Das Buch Daniel

Daniel 1

Der treue Überrest

Im ersten Kapitel von Daniel wird uns gestattet, den Charakter der Männer zu betrachten, denen Gott den Verlauf der Zeiten der Nationen vorhergesagt und denen Er Einsicht in seine Gedanken über sein Volk während der Zeit seiner Bedrängnis und Gefangenschaft gegeben hat.

„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es. Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand, und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; und er brachte sie in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes: Die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes“ (1,1.2).

Als Einleitung des Buches beschreiben die ersten beiden Verse kurz die Zerstörung Israels und die daraus folgende Übertragung der Weltherrschaft – repräsentiert durch königliche Macht – von dem König von Juda auf den König von Babel. Diese ernste Handlung wird deutlich als das Handeln Gottes beschrieben, denn wir lesen: „Der Herr gab Jojakim, den König von Juda“ in die Hand Nebukadnezars.

Nicht nur der König von Juda wurde in die Knechtschaft geführt, sondern Gott verließ Jerusalem als den Sitz seiner Regierung und Verehrung so völlig, dass dieselben Geräte, die zu seiner Verehrung benutzt wurden, in die Hand dieses heidnischen Königs gegeben wurden. Unmittelbar darauf sehen wir den Charakter dieses heidnischen Königs, denn wir lesen: „Die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes.“ Er hatte kein wahres Verständnis der Furcht Gottes und keinen Sinn für den heiligen Charakter dieser Geräte. Dies gibt uns eine Vorahnung auf den gottlosen Charakter der heidnischen Machthaber während der Zeiten der Nationen.

Das Volk Israel und die Könige von Juda waren wieder und wieder davor gewarnt worden, dass ihre bösen und götzendienerischen Wege die züchtigende Hand Gottes über sie bringen würden. Den unbeachteten Warnungen folgte die definitive Ankündigung des Propheten Jesaja, dass das Gericht hereinbrechen würde. So gelangt die Botschaft an König Hiskia: „Siehe, es kommen Tage, da alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter aufgehäuft haben bis auf diesen Tag, nach Babel weggebracht werden wird“ (Jes 39,6). Trotz dieser Botschaft nahm die Bosheit zu und erreichte ihren Höhepunkt in der Regierung des Sohnes Hiskias, des bösen Manasse, der das Volk dazu verleitete, „... mehr Böses zu tun als die Nationen, die der HERR vor den Kindern Israel vertilgt hatte“ (2. Kön 21,9). Unter der Regierung Jojakims wurde das Wort Gottes durch Jesaja schließlich erfüllt. Die Herrschaft wurde von den Juden auf die Heiden übertragen, und fortan sind die Juden den Heiden unterworfen, bis die Zeiten der Nationen durch die Einführung der Herrschaft Christi erfüllt sind.

Nichtsdestotrotz lernen wir aus diesem Kapitel, dass, obwohl das Volk Israel in Unterwerfung unter die Heiden gebracht wird, Gott sich noch einen gottesfürchtigen Überrest aufrechterhält, der Gott treu ist und von Ihm unterstützt wird. Die gnadenvollen Wege Gottes mit diesem Überrest beweisen deutlich: Wie sehr Gott sein Volk wegen seiner Untreue auch züchtigen muss – es bleibt noch immer Gegenstand seiner Fürsorge, auch wenn es aufgehört hat, Werkzeug seiner direkten Regierung der Welt zu sein.

Weiterhin findet sich in diesem treuen Überrest das Verständnis über die Wege Gottes; und Gott benutzt seine Anhänger als individuelle Zeugnisse für sich selbst, obwohl die Nation als Ganzes als Zeugnis Gottes völlig versagt hat. Darüber hinaus sehen wir, dass aufseiten dieses Überrestes Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und Absonderung von dem beschmutzenden Einfluss Babels die notwendigen moralischen Voraussetzungen waren, um Botschaften vom Herrn zu empfangen und zu verstehen, die Unterstützung Gottes zu genießen und in jeder Weise als Zeugnis für Gott benutzt zu werden.

