es durch seine Verfolgungen diejenigen, die sich mit dem Gott des Himmels eins machen, vernichtet und die ganzen jüdischen Satzungen abschafft, endlich aber selbst zerstört wird. Diese Beseitigung des jüdischen Systems währt drei und ein halbes Jahr oder 1260 Tage. Indessen bezieht sich diese Zeitbestimmung nur auf den letzterwähnten Umstand; alles übrige sind charakteristische Züge ohne Zeitangabe.

Die Regierung der Erde, die zuvor dem Menschen in der Person Nebukadnezars übergeben worden war, wird nicht wieder - wie das in Jerusalem der Fall gewesen - in Gestalt eines rein irdischen Thrones aufgerichtet. In der Zwischenzeit, angesichts der Empörung der irdischen Macht gegen den höchsten Gott, haben die Heiligen einen Charakter angenommen, der aus der Tatsache hervorgeht, dass sie zum Himmel und zu Dem emporblicken, der dort regiert, indem Gott hinsichtlich Seiner Regierung der Erde den Namen „Gott des Himmels“ angenommen hat. Sie erscheinen also in einer neuen Stellung, die man wohl verstehen wird, wenn man bedenkt, dass Gott Jerusalem verlassen hatte.

Die Heiligen der höchsten Örter empfangen das Königtum, während (nach dem Gericht des empörerischen Horns) das irdische Volk die Herrschaft unter dem ganzen Himmel in Besitz nimmt, und zwar in Abhängigkeit von denen, welche im Himmel sitzen. Es sind demnach hier drei wichtige Punkte in Verbindung mit dem Tun Gottes deutlich erkennbar: Erstlich wird der irdische Thron in Jerusalem verlassen und der Thron der Nationen durch Anordnung Gottes, des Gottes des Himmels, errichtet; diese Macht aus den Nationen empört sich jedoch gegen Ihn, der ihr Gewalt gegeben hatte. Zweitens tragen die Heiligen das unterscheidende Merkmal, dass sie den Gott anerkennen, welchen die irdische Macht leugnet; sie gehören den Himmeln an, wo Gott nunmehr Seinen Platz und Seinen Thron hat, da Er nicht länger auf Erden zu Jerusalem wohnt. Drittens sehen wir dann, wie das Gericht an der aufrührerischen Macht vollstreckt wird und wie jenen Heiligen der höchsten Örter das Gericht gegeben und, in Verbindung mit ihnen, das irdische Volk in den Besitz des Königtums unter den Himmeln eingesetzt wird. Dies ist die Herrschaft des Gottes des Himmels, die nicht vergehen wird. In Verbindung hiermit wird Dem, der vor allem das Königtum empfängt, ein besonderer Charakter verliehen. Es ist jetzt nicht der Messias, der als König in Zion anerkannt ist, sondern „Einer, wie eines Menschen Sohn“, ein Titel von weit größerer und umfassenderer Bedeutung. Dieselbe Veränderung finden wir zwischen dem zweiten und achten Psalm 2. Doch dies ist noch nicht alles; denn wenn die Dinge sich erfüllen, so sehen wir, dass es der Alte an Tagen Selbst ist, welcher kommt und der Macht, die die Heiligen bedrängte, ein Ende bereitet - dass Christus (wie dies die Psalmen und auch die Evangelien so ausführlich zeigen) Jehova ist.

Wir haben hier also das große Gemälde von der Regierung des Menschen vor Augen (welche sich am Ende völlig ihrem eigentlichen Wesen nach offenbaren wird) sowie die Beseitigung derselben durch die Regierung Gottes, welche den Treuen, vor allem aber dem Sohne des Menschen Selbst und Seinem Volk hienieden die Herrschaft verleiht.

Fußnoten

  • 1 Gott hat vier Namen angenommen, um durch dieselben Sein Verhältnis zu den Menschenkindern auszudrücken: 1. „Der Allmächtige“ (1. Mo 17) den Patriarchen gegenüber; 2. „Jehova“ Israel gegenüber (2. Mo 6), 3. „Vater“ den Christen gegenüber (Joh 17), und 4. „der Höchste“ im Tausendjährigen Reich (1. Mo 14) und hier bei Daniel. Vergleiche Psalm 90. Der Name „Vater“ verändert die ganze Stellung, indem derselbe uns mit Christus, dem Sohn, in welchem der Vater offenbart ist, in Verbindung bringt. Dies tritt besonders im Johannes-Evangelium hervor.
  • 2 Hervorgerufen durch die Verwerfung des Messias.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht