Das Buch Daniel

Daniel 7

Die vier Tiere

Das siebte Kapitel bildet die Einleitung des zweiten Abschnitts des Buches Daniel. In diesem Abschnitt finden wir nicht mehr die Deutung von Träumen und Botschaften, die heidnischen Königen gegeben wurden, sondern Offenbarungen und Deutungen von Gesichten, die Daniel selbst gegeben wurden.

Wie wir gesehen haben, behandelt das gesamte Buch die Zeiten der Nationen. In Bezug auf diesen Zeitabschnitt werden uns zwei große Themen vorgestellt: Erstens finden wir in Daniel 1–6 das Versagen der Nationen in ihrer Verantwortung, die Welt in der Furcht Gottes zu regieren, was in Abfall und Gericht endet. Zweitens zeigen uns die Kapitel 7–12 die Umstände der Juden während dieser Zeit. So werden uns auch hier wieder die vier großen heidnischen Weltreiche vor Augen geführt, doch nun in ihrer Beziehung zu dem jüdischen Volk und ihrem Umgang mit diesem, nicht nur der Nation als Ganzes, sondern auch des gottesfürchtigen Überrestes des Volkes. Wir werden lernen, dass Gott, auch wenn Er sein Volk züchtigt, sich immer einen Überrest als Zeugnis für sich selbst bewahrt und seine Absicht, das Volk segensreich unter der Herrschaft Christi wiederherzustellen, nie aufgibt.

Das siebte Kapitel stellt uns erneut die vier großen heidnischen Weltreiche vor – nicht in ihrer Erscheinung vor den Menschen als eindrucksvolles Abbild, sondern aus der Sicht Gottes und daher in Form von Tieren dargestellt.

Das Kapitel beinhaltet drei verschiedene Gesichte und deren Deutungen:

  1. Erstens finden wir in den Versen 1–6 das Gesicht der vier Tiere mit Einzelheiten über die ersten drei Tiere.
  2. Zweitens wird uns in den Versen 7–12 das Gesicht beschrieben, das eine detaillierte Beschreibung des vierten Tieres gibt.
  3. Drittens beinhalten die Verse 13–14 das Gesicht der Herrschaft des Menschensohnes.
  4. Viertens wird uns in den Versen 15–28 die Deutung dieser Gesichte vorgestellt.

Das erste Gesicht (Verse 1–5)

„Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, sah Daniel einen Traum und Gesichte seines Hauptes auf seinem Lager. Dann schrieb er den Traum auf, die Summe der Sache berichtete er“ (7,1).

Es ist bemerkt worden, dass die Prophezeiungen Daniels insofern anders sind als alle anderen Prophezeiungen des Alten Testamentes, als dass sie nicht direkt an das Volk Gottes gerichtet sind. Während der Zeit der Gefangenschaft werden die Juden nicht länger öffentlich als das Volk Gottes anerkannt. Daher richten sich sämtliche Botschaften Gottes nicht an sie, sondern an Daniel persönlich. Dennoch lesen wir, dass Daniel „den Traum auf[schrieb]“ und „die Summe der Sache berichtete“. So sind diese Gesichte, die die Zukunft der Welt offenlegen, zur Belehrung des Volkes Gottes zu allen Zeiten aufgezeichnet.

Daniel hob an und sprach: Ich schaute in meinem Gesicht in der Nacht: Und siehe, die vier Winde des Himmels brachen los auf das große Meer“ (7,2).

In seinem Gesicht sieht Daniel, wie das große Meer von den vier Winden des Himmels aufgewühlt wird. Das Meer wird in der prophetischen Schrift genutzt, um „Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen“ darzustellen (Off 17,15). Die vier Winde des Himmels scheinen anzudeuten, dass es in jedem Teil der Erde ein von Gott vorgesehenes Handeln gibt, das der Welt erlaubt, in einen Zustand der Selbstherrschaft und der Auflehnung zu fallen.

Und vier große Tiere stiegen aus dem Meer herauf, eins verschieden vom anderen“ (7,3).