„Und der König befahl Aschpenas, dem Obersten seiner Hofbeamten, dass er von den Kindern Israel, sowohl vom königlichen Geschlecht als auch von den Vornehmen, Jünglinge brächte, an denen keinerlei Fehl wäre und die schön von Aussehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt und tüchtig wären, im Palast des Königs zu stehen, und dass man sie die Schriften und die Sprache der Chaldäer lehre. Und der König bestimmte ihnen für jeden Tag eine Tagesration von der Tafelkost des Königs und von dem Wein, den er trank, und dass man sie drei Jahre lang erzöge; und an deren Ende sollten sie vor dem König stehen. Und unter ihnen waren von den Kindern Juda: Daniel, Hananja, Misael und Asarja. Und der Oberste der Hofbeamten gab ihnen Namen; und er nannte Daniel Beltsazar, und Hananja Sadrach, und Misael Mesach, und Asarja Abednego“ (1,3–7).

Auf diesen treuen Überrest werden wir durch die Bemühungen des Königs von Babel aufmerksam gemacht, der das Volk Gottes für seine eigenen Ziele benutzte. Er suchte seinen Hof mit den Anführern des Volkes Gottes zu schmücken – dem königlichen Geschlecht, den Vornehmen und solchen, die schön von Aussehen und von Weisheit, Einsicht und Wissen gekennzeichnet waren. Doch während die religiöse Welt danach trachtet, das Volk Gottes zu ihrer eigenen Ehre zu benutzen, kann sie dessen Gott, Gehorsam seinem Wort gegenüber oder Absonderung von ihrem eigenen Bösen nicht ertragen. Daher würde die Welt gern alle Anzeichen der Verbindung des Volkes mit dem wahren Gott auslöschen. Zu diesem Zweck mussten die Anhänger Gottes, wenn sie ihren Platz am Königshof einnehmen sollten, in der Weisheit der Welt unterrichtet werden und an den Genüssen der Welt und ihren Anrechten teilhaben. Heutzutage ist das nicht anders. Die, die für einen Platz als religiöse Anführer in der babylonischen Verfälschung des Christentums bestimmt sind, müssen in den religiösen Schulen dieser Welt und wie damals in den Schriften und der Sprache der Chaldäer unterwiesen werden. Sie müssen von den Ressourcen, die die Welt bietet, profitieren – einer Tagesration „von der Tafelkost des Königs“. Und schließlich müssen sie solche Titel und Ränge, wie die Welt sie geben kann, akzeptieren.

In Verbindung mit dem Plan des Königs werden vier Männer der Kinder Juda besonders erwähnt. Die Namen, die ihnen gegeben wurden, sind vermutlich mit den Göttern Babels verbunden (siehe 4,8). Um sich ihrer Umwelt anzupassen, sollten diese Männer in den Lehren der Chaldäer unterwiesen werden, ihre Zungen sollten die chaldäische Sprache sprechen, ihre Körper mit den Leckereien des Königs gespeist und ihre Namen in die heidnischer Götter verändert werden.

Im Austausch für den Verlust ihrer Nationalität wurde diesen Gefangenen eine höchst verlockende Perspektive in einem fremden Land in Aussicht gestellt. Sie sollen freien Zugang zu der besten Unterweisung des Landes haben, ihre täglichen Bedürfnisse sollen mit der feinsten Versorgung der Tafelkost des Königs gestillt werden und am Ende sollen sie eine hochrangige Position im Königspalast haben.

„Und Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen; und er erbat sich vom Obersten der Hofbeamten, dass er sich nicht verunreinigen müsse. Und Gott gab Daniel Gnade und Barmherzigkeit vor dem Obersten der Hofbeamten. Und der Oberste der Hofbeamten sprach zu Daniel: Ich fürchte meinen Herrn, den König, der eure Speise und euer Getränk bestimmt hat; denn warum sollte er sehen, dass eure Angesichter verfallener wären als die der Jünglinge eures Alters, so dass ihr meinen Kopf beim König verwirktet? Und Daniel sprach zu dem Aufseher, den der Oberste der Hofbeamten über Daniel, Hananja, Misael und Asarja bestellt hatte: Versuche es doch mit deinen Knechten zehn Tage, und man gebe uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken; und dann mögen unser Aussehen und das Aussehen der Jünglinge, die die Tafelkost des Königs essen, von dir geprüft werden; und tu mit deinen Knechten nach dem, was du sehen wirst. Und er hörte auf sie in dieser Sache und versuchte es zehn Tage mit ihnen. Und am Ende der zehn Tage zeigte sich ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als das aller Jünglinge, die die Tafelkost des Königs aßen. Da tat der Aufseher ihre Tafelkost und den Wein, den sie trinken sollten, weg und gab ihnen Gemüse. Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume“ (1,8–17).

Dennoch gab es in der Anordnung des Königs ernste Schwierigkeiten für gottesfürchtige Männer. Den Plan des Königs auf dessen Weise auszuführen, hätte Ungehorsam gegenüber dem Wort Gottes beinhaltet. An den Köstlichkeiten des Königs teilzuhaben, hätte bedeutet, Dinge zu essen, die einem Israeliten durch das Gesetz verboten waren. Daher wurde die verlockende Aussicht eine schwere Probe für ihren Glauben. Die Prüfung lautete: Werden sie Gottes direkten Anordnungen um des weltlichen Aufstiegs willen ungehorsam sein oder werden sie dem Wort Gottes treu bleiben, wie auch immer die Konsequenzen aussehen mögen?

Viele plausible Argumente hätten dafür angeführt werden können, sich dem Vorschlag des Königs bedingungslos zu unterwerfen. Das zweckmäßige Denken würde vorbringen, dass die Erhebung von Einspruch gegen den Vorschlag wahrscheinlich alle ihre Perspektiven ruiniert hätte. Es hätte nicht nur ihre, für ihre Brüder nützliche Karriere beendet, sondern hätte womöglich auch den anderen geschadet und die Schwierigkeiten der Gefangenen noch vermehrt. Der Verstand würde vorbringen, dass der einzig richtige Kurs der ist, sich dem König völlig zu unterwerfen, da sie ja durch eine Handlung Gottes in die Hand des Königs von Babel gebracht worden waren. Ansonsten würden sie gegen das rebellieren, was Gott zugelassen hatte. Ein Kompromiss hätte vorgeschlagen, dass die Anweisung, bestimmte Lebensmittel nicht zu essen – solange sie nicht das Bekenntnis zu ihrem Gott aufgeben –, unter den gegebenen Umständen vernachlässigt werden kann. Solche Anweisungen gelten sicherlich nur für ein freies Volk in seinem eigenen Land; aber jetzt, wo sie in einem fremden Land in Gefangenschaft sind, wäre es da nicht reiner Skrupel, auf die strenge Einhaltung jedes Buchstabens des Gesetzes zu bestehen?

Wenn solche Argumente verwendet wurden, trugen sie für die gottesfürchtigen Männer kein Gewicht. Die Prüfung machte nur ihren treuen Charakter offenbar. Sie weigerten sich, durch bloßen Anstand oder Vorschriften menschlicher Vernunft geleitet zu werden, und gingen keinen Kompromiss ein. Sie vergaßen nicht, dass sie trotz des Versagens Israels, und obwohl sie unter der Züchtigung Gottes litten, noch immer das Volk des wahren Gottes waren, dem sie ungeteilte Treue schuldeten. Sie waren mit Recht bereit, sich dem heidnischen König zu unterwerfen, aber sie würden dem Wort ihres Gottes nicht untreu sein.