Aus diesem aufgewühlten Meer steigen nacheinander vier voneinander unterschiedliche Tiere heraus. Aus der folgenden Deutung scheint es naheliegend, dass diese vier Tiere einen anderen Aspekt der vier großen Weltreiche repräsentieren, die bereits in dem Traum Nebukadnezars dargestellt worden waren. In dem Gesicht des Standbildes wurden diese Weltreiche als beeindruckende, aber vergängliche Mächte aus der Sicht des Menschen vorgestellt. Hier werden dieselben Weltreiche in einer Form dargestellt, die ihre fortschreitende moralische Verschlechterung aus der Sicht Gottes zum Ausdruck bringt. Grausamkeit, Egoismus und Habgier ohne die Anerkennung oder Erkenntnis Gottes kennzeichnen das Tier – und dies sind auch die ernsten Eigenschaften der Weltreiche während der Zeiten der Nationen, bis die Herrschaft Christi aufgerichtet ist.

„Das erste war gleich einem Löwen und hatte Adlerflügel; ich schaute, bis seine Flügel ausgerissen wurden und es von der Erde aufgehoben und wie ein Mensch auf seine Füße gestellt und ihm ein Menschenherz gegeben wurde“ (7,4).

Das erste Tier war „gleich einem Löwen und hatte Adlerflügel“. Andere Schriftstellen führen zu der Schlussfolgerung, dass dieses erste Tier Babylon, das erste Weltreich, darstellt. In Jeremia 4,7 bezieht sich der Prophet mit der Figur eines Löwen auf Babylon. In Hesekiel 18 wird Babylon mit einem Adler in Verbindung gebracht. In Jeremia 49,19.22 werden beide Figuren wieder benutzt, um Babylon in seiner Macht und Herrlichkeit sowie die Schnelligkeit seiner Eroberungen darzustellen.

Weiter sieht der Prophet eine bemerkenswerte Veränderung bei dem Tier. Die Flügel wurden ausgerissen und das Tier stand auf seinen Füßen wie ein Mensch, und ihm wurde ein menschliches Herz gegeben. Die ausgerissen Flügel scheinen darauf hinzuweisen, dass die raschen Eroberungen des Reiches aufhören würden. Ein Löwe, der wie ein Mensch auf seinen Füßen steht und das Herz eines Menschen hat, hat weder Erhabenheit noch Stärke. Dies zeigt offenbar das, was tatsächlich passierte, als Babylon seiner Erhabenheit als Weltmacht beraubt und eine bloße dem Persischen Weltreich unterworfene Provinz wurde.

„Und siehe, ein anderes, zweites Tier, glich einem Bären; und es richtete sich auf einer Seite auf, und es hatte drei Rippen in seinem Maul zwischen seinen Zähnen; und man sprach zu ihm so: Steh auf, friss viel Fleisch!“ (7,5).

Das zweite Tier „glich einem Bären; und es richtete sich auf einer Seite auf“, und es hatte drei Rippen in seinem Maul. Dies bildet sicherlich das Medo-Persische Reich vor, das das babylonische Weltreich besiegte. Es war aus zwei Völkern zusammengesetzt, wobei das Persische Volk über das der Meder erhaben war. Wir wissen, dass es Darius, der Meder, war, der Babylon eroberte, obwohl kurze Zeit später Kores, der Perser, die vorherrschende Macht im Reich wurde. Die drei Rippen im Maul deuten möglicherweise auf den räuberischen Charakter des Reiches hin, das andere Völker ohne Erbarmen verschlang.

„Nach diesem schaute ich, und siehe, ein anderes, gleich einem Leoparden; und es hatte vier Vogelflügel auf seinem Rücken; und das Tier hatte vier Köpfe, und Herrschaft wurde ihm gegeben“ (7,6).

Das dritte Tier war „gleich einem Leoparden“, aber mit vier Vogelflügeln und vier Köpfen. Diese Figuren stellen auf anschauliche Weise den Charakter und die Geschichte des griechischen Weltreiches dar. Die vier Flügel könnten passend die Heftigkeit und die Schnelligkeit der Eroberungen Alexanders beschreiben, durch den das griechische Weltreich die Vorherrschaft erlangte. Die vier Köpfe scheinen auf die vier Königreiche hinzudeuten, in die das Reich nach dem Tod Alexanders schließlich verteilt wurde.

Das zweite Gesicht (Verse 7–10)

Nach diesem schaute ich in Gesichten der Nacht: Und siehe, ein viertes Tier, schrecklich und furchtbar und sehr stark, und es hatte große, eiserne Zähne; es fraß und zermalmte, und das Übriggebliebene zertrat es mit seinen Füßen; und es war verschieden von allen Tieren, die vor ihm gewesen waren, und es hatte zehn Hörner“ (7,7).

Das vierte Tier, das größtenteils prophetisch für Ereignisse steht, die noch auf ihre Erfüllung warten, ist von so großer Bedeutung, dass Daniel in einem zweiten Gesicht weitere Einzelheiten darüber offenbart werden. Es gibt in der Natur nichts, womit dieses Tier verglichen werden könnte. Es wird absichtlich als ein übernatürliches Ungeheuer dargestellt, das beim Betrachter Angst und Schrecken auslöst. Es hatte große, eiserne Zähne; es fraß und zermalmte, und was es nicht verschlang, das zertrat es mit seinen Füßen. Es unterschied sich von all den anderen Tieren und hatte zehn Hörner.

Es würden wahrscheinlich alle zustimmen, dass dieses Tier ein Bild des Römischen Reiches ist, das von seiner überwältigenden Stärke und dem Schrecken gekennzeichnet ist, den es bei den Völkern der Erde auslöste. In seiner unaufhaltsamen Eroberungsmacht und Ausbreitung brachte es andere Völker unter seine Herrschaft, während die, die ihre Unterwerfung verweigerten, vernichtet wurden.

„Während ich auf die Hörner Acht gab, siehe, da stieg ein anderes, kleines Horn zwischen ihnen empor, und drei von den ersten Hörnern wurden vor ihm ausgerissen; und siehe, an diesem Horn waren Augen wie Menschenaugen und ein Mund, der große Dinge redete“ (7,8).

Die Wichtigkeit dieses Weltreiches liegt, im Unterschied zu den ersten drei Weltreichen, in der Tatsache, dass es das Weltreich ist, das in den letzten Tagen der Zeiten der Nationen existieren und mit Christus und seinem Volk in Verbindung treten wird. Daher ist es die Herrschermacht, die direkt gerichtet und vom Königreich Christi beiseitegesetzt werden wird. Dieses Weltreich wird somit in der nahen Zukunft der Welt noch eine große Rolle spielen. Dieser zukünftige Aspekt des römischen Reiches wird uns in dem Teil des Gesichtes vorgestellt, der von den zehn Hörnern und dem kleinen Horn spricht. Dieses kleine Horn hatte Menschenaugen und einen Mund, der große Dinge redete.

Die Deutung wird uns weitere Einzelheiten über diese zehn Hörner und das kleine Horn geben. An dieser Stelle reicht es zu bemerken, dass diese zehn Hörner uns ganz klar in die Zukunft führen, wenn das Römische Reich in Form von zehn Königreichen unter einem Oberhaupt wiederauferstehen wird (vgl. Off 13,1; 17,12).

„Ich schaute, bis Throne aufgestellt wurden und ein Alter an Tagen sich setzte: Sein Gewand war weiß wie Schnee und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle, sein Thron Feuerflammen, dessen Räder ein loderndes Feuer. Ein Strom von Feuer floss und ging von ihm aus; tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht setzte sich, und Bücher wurden geöffnet“ (7,9.10).