Das Geheimnis der Stärke Daniels war, dass sein Herz vor Gott rechtschaffend war, denn wir lesen: „Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen.“ Dennoch handelte er mit großer Einsicht, denn er bat den Obersten, „dass er sich nicht verunreinigen müsse“, ohne den Mann jedoch zu reizen oder zu verärgern, indem er ihm sagt, dass er sich in seinem Herzen bereits vorgenommen hatte, „sich nicht ... zu verunreinigen“.

Der Oberste erklärte die Schwierigkeit und die Gefahr, die mit der Bitte Daniels verbunden ist. Sofort schlug Daniel einen zehntägigen Test einer Ernährung vor, die mit dem Gesetz in Übereinstimmung war. Dieser Vorschlag ist ein eindrucksvoller Beweis des Glaubens Daniels an den lebendigen Gott. Das Ergebnis beweist, dass sein Glaube nicht vergeblich war. Während sie dem Wort Gottes gehorsam waren, wurden diese gottesfürchtigen Männer am Ende des Tests in einer besseren körperlichen Verfassung erfunden als die, die das Fleisch von der Tafelkost des Königs gegessen hatten. Somit wurde Daniels Bitte gewährt.

Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, Glaube an den lebendigen Gott und Absonderung von den Befleckungen Babels sind die hervorstechenden Merkmale dieser gottgefälligen Männer. Solche haben Verständnis für die Gedanken Gottes, denn wir lesen: „Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume.“ Es ist wahr, dass Gott sie in die Hand des Königs von Babel gegeben hatte, doch dies hinderte Ihn nicht daran, denen Einsicht in seine Gedanken und Absichten zu geben, die Ihm treu waren.

„Und am Ende der Tage, nach denen der König sie zu bringen befohlen hatte, brachte sie der Oberste der Hofbeamten vor Nebukadnezar. Und der König redete mit ihnen; und unter ihnen allen wurde keiner gefunden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja; und sie standen vor dem König. Und in allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, die der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen, die in seinem ganzen Königreich waren. Und Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kores“ (1,18–21).

Als Ergebnis wurden diese glaubensvollen Männer Zeugen für Gott, denn wir lesen, dass sie „vor dem König“ standen. Gott war seinem eigenen Wort treu: „Denn die, die mich ehren, werde ich ehren“ (1. Sam 2,30). So kam es, dass der König diese treuen Männer in allen Sachen der Weisheit und Einsicht den Männern der Welt zehnmal überlegen erfand.

Diese Dinge wurden sicherlich zu unserer Belehrung und Ermutigung aufgezeichnet. Wie sehr auch immer die Haushaltungen wechseln und sich die Umstände ändern, die großen moralischen Prinzipien Gottes für die Führung seines Volkes bleiben dieselben. Wie damals Israel, hat die Versammlung als Zeugnis für Gott während der Abwesenheit Christi gänzlich versagt. Infolge dieses Versagens ist die bekennende Kirche in den Banden religiöser Korruption gefangen, die Gott mit Babylon verknüpft.

Doch noch einmal, das Wort lässt klar erkennen: Egal wie groß das Versagen ist, Gott wird treue Einzelne – Überwinder – haben, deren Glauben wieder und wieder schwer erprobt werden wird. Wenn sie jedoch trotzdem in ihrem Herzen beabsichtigen, Gottes Wort zu gehorchen, im Glauben an Gott und in Absonderung von den Befleckungen der Verdorbenheit um sie herum zu leben, werden sie die Gedanken Gottes verstehen und von Gott als Zeugnisse für Ihn selbst geehrt werden.

Was gibt es für ein größeres Privileg, als eins mit den Gedanken Gottes zu sein und in jeder Hinsicht ein Zeugnis für Gott inmitten einer verdorbenen Christenheit zu sein, deren Himmel sich von den Zeichen seines kommenden Gerichts verdunkelt?

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