Das zweite Gesicht, das das vierte Tier beschreibt, sagt auch das Gericht des Tieres vorher. Daniel sieht ein Gesicht des ewigen Gottes, des Alten an Tagen, der auf dem Thron des Gerichts sitzt. Wir wissen, dass der Alte an Tagen Christus ist – eine göttliche Person, und gleichzeitig der Sohn des Menschen. Im ersten Kapitel der Offenbarung wird Er als der Richter mit all den Eigenschaften vorgestellt, die den Alten an Tagen im Buch Daniel kennzeichnen. Darüber hinaus sieht Daniel nicht nur den Thron des Alten an Tagen, sondern auch andere Throne, die „aufgestellt wurden“. Diese Throne beziehen sich offenbar auf die Throne der Heiligen, die in diesem Gericht der lebenden Völker mit Christus vereint sein werden. In der Offenbarung werden diese nochmals erwähnt, als der Apostel Johannes sagt: „Und ich sah Throne, und sie saßen darauf, und es wurde ihnen gegeben, Gericht zu halten“ (Off 20,4; 1. Kor 6,2).

Der Thron ist umgeben von Tausenden von Engelwesen. Die Ausführung des Gerichts ist eine der Funktionen der Engel. Der Abschnitt in Matthäus 25, der das Gericht über die lebenden Völker beschreibt, beginnt mit der Vorstellung des Sohnes des Menschen, der seinen Thron der Herrlichkeit einnimmt, „und alle Engel mit ihm“ (Mt 25,31).

„Dann schaute ich wegen der Stimme der großen Worte, die das Horn redete: Ich schaute, bis das Tier getötet und sein Leib zerstört und dem Brand des Feuers übergeben wurde“ (7,11).

Hier befasst sich das Gericht insbesondere mit dem Umgang mit dem kleinen Horn und dem Tier, über das es herrschte. Der unmittelbare Anlass des Gerichtes ist die „Stimme der großen Worte, die das Horn redete“. Die gotteslästerliche Missachtung Gottes, die das letzte Oberhaupt des wiederauferstandenen Römischen Reiches kennzeichnen wird, wird ein schnelles und überwältigendes Gericht über sich und sein Reich bringen. Es ist gut, zu bemerken, dass das Gericht, von dem Daniel spricht, nicht das schlussendliche Gericht des großen weißen Thrones ist, wenn die Toten auferstehen und gerichtet werden. Daniel spricht von dem Gericht der lebenden Völker, das der Herrschaft Christi vorausgehen wird, jedoch stärker im Zusammenhang mit dem Römischen Reich und seinem Oberhaupt gesehen.

„Und was die übrigen Tiere betrifft: Ihre Herrschaft wurde weggenommen, aber Verlängerung des Lebens wurde ihnen gegeben bis auf Zeit und Stunde“ (7,12).

Das vierte Tier kommt unter das direkte Gericht Gottes. Den ersten drei Tieren wurde ihr Herrschaftsgebiet genommen. Sie verloren ihre weltweite Macht, jedoch nicht durch direktes Gericht, sondern auf eine von Gott geführte Weise. Nichtsdestotrotz wurden ihre Leben bis auf Zeit und Stunde verlängert. Obwohl sie ihre vorherrschende Stellung verloren, existieren sie als Völker noch immer, wie schwach sie auch geworden sein mögen.

Das dritte Gesicht (Verse 13 und 14)

Ich schaute in Gesichten der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor ihn gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird“ (7,13.14).

Das Gericht über die Tiere ebnet den Weg für die Aufrichtung des Königreiches Christi. Dieses herrliche Ereignis wird von einem dritten Gesicht vorhergesagt, in dem Daniel einen wie eines Menschen Sohn sieht, der mit den Wolken des Himmels kommt. Als Mensch empfängt Er von Gott, dem Alten an Tagen, sein Königreich. Sein Herrschaftsgebiet ist weltweit und umfasst „alle Völker, Völkerschaften und Sprachen“. Seine Herrschaft wird ewig andauern. Sie wird nicht, wie andere Königreiche, vergehen. Sie wird niemals zerstört werden.

Die Deutung der Gesichte (Verse 15–28)

„Mir, Daniel, wurde mein Geist in mir tief ergriffen, und die Gesichte meines Hauptes ängstigten mich“ (7,15).

Die unmittelbare Wirkung dieser Gesichte war die Bekümmerung und Beunruhigung des Geistes Daniels. Es muss in den drei Gesichten viel gegeben haben, was Daniel nicht verstehen konnte, doch zumindest erkannte er, dass sie eine Zeit der Prüfung und des Leidens für sein geliebtes Volk voraussagten.

„Ich trat zu einem der Dastehenden, um von ihm Gewissheit über dies alles zu erbitten. Und er sagte mir, dass er mir die Deutung der Sache kundtun wolle“ (7,16).

Ohne göttliche Erklärungen ist Daniel nicht eher in der Lage, seine eigenen Träume zu deuten, als die der heidnischen Könige. So tritt er zu „einem der Dastehenden, um von ihm Gewissheit über dies alles zu erbitten“. Uns wird nicht klar gesagt, wer die „Dastehenden“ waren. Wahrscheinlich bezieht es sich auf die Engel, die in dem Gesicht vor dem Alten an Tagen standen. Derjenige, an den Daniel sich wendet, hat offensichtlich Einsicht in die Gedanken Gottes und ist wie die Engelwesen in der Offenbarung bevollmächtigt, „die Deutung der Sache“ kundzutun, die in dem Gesicht zu sehen war.

In der folgenden Deutung ist wichtig zu bemerken, was einmal jemand sagte: „Wir finden immer, sei es in Prophezeiungen oder in Gleichnissen, dass die Erklärung über das hinaus geht, was die ursprüngliche Aussage beinhaltete.“ So ist es auch in diesem Abschnitt: Die Gesichte stellen uns den Charakter und die Geschichte der vier Weltreiche vor; die Deutung zeigt die Verbindung dieser Weltmächte zum Volk Gottes. So werden die Heiligen im Verlauf der Erklärung fünfmal erwähnt (7,18.21.22.25.27).

„Diese großen Tiere, es sind vier: Vier Könige werden von der Erde aufstehen“ (7,17).

Zunächst wird Daniel gesagt, dass diese vier Tiere vier Könige sind, die von der Erde aufstehen werden. Ein wenig später erfahren wir, dass das vierte Tier „ein viertes Königreich ... auf der Erde sein“ wird (7,23). Es werden also offensichtlich „Könige“ benutzt, um Königreiche zu repräsentieren. Wir können uns daher nicht dabei irren, wenn wir diese vier Tiere als vier große Monarchien darstellend betrachten. In dem Gesicht stehen sie aus dem Meer heraus auf – hier stehen sie von der Erde auf. Das Gesicht beschreibt ihren von Gott geführten politischen Ursprung, die Deutung ihren moralischen Ursprung. Der Vorsehung nach stehen sie in einer Zeit des politischen Umbruchs auf. Moralisch gesehen sind sie irdisch, im Gegensatz zum Königreich des Sohnes des Menschen, der von Himmel her kommt.

„Aber die Heiligen der höchsten Örter werden das Reich empfangen und werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten“ (7,18).

Dann wird Daniel – zu seinem und unserem Trost – über das endgültige Ende der Zeiten der Nationen in Bezug auf das Volk Gottes aufgeklärt. Diese Monarchien mögen das Volk Gottes bekämpfen und Gott lästern, „aber“ das Ende wird der Triumph des Volkes Gottes sein, denn „die Heiligen der höchsten Örter werden das Reich empfangen und werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten“.

Wir mögen uns fragen: Wer sind die Heiligen der höchsten Örter? Es gibt solche, die wie die Tiere und ihre Untertanen moralisch von der Erde sind, und es gibt das Volk Gottes, das den Gott des Himmels besitzt und daher in Verbindung mit himmlischen (oder hohen) Örtern steht. Im dritten Gesicht ist es der Sohn des Menschen, der mit den Wolken des Himmels kommt, und Ihm wird das Königreich gegeben, das nie vergehen wird. Hier lernen wir die weitergehende Wahrheit, dass das Volk Gottes aus allen Zeitaltern, also all die, die durch die Weltgeschichte hindurch mit dem Himmel in Verbindung standen, mit dem Sohn des Menschen seine wunderbare Herrschaft teilen wird. Auf dieses große Ereignis schaute Henoch, als er prophetisch sagte: „Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende“ (Jud 14).

„Darauf begehrte ich Gewissheit über das vierte Tier, das von allen anderen verschieden war – sehr schrecklich, dessen Zähne aus Eisen und dessen Klauen aus Erz waren, das fraß, zermalmte und das Übriggebliebene mit seinen Füßen zertrat – und über die zehn Hörner auf seinem Kopf und über das andere Horn, das emporstieg und vor dem drei abfielen; und das Horn hatte Augen und einen Mund, der große Dinge redete, und sein Aussehen war größer als das seiner Genossen. Ich sah, wie dieses Horn Krieg gegen die Heiligen führte und sie besiegte, bis der Alte an Tagen kam und das Gericht den Heiligen der höchsten Örter gegeben wurde und die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich in Besitz nahmen“ (7,19–22).

Dann fragt Daniel bezüglich des vierten Tieres genauer nach. Er wiederholt das Gesicht, jedoch mit zusätzlichen Details, denn nun bezieht er sich auf die Heiligen und berichtet uns, wie er beobachtete, dass der durch das kleine Horn Dargestellte die Heiligen verfolgte und für eine begrenzte Zeit zugelassen wurde, dass er sie besiegte, denn sein Sieg über die Heiligen war, „bis der Alte an Tagen kam“. Danach übten die Heiligen Gericht über die, die sie besiegt hatten.

Er sprach so: Das vierte Tier: Ein viertes Königreich wird auf der Erde sein, das von allen Königreichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde verzehren und sie zertreten und sie zermalmen“ (7,23).

Als Antwort auf die Fragen Daniels erklärt der Engel das Gesicht des vierten Tieres. Uns wird deutlich gesagt, dass es „ein viertes Königreich ... auf der Erde“ darstellt. Wir wissen, dass dies das Römische Reich war. Es war „von allen Königreichen verschieden“, indem es eine Regierungsform annahm, die Hoheitsgewalt mit Demokratie vereinte, was bereits in dem Eisen und Ton des Standbildes vorgeschattet wurde. In seinem fast weltumfassenden Herrschaftsgebiet kann gut davon gesprochen werden, dass es „die ganze Erde“ verzehrte. Durch Zertreten und Zermalmen unterdrückte es die Völker und vernichtete die, die ihre Unterwerfung verweigerten. So haben wir ein Bild des Römischen Reiches in den Tagen seiner unberührten Macht.

„Und die zehn Hörner: Aus jenem Königreich werden zehn Könige aufstehen; und ein anderer wird nach ihnen aufstehen, und dieser wird verschieden sein von den vorigen und wird drei Könige erniedrigen“ (7,24).

Die Einzelheiten in Vers 23 blicken auf Ereignisse, die in den Tagen Daniels noch zukünftig waren. Heute wissen wir, dass sie sich Wort für Wort erfüllt haben. In den folgenden Einzelheiten werden wir mitgenommen zu Ereignissen, die noch zukünftig sind. Der Engel sagt: „Und die zehn Hörner: Aus jenem Königreich werden zehn Könige aufstehen.“ Es ist unmöglich, die Schlussfolgerung zu verneinen, dass sich dies auf die letzte Phase des Römischen Reiches bezieht, wenn es – wie in Offenbarung 17 klar beschrieben – in Form von zehn unter einem kaiserlichen Oberhaupt zusammengefassten Königreichen wiederauferstehen wird.

Dann wird uns die Bedeutung des kleinen Horns aus den Versen 8, 20 und 21 mitgeteilt. Ein anderer König wird nach den zehn Königen auferstehen, verschieden von diesen, und er wird drei Könige unterdrücken. Er unterscheidet sich insofern von den zehn Königen, dass diese verschiedene Königreiche repräsentieren, dieser König jedoch eine besondere Macht darstellt, die inmitten der zehn Königreiche aufsteht und sein Herrschaftsgebiet erlangt, indem er drei dieser Könige unterdrückt. Es ist „seine Herrschaft“, die schließlich gerichtet werden wird (7,26), und daher scheint es schlüssig, dass das kleine Horn, während es drei der Könige unterdrückt, Macht über das gesamte Reich erlangt.

Das Bild, das über die letzte Phase des Römischen Reiches gegeben wird, ist zweifellos eines von sieben Königreichen, die vereint mit den drei unterdrückten Königreichen unter einer kaiserlichen Macht stehen – dem kleinen Horn. Wenn man diesen Teil der Schrift im Zusammenhang mit den Einzelheiten liest, die uns in Offenbarung 13,1–8 und Offenbarung 17,1 gegeben werden, können wir nur schlussfolgern, dass das kleine Horn in diesem Kapitel das wiederauferstandene Oberhaupt des Römischen Reiches ist, der uns im Buch der Offenbarung auf so eindrückliche Weise vorgestellt wird.

„Und er wird Worte reden gegen den Höchsten und die Heiligen der höchsten Örter vernichten; und er wird darauf sinnen, Zeiten und Gesetz zu ändern, und sie werden eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit in seine Hand gegeben werden“ (7,25).

Vier Dinge werden uns über diesen schrecklichen Mann deutlich vorhergesagt. Erstens wird er „Worte reden gegen den Höchsten“. Er wird nicht nur, wie jeder natürliche Mensch, mit Gott in Feindschaft stehen, sondern er wird mit dreister Respektlosigkeit Gott öffentlich trotzen (vgl. Off 13,5). Zweitens wird er die Heiligen der höchsten Örter verfolgen, die Gott in den hohen (oder himmlischen) Örtern besitzen (vgl. Off 13,7). Drittens wird er „darauf sinnen, Zeiten und Gesetz zu ändern“. Er wird nicht nur die Heiligen vernichten, sondern danach trachten, die Zeiten und Gesetze von Gottes irdischem Volk, den Juden, zu verändern, die zu dieser Zeit in das Land zurückgekehrt sein werden. Viertens wird uns mitgeteilt, dass ihm gewährt werden wird, eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit lang Erfolg zu haben, d. h. für eine Periode von dreieinhalb Jahren (vgl. Off 13,5).

„Aber das Gericht wird sich setzen; und man wird seine Herrschaft wegnehmen, um sie zu vernichten und zu zerstören bis zum Ende“ (7,26).

Es wird nicht zugelassen werden, dass seine Gotteslästerung und Verfolgung der Heiligen weiter fortgesetzt wird. Am Ende der ihm gewährten Zeit wird er von Gericht überfallen werden. Seine Herrschaft wird weggenommen und gänzlich bis zum Ende vernichtet und zerstört werden. Bis zum Ende der Zeit wird es nicht wiederauferstehen.

„Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Herrschaften werden ihm dienen und gehorchen“ (7,27).

Nach dem Gericht über das Tier und sein Königreich werden alle Königreiche der Erde unter der Herrschaft des Volkes der Heiligen der höchsten Örter – Gottes irdischem Volk, den Juden – vergehen. Dann werden durch das Volk Gottes alle Völker der Erde dazu gebracht werden, Ihm zu dienen und Ihn anzubeten, dessen Königreich ein ewiges Königreich ist.

„Bis hierher das Ende der Sache. Mich, Daniel, ängstigten meine Gedanken sehr, und meine Gesichtsfarbe veränderte sich an mir; und ich bewahrte die Sache in meinem Herzen“ (7,28).

Daniel wurde es gewährt, weit in die Zukunft zu blicken und das Volk Gottes in einem weltweiten und ewigen Königreich unter der Herrschaft des höchsten Gottes wiederhergestellt zu sehen. Nichtsdestotrotz ängstigten ihn seine Gedanken und seine Gesichtsfarbe veränderte sich, als er an die Fluten der Leiden und Prüfungen denkt, die es durchstehen muss, ehe sie das Königreich erreichen. Dennoch bewahrte er die Sache in seinem Herzen. Auch für das Volk Gottes ist es gut, zu allen Zeiten hinter die lange dunkle Nacht zu blicken und im Herzen den kommenden Tag herbeizusehnen.

Denn der König der Könige kommt,
schon ist Morgenröte da;
und die Wächter in den Bergen
rufen laut: Der Tag ist nah!

Original:
For the King of kings is coming,
And the dawn is in the sky,
And the watchers on the mountains
Proclaim the day is nigh.

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